Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Archiv: September 2009

Im Land der lustigen Schilder 28.09.2009

Schon nach drei Kilometern steht mir der Schweiß auf der Stirn. Es ist ein wunderschöner Spätsommertag, von herbstlichen Temperaturen ist kaum was zu spüren. Es ist nur ein kleines Stückchen Weg, den ich hier mithelfe den Bollerwagen zu ziehen und schon nach der ersten Steigung steigt auch meine Achtung vor der Leistung dieser Gruppe in den Himmel.

Steigerwald  125

Wir durchqueren den östlichen Steigerwald, jenes Gebiet, das vor einigen Jahren als zukünftiger Nationalpark ins Gespräch gebracht worden ist. Seitdem gibt es auch eine massive Widerstandsgruppe, die sich diesen Plänen entgegen stellt, als ginge es darum den Aufstieg des Teufels aus der Hölle zu verhindern. Die politischen Vorgaben auf Bundesebene sind eigentlich ganz klar. Im Zuge der europäischen FFH Richtlinie (Flora-Fauna-Habitat zur Bewahrung der Artenvielfalt) hat sich Deutschland verpflichtet, 5% seiner Wälder aus der Nutzung zu nehmen. Natürliche Kreisläufe werden so wieder zugelassen, Urwälder von morgen können entstehen. Auf einer Liste der in Frage kommenden Gebiete steht der Steigerwald ganz oben. Das hat einen guten Grund. In kaum einem anderen Teil Deutschlands findet man ähnlich großflächige Buchenwälder wie hier zwischen Würzburg und Bamberg im Norden Bayerns. Ohne menschlichen Einfluss wäre Mitteleuropa weitestgehenst von Buchenwäldern bedeckt. Durch die Industrialisierung der Holzwirtschaft erhielten die Förster in weiten Teilen des Kontinents Anweisungen, die heimische Buche gegen die schneller wachsende und somit gewinnbringendere Fichte zu ersetzen. Die meisten der Forstamtsleiter folgten auch brav dieser Vorgabe. Zum Glück nicht Alle. Im fränkischen Steigerwald gab es in den Siebzigerjahren einen Herrn Sperber, der nicht nur den Buchenbestand erhalten, sondern sein Holz auch noch auf sanfte Weise mit Pferden aus den Wäldern holen lies. Naturnaher Waldbau, der heute vielen alternativ arbeitenden Förstern als Vorbild gilt. Während in den meisten Wirtschaftswäldern klimaanfällige Monokulturen entstanden, wurde im Steigerwald ein Wald bewahrt, der seiner ursprünglichen Form zumindest recht nahe kommt. Inzwischen ist Herr Dr. Sperber weit über siebzig Jahre alt und es wäre für ihn die Vollendung eines Lebenstraumes, wenn „sein“ Wald den Status eines Nationalparks bekäme. Eine handvoll Personen ist damit überhaupt nicht einverstanden.

Steigerwald  123

Ihnen ist es leider gelungen mit scharfer Polemik und der gezielten Verbreitung von Halb- und Unwahrheiten soviel Ängste in der Bevölkerung zu verbreiten, dass sich der Prozess zur Umwandlung von Naturpark in Nationalpark festgefahren hat. Während wir unseren Bollerwagen durch die kaum befahrenen Straßen des Waldes ziehen kommen wir immer wieder an den skurrilsten Auswüchsen der Nationalparkgegner vorbei. Das ganze Gebiet ist bestückt mit großflächigen Plakaten, die vor den Gefahren des Nationalparks warnen.

Steigerwald  126

In eindeutiger Tonlage geschrieben, die eigentlich nicht kommentiert werden braucht. Mit großem Spaß ziehen wir mit unserer Karawane an den sich selbst entlarvenden Botschaften vorbei. Ich werde in den Steigerwald zurückkehren um zu verschiedenen Jahreszeiten meine Fotos zu machen. Ich bin gespannt wie die Entwicklung dieses Themas weitergehen wird. Zusammen mit den Kopenhagenläufern bringen wir am Abend noch meinen Vortrag „Planet der Wälder“ in der Haßfurter Stadthalle auf die Leinwand, um in der Region mit interessierten Menschen das Thema Wald zu behandeln.

