Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Jäger und Gejagte 03.03.2010

Seit fünf Tagen fällt ununterbrochen Schnee auf die Erde. Die Bäume krümmen sich unter dem Gewicht der weißen Pracht. Die Tiere des Waldes durchleben schwere Zeiten. Ihre Nahrung ist oft unerreichbar unter einer meterdicken Schneeschicht verborgen. Am dritten Tag in Finnland wird ein fotografischer Traum für mich war. Der harte Winter treibt eine der faszinierendsten Wildtiere aus den tiefen der Wälder in die Nähe von menschlichen Ansiedlungen. Wie ein Lauffeuer hat es sich unter Finnlands Naturfotografen herumgesprochen, dass eine große Graueule, auch Bartkauz genannt, nahe einer Farm gesichtet worden ist. Ich bin zu Gast bei Lassi Rautiainen um Adler in seinen Fotoverstecken zu fotografieren. Natürlich hat auch Lassi von der Eule gehört und so komme ich in den Genuss eines ganz besonderen fotografischen Abenteuers.

Bartkauz  1198

Die Eule sitzt nahe eines aufgegebenen Farmhauses auf einem Baum, als wir als Erste das Gelände erreichen. Mit weit geöffneten Augen blickt sie über die geschlossene Schneedecke. Bartkauze fressen Mäuse. Doch diese dringen in diesen Tagen nur sehr selten an die Oberfläche. Die Tiere haben Hunger. Wohl auch deswegen lassen sie sich bei ihrer Suche nach Nahrung kaum durch uns Besucher stören. Ich bin wirklich begeistert von der Schönheit dieses Tieres. Es sieht beeindruckend aus, wenn sie in Sekundenbruchteilen ihren Kopf nach hinten drehen, ohne dass der Rest des Körpers sich bewegt.

Bartkauz  1200

Die Augen der Eule sind recht klein, doch durch ihre markanten Gefiederkreise um die Augen wirken sie riesengroß. Keine Bewegung scheint ihr zu entgehen. Ich stehe mit Lassi knapp 20 Meter vom Bartkauz entfernt als sich dieser plötzlich abstößt und direkt neben uns vorbeischießt. Die Maus, die neben uns die frische Luft genießen wollte, hat keine Chance. Präzise greifen die Klauen nach dem kleinen Nager. Sekunden später ist die Eule im Wald verschwunden. Hier zeigt sich nun die ganze Klasse eines Lassi Rautiainen, der seit über dreißig Jahren in diesen Wäldern Tiere fotografiert. Ich war so überrumpelt, dass ich kaum meine Kamera nachziehen geschweige denn auf die Eule Scharfstellen konnte. Lassi hat mit einem kompakten Objektiv ohne Stativ den ganzen Vorgang mit einer Salve Auslöser festgehalten. Knallscharfe Bilder zeigen die letzten Sekundenbruchteile im Leben einer Maus. Mit solchen Wahnsinnsbildern gewinnt man Wettbewerbe. Ich tröste mich damit, dass ich an diesem Tag eine ganze Menge lerne. Es ist entscheidend die Gestik der Tiere zu kennen und ihre Aktionen zu erahnen. Dabei muss man nicht selten seine Konzentration über lange Zeiträume aufrecht halten. Alles verdichtet sich auf wenige Augenblicke, wer die verpennt, der hat verloren. Inzwischen sind auch andere Fotografen eingetroffen und viele tausend Euro Fotomaterial ist auf das Tier gerichtet, das nach einem Mahl wieder zum Vorschein kommt.

Bartkauz  1199

Den ganzen Tag verfolgen wir das Tier dabei, wie es versucht, seinen Hunger zu stillen. Mir gelingen schöne Portraits der Eule, eingebettet in einen herrlich verschneiten Wald. Doch die Königsklasse sind Bilder von Tieren in Bewegung. Besonders bei den Eulen kommt die wahre Schönheit des Gefieders erst zur Geltung wenn sie ihre Flügel ausbreiten. Am nächsten Tag sollte ich eine weitere Chance bekommen. Dreizehn Fotografen freuen sich auf einen Besuch bei einem alten Ehepaar, auf dessen Veranda eine Eule sitzt und darauf wartet, dass sich die Mäuse aus dem Keller an die Oberfläche wagen. Soviel Aufmerksamkeit ist dann doch auch dieser von Hunger geplagten Kreatur zu viel. Sie fliegt zum nahegelegenen Waldrand und positioniert sich perfekt vor einer verschneiten Freifläche. Was nun passiert ist wirklich Adrenalin pur für jeden Naturfotografen.

Bartkauz  1201

Mit einem genialen Trick bringen meine Finnischen Kollegen den Bartkauz dazu, das eine oder andere Mal über die Freifläche zu fliegen. Das Tier stillt dabei seinen Hunger und wir Fotografen haben nun mit der richtigen Wahl des Standpunktes und der perfekten Beherrschung unserer Geräte die Möglichkeit zum Volltreffer.

Bartkauz  1202

Da auch Zauberer ihre Tricks nicht verraten, werde ich über den genauen Ablauf der Aktion den Mantel des Schweigens hüllen. Das war wieder eines jener tollen Erlebnisse, die einen vergessen machen, dass man acht Stunden am Stück im Schneetreiben steht, sich bis zur Erschöpfung durch den Tiefschnee kämpft und viele Male einfach kein Glück hat. Ich freue mich auf die Tage die vor mir liegen.

Wechselwetter 16.02.2010

Am vierten Tag meines Inselaufenthaltes kam der Regen. Mit den Wolken begannen Nebelschwaden durch das Unterholz zu ziehen. Leider übernahm von nun an ein Sturm die Regie über den Wetterverlauf. Diese Tatsache erschwerte das Fotografieren massiv.

La Gomera  5971

Die Sturmböen blasen die Wolken mit solch rasanten Geschwindigkeiten über die Insel, dass ich in den letzten Tagen meist damit beschäftigt war dem Nebel hinterher zu hetzen. Sehr häufig kam ich zu spät. Als das Stativ dann stand, war der Nebel aus dem Gehölz wieder verschwunden. Nahaufnahmen sind bei solch einem Wetter auch nicht mehr möglich. Alles ist in Bewegung, auch in Bereichen die im Windschatten liegen. Da muss man hartnäckig sein und darf nicht aufgeben. Über die Tage verteilt habe ich dann immer wieder die eine oder andere Situation erwischt, die zum erwünschten Ergebnis führt. Abgesehen von den schwierigen Bedingungen (leicht kann jeder!), ist es wirklich eine Freude diese wunderschöne Insel zu fotografieren.

