Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Gebirge Teil 4: “Ziellauf” 05.05.2013

Im Laufe der Nacht wird es richtig knackig kalt. In der zweiten Nachthälfte kommt die Kälte unangenehm in den Schlafsack gekrochen, so dass der verstärkte Kragen um den Hals kaum noch ausreicht ein Eindringen in die kleine innere Welt aus Wärme zu verhindern. Ich habe mich längst komplett mit dem Kopf nach innen verzogen. Nur eine minimale Öffnung sorgt für eine ausreichende Luftzufuhr. Es ist vier Uhr als der Wecker unbarmherzig seine Arbeit tut. Da man in diesen Höhen sowieso nicht gut schläft bin ich recht schnell wach und mir ist sofort klar dass nun einer der unangenehmsten Augenblicke des neuen Tages direkt vor mir liegt. Ich muss den Schlafsack verlassen. Das erfordert eine Überwindung des inneren Schweinehunds.  Mir gelingt dies indem ich mich daran erinnere was außerhalb des Zeltes auf mich wartet. Dabei schießt soviel Adrenalin durch meinen Körper das ich meine Glieder bewegen und mühsam den Reisverschluss aufziehen kann. Doch wie ergeht es meiner Freundin Juliana? Wir sind inzwischen auf 4700 m Höhe und sie bekommt ihren an brasilianische Temperaturen gewöhnten Körper schon seid drei Tagen nicht mehr richtig warm, obwohl sie dasselbe  Schlafsackmodell benutzt als ich. Wir wissen, dass wir uns wahrscheinlich heute für einige Zeit trennen werden. Deshalb haben wir beschlossen, an diesem Morgen den Sonnenaufgang gemeinsam zu erleben. Ich sehe wie sie sich langsam bewegt und nach einiger Zeit tapfer den Schlafsack öffnet. Das Thermometer zeigt  knappe zehn Grad unter Null. Die Außenwand des Zeltes ist mit einer Raureifdecke überzogen. Mein erster Blick, als ich aus unserer Behausung krieche, gilt dem Himmel. Mit Erleichterung blicke ich direkt auf unzählige Sterne die über den Silhouetten der uns umgebenden Berggipfel leuchten. Es ist noch finstere Nacht, doch das wird sich schon sehr bald ändern. Eingehüllt in alles was uns an Kleidung zur Verfügung steht steigen wir eine Anhöhe hinauf.  Direkt vor uns erheben sich über siebentausend Meter hohe Berge und davor blicken wir auf einen riesigen Gletscher dessen zerklüftete Formen auch im Nachtdunkel zu erahnen sind. Der Mond ist nur eine schmale Sichel. In der klaren Luft der Berge den Beginn eines neuen Tages zu beobachten gehört für mich zum Schönsten, was man als Naturfreund draußen in den Elementen erleben kann. Zuerst bekommt der Himmel an der Stelle wo später die Sonne aufgehen wird einen dunkelblauen Schimmer. Dieser wird dann von Minute zu Minute heller und ist eine der spannendsten Lichtquellen welche man sich als Fotograf wünschen kann. Die Belichtungszeiten befinden sich zu Anfang noch im Bereich von mehreren Sekunden. Das ist aber kein Problem, da ich mit dem Stativ arbeite. Es ermöglicht mir mit diesem zwar schwachen, aber farblich so faszinierendem Licht fotografieren zu können.

Als die ersten Sonnenstrahlen die höchsten Gipfel mit einem zarten goldenen Schleier überziehen ist es soweit. Dies ist der Moment in dem ich einen lang gehegten Plan in die Tat umsetzen möchte. Vor einem Jahr habe ich Juliana bei einer Fotoreise im brasilianischen Regenwald kennengelernt. Seither haben wir eine so harmonische und wunderbare Beziehung gelebt, das ich mir schon nach einigen Monaten klar darüber war, das Sie die große Liebe meines Lebens ist. Jetzt ist sie sogar im Hochgebirge an meiner Seite. Besonders die vergangenen Tage, nachdem wir Ghunsa verlassen haben, hat sie sich nochmals selber übertroffen. Sie hat sich weder von Höhe, Kälte noch Geröllfeldern und steilen Abgründen abhalten lassen mich bis hierher zu begleiten. Wird es jemals einem besseren Ort geben als Ihr hier die EINE Frage zu stellen? Da es weder in der Liebe noch sonst irgendwo im Leben absolute Sicherheiten gibt, habe ich ihre Hand in die meine genommen, ihr ganz tief in die Augen geblickt und es gewagt sie zu fragen ob sie mir die Freude zuteil werden lässt sie heiraten zu dürfen.

Unser Freund Rolf meinte später es müsse wohl an der Höhenkrankheit gelegen haben das sie mir mit einem klaren JA geantwortet hat. Zu meinem Glück hat sie aber auch später in der schwülen Tropenhitze ihrer Heimat ihre Meinung nicht geändert. Jetzt freuen wir uns darauf das Leben mit all seinen Abenteuern und Prüfungen gemeinsam meistern zu können.

Später am Morgen hat die Sonne jegliche Erinnerung an die frostige Nachtluft weggeschmolzen und wir bereiten unsere weiteren Schritte vor. Es ist noch ein Tagesmarsch bis zum Basislager des „Kanchenjunga“ dem Endpunkt unserer Wanderung. Dieser liegt auf fünftausendeinhundert Metern und  soll es mir ermöglichen den dritthöchsten Berg der Welt zu fotografieren. Doch  für meine Liebste ist hier der Zeitpunkt zum umkehren gekommen. Die Höhe bereitet ihr keine Probleme aber dafür umso mehr die Kälte in der Nacht. Den Körper nicht mehr richtig warm zu bekommen ist kein schöner Zustand.

Niemand in der Gruppe hätte ihr zu Beginn der Reise zugetraut so weit nach Oben zu gelangen. Es ist keine Schande seine Grenzen zu erkennen und diese zu respektieren. Dies ist ein Ratschlag den ich übrigens Jedem geben kann der sich in die Wildnis begibt. Erreicht man ein Stadium in dem sich Unbehagen regt, sollte man tunlichst vermeiden dieses zu überhören. Damit meine ich nicht, dass man nicht mal körperlich an seine Grenzen gehen kann, oder diese auch überschreiten. Man sollte sich aber immer gewahr sein zu was der eigene Körper in der Lage ist, besonders wenn er dem Bewusstsein Angstsignale sendet. Wenn ich das Gefühl habe das Eis ist zu dünn, dann begebe ich mich nicht unnötig in Gefahr und suche mir entweder einen anderen Weg oder breche ab. Vielleicht ist dies einer der Gründe der mir half in den letzten fünfundzwanzig Jahren immer an einem Stück von einer Reise heimzukehren. Ein besonderes Anliegen ist es mir natürlich das auch Juliana wieder gesund nach Hause kommt. Nicht auszudenken was wäre wenn ihr hier etwas Schlimmes zustoßen würde. Dass die Sache nicht ungefährlich ist haben wir von einer anderen Reisegruppe erfahren. Diese befanden sich sogar noch einen Tagesmarsch tiefer als sie das Unglück ereilte. Nur dank eines Satellitentelefons gelang es ihnen einen Hubschrauber anzufordern um einen japanischen Wanderer den die Höhenkrankheit erwischt hat rechtzeitig auszufliegen. Ohne diese Hilfe wäre er wohl auf etwas mehr als viertausend Metern Höhe im kleinen Sommerlager „Kampachen“ verstorben. Als wir zwei Tage zuvor dort ankamen haben wir einen extra Tag Pause eingelegt um unsere Körper an die Höhe zu gewöhnen. Wer es im Hochgebirge zu eilig hat begeht einen großen Fehler den schon viele mit ihrem Leben bezahlt haben. In „Kampachen“  lagerten wir zum ersten Male direkt am Fuße eines Berges der über 7000 Meter hoch war. Fast ehrfürchtig habe ich mich kaum daran sattsehen können. Aus einem Seitental kommend hat sein Gletscher eine riesige Moränenlandschaft hier ins Haupttal geschoben. Es ist erstaunlich wie viel Gestein durch das Eis bewegt wird. In geologischen Zeiträumen gesehen entstehen so Landschaften. Den Morgen des Ruhetages habe ich für eine Fotoaktion genutzt indem ich um drei Uhr nachts einen Berghang, der unserem Zelt am nächsten liegt hinauf gestiegen bin. Schon hier, auf etwas über viertausend Metern, schlaucht dies ungemein, besonders mit der kompletten Fotoausrüstung auf dem Rücken. Zu Anfang dachte ich bei jedem Schritt mein Brustkorb wolle zerfetzen, doch als ich dann völlig wach war und den richtigen, langsameren Laufrhythmus gefunden habe, hat es ganz gut geklappt. Ich bin etwa dreihundert Höhenmeter emporgestiegen und habe dadurch freie Sicht auf den Gletscher und die umliegenden Täler bekommen. Erschrocken bin ich darüber wie stark dieses Monster aus Geröll in seinem Inneren schon entleert war.

Das Eis ist weit unter die Gesteinslinie der Moräne zurückgeschmolzen und wird auch in Zukunft weiter verschwinden.

Hier oben im Lager wo sich Julianas und mein Weg in Kürze trennt sind wir inzwischen auf der Höhe des Hauptgletschers. Dieser wird vom „Kanchenjunga“ und anderer Riesenberge gespeist und ist wohl dank der Höhe und seiner puren Größe in noch recht gutem Zustand. Zumindest optisch gibt es hier noch viel Eis das geschmolzen werden muss, bis den Flüssen unterhalb unseres Standpunktes die Puste ausgeht. Wir beschließen das Juliana zusammen mit einem der Träger wieder zurück nach „Kampachen“ und eine Nacht später nach „Ghunsa“ laufen wird um dort auf den Rest von uns zu warten. Ganz wohl ist mir bei der Sache nicht, denn gerade der Abstieg birgt Gefahren. Besonders bei losen Geröllfeldern derer es einige zu überqueren gibt. Abwärts zu laufen ist zwar in der Regel schneller aber nicht unbedingt weniger anstrengend, da besonders die Knie stark gefordert werden. Doch meine Liebste war wild entschlossen mir den Aufstieg zum Basislager zu ermöglichen und auf eigene Verantwortung diese zwei Tage Abenteuer zu meistern. Heute weiß ich natürlich, dass sie es problemlos schaffte, was mich sehr stolz gemacht hat. Man darf nicht vergessen, dass dies ihre allererste Bergtour gewesen ist und sie mit ihrem geschwächten linken Bein lange nicht die Beweglichkeit eines unversehrten Menschen hat. Ohne viel Aufheben haben wir uns verabschiedet, verbunden mit dem festen Vorsatz uns in drei bis vier Tagen in „Ghunsa“ wieder zu sehen.

Nun beginnt also der letzte, fotografisch wichtigste Teil der Reise. Zu diesem Zeitpunkt sind wir schon über zwei Wochen unterwegs und ich habe viele schöne Bilder gemacht. Doch natürlich würde dem Thema „Gebirge“ etwas Entscheidendes fehlen wenn es mir nicht gelänge den „Kanchenjunga“ standesgemäß abzulichten. Die verbliebenen Jungs meiner Gruppe haben mich gebeten ob sie in der Zeit die ich im Basislager verbringen möchte hier in „Lhonak“ bleiben können. Im Gegensatz zu dort oben gibt es hier eine einfache Steinhütte in der sie Kochen und Schlafen können. Da sie keine eigenen Zelte dabei haben ist dies natürlich keine Frage, zumal die Aussicht, dort oben für zwei Nächte komplett allein zu sein für mich äußerst reizvoll ist.

Die letzte Etappe ist wirklich wild. Vegetation gibt es hier nur noch in Form einiger Gräser die in der Umgebung kleiner Bäche wachsen. Es ist das Reich der „Blauschafe“ und des Schneeleoparden. Diese Region ist eines der wenigen verbliebenen Rückzugsgebiete dieser großen Katze, deren Anwesenheit man am ehesten in Form von Tatzen-Spuren  im Neuschnee wahrnehmen kann. Zwei meiner Begleiter helfen mir die Ausrüstung zum Endpunkt der Wanderung zu bringen. Der Weg folgt parallel des riesigen „Kanchenjunga“-Gletschers und ist eine raue Landschaft geprägt von Eis und Geröll. Der Gletscher ist fast komplett mit Gestein bedeckt und an manchen Stellen erst auf dem zweiten Blick als ein solcher zu erkennen.

Immer wieder höre ich ein mächtiges Knacken und Rauschen, ein deutliches Zeichen für seine Aktivität. Das Eis ist praktisch ständig in Bewegung, wenngleich dies natürlich für uns nur in den wenigsten Momenten wahrzunehmen ist. Als ich zurück ins Tal blicke sehe ich dunkle Wolken heraufziehen. Ein deutliches Zeichen dafür, dass es einen Wetterwechsel geben wird. Im Gebirge  kann so etwas sehr schnell gehen weshalb wir versuchen unser Tempo nochmals etwas zu steigern. Keine einfache Aufgabe auf fünftausend Metern Höhe. Doch es gelingt uns tatsächlich auf der kargen Wiese des als „Basislager“ bezeichneten Ortes anzukommen bevor der starke Schneefall einsetzt. So schnell es uns möglich ist schlagen wir das Zelt auf. Meine Kameraden machen sich sofort auf den Rückweg und ich lege mich ziemlich erschöpft in den Schlafsack. Zu diesem Zeitpunkt bin gar nicht so unglücklich darüber, dass mich das Wetter zu einer Ruhepause zwingt. Während draußen der Schnee auf mein Zeltdach fällt, falle ich in einen leichten Schlaf. Ich bin immer noch ziemlich erschöpft und mein Kreislauf ist alles andere als in Topform, als mein Unterbewusstsein eine Veränderung wahrnimmt. Es muss so gegen halb vier Uhr am Mittag gewesen sein als die dichte Wolkendecke immer wieder aufreißt und den einen oder anderen Lichtstrahl zu mir durchdringen lässt. Als ich dann Schlaftrunken das Zelt öffne kann ich sogar schon wieder Teile des Gletschers und der dahinter aufsteigenden Berge erkennen.

Das ist erstaunlich. In den vergangenen Tagen hat es gegen Abend nie wieder aufgemacht, wenn sich das Wetter einmal zum mies sein entschlossen hatte. Also bleibt mir nichts anderes übrig als meine Erschöpfung zu ignorieren und mich dem Grund meines Hierseins zu widmen. Zum ersten Mal blicke ich bewusst auf den „Kanchenjunga“ der etwas nach hinten versetzt vor mir aufragt. Ich würde den Berg nicht unbedingt als Schönheit bezeichnen. Er hat drei Gipfel die alle ungefähr dieselbe Höhe haben. Was ihm fehlt ist eine markante Form. Etwas was ihn optisch sofort von anderen Bergen unterscheidet. Doch schön ist er allemal, besonders die vielen vereisten Steilwände lassen bei genauerer Betrachtung die pure Größe dieses Riesen erahnen. Doch mein Standpunkt ist noch nicht ganz optimal, da ein Teil der Bergfront von einem vorgelagerten Bergrücken verdeckt wird. Ich beschließe dem Hauptgletscher noch ein wenig zu folgen und auf eine Passhöhe zu steigen, welche gute Ausblicke verspricht. Das sind geschätzte dreihundert Höhenmeter mehr. Normalerweise ist dies nicht der Rede wert. Doch hier in meinem Zustand, mit voller Kameraausrüstung auf dem Rücken ist das durchaus eine Herausforderung. Es geht sehr steil nach oben. Nur ganz langsam komme ich voran. Alle paar Meter zwingt mich der Körper zum verweilen. Man bekommt einfach nicht genug Sauerstoff in die Lungen. Doch ich kämpfe mich auf den Pass und werde mit einer sagenhaften Position belohnt. Nun liegt der Berg komplett frei vor mir und der Blick auf den Gletscher ist durch die gewonnene Höhe einfach fantastisch. Vom Tal ziehen immer wieder Wolken herauf die im goldenen Abendlicht die Landschaft in eine ungezähmte Mischung aus Licht und Schatten verwandeln. Alles wirkt so plastisch und zum greifen nahe.