Steigerwald  122

Mit 140 Besuchern werden unsere Erwartungen sogar übertroffen und wir müssen noch Stühle in den dann wirklich supervollen Raum stellen. Einen Tag nach dem aus unserer Sicht so bedauerlichen Wahlergebnisses vor so vielen Leuten zu Umweltthemen sprechen zu dürfen, hat mir wirklich gut getan und Kraft gegeben, voll motiviert weiterzumachen. Die Gruppe wird morgen weiter nach Norden laufen. Im Nationalpark Hainich werde ich sie hoffentlich bald wiedersehen.
Hier gibt es noch einen schönen Film über die Tour

Wahlparty im Steigerwald 27.09.2009

Deutschland hat gewählt. Mit einem Haufen sichtlich bedrückter Greenpeace-Aktivisten sitze ich in einem Restaurant im fränkischen Ebrach vor dem Fernseher. Wir machen uns mit dem Gedanken vertraut, dass es ab sofort eine Politik in unserem Land geben wird, die in nicht wenigen Dingen genau konträr zu den Werten verlaufen wird, für die wir jeden Tag eintreten. Ich bin zurück bei den Langstreckenläufern um Achim Gresser. Vor einem knappen Monat habe ich ihren Start in Konstanz am Bodensee dokumentiert. Heute treffe ich sie im Steigerwaldwieder. Inzwischen ist die Gruppe fast 500 Kilometern gelaufen.

Steigerwald  127

Seit mehreren Wochen ziehen sie einen über 400 kg schweren Bollerwagen durch das Land, um möglichst viele Menschen auf die Gefahren des vom Menschen gemachten Klimawandels aufmerksam zu machen. Dabei trotzen sie Wind und Wetter, Blasen an den Füßen, Achsenbrüchen, Bergen, Schotterpisten und rabiaten Autofahrern. Bis nach Kopenhagen wollen sie laufen; 2000 lange Kilometer im Dienste einer Weltanschauung, die auf den Punkt gebracht, auf Nachhaltigkeit setzt, anstatt auf den von den meisten Politikern propagierten Wachstum. Es ist deshalb die ruhigste Wahlparty auf der ich bisher gewesen bin und nicht nur weil jedem der Gruppe allein von heute 25 km Fußmarsch in den Knochen steckt. Warum sind die aus unserer Sicht so elementaren Themen wie die Ressourcenknappheit durch Übernutzung im politischen Dialog so gut wie überhaupt kein Thema? Wohl weil sich keiner getraut, den Menschen wirklich die Wahrheit zu sagen. Dann müsste die Politik sich eingestehen, dass unser gesellschaftliches Modell an sich gescheitert ist. Wer will schon antreten und den Menschen sagen, dass unser Lebensstil in Form des ungebremsten Kapitalismus dabei ist, unsere Lebensgrundlagen aufzuzehren? Keine populäre Botschaft wenn es um Wählerstimmen geht. Veränderungen sind äußerst unpopulär, besonders in Wahlkampfzeiten. „Jetzt erst recht“ lautet die Parole, wenn sich unsere Gruppe morgen früh kurz nach Sonnenaufgang wieder aus den Schlafsäcken schält um über die Landstraßen zu ziehen, im festen Willen, die alternative Botschaft in die Welt zu tragen.

Steigerwald  124

Wo Bäume sterben dürfen 22.09.2009

Für die Wanderung in das Naturschutzgebiet bei Elimyssalo hatte ich mir die Landkarte ziemlich genau angeschaut und dann so geplant, dass  ich eine möglichst gute Ausbeute an Fotos erstellen kann. Im Zentrum der Landschaft liegt ein etwa ein Quadratkilometer großer See,  der von einer Kernzone echten Urwaldes umgeben ist.  Die Karte zeigt am östlichen Seeufer auf einer Landzunge einen Schutzstand mit Feuerstelle. Vom Parkplatz aus hatte ich ca. 7 km zu laufen, um an diese Stelle zu kommen.  Da ich meine komplette Fotoausrüstung dabei haben wollte, packte ich neben einer Wasserflasche, etwas Brot und Käse nur noch meinen Schlafsack ein.  Eine Nacht auf hartem Untergrund sollten meine alten Knochen noch Aushalten. Übernachten musste ich, um dann am See zu sein, wenn die Chance auf das beste Licht am Größten ist. Auf der ganzen Tour bin ich dann keiner Menschenseele begegnet.

Elimyssalo 21-09  1713

Ich hatte den Wald, die Moorwiesen und den See für mich ganz allein.  Der Weg durchquert verschiedene typische Vegetationsarten dieser Landschaft.  Durch Moore läuft man über einen für die Besucher angelegten Steg, im Wald hat ein schmaler Pfad den Bodenbewuchs verdrängt.  Nach zwei Kilometern durchquert man das Gelände einer alten Farm, auf der bis in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts eine Familie gelebt hat. Ihr hartes Leben in wilder Natur wird vorbeikommenden Wanderern mit Schautafeln erklärt und die renovierten Gebäude lassen ahnen wie der Alltag aussah bevor die Lebensmittel aus dem Supermarkt kamen. Das ist zumindest hier in der Taiga noch gar nicht so lange her. Erstaunlich ist, dass keine zwei Kilometer hinter dem ehemaligen Anwesen die Kernzone des Naturschutzgebietes beginnt, in der noch nie ein Baum gefällt wurde. Hier ist es regelrecht spürbar, dass die Kreisläufe intakt sind. Alle Arten durchlaufen hier ihren kompletten Lebenszyklus.  Bäume dürfen alt werden und sogar sterben, was den meisten ihr Artgenossen die im Forstwald wachsen, vorenthalten wird. Die Natur ist  einfach bezaubernd und ich wünschte ich hätte den Wortschatz eines Poeten, um dies in Worte zu fassen. Uralte Fichten mit langen Flechten an den Ästen säumen den Pfad.