La Gomera  5970

Fast dreitausend Jahre menschlicher Besiedlung haben dem Eiland nichts von seinem Reiz nehmen können. Großartig sind die durch Wassererosion entstandenen tiefen Schluchten. Überwältigend die Ausblicke auf den Atlantik mit den Nachbarinseln, die am Horizont aufragen. Im 15. Jahrhundert kamen die Spanier auf die Inseln und unterwarfen die Ureinwohner mit brutaler Gewalt. Die Vegetation von Gomera wurde von da an massiv verändert. Während die Ureinwohner in Einklang mit ihrer natürlichen Umwelt lebten, begannen die neuen Herren die Rohstoffe zu nutzen. Wälder wurden eingeschlagen und auf den kargen Böden Ackerbau betrieben. Dabei entstanden die heute noch sichtbaren, sich weit die steilen Hänge hochziehenden Anbauterrassen, auf denen die Menschen ihr täglich Brot produzierten. Wenn man die harten Lebensbedingungen bedenkt mit denen die Bauern über die Jahrhunderte zu kämpfen hatten, ist es schon erstaunlich, dass zumindest hier auf Gomera das Herzstück des Waldes als Urwald überlebt hat. Während in den Randbereichen das Holz zur Gewinnung von Holzkohle genutzt wurde, sind die Höhenlagen der heutigen Nationalparks unberührte Wildnis. Warum wächst eigentlich in einer Region die auf der Höhe der Sahara liegt, ein Regenwald?

La Gomera  5973

Die Antwort ist simpel. Die Passatwinde treiben Wolken über den Ozean. An den Erhebungen der Inseln bleiben diese hängen. Selbst in den heißen Sommermonaten, wenn es kaum regnet, fangen die Pflanzen die Feuchtigkeit aus den Wolken auf. Der Nebel kondensiert an den Blättern und es bilden sich Tautröpfchen. Diese verbinden sich zu größeren Tropfen, fallen zu Boden und versorgen die Wurzeln mit Feuchtigkeit. So erfüllt der Wald eine Vielzahl wichtiger Aufgaben innerhalb des Ökokreislaufs der Insel. Er verhindert Erosion der oft steilen Böden, versorgt die Bewohner mit Wasser und bietet einer Vielzahl von Tieren und Pflanzen Lebensraum. La Gomera hat, bezogen auf die Inselgröße, die höchste Anzahl endemischer Arten im ganzen europäischen Raum.

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Leider kamen mit den Eroberern, bewusst oder unbewusst, unzählige Fremdlinge auf die Insel, die für das Gleichgewicht ernsthafte Bedrohungen darstellen. Ich war sehr überrascht als ich las, dass die Agaven und Feigenkakteen gar nicht auf die Insel gehören. Sie breiten sich aggressiv aus und verdrängen die örtliche Flora. Über weite Teile der felsigen Schluchten unterhalb der Baumgrenze sieht man tausende dieser Kakteen in den Felsen wachsen. Kaum vorstellbar, dass  es Eindringlinge sind. In den Randbereichen des Nationalparks habe ich dutzende Sammelstellen gerodeter Kakteen gesehen. Hier wird versucht, die Fremdlinge zurückzudrängen, damit einheimische Sträucher und Stauden wieder eine Heimat bekommen. Ein ehrgeiziges Unterfangen wenn man die schiere Masse bedenkt mit der sich diese, zugegebenermaßen schön anzusehenden Pflanzen ausgebreitet haben. Alles andere als schön anzusehen sind die Eukalyptuswälder, die hier als Wiederaufforstungsmaßnahmen angepflanzt wurden. Die haben hier aber auch gar nichts verloren. In den Naturwäldern wachsen bis zu zwanzig verschiedene Baumarten, diese meisten aus der Familie der Lorbeerarten. Die Baumheide und der kanarische Erdbeerbaum sind weitere Vertreter dieser subtropischen Lebensgemeinschaft.

La Gomera  5975

Die Größe der Bäume richtet sich nach der Beschaffenheit der Böden sowie dem Standort und der damit verbundenen Wettereinflüsse. Manche erreichen nur Strauchgröße. Man findet aber auch zwanzig bis dreißig Meter hohe, mit Moosen und Flechten überzogene Riesen  in diesem Märchenwald. Selbst jetzt im Winter setzen einzelne Beeren und Blüten farbige Kontraste im Grün und Braun der Bäume. Innerhalb eines Tages erlebe ich ständig veränderte Lichtstimmungen. Mal peitscht mir ein Regenschauer ins Gesicht. Kurz darauf bricht die Sonne durch die Wolkendecke und trocknet die Kleider im Wind.

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Gegen Abend beruhigt sich der Sturm und goldenes Licht ergießt sich über den aus dem Ozean ragenden Felsen. Jeder Tag ist ein Abenteuer, man muss nur das Haus verlassen und beginnt sofort die Elemente zu spüren.

Fenster in die Vergangenheit 12.02.2010

Die Kanarischen Inseln lassen sich geografisch gesehen nur schwer dem europäischen Kontinent zuordnen. Politisch gehören sie aber zu Spanien und sie haben eine wirkliche Besonderheit im Waldbereich vorzuweisen. So habe ich mich kurzerhand entschlossen dem frostigen Winter, der ganz Mitteleuropa unter eine graue Wolkendecke gehüllt hat, für kurze Zeit zu entkommen. Es ist mir ehrlich gesagt sehr leicht gefallen, die langen Unterhosen der letzten Fototouren gegen leichte Trekkingkleidung zu tauschen und die zweitkleinste der Kanareninseln anzusteuern. Mein Ziel sind die Lorbeerwälder auf La Gomera. Diese Waldart, die hier in den Bergen der vulkanischen Inseln vorkommt, ist eine biologische Rarität. Ein auf der Welt einmaliges Ökosystem. Sie gedeiht in Regionen mit hoher Luftfeuchtigkeit und geringen jährlichen Temperaturschwankungen.

La Gomera  5585

Vor Jahrmillionen bedeckten diese subtropischen Wälder die Küsten des gesamten Mittelmeerraumes. Als es in Europa immer kälter wurde, verschwanden sie für immer aus unseren Breitengraden. Nur auf den Inseln im Atlantik und in Tropenwaldgebieten bestimmter Höhenlagen hat dieser Naturraum überleben können. Auf Gomera kann man diese lebenden Fossile am Besten bestaunen. Rund zwanzig Prozent der ursprünglichen Waldfläche des Kanarischen Archipels sind bis heute erhalten. Hier im Garajonay Nationalpark wächst gut die Hälfte des Lorbeerwaldes, der die Schwankungen des Klimas und später die menschlichen Eingriffe als Naturwald überstanden hat.

