Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Kurz vor Tourstart zu “Naturwunder Erde” 19.Oktober 2013


Liebe Leser meines “wildview” Blogs,

die Show “Naturwunder Erde” ist fertig produziert, die Vortragstour steht kurz vor dem Start.

In den neuen Büroräumen von Greenpeace in Hamburg fand am 15. Oktober eine Pressekonferenz zur Vorstellung des Projektes statt.
Überschattet wird der Tourstart von den Ereignissen in Russland, wo 28 Greenpeace Aktivisten und zwei unabhängige Journalisten der Piraterie angeklagt sind. Vier Wochen zuvor hatten sie versucht ein Banner auf einer Ölplattform von Gazprom anzubringen um gegen die gefährliche und für das Klima völlig inakzeptable Förderung von fossilen Brennstoffen im arktischen Eis zu demonstrieren. Ihnen droht bei einer Verurteilung bis zu 15 Jahre Haft. Wir werden während der Vortragstour solange Unterschriften sammeln, bis unsere Freunde wieder auf freiem Fuß sind. Der friedliche Widerstand gegen die Zerstörung der Welt wird sich auf diese Weise nicht einschüchtern lassen.

Außerdem möchte ich Ihnen an dieser Stelle mein neues Buch präsentieren, welches soeben vom renommierten Knesebeck Verlag aus München veröffentlicht wurde. Es ist das Begleitbuch zur großen Vortragstour und eine wunderbare Möglichkeit unseren Planeten verstehen und lieben zu lernen. Die Mischung aus fundierten Texten des Biologen Jürgen Paeger und meinen Fotos präsentiert alle relevanten Lebensräume der Erde in der für den Verlag gewohnt hochwertigen Druckqualität und professionellem Layout. Das Buch kostet 24.95 €


Das Buch kann über meine Homepage (ab November), via Buchhandel oder an den Vortragsabenden erworben werden.

Die Tourdaten finden Sie immer aktuell auf www.markus-mauthe.de oder www.greenpeace.de/multivision

 

Es würde mich sehr freuen Sie in den kommenden zwei Jahren an einem der über 300 Termine begrüßen zu dürfen.

Herzlichst Ihr

Markus Mauthe

 

 

Alaska: Tundra “Farbenrausch” 04.09.2013

Jedes fotografische Projekt beginnt mit einer Idee, einem Traum oder einer Sehnsucht. Unsere Erde zu porträtieren ist für mich ein Traum seitdem ich die Kamera gerade halten kann. Meine Sehnsucht war es immer möglichst viele Naturlandschaften zu erkunden. Seit ich Referent für Greenpeace bin hatte ich die Idee mit einem guten Konzept die Zusammenhänge der sich auf unserem Planeten befindenden Lebensräume zu erklären um diese möglichst vielen Menschen verständlich zu machen. Nun ist es soweit. Ich breche auf zur letzten Reise welche den Kreis schließen wird und mein Konzept „Naturwunder Erde“ komplettiert. Was noch fehlt ist die Tundra, jenes Gebiet das den Übergang zwischen den nordischen Wäldern und dem arktischen Eis bildet. Dazu gibt es für mich ein Wiedersehen mit einem Land durch das ich vor über zwanzig Jahren mit dem Fahrrad geradelt bin, nämlich Alaska, dem nördlichsten Bundesstaat der USA. Ich erinnere mich sehr gut an die sechs monatige Reise die ich damals zusammen mit meinem Freund Felix  unternommen habe. Jeder Tag war damals ein Abenteuer. Wir wussten nicht wo wir am Abend unser Zelt aufschlagen und haben uns einfach treiben lassen. Eine tolle Erfahrung. Nun bin ich wieder da. Zwar habe ich nun ein zeitliches Korsett und fahre mit einem motorisiertem Untersatz, aber dafür bin ich immer noch mit der Kamera unterwegs, um das zu tun was ich am liebsten tue, nämlich fotografieren.

Um in die Tundra nördlich des „Brooks“ Gebirges zu kommen muss ich das Land praktisch einmal durchqueren. Das letzte Drittel im August ist angebrochen und die Natur im Süden des Landes liegt noch im sommerlichen monotonen Dauergrün. Genau das soll tausend Kilometer weiter im Norden schon bald anders sein. Dort wird die kurze Sommerzeit in der Regel schon in der letzten Augustwoche vom Herbst abgelöst. Die Tundra, deren Vegetation sich für viele Monate im Jahr unter einer Schneedecke verbirgt ist karg und auf den ersten Blick nicht sehr abwechslungsreich. Offene Graslandschaften deren höchster Bewuchs diverse Zwergsträucher sind, versprechen nicht gerade fotografische Feuerwerke.

Doch gerade wenn die Voraussetzungen eher schwierig sind, ist es als Fotograf wichtig die richtigen Ansätze zu einer ansprechenden Arbeit zu finden und dann konsequent umzusetzen. Der Schlüssel zum Erfolg liegt für mich in den wenigen Tagen im Jahr wo die Tundra in einem wahren Farbenrausch fällt und sich auf den nahen Winter vorbereitet. Wenn die Welt in roten und goldenen Farben erstrahlt, dann offenbart gerade die Schlichtheit ihren Reiz.

Die Fahrt von Anchorage nach Fairbanks, der letzten größeren Stadt auf dem Weg nach oben, verläuft problemlos. Amerikanische Straßen sind breit und zumindest in Alaska mit wenig Verkehr gesegnet. Den Eingang zum Denali Nationalpark passiere ich im Dauerregen und verzichte auch aus diesem Grund auf einen längeren Aufenthalt. Ich gönne mir eine kurze Visite im Nationalpark Informationszentrum und denke dabei an zwei junge Typen die hier vor vielen Jahren ihr beladenes Rad abgestellt haben um für einige Tage in dieser Wildnis wandern zu gehen. Trotz des schlechten Wetters ist eine Menge los. Viele Wanderer, Tagesbesucher in Reisebussen und Rentner in ihren großen „Motorhomes“, alle kommen hierher um Alaskas berühmtesten Park zu besuchen. Spätestens hier macht sich in mir eine gewisse Nervosität breit. Selbst in den etwas höher gelegenen Regionen um den Denali ist von einer beginnenden Einfärbung  der Blätter noch nichts zu spüren. Die Ranger berichten mir von extrem heißen Tagen im Juli und das alles in diesem Jahr später dran sei wie normal. Jetzt ist es zu einfach jede Anomalie in der Natur sofort auf die Erderwärmung zu schieben. Es ist aber nicht von der Hand zu weisen das gerade im Norden unseres Planeten das Klima in den letzten Jahren besonders stark aus der Reihe tanzt.

In Fairbanks besuche ich einen „Walmart“ Supercenter, um mir für die kommenden Tage Lebensmittel einzukaufen. Ich werde in meiner Zeit in Alaska den Mietwagen als Hotelzimmer und Restaurant benutzen, weshalb die Möglichkeiten begrenzt sind und sich meine Einkäufe auf Obst, Müsli, Brot, Käse und Chips beschränken. Der Einkauf in solch einem Konsumtempel hinterlässt bei mir einen tiefen Eindruck. Der Supermarkt lässt selbst große Einkaufscenter bei uns richtig mickrig wirken. Dem Innenleben fehlt jede Art von Eleganz. Die Lagerhallenoptik ist schlicht bis kühl, alles baut auf optimale Logistik. Es geht um maximalen Konsum. Die Portionen sind oft größer als bei uns und der Anteil ungesunder Dinge, die zwar lecker aussehen aber unseren Körpern nicht guttun, noch zahlreicher. Das in diesem Land noch mehr Menschen Übergewicht haben als in Europa ist nicht verwunderlich. Ein Blick in die Supermärkte und Shops der Tankstellen genügt um eine der Ursachen zu erkennen. Das gibt es bei uns Alles auch, doch bleibt bei mir immer das Gefühl hängen das die Amerikaner es immer, im Guten wie im Bösen auf die Spitze treiben. Ganz zu schweigen von der Idee eines sorgfältigeren Umgangs mit Rohstoffen und bewussterem Konsum. Ich bin mir nicht sicher ob das Wort „Nachhaltigkeit“ in der Firmenpolitik von „Wal Mart“ eine große Rolle spielt. Dieser Betrieb hat mal als kleiner Laden irgendwo in Arkansas angefangen und beherrscht heute, ein halbes Jahrhundert später, einen Großteil des US-amerikanischen Einzelhandels. Das finde ich ziemlich gruselig. Einen Teil des Erfolges beruht darauf, dass das Unternehmen seine Mitarbeiter extrem schlecht bezahlt und jegliche Form der Gewerkschaftsbildung unter den zwei Millionen Angestellten brutal unterbindet. Der amerikanische Traum in Reinform.

Voll betankt und mit Gedanken zur Nachhaltigkeit im Kopf mache ich mich auf den hunderte Kilometer langen Weg nach Norden. Ich genieße dabei den Fahrkomfort meines viel zu großen Autos, und versuche das dabei aufkommende schlechte Gewissen so gut es geht zu verdrängen. Knappe neunzig Meilen nördlich von Fairbanks beginnt der „Dalton Highway“. Diese Straße führt auf weiteren sechshundertfünfzig Kilometern direkt zum arktischen Ozean. Dort oben befindet sich das größte Ölfeld der USA. Diese Straße wurde nur aus dem einem einzigen Grund gebaut. Nämlich um die riesigen Industrieanlagen versorgen zu können, sowie die Pipeline zu warten welche das begehrte Schwarze Gold im Dauereinsatz zu den Konsumenten in den Süden pumpt. Erst im Jahre 1968 hat man in Alaskas Norden Öl entdeckt. Binnen fünf Monaten wurde diese Straße gebaut und in nur drei Jahren hat die fertige Pipeline das Antlitz der nordischen Wildnis für immer verändert. Es ist erstaunlich zu welchen Kraftakten der Mensch fähig ist. Wenn er das nur mal an anderer Stelle auch hinkriegen würde.

Bis zum Jahr 1981 war die Straße den Trucks der Ölindustrie vorbehalten. Danach bekam die Öffentlichkeit Zugang bis zur Hälfte der Strecke. Von nun an konnten Jäger und Urlauber mit dem eigenen Fahrzeug bis ins „Brooks“ Gebirge gelangen welches Alaskas boreale Wälder von der arktischen Tundra praktisch separiert. Erst ab 1994 wurde der Allgemeinheit gestattet bis hoch nach „Deadhorse“ zu fahren, hinein ins Herz der Schwerindustrie. Dieser Tatsache ermöglicht es auch mir die Tundra überhaut zu erreichen, zumindest in Alaska.

Der „Dalton Highway“ ist bis heute auf einigen Abschnitten eine Schotterpiste. Gerade an solchen Stellen muss man höllisch aufpassen. Oftmals führt der Weg über Kilometer fast völlig gerade. Wegen der großen Distanzen und der breiten Straße merke ich manchmal gar nicht, dass ich schneller fahre als die erlaubten 55 Meilen. Wenn man auf ungeteertem Untergrund zu schnell in eine Kurve kommt kann die Sache sehr leicht in einer Katastrophe enden. Auf keinen Fall darf man in solch einem Moment das Fahrzeug abbremsen, denn dann schlittert einen das Geröll im schlimmsten Fall von der Piste. Ebenfalls gefährlich sind die steilen Anstiege an denen man den Gegenverkehr nicht kommen sieht. Es sind dutzende, wenn nicht gar hunderte von Trucks die hier jeden Tag rauf und runter donnern, und sie sind die eindeutigen Herrscher dieser Straße. Ich muss immer hochkonzentriert sein. Besonders die ersten Tage, als sich mein Körper noch im Jetleg befindet, ist dies eine ernste Angelegenheit.

Die Landschaft besteht größtenteils aus sanften in die Länge gezogene Bergrücken die alle mit dem für den borealen Wald üblichen Gemisch aus Fichten und Birken bewachsen sind. Wobei die Fichten klar dominieren. In diesem Ökosystem sorgt Feuer im Schnitt alle 80 – 150 Jahre für eine Erneuerung der Vegetation. In Gebieten mit jüngerem Baumbestand ist die Birke zahlreicher vertreten, weil sie sich nach der Reinigung schneller berappelt als die langsamer nachwachsende Fichte. Was mich dann aber doch schockiert ist das Ausmaß der Brände. Gerade zwischen Fairbanks und dem „Brooks“ Gebirge sind ganze Landstriche verbrannt. Auf riesigen Flächen ragen schwarze Stümpfe in den Himmel. Im Sommer 2004 sollen hier oben weit über 20.000 Quadratkilometer Wald verbrannt worden sein. Ein echtes Horrorszenario, wenn man weiß wie viel Treibhausgase dadurch in die Atmosphäre freigesetzt wurden. Es ist aber auch keine neue Erkenntnis, dass sich durch den Klimawandel Waldbrände massiv verstärken werden. Auch das lässt sich schon heute an vielen Stellen der Erde beobachten.

Ich überquere den mächtigen Yukon River und fahre einige dutzend Kilometer weiter nördlich zum ersten Mal durch eine Landschaft die der Tundra praktisch gleichkommt. Die Ausblicke sind grandios, besonders dann wenn sich in einem Tal ein Wasserlauf durch die Ebene schlängelt. Ich bilde mir ein, ganz leichte Anzeichen eines rötlichen Schimmers, besonders bei den Beerenbüschen, auszumachen. Doch ich muss mir eingestehen das dies mehr Wunschtraum als Realität ist, und ich von meinem erhofften Farbenrausch noch Lichtjahre entfernt bin – oder zumindest mindestens noch für ein bis zwei Wochen. Die Durchquerung des Brooks Gebirges ist für mich der Höhepunkt dieser langen Fahrt. Was für ein wunderschönes Flusstal durch das die Straße hier gebaut wurde. Rechts und links ziehen sich die Wälder die Berghänge hoch. Den Gedanken wie hübsch es hier ohne die doofe Pipeline und die Straße wäre, wische ich mit der Erkenntnis beiseite, das ich in diesem Fall gar nicht hier sein könnte um diese landschaftliche Schönheit zu bestaunen.

Als ich den Pass und somit die Wasserscheide erreiche, stehe ich plötzlich zum ersten Mal im Schnee. Langsam fahre ich auf der andern Seite das Tal über die matschige Piste wieder nach unten und bin nun endgültig im Land ohne Bäume angekommen. Weiter unten hält sich der Schnee nur an den der Sonne abgewandten Nordseiten der Hügel und Berge. Der erhoffte Farbenwechsel ist aber auch hier trotz erster Schneefälle noch äußerst dürftig. Umso großartiger sind die Ausblicke während des weiteren Verlaufes der Straße als ich das Gebirge endgültig verlasse und auf die offene Tundra hinausfahre. Die „Brooks Range“ bleibt mir noch für viele Kilometer an der Ostseite erhalten und bildet mit ihren schneebedeckten Gipfeln einen optisch ansprechenden Abschluss für mögliche Motive der sich davor ausbreitenden Tundra.

Nun bin ich also in meinem eigentlichen Einsatzgebiet angekommen. Auf der hundertfünfzig Kilometer langen Strecke zwischen Gebirge und Ozean gedenke ich in den kommenden Tagen zu pattroulieren um dieses Ökosystem und seine Bewohner für mein späteres Vortragspublikum anschaulich zu dokumentieren. Es ist nicht gerade innovativ aus dem Auto heraus auf Bilderjagd zu gehen, aber es ist effizient. Dadurch dass ich ständig in Bewegung bin erhoffe ich mir ausreichende Motivbildung, besonders bei der Tierwelt. Doch mein größter Wunsch sind schleunigst einsetzende strenge Nachtfröste um die Einfärbung der Natur endlich zu beschleunigen. Was ich unbedingt erwähnen muss sind die überkorrekten „Road Works“ in den USA. Auch hier oben komme ich an eine Stelle wo mich ein Schild mit der Botschaft anstrahlt, dass auf den kommenden 17 Meilen Straßenarbeiten getätigt werden. Dazu wird dann ein armer Mensch in viele Schichten Kleindung gehüllt an den Beginn der Baustelle gestellt, der dann ein Schild in der Hand halten muss auf dem wahlweise „Stop“ oder „Slow“ zu lesen ist. Bei „Stop“ hat der Verkehr an dieser Stelle so lange zu warten bis ein Geleitfahrzeug kommt, welches die Kolonne dann auf der einspurigen Strecke siebzehn Meilen durch die Bauarbeiten leitet. Tja, und diese Arbeiten bestehen dann aus einem Bagger und ein bis zwei Arbeitern, die irgendwo auf den siebzehn Meilen ein wenig die Straße ausbessern. Am anderen Ende steht dann wiederrum eine Frau oder ein Mann sich die Füße platt und dreht alle halbe Stunde ein Schild um hundertachtzig Grad in der Hand herum. Schon vor zwanzig Jahren auf unserer Radtour haben sich Felix und ich über diesen Anachronismus lustig gemacht. Aber vielleicht ist es auch einfach so das diese betreffende Person froh ist, einen Job zu haben. Genauso wie die Frau die im Aufzug in Sao Paulos Flughafen immer für die Leute auf den Knopf drückt und das den ganzen lieben langen Tag. Millionen Menschen auf der Welt haben einen Lebensinhalt der weit weg ist von der Freiheit und den Möglichkeiten die meine Generation in Deutschland aufgewachsener Glückspilze bekommen hat. Das kann man sich gar nicht oft genug bewusst machen, gerade das viele Reisen macht mir das immer wieder deutlich.

Die Tundra ist immer dann am Schönsten wenn man sie von einer Anhöhe aus betrachtet und dicke Wolkenberge über sie hinwegziehen. Wenn dann vereinzelte Sonnendurchbrüche für schöne Licht- und Schattenspiele sorgen, erscheint das karge Land sehr plastisch und lässt sich wunderbar fotografieren. In solchen Momenten wird auch die enge Verwandtschaft zur Steppe deutlich welche ich in der Mongolei kennen lernen durfte. Die ersten Tage vergehen recht zäh. Stück für Stück überwinde ich meine Mattigkeit durch das Jetleg und jammere innerlich über die fehlenden Farben in der Natur. Nur ganz langsam, viel zu langsam kann ich eine Veränderung erkennen. Ich fahre den Highway entlang und halte Ausschau nach Leben.

Dabei bin ich nicht der Einzige der dies tut. Es ist Jagdsaison und dutzende Männerfreundschaften hat es hier in den Norden verschlagen um ihren Urinstinkten nachzugehen und einmal im Jahr zu zeigen das sie ganze Kerle sind. Sie sind auf der Jagd nach Karibus, dem Pendant der nordeuropäischen Rentiere. Diese Tage wird mir mal wieder ganz extrem bewusst warum ich die Jagd generell so verabscheue. Ich weiß, auch hier muss man differenzieren und darf nicht alles pauschal in die Tonne kloppen. Wenn Menschen als Naturvölker innerhalb ihres Lebensraumes auf die Jagd gehen um sich und ihre Familien zu ernähren, dann ist dies eine ganz normale Sache die ich auch in keinster Weise in Frage stelle. Diese Menschen wissen in der Regel auch wie viele Ressourcen sie innerhalb ihres Lebenskreises nutzen können ohne ihn zu übernutzen. Doch ich behaupte dass ein Großteil der in der globalisierten Welt umherziehender Jäger dieses Gefühl längst verloren hat und aus reiner Lust am Töten zu den Waffen greift. Es sind immer kleine Männergruppen die ich beobachte wie sie aus ihren Autos heraus mit dem Fernglas über die offene Landschaft blicken. In den ersten Tagen sehe ich so gut wie keine Karibus dafür umso mehr Jäger. Doch die Tiere sind da, und kleine Gruppen versuchen auch immer wieder den Highway zu überqueren. Ich habe einige wirklich skurrile Erlebnisse. Einmal sehe ich einen einzelnen männlichen Bullen mit einem wunderschönen mächtigen Geweih wie er sich langsam an die Straße hinbewegt.Zwei Autos mit Jägern haben sich an der möglichen Stelle der Überquerung positioniert und die Herren mit Pfeil und Bogen (die Jagd mit Gewehren ist zum Glück verboten) im Straßengraben ausgesetzt. Von beiden Seiten warten nun in Tarnfarben gekleidete Gestalten mit gespanntem Boden darauf, dass das Tier die Straße queren mag.

Die Karibus sehen im Menschen eindeutig eine Bedrohung aber wohl nicht in den auf der Straße stehenden Autos. Deshalb hat sich das Tier tatsächlich auf die Fahrspur getraut und zwar direkt zwischen den zwei wartenden Jägern. Was mag wohl in solchen Momenten in einem Menschen vorgehen, der bereit ist in den nächsten Augenblicken das Leben eines anderen Wesens bewusst zu beenden?

Ist es Adrenalin? Lust? Also mir war in diesen Momenten in denen ich unmittelbarer Augenzeuge dieses Vorgangs wurde regelrecht schlecht, und ich hätte am Liebsten laut aufgeschrien um das Karibu zu verscheuchen. Kurz hintereinander sind die Pfeile losgezurrt und haben das wunderschöne Tier glücklicherweise beide verfehlt. Doch abgetrennte Geweihe auf Autodächern haben mir sehr häufig gezeigt, dass andere Tiere nicht soviel Glück hatten. Es sind immer die Männchen auf welche die Jäger scharf sind. Die Trophäe des Geweihs liefert dann später in der Heimat den Beweis für große Taten. Die Trophäenjagd ist abscheulich und wirklich aus der Zeit gefallen. Wir leben in einer Welt in der sich die Menschen mit Hightech Geräten und Dosenbier bewaffnet auf den Weg in die Wildnis machen. In einer Welt die gerade das größte Artensterben seit dem verschwinden der Dinosaurier erlebt und in der kaum noch intakte Kreisläufe innerhalb der Natur existieren. Immer wenn es mir gelungen ist vom Highway aus Karibus zu fotografieren waren auch irgendwelche Jäger mit im Spiel welche den Tieren ans Leben wollten.

Zum  Glück ist die Tundra nur schwer zu begehen, was wohl viele davon abhält den Karibus für längere Zeit abseits der Straße zu folgen. Wenn in den Sommermonaten der Permafrostboden an der Oberfläche für kurze Zeit auftaut, ist er an vielen Stellen moorig und von kleinen Bachläufen durchzogen. Ohne Gummistiefel kommt man an vielen Stellen trockenen Fußes kaum voran.

Nur langsam offenbart mir diese karge Landschaft die Vielfalt an Arten die hier ihren Lebensraum haben. Kaum zu übersehen sind die Erdhörnchen welche praktisch überall aus ihren Löchern im Boden schauen. Es ist einfach zu goldig wenn sie sich an einer kleinen Anhöhe auf die Hinterbeine stellen und ihre Umgebung beobachten. Stellen sie dabei noch ihren Schwanz in die Höhe ist es wirklich zum lachen. Acht Monate im Jahr verbringen die Tiere im Winterschlaf. Während dieser Zeit sinkt ihre Körpertemperatur unter den Gefrierpunkt. Wie sie das überleben können bleibt wohl ein Rätsel.

Die Ziesel tun gut daran ihre Umgebung im Auge zu behalten denn sie sind ein Leckerbissen für die Schneeeule. An manchen Tagen sehe ich eine dieser weißgefiederten Vögel über die Tundra fliegen. Hier zeigt sich natürlich, dass ich mit meinen begrenzten Möglichkeiten nur an der Oberfläche kratzen kann. Wollte ich wirklich gute Fotos einer Schneeeule bekommen, müsste ich mich auf die Suche nach einem Brutplatz machen, und mich dort für längere Zeit in einem Tarnzelt verschanzen. Doch dies ist mir innerhalb des aktuellen Projektes nicht möglich und so fahre ich den Highway fleißig auf und ab. Die Begegnung mit einer Herde Moschusochsen ist dabei ein wirklicher Höhepunkt für mich. Die Tiere waren in Alaska zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ausgerottet. Nach erfolgreicher Wiederansiedlung leben hier heute wieder über tausend dieser prächtigen Tiere. Ich habe Glück das ich einen Ochsen entdecke dem ich mich vorsichtig annähern kann.

Nähert man sich einer ganzen Gruppe ist deren Fluchtdistanz recht groß, besonders wenn sich Nachwuchs unter den Tieren befindet. In diesem Fall war aber nicht der weite Abstand mein Hauptproblem, sondern ein großer für mich nicht zu überquerender Fluss, der mich von den meisten Moschusochsen abgehalten hat die ich in meiner Zeit in Alaska entdecken konnte. Dem einzelnen Tier kann ich aber für einige Zeit folgen und mit meinem großen 600mm Objektiv auch recht schöne Bilder machen. Dass die den Ochsen umgebende Vegetation praktisch immer noch grün und nicht farbig ist, muss ich zähneknirschend akzeptieren. Eine Nacht verbringe ich auf einer Anhöhe in der Nähe des „Brooks“ Gebirges. Nach einem wunderbaren Sonnenuntergang kann ich schöne Bilder der Landschaft mein Eigen nennen. Am kommenden Morgen stelle ich erfreut fest dass sich eine Raureifschicht über den kleinen Blättern der Bodendecker gebildet hat. Einige wenige Pflanzen sind hier oben schon wunderbar dunkelrot eingefärbt. So gelingen mir an diesem kalten Morgen, noch bevor die Sonne über den Bergen erscheint, zumindest im Detailbereich die ersten wirklichen Herbstaufnahmen.

Je mehr Tage ich hier oben verbringe desto mehr erschließen sich mir die Zusammenhänge und ich beginne diese  Landschaft, den Verlauf des Wetters und das Verhalten mancher Tiere zu verstehen. Immer wieder ziehen nun Schwärme von Gänsen über mich hinweg auf ihrem Weg in den Süden. Ein sichtbares Zeichen das sich der Sommer tatsächlich zu verabschieden beginnt. Tag für Tag wird nun auch das Gras der Tundra herbstlicher, nur die für ihr goldenes Kleid bekannten Zwergbirken und auch andere Büsche wollen einfach nicht richtig loslegen.