Man bezeichnet uns Naturfotografen gerne als „Jäger des Lichts“. An diesem Ort und zu diesem Moment kann ich mich über eine äußerst erfolgreiche „Jagd“ freuen. Ich bin zwar körperlich fix und fertig, genieße aber jeder Minute, lange bis die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist und die Wolken wieder sämtliche Sicht im Tal verhindern. Als ich mein Zelt erreiche zwinge ich mich dazu einen Müsliriegel zu essen, den ich noch aus Deutschland mitgebracht habe, und etwas Wasser zu trinken um dem Körper wieder verlorene Energie zuzufügen. Es ist erstaunlich wie wenig man hier oben, trotz körperlicher Höchstleistung das Bedürfnis hat, Nahrung zu sich zu nehmen. Aber genau aus diesem Grunde ist es äußerst wichtig es zu tun, damit man bei Kräften bleibt. Für den kommenden Morgen habe ich gar nicht erst versucht den Wecker zu stellen. Mir ist klar, dass die Kraft für eine Sonnenaufgangsrunde nicht ausreichen würde. Also habe ich mich mehr oder weniger schlafend durch die Nacht gebracht und bleibe am Morgen so lange im Schlafsack liegen bis mir der Körper das Gefühl gibt genügend geruht zu haben. Mein Plan sieht vor das ich versuchen möchte dem Pfad von gestern weiter zu folgen um dann die Felswand bis auf sechstausend Meter Höhe zu besteigen. Würde ich dem Hauptgletscher weiter folgen und diesen dann weiter im Norden überqueren dauerte es nicht mehr lange und die Grenze zu Tibet wäre erreicht. Heute muss man ja leider China sagen, welches eine der großen Ungerechtigkeiten in der an Dummheiten nicht armen menschlichen Geschichte darstellt. Wenn es mir gelingen sollte auf diesen Gipfel zu kommen hätte ich nochmals mindestens neunzig Grad mehr Ausblicke auf die mich umgebende Bergwelt. Zuvor habe ich sehr genau überlegt was ich mit in den Rucksack packen muss. Sonnencreme, Brille, Hut, Wasser, Nahrung, Regenhose und Jacke sind obligatorisch. Ich habe aber auch mein GPS Gerät eingepackt, denn auch bei relativ kurzen Distanzen kann man im Nebel recht schnell die Orientierung verlieren. Da ich mir vorgenommen hatte auch mich selbst bei der Arbeit zu portraitieren, habe ich zwei Gehäuse mitgeschleppt, und ebenso das fünf Kilogramm schwere 200-400mm Teleobjektiv. Zusammen mit dem Stativ kommt da einiges Zusammen was mir im Laufe des Tages bei jedem Schritt schmerzlich bewusst wird. Als ich starte ist der Himmel völlig wolkenfrei und die schneebedeckten Gipfel strahlen vor dem dunkelblauen Himmel. Der Weg zum Pass klappt ohne Probleme. Langsam aber zielsicher komme ich voran. Von nun an gibt es keinen sichtbaren Pfad mehr. Ich steige die Geröllwand Stück für Stück nach oben. Mein GPS zeichnet jeden meiner Schritte auf. Als ich um eine weitere steile Wand herumgelaufen bin, sehe ich direkt über mir einen aus purem Eis bestehenden Gletscher. Mein Weg führt an ihm vorbei, und würde ich es auf den Gipfel schaffen, könnte ich sogar direkt auf ihn hinabschauen. Dieser kleine Gletscher ist komplett frei von Gestein und völlig zerklüftet. Ein tolles Motiv. Doch mein Aufstieg gestaltet sich sehr langsam. Gegen Mittag zeigt mein Höhenmesser fünftausendfünfhundert Meter an. Ich habe die Gletscherzunge fast erreicht. Von Tal ziehen die ersten Wolken herauf. Zu Anfang beunruhigt mich das nicht sonderlich, da dies nach einem klaren Morgen praktisch an jedem Tag passiert. Doch in erstaunlichem Tempo wird mir durch immer schneller heranfliegende Wolken die Sicht genommen. Nach einiger Zeit hat sich das Bild komplett gewandelt. Ich bin von einer Geröllwüste umgeben und die einzige Farbe die jetzt noch dominiert sind Grautöne. Trotzdem gebe ich noch nicht auf. Ich erinnere mich an den Vortag und hoffe, dass es nach einer gewissen Zeit gegen Abend wieder aufreißen wird. Ich schaffe weitere hundert Höhenmeter, muss mir dann aber eingestehen, dass mich meine Kräfte verlassen. Inzwischen ist praktisch jeder Schritt eine Tortur. Da ich sowieso nichts sehen kann, gebe ich das Ziel, bis auf den Gipfel zu kommen auf. Ich suche mir einen halbwegs bequemen Stein an den ich windgeschützt anlehnen kann und hoffe auf einen erneuten Wetterwechsel. Dann beginnt eine der Tätigkeiten innerhalb meines Berufes die leider allzu häufig wichtiger Bestandteil meiner Arbeit ist und nicht immer zum Erfolg führt – nämlich die Warterei.

Nach drei langen Stunden, in denen ich außer auf eine graue Wand zu starren  nichts gemacht habe, beschließe ich an die Stelle zurückzusteigen, an der ich am Vorabend meine Fotos machen konnte. Das ich im Dunkeln würde zurücklaufen müssen war klar. Mit dem Abstieg zum Pass bin ich zumindest wieder in relativer Nähe zum Zelt. Bisher hat es zwar weder gestürmt noch geschneit, doch man weiß ja nie. Es wird dunkel ohne das sich in den Wolken etwas tut. Ich bin etwas traurig, denn der komplette Tag war eigentlich ein fotografischer Ausfall. Also habe ich noch zwei weitere Stunden ausgeharrt. Wenn die Wolken verschwinden würden, bevor der letzte Rest an nachglühendem Tageslicht erloschen sind, könnte ich noch eine gute Nachtaufnahme machen. Dazu brauche ich den Sternenhimmel und ein klein wenig Licht von der vor langer Zeit hinter dem Horizont verschwundenen Sonne. Doch ich habe kein Glück. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig als auf den kommenden Morgen zu hoffen. Um die Aufnahme machen zu können die mir vorschwebt, muss ich Punkt vier Uhr wieder hier auf dem Pass sein. Dies ist mit dem schweren Gepäck unmöglich zu schaffen. Also habe ich meine Ausrüstung gut verpackt und den Rucksack dann unter einen überhängenden Stein gelegt. Gegen 21 Uhr komme ich mehr taumelnd als gerade laufend beim Zelt an. Ich stelle den Wecker auf zehn Minuten vor Drei um genügend Zeit zu haben nach einer viel zu kurzen Nachtruhe in die Kleidung zu kommen und den Berg wieder nach oben zu steigen. Mich als erschöpft zu bezeichnen ist noch untertrieben, und trotzdem gelingt es mir nur sporadisch in einen leichten unruhigen Schlaf zu fallen. Immer wieder wache ich auf und rolle mich von einer Seite auf die andere. Nach Mitternacht blicke ich ungefähr fünf mal auf die neben mir liegende Uhr. Die Angst diese wichtige Chance zu verpassen sitzt tief im Unterbewusstsein fest. Gerade deshalb ist es mir völlig unbegreiflich das ich den Wecker nicht läuten höre. Als ich wieder auf die Uhr blicke ist es bereits zehn Minuten nach drei Uhr. Wie von der Tarantel gestochen und gleichzeitig laut fluchend schieße ich aus dem Schlafsack und schlüpfe in Rekordzeit in meine Kleidung. Wie in Trance versuche ich die letzten Kraftreserven aus mir herauszupressen um möglichst schnell nach oben auf den Pass zu kommen. Beiläufig nehme ich wahr das der Himmel tatsächlich Wolkenfrei ist und ich meinen Plan durchführen kann, wenn es mir gelingt die verlorene Zeit aufzuholen. Auch ohne Gepäck geht es nicht wirklich nicht schnell voran, doch dafür beständig. Ich kann mein Glück kaum fassen als ich zwei Minuten vor Vier bei meiner Ausrüstung stehe. Die dann folgenden Handgriffe sitzen und gehen fliesend von statten, während ich mir schon Gedanken mache wo ich das Stativ aufstelle. Um Punkt vier Uhr drücke ich um ersten mal den Drahtauslöser. Die Kamera steht auf viertausend ASA und ich belichte dreizehn Sekunden bei Blende 3,2. Auf dem Bild erscheint das „Kanchenjunga“ Massiv, beleuchtet von den ersten zarten Nuancen der Dämmerung. Darüber erhebt sich die Milchstraße in all ihrer Pracht.

Wenige Minuten später ist es für unser Auge zwar immer noch dunkel, doch die Präsenz des Universums nimmt mit zunehmender Dämmerung massiv ab. Zuerst verschwindet die Milchstraße und später nach und nach die der Erde näher gelegenen Sterne. Dafür leuchten die Berge vor einem immer noch dunkelblauen Nachthimmel und mit zunehmender Helligkeit kann ich die ASA Zahl herabsetzen was die Bildqualität stark verbessert. Für mich ist dieser ganze Prozess pure Magie. Ich stehe, umgeben von absoluter Stille, an einem Ort voller unverfälschter Wildnis und erlebe diese Momente in solch erregender Dichte das ich kaum Worte dafür finde. Eindrücke die durch kein Geld der Welt ersetzbar sind und die es sich tief in meiner Seele auf den besonders gemütlichen VIP Plätzen gemütlich machen dürfen.

Auch wenn es unmöglich ist, und wahrscheinlich nichts ändern würde, so wünschte ich mir doch, das jeder Mensch mindestens einmal im Leben ein solch eindrückliches Erlebnis mit unserer Mutter Erde haben dürfte­­. Vielleicht wäre unsere Spezies dann etwas Ehrfurchtsvoller im Umgang mit dem Planeten der uns Alle mit seinen Ressourcen versorgt und uns eine solch wunderschöne Heimat ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

Gebirge Teil 3: “Hauptlauf” 28.04.2013

Um den „Kanchenjunga Base Camp Trail“ zu bewältigen gibt es zwei Varianten. Die Längere führt zuerst zum nördlichen Basislager und dann über einen fast fünftausend Meter hohen Pass zur südlichen Seite des Berges. Man läuft sie als Rundweg um dann wieder in der Nähe von Dobhan, unserem jetzigen Standpunkt, anzukommen. Es bedarf keines Wahrsagers um sich auszumalen dass diese Route für Juliana und mich nicht in Frage kommt. Wegen meiner Fotografie und ihrem reduzierten Tempo würden wir uns in einen Dauerstress begeben, der uns die Tour sehr schnell verleiden kann. Da unser Freund Rolf aber sehr wohl Willens und auch in der körperlichen Verfassung ist die große Runde zu wagen, tritt nun ein Plan in Kraft über den wir schon im Vorfeld gesprochen hatten. Wir werden unsere Truppe in zwei Gruppen aufteilen und unseren Teil auf das nördliche Basislager beschränken, um dann auf dem gleichen Weg wieder zurück zu laufen. Das verschafft uns einen Spielraum von drei bis vier Tagen an denen wir bei Bedarf auch mal pausieren können. Aber vor allen Dingen habe ich am Basislager gegebenenfalls Zeit auf gutes Wetter zu warten um dann meine Bilder zu machen. Nicht auszudenken was wäre, wenn ich da oben vor dem drittgrößten Berg der Welt stehe, und ihn gar nicht zu Gesicht bekomme.

Den ersten Tag Pause gönnen sich Juliana und ich gleich am kommenden Morgen nach unserer Ankunft im Örtchen Dobhan. Der lange Abstieg von Vortag steckt uns noch in allen Muskeln als wir Rolf und seine vier Jungs verabschieden. Sie haben sich ein anspruchsvolles Programm vorgenommen. Sie sollten es mit Bravour schaffen und den Treck sogar zwei Tage früher beenden als geplant. Dafür hat Rolf aber ganz schön leiden müssen. Er hat zwar unseren Guide in seine Gruppe bekommen, aber wir dafür den Koch. Da dieser sowieso der Einzige ist, der bisher schon mal in dieser Region war, haben wir glaube ich einen ganz guten Deal gemacht. Je höher wir laufen, desto spartanischer wird auch unser Essen werden. Doch im Direktvergleich erfreuen wir uns an wesentlich abwechslungsreicherer Nahrung als Rolfs Gruppe. Die nehmen praktisch jeden Tag nur Reis und Tütensuppe zu sich. Als wir uns zum Abschied feste drücken ist es völlig ungewiss wie weit unser Teil der Expedition in die Bergwelt vorzudringen vermag. Julianas Füße sehen wirklich nicht gut aus, und ein wenig Angst vor einem vorzeitigen Abbruch habe auch ich. Offene Füße sind extrem unangenehm und haben schon so manch harten Kerl zum Abbruch einer Wanderung bewogen. Doch ich habe von nun an alle relevanten Stellen mit Blasenpflastern und Klebeband bearbeitet, und ihr immer persönlich die Schuhe fest zugebunden, damit möglichst wenig Reibung auf den Füßen verursachen wird.

Am Ortsrand von Dobhan treffen zwei große Flüsse aufeinander und fließen gemeinsam weiter. Einem werden wir ab Morgen für viele Tage folgen. Wir sind überrascht dass wir überhaupt keine anderen westlichen Wanderer entdecken, als wir uns gegen Abend doch noch aufraffen können, von unserem Campingplatz aus einen Ausflug ins Dorf zu machen.

Die kleine Hauptstraße ist voll mit Nepali die auf ihren Wegen hier eine Rast einlegen. Immer wieder sehen wir Gruppen von beladenen Eseln und Yaks über die Hängebrücken kommen, die Waren in die umliegenden Täler transportieren. Große Stapel Bücher sind auch dabei welche wohl für die Dorfschulen bestimmt sind. Die Leute sitzen vor den Läden und sind meist gut gelaunt – zu gut, wenn man genau hinschaut. Daran ist nicht zuletzt eine durchsichtige Flüssigkeit Schuld, die hier den Namen Roxy trägt und aus hochprozentigem Alkohol besteht.

Gegen achtzehn Uhr bekommen wir ein reichhaltiges Abendessen und liegen frühzeitig auf unseren Matratzen. Eine weitere Nacht guten Schlafes lässt uns am nächsten Morgen voller Elan erwachen und frohen Mutes an die vor uns liegende Aufgabe gehen. Juliana und ich machen uns genau um zehn Minuten nach Sieben auf den Weg. Unsere Jungs sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz mit dem Packen fertig. Das macht aber nichts, denn verlaufen kann man sich ja kaum wenn man nur dem Flusslauf folgen muss. Noch liegt das Tal im Schatten und wir kommen gut voran obwohl es von Anfang an rauf und wieder hinunter geht. Mal verläuft der Pfad auf Flusshöhe, mal blicken wir einige dutzend Meter von oben auf das reißende Wasser herab.

Nach einer Stunde kommen wir an eine Stelle, an der zwei Täler zusammentreffen. Kennen Sie das Gefühl sich total sicher zu sein das Richtige zu tun? Ich habe mir vor dem Beginn der Etappe nochmals die Wanderkarte angeschaut und war mir sicher dass ein weiterer Blick nicht nötig sei. Also bleibt die Karte in der Tasche und wir haben den Weg im selben Tal fortgesetzt. Als die Sonne über die Flanke des Bergzuges wandert und die Gegend von jeglichem Schatten befreit ist, wird es sofort um viele Grade wärmer. Wir sind in der tropischen Klimazone und keine Wolke hat uns an diesem Morgen die Hitze etwas gemildert. Irgendwann werde ich dann nervös, denn unsere Helfer hätten uns eigentlich längst einholen müssen. In einem kleinen Dorf halten wir an. Es ist inzwischen fast neun Uhr und die Sonne knallt auf uns herab als wäre es zwölf Uhr Mittags. Alles zieht sich in mir zusammen als ich dann doch auf die Landkarte blicke und merke dass wir hätten in das andere Tal einbiegen müssen. Wie kann man nur so dämlich sein? Es hilft alles nichts, wir müssen umkehren. Insgesamt haben wir drei Kilometer zusätzlichen Weges angehäuft. Auf einer normalen Straße ist diese Distanz kaum der Rede wert, aber hier in Nepal ist das eine ordentliche Strecke. Wir sind kaum im richtigen Tal angekommen da sehen wir in der Ferne drei unserer Jungs auf uns zulaufen. Die haben natürlich gemerkt dass etwas nicht stimmt und sind uns suchen gekommen. Schön zu sehen das man sich auf sie verlassen kann. Der Tag zieht sich wie Kaugummi in die Länge. Stunde um Stunde kämpfen wir uns voran. Am meisten macht uns die Hitze zu schaffen. Das Thermometer zeigt fast vierzig Grad. An jedem kleinen Bach den wir passieren lassen wir kaltes Wasser über unsere Köpfe rinnen und kühlen so etwas ab. Stellenweise ist der Weg kaum mehr als ein kleiner Trampelpfad der sich durch unwegsames Gelände windet und mit Wurzeln und losem Gestein bedeckt ist. Oft laufen wir durch Wald, dessen Blätterdach aber kaum einen geschlossenen Schatten erzeugt. Immer wieder wandert mein Blick die steilen Berghänge empor welche rechts und links neben uns aufragen. Praktisch überall leben Menschen.