La Gomera  5583

Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, welch starkem demographischen Druck die Insel zeitweise ausgesetzt war. Dass der Mensch ein Herdentier ist, wird mir mal wieder eindeutig klar, als ich beim Transfer vom Flughafen Teneriffas nach Gomera einige Eindrücke auf die Touristenzentren erhalte. Dort zwängen sich tausende sonnenhungriger Urlauber zwischen den Strand und die Uferpromenade und blicken dabei auf ihre hässlichen Betonburgen. Diese Art von Pauschalurlaub habe ich noch nie verstanden. Wenngleich man Fairerweise sagen muss, dass die schiere Masse an Erholungsbedürftigen auch eine mengengerechte Versorgung erfordert. Soviel Naturraum gibt es gar nicht, als dass man in der modernen Touristik alle Reisenden in ursprüngliche Dörfer und Lebensräume schicken könnte. Viele Menschen legen darauf wohl auch keinen allzu großen Wert. Auf La Gomera ist der Massentourismus, glücklicherweise, bis heute nicht angekommen.

La Gomera  5580

Entdeckt von den Hippies als Aussteigerparadies in den sechziger Jahren, kann man im „Valle Gran Rey“ bis heute einen Hauch dieses relaxten Lebensgefühles spüren. Allabendlich versammeln sich die Alternativurlauber am Strand von „La Playa“ zum Sonnenuntergang. Meist wird dazu fröhlich musiziert und allerlei Kunststücke, wie das Jonglieren, dargeboten. Ich habe mich eindeutig zu nah am Brennpunkt einquartiert. Das fröhliche Treiben hält mich trotz starker Müdigkeit bis spät in die Nacht vom Einschlafen ab. Um halb fünf klingelt der Wecker, gnadenlos. Ich muss dringend an einem ruhigeren Ort umziehen, was mir inzwischen auch gelungen ist. Von einem Parkplatz im Nationalpark erreiche ich nach einer halbstündigen Wanderung den höchsten Punkt der Insel. Ich befinde mich auf knapp 1500 Metern. Noch herrscht absolute Dunkelheit. Es ist fast Neumond. Eine schmale Sichel erhebt sich knapp über dem Horizont. Die klare Meeresluft lässt ein unglaubliches Sternenmeer über mir erstrahlen. Vor mir, weit unterhalb meines Standpunktes sehe ich ein beeindruckendes Schauspiel. Zarte Farbnuancen der Dämmerung lassen alsbald den Beginn des neuen Tages erahnen. Warme Luft aus dem Westen liegt über den kälteren, feuchten Schichten, die von östlichen Passatwinden herantragen werden. Die warme Luft verhindert deren Aufsteigen, so dass sich unter mir ein Wolkenmeer ausbreitet.

La Gomera  5582

Am östlichen Horizont erhebt sich majestätisch die Insel Teneriffa mit ihrem Vulkankrater Teide. Die zahlreichen Lichter der menschlichen Ansiedlungen liegen gnädig unter der Wolkendecke. Wären da nicht die Geräusche der schon um diese Zeit zahlreichen Autos, wäre die Illusion der Zeitreise für diese frühe Uhrzeit perfekt. Im späteren Verlauf des Tages erkunde ich die Hochlagen des Lorbeerwaldes. Für spannende Aufnahmen ist es am Besten, die Pflanzen zu fotografieren wenn sie vom Feuchtigkeit spendenden Nebel eingehüllt sind. Allzu viel Glück hatte ich, was diesen Aspekt meiner Arbeit betrifft, in den ersten zwei Tagen noch nicht. An einer Stelle konnte ich für kurze Zeit erahnen, was für magische Motive dieser Urwald bereit hält. Ich bin sehr gespannt wie sich die kommenden Tage entwickeln. Wenn der Nebel kommt, werde ich bereit sein. Während ich diese Zeilen schreibe, ­färbt die untergehende Sonne die Wolken am Horizont in ein knalliges Rot.

La Gomera  5586

Momente wie dieser lassen mich in wohligem Kribbeln erschaudern. Ich verspüre tiefe Dankbarkeit, dass ich diesen wunderbaren Planeten bereisen und seine Schönheit dokumentieren darf.

Erlebbarer Klimawandel im Hochgebirge 01.02.2010

Durch die Erfahrungen der letzten Arbeiten in Polen und im Harz bin ich von der Wirkung des Mondlichtes ziemlich angetan. Deshalb gibt es auch keine Gnade als um vier Uhr morgens der Wecker klingelt und mich zum erneuten Fotoeinsatz ruft. Ich bin im schweizerischen Wallis auf der knapp 2000 Meter hoch gelegenen Riederalp einquartiert. Starke Schneefälle und ein bewölkter Himmel haben in den vergangenen 36 Stunden die Arbeit unmöglich gemacht, und mir die Vollmondnacht gestohlen. Doch heute Nacht gegen zwei Uhr haben sich die Wolken verzogen und die Strahlen des immer noch sehr großen Mondes können die schneebedeckten Berge erhellen. Es hat eisige 15 Grad Minus als ich mir die Schneeschuhe umschnalle und mich über die frisch gespurte Skipiste an den Aufstieg zur Riederfurka mache. Sie befindet sich an der oberen Kante dieses riesigen Vergnügungsgebietes in dem täglich tausende Wintersportler über die Berghänge ins Tal rauschen. Während diese Seite des Bergrückens komplett vom Menschen für sein Vergnügen vereinnahmt ist, erlebt man auf der anderen Seite ein Naturschauspiel das in Europa seinesgleichen sucht.

Aletschwald  499

Im schalen Schein des Mondlichts öffnet sich mir ein einzigartiger Blick auf den Aletschgletscher, dem größten Eisstrom der Alpen. Er ist dreiundzwanzig Kilometer lang, bis zu tausend Meter dick und hat ein Gewicht das 72 Millionen Jumbojets entspricht. Um das Jahr 1860 war der letzte Hochstand des Eises. Der Rand lag damals fast zweihundert Meter höher als heute. Ich male mir aus wie das ausgesehen haben muss. Damals wäre ich mit meinem jetzigen Standpunkt am unmittelbaren Gletscherrand gestanden. Heute blicke ich dagegen in einen tiefen Taleinschnitt. Das Eis ging seit damals beständig zurück. Profitieren tut davon die Vegetation. In den oberen Hanglagen sehe ich jahrhunderte alte Arven. Weiter unten breitet sich auf ehemals vergletscherten Böden nach und nach neuer Pflanzenbestand aus. Auf den Seitenmoränen kommen zuerst die Pionierpflanzen, später sind es Sträucher und zuletzt wachsen Bäume.