Elimyssalo 21-09  1710

Flechten sind ein Erkennungsmerkmal von alten Bäumen, beginnen sie doch erst nach vielen Jahren zu wachsen. Für wildlebende Rentiere sind sie, besonders in den Wintermonaten, die wichtigste Nahrungsquelle. Wenn die Böden gefroren sind bleiben nur die an den Ästen hängenden Pflanzen zur Sättigung des Hungers. Wildlebende Rentiere waren Ende des neunzehnten Jahrhunderts in Finnland durch die Jagd ausgerottet worden. Später wurden sie, ähnlich wie der Wolf, wieder über Russland kommend, auch diesseits der Grenze heimisch. Heute leben wieder viele Rentiere in den finnischen Wäldern, leider ist mir bisher keines begegnet. Das mag wohl auch daran liegen, dass gerade die Jagdsaison läuft und die Tiere wohl deshalb extrem scheu sind. Staunend laufe ich durch den Wald und glaube kaum meinen Augen zu trauen als ich auf große Haufen stoße, die mit allerlei Leben erfüllt sind. Haben sie schon mal Ameisenhügel gesehen, die größer waren als sie selbst?

Elimyssalo 21-09  1711

Zwei Meter hoch türmen sich regelrechte Ameisengroßstädte vor mir auf. Unzählige kleine Arbeiterinnen sind damit beschäftigt, Reisig und kleine Blätter in die oberen Etagen zu bringen. Ich denke es gibt kein vergleichbares menschliches Bauwerk, das vom Maßstab her mit diesen Riesentürmen mithalten kann. So etwas Großartiges kann nur über viele Jahre entstehen, in einer Umgebung, die intakt ist. Ich erreiche den See an einer kleinen Bachmündung die von einem Biber aufgestaut wurde. Überall ragen die für Biber typischen angeknabberten Baumstümpfe aus dem Boden. Die Oberfläche des Gewässers wird von starken Winden gekräuselt und ich hoffe insgeheim, dass sich dies bis zum Abend hin noch ändert. Zwischen der offenen Wasserfläche und dem Wald verläuft ein Moosteppich, der von unten mit Feuchtigkeit durchnässt ist. Es ist ein bisschen wie wenn man auf einem Wasserbett läuft. Alles schwankt und doch ist die Schicht stark genug, um mich zu tragen. Ich erreiche den Unterstand am frühen Abend. Das muss man den Finnen lassen. Ihre Raststationen sind tiptop. Eine Feuerstelle befindet sich direkt am Shelter und dahinter ein Schuppen mit fertig gesägtem Feuerholz und einer Biotoilette. Bevor ich mit der Kamera losziehe, um meine Abendlichtaufnahmen zu machen, bleibt noch Zeit mein Nachtlager vorzubereiten. Na ja, viel mehr als den Schlafsack ausrollen und meine Regenjacke als Isomatte zu benützen, bleibt nicht zu tun.  Der Unterstand ist nach vorne hin offen, so dass ich direkt auf die Feuerstelle und den See blicken kann. Das ist schon ziemlich idyllisch hier und so vergeht die Zeit bis zum Sonnenuntergang wie im Flug. Der Wind flaut erst ab, als ich längst am Feuer sitze und die absolute Stille dieser Landschaft genieße. Dann ist es plötzlich da, das Motiv auf das ich gehofft hatte. Die Silhouette der Bäume spiegelt sich perfekt im See und die letzten Wolken machen aus der Sache fast ein Kunstwerk.