Alle paar Tage fahre ich ans Ende der Straße nach „Deadhorse“. Wäre ich ein Charakter im „Star Wars“ Universum, so befände ich mich hier mitten im Machtzentrum des dunklen Imperators. Dieser Ort ist eine Art realer Todesstern. An unzähligen Stellen wird hier der Erde das für unsere Gesellschaft so wichtige Öl entzogen, obwohl wir wissen, dass genau dies uns auf lange Sicht die Lebensgrundlagen zerstört. „Deadhorse“ steht für Alles was auch ich in meinem Alltag nutze, aber was ich mit all meiner Kraft mithelfen will zu überwinden. Nämlich die tödliche Abhängigkeit von den fossilen Brennstoffen wie Öl und Kohle. Alle meine Feindbilder sind hier oben vertreten. Firmen wie Shell, BP, Exxon, Halliburton. Industrieimperien die Milliardengewinne einsteichen weil es ihnen gelungen ist über Jahrzehnte die Abhängigkeit der Welt am schwarzen Gold aufrecht zu halten. Strukturen die überhaupt gar kein Interesse haben die Menschheit in eine nachhaltige saubere Zukunft zu führen. So kompliziert und Vielschichtig die globalisierte Welt geworden ist, in diesem Fall ist es wirklich einfach auf den Punkt zu bringen. Wollen wir es unseren Kindern ermöglichen auf einer Welt zu leben, die sich nicht mehr als zwei Grad Celsius als im Jahr 1990 erwärmt, also eine Welt die nicht völlig aus den Fugen gerät, dann müssen wir genau jede Riesenfirmen stoppen die in den kommenden Jahren die Erde bis auf den letzten Tropfen Öl und das letzte Stück Kohle ausquetschen wollen. Allein die Pläne dieser zwei Industriezweige reichen aus um mehr Treibhausgase in die Luft zu jagen damit sich die Erde über die kritischen zwei Grad hinaus aufheizt. Die Kohleindustrie in Australien und die Teersandindustrie in Kanada sind zwei der bösesten Auswüchse des dunklen Imperiums, um in der „Star Wars“ Sprache zu bleiben. Beide Regierungen sind der Industrie hörig und ignorieren jegliches Warnsignal das die Natur auch heute schon reichlich in Form von Wald- Buschbränden und Dürreperioden schickt. Ich besuche in „Deadhorse“ das Restaurant des örtlichen Hotels, nutze den offenen WLAN Zugang um e-mails zu schreiben, lade meine Geräte auf und arbeite an der Archivierung meiner Fotos. Dutzende von Arbeitern kommen hier in ihren Pausen zum Essen. Es gibt immer nur vom Feinsten. Alles wird in Styroporgeschirr serviert und rechts und links an der Decke hängen große Fernsehgeräte über die bei FOX News, rechte Hetzer ihr krudes Weltbild verbreiten dürfen. Immer wenn ich wieder in die Weite der Tundra hinausfahre und den Ort hinter mir lasse, kommt es mir vor als könne ich wieder freier atmen, was natürlich Einbildung ist. In solchen Momenten wünsche ich mir wirklich die Menschheit hätte seid der ersten Energiekrise in den Siebzigern die Macht dieser Konzerne gebrochen und sich auf die konsequente Entwicklung der regenerativen Energien gestürzt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass in diesem Fall  „Deadhorse“ heute nur noch ein großes Industriemuseum wäre, zumindest aber nur noch ein Nischendasein fristen würde.

Ich nähere mich dem Ende meines Zeitfensters und bin nicht wirklich rundum zufrieden. Was das Ökosystem Tundra ausmacht habe ich begriffen. Das eine oder andere schöne Bild ist auch gelungen, aber es fehlt eindeutig noch ein Highlight. Gerettet hat mich letztlich eine Aktion die man leider auch nicht als besonders klimafreundlichen Akt bezeichnen kann, aber mir die entscheidenden Perspektiven und Farben in das Kapitel gezaubert hat. Ich bin in den vergangenen Tagen schon öfters an einer Stelle vorbeigefahren an der immer mal wieder ein Wasserflugzeug am Ufer eines kleinen Sees angedockt ist. Als ich dort Menschen sehe halte ich an und stelle mich Ihnen vor. Sehr schnell erfahre ich, dass diese Firma Kunden in die Tundra hinausfliegt, damit diese die Karibus abseits der Straße jagen können. So ein Blödsinn denke ich mir, und habe natürlich längst im Hinterkopf das dieses Flugzeug sich auch mal aus einem halbwegs vernünftigen Grund in die Lüfte heben könnte. Wobei diese Einstellung natürlich ideologisch geprägt ist und besser in meinem Hinterkopf verbleibt. Das Team um die zwei Piloten ist sehr freundlich und offen. Als ich Ihnen erkläre was mich hier in den Norden verschlagen hat sind sie sofort bereit mich auf einen Rundflug über die Tundra mitzunehmen. Ich bekomme sogar einen wirklichen Sonderpreis, was mir die Möglichkeit gibt das Terrain bis an die „Brooks“ Berge zu erweitern. Genau da möchte ich hin, denn in den erhöhten nördlicheren Lagen der Tundra ist die Herbstfärbung sicherlich schon weiter fortgeschritten als rechts und links vom Highway. Mein Wunsch die Seitentüre des Flugzeugs zu entfernen um einen größeren Aufnahmewinkel zu bekommen stellt für sie dabei kein Problem dar. Nach unten engen die Kufen und nach oben die Flügel das Bildfeld ein. Außerdem muss ich nach hinten fotografieren, damit die Querstreben des Flügels nicht in der Aufnahme erscheinen. Darin liegt das Problem in der Kommunikation mit dem Piloten. Durch die Ausrichtung nach hinten muss das Flugzeug immer in einem bestimmten Winkel vom Motiv wegfliegen damit es richtig vor der Linse erscheint. Bilder aus der Luft sind schwerer zu erstellen als man glauben mag. Gerade hier sind der Winkel zur Lichtquelle und die Wetterlage allgemein besonders wichtig um anständige Ergebnisse zu bekommen. Deshalb ist es auch die wichtigste Entscheidung zusammen mit meinem neuen Freunden den wirklich richtigen Zeitpunkt abzupassen um unseren Flug zu starten. An diesem Tag ist der Himmel praktisch mit einer dicken Wolkendecke überzogen. Aus der Erfahrung der letzten Tage zu schließen besteht immer eine gute Chance, dass die Wolken zum Sonnenuntergang aufreißen, und sich ein schöne Abendstimmung bildet. Doch direktes Sonnenlicht ist nur bei ganz wenigen Motiven aus der Luft von Vorteil, so entscheiden wir uns es mit einer Mischung zu versuchen. Wir starten am späten Nachmittag um für den Flug über die Tundra die ausgeglichene Beleuchtung des Wolkenhimmels nutzen zu können. Wenn es dann gegen später besonders in der Nähe des Gebirges noch aufmacht, so ist das auch gut. Ich habe mir alle Lagen Kleidung angezogen die ich auf dieser Reise mitgenommen habe. Sobald sich das kleine Flugzeug erhebt eröffnet sich mir ein komplett neues Bild dieses Lebensraumes und ich bin schon nach wenigen Minuten überglücklich diesen Schritt hier unternommen zu haben. Die Oberfläche der Tundra ist unglaublich vielfältig. Immer wieder sehe ich kleine und größere Seen, die mit Wasserläufen verbunden sind.

Durch das Auftauen des Permafrostbodens bilden sich an vielen Stellen großflächige Polygone wie sie mir auch schon auf dem riesigen „Uyuni“ Salzsee in Bolivien aufgefallen sind, als das Wasser auf der Salzkruste verdunstet war. Ich sehe große Schwärme Gänse fliegen und erkenne immer wieder einzelne Gruppen Karibus die durch die Weite der Landschaft ziehen. Deren Pfade sind auch die einzigen Spuren die von Lebewesen in dieser Wildnis zu sehen sind. Doch was mich besonders beindruckt sind die größeren Flüsse die aus dem Gebirge kommend in fantasievollen Formen durch die Tundra mäandern. Durch das geringe Gefälle in der Landschaft hat jeder größere Fluss viele Flussschlingen ausgebildet was von oben unglaublich imposant aussieht. Es soll aber noch besser werden. Die Vorläufer der „Brooks“ Berge sind allesamt mit Tundra Vegetation überzogen und als wir über diese hinwegfliegen sind sie plötzlich da, meine so lange herbeigesehnten Farben.

Es ist tatsächlich wie ein Rausch, schöner als ich es mir vorgestellt habe. Ganze Hügel sind rot und gelb eingefärbt und jeder kleine und kleinste Wasserlauf, ob permanent oder nur zeitweise, hat durch seine spezielle Vegetation eine besondere Einfärbung. Ich habe in meinem ganzen Fotografenleben noch nie so eine Fantasielandschaft gesehen, als wäre ich in einem Märchenland. Ein kleiner See mit der Form eines Herzens ist da noch eine schöne Zugabe. Um mein Glück perfekt zu machen ist dann auch noch die Sonne durchgebrochen und hat das große wilde „Brooks“ Gebirge in ein unglaubliches Licht gehüllt.

Mir stockte beinahe der Atem so sehr war ich fasziniert. Es sind zwei perfekte Stunden die mir zum Abschluss dieses Riesenprojektes am Ende von vierzehn Reisen noch einmal in kaum zu steigernder Intensität die Schönheit unseres Planeten vor Augen führen. Ich bin so oft so reichlich mit einmaligen Endrücken beschenkt worden das ich mich nun bis in die Fingerspitzen motiviert an die letzte Phase dieser Arbeit mache, nämlich den bestmöglichen Vortrag zu produzieren um mit möglichst vielen Menschen auf meiner Ende Oktober beginnenden Vortragstour diese Erlebnisse teilen zu können.

Mongolei: Steppe Teil 2: „Alles etwas intensiver…..“ 26.07.2013

Eigentlich mag ich ungeteerte Straßen ja sehr gerne. Doch auf unserem Kurs entlang der südlichen Landesgrenze der Mongolei durch die Wüstensteppe der Gobi wird diese Sympathie auf eine harte Probe gestellt. Der Weg ist geprägt von Waschbrettpisten die eine ständige Holperei verursachen und meinen durch die vielen Aktivitäten der letzten Monate eh schon strapazierten Rücken praktisch ständig durchschütteln. Unser Fahrer „Bar“ tut das, was Alle machen die hier durchkommen, er sucht nach besseren Fahrspuren. Dies führt zu einer immer weiteren Ausbreitung der Piste, welche an manchen Stellen Schneisen von bis zu einem halben Kilometer breite in die Landschaft schneidet. Kein schöner Anblick in solch einer kargen Vegetation wie hier in der Gobi. In der Tat hat der Grasanteil in der Steppe stark abgenommen. Es ist heißer und das zarte Grün der vereinzelten Büschel wirkt äußerst fragil.

Verkehr herrscht hier so gut wie keiner, die Besiedelung ist mancherorts nicht existent. Was wir dafür immer mal wieder sehen sind LKW´s die wohl Rohmasse aus den umliegenden Minen nach China schaffen. Ich habe gehört, dass es hier die größte Kupfermine der Welt geben soll. Es sind ausländische Firmen die hier investieren. Die Mongolei hat weder die finanziellen noch strukturellen Möglichkeiten dies selbst zu tun. Dieser Rohstoffboom erklärt auch die seltsame Mischung an Kontrasten die ich in meiner kurzen Zeit in der Hauptstadt „Ulan Bator“  beobachtet habe. Ich sah Hotelbauten die auch in Dubai stehen könnten, Pubs für Ausländer im Bergbaugeschäft und Geschäfte mit Luxusmarken. Andererseits ist eine mangelhafte Infrastruktur in der Stadt und eine weit verbreitete Armut deutlich auszumachen. Die riesigen Jurten-Viertel in den Vororten, wo knapp die Hälfte aller Mongolen leben, bilden einen brutalen Kontrast zu dieser neuen Glitzerwelt. Dazu kommt das der Zustrom in die Hauptstadt auch weiterhin nicht versiegen wird, was die Probleme noch verschärft.

 

Wir fahren hinein in den „Gobi-Gurvansaikhan Nationalpark“, einem Schutzgebiet größer als die Schweiz. In dieser Region soll die trotz der rauen Lebensbedingungen zahlreiche Flora und Fauna der Halbwüste geschützt werden. Dass dies gar nicht so einfach ist sehen wir bei „Bayanzag“, die auch „Flaming Cliffs“ genannt werden, der ersten als Touristenattraktion gehandelten Region überhaupt welche wir auf unserer Reise ansteuern. Die Klippen sind eine durch Erosion geprägte Abbruchkante deren, aus weichem lehmartigen Material bestehende Formationen, zum Sonnenauf und Untergang in leuchtendem Rot erstrahlen. Sie könnten auch im mittleren Westen der USA zu Hause sein nur findet man sie dort zumeist in größeren Dimensionen. Wenn man den Blick von der Abbruchkante über die Felsen gleiten lässt hat man eigentlich wunderschöne Ausblicke auf die sich darunter ausbreitende spärlich mit Gras bedeckte Steppe und einen inzwischen rar gewordenen Wald aus kleinen „Saxaulbäumen“.

Ist es nur meine Fotografenästhetik oder ärgert es den normalen Besucher einfach nicht weil es im egal ist? Mir auf jeden Fall geht hier mal wieder einiges gegen den Strich. Wenn ich mich vom Aussichtpunkt einmal um meine eigene Achse drehe so sehe ich insgesamt fünf Touristencamps aus Jurten auf alle Himmelsrichtungen verteilt. Zu jedem dieser Camps führt im besten Falle eine Fahrspur welche weite Bereiche potentieller Motive zerschneidet. Auf den höchsten Punkt der Klippen haben die Einheimischen ihren Souvenirstand gestellt. Es gibt kaum einen Blickwinkel in dem sich nicht irgendeine Plastiktüte in einem der Gräser verfangen hat. Besonders schlimm empfinde ich das Müllaufkommen bei meinem kleinen Ausflug in den „Saxaulwald“. Diese robusten, eher als Büsche wachsenden Gehölzer sind inzwischen in der Gobi rar geworden, da sie häufig als Brennholz genutzt wurden. Ein fataler Eingriff in einem ariden Ökosystem wie diesem hier, wo die Natur so lange braucht um sich zu regenerieren. Dass ein Nationalpark nicht viel Sinn macht, wenn man keine Regeln aufstellt, oder vielmehr wenn es keine Administration gibt welche diese Regeln auch durchsetzt, kann man leider in vielen Schutzgebieten unserer Erde sehen. Dabei wäre es gerade an solch überschaubaren Orten wie den „flammenden Klippen“ sehr einfach eine sinnvolle Besucherlenkung durchzuführen.

Genossen habe ich den Besuch in dem Gebiet, in dem man viele wichtige Dinosaurierfunde gemacht hat, trotzdem. Denn wie zu erwarten bin ich der Einzige der die Klippen wirklich in Flammen stehend erlebt hat. Keiner der Touristen macht sich die Mühe früh aufzustehen um diese schöne Landschaft in ihren wunderbarsten Augenblicken zu erleben. Ich habe am Vorabend einen Standpunkt ausgesucht welcher mir einen guten Bildaufbau für mein Foto ermöglicht.

In der Einsamkeit des Morgens genieße ich dann jeden Moment in denen ein direkt über dem Horizont erscheinender knallroter Sonnenball dem Namen dieser Region wirklich alle Ehre macht und die Klippen für kurze Zeit in Brand zu setzen scheint.

Unser weiterer Weg durch die Gobi führt uns ab und an durch kleine Dörfer. Erstaunlich finde ich, dass sich die Mongolen, sobald sie die Weite der Steppe aufgeben und sich in einer Ansiedlung niederlassen, sich in der Regel hinter einem hohen Bretterverschlag verschanzen. Das ist wirklich der nahtlose Übergang von einem Extrem ins Andere. Jedes Dorf hat eine zentrale Wasserausgabestelle, an der die Leute gegen einen kleinen Betrag ihre Kanister mit dem Lebensspender auffüllen können. Auch wir tun dies alle paar Tage um Wasser zum kochen und haben.

Die größte Attraktion der Gobi sind zweifellos die „Khongoryn Els“, die höchsten  Dünen in der Mongolei. Insgesamt ist die Gobi nur auf drei Prozent ihrer Fläche von Sanddünen bedeckt. Interessant ist auch ihre Ausdehnung. Die Sandberge sind nur wenige Kilometer breit dafür ziehen sie sich auf bis zu hundertfünfzig Kilometer in die Länge. Ich sehe die Sandwellen zum ersten Mal aus der Ferne als wir aus einem kleinen Gebirge kommend auf sie zusteuern. Es sieht schon gewaltig aus, besonders da durch die schmale Ausbreitung sich hinter den Dünen wiederrum andere karge Berge erheben. Steht man direkt vor ihnen ist die Wirkung noch grandioser. Der blaue Himmel über den weiße Schäfchenwolken ziehen bildet einen starken Kontrast zum fast in weiß strahlenden Sand. Am Fuße der Sandberge befindet sich erstaunlicher Weise ein Streifen mit recht üppiger Vegetation. Es ist ein Feuchtgebiet welches durch einen kleinen Fluss gespeist wird. Ein weiterer Kontrapunkt in einer malerischen Landschaft. Diverse Familien siedeln in der Umgebung, deren Herden sich über der Steppe verteilen. Besonders die Kamele mit ihren zwei Höckern wirken hier genau richtig am Platz. Wir erreichen die Dünen gegen spätem Vormittag. Wegen der tollen Wolkenbilder die hier über uns hinwegziehen verzichte ich auf ein Mittagessen und mache mich sofort an den Aufstieg. Sonnenbrille, Hut und eine dicke Schicht Creme auf der Haut sind dafür die Grundvoraussetzung. Der Anstieg ist steil und im wegsackenden Sand auch sehr kräftezehrend. Ich brauche eine knappe Dreiviertelstunde um auf der höchsten Düne zu stehen. Der Wind formt die Dünen so spitz zulaufend, das man sich erst mal eine kleine Fläche ebnen muss um im starken Wind einen sicheren Standpunkt zu finden. Der Anblick ist atemberaubend. Der Dünenkamm verläuft von Westen nach Osten. Im Norden fällt der Blick auf die Ebenen der Halbwüste und im Süden aber weit unter dem Level der hohen Dünenwelle breiten sich weitere Sandgebilde vor mir aus. Dahinter steigt das Land weiter an um den Horizont mit skurril geformten Bergen zu formen. Zu diesem Zeitpunkt bin ich weit und breit der Einzige der hier oben steht. Ich genieße das sich ständig wechselnde Spiel aus Licht und Schatten. Für die Fotografie um diese Tageszeit ist es wichtig, dass man genau den richtigen Moment abpasst. Fotografiert man die Dünen ohne einen Wolkenschatten, so wirken sie im grellen Sonnenlicht wie eindimensionale Flächen.

Bilden die Wolken im Himmelsteil des Motives eine schöne Formation und werden die Dünen gleichzeitig mit einem Muster aus Hell und Dunkel bedeckt dann können selbst um die Mittagszeit interessante Bilder entstehen.

Nach über einer Stunde mache ich mich wieder an den Abstieg, wohl wissend, dass ich zum Abend wieder hinaufklettern werde. Während ich am Nachmittag im Schatten unseren Kochzeltes sitze, überlege ich die ganze Zeit, wie ich es anstellen kann von dort oben den Sonnenuntergang und den Tagesanbruch zu erleben. Beide Zeiten versprechen außergewöhnliche Lichtsituationen für diese fotogene Landschaft. Ich brauch für das Dämmerlicht auf jeden Fall das Stativ und die fast komplette Objektivpalette. Es hilft nichts, ich komme nicht drumrum dort oben zu übernachten. Ich müsste nach Einbruch der Dunkelheit, weit nach zweiundzwanzig Uhr nach unten marschieren. Das wäre ja noch denkbar und ich wäre gegen elf Uhr im Schlafsack. Doch der Tag beginnt hier sehr früh. Ich traue mir momentan nicht zu, die Kraft aufzubringen schon gegen vier Uhr mit dem Rucksack auf dem Rücken die steile Wand abermals zu erklimmen. Also packe ich einen Liter Wasser in die Fototasche, ein paar Kekse und den Schlafsack obenauf. Gegen Abend sitze ich abermals auf der höchsten Düne. Inzwischen lösen sich, wie zu erwarten, mehr und mehr der Wolken auf. Die Sonne steht tiefer und lässt zwischen den Sandwellen lange Schatten entstehen. Am Horizont erscheint ein fast voller Mond zwischen den verbliebenen Wolkenformationen. Inzwischen sind auch einige Touristengruppen hier hochgestiegen. Diese treten aber kurz nachdem die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist den Rückweg nach unten an, und ich bin wieder alleine. Vorerst zumindest. Für mich wird es genau jetzt interessant. Die Zeit, zwischen dem verschwinden der Sonne und der Nachtschwärze schenkt uns ein weiches Licht, welches sich in meiner Bildsprache im Laufe der Jahre zum Hauptwerkzeug entwickelt hat.

Die Farben nehmen die von mir so geschätzten Pastelltöne an und die Schatten haben nicht mehr die Härte um ein Bild zu dominieren. Ich liebe dieses Licht und als ich später die Bilder der Sanddünen auf meinem Computer betrachte, sind es genau jene Bilder die ich in der sogenannten „blauen Stunde“ gemacht habe, welche zum Einsatz kommen werden. Das gleiche passiert dann in umgekehrter Reihenfolge am nächsten Morgen bei Tagesanbruch. Man hat als Fotograf also immer zwei Chancen ein richtig gutes Licht zu erwischen, vorausgesetzt das Motiv hat den richtigen Einstrahlwinkel zur Sonne. Es kommt nicht selten vor, dass Wolkenberge am Horizont ein Nachglühen der Landschaft verhindern und die Bilder farblos bleiben. Nicht so in dieser Nacht. Ich habe doppeltes Glück, am Abend wie am Morgen strahlen die Dünen im sanften Licht der Dämmerung. Weniger Glück habe ich in dieser Nacht mit dem Schlafen. Ich habe mir eine schöne Kuhle geformt um nicht von der Dünenkante in die Tiefe zu rollen.

Leider lässt der Wind in der ersten Nachthälfte kaum nach, was bedeutet das mir praktisch ständig Sand ins Gesicht weht. Ich habe versucht mich komplett in den Schlafsack zurückzuziehen und nur eine kleine Öffnung zur Atmung erlaubt. Doch das ist eine Aktion die praktisch dem Betreten einer Sauna gleichkommt. Jeder weiß wie lange man es in einer Sauna aushalten kann. Zu meinem Unglück haben ein paar mongolische Jugendliche diese zweifellos zauberhafte Mondnacht zur Partyzeit erkoren. Von unten dringen deren feuchtfröhliche Geräusche zu mir auf die Düne. Dem nicht genug, müssen dann ein paar stramme Kerle ihren auserwählten Perlen auch noch die Welt von oben zeigen. Gegen elf Uhr, ich bin gerade so im dahindämmern mit viel Sand zwischen den Zähnen kommen die ersten Pärchen auf meinen Dünenkamm und erfreuten sich lautstark an den Schönheiten ihres Landes. Als ich dann weit nach Mitternacht endlich einen leichten Schlaf finde, sitzen plötzlich wieder Zwei direkt neben mir. Sie sind wirklich freundlich, aber es ist echt der falsche Zeitpunkt. Bis dann das erste Morgenrot das Licht des Mondes überstrahlt und die Konturen der mich umgebenden Landschaft wieder deutlicher sichtbar werden lässt, ist es nicht mehr weit hin, und der Schlaf ist viel zu kurz zu seinem Recht gekommen. Das macht aber überhaupt nichts. Ich habe schon viele schlafmangelnde Nächte erlebt um an meine gewünschten Bilder zu gelangen. Das gehört einfach zum Arbeitsfeld eines ernsthaften Naturfotografen dazu.

Durch das Randgebiet des Gobi Nationalparks fahren wir nun in Richtung Norden. Immer wieder sehen wir auch hier große Tierherden. Besonders die Ziegen sind dabei für die an die Trockenheit angepassten Sträucher und Gräser eine starke Bedrohung. Neben den Spuren der Fahrzeuge, die kreuz und quer über die Ebene verlaufen, ist die Vegetation besonders auf sie sehr anfällig. Während Schafe Gräser nur abfressen und sie somit nachwachsen können, reißen die Ziegen sie mit der Wurzel raus. Qualitativ hochwertige Kaschmirwolle ist ein Hauptexportgut der Mongolei und wird fast zu hundert Prozent von großen chinesischen Textilunternehmen abgenommen. Der wertvolle Rohstoff wird von Ziegen geliefert, was zu einer massiven Zunahme dieser Tiere innerhalb der Herden geführt hat. Bei gleichzeitiger Abnahme von Grasland und verstärkter Ausbreitung der Wüste. Ein wirtschaftlicher Boom verläuft in der Regel immer zu Lasten der Umwelt. Auch hier wurde die Produktionssteigerung nicht nachhaltig betrieben. Dazu kommt das die Viehherden seid den 1990er Jahren privatisiert wurden. Eine Kontrolle durch den Staat ist seitdem praktisch unmöglich. Gäbe es in der Mongolei eine FDP würden sich deren Politiker über die freie Entwicklung des Marktes sicherlich freuen. Doch ein unregulierter, nur auf Wachstum ausgelegter Markt wächst in der Regel immer so lange bis er alles aufgesogen hat was ihn nährt. Dann kommt der Zusammenbruch. Immer – im Großen wie im Kleinen.