Kaum zu glauben an welchen steilen Hängen kleine Gehöfte an den Abhängen kleben. Terrassenförmig angelegte Felder erlauben den Anbau von Nahrung und Tierfutter praktisch an jeder Stelle. Auch hier ist der ursprüngliche Wald stark degradiert. Das ist nicht verwunderlich wenn man bedenkt, dass praktisch alle Bewohner dieser Berge und Täler mit Holz kochen und heizen. Es überrascht mich eher, dass überhaupt noch Holz vorhanden ist, denn das Land hat eine immense Geburtenrate. Nepals Bevölkerung wächst ebenso wie die Ansprüche an deren Lebensqualität. Der Druck auf die natürlichen Rohstoffe wird auch in Zukunft weiter steigen, was nichts Gutes für die Wälder verheißt. Die Menschen brauchen Alternativen, welche z.B. in Form von kleinen Biogasanlagen Realität werden könnten. Der Dung von zwei Rindern reicht aus um diesen zu vergären, und damit Methangas zum Kochen und Heizen zu erzeugen. Die Anschaffung für solch eine Anlage beträgt ca. 300 Euro. Für die meisten Familien ist dies eine unerschwingliche Summe. Zum Glück gibt es seid Jahren internationale Hilfsprojekte welche genau diese Idee unterstützen. Man kann nur hoffen dass diese guten Ansätze mit aller Kraft durchgeführt werden, bevor das Ökosystem unter der Last der Nutzer gänzlich zusammenbricht. Schon siebzig Prozent von Nepals Wäldern sind verschwunden oder stark übernutzt. Gerade im Gebirge werden intakte Wälder aber dringend benötigt. Denn ohne Bäume ist der Boden Wind und Regen ungeschützt ausgesetzt und es kommt zur Erosion und Steinschlag.

Es gibt noch vereinzelte alte Bäume. Fast jedes Dorf das wir passieren hat in seiner Mitte solch einen Riesen stehen. Diese entsprechen wohl den Ulmen, welche bei uns in früheren Zeiten den Mittel- und Treffpunkt des Dorfes markierten. Anhand dieser Exemplare erkennt man das ganze Drama in welchem Zustand sich der Wald befindet. Man muss sie nur mit den Bäumen in den noch vorhandenen Waldresten vergleichen, welche die Dörfer umgeben.

Am späten Nachmittag sorgt eine aufziehende Wolkendecke für etwas mildere Temperaturen. Wir passieren eine Seitenschlucht über eine der zahlreichen Hängebrücken und steigen einen Berghang steil nach oben. Oben angekommen treffen wir auf ein einzelnes Gehöft, vor dem uns ein älterer Herr entgegenlächelt.

Als er Juliana sieht fängt er an vor ihr zu tanzen und zu singen was uns alle sehr erfreut. Seine Frau, die ebenso ein stattliches Alter aufweist, kommt gerade von den Feldern zurück. Sie trägt ein großes Bündel Gras auf dem Rücken, welches von einem Band gehalten wird das über ihrer Stirn liegt. Dieses Paar lebt hier ganz allein. Ihre Tagesabläufe gleichen denen ihrer Vorfahren. Sie haben weder Strom noch andere Errungenschaften des modernen Lebens. Einzig den schwarzen Plastikschlauch kann ich entdecken, welchen praktisch jede Familie inzwischen ihr Eigen nennt. Damit wird Wasser vom nächst gelegenen Fluss direkt ans Haus gelenkt und Tagsüber wenn die Sonne darauf scheint auch ein wenig erwärmt. Die Zwei wirken überaus glücklich, was mich mal wieder stark zum Nachdenken bringt. Vom materiellen Maßstab her sind die Beiden bettelarm. Doch wenig zu besitzen muss nicht gleichbedeutend sein mit einem unzufriedenen Leben. Sind diese Alten aus der Zeit gefallen? Sind wir Kinder der Globalisierung überhaupt in der Lage den Verlockungen des konsumorientierten Alltags zu widerstehen? Das ist sehr schwer, wie ich im Selbsttest immer wieder feststellen muss. Ich betrachte mich als einen durchaus aufgeklärten und sehr kritischen Konsumenten. Trotzdem kann auch ich so manchen Verheißungen nicht entsagen, besonders wenn es um Dinge geht die mich begeistern und interessieren. Auch wenn ich nicht jeden Mist mitmache und viele Dinge aus ökologischen Gründen nicht kaufe, so habe ich immer noch einen viel zu hohen Ressourcenverbrauch innerhalb meines Alltags. Wäre ich ein Vorbild für die gesamte Menschheit so würde der Planet praktisch schon heute einer leblosen Wüste gleichen. Das betrifft neben mir übrigens so gut wie jeden Bewohner der westlich geprägten Industrieländer – eine Tatsache die uns Alle sehr nachdenklich machen sollte. Wie können wir es schaffen die Sehnsüchte der ständig wachsenden Weltbevölkerung zu stillen ohne dabei die Erde völlig zu zerstören? Ich denke es wird nur gehen wenn wir unsere  Lebensziele überdenken und uns neue Werte verordnen. Für was haben wir in unserer Gesellschaft überhaupt noch Platz, außer der Wirtschaft möglichst hürdenfreie Produktionsbedingungen zu verschaffen? Die Politik, welche uns regiert, bewacht und leitet ist inzwischen in weiten Teilen der Welt von der Knechtschaft der Diktatur befreit und durch Demokratie ersetzt worden. Doch diese ist in solch erschreckendem Ausmaße von den Interessensverbänden der Großindustrie unterwandert, dass einem wirklich Schlecht werden kann. Solange sich daran nichts ändert wird auch weiterhin das Mantra des glückverheißenden ungebremsten Wachstums gepredigt und die Welt immer schneller an den heute schon abzusehenden Abgrund gedrängt.

Solche und viele andere Gedanken sind mir auf dieser Reise oft im Kopf umhergeschwirrt. Einer der Vorzüge des langsamen Wanderns ist das man viel Zeit zum Nachdenken hat.

Inzwischen sind uns zwei unserer Träger mit einer Kanne Tee und Keksen entgegen gekommen, um uns die restlichen Meter zum Ziel der Tagesetappe zu begleiten. Die Burschen sind viel schneller als wir und haben dazu noch Kraft zu uns zurückzulaufen um zu helfen. Das werden sie in den kommenden Tagen noch öfters tun, und wir sind darüber immer sehr dankbar. Obwohl uns natürlich, zumindest in diesen tiefen tropischen Lagen, ein eiskaltes Apfelschorle lieber wäre als der heiße Tee.

Als wir am Abend in einem nicht sonderlich gemütlichen Gästehaus die Wanderschuhe abstreifen sind wir fix und fertig. Erfreulicherweise hat sich der Zustand von Julianas Füßen nicht verschlechtert was uns Grund zur Hoffnung gibt. Auch in den kommenden zwei Tagen wird die Hitze unseren  Tagesablauf prägen. Wir starten so früh wie möglich, doch natürlich ist es nur eine Frage der Zeit bis uns die Sonne ihre volle Kraft entgegenstrahlt. Erst ab der vierten Etappe wird es merklich kühler und angenehm. Zu diesem Zeitpunkt haben wir uns schon wieder auf zweitausend Meter hochgearbeitet und inzwischen fühlen wir uns fitter denn je.

Ich habe kaum noch Zweifel, dass meine wunderbare Brasilianerin auf dieser Wanderung noch sehr weit kommen wird. Wir haben inzwischen einen Kontrollpunkt passiert an dem alle Wanderer auf ihre Genehmigungen gecheckt werden und sind innerhalb der „Kanchenjunga Conservation Area“ angekommen. Dieses Gebiet hat man eingerichtet um die Wälder in den Höhenlagen um das Hochgebirge besser zu schützen. Natürlich leben auch hier oben Menschen, doch deren Anzahl wird merklich weniger und die Wälder sichtbar dichter und ursprünglicher. Ich halte die Augen offen und schaue mir die wunderbaren Bäume sehr genau an, an denen meterlange Flechten sanft im Wind wehen.

Leider gelingt es mir weder beim Aufstieg noch beim Rückweg einen der hier lebenden Roten Pandas zu entdecken. Diese schönen Tiere leben an den Himalaya Hängen hier in Nepal sowie in Teilen Chinas und Indiens. Sie sehen ein wenig aus wie Waschbären und ernähren sich von Bambus. Es überrascht mich kaum mehr als ich erfahre dass auch sie vom Aussterben bedroht sind. Wilderei und Fragmentierung ihres Lebensraumes durch Waldzerstörung sind wie so häufig die Ursachen für den Rückgang der Roten Pandas und so endlos vieler anderer in freier Wildbahn lebenden Tierarten.

Hier oben ist der Pfad erstaunlicherweise besser befestigt als weiter unten im Tal. Immer wieder passieren uns Männer und junge Burschen mit großen Metallplatten auf den Rücken. Sie tragen Elemente zum Brückenbau die Berge hoch. Egal was sie befördern, sie werden nach Gewicht bezahlt. Der Lohn muss schon sehr mickrig sein, wenn man sieht mit welchen Mengen Material sie ihre Gesundheit riskieren. Immer mal wieder werden wir von Kindern begleitet die sich auf dem Weg zur nächsten Schule befinden. Ich staune wie jung manche sind und trotzdem weite Wege auf sich nehmen müssen. Die etwas Gewitzteren unter ihnen nutzen die Begegnung mit uns um ihre Kenntnisse in Englisch zu testen, was zum Teil zu witzigen Wortwechseln führt.

Manche der Kinder tragen Schuluniformen, andere wiederrum sind in Lumpen gehüllt die man kaum noch als Kleidung wahrnehmen kann. Das beschränkt sich aber nicht nur auf die Kleinen. Wir treffen leider auf Familien die scheinbar jeglichen Halt verloren haben. Faulige Zähne und stumpfe glanzlose Blicke zeugen von Hoffnungslosigkeit die einen traurig macht. Selbst in so manchem, für Besucher offenstehendem Gästehaus ist es so dreckig, das wir uns kaum darin aufhalten möchten. Wir sehen Kinder die praktisch im puren Müll schlafen und Eltern die dies als ganz normal empfinden. Hinzu kommt das am offenen Feuer gekocht wird. Der Rauch schwärzt die Decken und Wände und zerstört die Gesundheit der Bewohner. Natürlich sind die Menschen arm, aber Wasser zum waschen wäre für Alle ausreichend vorhanden. Ob es wohl mit dem auch in Nepal existierenden Kastensystem zu tun hat, dass innerhalb eines Ortes solch unterschiedliche Hygienesituationen herrschen? Ich weiß es nicht. Ich bin nur sehr betroffen wenn ich Kleinkinder sehe, die wohl nie eine Chance auf ein menschenwürdiges Leben haben werden.

Nachdem wir eines Morgens mit einer Unmenge an Bissen und Stichen am Körper aufgewacht sind, welche wahrscheinlich von Läusen stammen, haben wir uns dazu entschlossen nur noch im eigenen Zelt zu übernachten. Für mehrere Tage sind wir extremen Juckreizen ausgesetzt, was besonders beim Schwitzen nicht angenehm ist. Mein Hals und die Arme sind eine einzige Quelle endlosen Verlangens mit den Fingernägeln darüber zu reiben – was natürlich alles noch viel schlimmer macht.

Ein Erlebnis von dem es zu berichten lohnt ist die Geschichte mit dem Diebstahl. Kurz nach Tagesanbruch kommt einer unserer Träger ganz aufgeregt zu uns ans Zelt und berichtet von einer schlimmen Sache die passiert ist. Am Vorabend seien sie mit anderen Nepali zusammengesessen die an derselben Station übernachtet haben wie wir. Am frühen Morgen ist nun Einer von denen verschwunden und mit ihm eine nagelneue Hose und ein T-Shirt. Was für uns wahrscheinlich nur zu einer kurzen Verärgerung geführt hätte, war für die Jungs aber eine ernste und große Problematik. In deren Welt hat man eben nicht die Möglichkeit eine gestohlene Hose einfach durch eine Neue zu ersetzen. So begab es sich das sich zwei der Burschen auf den Weg gemacht haben um nach dem Dieb zu suchen. Wir haben deshalb unsere Träger den ganzen Tag nicht zu Gesicht bekommen. Erst gegen Abend, als wir kurz vor Vollendung unserer Etappe stehen sehen wir die Gruppe zu uns aufschließen. Mir fällt gleich auf das da ein Mann mehr dabei ist. Dieser schleppt auch noch den Packsack den normalerweise der Bestohlene zu tragen hat. Das ist wirklich ein Ding. Unsere Burschen sind heute Morgen die komplette Tagesetappe von gestern zurück marschiert und haben dort den dreisten Dieb tatsächlich gefunden. Es war ein Junge, nicht älter als fünfzehn Jahre, der nun hier an uns vorbei läuft. Er ist kaum in der Lage seine Tränen zu unterdrücken und doch sichtlich bemüht seine Haltung zu bewahren. Sie haben ihn sich geschnappt und ließen ihn nun zur Strafe den ganzen Tag das schwere Gepäck tragen. Es ist nur zu erahnen was in Nepal solch eine Tat bei den Betroffenen auslöst, denn der Beklaute war sichtlich sauer. Ich kann ihn, als wir im Camp angekommen sind davon abhalten dem völlig erschöpften und eingeschüchterten Dieb mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Zumindest in unserer Gegenwart. Doch dessen Martyrium ist noch nicht vorüber und die Kräfte der Träger scheinbar noch nicht aufgebraucht. Obwohl es anfängt in Strömen zu regnen und die nächste Polizeistation mindestens zwei Stunden entfernt liegt, machen sie sich auf den Weg ihn dort abzuliefern. Ich hoffe wirklich dass der Junge seine Lektion an diesem Tag gelernt hat. Diebstahl in einer Gesellschaft in der die Häuser praktisch für Alle offen stehen ist weder hier noch sonst irgendwo akzeptabel.

Nach sechs Tagen erreichen wir die Ortschafft Ghunsa auf 3400 m Höhe. Inzwischen sind wir wieder im Bereich wo der Rhododendron wächst und hier auch reichlich in tiefem Rot und Pink am blühen ist.

Ghunsa ist eine tibetische Siedlung und die höchstgelegene auf dem Trail die ganzjährig bewohnt ist. Eingerahmt von Bergen die mit teils altem Wald bewachsen sind fühlen wir uns hier sofort sehr wohl. Hier verbringen wir unseren nächsten Tag um unsere Körper an die Höhe zu gewöhnen. Der Zustand von Julianas Füßen ist zusehends besser geworden und ich bin sehr stolz auf das was wir bisher gemeinsam geschafft haben. Das Dorf hat elektrischen Strom welcher mit einem simplen System aus Wasserkraft gewonnen wird. Eine ökologisch sinnvolle Lösung die es mir ermöglicht meine Akkus für die Kamera aufzuladen und mit dem Labtop an meinen bisherigen Bildern zu arbeiten. Praktisch auf jedem Haus wehen die bunten buddhistischen Gebetsfahnen und Yaks weiden auf den Wiesen zwischen den Häusern. An den Ohren sind sie geschmückt mit bunten Bändeln welche sie wirklich hübsch aussehen lassen.

Es sind nicht viele Wanderer die uns bisher entgegen gekommen sind und vom Basislager berichten können. Doch das Wenige was wir erzählt bekommen hört sich großartig an. Alle sind begeistert von der Schönheit der Ausblicke auf den „Kanchenjunga“. Was uns besonders freut ist die Meldung, dass dort oben ein Deutscher mit langem Bart und noch längeren Haaren unterwegs ist, der wie Jesus aussieht, und dem es scheinbar bisher sehr gut ergangen ist. Von hier aus sind es noch vier Stationen bis zum Basislager. Hochgebirge wir kommen!

Gebirge Teil 2: „Einlauf“ 22.04.2013

Die Reise beginnt für mich mit einem Dämpfer. Welche Bilder ich auch immer von Nepals Hauptstadt Kathmandu vor meiner Ankunft im Kopf gehabt habe – real waren sie nicht. Nimmt man die schöngefärbte Touristenbrille ab und wirft einen Blick auf das ganz normale Alltagsleben der allermeisten Einwohner, so bleibt nicht mehr viel übrig vom Charme der Tempel, Stupas und exotischen Märkte, welche diese Kultur auf uns so anziehend macht. Kathmandu liegt auf 1300m in einem Hochtal zusammen mit den zwei weiteren Königsstädten Lalitpur und Bhaktapur und zahlreichen weiteren Gemeinden. Mein Eindruck ist, dass hier die Entwicklung längst in eine Richtung geht, aus der es kaum noch ein Zurück mehr gibt. Einen wirklich blauen Himmel habe ich nicht gesehen. Dutzende Ziegeleien blasen täglich ungefiltert ihre Abgase in die Landschaft, deren Konturen wegen der schlechten Luft schon nach wenigen hundert Metern im fahlen Dunst verschwinden.