Wo Bäume sterben dürfen  1713

Zufrieden lege ich mich in den Schlafsack, wenngleich es natürlich relativ robust zugeht und sich eine gemütliche Position nicht wirklich finden will. Zuvor lege ich nochmals ein paar Scheite aufs Feuer. Die geben mir zumindest beim Einschlafen das Gefühl all die Tiere fernzuhalten, die ich in den Tagen zuvor im Fotoversteck gar nicht nah genug haben konnte. Irgendwann schrecke ich mitten in der Nacht auf, es ist Neumond und wirklich stockdunkel. Im Halbschlaf höre ich ein Geheule und denke, dass meine Zeit nun gekommen ist. Es dauert einige Sekunden bis ich mir sicher bin, dass es sich eher um eine Gans als um ein Rudel hungriger Wölfe handelt. Ein ganz leichtes Unwohlsein bleibt bis sich der Schlaf wieder schützend über meine Gedanken legt. Der Wecker klingelt um fünf Uhr, es ist so unbequem, dass ich meinen Schlafsack gerne verlasse. Es hat wohl knapp über Null Grad. Ich schlüpfe in alle Klamotten, die ich dabei habe und freue mich, dass mein Blick auf eine absolut windstille Wasserfläche fällt, die von leichten Nebelschwaden durchzogen wird. Darüber schweben kleine Wölkchen, durch die vereinzelte Sterne blitzen.

Wo Bäume sterben dürfen  1715

So schön kann ein Tag beginnen. Als ich das nächste Mal bewusst auf die Uhr schaue sind fast vier Stunden vergangen. Auch wenn man kein Fotograf ist, sollte jeder Mensch zumindest einmal im Leben einen Tag in solch einer Wildnis beginnen. Um zu sehen und zu spüren wie einmalig schön diese Erde ist auf der wir leben dürfen. Sich wieder als ein Teil des großen Ganzen zu fühlen würde wohl keinen gleichgültig lassen. Die Gleichgültigkeit zu überwinden ist ein wichtiger Schritt in die Richtung, dass zu erhalten was uns umgibt und uns ernährt.

Die Nadel im Heuhaufen 20.09.2009

Der Finne und die Finnin haben es gut. Sie leben in einem ziemlich großen Land und sind selbst in ihrer Anzahl recht überschaubar was zumindest rein rechnerisch jedem sehr viel Platz zum Leben bietet. Es gibt einige Gründe auf die Finnen ein bisschen neidisch zu sein. Das Land besteht nämlich fast ausschließlich aus Seen, Flüssen, Mooren und vor allem aus endlosen Wäldern. Das Blockhaus am See mit einer Sauna, die mit dem Holz aus dem eigenen Wäldchen beheizt wird ist hier eher Alltag als Ausnahme, zumindest für die Landbevölkerung. Die gute Nachricht für den Urwaldfotografen lautet, dass es in Finnland im Vergleich zu Mitteleuropa noch relativ viel Naturwald gibt, besonders oberhalb des Polarkreises in Lappland.

Laamasenvaara 19-09  1707

Schaut man sich eine Straßenkarte an, fallen einem neben den recht überschaubaren Hauptstraßen sofort die unzähligen kleinen, schwarz gezeichneten Abzweigungen auf, die sich wie ein Geäst verzweigen und meist irgendwo als Sackgasse enden. Diese Pisten tragen wohl erheblich zum finnischen Lebensstandard bei, denn es sind Forststraßen über die der staatliche Konzern Metsähallitus seine Trucks rollen lässt, die den Wald zu den Sägereien transportieren. Das ist die unschöne Seite wenn man mal gelernt hat, Forstwald von Naturwald zu unterscheiden. Dort wo alle Bäume gleichgroß sind, eng aneinander gedrängt stehen und meist eine gewisse Größe nicht überschritten haben, ist der Wald eine Plantage. Auf meiner Suche nach unberührter Wildnis fahre ich zumeist an solchen Wäldern vorbei. Was das Gesamtbild wieder rettet sind die Moore und Seen, die der Landschaft nach wie vor diesen wilden weiten Charakter verleihen und so faszinierend machen. Immer wieder blicke ich auf die Straßenkarte, um ja keine Abzweigung zu verpassen. Ich bin auf der Suche nach einem Gebiet das Laamasenvaara heißt (das ist noch ein recht einfach auszusprechender Name, Finnen lieben lange Wörter). Greenpeace hat vor einigen Jahren eine Liste angefertigt auf der alle schützenswerten Waldgebiete aufgelistet wurden. Seither wird hart mit Metsähallitus um jeden Baum gerungen. Nach wie vor sind auch Urwälder, obwohl es nur noch so wenige davon gibt, im Visier der Forstleute, bringen sie doch zumindest kurzfristig einen großen Gewinn. Von einer einstigen Urwaldwildnis von 20 Millionen Hektar sind heute nur noch 5 % unangetastet.  In Laamasenvaara hatten die Umweltschützer Erfolg. Hier müssen die Kettensägen schweigen, das Gebiet wurde aus der Nutzung genommen.