Das letzte Drittel meiner Rundreise führt uns durch die „Khangai“ Berge in der Inneren Mongolei. Schon  bei der Anfahrt wird die Steppe wieder sichtbar grüner, die Vegetation vielseitiger. Die ersten sanften Wellen des Vorgebirges liefern uns wieder diese grandiosen Ausblicke für die man diese Landschaft einfach lieben muss. Mancherorts ist das Gelände mit unzähligen großen und kleinen Gesteinsbrocken überzogen. Sie zeugen von längst vergangenen vulkanischen Aktivitäten. Gegen Abend suchen wir uns irgendwo eine schöne Stelle aus und schlagen unser Lager auf. Es vergeht eigentlich kein Tag ohne Gewitterbildung, welche fantastische Lichtstimmungen über die weite der Landschaft zaubern. Ich streife zwischen den Hügeln umher und entdecke auf vielen der Felsen, die hier seid Jahrtausenden in der Wiese liegen, uralte Felsgravuren. Bis zu dreitausend Jahre sollen sie alt sein. Meist sind es Motive von Tieren, sei es domestiziert oder auch wild. Der Lebensstil der Nomaden scheint eine lange Tradition zu haben. Es ist schade, dass wir wohl eine der letzten Generationen sein werden, die diese Art des Lebenswandels noch kennenlernen können.

Was mich sehr erstaunt ist das ich auf einem der Felsen eine Spirale entdecke. Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, gilt dieses Symbol in vielen Kulturkreisen als Zeichen des Wandels und der Erneuerung, sprich auch als Symbol für das Nomadentum. Wie kann es aber sein das sich Symbole und auch Riten auf unserer Erde in diversen Weltregionen geglichen haben, ohne dass diese in irgendeinem Kontakt standen? Auf Relikte aus der Vergangenheit trifft man in den Steppen der Mongolei immer wieder. Es sind alte Grabsteine die kreisförmig angeordnet und mit diversen Gravuren bestückt aus dem Boden ragen. Dem Menschen oder Tieren nachempfundene Steinstatuen sollen wohl den einflussreicheren Menschen zur Ehre erstellt worden sein. Kaum eines dieser Gebilde ist noch komplett erhalten, doch sind sie immer noch so gut zu erkennen, dass man den damaligen Künstlern durchaus ein immenses handwerkliches Geschick attestieren darf. Was man wohl aus unserer Zeit auf der Erde vorfinden wird, wenn man in ein paar hundert oder tausend Jahren auf Entdeckungstour geht? Wird es uns dann überhaupt noch geben? Wenn wir so weitermachen wie bisher wage ich das stark zu bezweifeln. Vielleicht kriegt die Menschheit ja doch noch die Kurve und kommt zur Besinnung. Vielleicht werden dann unsere Konsumtempel und Atomkraftwerke als eine Zeit der großen Dummheiten und Missverständnisse belächelt. Große kulturelle Highlights haben wir ja nicht zu bieten, oder tue ich uns da unrecht? Am dritten Tag nachdem wir die Halbwüste der Gobi verlassen haben sehen wir plötzlich ganze Bergzüge die mit Kiefern bewachsen sind. Richtige Wälder deren Anblick mein Herz erfreut. Wir sind hier auf über zweitausend Metern Höhe und das Klima ist recht erfrischend.

Diverse Blumen blühen in dieser bergigen Version der Steppe. Doch die von mir erhofften Teppiche aus Blumen, wie ich sie schon auf Bildern aus der Mongolei gesehen habe, werden wir leider nicht zu sehen kriegen. Dafür scheint es in diesem Jahr einfach zu wenig geregnet zu haben, oder wir sind einfach in der falschen Gegend. Als wir den höchsten Pass überqueren, der gleichzeitig eine Wasserscheide ist und mit seinen Flüssen den nördlichen Teil der Mongolei mit Wasser versorgt, fallen mir zum ersten Mal die grauen Flecken in den Wäldern auf. Zuerst halte ich sie für eine Stelle an denen es gebrannt haben muss, aber als es immer mehr werden und die Bäume zwar tot sind aber alle noch stehen wird klar das es dies nicht sein kann. Meine mongolische Übersetzerin „Jagga“ erfährt von den Einheimischen das es sich um einen „worm“ handelt, wie sie es mir übersetzt. Ob es nun tatsächlich ein Wurm ist, oder ein Käfer kann ich nicht in Erfahrung bringen. Auch sonst bekomme ich leider keine Informationen über das Ausmaß und die Ursachen dieses Waldsterbens. Es erinnert doch sehr stark an das was der Borkenkäfer bei uns mit den Fichtenwäldern anstellt, wenn die Sommer zu heiß und die Bäume zu geschwächt sind. Die Menge an totem Holz die wir passieren lässt leider Schlimmes befürchten. Wenn das tatsächlich Auswirkungen eines sich verändernden Klimas wären, so verspräche das nichts Gutes für diese Wälder. Ich glaube, dass kaum eine Tier- und Pflanzenart die in dem extremen Klima der Mongolei zu Hause ist, große zusätzliche Flexibilität hat um sich auf neue Lebensbedingungen einzustellen. Dafür müssen sie schon zu starke Kontraste meistern die ihnen die verschiedenen Jahreszeiten bereiten. Eine weitere Gefahr für die Wälder in den „Khangai“ Bergen ist der Nutzungsdruck durch den Menschen.

Wir passieren die Ortschaft die für ihre Produktion von Jurten berühmt ist. „Jagga“ erzählt mir das aus allen Landesteilen Bestellungen eingehen. Die Behausungen werden in Handarbeit produziert und sind natürlich auch nachhaltig, da sie aus nachwachsenden Rohstoffen erstellt werden. Doch darf man nie aus den Augen verlieren wie lange ein Bäumchen in der Mongolei braucht um eine brauchbare Größe zur Verwertung zu bekommen. Augenmaß ist hier gefragt und eine ungebremste Nutzung wie mit Allem unbedingt zu vermeiden.

Der letzte Tag, bevor wir wieder die geteerte Straße erreichen, wartet nochmals mit einem besonderen Ereignis auf. Wir sitzen gerade zu Besuch bei einer Familie in deren Jurte, als uns ein Gewitter in Form eines mächtigen Hagelsturms einholt und für einige Minuten mit aller Kraft überschüttet. Das Unwetter zieht sehr schnell weiter und hinterlässt für kurze Zeit eine weiße Eisschicht auf dem Boden. Die Sonne bricht unmittelbar danach wieder durch die Wolken und zaubert einen wunderbaren Regenbogen vor weiterziehende dunkle Gewitterwand.

Die Mongolei hat mich in der kurzen Zeit in der ich hier zu Gast sein durfte mit so vielen magischen Momenten beschenkt das dieses Land einen besonderen Platz in meinem Herzen behalten wird. Auch wenn ich merke,  dass ich generell doch eher die üppige Vegetation der Regenwälder der Kargheit der Steppe vorziehe, so werden mir die weiten Horizonte und die fantastischen Wolkenbilder fehlen. Die Mongolei ist eindeutig ein Land, das zumindest in der Jahreszeit in der ich sie kennenlernen durfte, viel spannendes „Licht“ für den Fotografen bereithält.

Steppe Teil 1: Mongolei „hinterm Horizont immer weiter“ 17.07.2013

Sie verfolgen mich fast schon auf Schritt und Tritt. Sie sind immer dann am stärksten präsent wenn ich mich in den schönsten Bereichen meiner  Arbeit befinde nämlich auf Reisen in der Natur. Dann fallen sie gnadenlos über mich her und traktieren mich mit der immer wiederkehrenden Frage nach dem Ausweg aus der scheinbaren Ausweglosigkeit. Das geht jetzt schon seid Jahren so, und je mehr ich von dieser Erde entdecken und fotografieren darf, desto intensiver werden die Gedankengänge. Es sind stundenlange Grübeleien zu dem einen Thema, welches über allen anderen Themen steht: – Wie können wir Menschen uns davor bewahren unsere Lebensgrundlagen zu zerstören?

Mir ist klar warum es gerade auf Reisen so intensiv in mir rumort. Alleine die letzten Monate sind eine einzige Aneinanderreihung von unglaublichen Erlebnissen. Ich habe in relativ kurzer Zeit soviel Schönheit sehen und fotografieren dürfen, dass ich fast überschäume vor Begeisterung über die unermessliche Vielfalt von Mutter Natur. Ich weiß was auf dem Spiel steht. Was wir zu verlieren haben. Die globale Situation hat sich mir ganz tief in die Seele gepflanzt. Es sind die zwei Extreme. Das Wunder des Lebens in all seiner Pracht auf der einen, und die gleichzeitig schleichend ablaufende Katastrophe hinein in eine nicht allzu ferne Zukunft aus Mangel und Monotonie auf der anderen Seite.

Wer sich darüber im globalen Kontext Gedanken macht der sollte nicht versäumen  die Zusammenhänge auch auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen – nämlich den des eigenen Lebenskreises. Was global funktionieren soll, muss auch bei Einem selbst möglich sein. Genau da fängt das Bauchweh auch schon an. Ich träume von einer gerechten Welt. In der wir Menschen auf nachhaltige Weise, basierend auf dem Allgemeinwohl und fernab jeglicher Wachstumswahn-Ideologien leben, und als Teile einer intakten, artenreichen Umwelt glücklich sind. Wem das zu kompliziert war, dann nochmals anders ausgedrückt: Es muss sich fast Alles ändern. Gehe ich mit gutem Beispiel voran? Wäre die Welt eine Bessere, lebten sieben Milliarden Markus Mauthe´s auf dieser Erde? Diese Frage werden wir mal ganz nüchtern und ehrlich analysieren. Reisen sie mit mir in die Mongolei, den am dünnsten besiedelten Land der Erde und grübeln sie mit.

Um das Thema „Steppe“ für mein Greenpeace Projekt „Naturwunder Erde“ umzusetzen, habe ich dieses Land ausgesucht, welches so anders ist, als Alles was ich bisher kannte. Stellen sie sich die Wiese hinter ihrem Haus vor, nur so groß wie Deutschland. Das sind die zwanzig Prozent Grassteppe mit der ein Fünftel der Mongolei bedeckt ist. Sie ist das erste Ziel unserer Rundreise. Begonnen hat alles ganz normal mit der üblichen, möglichst schnellen Flucht aus der Stadt. „Ulan Bator“ ist die Hauptstadt und hat den einzigen Internationalen Flughafen des Landes. Jeder dritte Mongole, bzw. Mongolin lebt hier. Ich melde mich beim örtlichen Reiseveranstalter der die kommenden Wochen für mich geplant hat und freue mich dass wir schon am kommenden Morgen der Umarmung der Zivilisation entkommen werden. Ich bekomme nicht das Elend tausender Kinder zu Gesicht, welche obdachlos in den Heizungstunneln der Stadt unter erbärmlichen Umständen hausen müssen. Ich muss auch nicht lange auf die unzähligen Rohbauten starren, die hier wie Pilze aus dem Boden schießen. Was von „Ulan Bator“ bleibt ist die fast schon erheiternde Einsicht, dass auch die Mongolen, die mehr Platz zur Verfügung haben als alle anderen Völker auf der Welt mit Verkehrsproblemen zu kämpfen haben. Die Autos stauen sich praktisch an jeder Ecke des Zentrums. Dabei haben die ehemaligen Pferdeherren doch gerade erst begonnen unseren westlichen Lebensstil zu kopieren.

 Die ersten paar hundert Kilometer auf dem Weg nach Osten sind noch geteert, später beginnt dann das weite Netz der Holperpisten. Ich habe das Glück zwei sehr angenehme und äußerst hilfsbereite Menschen an meiner Seite zu wissen. „Bal“ ist knapp sechzig Jahre alt und als Fahrer mit stoischer Ruhe und Gelassenheit ein zuverlässiger Lotse durch das Meer aus sanften Hügeln. Wie er bisher immer zielsicher den richtigen Pfad gefunden hat ist echt bewundernswert. Schilder gibt es da draußen kaum, oder sie sind oft unlesbar. Andauernd teilen sich die Fahrspuren und führen über den nächsten Hügel scheinbar ins Nirgendwo. Als Köchin und Übersetzerin ist „Jagga“ mit an Bord unseres Kleinbusses. Sie hat von Anfang an verstanden was ich hier in ihrem Land fotografisch umsetzen möchte. Durch unsere gute Kommunikation in Englisch hat sie mir in den vergangenen Tagen schon so manche Tür geöffnet und zu tollen Motivsituationen verholfen. Die Reise scheint unter einem guten Stern zu stehen. Es ist die regenreichste Zeit des Jahres. Von Begin an zeigt sich mir die Mongolei von ihrer schönsten Seite. Das Gras ist grün und die Wolkenberge über dem Horizont meistens präsent um fast jedes Motiv zu veredeln. Natürlich erinnert mich hier vieles an die Savannen die ich in Afrika kennenlernen durfte.

Der Hauptunterschied ist wohl der, das es in der Steppe im Winter richtig Arschkalt wird, während die Savanne wegen ihrer Nähe zum Äquator wirkliche Kälte gar nicht kennt.

Es sind die weiten Ausblicke die so faszinieren. Steht man schon wenige Meter erhöht auf einer Kuppe scheint der Horizont in weiter Ferne zu rücken und dazwischen breiten sich in sanften Wellen verlaufene Hügel aus, die mit den unterschiedlichsten Gräsern bewachsen sind. Wir befinden uns inzwischen in der „Dornod“ Steppe, ein riesiges, nur sehr dünn besiedeltes Gebiet. Die „Dornod“ ist eines der letzten großflächigen Steppengebiete der Erde das sich nahezu in seinem natürlichen Zustand befindet. Es ist das letzte Gebiet in Asien, in welchen die Migration, also die Herdenwanderung großer Huftiere möglich ist.

Das Grasland ist ein Paradies für Vögel. Praktisch ständig fliegen kleine Singvögel auf, die wir bei ihrer Futtersuche am Rande des Weges kurzeitig erschrecken. Es kommen weit über hundert Arten vor, und viele davon haben hier ihre Nistplätze. Erhaben ist der Anblick von den größeren Vögeln wie Bussarde und Steppenadler. Wenn sie ihre Flügel ausbreiten und wie in Zeitlupe davonfliegen erfreut das nicht nur das Herz von Ornitologen. Am zweiten Tag entdecken wir den Horst eines Adlerpärchens an der Oberkante einer Böschung. In Ermangelung von Bäumen sind alle Tiere in der Savanne Bodenbrüter was natürlich nicht ohne Risiko ist, da Jungtiere möglichen Fressfeinden wie Wölfen oder Füchsen schutzlos ausgeliefert sind.  Wir sehen wiederholt Steppenadler am Straßenrand. Sie schwingen mit den Flügeln und hüpfen von uns weg, bevor sie sich dann ganz eng ins tiefe Gras pressen.

Irgendwann verstehe ich, dass es sich hierbei nicht um kranke Exemplare handelt, sondern um Jungtiere die noch nicht in der Lage sind zu fliegen. Sie warten auf die Rückkehr ihrer Eltern.

Von Zeit zu Zeit entdecken wir Kraniche, welche immer zu Zweien unterwegs sind. Bei manchen hat sich der Nachwuchs eingestellt und trottet als hellgrauses Flaumbündel hinter seinen Eltern her.

Immer wieder ziehen Wolken vor der Sonne vorbei und tauchen das Land in ein wunderbares Fleckenmuster aus Licht und Schatten. Doch am eindrucksvollsten  sind die Gewitter die sich während unserer bisherigen Reise fast täglich am Himmel formieren. Pechschwarze Wände die sichtbare Fäden aus Wasser auf die Erde schütten. Durch den Kontrast erscheint die Savanne darunter plötzlich Heller als der Himmel was dem Gras ein kräftiges sattes und somit äußerst fotogenes Grün beschert. Es gibt Zeiten da fahren wir dreißig vierzig Kilometer ohne auf sichtbares Leben zu stoßen, sieht man von den allgegenwärtigen Vögeln und kleinen Nagetieren ab die durch das Gras huschen. Dann erkennt man wieder schwarze, braune und weiße Flecken in der Ferne und weiß, dass es sich aller Voraussicht um eine Herde domestizierter Tiere handelt, welche die Lebensgrundlage der nomadisch lebenden Menschen bilden. Kuhherden sind mir nicht neu, Ziegen und Schafe reißen mich auch nicht vom Hocker. Doch wenn man dann eine große Gruppe Pferde über die weite Ebene rennen sieht hat das schon etwas Würdevolles. Ebenso faszinierend sind für mich die zweihöckerigen Kamele die in kleineren Gruppen in der Landschaft stehen und völlig gelassen vor sich hinkauen.

Es gibt nicht mehr viele Erdteile in denen Menschen bis heute als Nomaden leben. Warum ich das so schade finde versuche ich hier mal zu erklären. „Jagga“ erzählt mir das momentan noch ca. die Hälfte der mongolischen Bevölkerung den traditionellen Lebensstil praktiziert. Ihre Jurten lassen sich schon aus weiter Ferne erkennen, da der Überzug meist aus heller Farbe ist. So wie ich das nach so kurzer Zeit einschätzen kann, hat jede Familie in der Regel zwei Jurten, wobei eine als Kochzelt und die andere als Lebens- und Schlafraum genutzt wird. Die Jurte ist rund und läuft am Dach spitz nach oben zu. Meist steht der Ofen in der Mitte und entlässt einen Kamin an der Öffnung, welche auch als Lichtquelle genutzt wird. Außer eine Tür aus Holz gibt es keine Fenster. Die Grundkonstruktion ist aus einem Holzgeflecht das sich bei Bedarf zusammenschieben lässt und für den Transport nur wenig Raum wegnimmt. Darüber wird dann die Plane gezogen, welche im Sommer am Boden auch leicht angehoben werden kann um die extreme Hitze ein wenig zu neutralisieren. Es ist mir vergönnt bei einigen der Nomadenfamilien einen kurzen Blick in ihren Alltag zu werfen.

Etwa als „Bal“ sich nicht sicher war ob er die richtige Abzweigung genommen hat. Dabei fährt er einfach bis an die Jurten der Menschen heran. Wir haben Orte gesehen wo einzelne Familien leben, aber auch im Zusammenschluss mit zwei drei anderen Familien welche meist untereinander verwandt oder eng befreundet sind. Wenn ich den Ritus recht verstanden habe wird man als Fremder immer als Gast behandelt. Warum sonst würde „Bal“ zielsicher die Jurte ansteuern, obwohl Teile der Familienmitglieder auch im Freien stehen und unaufgefordert im Wohnzimmer Platz nehmen. Ich glaube im Händeschütteln als Zeichen der Begrüßung sind die Mongolen eher zurückhaltend. Fast ohne dass Worte gewechselt werden, bekommt man dann als Besucher eine Tasse Tee und aus gegorener Milch hergestellte Leckereien serviert. Bei Letzterem habe ich höflich abgelehnt, in Erinnerung daran, dass mein zivilisationsverweichlichter Magen seine verdaulichen Grenzen sehr schnell erreicht. Zuerst dachte ich wir sind nicht sonderlich erwünscht, den drauflos geplappert haben meine mich umgebenden mongolischen Mitmenschen nicht. Erst nach und nach wird ganz gemütlich über Dies und Das gesprochen und ich merke, dass hier alles seine Richtigkeit hat.

Andere Länder andere Sitten. Ich stelle mir vor wie es wäre wenn man bei uns in Deutschland einfach unangemeldet in ein fremdes Haus geht und in Erwartung von Kaffee und Kuchen sich auf das Sofa fläzt. Wer nun erwartet in der Jurte herrscht das pure Mittelalter, der wird erstaunt sein. Es gibt kaum eine Familie, die nicht eine Solar- Panele vor der Türe stehen hat und eine Satellitenschüssel hinter dem Zelt. In jeder Jurte die ich bisher betreten habe steht ein kleiner Flachbildschirm. Die Menschen haben Handys und zur Fortbewegung nutzen viele heute Motorräder aus China. Fast jede Familie hat entweder einen Geländewagen oder einen Kleinlastwagen. Zweimal im Jahr wird das ganze Hab und Gut zusammengepackt und darauf verladen um vom Sommerlager ins Winterlager zu reisen und wieder Zurück. Die Moderne ist also auch im hintersten Winkel der asiatischen Steppe angekommen. Trotzdem gibt es elementare Unterschiede zu den Leuten, welche sich für ein Leben in der Stadt entschieden haben. Die Nomaden sind praktisch bis heute Selbstversorger. Alle Abläufe sind perfekt auf den Rhythmus ihrer Tiere abgestimmt.

Sie versorgen die Menschen mit Nahrung aus Fleisch und Milchprodukten. Der Tier-Dung wird zum Heizen verwendet was weniger ekelig ist als sich mancher Leser an dieser Stelle denken mag. Getrockneter Dung von Pflanzenfressern ist praktisch fast geruchslos und ein wirklich guter Brennstoff. Im Ablauf ihres Alltages wird so gut wie kein Müll erzeugt und die sie umgebende Natur wird nicht übernutzt. Das Land findet Erholung wenn die Familie den Standort wechselt. Natürlich haben die Mongolen den Vorteil, dass sie unheimlich viel Platz zur Verfügung haben trotzdem sich die Bevölkerung in den letzten dreißig Jahren verdoppelt hat. Ein Land indem es so einfach wäre meine am Anfang des Artikels beschriebene Version einer besseren Welt umzusetzen. Es ist alles vorhanden, um nachhaltig und schonend ein zufriedenes Leben zu führen. Sollte man meinen, denn auch die Mongolei ist ein Spiegelbild der globalen Situation. Dem Touristen erschließen sich diese Probleme wegen der puren Ausdehnung des Landes, allerdings nicht gleich auf den ersten Blick. Ich bin erschrocken als mir „Jagga“ erzählt, das auch in der Mongolei immer mehr Menschen den Weg in die Städte suchen und das Leben in der Natur hinter sich lassen wollen. Sie selbst glaubt nicht das es in ein paar Jahrzenten noch viele Familien gibt, die den Jahreszeiten folgend, über die Steppen ziehen. Warum das so ist hat viele Gründe, und keiner davon ist gut. Ich denke für die Meisten ist einfach der Gedanke zu verlockend, die körperliche Arbeit in der Natur gegen ein einfacheres Leben in massiven vier Wänden einzutauschen. Bei aller Romantik die so ein Leben mit den Elementen für den Besucher ausstrahlt, ist das Nomadendasein auch heute noch trotz technischer Hilfsmittel extrem Hart. Eisige Kälte von dreißig, vierzig Grad unter Null im Winter und sengende Hitze in den Sommermonaten sind klimatische Extreme wie sie kaum in einem anderen Erdteil vorkommen.

Wenn man nichts Anderes kennt, entstehen sicher keine Sehnsüchte auf Veränderung. Doch jede Familie hat inzwischen Verwandte in den Dörfern und Städten, und auch die Kinder der Nomadenfamilien gehen dort zur Schule. Über die Satellitenschüsseln erfolgt eine permanente Berieselung welche einen Lebensstil präsentiert, der so verlockend erscheint, das wohl kaum ein Mensch davor gefeit ist Bedürfnisse nach Veränderung zu verspüren. Doch in dem Moment wo die Leute ihre Jurten auf die Pritsche packen und die Traditionen aufgeben, werden sie von Nomaden zu Konsumenten. Das erfreut die produzierende Industrie und verschärft die grundsätzlichen Probleme des Planeten Erde. Die Menschen kaufen ab jetzt im örtlichen Supermarkt Produkte welche in ihrem Leben auf dem Land nicht notwendig oder außer Reichweite waren. Auch in der Mongolei stehen die Regale voll mit Allem was man sich denken kann. Jeder Einkauf verursacht Müll. Jeder Müll ist ein Problem. Um sich die Dinge im Supermarkt kaufen zu können brauchen die Menschen einen Job damit sie überleben können. Wie praktisch das die Mongolei so reich an Bodenschätzen ist. Viele Arbeiter finden in der Industrie ein Auskommen und helfen großen Konzernen aus dem Ausland z.B. großflächig Kohle abzubauen. Diese wird dann z.B. im Nachbarland China in schmutzige Energie verwandelt. Der Nomade der im Einklang mit seiner Umwelt mit einem kleinen Motorrad über die Steppe zieht hat eine recht gute Ökobilanz.

Der Kohleförderer, der dazu westliches Konsumverhalten praktiziert trägt massiv zur Vergrößerung der Probleme bei. Gerade die Steppe ist ein fragiler Lebensraum. Der Wüste nicht fern ist sie vielleicht mehr als alle anderen Lebensräume auf ausreichend Wasser als Lebensquell angewiesen. Durch die immer stärker ansteigende Menge an Treibhausgasen die wir Menschen in die Atmosphäre blasen (z.B. durch die Verbrennung von Kohle zur Energiegewinnung) heizen wir das Klima massiv an. Es kommt zu Verschiebungen des Wetters. Kreisläufe des Lebens werden zerstört, Regionen trocknen aus. Aus Steppen werden Wüsten und Lebensraum geht verloren. Natürlich sind diese Abläufe von mir vereinfacht geschildert, aber es geht mir darum zu zeigen, das alles irgendwie zusammen hängt. Eine Ursache hat eine Wirkung. Immer. Und ich? Darf ein Vielflieger und Weltreisender wie ich überhaupt solche Zusammenhänge aufzeigen ohne sich der Scheinheiligkeit auszusetzen? Schließlich sehe ich wie sich am Ende eines jeden Reisetages die Plastiktüte voll mit Müll gefüllt hat. Drei Personen, eine Tüte Müll pro Tag. Mich erschaudert bei dem Gedanken wie viele Wasserflaschen aus Plastik ich auf meinen Reisen bisher gelehrt habe. Jeder Keks den ich esse, jeder Käse den ich mir aufs Brot schmiere ist in Plastik verpackt. Umgewandeltes Erdöl, das nach einmaligem Gebrauch wenn wir Glück haben auf irgendeiner Müllkippe landet, wo es dann hoffentlich nicht vom Wind über die Weite der Steppe getragen wird. Oder es wird einfach verbrannt, was wiederrum CO2 freisetzt. Tue ich genug um ökologisch zu Reisen? Gibt es das überhaupt? Fakt ist, das wir uns nicht komplett frei von Sünde machen können, aber wir können so wahnsinnig viel verbessern ohne dabei unsere Freiheit aufzugeben und wieder zurück auf die Bäume zu müssen. Naturgemäß werde ich nicht damit anfangen weniger zu Reisen. Für mich ist das Reisen ein wichtiger Bestandteil meiner Persönlichkeitsentwicklung. Reisen bildet mich, lässt mich Erfahrungen machen, weitet meinen Horizont und lehrt mich Toleranz und Weltoffenheit. Kurz, es macht einen besseren Menschen aus mir, davon bin ich überzeugt. Ich schäme mich auch nicht, dass ich mich jedes Mal freue wenn ich Menschen begegne, die im Gegensatz zu mir mit dem einfachen naturnahen Leben zufrieden sind. Der Weg in die Jurte ist mir versperrt, dazu bin ich zu sehr geprägt vom ständigen Medienkonsum und permanentem Aktionismus. Ich bin nun mal ein Kind westlicher Strukturen, und da muss ich ansetzen. Wäre die Welt besser wenn es sieben Milliarden Markusse gäbe? Ja und Nein. Mein Leben wie ich es in der jetzigen Art und Weise führe würde bei einer Versiebenmilliardenfachung den Planeten komplett verwüsten. Bei soviel Rohstoff und Energiebedarf wäre der Planet praktisch in Nullzeit ausgeweidet. Doch angenommen jeder Mensch ist meiner Meinung dann wäre die Welt schon heute längst eine Andere.