Aletschwald  504

Diese sind der Grund warum ich das Gletschergebiet in mein Waldprojekt mit einschließe. Der Aletschwald an den Hängen in der Nähe des Eises ist ein Schutzgebiet, in dem sich einige bemerkenswerte Vorgänge studieren lassen. Die nördliche Grenze wurde durch den linken Rand des Gletschers festgelegt. Da der Eisstrom seit Jahrzehnten permanent schmilzt, wird das Gebiet jedes Jahr größer. Seit 1933 ist der Aletschwald um rund 80 Hektar gewachsen. Die verstärkte Erderwärmung seit Mitte der achtziger Jahre lässt das Eis in besonders dramatischer Geschwindigkeit schmelzen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es in einer nicht allzu weiten Zukunft keine Gletscher mehr im Alpenraum geben wird. Ich möchte mir momentan nicht vorstellen wie es dann hier oben aussehen wird. Durch die Dunkelheit, die gar keine ist, laufe ich über den Bergrücken parallel zum Verlauf des Waldes. Der Mond lässt einzelne Eiskristalle wie kleine Spiegelchen leuchten. Auf der anderen Seite des Gletschers fährt eine Pistenwalze unermüdlich ihre Bahnen. Ein heller Scheinwerfer strahlt weit über den verschneiten Berghang. Ihr monotones Brummen dringt durch die Stille der Bergnacht. Über die weite Distanz erreicht der Ton trotz Sturmhaube und Mütze mein Ohr. Ich fluche, weil sie mir einige Bildmotive versaut, die das gesamte Alpenpanorama mit einschließt. Selbst hier im Hochgebirge muss man seinen Bildausschnitt einschränken weil der Mensch sich in die letzen Winkel ausgebreitet hat.

Aletschwald  502

Ich bereue es nicht, dass ich in meiner späten Jugend mit dem Skifahren aus Gewissensgründen aufgehört habe. Ich habe schon damals nicht mehr teilhaben wollen am Ausverkauf der letzten unberührten Berghänge. Wegen des wärmeren Klimas wird es nur noch schlimmer. Immer mehr Skigebiete werden nicht mehr genug der weißen Pracht abbekommen. Dies zwingt die Betreiber, sofern ihnen der kurzfristige Gewinn wichtiger ist als ein Umdenken, zu zwei bedrohlichen Maßnahmen:  Zum Einem werden neue Skigebiete in immer höhere und damit bisher unberührte Naturräume gebaut. Die andere Katastrophe sind aus meiner Sicht die Schneekanonen, mit denen mit ungeheurem Aufwand an Energie und Wasser künstlich Schnee erzeugt wird. Damit wird der Klimawandel nur noch verstärkt, der für den Schneemangel verantwortlich ist. Doch ich bin nicht hier um griesgrämig zu werden, sondern um von der berauschenden Kulisse möglichst schöne Fotos zu machen. Fast unwirklich wird die Stimmung, als das Licht des Mondes die gleiche Kraft besitzt  wie die auf der anderen Seite beginnende Morgendämmerung. Es sind nur wenige Augenblicke, dann hat der untergehende Mond diesen ungleichen Kampf verloren und das Licht des neuen Tages nimmt überhand.

Aletschwald  501

In diesen Momenten schieße ich viele Fotos von der gesamten Szenerie. Im Vordergrund die Bäume und dahinter der Gletscher und die ihn überragenden Berge. Alles ist in ein magisches bläuliches Licht gehüllt. Es ist immer erforderlich dem Fotostativ einen stabilen Standpunkt zu verschaffen, was im meterhohen Schnee nicht immer ganz einfach ist. Beim Objektivwechsel ist es ganz wichtig, nicht auf die Linse oder in die offene Kamera zu atmen. Es bilden sich sofort Kristalle auf dem Glas, die zu massiven Unschärfen innerhalb des Bildes führen. Dies habe ich später mit Bestürzung am Computer festgestellt. Dadurch sind mir einige Bilder misslungen, die ich ausgerechnet während des besten Lichtes geschossen habe.

Diesen Text schreibe ich heute drei Tage nach diesem Abenteuer. Seitdem laufe ich mit einer bräunlichen Nasenspitze durch die Gegend. Während ich beim Fotografieren durch den Sucher geschaut habe, hat mein Atem auf dem Rückteil der Kamera eine Eisschicht entstehen lassen. Darauf ist meine Nase immer wieder angeklebt und hat so zu leichten Erfrierungen geführt. Das ist nicht weiter schlimm, sieht aber komisch aus.

Aletschwald  503

Der Sonnenaufgang an jenem Morgen war schon der Höhepunkt dieses schönen Fotoausfluges. Kurz darauf höre ich die Skilifte rauschen und mache mich an den Abstieg. Den Aletschwald werde ich nochmals zu einer anderen Jahreszeit besuchen.

Wintertraum am Hexenberg 27.01.2010

In den Sagen und Mythen unserer Kultur ist der Blocksberg im Harz der Versammlungsort von Hexen. Heute nennt man ihn einfach Brocken. Er ist 1100 Meter hoch und ist die größte Erhebung im Mittelgebirge des Harzes. Zu allen Seiten breitet sich norddeutsches Flachland aus. Für Fotografen ist der Berg ideal. Sowohl morgens als auch abends wird der Berghang wegen seiner Alleinstellung von den ersten und letzten Sonnenstrahlen erfasst, was besonders im Winter zu grandiosen Farbenspielen führen kann. Wir erleben im Moment einen erstaunlich strengen Winter. Wochenlanger Dauerfrost und ausgedehnte Schneefälle habe ich in dieser Intensität schon seit vielen Jahren nicht mehr wahrgenommen.

Harz  264

Mein Besuch im Nationalpark Harz fiel dann auch ganz bewusst auf einen Tag an dem kaltes aber sonniges Wetter prognostiziert wurde. Gutes Licht ist in der Fotografie immer Voraussetzung für tolle Ergebnisse. Bei Winterlandschaften gilt das umso mehr. Verschneite Bäume vor wolkenverhangenem Himmel ergeben eine graue Soße, die meist langweilig wirkt. Mittags um zwölf bin ich im kleinen Kurort Schierke losmarschiert und erst spät in der Nacht, ausgepowert aber völlig begeistert ob der schönen Eindrücke, zurückgekommen. Mein erstes Ziel im Nationalpark ist der Urwaldsteig. Dies ist ein Holzsteg, der für Besucher in den Teil des Waldes gebaut wurde, der die lange Ausbeutung durch Bergbau und die damit verbundene Holznutzung überstanden hat. Jahrhunderte alte säulenstämmige Fichten stehen, wie im Naturwald üblich, in lichter Dichte unterhalb des Brockengipfels. Der Wald ist durch Nebel, Wind, Schnee und Kälte überzogen mit Raureif und Eis.