Die umliegenden Berge konnte ich, zugegeben in meiner recht kurzen Zeit im Tale nur erahnen. Doch es braucht keine monatelange Recherche um zu erkennen, dass hier Alles aus den Nähten platzt und die Lebensbedingungen der meisten sowieso schon armen Menschen auch aus ökologischer Sicht katastrophal sind. Nicht ohne Grund sieht man viele Leute mit Staubfiltern vor dem Gesicht herumlaufen. Sämtliche Flüsse und Flüsschen die ich auf unseren Touren durch die Stadt gesehen habe gleichen mit Müll überhäuften Kloaken. Eine Infrastruktur ist praktisch nicht vorhanden. Die Straßen sind voll, und der Lärm ist unbeschreiblich. Das Hauptwerkzeug der Nepali um sich durch den Verkehr zu manövrieren scheint die Hupe zu sein. Kathmandu wächst planlos und die Probleme verschärfen sich. Täglich verlassen Menschen im ländlichen Raum ihre Höfe mit der Hoffnung im Herzen  in der großen Stadt ihr Glück – sprich ein besseres Leben zu finden. Auch wenn mein Blick auf die Situation nur ein Oberflächlicher ist, so glaube ich sagen zu können das dies nur den Allerwenigsten vergönnt sein wird. Die Glitzerwelt der schnellen Autos, teuren Häuser und schicken Alkoholika die auf den großen Werbeplakaten und auch in den im ländlichen Raum inzwischen zahlreich vorhandenen Fernsehgeräten suggeriert wird, ist für 95 % der Bevölkerung so weit außer Reichweite wie für mich die Nominierung zum nächsten Oberhaupt der katholischen Kirche. Mein Ideal einer funktionierenden Gesellschaft ist hier nur eine ferne Utopie. Dabei ist Nepal immer noch eines der Länder mit der geringsten Verstädterung weltweit. Das muss auch der Ansatz für die Zukunft sein. Weg mit den falschen Versprechungen einer in diesem Land völlig deplatzierten „Moderne“ nach westlichem Schema. Man muss sich auf die eigene Geschichte und Stärken berufen und eine Modernisierung schaffen, welche den geografischen und kulturellen Gegebenheiten dieses Landes gerecht wird. Wir werden in den kommenden Wochen auf unserer Wanderung noch häufig sehen, dass man schon mit wenigen Eingriffen den Alltag der Menschen deutlich erleichtern kann. Haben die Leute erst mal verstanden dass ihre ländliche Realität, nämlich der von klarer Luft und sauberen Wassers, derer der Slums der Städte klar überlegen ist, ließe sich diese dramatische Entwicklung vielleicht stoppen. Der Ballungsraum um Kathmandu  ist für mich schon heute ein allzu trauriges Beispiel wie in Zeiten der Globalisierung der Fortschritt nicht funktioniert.

 

Die Bushaltestelle liegt an der Ausfallstraße von Kathmandu. Hier treffen Rolf, Juliana und ich zum ersten Mal auf unsere Gruppe Helfer welche uns in den kommenden Wochen begleiten werden. Es sind insgesamt neun Nepali. Einer ist unser Guide und somit der Chef der Truppe. Sein älterer Bruder ist Koch und die anderen Sieben zumeist recht jungen Kerle werden unsere Ausrüstung, die Küche und die Nahrungsmittel tragen. Später erfahre ich, dass sie Alle aus demselben Dorf und irgendwie auch Alle miteinander verwandt sind. Diese Tatsache hat sicherlich auch zu der guten Harmonie untereinander beigetragen welche in den kommenden Tagen zwischen ihnen herrschen wird. Über die nun vor uns liegende Busfahrt muss ich sagen dass alle Vorurteile die man über Touren durch Nepal kennt, leider wahr sind. Mit der Hin- und Rückfahrt sind wir fast drei Tage in einem Gefährt gesessen, welches in Deutschland nicht mal mehr in Sichtweite des TÜV gekommen wäre. Ich bin schwer davon überzeugt, dass dies die gefährlichsten Stunden des gesamten Aufenthaltes im Land gewesen sind. Kein Schneesturm kann so tückisch sein wie die Situationen die sich praktisch im Minutentakt auf den kurvenreichen meist am Abgrund entlangführenden Straßen ereignen. Praktisch Jeder überholt hier Jeden und zwar zu jeder Zeit – ist die blinde Kurve auch noch so nah. Wir haben einige Lastwagen gesehen die über die Klippe gestürzt sind, und dass wir ohne Frontalkarambolage aus der Sache rausgekommen sind ist nicht selbstverständlich. Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber gut habe ich mich während der Zeit in den Bussen nicht gefühlt. Auf einem Teilstück war der Bus so überfüllt, das ich mich freiwillig mit ein paar unserer Jungs aufs Dach begeben habe. Wer mitfahren möchte und es irgendwie schafft sich in das Gefährt reinzupressen, wird auch mitgenommen. Das ist natürlich irgendwo auch verständlich. Die Busse dominieren neben den Lastwagen den Straßenverkehr. Bisher gibt es wenig Nepali, welche ein Auto ihr Eigen nennen. Warum die Busfahrer sich aber benehmen als wären sie unsterblich hat sich mir nicht erschlossen.

Wir erreichen das Ende der Straße und somit den Starpunkt unserer Wanderung am kommenden Tag um die Mittagszeit. Kaum haben wir unsere Ausrüstung von Dach geladen fängt es an in Strömen zu regnen, was uns veranlasst, den geplanten Beginn der Tour auf den kommenden Morgen zu verschieben. So lernen wir recht schnell nepalesischen Landhausstil kennen, indem wir uns in einem der im kleinen Örtchen befindlichen Gästehäuser Zimmer nehmen. Wer solch eine Reise mit Freude begehen möchte sollte zuerst einmal schleunigst alle aus dem eigenen Kulturkreis bekannten Hygiene- und Komfortstandards aus dem Gedächtnis bannen. Nepal ist eines der ärmsten Länder der Erde und das Leben der Menschen ist dementsprechend rustikal. Oft bestehen die Zimmerwände aus Bretterverschlägen, auf welchen Zeitungspapier klebt. Die Betten sind meist so hart das wir unsere Isomatten unterlegen um diese etwas komfortabler und in der Regel auch sauberer zu machen. Was unsere nepalesischen Freunde betrifft, so haben sie nicht einmal ein eigenes Zimmer. In der Regel steht in jedem Gästehaus für einheimische Trekkingbegleiter eine Kochhütte zur Verfügung in der sich die Jungs dann auch auf ihren Isomatten in Reih und Glied zur Ruhe betten.

 

Wir befinden uns auf einer Höhe von knapp unter 2000m.  Nach einem einfachen Frühstück, nicht allzu lange nach dem ersten Hahnenschrei, machen wir uns auf die Socken. Ich habe meine Fotoausrüstung auf dem Rücken und mir fest vorgenommen diese auch soweit es mir möglich ist ohne fremde Hilfe durch das Gebirge zu bringen.  Der Regen hat deutlich nachgelassen. Es nieselt leicht als wir auf einen Jahrhunderte alten Handelspfad langsam weiter an Höhe gewinnen. Die kommenden vier Tage sind eine Art Vorlauf. Sie werden uns auf einer Länge von knapp fünfzig Kilometern über einen Bergrücken hin zum eigentlichen Start des „Kanchenjunga Basislager Trails“ bringen. Wir haben uns bewusst für diese längere Variante entschieden. Dadurch umgeht man sich mit einem Charterflugzeug einfliegen zu lassen und kann die Tour an einer anderen Stelle beenden als man sie startet. Außerdem ist die Gegend mit Rhododendronbäumen bewachsen, welche schon lange ein fotografisches Traumziel von mir sind. Wir haben nicht ohne Grund das Frühjahr dem ebenfalls schönen Herbst als Wanderzeit vorgezogen. Just in diesen Wochen sollen sie in voller Blüte stehen und ich bin sehr gespannt was mich erwartet.

 

Wir passieren vereinzelte Gehöfte mit terrassenförmigen Feldern und Weiden auf welchen immer wieder bewaldete Regionen folgen. Was mir als alter Naturfreund, der sich am liebsten in möglichst unberührten Gebieten aufhält als nächstes klar werden musste war die Tatsache dass wir auf einem Großteil dieser Wanderung durch Kulturland laufen werden. Der Himalaya ist ein seid Jahrtausenden besiedelter Lebensraum und keineswegs eine große Wildnis wie zum Beispiel weite Teile des Amazonas. So richtig bewusst war mir das am Anfang nicht und so war ich in den ersten Tagen immer wieder etwas enttäuscht als nach der nächsten Biegung wieder Menschen aus dem Wald heraustraten die einen großen Korb Feuerholz auf dem Rücken trugen. Hier echte großflächige  Urwälder zu erwarten wäre so, als an den heimischen Bodensee zu reisen um dort Menschen zu erhoffen die noch in Pfahlbauten leben. Es dauert nicht lange da tauchen die ersten pink und tiefrot blühenden  Rhododendren am Wegesrand auf. Als wir später weiter oben am Bergkamm entlangmarschieren ziehen immer wieder dichte Nebelwolken von Tal herauf, welche die Bäume in die von mir so sehr geliebte mystische Stimmung tauchen. Leider sind die Wälder durch den Bedarf der Menschen nach Brennholz stark degradiert so das ich mich zumeist auf Detailaufnahmen beschränken muss. Gegen Mittag halten wir in einer kleinen Ortschaft auf Tee und Kekse. Diese lasse ich ausfallen als ich in einiger Entfernung auf einer Wiese einen einzelnen richtig großen Baum entdecke. Dieser ist über und über mit Rhododendronblüten bedeckt.

Hier bekomme ich zum ersten Mal einen wirklichen Eindruck wie grandios diese Bäume aussehen können wenn man sie ungehindert wachsen lässt. Trotz immer wieder einsetzenden Regens versuche ich mit Begeisterung möglichst schöne Fotos von ihm zu machen. Bevor die ersten Siedler diese Höhenlagen für Weideflächen gerodet haben, sah es hier im Frühling sicherlich fantastisch aus. Juliana und ich sind zum ersten Mal in unserem Leben in diesem Teil der Welt. Es gibt soviel für uns zu entdecken. In fast jedem Dorf sehen wir ein Schild welches die Bewohner ermahnt mit ihren sie umgebenden Bäumen sorgsam umzugehen. Diese begegnen uns in der Regel höflich zurückhaltend, aber immer freundlich. Ich habe mir in den Regenpausen mein 200-400mm Objektiv und die Nikon D4 um die Schulter gelegt. Bei den zahlreichen Begegnungen habe ich immer wieder Gelegenheit schöne Portraits zu erstellen. Die lange Brennweite hält eine gewisse Distanz zu den Leuten, was ihnen die Scheu nimmt und nicht so aufdringlich wirkt. Ich kann mit meinem langen Rohr natürlich nicht unbemerkt durchs Dorf stapfen und frage deshalb immer ob ich ein Foto machen darf, wenn ich eine fotogene Person entdecke. Auf dem ganzen Weg kam kaum einmal eine Absage. Wenn man dann nach dem Auslösen lachend zu den Portraitierten hingeht und ihnen ihr Bild auf dem Kamerabildschirm zeigt, ist die Freude meist groß. Oft bildet sich recht schnell eine ganze Menschentraube welche alle einen Blick erhaschen wollen. Ich kann mich gar nicht erinnern bei welcher Fotoreise ich das letzte Mal so viele schöne Bilder von Personen gemacht habe wie hier in Nepal. Die Menschen sind aber auch wirklich spannend anzusehen. Besonders reizvoll finde ich immer wieder die Senioren, deren ganzes Leben sich in ihren zum Teil tiefen Falten wiederspiegelt.

Was für würdevolle Personen wir getroffen haben, und wie passend ihre oft farbenfrohe Kleidung mit ihren Gesichtern harmoniert hat. Die erste Etappe unserer großen Wanderung vergeht wie im Flug. Ich bin begeistert wie gut Juliana bisher mithalten kann. Trotz ihrer durch den Autounfall verursachten Behinderung am linken Bein hat sie keine Mühe die Unebenheiten des Weges zu meistern. Natürlich sind wir nicht die schnellsten, aber das ist sowieso nicht Sinn der Sache. Wir erreichen unser Gasthaus kurz bevor der große Regen einsetzt und ich bin mir sicher das unsere Helfer froh sind, ein Dach über dem Kopf zu haben. Doch gerade bevor wir eben jenes Dorf erreicht haben, führte uns der Weg über einen Bergpass dessen steile Hänge mit recht naturnahem Wald bewachsen sind. Wegen des schlechten Wetters befinden sich diese in tiefen Nebel gehüllt, was mich veranlasst, trotz Müdigkeit noch einmal die Kamera zu schnappen und loszuziehen. Ich bin  wohl der Einzige in unserer Gruppe der dem Wetter etwas Positives abgewinnen kann. Durch die Regenfront ist die an dieser Stelle eigentlich in der Ferne sichtbare Himalaya Bergkette natürlich völlig unsichtbar. Wenn ich in den vergangenen Jahren in meinem Beruf etwas gelernt habe, dann das wenn man eine Chance für ein Motiv bekommt, diese auch nutzen sollte. Seid langer Zeit habe ich von solch einer Situation geschwärmt und nun habe ich sie vor mir.

Es ist fast dunkel als ich völlig durchnässt zurück in die Herberge komme, doch der Ausflug hat sich gelohnt. Das eine oder andere schöne Foto ist mir gelungen. Es sollte für die ganze Wanderung die einzige Begegnung mit Rhododendren im Nebel gewesen sein.

Der Rhythmus mit dem am Nachmittag einsetzenden Regen bleibt uns noch für ein paar weitere Tage erhalten. Die Etappen sind zwischen zwölf und sechzehn Kilometer lang und bringen uns bis auf knapp 3000m Höhe. In manchen Dörfern sehen wir auf jedem Haus bunte Gebetsfahnen im Wind wehen. Ein Anzeichen das es sich um eine Ansiedlung von Exiltibetern handelt, welche vor den chinesischen Invasoren geflüchtet sind. Am Morgen des dritten Tages noch vor Sonnenaufgang ist es dann soweit. Die dicke Wolkendecke am Horizont ist einen Spalt aufgebrochen und zum ersten Mal kann ich den Himalaya Gebirgszug erkennen. Das über 8000m hohe Kanchenjunga Massiv welches wir ansteuern ist zwar noch viele dutzend Kilometer entfernt, doch es ragt massiv und mächtig vor uns in die Höhe. Da wir uns ebenfalls auf fast dreitausend Metern Höhe befinden haben wir einen interessanten Blickwinkel auf die Berge.

Die dem Riesen vorgelagerten, eigentlich auch sehr imposanten Sechs- und Siebentausender,  wirken vor der Kulisse des Kanchjunga richtig niedlich. Andächtig stehen wir Drei auf der Anhöhe und beobachten wie die Sonne ihre ersten Strahlen zwischen die Gipfel schickt. Nur wenige Minuten später sind Licht und Berge wieder zwischen dichten Wolken verschwunden. Von nun an geht es auf anderthalb Tagesetappen über 2000m Meter bergab. Ziel ist der Handelsposten Dobhan, welcher auf 600 Höhenmeter liegt, was uns voll hinein in die tropische Klimazone bringt. Es wird zusehends wärmer. Am vierten Tag setzt sich die Sonne vollends durch was uns richtig ins Schwitzen bringt. Landschaftlich ist es traumhalt und die Dörfer sauber und sehr fotogen.

Der lange mühsame Abstieg bleibt nicht ohne Folgen. Zum ersten Mal spürt Juliana ihre Füße. Als wir am Abend des vierten Tages über die große Hängebrücke laufen und in Dobhan ankommen ist meine Liebste wirklich am Ende ihrer Kräfte. Der Abstieg war lang, heiß und unwegsam. Tapfer ist sie klaglos bis zum Ende durchgelaufen. Doch ein Blick in ihr Gesicht verrät, das sie alle ihre Energie verbraucht hat. Als wir später ihre Füße anschauen sehen wir viele offene Stelle und Blasen. Ich bin etwas Böse mit mir, da ich nicht richtig kontrolliert habe ob ihre Schuhe auch richtig gebunden waren. Natürlich hat sie selbst viel zu wenig Erfahrung und wir können uns in diesem Moment nur vornehmen es in Zukunft besser zu machen. Alle haben sie beglückwünscht bis hierher gekommen zu sein. Das war eine starke Leistung, denn auch ich als erfahrener Wanderer spüre jeden Muskel in meinem Körper. Jetzt sind wir am eigentlichen Startpunkt des Trails. Von nun an wollen wir einem Fluss das Tal aufwärts folgen, bis er uns im besten Fall an dem Fuß des Kanchenjanga Gletschers bringen wird. Doch ich glaube fest, das sowohl unsere nepalesischen Begleiter, als auch mein Freund Rolf zu diesem Zeitpunkt ernste Zweifel hatten, das Juliana die vor ihr liegenden Strapazen auch meistern kann. Für kurze Zeit stand die Frage im Raum ob es sinnvoll ist so wie bisher weiter zu laufen. Sollen wir auf die kritische Situation in irgend einer Weise reagieren? Wir haben eine anspruchsvolle Reise vor uns. Fehler im Gebirge werden oft nicht verziehen. Jetzt galt es die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Gebirge Teil 1: „Vorlauf“ 15.04.2013

„Naturwunder Erde“ ist meine dritte große Produktion welche ich in enger Kooperation mit der Umweltschutzorganisation Greenpeace erarbeite. Darauf bin ich recht stolz, denn es gibt kaum einen anderen Verein, dessen Ideen und Ziele sich so vollständig  mit meinem eigenen Weltbild decken wie die der Regenbogen-Krieger. Damit einher geht natürlich die Verantwortung zuverlässig und im Zeitrahmen zu arbeiten. Ich genieße das Privileg mit der Umsetzung dieses Konzeptes unsere Erde bereisen und fotografieren zu dürfen, stehe dafür in der Pflicht einen super Vortrag zu produzieren und ihn ab November 2013 bis einschließlich 2015 mindestens 300 mal zur Aufführung zu bringen. Damit dies gelingt habe ich ein tolles Team die sich seid Monaten um die Tourneeplanung kümmern. Inga, Astrid und Alexander wählen Städte aus, buchen Hallen und sorgen dafür, dass die Bewerbung der Veranstaltung möglichst reibungslos verlaufen wird.