Spätestens nachdem der „Club of Rome“ Anfang der siebziger Jahre seine ersten Prognosen zum Zustand der Erde veröffentlichte, hätte die Menschheit mit all ihrer durchaus vorhandenen Kreativität den Abschied von Öl du Kohle eingeleitet und die gesamte Welt wäre schon längst zu hundert Prozent mit erneuerbaren Energien versorgt. Damit wäre ein Riesenschritt in die richtige Richtung vollzogen. Die Idee vom unbegrenzten Wachstum in einer begrenzten Welt hätte sich nie durchgesetzt und der auf Egoismus und Verdrängung basierende Kapitalismus wäre nie zum Zuge gekommen. Nein ich bin kein Kommunist, da gibt es doch viele Andere, bessere Ansätze. Ohne den Kapitalismus, der diejenigen die eh schon viel haben weiter fördert, (ob legal oder illegal angeeignet) hätten globalen Konzerne wie Nestle, Coca Cola, Shell und wie sie alle heißen gar nicht so machtvoll werden können. Die Produktionsketten wären kleiner, lokal und dezentral. Viel mehr Menschen wären in Lohn und Brot, Rationalisierung ein Schimpfwort, Aktien und riskante Geldgeschäfte illegal und Produziert wird auf Bedarf und nicht nach Werbemacht. Jede Verpackung würde als Rohstoff angesehen und mit Sorgfalt behandelt. Produzenten wären für den gesamten Kreislauf zuständig, „cradle to grave“. Wer irgendwas produziert muss auch recyceln und erneuern. Müll gibt es keinen mehr. Nahrung wird frei von Chemie und gentechnischer Manipulation in kleinen Betrieben naturnah produziert und an die Bevölkerung in der unmittelbaren Umgebung verkauft. Ich brauche keine Mango aus Übersee wenn ich auch mit meinem heimischen Obst reichlich Auswahl habe. Fleisch gäbe es nur noch an Feiertagen als wirklich besonderes Ereignis oder höchstens einmal in der Woche. Die Tiere würden in artgerechter Haltung ein Leben in Würde verbringen bevor sie auf den Teller kommen. Massentierhaltung, Tierversuche und sonstige Untaten wie die Großwildjagd zur Vergnügung  kranker reicher Idioten wären Geschichte da gesellschaftlich geächtet. Die Lichtverschmutzung wäre von heute auf morgen beendet. Ein Großteil aller nachts brennender Lichter ist völlig überflüssig und kostet nur unnötig Geld und Milliarden Insekten das Leben. Das Abholzen von Urwald würde weltweit verboten sein. Der Handel mit illegalem Holz wird mit drakonischen Strafen geahndet. Das Abbrennen von Feldern würde ebenfalls als Sinnlos erkannt sein und Unglauben hervorrufen, das es so etwas früher mal gegeben hat. Die industrielle Fischerei würde beendet und lokale Familienbetriebe gefördert, ebenso in der Landwirtschaft. Es gäbe noch soviel mehr an Dingen die wir unmittelbar tun könnten um Dinge auf der Welt zu verbessern. Doch wer der Mächtigen hat schon ein Interesse an Veränderungen hin zum Allgemeinwohl? Welcher Superreiche würde sich mit Lohnobergrenzen abfinden?

Wenn ich schon am träumen bin so hätte ich gleich gerne eine Weltgemeinschaft mit einer Weltregierung in der jedes souveräne Land Beisitzer sendet die auf friedliche Weise Probleme beraten und lösen. Militär gäbe es nicht mehr. Jedes Land hat aber ein gewisses Kontingent an Ordnungshütern. Denn der Mensch braucht Regeln, Werte und Grenzen an die er sich halten muss, und Kontrollen die diese auch durchsetzen. Alle Strukturen sind in freier Wahl vom Volk bestimmt. Lobbyismus, um wirtschaftliche Interessen Einzelner vor das Wohl der Allgemeinheit zu stellen ist abgeschafft. Das Geld welches früher in unsinnige Rüstung gesteckt wurde, kommt in einen globalen Fond zur Verbesserung lokaler Lebensbedingungen. Haushalte in Afrika, Asien und überhaupt überall wo die Menschen gezwungen sind mit dem knappen Rohstoff Holz zu heizen, bekommen Solarkocher und erneuerbare Energie aufs Dach. Mit dem Geld werden zerstörte Naturräume wieder repariert, und Menschen geholfen die bei Katastrophen zu Schaden kommen. Jeder bekommt freien Zugang zu klaren Wasser. Außerdem wird nur ein minimaler Teil vom Fond nötig sein um allen Kindern dieser Erde eine Schulbildung zu ermöglichen. Hauptfach ist „Nachhaltigkeit“ und „Sozialkunde“. Der Wegfall des Militärs wird nach und nach auch zur weiteren Säkularisierung führen. In meiner Gedankenwelt hat zwar Jeder das Recht zur freien Religionsausübung. Doch wird allen Menschen auf der Welt mit dem globalen Fond geholfen, verlieren zuerst die radikalen Kräfte wie der islamische Fundamentalismus an Einfluss, und später erkennen mehr und mehr Menschen das es eine Kirche die sich selbst weit über ihre Schäflein stellt, gar nicht mehr braucht. Es ist die „Schöpfung“ an sich, um mal im kirchlichen Sprachgebrauch zu bleiben, welche uns Zufriedenheit und Sicherheit schafft. Der glückliche Mensch findet wieder einen direkteren Zugang zu seinen Ursprüngen und der Erkenntnis dass er selbst Teil der Natur ist.

Der Planet Erde kann mühelos zehn Milliarden Menschen ernähren, davon bin ich überzeugt. Die Lösungen sind vorhanden, doch leider auch ein ganz bestimmtes Verhaltensmuster, nämlich unsere Gier nach Mehr, als dass was wir tatsächlich brauchen. Deshalb habe ich auch ernsthafte Zweifel ob die Spinnereien eines naturfotografierenden „Gutmenschen“ Markus Mauthe jemals eine Chance haben zumindest in Ansätzen zu entstehen. Doch jede Utopie beginnt mit einem Traum, jede Reise mit einem ersten Schritt. Deshalb werde ich auch weiterhin in die Welt hinausziehen um ihre Schönheit mit meiner Kamera festzuhalten und bei möglichst vielen Vorträgen möglichst viele Menschen zu erreichen, welche nicht die Möglichkeiten haben wie ich. Es sind vielleicht nur ein paar Wenige die durch meine Bilder und Geschichten ihre Liebe zur Natur wiederentdecken oder verstärken. Ich werde damit die Menschheit sicher nicht auf eine neue Bewusstseinsebene heben können. Ein Tropfen verdunstet sehr schnell auf dem heißen Stein, doch viele Tropfen füllen einen See und können Veränderung bringen wo vorher pure Ödnis war. Vielleicht bin ich solch ein Tropfen der sich mit vielen Anderen vereint und irgendwann das Blatt zum Guten wendet. Gerade in solch einem großartigen Land wie die Mongolei sehe ich wieder, dass es noch nicht zu spät ist. Es ist noch soviel Wunderbares vorhanden für das es sich zu kämpfen lohnt.

 

Als wir am dritten Abend unserer Reise plötzlich vor einer Herde von tausenden Mongoleigazellen stehen kann ich mein Glück kaum fassen. Der pure Zufall hat uns an den Ort geführt. Auch diese Tiere haben schon einen Großteil ihres Lebensraumes an den Menschen verloren, doch hier im Osten der Mongolei ziehen sie nach wie vor ihre Runden. Geplante Pipelines und Ölbohrungen, der Bau von Straßen und Bergbau werden den Lebensraum dieser Tiere in der Zukunft auch weiterhin einschränken und abschneiden. Doch im Hier und Jetzt stehen sie vor mir und begeistern mich durch ihre pure Anwesenheit.

Es ist ein ziemliches Getöse welches die Menge an Gazellen verursacht. Weit über die Ebene sind ihre Laute zu hören. Ich sehe hauptsächlich Weibchen mit ihren Jungtieren die dort vor uns grasen. Jetzt erwacht mein Jagdinstinkt. Das Schöne ist, das bei meiner Art des Jagens kein Tier zu schaden kommt, und die Trophäe ein auf die Festplatte gebannter eingefrorener Augenblick ist. Natürlich habe ich auf einer Rundreise nicht endlos Zeit um mich an diesem Thema festzubeißen. Doch zwei Sonnenauf- und zwei Sonnenuntergänge plane ich ein. Wir campieren etwas abseits der Herde und beraten wie ich am Besten zu meinen Bildern komme. Ich liebe auch bei Tieraufnahmen ein weiches Licht das starke Schlagschatten vermeidet. Wenn die Sonne beleuchtet dann muss es eine zarte Strahlung sein. Goldenes Licht welches bei klarer Sicht immer nur wenige Minuten am Morgen und Abend existiert. Moderne Digitaltechnik ermöglicht mir inzwischen auch bei wenig Licht in guter Bildqualität zu arbeiten. Mit bis zu 2000 ASA Chipempfindlichkeit kann ich bis lange nach Sonnenuntergang mit warmen langwelligem Strahlen eine schöne Atmosphäre erzeugen. Das gleiche gilt für die Zeit vor Sonnenaufgang.

Alle vier Versuche die ich habe führen letztendlich zu verwertbaren Bildern. Der einmalige Superschuss ist nicht dabei, dafür ist die Zeit einfach zu kurz. Als ich mich an einem Morgen in meinem angepeilten Versteck an der falschen Stelle sehe, weil die Tiere sich von mir wegbewegen, erhebe ich mich einfach und laufe langsam auf sie zu. Die Fluchtdistanz der Tiere ist relativ hoch. Doch mit der Hilfe des 600 mm Objektives bleiben zum Glück genügend Inhalte übrig wenn ich später am Computer den Bildausschnitt an die Gazellen anpasse. Einmal habe mich im hohen Gras versteckt und die Tiere auf mich zulaufen sehen, ein anderes Mal sind wir mit dem Auto langsam an ihnen vorbeigefahren und ich habe aus dem offenen Fenster geknipst. Wenn in der Herde Alarm ausgelöst wird, fangen Alle auf einmal an zu rennen. Wie schnell sie sind – es ist faszinierend. Besonders die Jungtiere sind lustig anzusehen wenn sie in großen Hüpfsprüngen das Weite suchen.

 Eine große Anzahl freilebender Tiere in ihrer natürlichen Umgebung zu beobachten ist etwas vom Schönsten was man als Naturfreund erleben darf.

Wir verlassen die „Dornod“ Steppe im Süden und fahren unweit der chinesischen Grenze durch ein Gebiet in dem es vor Urzeiten starke vulkanische Aktivitäten gegeben haben muss. Über zweihundert erloschene Krater erheben sich hier aus der Landschaft. Viele sind im Laufe der Zeit aber von den Elementen soweit abgeschliffen worden dass sie kaum noch als solche erkennbar sind.

Wir steuern die höchste Erhebung an, den über 1700 m Hohen “Shilyn Bogd“. Er ist für die Buddhisten ein „heiliger Berg“, an dessen höchsten Punkt auch ein kleiner Schrein steht und ein großer Steinhaufen den die Gläubigen umrunden. Normalerweise warte ich an Orten wie diesem in völliger Einsamkeit auf den Tagesanbruch um die unter mir liegende Landschaft zu fotografieren. Doch heute bin ich erstaunt, dass schon in aller Frühe an die zwanzig Mongolen neben mir stehen um den Sonnenaufgang zu erleben. Die Aussicht ist berauschend.

Die einzelnen Krater sind in allen Himmelsrichtungen zu erkennen. Der Blick in Süden fällt über die Grenze direkt nach China. Als sich ein knallroter Sonnenball über den Horizont erhebt begrüßen meine Mitbergsteiger den neuen Tag mit einem freudigen Jauchzen und Hurra. Ich selbst versuche die wenigen Augenblicke des perfekten Lichtes so effizient wie möglich zu nutzen. Beim Anblick der schönen Landschaft gerade auch auf der chinesischen Seite muss ich unweigerlich daran denken, das in diesem Land im vergangenen Jahr im Schnitt an jedem zweiten Tag ein Kohlekraftwerk ans Netz gegangen ist. Der absolute Horror. Sie lassen mich einfach nicht los die Gedanken, besonders nicht auf dieser Reise.

 

 

 

 

 

 

 

Feuchtgebiet Teil 2: “Perspektiven” 10.06.2013

Eine der logistischen Herausforderungen die ich bei der Organisation meines Projektes „Naturwunder Erde“ zu bewältigen hatte, war die Vielfalt an Reisezielen innerhalb eines stark begrenzten Zeitfensters unterzubringen. Gerade in der Naturfotografie ist es wichtig die richtige Jahreszeit zu wählen um auch die gewünschten Ergebnisse zu bekommen. Mir ist es bisher erstaunlich gut gelungen in den zwei Jahren die mir zur Verfügung stehen auch alle Ziele einigermaßen gut  zu platzieren. Neulich ist es dann fast passiert. Nur ein Zufall hat mich davor bewahrt dass ich zur falschen Zeit an den falschen Ort gereist bin. Bei einem Telefonat mit meinem Freund und Kollegen Bernd Römmelt habe ich eher beiläufig erwähnt das ich sofort nach meiner Rückkehr aus dem Himalaya nach Alaska fahren würde, um dort die frühlingshafte Tundra zu fotografieren. Er hatte mich schon gewarnt das sein Akku vom Handy schwach sei und prommt ist das Gespräch nach zwei, drei Minuten unterbrochen worden. Diese Zeit hat aber ausgereicht um mir mit Nachdruck zu raten auf keinen Fall schon Ende Mai so weit in den hohen Norden zu fahren. Bernd fotografiert seid Jahren in der Arktis und so hatten seine Worte für mich Gewicht. Dummerweise stand ich zum Zeitpunkt des Gesprächs praktisch schon mit einem Bein im Flieger nach Nepal. Guter Rat war teuer. Ich habe mir meine restliche Jahresplanung angeschaut und sah nur eine Chance die Situation zu retten. Wenn ich die Reiseziele „Feuchtgebiet“ mit „Tundra“ tausche, kann ich in Alaska zum Zeitpunkt des „Indian Summer“, also während des goldenen Herbstes fotografieren. Das ergibt sicher stimmungsvollere Bilder als im Frühsommer, wenn zwischen der spärlichen Vegetation noch Schneereste liegen. Dummerweise stand ich zum Zeitpunkt des Telefonats schon mit einem Bein auf dem Bahnsteig zum Flieger der mich nach Nepal bringen sollte. Ich hatte praktisch so gut wie keine Zeit das Thema „Feuchtgebiete“ vorzubereiten, denn das begann nun in Null-Zeit nach meiner Rückkehr aus den Bergen. Ich schreibe hier darüber, um zu zeigen wie wichtig es in der Fotografie ist, ein Netzwerk aus Freunden und Kollegen zu haben, die einem wenn es eng wird weiterhelfen können.  Das gilt natürlich für alle Lebensbereiche. Es war mal wieder mein Kumpel Luis Scheuermann der Bewegung in die Sache brachte. Luis stand mir schon beim Thema „Regenwald“ und „Gletschereis“ mit Rat und Tat zur Seite. Es ist immer gut wenn man Jemanden kennt, der Jemanden kennt. So kam ich durch ihn in den Genuss aus dem Erfahrungsschatz eines Professors an der Tübinger Uni zu schöpfen, der seid über zehn Jahren mit seinen Studenten ins „Pantanal“ reist. Seiner Empfehlung bin ich gefolgt und habe die Fazenda „Santa Clara“ als Basis ausgesucht, über welche ich im ersten Teil meines Berichtes geschrieben habe. Auch die folgenden Erlebnisse sind das Ergebnis dieses Kontaktes. Nicht eines der für das Projekt so wichtigen Bilder wären zustande gekommen, wäre ich ohne Hilfe gewesen.

Obwohl ich es schon oft erlebt habe ist es für mich immer wieder erstaunlich, dass sich der schwere Körper eines Flugzeugs tatsächlich vom Boden löst und in die Lüfte erhebt. Je kleiner der Flieger ist, desto unmittelbarer erlebt man diesen wunderlichen Moment. Ich sitze in einer Cessna die Platz für fünf Passagiere bietet und freue mich auf die vor mir liegenden Eindrücke. Neben mir sitzt ein junger Biologe, der für die Naturschutzorganisation „Instituto Homem Pantaneiro“ arbeitet und der mich in den kommenden Tagen begleiten wird. Erison und seinen Kollegen habe ich es zu verdanken das ich nun in den Teil des „Pantanals“ komme der mich wirklich interessiert. Wir fliegen über den unmittelbaren Verlauf des „Rio Paraguay“ nach Norden. Sein Wasser ist für einen Großteil der Flutungen in diesem riesigen Feuchtgebiet zuständig. Nun zeigt es sich das ich tatsächlich zur richtigen Jahreszeit hierher gereist bin.

Sein Flussbett windet sich in großen Schleifen durch die Landschaft. Unzählige alte oder nur zeitweise geflutete Seitenarme stehen ebenfalls unter Wasser. Die Region ist von hunderten Seen jeglicher Größe bedeckt. Über viele Wiesen könnte man sicher besser mit dem Schlauchboot paddeln als zu laufen. Die ganze Natur unter mir ist ein Mosaik das durch die Kraft des Wassers ständig neu geformt wird. Etwa zwanzig Kilometer Flussaufwärts von der Stadt „Corumba“, dem Startpunkt unseres Fluges, liegen eine Reihe von privaten Schutzgebieten welche das Herzstück des „Pantanal“ vor allzu großer Zerstörung bewahren sollen. Diese münden dann im Norden in den über 100.000 Hektar großen „Pantanal“ Nationalpark. Wenn Landbesitzer in Brasilien ihr Land für den Naturschutz zur Verfügung stellen werden Sie dafür finanziell belohnt und ihr Schutzgebiet bekommt den Namenszusatz „RPPN“. Eines dieser Gebiete steuert unser Pilot nun an. Es umfasst neben den typischen Flutungsflächen des „Pantanals“ auch Teile der „Serra do Amular“. Die Serra ist ein Bergzug dessen höchste Gipfel sich nur wenige hundert Meter über die ansonsten fast Brettflache Landschaft des Feuchtgebietes erheben. Die Hänge sind mit der typischen Vegetation des „Cerrado“ bewachsen. Wir wissen inzwischen wie bedroht die brasilianische Baum-Savanne ist, welche sich an manchen Stellen kaum von einem normalen Wald unterscheiden lässt. Umso mehr freut es mich als wir hier über die Gipfel einer zumindest optisch nahezu intakten Wildnis fliegen. Vereinzelte Inselberge sind dem eigentlichen Bergrücken vorgelagert. Diese sind von flachen, in unterschiedlichen Grüntönen leuchtenden Sümpfen mit zahlreichen Wasserflächen umgeben.

Diese Natur strahlt besonders aus der Vogelperspektive eine pittoreske Schönheit aus die mir fast die Luft zum Atmen nimmt. Ich habe in meinem Leben viele Landschaften erleben dürfen die mich mit ihrer Harmonie begeistert haben. Gäbe es eine Top-Ten Liste, so stünde dieses Fleckchen Erde ganz sicher mit drauf. Gerade im Flugzeug erlebe ich diese Eindrücke wie in Trance denn ich stehe auf Foto-Modus und bin hoch konzentriert. Was später auf dem Bild so spielerisch aussieht ist wirklich harte Arbeit. Von Oben hat man zwar wunderbare Ausblicke auf die Landschaft, doch der Aktionsbereich ist oftmals sehr eingeschränkt. Besonders wenn, wie in meinem aktuellen Fall, der Pilot nicht in der Lage oder Willens ist, die Seitentüre zu öffnen. Man muss die Kamera zwischen die Fensteröffnung klemmen und wird außerdem durch die Flügel des Flugzeugs oben, und die Reifen am unteren Bildrand weiter in seinem Aktionsradius reduziert. Doch die größte Herausforderung ist es den Piloten dazu zu bringen an der richtigen Stelle des Motives mit dem Flugzeug in die richtige Richtung zu fliegen. Wie in der Fotografie am Boden auch, ist das Licht nun mal nur in einem gewissen Abstrahlwinkel zur Sonne zu gebrauchen. Da der Fotograf im Flieger seinen Standpunkt nicht wechseln kann muss praktisch das ganze Flugzeug ausgerichtet werden. Dazu braucht es die Hilfe des Piloten.

Als wir auf einer kleinen grasbewachsenen Piste landen haben wir einige ausladende Runden über das Schutzgebiet hinter uns. Ich kann nur hoffen dass es mir gelungen ist, die spannenden Ausschnitte und Blickwinkel erwischt zu haben. In solchen Momenten vergeht die Zeit im wahrsten Sinne „wie im Flug“. Ich habe das Glück das gegen Ende des Fluges einige Wolken über den Bergen stehen. Diese fangen Teile des Sonnenlichtes ab und tauchen die Landschaft partiell ins Dunkle. Dadurch entsteht auf den Fotos eine erhöhte Spannung und Tiefe. Die Piste endet direkt am Ufer des „Rio Paraguay“. Mit einem Motorboot fahren wir eine viertel Stunde Flussabwärts. Auf der rechten Seite blicke ich auf die Berge, deren sanfte Hügel sich im Wasser spiegeln. Unser Ziel ist ein ehemaliges Farmhaus, welches heute als Basis für das Schutzgebiet benutzt wird. Schon von weitem erkenne ich, dass sich die das Gebäude umgebenden Berge wunderbar dazu eignen von deren Gipfeln Landschaftsbilder zu fotografieren. Erison ist erstaunt als ich ihm sage, dass ich mich nach unserer Ankunft unverzüglich an den Aufstieg machen will. Bis zum Sonnenuntergang sind es noch knapp drei Stunden. Da ich hier nur zwei Übernachtungen habe, möchte ich auf keinen Fall eine Chance  zum fotografieren auslassen. Das Haus wird von einer jungen Familie bewirtschaftet. Wir werden freundlich empfangen. Natürlich war ihnen unsere Ankunft zuvor per Funk mitgeteilt worden. Ich bin erstaunt und hocherfreut als ich eine Art Transporter vor der Türe stehen sehe, der durch einen Elektromotor betrieben wird. Das Ding sieht ein wenig aus wie ein Fahrzeug das man auf Golfplätzen benutzt. Fast lautlos schnurren wir kurz nach unserer Ankunft in den Wald. Der Leiter der Station begleitet uns. Ein Pfad, der wohl noch aus Zeiten stammt als die Farm anderweitig genutzt wurde, führt uns durch die dichte Vegetation des „Cerrado“. Als wir anhalten sind wir sofort von unzähligen Moskitos umgeben. Ich versuche sie so gut es geht zu ignorieren. Wir verlassen den Hauptweg und schlagen uns durch das dichte Unterholz den Hang hinauf. Es dauert etwa eine halbe Stunde bis der Bewuchs etwas lichter wird und wir leichter vorankommen. Dafür wird es jetzt steiler und ich beginne zu bereuen auch das große Teleobjektiv mitgeschleppt zu haben. Die Sonne steht zwar inzwischen schon Tief, aber heiß ist es trotzdem. Längst läuft der Schweiß in Strömen und der Rucksack drückt hart auf die Schultern. Als wir die ersten Ausblicke vor uns haben machen die Pausen wieder richtig Spaß, und ich genieße diese Verzögerungen während ich schwer atmend nach Luft schnappe. Ich habe die Landschaft zwar einige Stunden zuvor aus dem Flugzeug gesehen, doch von einem Berg aus betrachtet ist das nochmals etwas Anderes. Besonders wenn man ihn im Schweiße seines Angesichts besteigt. Oben angekommen werden wir für unseren Einsatz mit einem dreihundertsechzig Grad Panoramablick belohnt. Das „Pantanal“ scheint sich endlos vor uns auszubreiten. Wie schön es doch ist, einen so mächtigen Fluss wie den „Rio Paraguay“ ungebändigt vor einem fließen zu sehen.

Den Gedanken dass es auch hier Planspiele der Industrie gibt, diese Lebensader für große Schiffe passierbar zu machen, versuche ich so gut es geht zu verdrängen um mir nicht die Schönheit dieses Augenblickes zu zerstören. Nach Norden schauend sehe ich die weiteren Erhebungen der „Serra do Amular“. Weiches Abendlicht lässt manche Bereiche der Berghänge in sanften Gelbtönen leuchten. Von hier aus kann man bis nach Bolivien blicken. Außer ein paar Vogelstimmen herrscht absolute Ruhe. Da ist er wieder, der Moment – mein „magischer Moment“, weshalb ich mit Leib und Seele diesen Beruf ausübe. Wäre ich ein Poet, würden in solchen Augenblicken makelloser Anmut die Worte nur so aus mir heraussprudeln. Der Fotograf drückt wegen fehlenden Sprachschatzes lieber auf den Auslöser und versucht in der kurzen Zeit zwischen Sonnenuntergang und dem Nachglühen des Himmels möglichst viele schöne Momente auf dem Speicherchip festzuhalten.