Laamasenvaara 19-09  1708

Doch selbst als ich praktisch davorstehe brauche ich einige Zeit um mir klar zu werden, dass ich tatsächlich da bin. Mein Kollege Oliver Salge, der bei Greenpeace Deutschland die Waldkampagne leitet und auch immer wieder in Finnland tätig ist hat mich schon darauf hingewiesen, dass die unberührten Gebiete  zwar ungeheuer artenreich und wunderschön, aber nicht unbedingt sehr groß sind. Auch hier ist es nur ein schmaler Streifen Wald, der eingezwängt zwischen Rodungsflächen ein kleines Moorgebiet einfasst, keine zwei Kilometer lang und noch weniger breit. Dieses Gefühl der unbedeutenden Größe ist genau in dem Moment verschwunden, indem man den Wald betritt. Sofort ist man in einer anderen Welt. Größe ist relativ, ich lasse mich treiben.

Nadel im Heuhaufen  1711

Der Boden unter meinen Füßen ist ein weich gepolstertes Bett aus Moosen und Flechten. In etwas trockeneren Gebieten wachsen rote, schwarze und blaue Beeren zwischen den Bäumen, eine der Hauptnahrungsmittel der Bären. Pilze aller Arten und Größen fühlen sich auf dem feuchten Grund sehr wohl, ebenso auf abgestorbenen Bäumen.

Nadel im Heuhaufen  1710

Immergrüne Kiefern und Fichten sind die Hauptbaumarten, immer wieder aufgelockert durch weißstämmige Birken, die ihre Blätter bereits im goldenen Kleid des Herbstes tragen. Es ist bereits Ende September, eigentlich müssten auch die Bodendeckerpflanzen bereits in voller Farbenpracht strahlen, doch der Indian Summer ist dieses Jahr sehr zurückhaltend. Wohl weil es ein recht trockener Sommer war und wirklich kalte Nächte, die den Farbenwechsel beschleunigen bisher ausgeblieben sind. Am Anfang ist es immer recht schwierig für mich, im Wald Motive zu erkennen. Das pure Durcheinander an Strukturen macht die Fotografie von Wäldern recht anspruchsvoll. Doch mit der Zeit tauchen sie auf, erst vor meinem inneren Auge, dann auf der Festplatte der Kamera.

Nadel im Heuhaufen  1712

Auch wenn es verglichen mit den vom Menschen gemachten Waldgebieten tatsächlich nur vereinzelte Nadeln im Heuhaufen sind, lohnt es sich um jeden Quadratmeter Urwald in Europa zu kämpfen. Sie sind das natürliche Erbe, das wir zukünftigen Generationen bereiten.

Von Familientreffen & Sauereien 18.09.2009

Finnland Nacht 9  1331

Meine Zeit im Fotoversteck hier im Niemandsland zwischen Finnland und Russland neigt sich langsam dem Ende entgegen. Während die zwei Nächte zuvor relativ unspektakulär waren und ich keine neuen Eindrücke auf die Festplatte bannen konnte, war dieser Abend wieder geprägt von wunderschönen Momenten. Es ist abermals das Wolfsrudel, das mich fasziniert und Szenen bereithält, die wie in einem Traum an mir vorbeirauschen. Die Sonne war gerade hinter dem Horizont verschwunden und zwei Bären schon seit einiger Zeit damit beschäftigt die bereitgelegte Sau fachgerecht zu zerlegen, als ich in der Ferne zwei hellgraue Punkte aus dem Wald kommen sah. Es scheint tatsächlich so, dass Wölfe eigentlich stolze Jäger, vom Instinkt her den schützenden Mantel der Dämmerung brauchen, um sich auf eine offene Fläche zu wagen. Zu tief sitzt wohl die Angst selbst zum Gejagten zu werden. Zwei Wölfe konnte ich beobachten, einer davon war wohl erst wenige Monate alt, wie sie auf die andere Seite des Sumpflandes rannten, wo sie von vier Anderen mit freudigem Schwanzwedeln herzlich begrüßt wurden. Es war eine rührige Szene wie sie sich liebevoll umtollten und abschleckten. Am besten kann man sich die Situation vorstellen wenn man weiß wie sich Hunde freuen können und da Wölfe eigentlich nichts anderes sind als die wilde Variante unserer domestizierten Haushunde gleichen sich die Abläufe doch sehr. Ähnlich wie eine Hauskatze praktisch dieselben Bewegungen macht wie ihre großen Verwandten, die Tiger.