 

Unser neues Projekt umfasst insgesamt 14 Ökoregionen die ich innerhalb der vier Kapitel „Wasser“,  „Wald“, „Gestein“ und „Grasland“ fotografisch umsetze. Dies bedeutet, dass ich mir vierzehn Mal die Fotoausrüstung um die Schultern hänge und in die wunderschöne Welt hinausziehe um diese in möglichst hochwertigen Bildern zu dokumentieren. Je näher der Tourneestart rückt desto mehr steigert sich die Vorfreude die dabei entstandenen Bilder auch einem möglichst breiten Publikum präsentieren zu dürfen. Mit jeder Reise die ohne Unfälle oder Verluste der Ausrüstung über die Bühne geht, sinkt die Nervosität. In dem Moment, in welchem ich zu Hause ein weiteres fertig fotografiertes Ökosystem in die Festplatte meines Computers lade erhöht sich die Sicherheit im November mit dem bestmöglichen Vortrag auf Tournee gehen zu können, der mir zum jetzigen Stand meiner Karriere möglich ist.

 

 

Inzwischen sind nun etwa zwei Drittel der Themen im Kasten und ich bin mit dem Verlauf der bisherigen Arbeit mehr als zufrieden. Als nächstes steht nun die Umsetzung des Themas „Gebirge“ an, welches neben dem „tropischen Regenwald“ und dem „Ozean“ das wohl körperlich Anstrengendste zu werden verspricht. Ich wollte von Beginn der Planungen an mit dem Himalaya das „Dach der Welt“ im Vortrag haben. Die Idee war das kleine Land Buthan zu bereisen. Dessen Menschen messen ihre Lebensqualität nicht so unsinnig wie der Rest der Welt am „Bruttoinlandsprodukt“ sondern am „Bruttosozialglück“. Dieses misst die Lebensspanne während der man zufrieden ist. Eine gute Idee über die im kapitalistischen Teil der Welt mal nachgedacht werden sollte. Wäre nicht mehr unbegrenztes Wachstum das Maß aller Dinge, sondern eher Werte wie Glück, Gerechtigkeit und Frieden, würde es unserer Erde sicher besser ergehen als es ihr momentan tatsächlich tut. Da sich das Land nur langsam gegenüber reiselustigen Nicht-Buthanern öffnet (was sicherlich nicht zu deren Nachteil ist) lässt man auch nur eine begrenzte Anzahl Touristen ins Land. Diese dürfen für jeden Reisetag eine Gebühr von 200 Dollar auf ihrem Wege zur Erkenntnis zahlen.

Schnell war klar, dass dies mein Budget bei weitem Übersteigen würde, zumal ich mir fotografisch einiges vorgenommen habe, und gut Ding will nun mal bekanntlich Weile haben. Außerdem war schon lange beschlossen das mich auf dieser Trekkingtour meine Lebensgefährtin Juliana begleiten wird. Wir haben uns vor einem Jahr in Brasilien kennengelernt als ich die dortigen Regenwälder fotografiert habe. Seitdem bereichert sie mit ihrer Liebenswürdigkeit jeden Tag meines Lebens. Aus der Patsche geholfen hat mir mal wieder mein guter Freund Rolf, der bei diesem Projekt schon in der Savanne Afrikas und im gemäßigten Regenwald Tasmaniens mit Rat und Tat an meiner Seite stand. Er als passionierter Reisender, dem kaum eine Ecke unserer schönen Welt unbekannt ist, kam auf mit der Idee den „Kanchenjunga Base Camp Trail“ im nepalesischen Teil des Himalaya zu laufen. Als er mir sagte das diese 26 tägige Wanderung bis zum Fuße des dritthöchsten Berges der Welt führen würde – vorbei an im Frühling blühenden Rhododendronwäldern; entlang an von Gletschern gespeisten Flüssen; auf autolosen Fußpfaden; durch kleine Dorfgemeinschaften die ihre Kultur bis heute leben und pflegen, so war die Sache schnell entschieden.

Das Ökosystem „Gebirge“ an sich besteht aus einem Haufen riesiger Gesteinsbrocken die für sich selbst keine große Wichtigkeit für die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten haben. Doch eben jene Gesteinsbrocken sind es, die in enger Synthese mit vielen der Lebensräume stehen, welche ich in meinem Projekte vorstellen werde. Die Themen „Gletscher“, Flüsse“ und „Wälder“ sind entscheidend für das Funktionieren des großen Organismus Erde, und auf sie trifft man alle im „Gebirge“. Ein wunderbares Thema also um die Vernetzung aufzuzeigen, in der viele Dinge der Natur miteinander verbunden sind. Da Rolf schon einmal in Nepal war, einen Veranstalter, einen Guide und die bei solch einer großen Tour notwendigen Träger kannte, hat er praktisch im Alleingang alles vorbereitet.  Juliana und ich mussten nur für die richtige Ausrüstung sorgen die uns sicher in die Hochlagen und wieder zurück bringt. Nun muss man zu bedenken geben das meine Liebste als Bewohnerin des tropischen Regenwaldes praktisch ihr ganzes Leben mehr oder weniger auf Meereshöhe verbracht und Temperaturen unter Null Grad nur vom Hörensagen her kennt. Ich habe von Anfang an ihren Mut bewundert als sie mir glaubhaft versicherte, diese im „Lonely Planet“ Nepal-Reiseführer als „hart“ beschriebene Tour mit mir bewältigen zu wollen.

Dazu kommt das Juliana vor acht Jahren einen schlimmen Autounfall hatte, der ihre Lebensuhr praktisch auf Null zurückgestellt hat. Zweiundvierzig Knochenbrüche und viele andere unschöne Dinge zwangen die Gute mit ihrem Körper wieder von vorne zu beginnen. Bis heute ist sie gezwungen in vielen Dingen mehr Zeit zu investieren, weil die einfach langsamer ist als ein Mensch ohne diese körperlichen Beschränkungen. Kaum jemand aus unserem Umfeld hat und hätte ihr auch nur im Ansatz zugetraut das sie all die Strapazen bewältigen würde die nun vor Ihr lagen. Schon für eine ganz normale Beziehung ist solch eine intensive Trekkingtour eine immense Herausforderung. Nun kennen wir uns erst ein Jahr, stammen aus verschiedenen Kulturen, sprechen miteinander in einer Sprache die nicht unsere Eigene ist und haben es bei ihr mit einem absoluten „Greenhorn“ (ich lese gerade mal wieder Karl May) zu tun, welches auch noch nie im Ansatz etwas ähnliches gemacht, geschweige denn Berge dieser Höhe kennen gelernt hat. Das ist wohl der ultimative Beziehungstest und wir waren uns auch Beide voll bewusst, das wir nicht überrascht sein dürfen, wenn wir das Basislager in 5300m Höhe, aus welchen Gründen auch immer, nicht erreichen werden. Trotzdem sind wir voller Vorfreude als wir uns mit gepackten Rucksäcken auf den Weg in dieses Abenteuer machen.

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ und „der Weg ist das Ziel“ sind zwei allseits bekannte Sprüche, die wie geschaffen scheinen für unsere Situation in den kommenden vier Wochen. Es wird sehr spannend werden….

Ozean Teil 4: „Grenzgang“ 05.04.2013

Rechts und links von mir springen David und Richard ins Wasser. Ich prüfe ein letztes Mal ob mein Atmungsgerät funktioniert, führe meine linke Hand zur Maske um sie zu fixieren und lasse mich rücklings vom Bootsrand in den warmen Ozean fallen. Die See ist recht aufgewühlt. Bevor mich die Wellen vom Boot entfernen greife ich nach der Kamera die mir unser Kapitän über den Bordrand reicht. So schnell es mir möglich ist tauche ich unter die Wasseroberfläche ab. Sofort wird es ruhiger. Ich sehe wie sich meine zwei Kameraden immer weiter absacken lassen. Bevor ich es ihnen gleichtue, richte ich die Blitzarme der Kamera aus, schalte alle Geräte ein und orientiere mich.

Wir haben den Hafen heute noch in der Dunkelheit verlassen und sind weit hinaus zum Außenriff gefahren um Zeuge eines außergewöhnlichen Naturschauspiels zu werden. Richard ist Tauchführer und erkundet das Marine Leben bei Palau seid vielen Jahren. Wir freuen uns darauf ihn begleiten zu dürfen.  In ungefähr zwanzig Metern Tiefe erreichen wir die Plattform des Riffs. Es sieht aus wie ein Tafelberg  unter Wasser.  Schon beim Näherkommen kann ich die Bewegungen einer großen Masse sehen welche über der Ebene schwebt und sich in ihrer Form ständig verändert. Kurze Zeit später erkenne ich das es sich dabei um tausende Individuen handelt die sich im Schutze des Schwarmes zusammen gefunden hat. Bis zu zwanzigtausend Exemplare des „roten Schnappers“ haben sich hier kurz vor Vollmond versammelt. Sie treffen sich zum Laichen und das bedeutet wenn wir Glück haben werden wir Zeugen großer Action sein.

Schon allein der Anblick von so vielen Fischen ist ein Erlebnis für mich und ich muss mich am Riemen reißen nicht allzu aufgeregt zu sein. In achtzehn bis zwanzig Metern Tiefe ist der Luftverbrauch schon recht hoch, besonders wenn man seine Bewegungen nicht bewusst kontrolliert. Es gelingt mir nur zum Teil denn jede Bewegung mit der Kamera ist ein gewisser Kraftaufwand. Ich nähere mich den Tieren bis ich von allen Seiten von ihnen umgeben bin. Es ist unglaublich. Ein Teil des Schwarms entfernt sich von der Mehrheit und lässt sich über der steil abfallenden Kante der Riffplatte in die Tiefe fallen. Es geht los. Ich versuche in unmittelbarer Reichweite der Ausreißer zu bleiben. Es sind einige hundert Tiere die nun zum sogenannten „Tiefensprung“ ansetzen.

Männchen und Weibchen beginnen sich in ihrem Schwimmverhalten zu synchronisieren und steigen dann in rascher Geschwindigkeit mehrere Meter nach oben. Dadurch erhöht sich der Druck im inneren der Fische und ermöglicht ein schnelleres ausstoßen von Sperma und Eiern. Das geht alles so schnell von Statten.

Das Wasser beginnt sich trüb einzufärben als die Männchen ihren Beitrag leisten und ihr Sperma verlieren. Plötzlich mischen sich auch jede Menge Räuberfische unter die Schnapper. Sie haben weit geöffnete Mäuler und versuchen sich wohl soviel Laich wie möglich einzuverleiben. Mein Blick fällt auf den Tauchcomputer. Die Luft ist schon über die Hälfte aufgebraucht obwohl ich erst eine knappe viertel Stunde abgetaucht bin. Der Tiefenmesser zeigt 35 Meter. Das ist nicht „Ohne“. Ich darf auf keinen Fall vergessen auf die “Grundzeit“ zu achten. Zu lange in großer Tiefe kann gefährlich werden, besonders wenn man nicht mehr ausreichend Luft hat um dann langsam an die Oberfläche zu kommen. Ich versuche immer alle Geräte im Auge zu behalten und an die wichtigsten Grundlagen des sicheren Tauchens zu denken. Doch was meine Augen unmittelbar darauf erblicken, lässt mich dann doch fast in Ekstase fallen. Das Spektakel hat weitere Neugierige angelockt. Ich sehe einen größeren Körper unter den laichenden Schnappern entlanggleiten und brauche nicht viel Zeit um zu erkennen, dass es sich hierbei um einen Hai handelt.

Das es keiner der verhältnismäßig kleinen Riffhaie ist wird mir klar als er den Schwarm in einem Bogen umrundet und dabei in ruhigen gleichmäßigen Bewegungen in meiner Richtung schwimmt. Jetzt heißt es ruhig bleiben, keine Panik oder allzu große Freude. Ich versuche mir ins Gedächtnis zu rufen was David mir über Haibegegnungen erzählt hat. Wenn möglich solle ich die Atmung anhalten, denn die Tiere haben vor den austretenden Luftblasen eher Angst und kommen nicht allzu Nahe. Ich mache mir keine großen Illusionen darüber, dass mir das mehr als ein paar Sekunden gelingt könnte. Außerdem kommt der Hai mir eh schon erfreulich nahe. Ich fixiere ihn mit der Kamera und versuche die richtigen Einstellungen zu erwischen. Ich bin aufgeregt und irgendwie fahrig in meinen Gedanken. Das Tier ist drei bis vier Meter groß und wunderschön anzuschauen. Ob ich in diesem Moment Angst habe weiß ich ehrlich gesagt gar nicht. Schon wenige Sekunden später ist er aus meiner Reichweite verschwunden, so dass ich es eher bedauere zu wenig Kraft zu haben um ihm zu folgen. Richard wird mir später berichten, das ich eine Begegnung mit einem Bullenhai hatte und David erzählt das so mancher Taucher hunderte von Tauchgängen braucht um diese Tiere in freier Wildbahn zu sehen. Manchmal muss man halt auch Glück im Leben haben und zur rechten Zeit am rechten Ort sein. Ich werfe einen Blick auf meine Daten und merke, dass ich mich auf 42 Metern Tiefe befinde. Das ist nicht gut. Deswegen auch die Schwierigkeiten bei der Konzentration.  Ich habe gerade den Ansatz eines Tiefenrausches erlebt. Ich muss zusehen, dass ich geordnet aber zügig an die Oberfläche komme. Ich orientiere mich und lasse mich langsam nach oben aufsteigen. Doch es ist noch nicht vorbei.

Plötzlich bin ich von hunderten von Barrakudas umgeben. Diese länglichen Fische scheinen neugierig zu sein. In einem großen Bogen umkreisen sie mich einige Male. Ich versuche mit der Kamera den Bewegungen zu folgen um diese Begegnung mit möglichst vielen Fischen auf dem Foto zu dokumentieren. So schnell sie aus dem tiefen Blau des Ozeans aufgetaucht sind, so schnell sind sie auch wieder verschwunden. Plötzlich bin ich absolut alleine. Ich sehe weder das Riff, noch laichende Fischschwärme, noch meine Tauchfreunde. Währe ich nicht sowieso schon beim Aufstieg gewesen so müsste ich Diesen jetzt unmittelbar beginnen. So schnell kann man unter Wasser die Orientierung verlieren. Meine Luft reicht gerade noch aus um in fünf Metern Tiefe einen dreiminütigen Sicherheitstop zu machen, dann erreiche ich die aufgewühlte Wasseroberfläche. Ich blase meine rote Boje auf und schwenke sie über mir. Die Begegnung mit den Barrakudas hat mich einige hundert Meter vom Boot abtreiben lassen. Ich bin froh, dass unser Kapitän aufmerksam ist und mich zwischen den Wellen recht zügig erkennt. Theoretisch kann mir mit aufgeblasener Tauchweste nichts passieren, doch die hohen Wellen lassen Einen, wenn man nicht aufpasst, immer wieder Salzwasser schlucken, und die Strömung könnte mich im schlimmsten Fall immer weiter vom Boot wegtreiben.