Erst als es fast dunkel ist machen wir uns an den Abstieg. Zuvor habe ich meine Fototasche gut verpackt unter einem Stein deponiert, weil ich mir fest vorgenommen habe, zum Sonnenaufgang wieder hier oben zu stehen. Die mit dieser Entscheidung verbundene allzu kurze Nachtruhe muss man halt an solchen Orten in Kauf nehmen. Leider kommt es ganz anders. Nach einem ausgedehnten Abendessen setze ich mich noch etwas vor den Laptop um die Fotos des heutigen Tages einzuladen und verschaffe mir einen ersten Überblick. Durchaus zufrieden mit dem Ergebnis schmiere ich mir ein letztes Mal Moskitozeugs auf die Haut und versuche zur Ruhe zu kommen. Es ist heiß, die Moskitos schwirren unbeirrt und der Schlaf will sich nicht einstellen. Ich wälze mich von einer Seite zur anderen und denke immer wieder mit Grausen daran wie kurz diese Nacht sein wird. So vergehen die Stunden. Weit nach Mitternacht beginnt der Durchfall und Endet erst als ich am kommenden Morgen schlaflos und völlig ausgelaugt das Bett gar nicht erst verlasse. Ich habe keine Ahnung was mich hier umgehauen hat. Das Wasser im Haus wird gefiltert und auch sonst habe ich nichts anderes gemacht als die Brasilianer. Der Tag vergeht, den ich komplett im Zimmer verbringe. Ich habe Glück das mir die zwei Jungs am Nachmittag den Fotorucksack vom Berggipfel holen. Das hätte ich wirklich lieber selber gemacht aber daran war gar nicht zu denken. In der kommenden Nacht kommt zwar der Appetit noch nicht zurück, dafür gelingt es mir einigermaßen gut zu schlafen. Glücklicherweise bin ich am Morgen meines Rückfluges wieder einigermaßen hergestellt. Ein ausgedehntes Frühstück bringt einen Teil der Kräfte zurück und ich bin in der Lage zu reisen. Als wir wieder ins Boot steigen sehen wir von Süden eine dunkle Gewitterfront heranziehen. Der Fotograf in mir ist erfreut, versprechen die Wolken doch eine spannende Lichtstimmung. Doch bei Unwetter in einem Kleinflugzeug zu fliegen ist in der Regel kein Spaß und gar nicht ungefährlich. Der Rückflug offenbart tatsächlich grandiose Anblicke auf die Landschaft. Dunkle Wolken stehen über den Bergen.

Wir fliegen direkt hinein in die Regenwand. Doch meine Fensteröffnung öffnet sich nach recht hinten. Ich schnappe beinahe über, als ich diese Wahnsinnsmotive vor mir sehe, und der Pilot mir klarmacht, dass wir direkt nach „Corumba“ fliegen müssen, bevor das Unwetter zu stark wird. Keine extra Runden und bis auf einen kurzen Moment bleibt das Fenster auch den ganzen Flug über geschlossen. Kann jemand meine „Höllenqualen“ mitfühlen die ich in diesen Minuten durchlitten habe? Aber es gibt in der Luft nun mal keine Gegenargumente wenn es um die Sicherheit geht. Da hilft es auch nichts, dass man selbst die Sache wohl ein wenig lockerer handhaben würde, als der siebzig jährige Pilot es tut. Zu allem Überfluss ist der Rückflug sogar noch teurer als der Hinflug, weil wir gehen den Wind fliegen und nur sehr langsam vorangekommen sind. Die meiste Zeit meines Ausfluges habe ich krank im Bett verbracht und die Hälfte der Flugzeit war praktisch ohne fotografieren zu können. Eigentlich ein Debakel. Trotzdem bin ich letztlich sehr zufrieden. Der erfolgreiche Hinflug und die abendliche Bergtour am ersten Tag haben die Lücken im Portfolio geschlossen die für eine vernünftige Darstellung dieses Ökosystems noch gefehlt haben. Es bringt überhaupt nichts die verpassten Chancen zu bejammern. Das jedes Reiseziel ein Vielfaches mehr an tollen Möglichkeiten bietet, als ich innerhalb meiner Zeitfenster und vor allem meines Budgets umsetzen kann, ist sonnenklar. Entscheidend ist, wie die gelungenen Bilder später im fertigen Projekt zur Geltung kommen. Zwölf von vierzehn Kapiteln sind im Kasten. Ich bin hocherfreut wie gut die Ergebnisse geworden sind, und wie wenig bisher wirklich schief gelaufen ist.

Feuchtgebiet Teil 1: “Mal zu viel und mal zu wenig” 01.06.2013

Just zu dem Zeitpunkt, als ich mich nach Brasilien aufmache um im „Pantanal“ das Thema „Feuchtgebiete“ zu fotografieren, steigen in Deutschland an unzähligen Flüssen mal wieder die Pegel und die Wassermassen drohen über die Ufer zu treten. Dem Internet sei dank habe ich auch aus der Ferne die Möglichkeit zu beobachten was sich in meiner Heimat in den kommenden Tagen und Wochen abspielen wird. Sehr bald wird klar das die Regenfälle mehr Wasser auf die Erde bringen als es unserem hochmodernen, dichtbesiedelten Industrieland gut tut. Ganze Landstriche werden überflutet und viele Menschen verlieren ihre Lebensgrundlage. In solchen Zeiten lassen sich  einige interessante Beobachtungen machen. Sehr schnell wird das Wort „Jahrhundertflut“ bemüht. Das ist interessant, denn es ist kaum ein Jahrzehnt her da hatten wir diese dramatische Situation schon einmal. Politiker lassen sich wahlkampftechnisch günstig als sich sorgende Schäfer ablichten, die sich um die Nöte ihrer Schafe kümmern. In Gummistiefel und Regenjacke gekleidet stehen sie in der ersten Reihe und heben für ein paar Minuten Sandsäcke in die Kamera. Was wir ebenfalls erleben ist ein Gemeinschaftsgefühl  welches ansonsten in unserer Gesellschaft selten zu spüren ist. Jeder scheint Jedem zu helfen und alle haben ein Ziel, nämlich die Naturgewalten wieder zu bändigen und die Gefahr durch das Wasser abzuwenden. Ich bin gespannt wie viele „Jahrhundertfluten“ es noch bedarf, bis all jene Politiker die sich zu solchen Anlässen so gut in Szene zu setzen verstehen endlich die Zusammenhänge akzeptieren. Ihre tagtägliche Politik ist in weiten Bereichen ein Teil des Problems, da sie solche Naturkatastrophen nährt und weiteres  Unheil beschwört. Ist das Wasser verschwunden und die Häuser der Menschen liegen im Schlamm wird mit dem Scheckbuch gewedelt und die Schuld der Misere allen Möglichen und Unmöglichen zugeschoben. Es grenzt schon an Debilität wenn ein Ministerpräsident allen ernstes der Umweltbewegung die Schuld am Ausmaß der Misere in die Schuhe schiebt. Diese hätten ja seid der letzten Flut sinnvollen Hochwasserschutz verhindert, indem die gegen den Bau von höheren Dämmen gewesen seien. Zunächst sei gesagt, dass es schon zu allen Zeiten Hochwasser und Überschwemmungen gegeben hat. Dazu bedarf es keinen Klimawandel. Für solche Ereignisse hat die Natur Auwälder geschaffen und weite Überschwemmungsbereiche bereitgestellt, in denen Pflanzen wachsen die mit dem sporadisch eintreffendem Wasser durchaus klarkommen.

Doch in unserer Gesellschafft glaubt man ja seid Jahrzehnten an die Allmacht des Menschen über die Natur. Je mehr wir uns „zivilisiert“ haben, desto mehr haben wir die einfachsten Zusammenhänge vergessen oder ignoriert. Unser Glauben mit Technologie alles beherrschen zu können führt zu gefährlichen Fehlentwicklungen die sich in Form solcher Hochwasser wunderbar zeigen. Aber nur wenn man gewillt ist diese auch zu sehen. Es gibt kaum einen Fluss in Deutschland der noch innerhalb seines natürlichen Bettes fließen darf. Wir haben unsere Natur bis in den kleinsten Winkel begradigt, bereinigt, trockengelegt und zubetoniert. Gerade in den letzten Jahren weisen die Bürgermeister neue Gewerbegebiete aus als gäbe es kein Morgen mehr. Was in den vergangenen Jahrzehnten an Boden in Deutschland versiegelt wurde, geht in keiner Weise einher mit der Bevölkerungsentwicklung. Wo früher das Hochwasser über artenreichen Wiesen stand, wo es dann entweder wieder abzog oder verdunstete, da stehen heute Wohnhäuser, Supermärkte, Industrieanlagen oder Parkplätze. Sofort schreien alle nach höheren Dämmen. Die brauchen wir natürlich, denn der Schaden ist ja schon da, der Boden an vielen Stellen verbaut. Doch wirklicher Hochwasserschutz bedeutet, der Natur wieder mehr Raum zu geben. Flüsse in ihr ursprüngliches Bett zu leiten, Auwälder zu Renaturieren und Überflutungszonen zu schaffen. Auf keinen Fall dürfen ökologisch wertvolle Flächen weiter versiegelt werden. Das reduziert nicht nur die Artenvielfalt sondern verschärft auch die Situation. Doch all das hilft nichts wenn wir uns nicht radikal um 180 Grad wenden und eine Zukunft mit 100% erneuerbarer Energie anstreben. Gleichzeitig müssen wir unser dämliches Wachstumsdenken aufgeben. Darüber habe ich mich in diesem  Blog schon allzu oft geäußert, deshalb will ich es dabei belassen. Ich würde mir nur wünschen, dass unsere Mitmenschen ähnlich aktiv an die Ursachenbekämpfung der Probleme ginge, wie sie es im Falle der unmittelbaren Gefahr getan hat. Was für eine Kraft eine wehrhafte Zivilgesellschaft entfalten kann sehen wir gerade in Brasilien. Sieht man von den paar Idioten ab, die Fensterscheiben einschlagen, kann der friedliche Widerstand wirklich etwas bewegen. Das ist meine feste Überzeugung. Ich selbst bin eben in diesem Brasilien und habe die Aufgabe genau die Abläufe zu fotografieren die in weiten Teilen Deutschlands nicht mehr möglich sind. Was passiert in der Natur wenn mehr Wasser in die Flüsse geleitet wird, als abfließen kann?

Das „Pantanal“ ist wohl neben dem „Okavango Delta“ in Botswana unter Naturfreunden das bekannteste Feuchtgebiet auf unserer Erde. Es ist fast so groß wie die Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung und liegt Flächenmäßig in Bolivien, Paraguay, und größtenteils im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso de Sul. Bis heute gibt es glücklicherweise keine Straße die das Gebiet komplett durchquert. Ich wähle den südlichen brasilianischen Teil als Operationsgebiet. Das „Pantanal“ wird während der Regenzeit vom „Rio Paraguay“ geflutet. Während dieser Zeit steigt das Wasser auf dem „Mato-Grosso-Plateau“ um fünf bis sechs Meter. Das Plateau ist mit trockener Grassavanne und Galeriewäldern bewachsen, welche nahe der Flüsse viele Arten des tropischen Regenwaldes beherbergen. Gebremst von dieser Vegetation fließt das Wasser auf der kaum geneigten Ebene sehr langsam. Es dauert drei Monate, bis das Hochwasser vom nördlichen „Pantanal“ ins südliche gelangt. In dieser Zeit bestimmen Wasserläufe, Teiche, Sümpfe und Inseln das abwechslungsreiche Gebiet. Dabei ist das Feuchtgebiet, zumindest in Brasilien, keineswegs eine menschenleere Wildnis. Es befindet sich zum größten Teil in Besitz von Farmern die hier riesige Fazendas bewirtschaften. Dem Überschwemmungszyklus sei Dank ist die Natur hier aber nicht gänzlich verdrängt, wie es z.B. im Amazonasgebiet der Fall ist wenn man Platz für Rinderweiden schafft und den Wald dafür kurzerhand komplett vernichtet. Sedimentablagerungen verändern die Gegend ständig und schaffen so erhöhte Bereiche auf denen sich Rinder und Wildtiere flüchten wenn das Wasser kommt. Auf dem Papier genießt das „Pantanal“ Schutzstatus, und die Farmer dürfen offiziell auch nur einen kleinen Teil ihres Landes von der ursprünglichen Vegetation befreien. Trotzdem sind die Gefahren für dieses artenreiche Naturparadies zahlreich. Besonders was außerhalb des eigentlichen Wasserkreislaufs passiert ist beunruhigend. Die brasilianische Savanne, der “Cerrado“ ist eine stärker gefährdete Landschaftsform als der tropische Regenwald. Immer mehr Savannen werden in Soja- und Zuckerrohrplantagen umgewandelt. Der dortige Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden gelangt über die Erde früher oder später in das tiefer gelegene Überschwemmungsgebiet und verschlechtert dort die Wasserqualität. Ich habe mich für sechs Tage auf einer sogenannten „Eco-Lodge“ eingemietet. So mancher Farmer hat erkannt das es da draußen Leute gibt die sich für die zahlreiche Vogel- und Tierwelt begeistern, und das dies eine lukrative Einnahmequelle sein kann. Mit einem offenen Truck fahren wir über eine Schotterpiste hinein ins „Pantanal“. Ich bin enttäuscht als ich überall rechts und links der Straße Zäune entdecke, die mir zeigen, dass ich das Naturerlebnis in den kommenden Tagen wohl mit vielen Rindern werde teilen müssen. Alle paar hundert Meter überqueren wir eine Holzbrücke und ich staune nicht schlecht als an fast jeder Böschung Kaimane liegen.

Diese bis zu zweieinhalb Meter große Unterart der Alligatoren galt lange Zeit als extrem gefährdet weil sie wegen ihrer Haut gnadenlos bejagt wurden. Dass gezielte Maßnahmen sinnvoll sind sieht man an diesem Beispiel. Seid diese Tiere unter Schutz gestellt wurden hat sich ihre Zahl zumindest hier im „Pantanal“ wieder erholen können. Im Laufe der kommenden Tage werde ich so viele Kaimane sehe das ich sie nach einiger Zeit gar nicht mehr bewusst beachte. Als wir die Fazenda erreichen sehe ich rechts und links der Straße Grasland auf dem Pferde und Rinder stehen. Pedro, welcher mir in den kommenden Tagen als Guide zur Seite stehen wird erzählt mir, dass auf 10% der Farmfläche der Baumbestand den Viehweiden hat weichen müssen, der Rest sei natürliche Vegetation. In der Tat blickt man zu allen Seiten auf die für die Baumsavanne so typischen halbhohen Gehölze, welche sich kaum von einem normalen Wald unterscheiden.  Die Farm selbst ist besonders für die meist jungen Touristen perfekt ausgelegt. Es gibt ein kleines Schwimmbad, Hängematten und einen Billardraum. Die Mahlzeiten sind reichhaltig und viel zu gut um nicht ständig ein wenig mehr zu essen als notwendig. Was für mich die Farm besonders attraktiv macht sind die Bäume die als Schattenspender unmittelbar neben den Gebäuden wachsen. In ihnen tummeln sich tagtäglich große und kleine Papageien, verschiedene Arten von Tukanen und zu meiner Freude auch die großen blauen Hiacynth-Aras. Jeden Morgen zum Sonnenaufgang werde ich mich mit meiner Kamera um die Bäume schleichen um die Tiere abzulichten. Klingt einfach, ist es aber nicht. Je größer die Brennweite ist die ich wähle, desto Formatfüllender kann ich sie fotografieren. Doch je schwerer das Objektiv ist, desto unbeweglicher werde ich und das führt dazu das man viele schöne Momente verpasst. Hier zeigt sich mal wieder die Stärke des flexiblen 200-400 mm Objektivs. Das ist zwar auch schon ein ganz schöner Brocken, aber dem 600 mm bei weitem überlegen wenn es um Freihandaufnahmen geht.

Besonders die Riesen-Tukane mit ihren großen goldgelb leuchtenden Schnäbeln haben es mir angetan. Es sind wunderschöne Vögel, die in den Bäumen sitzen und dort mit erstaunlichem Geschick die Früchte von den Ästen beißen. An einem Morgen habe ich das Glück eine Gruppe von sechs Aras in fotogener Position zu entdecken. Sie sitzen auf den kahlen Ästen eines großen toten Baumes und vollführen allerlei Kunststücke. Aras sind monogam. Haben sie einmal einen Partner gefunden, bleiben sie sich bis an ihr Lebensende treu. Klinkt fast zu schön um wahr zu sein. Wenn man aber in den Himmel guckt sieht man sie so gut wie immer paarweise fliegen. Tolle Vögel. Viel zu schnell sind sie vom toten Baum verschwunden. Trotzdem freue ich mich über einige gute Fotos, die dank schneller Reaktion entstanden sind.

Mein größtes Problem ist das Wetter. Der Aufenthalt im „Pantanal“ ist teuer. Besonders wenn man sich wie ich einen privaten Guide leistet, der aber Grundvoraussetzung für die Arbeit ist. Mein Budget ist begrenzt und so bin ich darauf angewiesen aus jedem Tag wirklich das Beste rauszuholen. Leider sind die ersten drei Tage praktisch wolkenfrei. Die Kraft der Sonne ist schon wenige Minuten nach Sonnenaufgang so stark, dass ich eigentlich die Kamera bis zum Spätnachmittag wegpacken kann. Ich fahre zwar trotzdem entlang der Straße auf Erkundungstouren, oder streune mit Pedro durch das Unterholz, aber in der Regel bleibt die Kamera dabei arbeitslos. Ich habe mir im Laufe der Jahre antrainiert nur noch dann auf den Auslöser zu drücken, wenn ich Lichtbedingungen vorfinde, die mir ein Ergebnis versprechen, das innerhalb meiner Bildsprache bestehen kann. Bei einer Safari mit dem Jeep kommen wir an eine Brücke an der ein fürchterlicher Verwesungsgeruch vorherrscht. In einem gefluteten Bereich der Landschaft offenbart sich mir ein grausiger Anblick. Knapp zwanzig tote Kaimane treiben aufgedunsen im Wasser oder liegen vertrocknet daneben im Staub des Ufers.

Pedro erklärt mir, dass dieser Bereich für Monate wasserfrei gewesen ist. Kaimane können erstaunlich lange ohne Wasser überleben, aber nicht ewig, zumal sie sich in erster Linie von Fischen ernähren. Für diese Gesellen kam das rettende Nass, ob in Form von verstärktem Regen oder aus dem Schwemmwasser der großen Flüsse, leider zu spät. Das ist deswegen auch so traurig, da keine zwei Kilometer entfernt deren Artgenossen völlig relaxed am Ufer liegen und keine Probleme haben. Die Kaimane scheinen trotz Notlage nicht in der Lage zu sein sich auf die Suche nach Wasser begeben zu können. So bleiben sie in ihrem Territorium und hoffen auf Rettung, die aber nicht immer, oder für manche zu spät erfolgt.  Was mir bei diesen Touren auch immer wieder auffällt ist die dunkle Farbe des Wassers. In manchen Gegenden gleicht es einer braunen zähflüssigen Kloake, an deren Oberfläche sich häufig kleine Kreise bilden. Die traurige Wahrheit ist das viele Farmer ihre Savanne abbrennen, damit danach verstärkt neues Gras nachwachsen kann welches dann besseres Tierfutter bildet. Doch die verbrannte Asche auf dem Boden wird mit dem einsetzenden Wasser allzu oft weggeschwemmt. Den überschwemmten Gebieten und den Flüssen wird durch die Asche der Sauerstoff entzogen was unzählige Fische jämmerlich verenden lässt. Die sich zentrisch ausbreitenden Kreise auf der Wasseroberfläche stammen von Fischen die zum Luft holen nach oben kommen. Die Brandrodung ist, wie so vieles Andere auch, illegal. Pedro konnte mir kein Beispiel nennen, bei dem man versucht hätte diese Praktiken aktiv zu unterbinden. Gesetze machen nur dann Sinn, wenn man auch dafür sorgt dass sie beachtet werden. Nicht nur in den Weiten brasilianischer Landschaften klaffen leider zwischen dem Naturschutz auf dem Papier und dem in der Realität riesige Lücken, die immer zu Lasten der Umwelt gehen.

Jeweils am späten Nachmittag besteige ich mit Pedro ein kleines Motorboot und wir fahren einen  Fluss der parallel zu den Grenzen der Fazenda „Santa Clara“ verläuft nach Norden. Irgendwo in der Ferne wird er in den großen „Rio Paraguay“ münden, ein Ort der aber außerhalb unserer Reichweite liegt. Die Perspektive vom Fluss aus ist sehr interessant da viele Tiere unmittelbar in Ufernähe ihren Lebensraum haben. Das Ufer ist gesäumt von Galeriewäldern mit großen Bäumen die auch im Amazonas stehen könnten. Da ich kein Ornithologe bin, bleiben mir die Namen vieler der Vögel die wir entdecken unbekannt. Ich erkenne den „Kingfisher“ der bei uns unsinniger Weise Eisvogel heißt. Elegant und pfeilschnell tauchen diese Meister der Jagd ins Wasser ein und kommen in der Regel mit einem kleinen Fisch im Maul wieder an die Oberfläche. Einmal sehen wir eine Familie Affen auf einem Ast in Ufernähe liegen. Die Sonne steht zwar schon fast unmittelbar über dem Horizont, doch ihre Kraft bildet nach wie vor starke Licht und Schattenpartien, das an eine wirklich brauchbare Aufnahme nicht zu denken ist. Es sind die wenigen Minuten des unmittelbaren Sonnenuntergangs die interessant sind. Wir befinden uns in einem kleinen Seitenarm des Flusses. Sobald der Motor aus ist und der Fahrtwind fehlt fallen unzählige Moskitos über uns her. Sie sind die wahren Herrscher dieses Ökosystems. Bei aller Faszination die so ein Fechtgebiet für Naturfreunde und Fotografen bereithält – diese Biester stellen einen echt auf die Probe. Also zum Daueraufenthalt laden sie wirklich nicht ein. Ich habe mich mit irgendeinem Gift eingeschmiert und versuche diejenigen zu ignorieren die trotzdem irgendwo ein Plätzlein zum Stechen und Blutsaugen finden. Einige Kaimane liegen unweit unseres Bootes völlig bewegungslos im Wasser. Besonders Ihre großen Augen sind faszinierend, besonders wenn sie im Abendlicht leuchten. Für wenige Minuten ist das Licht wie ich es mir wünsche. Innerhalb dieser kurzen Zeitspanne gelingen an jedem der drei Abende zwei bis drei gute Bilder. Das ist nicht viel aber besser als gar nichts.

Richtig interessant wird es an einer Stelle auf dem Rückweg zur Farm. An einer Flussbiegung befindet sich ein Schlafplatz, der vor Allem von Ibissen genutzt wird. Ein Ibis ist ein mittelgroßer Vogel der einen langen gebogenen Schnabel hat. Kurz nach Sonnenuntergang können wir hier Abend für Abend ein beeindruckendes Schauspiel beobachten. Hunderte dieser Tiere kommen in großen Schwärmen aus allen Himmelsrichtungen angeflogen um sich auf den Ästen der direkt am Ufer wachsenden Bäume nieder zu lassen. Dabei erzeugen sie ein mächtiges Getöse das noch von anderen Vögeln verstärkt wird. Besonders wenn Papageien dabei sind ist die Kulisse voller Gezwitscher. Faszinierend ist auch das Geräusch verdrängter Luft welches durch die Masse an Flügeln erzeugt wird. Erst als ihre Körper nur noch als Silhouette vor dem fast schwarzen Nachthimmel zu erkennen sind, schmeißen wir den Motor an und machen uns verstochen aber zufrieden auf den Rückweg.

Als ich nach drei Tagen, also der Halbzeit meines gebuchten Aufenthaltes auf der Farm, eine Zwischenbilanz ziehe, fällt diese sehr ernüchternd aus. Ich habe zwar die eine oder andere Nahaufnahme von Vögeln und den Kaimanen. Doch die eigentliche Essenz dieser Landschaft einzufangen ist mir wegen der fehlenden Wolken und dem daraus resultierenden faden Lichtes bisher noch nicht gelungen. Wie eine Erlösung sind für mich die in der Nacht einsetzenden Regenfälle. Es regnet so stark das praktisch der ganze kommende Tag auch ausfällt. Stoppt der Regen bilden sich in der Regel am kommenden Tag wunderbare Quellwolken. Genau solche brauche ich um in dieser flachen Region ans Landschaftsbilder auch nur denken zu können. Ich bitte Pedro für den kommenden Tag eine große Tour mit dem Jeep vorzubereiten um möglichst viel sehen zu können. Wir haben Glück. Der strahlend blaue Himmel ist mit weißen Wolken überzogen und adelt jedes Motiv welches ich an diesem Tag mit dem Weitwinkel Objektiv aufnehme.