Finnland Nacht 9  1332

Zwei der Wölfe haben sich etwas später näher an mein Fotoversteck gewagt was mir dann auch noch schöne fotografische Impressionen ermöglichte. An dieser Stelle muss man mal ein Hoch auf die digitale Fotografie aussprechen. Bilder wie diese wären früher, zumindest in dieser Qualität nicht möglich gewesen. Während bei einem Diafilm früher ab 800 ASA das Bild schon von starkem Korn geprägt war, lässt sich die Empfindlichkeit bei hochwertigen Digitalkameras locker auf 1600, 3200 oder 6400 ASA erhöhen und man bekommt immer noch eine ansehnliches Aufnahme. Bei atmosphärischen Motiven wie Wölfe im Dämmerlicht stört mich auch ein wenig Bildrauschen überhaupt nicht solange das Foto seine Emotionalität nicht verliert. Schnelle Bewegungen dürfen die Tiere bei solch einem Licht natürlich nicht mehr machen, sonst hat man keine Chance auf eine scharfe Abbildung.

Finnland Nacht 9  1333

An die Beute sind die zwei Wölfe aber nicht gelangt, der Bär hat den Kadaver resolut verteidigt. Was sich allerdings in der Nacht abspielt, das kann man nur erahnen. Zum Einschlafen höre ich die Geräuschkulisse von durch den Sumpf stampfenden Bären, knackender Knochen und tiefes Grollen, was auf reichlich Aktivitäten schließen lässt. Als ich morgens um fünf den ersten Blick aus dem Schlafsack wage, sehe ich im Schein des ersten zarten Dämmerlichts wie sich immer noch ein Bär am selben Platz herumtreibt. Später ist auch er verschwunden und mit ihm die Beute. Jetzt ist das Feld frei für dutzende Raben, die durch die überall verstreut liegenden Knochenreste immer noch reichlich Nahrung finden. Später frage ich Lassi woher er denn die vielen Schweine bekommt, mit denen er hier das Jahr über seine Bären und Wölfe anlockt. Das muss ja ein Schweinegeld kosten denke ich mir und bin umso überraschter als er mir erzählt, dass er sie vom Produzenten umsonst erhält. Das ist in erster Linie mal sehr erfreulich für Lassi, denn ich glaube wenn er dieses ganze Fleisch regulär kaufen müsste wäre die Sache mit der Tierfotografie wohl unbezahlbar. Als Skandalös empfinde ich aber den Grund, welcher ihm diese Großzügigkeit der Fleischer ermöglicht. In Finnland, und so wohl auch in der gesamten EU gibt es ein Gesetz, das es den Händlern verbietet, Ware zu verkaufen, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Vernünftig könnte man meinen; der Kunde soll ja keine verdorbene Ware zu sich nehmen. Fakt ist aber auch, dass das Fleisch bei Ablauffrist in der Regel völlig in Ordnung ist, und so allein in Finnland jedes Jahr Millionen Kilogramm beste Nahrungsmittel auf der Müllkippe bzw. im Verbrennungsofen landet. Man darf sich gar nicht vorstellen wie viel Tiere EU weit umsonst sterben, nur weil sie nicht rechtzeitig einen Abnehmer finden. Auf unserer Welt leben 6,5 Milliarden Menschen. Jeder siebte Mensch, der Abends ins Bett geht, tut dies mit einem Hungergefühl, weil er nicht genügend zu essen bekommt. Unsere Überflussgesellschaft subventioniert unzählige Produktionsabläufe, die oftmals am eigentlichen Bedarf komplett vorbei gehen. Das ist eine Schande, zeigt aber auch auf wie unser Wirtschaftssystem funktioniert. Zumindest ein paar Wölfe und Bären profitieren von diesem Irrsinn, was aber aus meiner Sicht ein schwacher Trost ist.

Finnland Nacht 9  1334

Die Mär vom bösen Wolf 14.09.2009

Manche Dinge haben sich über die Jahrhunderte so ins kollektive Gedächtnis der Menschen gesetzt, dass es wider besseren Wissen sehr schwer ist, sie zu korrigieren. Warum hat der Wolf bei uns so ein schlechtes Image? Schon im Märchen erzählt man den Kindern vom bösen Wolf, der die Großmutter gefressen hat. Das ist eigentlich dämlich, bleiben solche Bilder doch in den zarten Kinderseelen haften (also ich hatte als Steppke echt Schiss vor dem Wolf,  fast soviel wie vor der Hexe im Knusperhaus). Damit tut man seinen Artgenossen in der realen Welt wirklich einen Bärendienst. Mag sein, dass es im tiefsten Mittelalter, als Europa noch von dichten Buchenurwäldern durchzogen war, zu Konfrontationen kam, in der sich die Furcht vor den Raubtieren aufgebaut hat. Bekanntermaßen fressen Wölfe gerne neben ihrer natürlichen Beute wie Hirsche, Rehe und Hasen auch Schafe und andere Nutztiere was in den Zeiten von Prinz Eisenherz für die Menschen außerhalb der Burgen durchaus Existenzen bedrohen konnte. Doch wir Zweibeiner stehen und standen nie auf der Beuteliste. In den achtziger Jahren war der Wolf in Europa praktisch ausgerottet. Über die Jahrhunderte gefürchtet, gejagt und getötet. Dazu kommt, dass der Mensch die Wildnis Europas weitestgehenst in Kulturland und neuerdings in Industriebrachen verwandelt hat.