Harz  269

So schön habe ich Bäume noch nie im Winterkleid gesehen. Einzelne Lichtstrahlen treffen bis zum Boden und schaffen im Unterholz spannende Kontraste. Die alten Bäume haben die Kraft den Belastungen von Stürmen, Schnee und Eisanhang zu trotzen. Ortsfremde, oft aus Flachlandherkünften angepflanzte Wirtschaftsforste, knicken hingegen bei Wetterextremen ein wie Zahnstocher. Dies kann man in Teilen des Harzes eindrucksvoll beobachten. Dort wo der z.B. Orkan Kyrill schwere Schäden anrichtete hat  der Borkenkäfer leichtes Spiel die angeschlagenen Wälder gänzlich zu zerstören. Ich habe bisher noch nie davon gehört, dass dieser kleine Räuber in gesunden Naturwäldern großflächig Bäume abtöten konnte. Vom Urwaldsteig steige ich die restlichen vier Kilometer auf den Brocken. Zu Zeiten der deutschen Teilung war der Gipfel militärisches Sperrgebiet. Heute freuen sich jedes Jahr hunderttausende Touristen an den schönen Ausblicken und die Natur hat auf der Fläche des Nationalparks ihre Ruhe vor wirtschaftlicher Ausbeutung und militärischer Strategie.

Harz  266

Ich warte gespannt auf die Minuten zwischen Sonnenuntergang und Nachtschwärze. Im Minutentakt ändern sich die Farbnuancen, die die verschwindende Sonne über die verkrüppelten Gipfelfichten schüttet. Wie Gnome stehen die vom Wind in eine verkrustete Eisschicht gehüllten Bäume bis zur Baumgrenze.

Harz  267

Nur die obersten Meter am Gipfel sind außerhalb ihres natürlichen Lebensraumes. In der Dunkelheit beginne ich meinen Abstieg. Doch von Dunkelheit kann eigentlich keine Rede sein. Das Mondlicht taucht die Welt in eine fahle aber gleichzeitig aufregende Atmosphäre. Wieder bin ich absolut alleine. Ich genieße dieses Gefühl der Abgeschiedenheit, das Eintauchen in eine wilde Landschaft. Alles wirkt so friedlich und intakt. Beim Urwaldstieg verweile ich besonders lange.

Harz  268

Mit Hilfe von langen Belichtungszeiten und der weichen Sanftheit des Mondlichts banne ich die vereisten Bäume als wahren Märchenwald auf meinen Fotochip. Nur nach Hexen, die auf ihren Besen über den klaren Sternenhimmel sausen, habe ich vergeblich Ausschau gehalten.

Sternenstille 23.01.2010

Wir Menschen haben unseren Lebensraum so nachhaltig verändert, dass bei uns heute ein knapp 50 qkm kleines Gebiet als wichtigstes Relikt echten Tieflandurwaldes bezeichnet werden kann. Das ist lächerlich wenig, wenn man bedenkt, dass Europa früher über weite Teile mit mächtigen Baumriesen bedeckt war. Der Naturwald hat hier nur deshalb noch Bestand, weil das Gebiet an der Grenze zu Weißrussland schon im Mittelalter ein beliebtes Jagdgebiet der Polnischen Könige war. Der Holzeinschlag wurde schon früh verboten.

Bialowieza- Blog 2 6

Heute ist diese kleine Insel im Meer der Forstwälder ein unersetzlicher Rückzugsraum vieler bedrohter Tier- und Pflanzenarten und wichtiger Tummelplatz für Forscher, die die Kreisläufe der Natur verstehen wollen. Es ist kaum zu glauben, aber man hat insgesamt 12.000 Tierarten in Bialowieza entdeckt. Die biologische Vielfalt wird erweitert durch 3.500 Pilz- und 5.500 Pflanzenarten!!! Dies sollten sich alle Leute zu Gemüte führen, die glauben, dass man Natur nicht mehr sich selbst überlassen kann und der Mensch ordnend eingreifen muss. Von denen gibt es leider viel zu Viele. Denn gerade dort wo die Kreisläufe nicht vom Menschen zerstört wurden, befindet sich eine solche Vielzahl an Leben, dass man nur staunen kann.

Bialowieza- Blog 2 2

Mich wundert immer wieder, dass dies auch auf relativ kleinen Flächen funktioniert. Ich habe vom Parkranger die Erlaubnis mich der Kernzone des Nationalparks ohne Führer zu nähern. Die gespurten Touristenpfade darf auch ich nicht verlassen, doch die Genehmigung ermöglicht es mir außerhalb der normalen Besuchszeiten auf Fotopirsch zu gehen. Wie bekomme ich diesen wunderschönen Wald optisch anspruchsvoll ins Bild gesetzt? Das ist gar nicht so einfach. Die Region ist absolut flach. Mächtige Eichen stehen neben Kiefern, Hainbuchen und Fichten. Die Vielfalt der verschiedenen Baumarten ist enorm. Zusammen bilden sie aber ein optisches Durcheinander. Das wird noch erschwert, weil weißer Schnee den Kontrast zu den dunklen Bäumen erhöht. Zweimal bin ich bei bedecktem Himmel durch den Wald gelaufen. Alles wirkte grau. Das fotografische Ergebnis war furchtbar langweilig. Kein Aufbau, keine Tiefe, Bilder für den Papierkorb. Heute will ich es besser machen. Ich starte am Nachmittag. Eine tief stehende Wintersonne sendet ihre zarten Strahlen durch das Unterholz. Nur wenig Sonnenlicht gelangt so in den Wald. Immerhin entstehen, besonders im Gegenlicht interessante Kontraste und ich beginne mit der Arbeit. Es ist fast zwanzig Grad unter Null und zum Glück absolut windstill. Ich warte bis die Sonne die Bühne verlässt und die Blautöne am Himmel dunkler werden. Nach und nach fangen zwischen den Silhouetten der Bäume die Sterne an zu blinken. Es ist noch eine Woche bis zum Vollmond.

Bialowieza- Blog 2 4

Doch schon reicht die Kraft des Erdtrabanten aus, den nächtlichen Wald für meine Augen sichtbar zu erhellen. In dem Moment wo das Mondlicht zur stärksten Lichtquelle geworden ist, beginnt der Schnee regelrecht zu leuchten. Durch den geringen Kontrast entsteht eine fast magische Atmosphäre. Ich stehe in der absoluten Stille des Waldes. In der Ferne höre ich ein Käuzchen. Das Jaulen in den Tiefen des Waldes rechne ich den Hunden der umliegenden Dörfer zu und nicht einem jagenden Wolfsrudel. Man muss sich ja nicht unnötig beunruhigen. Nur wenn ab und zu ein wenig Schnee von den Ästen fällt, erwische ich mich dabei etwas zusammenzuzucken. Das Geräusch erinnert an Schleifgeräusche und ich konzentriere mich darauf nicht an Gruselfilme zu denken. Der Sternenhimmel ist so herrlich klar. Weder Lichtverschmutzung größerer Städte noch sonstiger Dreck menschlicher Zivilisation trübt hier die Sicht auf die Unendlichkeit des Universums.