Besonders imponierend sind die Bilder welche ich zwischen der Mittagszeit und fünfzehn Uhr zu Stande kriege. Dann wenn die Sonne recht hoch steht und die Wolken wunderbare Licht- und Schattenpartien auf die Landschaft zaubern. Wer jetzt etwas stutzig wird, weil ich hier genau die Lichtsituation lobe, über die ich weiter vorne im Text noch geschimpft habe (vielleicht erinnern Sie sich – bei den Affen auf dem Baum) dem sei gesagt, das dies eben die Naturfotografie ausmacht. Bei unterschiedlichen Motiven bedarf es zur optimalen Umsetzung unterschiedlicher Voraussetzungen. Flache Landschaften über die Quellwolken ziehen muss man auch deshalb in der Mitte des Tages fotografieren, weil eben jene stilprägenden Wolken sich am späten Nachmittag auflösen und zumeist bei Sonnenuntergang komplett verschwunden sind. Wir durchqueren an diesem Tag Farmen welche mit 40.000 Hektar die vierfache Größe eines durchschnittlichen deutschen Nationalparks haben. Der Naturfreund in mir sieht heute viel zu viele Rinder. Aber ich staune auch über scheinbar unberührte Landschaften, die mich immer wieder an die „Serengeti“ in Afrika erinnert. Viele kleine Seen die wir passieren sind komplett mit Wasserpflanzen und deren Blüten überzogen. Ich sehe zum ersten Mal in meinem Leben eine Eulen-Art welche am Boden brütet.

Ein junger Fuchs zeigt keine Scheu vor uns, und säubert seelenruhig sein Fell. Eine Gruppe von fast vierzig Nasenbären kriege ich durch Anschleichen nur deshalb nicht richtig vor die Kamera weil mich ein einzelnes Rind entdeckt, und seine Flucht dabei die ganze Gruppe der lustig aussehenden Tiere verscheucht. Blöde Kuh. Ich sehe Rotwild, Wasserschweine und unzählige Vögel jeglicher Farbe und Größe. Wir sind hier zwar nicht im unmittelbaren Überschwemmungsgebiet, aber der „Cerrado“ mit all seinen Wundern erschließt sich mir an diesem schönen Tag. Dieser eine Ausflug bedeutet einen riesen Schritt in Richtung Erfüllung meiner Aufgabe. Dass ich von den sechs Tagen in diesem Teil des „Pantanals“ nur einen wirklich Perfekten erwischt habe, kann man beklagen. Oder aber sich auch darüber freuen, das Glück zu haben ihn erleben zu dürfen. Mit Einsatz und Enthusiasmus lässt sich in der Fotografie viel erreichen. Trotzdem bleibt einer der entscheidenden Faktoren auch immer ein Glückspiel, nämlich das Wetter. Ich habe gelernt, dass das Glas immer „halbvoll“ ist, und niemals „halbleer“. Mit dieser Einstellung geht man wesentlich entspannter durchs Leben. Besonders als Naturfotograf.

 

Gebirge Teil 4: “Ziellauf” 05.05.2013

Im Laufe der Nacht wird es richtig knackig kalt. In der zweiten Nachthälfte kommt die Kälte unangenehm in den Schlafsack gekrochen, so dass der verstärkte Kragen um den Hals kaum noch ausreicht ein Eindringen in die kleine innere Welt aus Wärme zu verhindern. Ich habe mich längst komplett mit dem Kopf nach innen verzogen. Nur eine minimale Öffnung sorgt für eine ausreichende Luftzufuhr. Es ist vier Uhr als der Wecker unbarmherzig seine Arbeit tut. Da man in diesen Höhen sowieso nicht gut schläft bin ich recht schnell wach und mir ist sofort klar dass nun einer der unangenehmsten Augenblicke des neuen Tages direkt vor mir liegt. Ich muss den Schlafsack verlassen. Das erfordert eine Überwindung des inneren Schweinehunds.  Mir gelingt dies indem ich mich daran erinnere was außerhalb des Zeltes auf mich wartet. Dabei schießt soviel Adrenalin durch meinen Körper das ich meine Glieder bewegen und mühsam den Reisverschluss aufziehen kann. Doch wie ergeht es meiner Freundin Juliana? Wir sind inzwischen auf 4700 m Höhe und sie bekommt ihren an brasilianische Temperaturen gewöhnten Körper schon seid drei Tagen nicht mehr richtig warm, obwohl sie dasselbe  Schlafsackmodell benutzt als ich. Wir wissen, dass wir uns wahrscheinlich heute für einige Zeit trennen werden. Deshalb haben wir beschlossen, an diesem Morgen den Sonnenaufgang gemeinsam zu erleben. Ich sehe wie sie sich langsam bewegt und nach einiger Zeit tapfer den Schlafsack öffnet. Das Thermometer zeigt  knappe zehn Grad unter Null. Die Außenwand des Zeltes ist mit einer Raureifdecke überzogen. Mein erster Blick, als ich aus unserer Behausung krieche, gilt dem Himmel. Mit Erleichterung blicke ich direkt auf unzählige Sterne die über den Silhouetten der uns umgebenden Berggipfel leuchten. Es ist noch finstere Nacht, doch das wird sich schon sehr bald ändern. Eingehüllt in alles was uns an Kleidung zur Verfügung steht steigen wir eine Anhöhe hinauf.  Direkt vor uns erheben sich über siebentausend Meter hohe Berge und davor blicken wir auf einen riesigen Gletscher dessen zerklüftete Formen auch im Nachtdunkel zu erahnen sind. Der Mond ist nur eine schmale Sichel. In der klaren Luft der Berge den Beginn eines neuen Tages zu beobachten gehört für mich zum Schönsten, was man als Naturfreund draußen in den Elementen erleben kann. Zuerst bekommt der Himmel an der Stelle wo später die Sonne aufgehen wird einen dunkelblauen Schimmer. Dieser wird dann von Minute zu Minute heller und ist eine der spannendsten Lichtquellen welche man sich als Fotograf wünschen kann. Die Belichtungszeiten befinden sich zu Anfang noch im Bereich von mehreren Sekunden. Das ist aber kein Problem, da ich mit dem Stativ arbeite. Es ermöglicht mir mit diesem zwar schwachen, aber farblich so faszinierendem Licht fotografieren zu können.

Als die ersten Sonnenstrahlen die höchsten Gipfel mit einem zarten goldenen Schleier überziehen ist es soweit. Dies ist der Moment in dem ich einen lang gehegten Plan in die Tat umsetzen möchte. Vor einem Jahr habe ich Juliana bei einer Fotoreise im brasilianischen Regenwald kennengelernt. Seither haben wir eine so harmonische und wunderbare Beziehung gelebt, das ich mir schon nach einigen Monaten klar darüber war, das Sie die große Liebe meines Lebens ist. Jetzt ist sie sogar im Hochgebirge an meiner Seite. Besonders die vergangenen Tage, nachdem wir Ghunsa verlassen haben, hat sie sich nochmals selber übertroffen. Sie hat sich weder von Höhe, Kälte noch Geröllfeldern und steilen Abgründen abhalten lassen mich bis hierher zu begleiten. Wird es jemals einem besseren Ort geben als Ihr hier die EINE Frage zu stellen? Da es weder in der Liebe noch sonst irgendwo im Leben absolute Sicherheiten gibt, habe ich ihre Hand in die meine genommen, ihr ganz tief in die Augen geblickt und es gewagt sie zu fragen ob sie mir die Freude zuteil werden lässt sie heiraten zu dürfen.

Unser Freund Rolf meinte später es müsse wohl an der Höhenkrankheit gelegen haben das sie mir mit einem klaren JA geantwortet hat. Zu meinem Glück hat sie aber auch später in der schwülen Tropenhitze ihrer Heimat ihre Meinung nicht geändert. Jetzt freuen wir uns darauf das Leben mit all seinen Abenteuern und Prüfungen gemeinsam meistern zu können.

Später am Morgen hat die Sonne jegliche Erinnerung an die frostige Nachtluft weggeschmolzen und wir bereiten unsere weiteren Schritte vor. Es ist noch ein Tagesmarsch bis zum Basislager des „Kanchenjunga“ dem Endpunkt unserer Wanderung. Dieser liegt auf fünftausendeinhundert Metern und  soll es mir ermöglichen den dritthöchsten Berg der Welt zu fotografieren. Doch  für meine Liebste ist hier der Zeitpunkt zum umkehren gekommen. Die Höhe bereitet ihr keine Probleme aber dafür umso mehr die Kälte in der Nacht. Den Körper nicht mehr richtig warm zu bekommen ist kein schöner Zustand.

Niemand in der Gruppe hätte ihr zu Beginn der Reise zugetraut so weit nach Oben zu gelangen. Es ist keine Schande seine Grenzen zu erkennen und diese zu respektieren. Dies ist ein Ratschlag den ich übrigens Jedem geben kann der sich in die Wildnis begibt. Erreicht man ein Stadium in dem sich Unbehagen regt, sollte man tunlichst vermeiden dieses zu überhören. Damit meine ich nicht, dass man nicht mal körperlich an seine Grenzen gehen kann, oder diese auch überschreiten. Man sollte sich aber immer gewahr sein zu was der eigene Körper in der Lage ist, besonders wenn er dem Bewusstsein Angstsignale sendet. Wenn ich das Gefühl habe das Eis ist zu dünn, dann begebe ich mich nicht unnötig in Gefahr und suche mir entweder einen anderen Weg oder breche ab. Vielleicht ist dies einer der Gründe der mir half in den letzten fünfundzwanzig Jahren immer an einem Stück von einer Reise heimzukehren. Ein besonderes Anliegen ist es mir natürlich das auch Juliana wieder gesund nach Hause kommt. Nicht auszudenken was wäre wenn ihr hier etwas Schlimmes zustoßen würde. Dass die Sache nicht ungefährlich ist haben wir von einer anderen Reisegruppe erfahren. Diese befanden sich sogar noch einen Tagesmarsch tiefer als sie das Unglück ereilte. Nur dank eines Satellitentelefons gelang es ihnen einen Hubschrauber anzufordern um einen japanischen Wanderer den die Höhenkrankheit erwischt hat rechtzeitig auszufliegen. Ohne diese Hilfe wäre er wohl auf etwas mehr als viertausend Metern Höhe im kleinen Sommerlager „Kampachen“ verstorben. Als wir zwei Tage zuvor dort ankamen haben wir einen extra Tag Pause eingelegt um unsere Körper an die Höhe zu gewöhnen. Wer es im Hochgebirge zu eilig hat begeht einen großen Fehler den schon viele mit ihrem Leben bezahlt haben. In „Kampachen“  lagerten wir zum ersten Male direkt am Fuße eines Berges der über 7000 Meter hoch war. Fast ehrfürchtig habe ich mich kaum daran sattsehen können. Aus einem Seitental kommend hat sein Gletscher eine riesige Moränenlandschaft hier ins Haupttal geschoben. Es ist erstaunlich wie viel Gestein durch das Eis bewegt wird. In geologischen Zeiträumen gesehen entstehen so Landschaften. Den Morgen des Ruhetages habe ich für eine Fotoaktion genutzt indem ich um drei Uhr nachts einen Berghang, der unserem Zelt am nächsten liegt hinauf gestiegen bin. Schon hier, auf etwas über viertausend Metern, schlaucht dies ungemein, besonders mit der kompletten Fotoausrüstung auf dem Rücken. Zu Anfang dachte ich bei jedem Schritt mein Brustkorb wolle zerfetzen, doch als ich dann völlig wach war und den richtigen, langsameren Laufrhythmus gefunden habe, hat es ganz gut geklappt. Ich bin etwa dreihundert Höhenmeter emporgestiegen und habe dadurch freie Sicht auf den Gletscher und die umliegenden Täler bekommen. Erschrocken bin ich darüber wie stark dieses Monster aus Geröll in seinem Inneren schon entleert war.

Das Eis ist weit unter die Gesteinslinie der Moräne zurückgeschmolzen und wird auch in Zukunft weiter verschwinden.

Hier oben im Lager wo sich Julianas und mein Weg in Kürze trennt sind wir inzwischen auf der Höhe des Hauptgletschers. Dieser wird vom „Kanchenjunga“ und anderer Riesenberge gespeist und ist wohl dank der Höhe und seiner puren Größe in noch recht gutem Zustand. Zumindest optisch gibt es hier noch viel Eis das geschmolzen werden muss, bis den Flüssen unterhalb unseres Standpunktes die Puste ausgeht. Wir beschließen das Juliana zusammen mit einem der Träger wieder zurück nach „Kampachen“ und eine Nacht später nach „Ghunsa“ laufen wird um dort auf den Rest von uns zu warten. Ganz wohl ist mir bei der Sache nicht, denn gerade der Abstieg birgt Gefahren. Besonders bei losen Geröllfeldern derer es einige zu überqueren gibt. Abwärts zu laufen ist zwar in der Regel schneller aber nicht unbedingt weniger anstrengend, da besonders die Knie stark gefordert werden. Doch meine Liebste war wild entschlossen mir den Aufstieg zum Basislager zu ermöglichen und auf eigene Verantwortung diese zwei Tage Abenteuer zu meistern. Heute weiß ich natürlich, dass sie es problemlos schaffte, was mich sehr stolz gemacht hat. Man darf nicht vergessen, dass dies ihre allererste Bergtour gewesen ist und sie mit ihrem geschwächten linken Bein lange nicht die Beweglichkeit eines unversehrten Menschen hat. Ohne viel Aufheben haben wir uns verabschiedet, verbunden mit dem festen Vorsatz uns in drei bis vier Tagen in „Ghunsa“ wieder zu sehen.

Nun beginnt also der letzte, fotografisch wichtigste Teil der Reise. Zu diesem Zeitpunkt sind wir schon über zwei Wochen unterwegs und ich habe viele schöne Bilder gemacht. Doch natürlich würde dem Thema „Gebirge“ etwas Entscheidendes fehlen wenn es mir nicht gelänge den „Kanchenjunga“ standesgemäß abzulichten. Die verbliebenen Jungs meiner Gruppe haben mich gebeten ob sie in der Zeit die ich im Basislager verbringen möchte hier in „Lhonak“ bleiben können. Im Gegensatz zu dort oben gibt es hier eine einfache Steinhütte in der sie Kochen und Schlafen können. Da sie keine eigenen Zelte dabei haben ist dies natürlich keine Frage, zumal die Aussicht, dort oben für zwei Nächte komplett allein zu sein für mich äußerst reizvoll ist.

Die letzte Etappe ist wirklich wild. Vegetation gibt es hier nur noch in Form einiger Gräser die in der Umgebung kleiner Bäche wachsen. Es ist das Reich der „Blauschafe“ und des Schneeleoparden. Diese Region ist eines der wenigen verbliebenen Rückzugsgebiete dieser großen Katze, deren Anwesenheit man am ehesten in Form von Tatzen-Spuren  im Neuschnee wahrnehmen kann. Zwei meiner Begleiter helfen mir die Ausrüstung zum Endpunkt der Wanderung zu bringen. Der Weg folgt parallel des riesigen „Kanchenjunga“-Gletschers und ist eine raue Landschaft geprägt von Eis und Geröll. Der Gletscher ist fast komplett mit Gestein bedeckt und an manchen Stellen erst auf dem zweiten Blick als ein solcher zu erkennen.

Immer wieder höre ich ein mächtiges Knacken und Rauschen, ein deutliches Zeichen für seine Aktivität. Das Eis ist praktisch ständig in Bewegung, wenngleich dies natürlich für uns nur in den wenigsten Momenten wahrzunehmen ist. Als ich zurück ins Tal blicke sehe ich dunkle Wolken heraufziehen. Ein deutliches Zeichen dafür, dass es einen Wetterwechsel geben wird. Im Gebirge  kann so etwas sehr schnell gehen weshalb wir versuchen unser Tempo nochmals etwas zu steigern. Keine einfache Aufgabe auf fünftausend Metern Höhe. Doch es gelingt uns tatsächlich auf der kargen Wiese des als „Basislager“ bezeichneten Ortes anzukommen bevor der starke Schneefall einsetzt. So schnell es uns möglich ist schlagen wir das Zelt auf. Meine Kameraden machen sich sofort auf den Rückweg und ich lege mich ziemlich erschöpft in den Schlafsack. Zu diesem Zeitpunkt bin gar nicht so unglücklich darüber, dass mich das Wetter zu einer Ruhepause zwingt. Während draußen der Schnee auf mein Zeltdach fällt, falle ich in einen leichten Schlaf. Ich bin immer noch ziemlich erschöpft und mein Kreislauf ist alles andere als in Topform, als mein Unterbewusstsein eine Veränderung wahrnimmt. Es muss so gegen halb vier Uhr am Mittag gewesen sein als die dichte Wolkendecke immer wieder aufreißt und den einen oder anderen Lichtstrahl zu mir durchdringen lässt. Als ich dann Schlaftrunken das Zelt öffne kann ich sogar schon wieder Teile des Gletschers und der dahinter aufsteigenden Berge erkennen.

Das ist erstaunlich. In den vergangenen Tagen hat es gegen Abend nie wieder aufgemacht, wenn sich das Wetter einmal zum mies sein entschlossen hatte. Also bleibt mir nichts anderes übrig als meine Erschöpfung zu ignorieren und mich dem Grund meines Hierseins zu widmen. Zum ersten Mal blicke ich bewusst auf den „Kanchenjunga“ der etwas nach hinten versetzt vor mir aufragt. Ich würde den Berg nicht unbedingt als Schönheit bezeichnen. Er hat drei Gipfel die alle ungefähr dieselbe Höhe haben. Was ihm fehlt ist eine markante Form. Etwas was ihn optisch sofort von anderen Bergen unterscheidet. Doch schön ist er allemal, besonders die vielen vereisten Steilwände lassen bei genauerer Betrachtung die pure Größe dieses Riesen erahnen. Doch mein Standpunkt ist noch nicht ganz optimal, da ein Teil der Bergfront von einem vorgelagerten Bergrücken verdeckt wird. Ich beschließe dem Hauptgletscher noch ein wenig zu folgen und auf eine Passhöhe zu steigen, welche gute Ausblicke verspricht. Das sind geschätzte dreihundert Höhenmeter mehr. Normalerweise ist dies nicht der Rede wert. Doch hier in meinem Zustand, mit voller Kameraausrüstung auf dem Rücken ist das durchaus eine Herausforderung. Es geht sehr steil nach oben. Nur ganz langsam komme ich voran. Alle paar Meter zwingt mich der Körper zum verweilen. Man bekommt einfach nicht genug Sauerstoff in die Lungen. Doch ich kämpfe mich auf den Pass und werde mit einer sagenhaften Position belohnt. Nun liegt der Berg komplett frei vor mir und der Blick auf den Gletscher ist durch die gewonnene Höhe einfach fantastisch. Vom Tal ziehen immer wieder Wolken herauf die im goldenen Abendlicht die Landschaft in eine ungezähmte Mischung aus Licht und Schatten verwandeln. Alles wirkt so plastisch und zum greifen nahe.

Man bezeichnet uns Naturfotografen gerne als „Jäger des Lichts“. An diesem Ort und zu diesem Moment kann ich mich über eine äußerst erfolgreiche „Jagd“ freuen. Ich bin zwar körperlich fix und fertig, genieße aber jeder Minute, lange bis die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist und die Wolken wieder sämtliche Sicht im Tal verhindern. Als ich mein Zelt erreiche zwinge ich mich dazu einen Müsliriegel zu essen, den ich noch aus Deutschland mitgebracht habe, und etwas Wasser zu trinken um dem Körper wieder verlorene Energie zuzufügen. Es ist erstaunlich wie wenig man hier oben, trotz körperlicher Höchstleistung das Bedürfnis hat, Nahrung zu sich zu nehmen. Aber genau aus diesem Grunde ist es äußerst wichtig es zu tun, damit man bei Kräften bleibt. Für den kommenden Morgen habe ich gar nicht erst versucht den Wecker zu stellen. Mir ist klar, dass die Kraft für eine Sonnenaufgangsrunde nicht ausreichen würde. Also habe ich mich mehr oder weniger schlafend durch die Nacht gebracht und bleibe am Morgen so lange im Schlafsack liegen bis mir der Körper das Gefühl gibt genügend geruht zu haben. Mein Plan sieht vor das ich versuchen möchte dem Pfad von gestern weiter zu folgen um dann die Felswand bis auf sechstausend Meter Höhe zu besteigen. Würde ich dem Hauptgletscher weiter folgen und diesen dann weiter im Norden überqueren dauerte es nicht mehr lange und die Grenze zu Tibet wäre erreicht. Heute muss man ja leider China sagen, welches eine der großen Ungerechtigkeiten in der an Dummheiten nicht armen menschlichen Geschichte darstellt. Wenn es mir gelingen sollte auf diesen Gipfel zu kommen hätte ich nochmals mindestens neunzig Grad mehr Ausblicke auf die mich umgebende Bergwelt. Zuvor habe ich sehr genau überlegt was ich mit in den Rucksack packen muss. Sonnencreme, Brille, Hut, Wasser, Nahrung, Regenhose und Jacke sind obligatorisch. Ich habe aber auch mein GPS Gerät eingepackt, denn auch bei relativ kurzen Distanzen kann man im Nebel recht schnell die Orientierung verlieren. Da ich mir vorgenommen hatte auch mich selbst bei der Arbeit zu portraitieren, habe ich zwei Gehäuse mitgeschleppt, und ebenso das fünf Kilogramm schwere 200-400mm Teleobjektiv. Zusammen mit dem Stativ kommt da einiges Zusammen was mir im Laufe des Tages bei jedem Schritt schmerzlich bewusst wird. Als ich starte ist der Himmel völlig wolkenfrei und die schneebedeckten Gipfel strahlen vor dem dunkelblauen Himmel. Der Weg zum Pass klappt ohne Probleme. Langsam aber zielsicher komme ich voran. Von nun an gibt es keinen sichtbaren Pfad mehr. Ich steige die Geröllwand Stück für Stück nach oben. Mein GPS zeichnet jeden meiner Schritte auf. Als ich um eine weitere steile Wand herumgelaufen bin, sehe ich direkt über mir einen aus purem Eis bestehenden Gletscher. Mein Weg führt an ihm vorbei, und würde ich es auf den Gipfel schaffen, könnte ich sogar direkt auf ihn hinabschauen. Dieser kleine Gletscher ist komplett frei von Gestein und völlig zerklüftet. Ein tolles Motiv. Doch mein Aufstieg gestaltet sich sehr langsam. Gegen Mittag zeigt mein Höhenmesser fünftausendfünfhundert Meter an. Ich habe die Gletscherzunge fast erreicht. Von Tal ziehen die ersten Wolken herauf. Zu Anfang beunruhigt mich das nicht sonderlich, da dies nach einem klaren Morgen praktisch an jedem Tag passiert. Doch in erstaunlichem Tempo wird mir durch immer schneller heranfliegende Wolken die Sicht genommen. Nach einiger Zeit hat sich das Bild komplett gewandelt. Ich bin von einer Geröllwüste umgeben und die einzige Farbe die jetzt noch dominiert sind Grautöne. Trotzdem gebe ich noch nicht auf. Ich erinnere mich an den Vortag und hoffe, dass es nach einer gewissen Zeit gegen Abend wieder aufreißen wird. Ich schaffe weitere hundert Höhenmeter, muss mir dann aber eingestehen, dass mich meine Kräfte verlassen. Inzwischen ist praktisch jeder Schritt eine Tortur. Da ich sowieso nichts sehen kann, gebe ich das Ziel, bis auf den Gipfel zu kommen auf. Ich suche mir einen halbwegs bequemen Stein an den ich windgeschützt anlehnen kann und hoffe auf einen erneuten Wetterwechsel. Dann beginnt eine der Tätigkeiten innerhalb meines Berufes die leider allzu häufig wichtiger Bestandteil meiner Arbeit ist und nicht immer zum Erfolg führt – nämlich die Warterei.

Nach drei langen Stunden, in denen ich außer auf eine graue Wand zu starren  nichts gemacht habe, beschließe ich an die Stelle zurückzusteigen, an der ich am Vorabend meine Fotos machen konnte. Das ich im Dunkeln würde zurücklaufen müssen war klar. Mit dem Abstieg zum Pass bin ich zumindest wieder in relativer Nähe zum Zelt. Bisher hat es zwar weder gestürmt noch geschneit, doch man weiß ja nie. Es wird dunkel ohne das sich in den Wolken etwas tut. Ich bin etwas traurig, denn der komplette Tag war eigentlich ein fotografischer Ausfall. Also habe ich noch zwei weitere Stunden ausgeharrt. Wenn die Wolken verschwinden würden, bevor der letzte Rest an nachglühendem Tageslicht erloschen sind, könnte ich noch eine gute Nachtaufnahme machen. Dazu brauche ich den Sternenhimmel und ein klein wenig Licht von der vor langer Zeit hinter dem Horizont verschwundenen Sonne. Doch ich habe kein Glück. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig als auf den kommenden Morgen zu hoffen. Um die Aufnahme machen zu können die mir vorschwebt, muss ich Punkt vier Uhr wieder hier auf dem Pass sein. Dies ist mit dem schweren Gepäck unmöglich zu schaffen. Also habe ich meine Ausrüstung gut verpackt und den Rucksack dann unter einen überhängenden Stein gelegt. Gegen 21 Uhr komme ich mehr taumelnd als gerade laufend beim Zelt an. Ich stelle den Wecker auf zehn Minuten vor Drei um genügend Zeit zu haben nach einer viel zu kurzen Nachtruhe in die Kleidung zu kommen und den Berg wieder nach oben zu steigen. Mich als erschöpft zu bezeichnen ist noch untertrieben, und trotzdem gelingt es mir nur sporadisch in einen leichten unruhigen Schlaf zu fallen. Immer wieder wache ich auf und rolle mich von einer Seite auf die andere. Nach Mitternacht blicke ich ungefähr fünf mal auf die neben mir liegende Uhr. Die Angst diese wichtige Chance zu verpassen sitzt tief im Unterbewusstsein fest. Gerade deshalb ist es mir völlig unbegreiflich das ich den Wecker nicht läuten höre. Als ich wieder auf die Uhr blicke ist es bereits zehn Minuten nach drei Uhr. Wie von der Tarantel gestochen und gleichzeitig laut fluchend schieße ich aus dem Schlafsack und schlüpfe in Rekordzeit in meine Kleidung. Wie in Trance versuche ich die letzten Kraftreserven aus mir herauszupressen um möglichst schnell nach oben auf den Pass zu kommen. Beiläufig nehme ich wahr das der Himmel tatsächlich Wolkenfrei ist und ich meinen Plan durchführen kann, wenn es mir gelingt die verlorene Zeit aufzuholen. Auch ohne Gepäck geht es nicht wirklich nicht schnell voran, doch dafür beständig. Ich kann mein Glück kaum fassen als ich zwei Minuten vor Vier bei meiner Ausrüstung stehe. Die dann folgenden Handgriffe sitzen und gehen fliesend von statten, während ich mir schon Gedanken mache wo ich das Stativ aufstelle. Um Punkt vier Uhr drücke ich um ersten mal den Drahtauslöser. Die Kamera steht auf viertausend ASA und ich belichte dreizehn Sekunden bei Blende 3,2. Auf dem Bild erscheint das „Kanchenjunga“ Massiv, beleuchtet von den ersten zarten Nuancen der Dämmerung. Darüber erhebt sich die Milchstraße in all ihrer Pracht.