Finnland Nacht 5  1067

Da ist es umso erstaunlicher, dass die Wölfe langsam aber sicher in unsere Breitengrade zurückkehren. Selbst in Deutschland ist seit vielen Jahrzehnten wieder ein Wolfjunges geboren worden. In Finnland ist die Population inzwischen recht stabil, was den großflächigen Waldgebieten im Nachbarland Russland zu verdanken ist. Seit über hundert Jahren ist hier kein Mensch mehr durch einen Wolf zu schaden gekommen. Den meisten Ärger verursachen die Wölfe in Finnland bei den Rentierzüchtern. Die würden die lästigen Räuber doch zu gerne aus den Wäldern werfen, erbeuten sie doch jährlich einige hundert ihrer Tiere. Die Züchter werden vom Staat für jeden Verlust durch die Wölfe finanziell entschädigt. Doch die anfallende Arbeit und aufwendige Bürokratie schaffen wohl in diesem Berufsstand wenig wirkliche Wolfsfreunde.

Wölfe sind elegante Tiere die meist in Rudeln leben und ein ausgeprägtes Sozialverhalten haben. Hört man einen Wolf heulen, so markiert er damit seine Reviergrenzen und hält das Rudel zusammen. Auf der Suche nach Beute können sie weite Strecken zurücklegen und so ist es nicht verwunderlich, dass ich nach fünf Nächten in meinem Fotoversteck das von Lassi beschriebene Wolfsrudel bisher nicht gesehen habe. Bis zu acht Tiere Leben im Rudel, das sich auf seinen Streifzügen immer mal wieder auch hier auf unserer Sumpfwiese im Niemandsland blicken lässt.

Eingeleitet wurde der sechste Abend, wie kann es auch anders sein, von Margarete, dem Bären mit dem gelben Knopf im Ohr. Zielstrebig lief sie aus dem Wald (ich habe übrigends keine Ahnung ob Margarete eine „sie“ ist) auf das von Lassis Sohn Sami ausgelegte Beuteschwein zu. Die „Beute“ wird mit einem Seil an einem freistehenden Baum befestigt, damit die Fotografen ein gutes Blickfeld haben, und die Tiere ihr Abendessen nicht gleich instinktiv in den geschützten Wald tragen. Tragischerweise ist aber genau das passiert. Mit Leichtigkeit schleppte der hungrige Bär den Kadaver die knapp hundert Meter an den Waldrand. Zwischen der ersten und zweiten Baumreihe konnte ich zwar noch alles erkennen, hatte aber eine weitere Entfernung und einige störende Bildelemente zwischen mir und der Szenerie. Was dann passierte war so überwältigend, dass ich nicht wusste ob ich mich nun am tollen Naturerlebnis berauschen sollte oder lauthals die Bärengötter verfluchen, die mir wohl eine der besten Aufnahmesituationen meines Lebens zumindest stark entwertet haben.  Bleibend sind auf jeden Fall die Szenen in meinem Gedächtnis und die Bilder in der Kamera, die mir mal wieder bewusst machten was für einen tollen Job ich mir da als Naturfotograf ausgesucht habe. Es dauerte einige Momente bis ich realisierte, dass dort in der Ferne drei Wölfe über den Sumpf gerannt kamen. Haben sie schon mal einen Wolf rennen sehen, wow was für ein toller Anblick. Zielstrebig liefen sie auf den Wald zu, in dem keine zehn Minuten vorher Margarete das Schwein deponiert hatte.  Für einige Momente waren sie im Dickicht verschwunden, um plötzlich wie aus dem Nichts wieder aufzutauchen. Genau sechs Wölfe tummelten sich plötzlich um die arme Sau.

Finnland Nacht 6  1070

Das erste Bild, das ich bewusst wahrgenommen habe, waren vier Wölfe, die mit aller Kraft den toten Körper in kleine Teile zerrissen. Es ging drunter und drüber. Was erstaunlich war, ist die Tatsache, dass die zwei vom Körperbau wesentlich massiveren Braunbären plötzlich in die zweite Reihe verschwanden. Friedlich standen sie anbei und beobachten wie das Rudel ihre Beute verspeiste. Immer wieder habe ich vor mich hin rezitiert: „Bitte liebe Wölfe, tretet doch zehn Meter raus aus dem Wald. Dort wo ich euch sehen kann und wo das geniale Abendlicht euer Fell  goldgelb einfärben würde“. Die Sonne stand über dem Horizont, schöner hätte es nicht werden können. Doch sie blieben im Schatten der Bäume und verschwanden etwas später Einzeln und in Zweiergruppen in die schiere Endlosigkeit der finnischen und russischen Wälder. Erstaunlich war, dass drei von Ihnen ein fast weißes Fell besaßen und recht kräftig wirkten. Da sich die Wölfe den Großteil des Jahres auf russischem Territorium befinden gehen Lassi und sein Sohn davon aus, dass vor einigen Generationen zum weißen Alphaweibchen ein wilder Hund gestoßen ist, der hier seine Gene mit eingebracht hat. Wölfe gehören zur Familie der Hunde, so dass dies nun keine biologische Sensation bedeuten würde. Sicher ist man sich in der Familie Rautiainen über diese Sache nicht.