 

Als ich am Abend mit David in unserer Lieblingsbar sitze und meinen Mangosaft schlürfe, wird mir mal wieder bewusst was für ein unglaubliches Glück ich habe diesen Beruf ausüben zu dürfen. Was wir Zwei  haben erleben dürfen ist mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen. Teilzuhaben an den Wundern die dieser Planet bereithält ist das Höchste aller Güter welches ich mir wünschen kann. Heute bin ich aber auch an meine Grenzen gestoßen. „Tiefer“ oder „Länger“ wäre nicht möglich gewesen. Die Natur lehrt uns auch immer wieder unserer Fehlbarkeit und Winzigkeit in den Weiten der Elemente bewusst zu werden. Vielleicht ist es deshalb für Viele so schwer zu glauben, dass unsere Spezies in der Lage sein soll, das Gleichgewicht der Erde schon nachhaltig gestört zu haben. Wir sind, wie der Fischschwarm auch, Lebewesen die in Massen auftreten. Nur hat der moderne Mensch keine natürlichen Feinde mehr welche seinen Wachstum begrenzt halten, so wie es eigentlich in der Natur bei Lebewesen der Fall sein sollte die sich zu stark vermehren. Wir können uns nur selbst Grenzen setzen, und das fällt uns unendlich schwer. Ich weiß nicht wie viel Urwald noch abgeholzt, wieviele Ozeane noch überfischt, wieviele Tierarten noch ausgestorben und wie stark das Klima noch aus dem Gleichgewicht gebracht werden muss bis die Menschheit erkennt das sie auf einen Weg ist, auf dem es ab einem bestimmten Punkt kein Zurück mehr gibt. “Aussterben ist für immer“ lautet ein bekannter Spruch. Er ist leider allzu wahr und schon für weite Teile der Schöpfung gefährlich real.

Ozean Teil 3: “Tierreich” 02.04.2013

Der von mir sehr geschätzte Tierfotograf Ingo Arndt hat eines seiner großen Fotoprojekte „Tierreich“ genannt. Er ist dafür auf die Suche nach Tieren gegangen die in als Herden, Schwärmen oder Kolonien auftreten. Während mir große Ansammlungen von Menschen eher unangenehm sind (vom Publikum bei einem guten Konzert mal abgesehen) ist das Beobachten von großen Tierzusammenkünften eines der schönsten Naturerlebnisse überhaupt. Ich befinde mich immer noch in Palau wo ich zusammen mit David Hettich in Form zahlreicher gemeinsamer Tauchgänge mein Vortragskapitel „Ozean“ entstehen lasse.

Hier haben auch wir das tolle Gefühl gespürt welches unser gemeinsamer Freund Ingo bei der Umsetzung seines  Projektes immer wieder gehabt haben muss. Wir waren unmittelbare Zeugen faszinierender Tiermassen.

Solche Erlebnisse bereichern meinen Job als Naturfotograf ungemein. Die zahllosen Wunder die ich im Laufe der letzten zwanzig Jahre mit der Kamera dokumentieren durfte haben mich die Achtung gelehrt welche ich heute gegenüber unserer fantastischen Heimat Erde empfinde. Deswegen bin ich wahrscheinlich auch so ungemein wütend auf uns Menschen. Unser rücksichtsloser Umgang mit den Lebensgrundlagen stellt den schnellen Gewinn und kurzfristigen Wohlstand über das langfristige Wohl all derer, die nach uns kommen. Verlierer sind am Ende Alle. Die Tier- und Pflanzenwelt aber auch unserer Kinder und Kindeskinder. Was der Großteil der Menschen bis heute nicht verinnerlicht hat, ist das unser Überleben unmittelbar mit intakten Kreisläufen in den verschiedenen Ökosystemen zusammen hängt. Basierend auf diesen Gedanken habe ich das Konzept zu „Naturwunder Erde“ konzipiert. Ich möchte versuchen unsere Welt als „großes Ganzes“ zu präsentieren. Es muss gelingen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft davon überzeugt, ihr Dogma „Wachstum“ in die Schlüsselworte „Nachhaltigkeit“ und „Effizienz“  zu verwandeln. Nachhaltige Kreisläufe sind das Einzige das meiner Meinung nach in Zukunft „wachsen“ darf. Unsere Erde ist zwar groß, aber die Einflussnahme von sieben Milliarden Menschen ist inzwischen zu stark geworden. Der Planet kann dies auf lange Sicht nicht verkraften wenn er auch in Zukunft eine immer noch steigende Anzahl hungriger und nach Wohlstand dürstender Menschen mit Rohstoffen versorgen soll. Wenn meine Fotos und Geschichten bei den Besuchern der fertigen Show ähnliche Gedankengänge auslösen, dann habe ich einen guten Job gemacht. Ende 2015 nach dreihundert Auftritten zusammen mit Greenpeace werden wir wissen ob und bei wie vielen Menschen es geklappt hat.

 

David schwimmt ungefähr dreihundert Meter vor mir. Wir sind im Moment die einzigen Besucher von einem der touristischen Highlights auf dem Inselarchipel Palau. Die Pressluftflasche haben wir nicht dabei. Tauchen ist im berühmten „Jellyfish Lake“ nicht erlaubt. Mit Schnorchel, Taucherbrille und Flossen ausgestattet bewegen wir uns über den See. Mal schauen wir unter mal über die Wasseroberfläche. Dieser See ist wirklich eine Besonderheit im Spektrum natürlicher Vielfalt. Mit der Erhöhung des Meeresspiegels zum Ende der letzten Eiszeit ist Salzwasser durch das poröse Kalkgestein der „Rock Islands“ gedrungen und hat die Senke gefüllt die heute den etwa vierhundert Meter langen See ausmacht. Durch kleine Öffnungen zum umliegenden Ozean müssen irgendwann die Quallen gekommen sein welche sich hier im Wasser tummeln. Bis zu dreißig Millionen sollen es in Hochzeiten sein. Ein Ort den der Mensch eigentlich inständig meiden sollte, denn bekanntlich Nesseln Quallen und das tut höllisch weh. Doch während ihrer Zeit innerhalb der abgeschlossenen Welt des Sees, hat die Evolution  die Medusen, wie sie auch genannt werden, ihre Fähigkeit zur Verteidigung genommen. Vielleicht weil natürliche Feinde fehlen. Zu anderen Quallenarten unterscheiden sie sich zudem das die Endteile ihrer Arme stark verkürzt sind und die Pigmentfarbe Blau fehlt.  Zu Anfang erblicken wir nur vereinzelte Exemplare die sich im grün schimmernden Wasser in ihrer für sie typischen Art bewegen indem sie sich immer wieder gegen den Uhrzeigersinn drehen. Damit lassen sie ihrem Körper gleichmäßig Licht zukommen. Denn sie tragen Symbionten in sich, die durch Lichtaufnahme Energie entwickeln welche die Quallen ernähren. Das gleiche Prinzip funktioniert übrigens auch bei Steinkorallen welche die Riffe bilden. Stoßen die Korallen die Symbionten aus Stressgründen ab, zum Beispiel durch einen erhöhten Säuregehalt des Wassers, so sterben die Wirte. Dies nennt man allgemein Korallenbleiche, ein Phänomen welches  leider in Zeiten des Klimawandels immer häufiger beobachtet wird.

 

Zuerst versuche ich einzelne Quallen abzulichten, was nicht weiter schwer fällt, denn die Tiere kommen bis unmittelbar unter die Oberfläche. Irgendwann fällt mir auf das David an einer Stelle in Ufernähe schon recht lange ausharrt und in die Mangroven blickt. Als er wahrnimmt das ich zu im schaue gibt er mir ein Zeichen und ich schwimme auf ihn zu. Mit gedämpfter Stimme fragt er mich ob mir an unserer Umgebung etwas auffalle. Es dauert kaum drei Sekunden da sehe ich es vor mir. Auf einen Ast liegt ein Krokodil. Ein Salzwasserkrokodil. Richtig gefährlich Burschen, sagt man. Die können bis zu sechs Meter groß werden. Unser Exemplar ist vielleicht eineinhalb Meter lang. Eine Tatsache die mich momentan aber nur unwesentlich beruhigt. Ein Krokodil im „Jellyfisch Lake“ in dem jeden Tag duzende Touristen planschen? Es liegt ganz friedlich da. Wir wollen Beide zumindest ein Beweisfoto machen. Mit unseren Weitwinkelobjektiven im Unterwassergehäuse kein einfaches Unterfangen. Ganz langsam versuche ich mich dem Tier zumindest ein klein wenig zu nähern. In diesem Moment macht es einen Satz nach vorne und springt blitzschnell zu uns ins Wasser. Damit war der Gag er Reise geboren. Unter brüllendem Gelächter erzählt David später Allen die es hören oder auch nicht hören wollen wie mir in diesem Moment ein schlichtes „Ach du Scheiße“ rausgerutscht ist und wir uns Beide wie die Wilden mit hektischen Schlägen unserer Flossen versucht haben zu entfernen. Ich glaube es hat so ungefähr zehn Sekunden gedauert bis der Verstand wieder die Oberhoheit über das Gehirn erobert hat.  Ein Krokodil im Jagdmodus hätte keine Probleme uns zu erreichen egal wie sehr wir uns auch bemühen aus seiner Reichweite zu kommen. Also haben wir aufgehört zu paddeln und uns unserem Schicksal hingegeben. Doch der geöffnete Rachen der sich aus der trüben Tiefe erhebt bleibt eine Urangst in meiner Vorstellung. Nach und nach wird die Atmung wieder normal und die Panik verschwindet. Das Krokodil hatte wohl genauso viel Angst vor uns wie wir vor ihm und ist einfach geflüchtet. Auf Palau ist es zum Glück bisher kaum zu ernsthaften Zwischenfällen mit diesen urzeitlichen Gesellen gekommen. So bleibt uns zwar ein Schreckmoment aber auch ein tolles Ergebnis, dieses Tier überhaupt in seiner natürlichen Umgebung entdeckt zu haben.

Wir schwimmen gemeinsam weiter in Richtung östliches Ende des Sees. Es ist noch Vormittag. Zu diesem Zeitpunkt halten  sich dort ein Großteil der Quallen auf. Inzwischen schwimme ich fast ständig mit dem Kopf unter der Wasseroberfläche.  Aus einzelnen Tieren werden Duzende, dann Hunderte und später Tausende die ins Blickfeld geraten. Es ist ein Anblick der schwer zu beschreiben ist. Irgendwann sind wir komplett von diesen seltsamen Lebewesen umgeben. Ihre Haut fühlt sich weich an. Ekel verspüre ich keinen, im Gegenteil. Die Quallen sind so zart das wir aufpassen müssen mit unserem Flossenschlag nicht ständig einige dieser Geschöpfe zu verletzen. Von nun an zahlt sich mein vier Kilogramm schwerer Gürtel aus, den ich die ganze Zeit um die Hüften trage. Er macht es mir einfach mich wie ein Stein absinken zu lassen und in diese unwirkliche Welt aus glibberigen Körpern und grün schimmerndem trüben Wasser eintauchen zu lassen. Außerdem profitiere ich davon, dass wir vor einigen Wochen bei den Wal-Haien auf den Philippinen schon einmal beim Schnorcheln waren. Ich kann inzwischen besser die Luft anhalten und durchaus vier bis fünf Meter abtauchen.

Der Blick ist atemberaubend, was nicht schadet denn Atmen ist sowieso nicht möglich. Besonders der Anblick gegen das Licht ist gewaltig. Als würde man ins Weltall schauen und an endlos vielen Planeten vorbeigleiten. Ich schiebe die Kamera vor mir her und versuche möglichst Bilder zu machen in denen sich die Medusen gleichmäßig über das Bild verteilen. Das geht im Endeffekt nur über die Masse an Auslösungen, denn Planen kann man so ein Foto bei der kurzen Zeit des Abtauchens nicht. Es ist eine Mischung aus Glück, Intuition und Beherrschung der Technik. Viele Male lasse ich mich nach unten fallen und stoße kurze Zeit später laut prustend durch die Oberfläche.

Erst als wir ziemlich erschöpft sind machen wir uns langsam auf dem Schwimmweg zum Steg über den alle Besucher in den See einsteigen. Inzwischen sind zwei große Gruppen japanischer Touristen beim Schnorcheln. Ein Großteil der Besucher verweilt in der Mitte des Sees, was dem Hauptteil der Quallen Ruhe vor allzu vielen Eindringlingen verschafft. Auf dem Weg zurück schwimmen wir in Ufernähe und treffen doch noch auf einen Fressfeind der Schwabbelwesen. An ins Wasser gestürzten Bäumen wachsen weiße Anemonen die sich an Quallen gütlich tun. Haben sie diese erst einmal in ihren Fängen werden die Medusen praktisch nach und nach ausgesaugt. Ein schaurig schöner Anblick.

Als wir über einen kurzen steilen Pfad durch den Wald zurück zu unserem Boot marschieren sind wir voller Begeisterung über die Erlebnisse in diesem außergewöhnlichen Salzwassersee. Doch auch hier bleibt zu hoffen, dass man die steigenden Besucherzahlen richtig dosiert. Es ist praktisch wie überall auf der Welt. Wenn zu viele Naturfreunde über Natur herfallen, dann nimmt diese meist Schaden. Bisher haben die Touristen nachweislich drei neue Lebensformen in diesem See eingeschleppt mit bisher ungewissen Folgen. Ob es da ausreicht das sich jeder Besucher die Schuhe abputzen muss bevor der sich auf den Weg zum See macht wird die Zukunft zeigen. Es ist auf jeden Fall gut zu wissen das es sechs weitere Quallenseen auf Palau gibt zu denen der Mensch aber keinen Zutritt hat.

Ozean Teil 2: “dem Paradies ganz nah” 30.03.2013

Manchmal muss man im Leben Entscheidungen treffen. Als ich über das Konzept für mein Greenpeace-Project „Naturwunder Erde“ nachgedacht habe, war mir von Anfang an klar, dass ich keine fotografische Hommage über unseren Planeten umsetzen kann, wenn ich das Element Wasser ausspare. Immerhin sind 70 Prozent unserer Welt mit Ozeanen überzogen, und diese sind die artenreichsten Ökosysteme überhaupt. Deshalb habe ich im letzten Jahr einen Tauchkurs belegt und auf der Grundlage meines stark ausgeprägten Selbstvertrauens eine sehr hochwertige Unterwasserausrüstung gekauft. Das war riskant. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung ob ich in der Lage sein würde, die gewünschte fotografische Qualität auch unter der Wasseroberfläche umzusetzen. Meine werte Frau Mama wird nicht müde zu betonen wie wasserscheu ich als Kind gewesen bin, und in der Tat war das nasse Element nie eine Wohlfühlzone für mich. Doch ich habe diesen Schritt nicht bereut – im Gegenteil. Ich bin inzwischen bei fast siebzig Tauchgängen und habe einen der besten Unterwasserfotografen Deutschlands als Partner an meiner Seite um das Kapitel „Ozean“ umzusetzen. David Hettich (www.abenteuer-ozean.de) ist mit über dreitausend Ausflügen ins Reich der unterdrückten Farben praktisch im Wasser aufgewachsen. Der Junge ist zwölf Jahre jünger als ich und hat die Vita eines  alten Hasen. Durch ihn lerne ich jeden Tag dazu und bin begeistert über all die Wunder die wir durch unsere Abenteuer vor die Linse bekommen.

Wir sind auf dem Inselstaat Palau der im pazifischen Ozean liegt. Die Hauptinseln sind besiedelt und in der heutigen Zeit praktisch wie ein zusätzlicher Bundesstaat der Vereinigten Staaten einzuordnen. Von der ursprünglichen Inselkultur der Mikronesier ist, zumindest Oberflächlich gesehen, fast nichts mehr wahrzunehmen. Kaum eine Ansicht die nicht irgendwie an eine Kleinstadt irgendwo in der militärischen Schutzmacht USA erinnert. Vielleicht ist alles noch ein wenig ärmlicher, was auch am tropischen Klima liegen kann. Kein Metall das nicht rostet, kein Holz das nicht fault, keine Farbe die nicht bleicht, wenn man nicht ständig erneuert.

In den letzten Jahren ist der Tourismus beständig auf Wachstumskurs. Dies bringt zwar eine Menge Geld auf das Archipel, aber auch die üblichen Probleme im Windschatten in Form von vermehrtem Müllaufkommen, Land- und Energienutzung.

  

Palau hat das Glück das sich ein Großteil seiner Naturwunder vom bewohnten Festland entfernt in den vorgelagerten Korallenriffen befinden. Innerhalb des großen Außenriffs befinden sich die faszinierenden „Chelbacheb“- Inseln auch „Rock Islands“ genannt. Über 200 aus der Wasseroberfläche ragende Kalksteininseln in allen möglichen Formen und Größen sind für mich neben der fantastischen Vielfalt im Ozean die Hauptattraktion. Sie sind mit dichtem Urwald überzogen und nicht selten mit einem Sandstrand geadelt, welche wohl bei den meisten Naturfreunden schnell die Assoziation vom Paradies hervorrufen. Während des zweiten Weltkrieges wurde hier ordentlich gewütet. Die Japaner haben hier über hunderttausend Soldaten verloren. Einige ihrer zerschossenen Flugzeuge und Schiffswracks sind heute beliebte Tauchziele, weil sie im Laufe der Zeit mit einer Vielzahl an maritimen Lebensformen überzogen wurden.