Wenige Minuten später ist es für unser Auge zwar immer noch dunkel, doch die Präsenz des Universums nimmt mit zunehmender Dämmerung massiv ab. Zuerst verschwindet die Milchstraße und später nach und nach die der Erde näher gelegenen Sterne. Dafür leuchten die Berge vor einem immer noch dunkelblauen Nachthimmel und mit zunehmender Helligkeit kann ich die ASA Zahl herabsetzen was die Bildqualität stark verbessert. Für mich ist dieser ganze Prozess pure Magie. Ich stehe, umgeben von absoluter Stille, an einem Ort voller unverfälschter Wildnis und erlebe diese Momente in solch erregender Dichte das ich kaum Worte dafür finde. Eindrücke die durch kein Geld der Welt ersetzbar sind und die es sich tief in meiner Seele auf den besonders gemütlichen VIP Plätzen gemütlich machen dürfen.

Auch wenn es unmöglich ist, und wahrscheinlich nichts ändern würde, so wünschte ich mir doch, das jeder Mensch mindestens einmal im Leben ein solch eindrückliches Erlebnis mit unserer Mutter Erde haben dürfte­­. Vielleicht wäre unsere Spezies dann etwas Ehrfurchtsvoller im Umgang mit dem Planeten der uns Alle mit seinen Ressourcen versorgt und uns eine solch wunderschöne Heimat ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

Gebirge Teil 3: “Hauptlauf” 28.04.2013

Um den „Kanchenjunga Base Camp Trail“ zu bewältigen gibt es zwei Varianten. Die Längere führt zuerst zum nördlichen Basislager und dann über einen fast fünftausend Meter hohen Pass zur südlichen Seite des Berges. Man läuft sie als Rundweg um dann wieder in der Nähe von Dobhan, unserem jetzigen Standpunkt, anzukommen. Es bedarf keines Wahrsagers um sich auszumalen dass diese Route für Juliana und mich nicht in Frage kommt. Wegen meiner Fotografie und ihrem reduzierten Tempo würden wir uns in einen Dauerstress begeben, der uns die Tour sehr schnell verleiden kann. Da unser Freund Rolf aber sehr wohl Willens und auch in der körperlichen Verfassung ist die große Runde zu wagen, tritt nun ein Plan in Kraft über den wir schon im Vorfeld gesprochen hatten. Wir werden unsere Truppe in zwei Gruppen aufteilen und unseren Teil auf das nördliche Basislager beschränken, um dann auf dem gleichen Weg wieder zurück zu laufen. Das verschafft uns einen Spielraum von drei bis vier Tagen an denen wir bei Bedarf auch mal pausieren können. Aber vor allen Dingen habe ich am Basislager gegebenenfalls Zeit auf gutes Wetter zu warten um dann meine Bilder zu machen. Nicht auszudenken was wäre, wenn ich da oben vor dem drittgrößten Berg der Welt stehe, und ihn gar nicht zu Gesicht bekomme.

Den ersten Tag Pause gönnen sich Juliana und ich gleich am kommenden Morgen nach unserer Ankunft im Örtchen Dobhan. Der lange Abstieg von Vortag steckt uns noch in allen Muskeln als wir Rolf und seine vier Jungs verabschieden. Sie haben sich ein anspruchsvolles Programm vorgenommen. Sie sollten es mit Bravour schaffen und den Treck sogar zwei Tage früher beenden als geplant. Dafür hat Rolf aber ganz schön leiden müssen. Er hat zwar unseren Guide in seine Gruppe bekommen, aber wir dafür den Koch. Da dieser sowieso der Einzige ist, der bisher schon mal in dieser Region war, haben wir glaube ich einen ganz guten Deal gemacht. Je höher wir laufen, desto spartanischer wird auch unser Essen werden. Doch im Direktvergleich erfreuen wir uns an wesentlich abwechslungsreicherer Nahrung als Rolfs Gruppe. Die nehmen praktisch jeden Tag nur Reis und Tütensuppe zu sich. Als wir uns zum Abschied feste drücken ist es völlig ungewiss wie weit unser Teil der Expedition in die Bergwelt vorzudringen vermag. Julianas Füße sehen wirklich nicht gut aus, und ein wenig Angst vor einem vorzeitigen Abbruch habe auch ich. Offene Füße sind extrem unangenehm und haben schon so manch harten Kerl zum Abbruch einer Wanderung bewogen. Doch ich habe von nun an alle relevanten Stellen mit Blasenpflastern und Klebeband bearbeitet, und ihr immer persönlich die Schuhe fest zugebunden, damit möglichst wenig Reibung auf den Füßen verursachen wird.

Am Ortsrand von Dobhan treffen zwei große Flüsse aufeinander und fließen gemeinsam weiter. Einem werden wir ab Morgen für viele Tage folgen. Wir sind überrascht dass wir überhaupt keine anderen westlichen Wanderer entdecken, als wir uns gegen Abend doch noch aufraffen können, von unserem Campingplatz aus einen Ausflug ins Dorf zu machen.

Die kleine Hauptstraße ist voll mit Nepali die auf ihren Wegen hier eine Rast einlegen. Immer wieder sehen wir Gruppen von beladenen Eseln und Yaks über die Hängebrücken kommen, die Waren in die umliegenden Täler transportieren. Große Stapel Bücher sind auch dabei welche wohl für die Dorfschulen bestimmt sind. Die Leute sitzen vor den Läden und sind meist gut gelaunt – zu gut, wenn man genau hinschaut. Daran ist nicht zuletzt eine durchsichtige Flüssigkeit Schuld, die hier den Namen Roxy trägt und aus hochprozentigem Alkohol besteht.

Gegen achtzehn Uhr bekommen wir ein reichhaltiges Abendessen und liegen frühzeitig auf unseren Matratzen. Eine weitere Nacht guten Schlafes lässt uns am nächsten Morgen voller Elan erwachen und frohen Mutes an die vor uns liegende Aufgabe gehen. Juliana und ich machen uns genau um zehn Minuten nach Sieben auf den Weg. Unsere Jungs sind zu diesem Zeitpunkt noch nicht ganz mit dem Packen fertig. Das macht aber nichts, denn verlaufen kann man sich ja kaum wenn man nur dem Flusslauf folgen muss. Noch liegt das Tal im Schatten und wir kommen gut voran obwohl es von Anfang an rauf und wieder hinunter geht. Mal verläuft der Pfad auf Flusshöhe, mal blicken wir einige dutzend Meter von oben auf das reißende Wasser herab.

Nach einer Stunde kommen wir an eine Stelle, an der zwei Täler zusammentreffen. Kennen Sie das Gefühl sich total sicher zu sein das Richtige zu tun? Ich habe mir vor dem Beginn der Etappe nochmals die Wanderkarte angeschaut und war mir sicher dass ein weiterer Blick nicht nötig sei. Also bleibt die Karte in der Tasche und wir haben den Weg im selben Tal fortgesetzt. Als die Sonne über die Flanke des Bergzuges wandert und die Gegend von jeglichem Schatten befreit ist, wird es sofort um viele Grade wärmer. Wir sind in der tropischen Klimazone und keine Wolke hat uns an diesem Morgen die Hitze etwas gemildert. Irgendwann werde ich dann nervös, denn unsere Helfer hätten uns eigentlich längst einholen müssen. In einem kleinen Dorf halten wir an. Es ist inzwischen fast neun Uhr und die Sonne knallt auf uns herab als wäre es zwölf Uhr Mittags. Alles zieht sich in mir zusammen als ich dann doch auf die Landkarte blicke und merke dass wir hätten in das andere Tal einbiegen müssen. Wie kann man nur so dämlich sein? Es hilft alles nichts, wir müssen umkehren. Insgesamt haben wir drei Kilometer zusätzlichen Weges angehäuft. Auf einer normalen Straße ist diese Distanz kaum der Rede wert, aber hier in Nepal ist das eine ordentliche Strecke. Wir sind kaum im richtigen Tal angekommen da sehen wir in der Ferne drei unserer Jungs auf uns zulaufen. Die haben natürlich gemerkt dass etwas nicht stimmt und sind uns suchen gekommen. Schön zu sehen das man sich auf sie verlassen kann. Der Tag zieht sich wie Kaugummi in die Länge. Stunde um Stunde kämpfen wir uns voran. Am meisten macht uns die Hitze zu schaffen. Das Thermometer zeigt fast vierzig Grad. An jedem kleinen Bach den wir passieren lassen wir kaltes Wasser über unsere Köpfe rinnen und kühlen so etwas ab. Stellenweise ist der Weg kaum mehr als ein kleiner Trampelpfad der sich durch unwegsames Gelände windet und mit Wurzeln und losem Gestein bedeckt ist. Oft laufen wir durch Wald, dessen Blätterdach aber kaum einen geschlossenen Schatten erzeugt. Immer wieder wandert mein Blick die steilen Berghänge empor welche rechts und links neben uns aufragen. Praktisch überall leben Menschen.

Kaum zu glauben an welchen steilen Hängen kleine Gehöfte an den Abhängen kleben. Terrassenförmig angelegte Felder erlauben den Anbau von Nahrung und Tierfutter praktisch an jeder Stelle. Auch hier ist der ursprüngliche Wald stark degradiert. Das ist nicht verwunderlich wenn man bedenkt, dass praktisch alle Bewohner dieser Berge und Täler mit Holz kochen und heizen. Es überrascht mich eher, dass überhaupt noch Holz vorhanden ist, denn das Land hat eine immense Geburtenrate. Nepals Bevölkerung wächst ebenso wie die Ansprüche an deren Lebensqualität. Der Druck auf die natürlichen Rohstoffe wird auch in Zukunft weiter steigen, was nichts Gutes für die Wälder verheißt. Die Menschen brauchen Alternativen, welche z.B. in Form von kleinen Biogasanlagen Realität werden könnten. Der Dung von zwei Rindern reicht aus um diesen zu vergären, und damit Methangas zum Kochen und Heizen zu erzeugen. Die Anschaffung für solch eine Anlage beträgt ca. 300 Euro. Für die meisten Familien ist dies eine unerschwingliche Summe. Zum Glück gibt es seid Jahren internationale Hilfsprojekte welche genau diese Idee unterstützen. Man kann nur hoffen dass diese guten Ansätze mit aller Kraft durchgeführt werden, bevor das Ökosystem unter der Last der Nutzer gänzlich zusammenbricht. Schon siebzig Prozent von Nepals Wäldern sind verschwunden oder stark übernutzt. Gerade im Gebirge werden intakte Wälder aber dringend benötigt. Denn ohne Bäume ist der Boden Wind und Regen ungeschützt ausgesetzt und es kommt zur Erosion und Steinschlag.

Es gibt noch vereinzelte alte Bäume. Fast jedes Dorf das wir passieren hat in seiner Mitte solch einen Riesen stehen. Diese entsprechen wohl den Ulmen, welche bei uns in früheren Zeiten den Mittel- und Treffpunkt des Dorfes markierten. Anhand dieser Exemplare erkennt man das ganze Drama in welchem Zustand sich der Wald befindet. Man muss sie nur mit den Bäumen in den noch vorhandenen Waldresten vergleichen, welche die Dörfer umgeben.

Am späten Nachmittag sorgt eine aufziehende Wolkendecke für etwas mildere Temperaturen. Wir passieren eine Seitenschlucht über eine der zahlreichen Hängebrücken und steigen einen Berghang steil nach oben. Oben angekommen treffen wir auf ein einzelnes Gehöft, vor dem uns ein älterer Herr entgegenlächelt.

Als er Juliana sieht fängt er an vor ihr zu tanzen und zu singen was uns alle sehr erfreut. Seine Frau, die ebenso ein stattliches Alter aufweist, kommt gerade von den Feldern zurück. Sie trägt ein großes Bündel Gras auf dem Rücken, welches von einem Band gehalten wird das über ihrer Stirn liegt. Dieses Paar lebt hier ganz allein. Ihre Tagesabläufe gleichen denen ihrer Vorfahren. Sie haben weder Strom noch andere Errungenschaften des modernen Lebens. Einzig den schwarzen Plastikschlauch kann ich entdecken, welchen praktisch jede Familie inzwischen ihr Eigen nennt. Damit wird Wasser vom nächst gelegenen Fluss direkt ans Haus gelenkt und Tagsüber wenn die Sonne darauf scheint auch ein wenig erwärmt. Die Zwei wirken überaus glücklich, was mich mal wieder stark zum Nachdenken bringt. Vom materiellen Maßstab her sind die Beiden bettelarm. Doch wenig zu besitzen muss nicht gleichbedeutend sein mit einem unzufriedenen Leben. Sind diese Alten aus der Zeit gefallen? Sind wir Kinder der Globalisierung überhaupt in der Lage den Verlockungen des konsumorientierten Alltags zu widerstehen? Das ist sehr schwer, wie ich im Selbsttest immer wieder feststellen muss. Ich betrachte mich als einen durchaus aufgeklärten und sehr kritischen Konsumenten. Trotzdem kann auch ich so manchen Verheißungen nicht entsagen, besonders wenn es um Dinge geht die mich begeistern und interessieren. Auch wenn ich nicht jeden Mist mitmache und viele Dinge aus ökologischen Gründen nicht kaufe, so habe ich immer noch einen viel zu hohen Ressourcenverbrauch innerhalb meines Alltags. Wäre ich ein Vorbild für die gesamte Menschheit so würde der Planet praktisch schon heute einer leblosen Wüste gleichen. Das betrifft neben mir übrigens so gut wie jeden Bewohner der westlich geprägten Industrieländer – eine Tatsache die uns Alle sehr nachdenklich machen sollte. Wie können wir es schaffen die Sehnsüchte der ständig wachsenden Weltbevölkerung zu stillen ohne dabei die Erde völlig zu zerstören? Ich denke es wird nur gehen wenn wir unsere  Lebensziele überdenken und uns neue Werte verordnen. Für was haben wir in unserer Gesellschaft überhaupt noch Platz, außer der Wirtschaft möglichst hürdenfreie Produktionsbedingungen zu verschaffen? Die Politik, welche uns regiert, bewacht und leitet ist inzwischen in weiten Teilen der Welt von der Knechtschaft der Diktatur befreit und durch Demokratie ersetzt worden. Doch diese ist in solch erschreckendem Ausmaße von den Interessensverbänden der Großindustrie unterwandert, dass einem wirklich Schlecht werden kann. Solange sich daran nichts ändert wird auch weiterhin das Mantra des glückverheißenden ungebremsten Wachstums gepredigt und die Welt immer schneller an den heute schon abzusehenden Abgrund gedrängt.

Solche und viele andere Gedanken sind mir auf dieser Reise oft im Kopf umhergeschwirrt. Einer der Vorzüge des langsamen Wanderns ist das man viel Zeit zum Nachdenken hat.

Inzwischen sind uns zwei unserer Träger mit einer Kanne Tee und Keksen entgegen gekommen, um uns die restlichen Meter zum Ziel der Tagesetappe zu begleiten. Die Burschen sind viel schneller als wir und haben dazu noch Kraft zu uns zurückzulaufen um zu helfen. Das werden sie in den kommenden Tagen noch öfters tun, und wir sind darüber immer sehr dankbar. Obwohl uns natürlich, zumindest in diesen tiefen tropischen Lagen, ein eiskaltes Apfelschorle lieber wäre als der heiße Tee.

Als wir am Abend in einem nicht sonderlich gemütlichen Gästehaus die Wanderschuhe abstreifen sind wir fix und fertig. Erfreulicherweise hat sich der Zustand von Julianas Füßen nicht verschlechtert was uns Grund zur Hoffnung gibt. Auch in den kommenden zwei Tagen wird die Hitze unseren  Tagesablauf prägen. Wir starten so früh wie möglich, doch natürlich ist es nur eine Frage der Zeit bis uns die Sonne ihre volle Kraft entgegenstrahlt. Erst ab der vierten Etappe wird es merklich kühler und angenehm. Zu diesem Zeitpunkt haben wir uns schon wieder auf zweitausend Meter hochgearbeitet und inzwischen fühlen wir uns fitter denn je.

Ich habe kaum noch Zweifel, dass meine wunderbare Brasilianerin auf dieser Wanderung noch sehr weit kommen wird. Wir haben inzwischen einen Kontrollpunkt passiert an dem alle Wanderer auf ihre Genehmigungen gecheckt werden und sind innerhalb der „Kanchenjunga Conservation Area“ angekommen. Dieses Gebiet hat man eingerichtet um die Wälder in den Höhenlagen um das Hochgebirge besser zu schützen. Natürlich leben auch hier oben Menschen, doch deren Anzahl wird merklich weniger und die Wälder sichtbar dichter und ursprünglicher. Ich halte die Augen offen und schaue mir die wunderbaren Bäume sehr genau an, an denen meterlange Flechten sanft im Wind wehen.

Leider gelingt es mir weder beim Aufstieg noch beim Rückweg einen der hier lebenden Roten Pandas zu entdecken. Diese schönen Tiere leben an den Himalaya Hängen hier in Nepal sowie in Teilen Chinas und Indiens. Sie sehen ein wenig aus wie Waschbären und ernähren sich von Bambus. Es überrascht mich kaum mehr als ich erfahre dass auch sie vom Aussterben bedroht sind. Wilderei und Fragmentierung ihres Lebensraumes durch Waldzerstörung sind wie so häufig die Ursachen für den Rückgang der Roten Pandas und so endlos vieler anderer in freier Wildbahn lebenden Tierarten.

Hier oben ist der Pfad erstaunlicherweise besser befestigt als weiter unten im Tal. Immer wieder passieren uns Männer und junge Burschen mit großen Metallplatten auf den Rücken. Sie tragen Elemente zum Brückenbau die Berge hoch. Egal was sie befördern, sie werden nach Gewicht bezahlt. Der Lohn muss schon sehr mickrig sein, wenn man sieht mit welchen Mengen Material sie ihre Gesundheit riskieren. Immer mal wieder werden wir von Kindern begleitet die sich auf dem Weg zur nächsten Schule befinden. Ich staune wie jung manche sind und trotzdem weite Wege auf sich nehmen müssen. Die etwas Gewitzteren unter ihnen nutzen die Begegnung mit uns um ihre Kenntnisse in Englisch zu testen, was zum Teil zu witzigen Wortwechseln führt.

Manche der Kinder tragen Schuluniformen, andere wiederrum sind in Lumpen gehüllt die man kaum noch als Kleidung wahrnehmen kann. Das beschränkt sich aber nicht nur auf die Kleinen. Wir treffen leider auf Familien die scheinbar jeglichen Halt verloren haben. Faulige Zähne und stumpfe glanzlose Blicke zeugen von Hoffnungslosigkeit die einen traurig macht. Selbst in so manchem, für Besucher offenstehendem Gästehaus ist es so dreckig, das wir uns kaum darin aufhalten möchten. Wir sehen Kinder die praktisch im puren Müll schlafen und Eltern die dies als ganz normal empfinden. Hinzu kommt das am offenen Feuer gekocht wird. Der Rauch schwärzt die Decken und Wände und zerstört die Gesundheit der Bewohner. Natürlich sind die Menschen arm, aber Wasser zum waschen wäre für Alle ausreichend vorhanden. Ob es wohl mit dem auch in Nepal existierenden Kastensystem zu tun hat, dass innerhalb eines Ortes solch unterschiedliche Hygienesituationen herrschen? Ich weiß es nicht. Ich bin nur sehr betroffen wenn ich Kleinkinder sehe, die wohl nie eine Chance auf ein menschenwürdiges Leben haben werden.

Nachdem wir eines Morgens mit einer Unmenge an Bissen und Stichen am Körper aufgewacht sind, welche wahrscheinlich von Läusen stammen, haben wir uns dazu entschlossen nur noch im eigenen Zelt zu übernachten. Für mehrere Tage sind wir extremen Juckreizen ausgesetzt, was besonders beim Schwitzen nicht angenehm ist. Mein Hals und die Arme sind eine einzige Quelle endlosen Verlangens mit den Fingernägeln darüber zu reiben – was natürlich alles noch viel schlimmer macht.

Ein Erlebnis von dem es zu berichten lohnt ist die Geschichte mit dem Diebstahl. Kurz nach Tagesanbruch kommt einer unserer Träger ganz aufgeregt zu uns ans Zelt und berichtet von einer schlimmen Sache die passiert ist. Am Vorabend seien sie mit anderen Nepali zusammengesessen die an derselben Station übernachtet haben wie wir. Am frühen Morgen ist nun Einer von denen verschwunden und mit ihm eine nagelneue Hose und ein T-Shirt. Was für uns wahrscheinlich nur zu einer kurzen Verärgerung geführt hätte, war für die Jungs aber eine ernste und große Problematik. In deren Welt hat man eben nicht die Möglichkeit eine gestohlene Hose einfach durch eine Neue zu ersetzen. So begab es sich das sich zwei der Burschen auf den Weg gemacht haben um nach dem Dieb zu suchen. Wir haben deshalb unsere Träger den ganzen Tag nicht zu Gesicht bekommen. Erst gegen Abend, als wir kurz vor Vollendung unserer Etappe stehen sehen wir die Gruppe zu uns aufschließen. Mir fällt gleich auf das da ein Mann mehr dabei ist. Dieser schleppt auch noch den Packsack den normalerweise der Bestohlene zu tragen hat. Das ist wirklich ein Ding. Unsere Burschen sind heute Morgen die komplette Tagesetappe von gestern zurück marschiert und haben dort den dreisten Dieb tatsächlich gefunden. Es war ein Junge, nicht älter als fünfzehn Jahre, der nun hier an uns vorbei läuft. Er ist kaum in der Lage seine Tränen zu unterdrücken und doch sichtlich bemüht seine Haltung zu bewahren. Sie haben ihn sich geschnappt und ließen ihn nun zur Strafe den ganzen Tag das schwere Gepäck tragen. Es ist nur zu erahnen was in Nepal solch eine Tat bei den Betroffenen auslöst, denn der Beklaute war sichtlich sauer. Ich kann ihn, als wir im Camp angekommen sind davon abhalten dem völlig erschöpften und eingeschüchterten Dieb mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Zumindest in unserer Gegenwart. Doch dessen Martyrium ist noch nicht vorüber und die Kräfte der Träger scheinbar noch nicht aufgebraucht. Obwohl es anfängt in Strömen zu regnen und die nächste Polizeistation mindestens zwei Stunden entfernt liegt, machen sie sich auf den Weg ihn dort abzuliefern. Ich hoffe wirklich dass der Junge seine Lektion an diesem Tag gelernt hat. Diebstahl in einer Gesellschaft in der die Häuser praktisch für Alle offen stehen ist weder hier noch sonst irgendwo akzeptabel.

Nach sechs Tagen erreichen wir die Ortschafft Ghunsa auf 3400 m Höhe. Inzwischen sind wir wieder im Bereich wo der Rhododendron wächst und hier auch reichlich in tiefem Rot und Pink am blühen ist.

Ghunsa ist eine tibetische Siedlung und die höchstgelegene auf dem Trail die ganzjährig bewohnt ist. Eingerahmt von Bergen die mit teils altem Wald bewachsen sind fühlen wir uns hier sofort sehr wohl. Hier verbringen wir unseren nächsten Tag um unsere Körper an die Höhe zu gewöhnen. Der Zustand von Julianas Füßen ist zusehends besser geworden und ich bin sehr stolz auf das was wir bisher gemeinsam geschafft haben. Das Dorf hat elektrischen Strom welcher mit einem simplen System aus Wasserkraft gewonnen wird. Eine ökologisch sinnvolle Lösung die es mir ermöglicht meine Akkus für die Kamera aufzuladen und mit dem Labtop an meinen bisherigen Bildern zu arbeiten. Praktisch auf jedem Haus wehen die bunten buddhistischen Gebetsfahnen und Yaks weiden auf den Wiesen zwischen den Häusern. An den Ohren sind sie geschmückt mit bunten Bändeln welche sie wirklich hübsch aussehen lassen.

Es sind nicht viele Wanderer die uns bisher entgegen gekommen sind und vom Basislager berichten können. Doch das Wenige was wir erzählt bekommen hört sich großartig an. Alle sind begeistert von der Schönheit der Ausblicke auf den „Kanchenjunga“. Was uns besonders freut ist die Meldung, dass dort oben ein Deutscher mit langem Bart und noch längeren Haaren unterwegs ist, der wie Jesus aussieht, und dem es scheinbar bisher sehr gut ergangen ist. Von hier aus sind es noch vier Stationen bis zum Basislager. Hochgebirge wir kommen!

Gebirge Teil 2: „Einlauf“ 22.04.2013

Die Reise beginnt für mich mit einem Dämpfer. Welche Bilder ich auch immer von Nepals Hauptstadt Kathmandu vor meiner Ankunft im Kopf gehabt habe – real waren sie nicht. Nimmt man die schöngefärbte Touristenbrille ab und wirft einen Blick auf das ganz normale Alltagsleben der allermeisten Einwohner, so bleibt nicht mehr viel übrig vom Charme der Tempel, Stupas und exotischen Märkte, welche diese Kultur auf uns so anziehend macht. Kathmandu liegt auf 1300m in einem Hochtal zusammen mit den zwei weiteren Königsstädten Lalitpur und Bhaktapur und zahlreichen weiteren Gemeinden. Mein Eindruck ist, dass hier die Entwicklung längst in eine Richtung geht, aus der es kaum noch ein Zurück mehr gibt. Einen wirklich blauen Himmel habe ich nicht gesehen. Dutzende Ziegeleien blasen täglich ungefiltert ihre Abgase in die Landschaft, deren Konturen wegen der schlechten Luft schon nach wenigen hundert Metern im fahlen Dunst verschwinden.