Bialowieza- Blog 2 1

In der Silhouette kommen die Charaktere der Bäume sehr gut zur Geltung. Im letzten Glimmen des vergangenen Tages fotografiere ich den Wald mit Belichtungszeiten, die mir die Sterne als feststehende Punkte auf den Chip der Kamera bannen. Doch da im All alles in Bewegung ist, werden aus den Punkten schon noch dreißig Sekunden kleine Linien. Wenn man lange genug belichtet gibt es am Himmel durchgezogene Kreise, die sich alle um den Fixstern drehen. Ich nutze die Langzeitbelichtung drei Mal aus. Das erste Bild belichte ich dreizehn Minuten, das Zweite sechsundzwanzig und das dritte mit zweiundfünfzig Minuten. Um dabei nicht zu erfrieren muss ich mich ständig in Bewegung halten. Ich laufe unermüdlich durch den Wald. Die Fototasche wärmt mir dabei den Rücken, lässt mich aber auch spürbar ermüden.

Bialowieza- Blog 2 5

Durch die lange Belichtungszeit multipliziert sich das Mondlicht zu solchen Mengen, dass die Bäume, sofern sie direkt angestrahlt werden, wieder Konturen bekommen. Die Zeichnung der Rinde wird sichtbar und sogar das Grün der Fichten und Kiefernnadeln kann man erkennen. Eine faszinierende Beleuchtung. Diesem wunderbaren Wald würdig. Ich bin erschöpft aber sehr zufrieden.

Jagdszenen 22.01.2010

Unser Plan ging natürlich grandios schief. Eigentlich  waren die Voraussetzungen gut.

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Das Morgenrot versprach einen klaren Wintertag und die Tiere waren fast an derselben Stelle wie am Vorabend. Wir befinden uns etwa sechzig Kilometer nördlich vom Bialowieza Nationalpark Hier lebt die meines Wissens einzige Wisentherde, die wirklich völlig frei durch die Landschaft zieht. Während die Tiere im Bereich des Nationalparks über die langen und kalten Wintermonate angefüttert werden um sie in der Region zu halten, müssen diese Wisente ihre Nahrung selber finden. Dies ist wohl auch der Grund, warum sich diese eigentlich in den Wäldern lebenden Tiere vornehmlich auf verschneiten Feldern und Wiesen aufhalten und nicht in ihrem angestammten Lebensraum zwischen den Bäumen. Ich nehme an, dass in den heutigen Forstwäldern die Bäume einfach zu dicht stehen um genügend Nahrungsmittel für die Tiere auf dem Waldboden bereitzuhalten. Da der Naturwald aber so gut wie weg ist, bieten die uneingezäunten, offenen Flächen die bessere Alternative.

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Mit dem Kopf schaben sie den Schnee beiseite um an das darunter liegende Gras zu kommen. Ich schleiche mich, ganz der Abenteurer, im Schatten eines Gebüsches von hinten an die Tiere heran. Olli marschiert ganz langsam von der anderen Seite auf die Herde zu. Jeder Meter ist anstrengend. Mit gefühlten hundert Lagen Kleidern ist die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Die Kamera samt Stativ ist unhandlich und bei jedem Schritt sinkt man dreißig Zentimeter in den Schnee. Ich bin relativ nah an die Wisente herangekommen. Doch um die Kamera in eine passable Ausrichtung zu bringen brauche ich zwischen den Gräsern, Ästen und Schilfrohren freie Sicht. Olli überschreitet die Fluchtdistanz wohl im selben Moment wie ich für die Tiere sichtbar werde. Während am Horizont eine glutrote Sonne aufgeht und die Eislandschaft in warme Farbtöne kleidet, sehen wir die Herde in heller Panik in großem Schneegestöber davonrennen.

Bialowieza- Blog 1

Nach vierhundert Metern kommen sie zur Ruhe als wäre nichts gewesen. Für uns sind sie wieder unerreichbar weit weg. Es ist zu kalt um gleich noch mal einen Versuch zu starten. Also muss es das Abendlicht richten. Nachdem wir uns in der Herberge aufgewärmt haben sind wir um vierzehn Uhr wieder vor Ort. Kurz nach Vier versinkt die Sonne hinter dem Horizont. Die Tage sind noch extrem kurz. Regel Nummer eins in der Tierfotografie: Man kann sich nicht an wilde Tiere heranschleichen. (Vielleicht um sie tot zu schießen, aber nicht um gute Fotos zu machen.) Tarnanzüge haben nur einen Wert wenn man vorher am Ort des Geschehens ist, und darauf wartet, dass die Tiere zum Fotografen kommen. Da dies auf den offenen Feldern aber nicht funktioniert gehe ich an diesem Nachmittag zu einer Taktik über die auch schon im vergangenen Jahr funktioniert hat. Ich stülpe mir mein Tarnzelt über und nähere mich ganz langsam den Tieren ohne mich zu verstecken. Das Tarnzelt ist grün, könnte aber auch lila sein. Die Farbe spielt keine Rolle, denn auch ein weißes Tarnzelt würden die Tiere durch die Bewegung wahrnehmen. Ich setzte darauf, das sich die Wisente durch meine längere Anwesenheit beruhigen und durch die komische Zeltform auch nicht als Bedrohung sehen. So kann ich die Fluchtdistanz vielleicht etwas verkürzen. Jeder Meter ist anstrengend. Die linke Hand trägt das Stativ und mit der rechten Hand halte ich das Zelt. Gleichzeitig versuche ich durch das Minifenster genug zu sehen um die Richtung zu halten und durch die gebückte Haltung keinen Hexenschuss zu bekommen. Der Hauptvorteil des Zeltes ist es, dass es mir den Wind vom Körper hält und ich es so viel länger in dieser Eiseskälte aushalte. Irgendwann bin ich nah genug, um die Herde ablichten zu können.

Bialowieza- Blog 3

Doch trotz Abendlicht ist das Bild keine Sensation, dafür sind die Kontraste zu hart. Immerhin habe ich diese Tiere endlich auf meinen Chip gebannt. Das Foto von dem man denken mag, dass es mal kurz aus dem Auto rausgeknipst wurde, hat richtig viel Kraft gekostet. Zum Glück wartet heute Abend eine Sauna auf uns, die uns die Muskeln wieder lockert. Ollis Zeit ist leider schon wieder um. Auf ihn wartet wieder sein Job als Greenpeace Kampaigner. Ich bringe ihn am nächsten Morgen zum Bahnhof und widme mich dann ein weiteres Mal der fotografischen Umsetzung des Urwaldes im Bialowieza Nationalpark.