Glücklicherweise sind die „Rock Islands“ heute Teil des Weltnaturerbes der UNESCO und Palaus Präsident hat im Jahre 2003 das erste Haischutzgebiet überhaupt ins Leben gerufen. Dies nährt die Hoffnung, dass man sich dem Wert seiner natürlichen Schätze durchaus bewusst ist. Jedes Jahr werden weltweit Millionen Haie vom Menschen dahingeschlachtet – ein Irrsinn wenn man dazu in Relation setzt wie viele Menschen durch diese Spezies tatsächlich zu schaden kommen. So sehr ich Herrn Spielberg als Regisseur von tollen Kinoerlebnissen schätze, hat er doch mit seinem „Weißen Hai“ bei unzähligen Menschen Ängste geschürt und eine Vorstellung geschaffen, die dieser Tierart in keinster Weise gerecht werden. 

Doch Palau kann noch so viel zum Erhalt seiner Naturschätze unternehmen, wenn die Weltgemeinschaft nicht anfängt über neue Wege im Umgang mit unseren Lebensgrundlagen nachzudenken, wird es den Staat in der heutigen Form irgendwann nicht mehr geben. Die Inseln von Mikronesien gehören zu den ersten großen Verlierern des vom Menschen gemachten Klimawandels. Erwärmt sich der Planet weiter, übersäuren die Ozeane und die Korallen werden sterben. Damit verliert das Land nicht nur die wichtigste Einnahmequelle in Form des Tourismus, sondern die heimischen Fischer auch ihre Lebensgrundlage, denn fast alle Kreisläufe im maritimen Leben sind mehr oder weniger stark mit der fragilen Welt der Korallenriffe verbunden. Vermehrte Taifune haben schon heute eine zerstörerische Kraft über und unter Wasser und der Anstieg des Meeresspiegels ist ebenfalls ein elementares Problem. Aufgrund all dieser Gefahren forderte Palaus Präsident  am 22. September 2011 in der UN-Vollversammlung dazu auf, dass diese ein Rechtsgutachten des Internationalen Gerichtshofes in Den Haag zu der Frage der Verantwortlichkeit der Staaten für die Folgen des andauernden Klimawandels einholen möge. Im Moment wird darüber diskutiert ob die Vollversammlung das tun solle, und ich hoffe inständig, dass die Initiative Palaus Erfolg haben wird.

David und ich waren drei Mal am berühmten Tauchplatz „Blue Corner“ welcher besonders für seine Haisichtungen bekannt ist. Dort haben wir uns an der Abbruchkante des Riffs mit dem Strömungshaken eingehängt. Dank eines Seiles werden wir vor dem Abdriften bewahrt und können in aller Ruhe beobachten was vor unseren Augen alles vorbeischwimmt. Bei einem von drei Versuchen haben wir beste Bedingungen. Die Sicht ist glasklar und die Vielzahl an Schwarmfischen und vor allem Haien die friedlich wenige Meter vor unseren Augen vorbeitreiben ist atemberaubend. In fünfzehn bis zwanzig Metern Tiefe werden wir  Zeuge eines vielfältigen Lebens welches, hat man es nicht mit eigenen Augen gesehen, kaum vorstellbar erscheint. Besonders fasziniert bin ich natürlich von den Riffhaien die in stoischer Ruhe keine drei Meter von mir entfernt an uns vorbeitreiben.

Neben der Vielzahl an Fischen welche die Strömung zur Nahrungsaufnahme nutzen ist das Riff mit unzähligen Korallen aller möglichen Farben und Formen bewachsen. Besonders die Fächerkorallen sind fotogen. Da unter Wasser die Farben schon nach wenigen Metern verschwinden ist es wichtig mit Blitzlicht zu fotografieren, damit diese wieder sichtbar werden. Für mich ist das ein herantasten an einen Bereich in der Fotografie der mir sehr fremd geworden ist. Ich habe in den vergangenen zwanzig Jahren in meiner Naturfotografie bewusst auf Blitzlicht als Gestaltungsmittel verzichtet und mich nur auf das natürliche Licht verlassen. Unter Wasser ist das unsinnig, so dass ich mich Stück für Stück bemühe das Blitzlicht in richtiger Dosierung mit dem natürlichen Licht zu mischen. Am Schönsten wirken die Fächerkorallen wenn sie gegen die Wasseroberfläche fotografiert sind. Stellt  man es geschickt an leuchten sie dann in all ihrer Pracht durch die Kraft des Blitzes und das Wasser wird Kontrastreich von tiefblau bis hellblau wiedergegeben.

Es dauert einige Zeit bis ich die richtige Dosierung hinbekomme. Dazu kommt natürlich immer noch die Schwierigkeit des Tauchens selber. Je stärker die Strömung desto schwieriger kann man die Kamera und vor allem den eigenen Körper tarieren. Was bei David spielerisch leicht aussieht ist bei mir als Neuling sehr harte Arbeit. Die Tarierung ist auch aus Naturschutzgründen sehr wichtig, denn  sehr schnell sind zarte Korallen zerstört wenn man seine Bewegungen nicht unter Kontrolle hat. Ich kann nicht behaupten das mir an jedem Tag viele Spitzenfotos gelingen, doch im Laufe der Zeit addieren sich die gelungenen Bilder und ich glaube das Kapitel „Ozean“ wird zu einem sehr spannenden Teil meiner neuen Multimediashow.

Ozean Teil 1: “Sanfte Riesen” 19.03.2013

Ein dunkler Schatten gleitet neben unserem Boot durch das tiefblaue Wasser. Schemenhaft kann ich das Wesen erkennen, weswegen mein Freund und Kollege David Hettich und ich auf die Philippinen gereist sind um es in seinem natürlichen Lebensraum zu fotografieren.

Sofort setze ich mir die Taucherbrille auf den Kopf, ziehe die Flossen über die Füße, prüfe den um meine Hüften hängenden Gewichtgurt und greife zum Unterwassergehäuse in dem sich meine Kamera befindet. Einen Augenblick später bin ich schon vom warmen Wasser des Ozeans umgeben. Während sich das Wasser wieder beruhigt  und die Sicht klar wird blicke ich unter die Oberfläche um den momentanen Ort des Tieres zu lokalisieren. Dabei versuche ich möglichst ruhig durch den Schnorchel ein und auszuatmen.  In ungefähr vier Meter Tiefe schwimmt nun ein männlicher Walhai direkt auf mich zu. Ich kann sein breites Maul, seine weißen Rückenpunkte und die für Haie so typische spitz zulaufende Schwanzflosse erkennen. So gut es mir als Anfänger möglich ist, versuche ich Luft in meinen Brustkorb zu pumpen um dann den Oberkörper nach unten fallen zu lassen. Kräftige Beinstöße bringen mich komplett unter die Wasseroberfläche. Besonders mit dem schweren Kameragehäuse das ich dabei vor mir herschiebe ist das gar nicht so einfach.

Innerhalb weniger Sekunden nähere ich mich dem größten Fisch unserer Erde. Es sind nur kurze Augenblicke in denen ich diese unglaublichen Einblicke in seine Welt genießen kann, denn dann meldet sich mein ungeschulter Körper, oder ist es der Kopf, der mir sagt das er dringend wieder Luft zum atmen möchte. Während ich den Auslöser der Kamera praktisch ständig durchdrücke versuche ich so gut es geht auch Details der Szenerie wahrzunehmen. So kann ich gerade noch seine kleinen Augen erkennen, die seitlich des Riesenmaules sitzen, bevor mein Instinkt mich wieder nach oben in meinen eigenen Lebensraum zurückschickt. In solchen Momenten beneide ich David, dem das Wasser zur zweiten Heimat geworden ist. Seine Jahrzehnte lange Taucherfahrung hat ihn  gelehrt viel länger ohne Sauerstoff auszukommen, und so gelingt es ihm noch für einige Zeit parallel neben dem Walhai her zu tauchen, während ich schon wieder Luft schnappend zur Oberfläche durchstoße. Die Tiere sind Vegetarier und ernähren sich von Plankton welches sie sich durch Mundöffnung schieben indem sie das Meerwasser filtern. Dieses junge Männchen ist ungefähr sechs bis sieben Meter groß. Ausgewachsene Walhaie können bis zu vierzehn Meter erreichen. Solche Exemplare hat David schon bei den Galapagos Inseln fotografiert. Die Tiere sind übrigens waschechte Haie. Den Zusatz Wal haben sie nur wegen ihrer Größe bekommen.

 

Heute ist unser dritter Tag bei den friedlichen Riesen und es scheint mein Glückstag zu sein. Der Fisch bleibt auf einer für mich erreichbaren Wassertiefe und lässt sich durch uns menschliche Besucher nicht von seinem Weg abbringen. So kann ich immer wieder zu ihm abtauchen, was mir mit Hilfe der einheimischen jungen Männer gelingt, welche in kleinen Ruderbooten sitzen und als sogenannte „Spotter“ für uns Touristen die Walhaie orten helfen. Sofort nach meinem Auftauchen, werde ich aufgesammelt und kann mich auf dem Kanu für einige Sekunden erholen. Während dessen rudert uns mein Helfer wie ein Wilder weiter um mich wieder vor den Fisch zu bringen.  Dabei fallen meine Blicke immer wieder auf die schöne Kulisse der Insel Süd-Leyte, von deren Ufer wir nur wenige duzend Meter entfernt nach den Walhaien Ausschau halten.

Erstaunlich das sich die Tiere so nahe an der Küste aufhalten. Die Landschaft ist in erster Linie mit Kokospalmen bewachsen. Diese sind zwar wunderschön anzusehen, aber vom Menschen eingeführt. Nur in den höheren Lagen und an steilen Hängen erkenne ich die ursprüngliche Vegetation, den tropischen Regenwald. Einfache Hütten und kleine Fischerboote säumen den Küstenabschnitt und immer wieder beobachte ich Kinder die fröhlich am Wasser spielen. Während auch die Philippinen mit einer schnell wachsenden Bevölkerung zu kämpfen haben, scheint hier die Balance noch recht gut erhalten. Das Bild das sich mir erschließt kommt dem Idyll das man sich als Reisender erhofft an diesem Fleckchen Erde noch recht nahe. Die Menschen aus dem lokalen Dorf haben erkannt welche Attraktion sich hier in den Gewässern vor ihrer Haustüre tummelt. Das Schöne daran ist, das man hier nicht in blindem Aktionismus verfällt um möglichst schnell viele Besucher anzulocken, sondern zusammen mit einer Naturschutzorganisation das Leben der Haie erforscht und den Tourismus mit strengen Regeln und Abläufen versieht welche die Tiere schonen sollen. So bekommt die Gemeinde für jeden Besucher eine Gebühr und viele Junge Männer und Frauen haben einen Job als „Tourguide“ und „Spotter“ bekommen. Tauchgänge mit Pressluftflachen sind nicht gestattet, da sich die Tiere durch die ausgestoßenen Luftblasen erschrecken. Außerdem sind Blitzaufnahmen verboten, was fotografisch sowieso unsinnig wäre. Just im gleichen Zeitraum als David und ich hier unsere Tage verbringen habe ich auf „Spiegel-online“ einen Artikel über Walhaie in einer anderen Region auf den Philippinen gelesen. Durch die Tiere ist das dortige Dorf zu großem Wohlstand gekommen, weil man begonnen hat sie anzufüttern und den Besuchern so praktisch Walhai Sichtungen garantieren kann. Für die Fische ist das verheerend, denn sie werden abhängig und verlieren komplett ihre natürlichen Instinkte. Ich bin froh, dass wir hier in Süd-Leyte das hiesige Projekt mit unserem Besuch unterstützen können. Die Leute sind extrem freundlich und haben ein ernsthaftes Interesse die Fische und ihren Lebensraum zu erhalten. Seit 1998 dürfen Walhaie auf den Philippinen übrigens nicht mehr gejagt werden.

Auf dem Rückweg zu unserer Tauchbasis sitze ich vorne am Bug unseres Bootes. Es ist komplett windstill. Mir ist als würden wir über das Wasser schweben. Die See breitet sich wie eine große Spiegelfläche vor mir aus.  Der Fahrtwind streicht angenehm über die Haut. Am Horizont bauen sich große Wolkenberge auf die den Himmel dunkel färben. Es wird bald regnen. Eine Gruppe Delphine kreuzt unseren Weg. Immer wieder springen sie aus dem Wasser als wollten sie mich Grüßen.  Dies sind Momente in denen es mir nicht schwer fällt die Probleme der weiten Welt wegzuschließen und die Schönheit des Augenblickes in vollen Zügen zu genießen.

 

Patagonien Teil 3: “Mondsüchtig” 03.03.2013

Ein Gletscher entsteht in Regionen wo es viel schneit. Durch sein Eigengewicht wird der Schnee stark gepresst und transformiert sich zu Eis. Das patagonische Eisfeld ist praktisch ein riesiger Gletscher. Auf einer Länge von 350 Kilometer haben sich hier im südlichen Südamerika die Hochebenen der Anden mit Eis überzogen. Entlastung des durch neue Schneefälle verursachten Druckes verschafft sich dieser kalte Riese in Form unzähliger großer und kleinerer Gletscher durch die das Eis zwischen den Bergen hindurch Talwärts gepresst wird. Auf argentinischer Seite mündet das Eis unter Anderem in zwei riesigen Seen, auf der chilenischen Seite direkt in den pazifischen Ozean. Abgesehen vom antarktischen Kontinent und der Arktis mit Grönland befindet sich hier in Patagonien die größte zusammenhängende Eisfläche der Erde.

Und ich befinde mich nun am Abend des dritten Tages unserer kleinen Expedition an einem der schönsten Orte in dieser sowieso schon sagenhaft faszinierenden Landschaft. Wir haben  unser Zeltlager am Fuße des „Cerro Torre“ aufgeschlagen. Genau an der Stelle wo ein vom Bergmassiv kommender Gletscher sich mit dem Eisfeld vermischt. Mit seinen vielen Türmen ist der „Cerro Torre“ einer der schönsten und markantesten Gipfel überhaupt auf der Welt. Ihn hier von seiner Rückseite in dieser archaischen Umgebung so nahe vor mir aufragen zu sehen löst bei mir Glückshormone aus, die mich in den kommenden Tagen fast schweben lassen.

Der Marsch an diese Stelle verlief ohne Komplikationen und war verglichen mit dem Aufstieg aufs Eisfeld am Vortrag relativ  human. Das Wetter ist nach wie vor stabil. Der Wind hält sich in Grenzen und die Sicht ist klar. Bisher stimmt die Wettervorhersage genau. Wenn uns unser Glück nicht verlässt haben wir von nun an noch zwei Tage bis der Umschwung kommt und uns der Sturm vom Eisfeld bläst. Es ist eine Nacht vor Vollmond. Wir wollen die zwei kommenden Tage an diesem Ort verbringen um hier den Schwerpunkt meiner fotografischen Arbeit in den Kasten zu bekommen. Meine Stimmung ist euphorisch.

Komplettiert wird meine gute Laune durch die perfekte Übergabe der fehlenden Ausrüstung am Nachmittag durch den zuverlässigen Boten. Jetzt habe ich eine vernünftige Hose an und erfreue  mich an meinem eigenen Stativ. Der Bergführer welcher mir die Sachen gebracht hat, wird die Nacht hier oben mit uns verbringen, und morgen früh in einem weiteren Gewaltmarsch den Weg zurück nach „El Chalten“ bewältigen. Wir erinnern uns: zu Beginn der Tour war mein Gepäck nicht rechtzeitig mit mir in Patagonien angekommen. Ich habe lange überlegt ob ich 300€ in diesen Lieferservice investieren soll. Nun stehe ich vor dieser unglaublichen Kulisse aus Granit, Eis und Schnee und bin heilfroh diese Entscheidung getroffen zu haben.

Es ist nach zwanzig Uhr als ich mich zusammen mit Luis auf den Weg mache um zu fotografieren. Das Licht ist in diesem Moment durch vorbeiziehende Wolken sehr schön. Der richtige Zeitpunkt um ein Portrait von uns Beiden zu machen. Ich stelle das Stativ mit der Kamera vor uns auf. Lachend blicken wir in Richtung Aufnahme und warten während der Zeitauslöser seine 10 sec Vorlauf ablaufen lässt. Das Grauen kommt in Form einer massiven Windböe. Wie in Zeitlupe fängt das Stativ an zu kippen um dann immer schneller nach vorne zu fallen. Das Lächeln gefriert, und mehr als einen Entsetzensschrei bekomme ich nicht zu Stande. Es ist längst zu spät. Die Nikon D3x ist mit voller Wucht, mit dem 17-35mm Objektiv voraus, auf das massive Eis geknallt. Der Polfilter ist zersplittert und das Bajonett worauf die Linse geschraubt ist, sichtbar verbogen. Mir ist sofort klar das ich es hier mit einem elementaren Schaden zu tun habe (1500 € Reparatur wie sich später heraus stellt). Was mich aber in diesem Moment viel mehr entsetzt ist die Tatsache, dass ich gerade meine Anzahl Akkus halbiert habe. Die ansonsten von mir sehr geschätzte Firma Nikon verbaut für so gut wie jede Kamera verschiede Energiespeicher und jetzt habe ich ein Problem mit der Einteilung. Hemmungsloses herum Geballere kann ich mir jetzt nicht mehr leisten, denn meine geplanten Nachtaufnahmen kosten viel Strom und ich möchte ja bis letzten Tag der Wanderung  fotografieren können. Das ich mich auch maßlos über mich geärgert habe ist klar. Noch wenige Minuten vor dem Unfall habe ich mich wegen der vereinzelten Windböen ermahnt vorsichtig zu sein, nur um es dann kurz darauf im entscheidenden Moment zu vergessen. Aber solche Dinge passieren, und man muss damit umgehen können.