Die umliegenden Berge konnte ich, zugegeben in meiner recht kurzen Zeit im Tale nur erahnen. Doch es braucht keine monatelange Recherche um zu erkennen, dass hier Alles aus den Nähten platzt und die Lebensbedingungen der meisten sowieso schon armen Menschen auch aus ökologischer Sicht katastrophal sind. Nicht ohne Grund sieht man viele Leute mit Staubfiltern vor dem Gesicht herumlaufen. Sämtliche Flüsse und Flüsschen die ich auf unseren Touren durch die Stadt gesehen habe gleichen mit Müll überhäuften Kloaken. Eine Infrastruktur ist praktisch nicht vorhanden. Die Straßen sind voll, und der Lärm ist unbeschreiblich. Das Hauptwerkzeug der Nepali um sich durch den Verkehr zu manövrieren scheint die Hupe zu sein. Kathmandu wächst planlos und die Probleme verschärfen sich. Täglich verlassen Menschen im ländlichen Raum ihre Höfe mit der Hoffnung im Herzen  in der großen Stadt ihr Glück – sprich ein besseres Leben zu finden. Auch wenn mein Blick auf die Situation nur ein Oberflächlicher ist, so glaube ich sagen zu können das dies nur den Allerwenigsten vergönnt sein wird. Die Glitzerwelt der schnellen Autos, teuren Häuser und schicken Alkoholika die auf den großen Werbeplakaten und auch in den im ländlichen Raum inzwischen zahlreich vorhandenen Fernsehgeräten suggeriert wird, ist für 95 % der Bevölkerung so weit außer Reichweite wie für mich die Nominierung zum nächsten Oberhaupt der katholischen Kirche. Mein Ideal einer funktionierenden Gesellschaft ist hier nur eine ferne Utopie. Dabei ist Nepal immer noch eines der Länder mit der geringsten Verstädterung weltweit. Das muss auch der Ansatz für die Zukunft sein. Weg mit den falschen Versprechungen einer in diesem Land völlig deplatzierten „Moderne“ nach westlichem Schema. Man muss sich auf die eigene Geschichte und Stärken berufen und eine Modernisierung schaffen, welche den geografischen und kulturellen Gegebenheiten dieses Landes gerecht wird. Wir werden in den kommenden Wochen auf unserer Wanderung noch häufig sehen, dass man schon mit wenigen Eingriffen den Alltag der Menschen deutlich erleichtern kann. Haben die Leute erst mal verstanden dass ihre ländliche Realität, nämlich der von klarer Luft und sauberen Wassers, derer der Slums der Städte klar überlegen ist, ließe sich diese dramatische Entwicklung vielleicht stoppen. Der Ballungsraum um Kathmandu  ist für mich schon heute ein allzu trauriges Beispiel wie in Zeiten der Globalisierung der Fortschritt nicht funktioniert.

 

Die Bushaltestelle liegt an der Ausfallstraße von Kathmandu. Hier treffen Rolf, Juliana und ich zum ersten Mal auf unsere Gruppe Helfer welche uns in den kommenden Wochen begleiten werden. Es sind insgesamt neun Nepali. Einer ist unser Guide und somit der Chef der Truppe. Sein älterer Bruder ist Koch und die anderen Sieben zumeist recht jungen Kerle werden unsere Ausrüstung, die Küche und die Nahrungsmittel tragen. Später erfahre ich, dass sie Alle aus demselben Dorf und irgendwie auch Alle miteinander verwandt sind. Diese Tatsache hat sicherlich auch zu der guten Harmonie untereinander beigetragen welche in den kommenden Tagen zwischen ihnen herrschen wird. Über die nun vor uns liegende Busfahrt muss ich sagen dass alle Vorurteile die man über Touren durch Nepal kennt, leider wahr sind. Mit der Hin- und Rückfahrt sind wir fast drei Tage in einem Gefährt gesessen, welches in Deutschland nicht mal mehr in Sichtweite des TÜV gekommen wäre. Ich bin schwer davon überzeugt, dass dies die gefährlichsten Stunden des gesamten Aufenthaltes im Land gewesen sind. Kein Schneesturm kann so tückisch sein wie die Situationen die sich praktisch im Minutentakt auf den kurvenreichen meist am Abgrund entlangführenden Straßen ereignen. Praktisch Jeder überholt hier Jeden und zwar zu jeder Zeit – ist die blinde Kurve auch noch so nah. Wir haben einige Lastwagen gesehen die über die Klippe gestürzt sind, und dass wir ohne Frontalkarambolage aus der Sache rausgekommen sind ist nicht selbstverständlich. Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber gut habe ich mich während der Zeit in den Bussen nicht gefühlt. Auf einem Teilstück war der Bus so überfüllt, das ich mich freiwillig mit ein paar unserer Jungs aufs Dach begeben habe. Wer mitfahren möchte und es irgendwie schafft sich in das Gefährt reinzupressen, wird auch mitgenommen. Das ist natürlich irgendwo auch verständlich. Die Busse dominieren neben den Lastwagen den Straßenverkehr. Bisher gibt es wenig Nepali, welche ein Auto ihr Eigen nennen. Warum die Busfahrer sich aber benehmen als wären sie unsterblich hat sich mir nicht erschlossen.

Wir erreichen das Ende der Straße und somit den Starpunkt unserer Wanderung am kommenden Tag um die Mittagszeit. Kaum haben wir unsere Ausrüstung von Dach geladen fängt es an in Strömen zu regnen, was uns veranlasst, den geplanten Beginn der Tour auf den kommenden Morgen zu verschieben. So lernen wir recht schnell nepalesischen Landhausstil kennen, indem wir uns in einem der im kleinen Örtchen befindlichen Gästehäuser Zimmer nehmen. Wer solch eine Reise mit Freude begehen möchte sollte zuerst einmal schleunigst alle aus dem eigenen Kulturkreis bekannten Hygiene- und Komfortstandards aus dem Gedächtnis bannen. Nepal ist eines der ärmsten Länder der Erde und das Leben der Menschen ist dementsprechend rustikal. Oft bestehen die Zimmerwände aus Bretterverschlägen, auf welchen Zeitungspapier klebt. Die Betten sind meist so hart das wir unsere Isomatten unterlegen um diese etwas komfortabler und in der Regel auch sauberer zu machen. Was unsere nepalesischen Freunde betrifft, so haben sie nicht einmal ein eigenes Zimmer. In der Regel steht in jedem Gästehaus für einheimische Trekkingbegleiter eine Kochhütte zur Verfügung in der sich die Jungs dann auch auf ihren Isomatten in Reih und Glied zur Ruhe betten.

 

Wir befinden uns auf einer Höhe von knapp unter 2000m.  Nach einem einfachen Frühstück, nicht allzu lange nach dem ersten Hahnenschrei, machen wir uns auf die Socken. Ich habe meine Fotoausrüstung auf dem Rücken und mir fest vorgenommen diese auch soweit es mir möglich ist ohne fremde Hilfe durch das Gebirge zu bringen.  Der Regen hat deutlich nachgelassen. Es nieselt leicht als wir auf einen Jahrhunderte alten Handelspfad langsam weiter an Höhe gewinnen. Die kommenden vier Tage sind eine Art Vorlauf. Sie werden uns auf einer Länge von knapp fünfzig Kilometern über einen Bergrücken hin zum eigentlichen Start des „Kanchenjunga Basislager Trails“ bringen. Wir haben uns bewusst für diese längere Variante entschieden. Dadurch umgeht man sich mit einem Charterflugzeug einfliegen zu lassen und kann die Tour an einer anderen Stelle beenden als man sie startet. Außerdem ist die Gegend mit Rhododendronbäumen bewachsen, welche schon lange ein fotografisches Traumziel von mir sind. Wir haben nicht ohne Grund das Frühjahr dem ebenfalls schönen Herbst als Wanderzeit vorgezogen. Just in diesen Wochen sollen sie in voller Blüte stehen und ich bin sehr gespannt was mich erwartet.

 

Wir passieren vereinzelte Gehöfte mit terrassenförmigen Feldern und Weiden auf welchen immer wieder bewaldete Regionen folgen. Was mir als alter Naturfreund, der sich am liebsten in möglichst unberührten Gebieten aufhält als nächstes klar werden musste war die Tatsache dass wir auf einem Großteil dieser Wanderung durch Kulturland laufen werden. Der Himalaya ist ein seid Jahrtausenden besiedelter Lebensraum und keineswegs eine große Wildnis wie zum Beispiel weite Teile des Amazonas. So richtig bewusst war mir das am Anfang nicht und so war ich in den ersten Tagen immer wieder etwas enttäuscht als nach der nächsten Biegung wieder Menschen aus dem Wald heraustraten die einen großen Korb Feuerholz auf dem Rücken trugen. Hier echte großflächige  Urwälder zu erwarten wäre so, als an den heimischen Bodensee zu reisen um dort Menschen zu erhoffen die noch in Pfahlbauten leben. Es dauert nicht lange da tauchen die ersten pink und tiefrot blühenden  Rhododendren am Wegesrand auf. Als wir später weiter oben am Bergkamm entlangmarschieren ziehen immer wieder dichte Nebelwolken von Tal herauf, welche die Bäume in die von mir so sehr geliebte mystische Stimmung tauchen. Leider sind die Wälder durch den Bedarf der Menschen nach Brennholz stark degradiert so das ich mich zumeist auf Detailaufnahmen beschränken muss. Gegen Mittag halten wir in einer kleinen Ortschaft auf Tee und Kekse. Diese lasse ich ausfallen als ich in einiger Entfernung auf einer Wiese einen einzelnen richtig großen Baum entdecke. Dieser ist über und über mit Rhododendronblüten bedeckt.

Hier bekomme ich zum ersten Mal einen wirklichen Eindruck wie grandios diese Bäume aussehen können wenn man sie ungehindert wachsen lässt. Trotz immer wieder einsetzenden Regens versuche ich mit Begeisterung möglichst schöne Fotos von ihm zu machen. Bevor die ersten Siedler diese Höhenlagen für Weideflächen gerodet haben, sah es hier im Frühling sicherlich fantastisch aus. Juliana und ich sind zum ersten Mal in unserem Leben in diesem Teil der Welt. Es gibt soviel für uns zu entdecken. In fast jedem Dorf sehen wir ein Schild welches die Bewohner ermahnt mit ihren sie umgebenden Bäumen sorgsam umzugehen. Diese begegnen uns in der Regel höflich zurückhaltend, aber immer freundlich. Ich habe mir in den Regenpausen mein 200-400mm Objektiv und die Nikon D4 um die Schulter gelegt. Bei den zahlreichen Begegnungen habe ich immer wieder Gelegenheit schöne Portraits zu erstellen. Die lange Brennweite hält eine gewisse Distanz zu den Leuten, was ihnen die Scheu nimmt und nicht so aufdringlich wirkt. Ich kann mit meinem langen Rohr natürlich nicht unbemerkt durchs Dorf stapfen und frage deshalb immer ob ich ein Foto machen darf, wenn ich eine fotogene Person entdecke. Auf dem ganzen Weg kam kaum einmal eine Absage. Wenn man dann nach dem Auslösen lachend zu den Portraitierten hingeht und ihnen ihr Bild auf dem Kamerabildschirm zeigt, ist die Freude meist groß. Oft bildet sich recht schnell eine ganze Menschentraube welche alle einen Blick erhaschen wollen. Ich kann mich gar nicht erinnern bei welcher Fotoreise ich das letzte Mal so viele schöne Bilder von Personen gemacht habe wie hier in Nepal. Die Menschen sind aber auch wirklich spannend anzusehen. Besonders reizvoll finde ich immer wieder die Senioren, deren ganzes Leben sich in ihren zum Teil tiefen Falten wiederspiegelt.

Was für würdevolle Personen wir getroffen haben, und wie passend ihre oft farbenfrohe Kleidung mit ihren Gesichtern harmoniert hat. Die erste Etappe unserer großen Wanderung vergeht wie im Flug. Ich bin begeistert wie gut Juliana bisher mithalten kann. Trotz ihrer durch den Autounfall verursachten Behinderung am linken Bein hat sie keine Mühe die Unebenheiten des Weges zu meistern. Natürlich sind wir nicht die schnellsten, aber das ist sowieso nicht Sinn der Sache. Wir erreichen unser Gasthaus kurz bevor der große Regen einsetzt und ich bin mir sicher das unsere Helfer froh sind, ein Dach über dem Kopf zu haben. Doch gerade bevor wir eben jenes Dorf erreicht haben, führte uns der Weg über einen Bergpass dessen steile Hänge mit recht naturnahem Wald bewachsen sind. Wegen des schlechten Wetters befinden sich diese in tiefen Nebel gehüllt, was mich veranlasst, trotz Müdigkeit noch einmal die Kamera zu schnappen und loszuziehen. Ich bin  wohl der Einzige in unserer Gruppe der dem Wetter etwas Positives abgewinnen kann. Durch die Regenfront ist die an dieser Stelle eigentlich in der Ferne sichtbare Himalaya Bergkette natürlich völlig unsichtbar. Wenn ich in den vergangenen Jahren in meinem Beruf etwas gelernt habe, dann das wenn man eine Chance für ein Motiv bekommt, diese auch nutzen sollte. Seid langer Zeit habe ich von solch einer Situation geschwärmt und nun habe ich sie vor mir.

Es ist fast dunkel als ich völlig durchnässt zurück in die Herberge komme, doch der Ausflug hat sich gelohnt. Das eine oder andere schöne Foto ist mir gelungen. Es sollte für die ganze Wanderung die einzige Begegnung mit Rhododendren im Nebel gewesen sein.

Der Rhythmus mit dem am Nachmittag einsetzenden Regen bleibt uns noch für ein paar weitere Tage erhalten. Die Etappen sind zwischen zwölf und sechzehn Kilometer lang und bringen uns bis auf knapp 3000m Höhe. In manchen Dörfern sehen wir auf jedem Haus bunte Gebetsfahnen im Wind wehen. Ein Anzeichen das es sich um eine Ansiedlung von Exiltibetern handelt, welche vor den chinesischen Invasoren geflüchtet sind. Am Morgen des dritten Tages noch vor Sonnenaufgang ist es dann soweit. Die dicke Wolkendecke am Horizont ist einen Spalt aufgebrochen und zum ersten Mal kann ich den Himalaya Gebirgszug erkennen. Das über 8000m hohe Kanchenjunga Massiv welches wir ansteuern ist zwar noch viele dutzend Kilometer entfernt, doch es ragt massiv und mächtig vor uns in die Höhe. Da wir uns ebenfalls auf fast dreitausend Metern Höhe befinden haben wir einen interessanten Blickwinkel auf die Berge.

Die dem Riesen vorgelagerten, eigentlich auch sehr imposanten Sechs- und Siebentausender,  wirken vor der Kulisse des Kanchjunga richtig niedlich. Andächtig stehen wir Drei auf der Anhöhe und beobachten wie die Sonne ihre ersten Strahlen zwischen die Gipfel schickt. Nur wenige Minuten später sind Licht und Berge wieder zwischen dichten Wolken verschwunden. Von nun an geht es auf anderthalb Tagesetappen über 2000m Meter bergab. Ziel ist der Handelsposten Dobhan, welcher auf 600 Höhenmeter liegt, was uns voll hinein in die tropische Klimazone bringt. Es wird zusehends wärmer. Am vierten Tag setzt sich die Sonne vollends durch was uns richtig ins Schwitzen bringt. Landschaftlich ist es traumhalt und die Dörfer sauber und sehr fotogen.

Der lange mühsame Abstieg bleibt nicht ohne Folgen. Zum ersten Mal spürt Juliana ihre Füße. Als wir am Abend des vierten Tages über die große Hängebrücke laufen und in Dobhan ankommen ist meine Liebste wirklich am Ende ihrer Kräfte. Der Abstieg war lang, heiß und unwegsam. Tapfer ist sie klaglos bis zum Ende durchgelaufen. Doch ein Blick in ihr Gesicht verrät, das sie alle ihre Energie verbraucht hat. Als wir später ihre Füße anschauen sehen wir viele offene Stelle und Blasen. Ich bin etwas Böse mit mir, da ich nicht richtig kontrolliert habe ob ihre Schuhe auch richtig gebunden waren. Natürlich hat sie selbst viel zu wenig Erfahrung und wir können uns in diesem Moment nur vornehmen es in Zukunft besser zu machen. Alle haben sie beglückwünscht bis hierher gekommen zu sein. Das war eine starke Leistung, denn auch ich als erfahrener Wanderer spüre jeden Muskel in meinem Körper. Jetzt sind wir am eigentlichen Startpunkt des Trails. Von nun an wollen wir einem Fluss das Tal aufwärts folgen, bis er uns im besten Fall an dem Fuß des Kanchenjanga Gletschers bringen wird. Doch ich glaube fest, das sowohl unsere nepalesischen Begleiter, als auch mein Freund Rolf zu diesem Zeitpunkt ernste Zweifel hatten, das Juliana die vor ihr liegenden Strapazen auch meistern kann. Für kurze Zeit stand die Frage im Raum ob es sinnvoll ist so wie bisher weiter zu laufen. Sollen wir auf die kritische Situation in irgend einer Weise reagieren? Wir haben eine anspruchsvolle Reise vor uns. Fehler im Gebirge werden oft nicht verziehen. Jetzt galt es die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Gebirge Teil 1: „Vorlauf“ 15.04.2013

„Naturwunder Erde“ ist meine dritte große Produktion welche ich in enger Kooperation mit der Umweltschutzorganisation Greenpeace erarbeite. Darauf bin ich recht stolz, denn es gibt kaum einen anderen Verein, dessen Ideen und Ziele sich so vollständig  mit meinem eigenen Weltbild decken wie die der Regenbogen-Krieger. Damit einher geht natürlich die Verantwortung zuverlässig und im Zeitrahmen zu arbeiten. Ich genieße das Privileg mit der Umsetzung dieses Konzeptes unsere Erde bereisen und fotografieren zu dürfen, stehe dafür in der Pflicht einen super Vortrag zu produzieren und ihn ab November 2013 bis einschließlich 2015 mindestens 300 mal zur Aufführung zu bringen. Damit dies gelingt habe ich ein tolles Team die sich seid Monaten um die Tourneeplanung kümmern. Inga, Astrid und Alexander wählen Städte aus, buchen Hallen und sorgen dafür, dass die Bewerbung der Veranstaltung möglichst reibungslos verlaufen wird.

 

Unser neues Projekt umfasst insgesamt 14 Ökoregionen die ich innerhalb der vier Kapitel „Wasser“,  „Wald“, „Gestein“ und „Grasland“ fotografisch umsetze. Dies bedeutet, dass ich mir vierzehn Mal die Fotoausrüstung um die Schultern hänge und in die wunderschöne Welt hinausziehe um diese in möglichst hochwertigen Bildern zu dokumentieren. Je näher der Tourneestart rückt desto mehr steigert sich die Vorfreude die dabei entstandenen Bilder auch einem möglichst breiten Publikum präsentieren zu dürfen. Mit jeder Reise die ohne Unfälle oder Verluste der Ausrüstung über die Bühne geht, sinkt die Nervosität. In dem Moment, in welchem ich zu Hause ein weiteres fertig fotografiertes Ökosystem in die Festplatte meines Computers lade erhöht sich die Sicherheit im November mit dem bestmöglichen Vortrag auf Tournee gehen zu können, der mir zum jetzigen Stand meiner Karriere möglich ist.

 

 

Inzwischen sind nun etwa zwei Drittel der Themen im Kasten und ich bin mit dem Verlauf der bisherigen Arbeit mehr als zufrieden. Als nächstes steht nun die Umsetzung des Themas „Gebirge“ an, welches neben dem „tropischen Regenwald“ und dem „Ozean“ das wohl körperlich Anstrengendste zu werden verspricht. Ich wollte von Beginn der Planungen an mit dem Himalaya das „Dach der Welt“ im Vortrag haben. Die Idee war das kleine Land Buthan zu bereisen. Dessen Menschen messen ihre Lebensqualität nicht so unsinnig wie der Rest der Welt am „Bruttoinlandsprodukt“ sondern am „Bruttosozialglück“. Dieses misst die Lebensspanne während der man zufrieden ist. Eine gute Idee über die im kapitalistischen Teil der Welt mal nachgedacht werden sollte. Wäre nicht mehr unbegrenztes Wachstum das Maß aller Dinge, sondern eher Werte wie Glück, Gerechtigkeit und Frieden, würde es unserer Erde sicher besser ergehen als es ihr momentan tatsächlich tut. Da sich das Land nur langsam gegenüber reiselustigen Nicht-Buthanern öffnet (was sicherlich nicht zu deren Nachteil ist) lässt man auch nur eine begrenzte Anzahl Touristen ins Land. Diese dürfen für jeden Reisetag eine Gebühr von 200 Dollar auf ihrem Wege zur Erkenntnis zahlen.

Schnell war klar, dass dies mein Budget bei weitem Übersteigen würde, zumal ich mir fotografisch einiges vorgenommen habe, und gut Ding will nun mal bekanntlich Weile haben. Außerdem war schon lange beschlossen das mich auf dieser Trekkingtour meine Lebensgefährtin Juliana begleiten wird. Wir haben uns vor einem Jahr in Brasilien kennengelernt als ich die dortigen Regenwälder fotografiert habe. Seitdem bereichert sie mit ihrer Liebenswürdigkeit jeden Tag meines Lebens. Aus der Patsche geholfen hat mir mal wieder mein guter Freund Rolf, der bei diesem Projekt schon in der Savanne Afrikas und im gemäßigten Regenwald Tasmaniens mit Rat und Tat an meiner Seite stand. Er als passionierter Reisender, dem kaum eine Ecke unserer schönen Welt unbekannt ist, kam auf mit der Idee den „Kanchenjunga Base Camp Trail“ im nepalesischen Teil des Himalaya zu laufen. Als er mir sagte das diese 26 tägige Wanderung bis zum Fuße des dritthöchsten Berges der Welt führen würde – vorbei an im Frühling blühenden Rhododendronwäldern; entlang an von Gletschern gespeisten Flüssen; auf autolosen Fußpfaden; durch kleine Dorfgemeinschaften die ihre Kultur bis heute leben und pflegen, so war die Sache schnell entschieden.

Das Ökosystem „Gebirge“ an sich besteht aus einem Haufen riesiger Gesteinsbrocken die für sich selbst keine große Wichtigkeit für die Vielfalt des Lebens auf unserem Planeten haben. Doch eben jene Gesteinsbrocken sind es, die in enger Synthese mit vielen der Lebensräume stehen, welche ich in meinem Projekte vorstellen werde. Die Themen „Gletscher“, Flüsse“ und „Wälder“ sind entscheidend für das Funktionieren des großen Organismus Erde, und auf sie trifft man alle im „Gebirge“. Ein wunderbares Thema also um die Vernetzung aufzuzeigen, in der viele Dinge der Natur miteinander verbunden sind. Da Rolf schon einmal in Nepal war, einen Veranstalter, einen Guide und die bei solch einer großen Tour notwendigen Träger kannte, hat er praktisch im Alleingang alles vorbereitet.  Juliana und ich mussten nur für die richtige Ausrüstung sorgen die uns sicher in die Hochlagen und wieder zurück bringt. Nun muss man zu bedenken geben das meine Liebste als Bewohnerin des tropischen Regenwaldes praktisch ihr ganzes Leben mehr oder weniger auf Meereshöhe verbracht und Temperaturen unter Null Grad nur vom Hörensagen her kennt. Ich habe von Anfang an ihren Mut bewundert als sie mir glaubhaft versicherte, diese im „Lonely Planet“ Nepal-Reiseführer als „hart“ beschriebene Tour mit mir bewältigen zu wollen.

Dazu kommt das Juliana vor acht Jahren einen schlimmen Autounfall hatte, der ihre Lebensuhr praktisch auf Null zurückgestellt hat. Zweiundvierzig Knochenbrüche und viele andere unschöne Dinge zwangen die Gute mit ihrem Körper wieder von vorne zu beginnen. Bis heute ist sie gezwungen in vielen Dingen mehr Zeit zu investieren, weil die einfach langsamer ist als ein Mensch ohne diese körperlichen Beschränkungen. Kaum jemand aus unserem Umfeld hat und hätte ihr auch nur im Ansatz zugetraut das sie all die Strapazen bewältigen würde die nun vor Ihr lagen. Schon für eine ganz normale Beziehung ist solch eine intensive Trekkingtour eine immense Herausforderung. Nun kennen wir uns erst ein Jahr, stammen aus verschiedenen Kulturen, sprechen miteinander in einer Sprache die nicht unsere Eigene ist und haben es bei ihr mit einem absoluten „Greenhorn“ (ich lese gerade mal wieder Karl May) zu tun, welches auch noch nie im Ansatz etwas ähnliches gemacht, geschweige denn Berge dieser Höhe kennen gelernt hat. Das ist wohl der ultimative Beziehungstest und wir waren uns auch Beide voll bewusst, das wir nicht überrascht sein dürfen, wenn wir das Basislager in 5300m Höhe, aus welchen Gründen auch immer, nicht erreichen werden. Trotzdem sind wir voller Vorfreude als wir uns mit gepackten Rucksäcken auf den Weg in dieses Abenteuer machen.

„Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“ und „der Weg ist das Ziel“ sind zwei allseits bekannte Sprüche, die wie geschaffen scheinen für unsere Situation in den kommenden vier Wochen. Es wird sehr spannend werden….

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