Saukalt 21.01.2010

Vergangenes Jahr bin ich in einer einwöchigen Pause meiner damals laufenden Vortragstournee Anfang Februar nach Polen gefahren. An der ostpolnischen Grenze zum Nachbarn Weißrussland befindet sich im Bialowieza Nationalpark einer der letzten Flachland Urwälder Mitteleuropas. Hauptattraktion ist neben den alten Bäumen das in der Region lebende Wisent. Es ist das europäische Pendant des amerikanischen Büffels und war im Jahr 1921 praktisch ausgerottet. Nur 54 Wisente haben zu diesem Zeitpunkt in zoologischen Gärten überlebt. Sie bildeten den Grundstock für eine erfolgreiche Nachzucht. In den 50er Jahren wurden die ersten Tiere in die Bialowiezer Heide ausgewildert. Heute gibt es eine recht stabile Population von ca. 450 Exemplaren dieser Wildrinder. Sie erhalten das Erbe ihrer einst in den weitläufigen Urwäldern Europas lebenden Vorfahren aufrecht. Damals bin ich sieben Tage durch Wälder gestreift, habe mich im Tarnzelt verkrochen und Schneestürmen getrotzt. Ich war mit der Bildauswahl recht zufrieden, wohl wissend, dass ich ja dieses Jahr nochmals herkomme und es mit den gemachten Erfahrungen noch besser machen kann. Tja, inzwischen bin ich eine halbe Woche mit meinem Greenpeace Kollegen Oliver Salge, selbst ein begeisteter Fotograf, in Ostpolen. Mit jedem Tag der vergeht gefallen mir meine Bilder vom vergangenen Jahr besser und besser. Bisher will einfach nichts gelingen.

Bialowieza

Es ist noch kälter als letztes Jahr, es liegt haufenweise Schnee und wir haben auch schon Wisente entdeckt. Doch sie zu sehen ist eine Sache, gute Fotos zu machen eine Andere. Ich hoffe auf den morgigen Tag. Wir haben eine Herde mit sechzehn Tieren lokalisiert. Am Abend standen sie auf einem freien Feld ohne Zugang zu größeren Waldgebieten, in die sie sich verstecken könnten. Ihre  Fluchtdistanz liegt ungefähr bei hundert Metern. Wir hoffen, dass wir einen von uns mit Hilfe unserer Tarnkleidung etwas näher an die Herde heranbringen können indem der Andere die Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Mal schauen ob es besser klappt als in den vergangenen Tagen. Morgen früh um halb sechs klingelt der Wecker. Das Thermometer wird dann minus siebzehn Grad anzeigen. Durch den starken Wind fühlt es sich aber wie minus siebenundzwanzig Grad an. Bisher haben die Kameras trotz Kälte einwandfrei funktioniert. Die größte Schwachstelle werden wieder unsere Hände sein. Dort kriecht die Kälte trotz Handschuhe als erstes die Finger hoch. Zum ersten Mal auf dieser Reise können wir Morgen mit etwas Sonnenlicht rechnen. Ich bin sehr gespannt.

Hoch oben im Arvenwald 13.01.2010

Es gibt weltweit etwa neunzig Kiefernarten. Eine davon ist die Zirbelkiefer, welche in der Schweiz auch Arve genannt wird. Ich bin in die Ostschweiz gereist um den höchstgelegenden, geschlossenen Arvenwald zu fotografieren. Die Aktion erweist sich als schwieriger durchführbar als ich dachte (aber nur weil ich vorher nicht gründlich recherchiert habe). Dafür wird mir ein anstrengendes aber wunderschönes Schneeerlebnis beschert. Im Engadiner Skiort Scuol weist ein Schild auf das kleine Bergdorf S-charl hin. (S-charl schreibt man wirklich so)  Es bildet den Ausgangspunkt für die Wanderung in den 2322m hochgelegenen Arvenwald mit dem Namen „God da Tamangur“.

Tamangur   308

Eine kleine schneebedeckte Straße windet sich steil den Berg hinauf. Rechts und links sehe ich alte großgewachsene Fichten und Kiefern. Während die Hänge um Scuol meist von Skipisten geprägt sind, ist die Natur in diesem Tal erfreulich intakt. Nach drei Kilometern ist Schluß. Vom Pferdegestüt San Jon geht es die restlichen zehn Kilometer nur zu Fuß oder mit der Pferdekutsche weiter. Ich entscheide mich den Weg durch die Clemgia Schlucht zu Fuß zurückzulegen. Imposante Geröllfelder, steile bewaldete Bergflanken und eine wildromantische Flusslandschaft, die in Jahrmillionen diesen Einschnitt in den Bergen formte, machen den Marsch zu einem optischen Erlebnis. Doch der Preis den ich zahle ist hoch. Zwei Rucksäcke zehn Kilometer weit den Berg hinauf schleppen, lassen mich meine körperlichen Grenzen erkennen. Ich bin fix und fertig als ich gegen Mittag im Wirtshaus Major in S-charl ankomme. Ich gönne mir eine Stunde Pause und mache mich dann nur mit Schneeschuhen und Fotoausrüstung ausgestattet an den Aufstieg zum Tamangur. Wintertage sind kurz. Der Weg über den Pass ist bisher noch nicht gespurt worden, so dass ich nur langsam vorankomme. Nach weiteren vier Kilometern erreiche ich den Rand des Arvenbestandes welcher seit 2007 als Waldreservat geschützt ist.

Tamangur   310

Das Wäldchen ist recht klein, verdient aber Aufmerksamkeit. Die Schweizer sind ein Volk das seit jeher eine intensive Almwirtschaft betreibt. Über Jahrhunderte wurden die Arven als unliebsame Konkurrenz gesehen, die den Grasbewuchs behindern. Futter für das Weidevieh auf den Hochalmen wurde weggedunkelt, weshalb die Bäume raubbauartig geschlagen wurden. Arvenholz wächst sehr langsam. Dafür haben die Bäume eine Lebensdauer von bis zu 1000 Jahren.

Tamangur   311

Aufgrund ihrer Trägwüchsigkeit hielt man es nie für lohnend die Zirben (wie sie auch genannt werden) wieder aufzuforsten. Gegen Mittag ziehen immer mehr Wolken auf, so dass ich schon bald meine Pläne von Fotos im schönen Abendlicht aufgeben muss. Mit schweren Füßen mache ich mich, ohne eine Aufnahme im Kasten, auf den Rückweg ins Nachtlager. Kurz nach dem Abendessen falle ich unmittelbar in tiefen Schlaf. Die 18 km Schneewandern machen sich bemerkbar. Der Wecker klingelt am nächsten Morgen unbarmherzig um halb sechs. Mit Freuden blicke ich in einen klaren Sternenhimmel. Bei sechs Grad minus mache ich mich an den erneuten Aufstieg zum Tamangur. Es ist fast Neumond, so dass mir eine kleine Stirnlampe helfen muss, nicht wieder in die Stellen zu treten an denen mich der tiefe Schnee am Vortag hat einsinken lassen. Die minimale Beleuchtung der Sterne genügt um die Berge mystisch aus der Dunkelheit zu heben. Es herrscht absolute Stille. Nur das Knirschen des Schnees, der unter meinem Gewicht nachgibt, ist zu vernehmen. Doch die Stille trügt. Das Hochtal ist voller Leben. Im frischen Schnee sehe ich zahlreiche neue Tierspuren die während der Nachtstunden meinem Pfad gekreuzt haben. Das erste Dämmerlicht des Tages bildet schöne Silhouetten der Berge und Wälder vor einem tiefblauen Morgenhimmel. Die folgende halbe Stunde, also die Zeit vor dem Sonnenaufgang, ist pure Magie. Für viele Fotomotive in der Naturfotografie ist diese Tageszeit perfekt. Für Leute die einfach nur die Schönheit der Erde genießen wollen, sei dieser Abschnitt des Tages unbedingt zum erkunden empfohlen.