Nicht mehr ganz so euphorisch aber trotzdem voller Tatendrang marschieren wir ein wenig später auf einem mit Schnee bedeckten Hang steil nach oben. Von hier aus haben wir eine prima Aufsicht auf den sich direkt unter uns ausbreitenden Gletscher und die dahinter aufragenden pittoresken Türme des „Cerro Torre“. Mit einer kleinen Veränderung unseres Standpunktes können wir von hier aus auch wunderbare Aufnahmen vom Eisfeld machen. Die Berge sind an diesem Abend wolkenfrei. Nicht so der Himmel über der Eisfläche. Eine einzelne, riesige freistehende Wolke steht über dem Horizont. Je weiter die Sonne dahinter versinkt desto intensiver färbt sie sich ein.

Ich habe in meinem Leben gewiss schon viele farbenfrohe Wolkenstimmungen erlebt, doch eine solche Perfektion in Form und tiefroter Farbe ist mir nicht in Erinnerung. Mehrere Minuten schauen wir gespannt auf das Schauspiel bis die Farben mehr und mehr verblassen.

Inzwischen ist es auf der dem Sonnenuntergang gegenüberliegenden Seite schon recht duster. Jetzt wird es auch hier fotografisch spannend, denn der Himmel ist nun dunkler als das Gestein der Berge. An ihnen reflektiert sich nach wie vor das indirekte Licht es vergangenen Tages während im Himmel bereits die ersten Sterne sichtbar werden.

Es weht keinerlei Wind und somit sind wir von absoluter Stille umgeben. Da ist sie wieder, die Magie – jene Momente die ich als Naturfotograf so sehr liebe.  Es wird noch besser.

Vor uns auf dem Gletscher entstehen plötzlich tiefschwarze Schattenpartien, während weite Bereiche der Bergkette und des Eisfeldes zu leuchten beginnen. Mondlicht hat in Winterlandschaften eine erstaunliche Kraft.  Ich könnte ein Buch lesen, wenn ich wollte. Will ich aber nicht. Ich fotografiere. Damit die Sterne als Punkte und nicht als bewegte Linien abgebildet werden muss die Belichtungszeit unter 13 Sekunden bleiben. Es ist schon nach Mitternacht. Trotzdem reicht es wenn ich die Kamera auf eine Empfindlichkeit von 500 ASA einstelle. Meine Nikon D4 ist für solche Verhältnisse hervorragend geeignet. Der Vollformat Sensor schafft Nachtaufnahmen in bisher nicht gekannter Qualität. Am Schönsten ist die Szenerie als sich unsere einstige rote Wunderwolke über den Himmel auf die andere Seite bewegt hat und nun direkt über dem „Cero Torre“ und seinen Nachbarbergen steht.

Fotografenherz was willst du mehr? Absolut nichts! Glücklich falle ich gegen Ein Uhr dreißig auf die harte Isomatte und schlafe selig ein. Um halb vier klingelt der Wecker. Jeder der die letzten Blog-Einträge aufmerksam gelesen hat wird ungefähr einschätzen können wie wenig mein Körper eigentlich in der Lage sein  müsste den Schlafsack nun schon wieder zu verlassen. Doch allein der Gedanke an die mich umgebende Landschaft lassen genügend Adrenalin durch mich hindurchschießen das ich im Nu hellwach bin. Ohne die Anderen zu wecken schlüpfe ich in meine Kleidung und verlasse das Zelt. Es herrscht noch tiefe Nacht. Inzwischen steht der Mond im Nordwesten über dem Eisfeld. Mit dem Anbruch des Tages wird ihn seine Bahn etwas vor Sonnenaufgang verschwinden lassen. Was in den folgenden Minuten geschieht ist fast noch spannender als die blaue Stunde am Abend. Nun folgt die Transformation von Dunkel nach Hell. Diese beginnt mit zarten Schleiern in denen der Nachthimmel hinter der Gebirgskette wunderschöne Blautöne annimmt.

Davor sind einige Bereiche des „Cerro Torre“ noch  direkt vom Mondlicht angestrahlt. Ebenso das Eisfeld. Der Himmel ist von kleinen Wolkengruppen bedeckt durch die immer wieder die Sterne schimmern. So etwas habe ich bisher noch nie erlebt. Unglaublich zu welchen Kompositionen die Natur fähig ist. Wir befinden uns noch weit über eine Stunde vor Sonnenaufgang und jede Minute ändert sich die Symphonie aus Formen und Farbtönen. Ein Tag mit mehr Wolken liegt vor uns, das kann ich anhand der veränderten Verhältnisse schon jetzt sagen. Ich bleibe bis kurz nach Tagesanbruch auf den Beinen. Nach einigen Minuten des direkten Sonnenlichts sind die Stimmungen die ich so gerne für meine Aufnahmen benütze, vorbei. Jetzt wird es endgültig Zeit für mich zu ruhen. Zum Glück werden wir eine weitere Nacht an dieser Stelle bleiben. Bis zum frühen Abend verbringe ich den ganzen Tag in der Horizontale. Als ich mit schweren Gliedern das Zelt verlasse ziehen fantastische Wolkenberge über uns hinweg. Die Berge sind Teilweise verhüllt, was einen schönen Kontrast zum Vorabend bedeutet. An diesem Abend versuche ich etwas früher zum Schlafen zu kommen was mir nur teilweise gelingt. Durch die unterschiedliche Wettersituation ergeben sich wieder so viele neue Motive, so dass ich lange aufbleibe und meine Akkus rasant an Kraft verlieren sehe. Egal, hier bin ich am Ort meiner Wünsche. Vollmond über dem Eisfeld eine Lebenserfahrung und wahrscheinlich in dieser Form einmalig im Leben. Gespenstisch leuchtet das Mondlicht von hinten an die über das Gebirge ziehenden Wolken.

Mit dem Weitwinkel stelle ich mich direkt an den Gletscherrand. Die zerfurchte Oberfläche des Eises sieht spannend aus, als weiße Wolken und leuchtende Sterne über ihr stehen.

Am nächsten Tag warten zwanzig Kilometer Fußmarsch auf uns. Unsere Guides haben uns eindringlich gebeten früh loszulaufen, da für die Mittagszeit starke Winde prognostiziert wurden. Bis dahin sollten wir die Eisfläche verlassen haben und uns im Schutz der Geröllfelder befinden. Ich komme auf fast sechs Stunden Schlaf als ich am Morgen des Aufbruchs aus dem Zelt steige. Wie schon in der Nacht zu sehen war hängen auch jetzt viele Wolken über uns am Himmel. Es herrscht eine komplett andere Stimmung als am vorherigen Tagesanbruch. Farbenspiele gibt es durch die Wolkendichte kaum, zu wenig Licht dringt durch die einzelnen Lagen. Aufregend ist die Szenerie aber trotzdem, eben auch weil sie so anders ist.

Die Wanderung wird auch weiterhin großartig bleiben. Der Unfall mit der Kamera wird am Ende das einzige Missgeschick sein. Wir schaffen es rechtzeitig vor dem Sturm festen Boden unter den Füßen zu bekommen und folgen in den kommenden Tagen dem Lauf des riesigen Viedma Geltschers. Dabei befinden wir uns fast ständig einige hundert Meter oberhalb der Eisfläche was uns grandiose Ausblicke auf diese aride Landschaft ermöglicht. Es dauert nicht lange und wir entdecken im Geröll die ersten Pionierpflanzen.

Moose und Beeren zaubern Grün und Rottöne in die sonst so lebensfeindlich erscheinende Umgebung. Der Kreis schließt sich als ein paar Tage später die ersten Bäumchen auftauchen. Zuerst sind sie klein und verkrüppelt, vom Wind am Boden gehalten. Später massiv und stolz. Es sind Südbuchen die hunderte von Jahren dem Wetter getrotzt haben. Zumindest dort, wo sie nicht wegen menschlicher Bedürfnisse nach Holz oder Weideland haben weichen müssen.

Kurz vor Ende des Weges wird es dann nochmals richtig abenteuerlich. Es gilt einen zweiten Fluss zu durchqueren. Dieses Mal sind wir aber am Nachmittag angekommen und wir merken sehr schnell dass dies kein leichtes Spiel werden wird. Die Gletscher schmelzen um diese Jahreszeit rasant und die eigentlich viel zu warmen Tage tun ihr Übriges. Nur mit der Erfahrung unserer Guides und den langen Seilen ist es uns gelungen durch das bis zu hüfthohe reißende Wasser zu kommen. Wichtig war, das es uns gelingt die Rucksäcke trocken auf die andere Seite zu bringen. Das hätte noch gefehlt das kurz vor Schluss auch noch die andere Kamera Schaden nimmt.

Alles ist gut gegangen. Erschöpft bis zum Umfallen, aber überglücklich, beenden wir nach acht Tagen diese Tour mit dem Gefühl etwas ganz Besonderes erlebt zu haben. Durch die Nacht auf dem Eisfeld wurde einer meiner Lebensräume Wirklichkeit. Die Realität war mindestens so schön, als es sich die Sehnsucht in meiner Fantasie vorstellen konnte.  Träumen ist toll – Erleben ist besser.

Patagonien Teil 2 “Ein langer Tag” 26.01.13

Die Sonne versteckt sich noch hinter den uns umgebenden Gipfeln, als wir die Bergstiefel ausziehen und uns an die Durchquerung des Flusses machen. Das Wasser ist bitterkalt, was kein Wunder ist, entspringt es doch einem Gletscher der nur wenige hundert Meter über uns sein kostbares Nass entlädt. Wir kommen alle ohne Probleme auf die andere Seite und setzen unseren Marsch fort. Die letzten Bäume liegen inzwischen weit hinter uns. Wir laufen durch eine Moränenlandschaft aus Geröll und von früherem Eis geschliffenem Gestein. Als die Sonne schon hoch am fast wolkenlosen Himmel steht erreichen wir einen See. Dieser ist dem Gletscher über den wir auf das Eisfeld hinaufsteigen wollen vorgelagert. Wir sehen in etwa 800m Entfernung die Gletscherzunge. Von unserem Guide erfahren wir, das noch im Jahr 2000 unser momentaner Standpunkt die Stelle war, an die das Eis gereicht hat.

Eine schockierende Nachricht. Natürlich kenne ich viele der Fakten und Abläufe über unsere sich schnell ändernde Welt in Zeiten des wandelnden Klimas. Doch anhand solcher sichtbarer Beispiele das ganze Ausmaß des Dramas zu sehen, ist nochmals eine andere Sache. Für einige Zeit fällt es mir schwer, die mich umgebene Natur genießen zu können. Ich muss immer wieder darüber nachdenken was wohl mit all den Millionen Menschen überall auf der Welt geschieht, wenn alle Gletscher abgeschmolzen sind, auf deren Existenz ihr Überleben aufbaut. Der Schwund ist dramatisch und Besserung ist nicht in Sicht – im Gegenteil.

Als wir uns durch das Geröll und über die Schuttablagerungen bis zur Gletscherkante vorgearbeitet haben, wird es Zeit die Steigeisen überzuziehen. Wir gewöhnen uns sehr schnell an die ungelenk wirkenden Schuhergänzungen. Zusammen mit jeweils zwei Stöcken geben sie uns beim Aufstieg über das Eis Halt und sicheres Auftreten. Die Oberfläche des Gletschers ist durchzogen von unzähligen Spalten und Gletschermühlen, in denen das Schmelzwasser im Untergrund verschwindet.

Wir sind fasziniert von der uns umgebenden Landschaft. Große, kleine und kleinste Geröllbrocken werden mit der Bewegung des Eises langsam in Richtung Tal transportiert. Nach einigen Stunden des stetigen aber moderaten Anstieges kommen wir an eine steil aufsteigende Felswand über die sich mehrere Wasserfontänen stürzen. In früheren Zeiten war auch hier das Gestein von einer massiven Eiswand überzogen. Doch in den immer wärmeren Sommern hat das Eis an dieser Stelle keine Chance mehr gegen die Kraft der Sonne.

Unsere Führer holen lange Seile aus dem Rucksack. Für uns beginnt ein spannender Aufstieg über glatten und steilen Untergrund.  Da jeder von uns einen Klettergurt um den Unterleib gebunden hat, können wir uns ins Seil einhaken und auch dieses Hindernis ohne Zwischenfälle überwinden. Oben angekommen befinden wir uns am Rande des patagonischen Eisfeldes. Hier oben ist das Eis trotz Sommerwärme nach wie vor mit Schnee bedeckt. Eine riesige weiße Fläche liegt vor uns, die nach wie vor stetig ansteigt. Alle Unebenheiten im Eis sind von der Schneefläche bedeckt. Wir ziehen uns Schneeschuhe über um auf der sich gegen Nachmittag aufwärmenden Schneemasse nicht allzu weit einzusinken. Als zwei Dreiergruppen sind wir nun mit je einem Seil miteinander verbunden. Ungefähr zehn Meter Abstand liegen zwischen uns. Sollte jemand in eine vom Schnee verborgene Gletscherspalte fallen haben die anderen beiden so die Chance ein weiteres Abrutschen zu verhindern und ihn oder sie wieder raufzuziehen. Der weitere Weg ist eigentlich einfach zu bewältigen, doch wir alle merken inzwischen, dass die Kräfte schwinden. Es ist inzwischen später Nachmittag. Wir sind schon elf Stunden in Bewegung. Unser Ziel für die erste Nacht ist eine kleine Schutzhütte die sich auf der Landesfläche von Chile befindet. Für kurze Zeit verlassen wir also Argentinien und marschieren in ein anderes Land. Ich muss wohl nicht erwähnen wie dämlich ich es fand, das wir um diesen Schlenker ins Nirgendwo – fern jeglicher Zivilisation machen zu dürfen, vor der Wanderung extra bei der Polizei in El Chaiten einen Ausreisestempel abholen mussten.  Die Hütte liegt etwas erhöht auf einem Geröllfeld und ist schon aus weiter Ferne sichtbar. Es ist erstaunlich wie lange „sichtbar“ sein kann, wenn jeder Schritt Mühe kostet und das Gewicht des Rucksacks unbarmherzig auf die Schultern drückt. Die Tasse voller Spagetti, die wir am Abend im Schutze der Blechwände zu uns nehmen könnte wohl köstlicher nicht schmecken. Ich bin seid fünfzehn Stunden auf den Beinen und mein Körper schreit eigentlich nach Ruhe und Schlaf. Doch gerade jetzt ist das nicht möglich. Ich kam zum fotografieren hier raus und jetzt beginnt nun mal die Zeit mit dem interessanten Licht. Mein Freund Luis war schon zu Beginn des Tages körperlich etwas angeschlagen. Tapfer hat er sich bis hier aufs Eisfeld geschleppt. Für ihn ist der Tag nun zu Ende. Fast wie in Trance fällt er aufs Bett und ist sofort eingeschlafen. Das beste Mittel um wieder zu Kräften zu kommen. Glück für mich, denn so kann ich mir sein Stativ ausleihen und in Ruhe arbeiten. Wer den ersten Teil dieses Berichtes gelesen hat weiß, dass ich meines erst Morgen erwarte. Wenn es dann hoffentlich durch einen topfitten Kurierservice gebracht wird.

Ich schleppe meine müden Glieder zur höchsten Stelle in dieser Umgebung. Der Ausblick ist wunderbar. Lässt man den Blick unseren auf dem Schnee gut sichtbaren Spuren folgen, blickt man direkt auf den „Fitz Roy“ und die ihn umgebenden Berge. Links von mir habe ich freie Sicht auf das Eisfeld  an dessen Horizont wiederum vereinzelte Gipfel von Gletschereis und Schnee überzogen sind. Hinter mir ist gerade in einem violett eingefärbten Himmel der fast volle Mond aufgegangen. Als die Sonne im Westen hinter dem Horizont verschwindet färben sich die Wolken über der Kulisse des „Fitz Roy“ ein. Es erstrahlt ein intensives Pink und bildet für wenige Minuten meinen emotionalen Höhepunkt an diesem wunderbaren Tag.

Alle anderen befinden sich schon in tiefen, erholsamen Schlaf, als ich nach Mitternacht zurück in die Schutzhütte komme. Obwohl ich komplett ausgelaugt bin schlafe ich nicht sofort ein. Zu wunderbar sind die Eindrücke die in meinem Kopf herumschwirren. Ich bin an einer der schönsten Stellen unseres Planeten und wir scheinen auch für die kommenden Tage Glück mit dem Wetter zu haben. Ein Lebenstraum wird gerade wahr.

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