Tamangur   309

Ich erlebe den Tagesanbruch zwischen Jahrhunderte alten Kiefern. Während die Sonne die Berggipfel in goldenes Licht taucht, bleiben die Bäume im Schatten des beidseitig aufsteigenden Berghanges. Kiefern sind auch deswegen so faszinierend, weil sie, anders als die meist kerzengeraden Tannen und Fichten, oft individuelle Baumgestalten annehmen. Durch ihre Standorte in oftmals windigen Gegenden, passen sie ihr Wachstum dem Widerstand an. So bilden sie individuelle Formen, die sie von ihren Artgenossen unterscheiden.

Tamangur   312

Wälder in Schneelandschaften zu fotografieren ist nicht ganz leicht, weil in sehr vielen Lichtsituationen der weiße Schnee mit dem dunklen Holz einen unüberwindbaren Kontrast bildet. Wenn man bei bedecktem Himmel eine Schneelandschaft betrachtet, so wirkt diese wie eine schwarz-weiß Aufnahme. Der harte Kontrast lässt Zwischentöne wie das Grün von Baumnadeln fast verschwinden.

Tamangur   313

Ich bin nach diesem Morgen sehr zufrieden mit meiner Ausbeute und laufe mit schweren Füßen zurück ins autofreie Dörfchen S-charl. Von dort aus genieße ich die Fahrt in der Pferdekutsche durch die märchenhafte Winterlandschaft zurück nach Scuol. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Es ist fast wie eine Zeitblase der man entsteigt, wenn man das Tal wieder verlässt. Sehr schnell hat einen die Realität wieder. Grauer Schneematsch, Straßen voller LKW und skibeladener SUV´s heimfahrender Urlauber, katapultieren einen sofort wieder zurück in den Alltag.

Mondsüchtig 05.01.2010

Das Gebirge um den „Bavella Pass“ gilt wegen seiner bizarren Gesteinsformationen, die zum Teil wie Nadeln in den Himmel ragen, als schönster Bergzug der Insel. Da es auch hier Vorkommen alter Laricio Kiefern gibt haben wir uns diese Region im südlichen Korsika als zweiten Arbeitsschwerpunkt ausgesucht. Ausgangspunkt ist das kleine Dörfchen Zonza, das auf siebenhundert Meter gelegen seinen ursprünglichen Charme bewahrt hat. Es gibt einen kleinen Bäcker, zwei bis drei Kaufläden in denen lokale Produkte angeboten werden und das eine oder andere Cafe, welche jahreszeitlich bedingt geschlossen haben. Nachdem wir unsere Bleibe wegen eines Regensturmes fast achtundvierzig Stunden nicht verlassen konnten, stelle ich morgens um sechs erfreut fest, dass sich die Wolken weitestgehenst verzogen haben und die Sterne am Himmel blinken. Wir erreichen die Passhöhe eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang. Es ist bitterkalt. An vielen Stellen ist der Boden mit einer dicken Eisschicht überzogen. Jeder Schritt muss wohlüberlegt sein, sonst landet man schneller auf dem Hosenboden als einem lieb sein kann. Besonders mit einer Kamera in der Hand kann dies sehr unschöne Folgen haben. Die folgenden Minuten bis zum Sonnenaufgang und darüber hinaus sind einfach traumhaft.

Korsika  046

Das erste Dämmerlicht des Tages taucht die Szenerie in magisches Licht. Himmel, Berge, Bäume, Schneefelder – durch die geringe Lichtmenge sind alle Elemente innerhalb desselben Kontrastumfanges. Ich bewege mich so schnell es geht zwischen den Jahrhunderte alten Bäumen auf der Passhöhe hin und her um in der kurzen Zeit die mir bleibt, möglichst viele Motive zu erkennen und auch als Foto umzusetzen.

Korsika  047

Kurz vor Sonnenaufgang ist an diesem Morgen der schönste Moment, als sich die Wolken rosa einfärben und die Landschaft mit einer zarten Farbschicht überziehen. Nach diesem erfolgreichen Morgen schmeckt das Croissant vom Bäcker besonders gut. Der kommende Tag verspricht abermals einen freien Wolkenhimmel. Dieses Mal klingelt der Wecker zwei Stunden früher. Während des Regensturms war Vollmond, weshalb wir beschlossen haben, die verbliebene Kraft dieser Lichtquelle für unsere Arbeit zu nutzen. Das Ergebnis hat mich sehr positiv überrascht. Dieses Mal laufen wir von der Passhöhe den Wanderweg aufwärts zum nächsten Gipfel. Doch weit kommen wir nicht.

Korsika  048

Die skurrilen Formen der Bäume lassen mich ständig innehalten und das Stativ positionieren. Es ist noch mitten in der Nacht und doch brauchen wir keine künstliche Beleuchtung, um uns zu orientieren. Glücklicherweise ist es fast windstill, so dass die Kälte einigermaßen zu ertragen ist. Elly tut mir ein wenig leid. Da sie ja keine Fotos macht, ist sie nicht mit adrenalisierender und somit wärmender Tätigkeit beschäftigt. Immer wieder sehe ich sie, wie sie sich mit gymnastikähnlichen Bewegungen warm hält. Mit Belichtungszeiten von bis zu zwanzig Sekunden wird das Foto soweit ausgeleuchtet, dass man eigentlich nur am strahlenden Sternenhimmel erkennt, dass es sich hier um eine Nachtaufnahme handelt. Ich bin begeistert.

Korsika  049

Mit dem ersten Morgenrot verändert sich die Situation im Minutentakt, wodurch ich mal wieder eine Menge über spannendes Licht lerne. Zwei großartige Sonnenaufgänge entschädigen für die ansonsten recht schwierigen Bedingungen. Korsika ist ein Paradies für Fotografen und wir haben schon viele Bildideen die wir für unser Waldprojekt zu anderen Jahreszeiten umsetzen können. Wir werden die Insel wiedersehen.

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