Finnland Nacht 6  1069

Liebe Wölfe, ihr habt in mir einen Fan gewonnen. Ich verspreche euch meinen Teil dazu beizutragen, dass die „Mär vom Bösen Wolf“ aus dem Gedächtnis möglichst vieler Menschen verschwindet und ihr auch im modernen Europa zumindest Inseln als Lebensraum behaltet.

Bärenparty & Morgennebel 12.09.2009

Stinklangweilig – sollte man meinen. Da sitzt unsereins in einem Holzkasten und starrt stundenlang auf dieselbe Szenerie. Es ist nun der vierte Abend und bisher war keiner wie der Andere. Besonders das Wetter und die damit verbundenen Lichtstimmungen machen einen Großteil des fotografischen Erfolges oder Misserfolges aus – auch und gerade in der Tierfotografie. Einfach nur einen Bären zu fotografieren der sich über eine von Menschenhand platzierte Beute beugt ist spätestens am zweiten Abend langweilig. Es kommt mindestens genauso darauf an das Umfeld in die Aufnahme mit einzubinden, und das wenn möglich noch in einer spannenden Lichtsituation. Hier hilft uns das nordische Wetter zur Zeit wirklich gewaltig. Während über den Tag hin eine dichte Wolkendecke über der Taiga lag, lösten diese sich zum Abend auf und ermöglichten ein tadelloses Abendrot. Dadurch wird das Zeitfenster in dem stimmungsvolle Fotos möglich sind um mindestens eine halbe Stunde erweitert. Bei Bewölkung legt sich allzu schnell tiefe Dunkelheit über das Land, sobald die Sonne hinterm Horizont verschwunden ist. Nicht so heute Abend. Wenn das Licht warm und golden wird steigt die Spannung ob von den so sehnsüchtig herbeigesehnten Akteuren auch einer auftaucht.

Finnland Nacht 4  722

Auf Margarete ist verlass. Sie war die Erste die ihr gelbgepierctes Ohr aus dem Wald streckt. Gefolgt von einem etwas dunkleren Bären sind sie beide eine Weile in meiner Reichweite über die Sumpfwiese gelaufen. Immer wieder strecken sie ihre Nasen in die Luft, ihr Riechorgan scheint wohl besser ausgeprägt zu sein wie ihre Augen. Lassi hat auch auf der anderen Seite der etwa einen Quadratkilometer großen Sumpfwiese ein Fotoversteck aufgebaut. Was sich da etwas später abspielte war schon grandios, leider aber eine halbe Stunde zu spät zum Fotografieren. Es war nahezu Nacht, die klobigen Körper der Tiere aber noch gut zu erkennen. Neun Bären tummelten sich dort auf der anderen Seite. Jetzt wo es dunkel war, machten sie all die coolen Sachen. Es gab Hierarchiekämpfe, sie schwammen in dem Flüsschen das den Sumpf durchzieht und einige standen auf zwei Beinen was ebenfalls auf der Wunschliste eines jeden Tierfotografen steht. Ich liege schon lange im Schlafsack und die letzten Geräusche die ich im Halbschlaf höre sind die der großen Raubtiere außerhalb meines kleinen Kastens. Die Morgenstimmungen waren bisher immer wunderschön, doch heute ist es einfach grandios. Die Nacht war wieder recht kalt, so halte ich den Schlafsack bis zu den Schultern um mich geschlossen, als ich mich wieder auf meinem kleinen Schemel postiere um Ausschau zu halten. Die Party war leider vorbei. Bis auf ein Pärchen Krähen, die sich entweder bezirzend oder streitend durch die Luft wirbelten, war es absolut ruhig. Krähen sind kleiner als Raben und haben Grauanteile in ihrem Gefieder, während die Raben wirklich rabenschwarz sind. Gespenstisch zieht plötzlich Nebel auf, nur silhouettenhaft kann man mit zunehmendem Licht einige kleine Bäumchen erkennen die vereinzelt im Sumpf wachsen. Die Horizontlinie ist aufgelöst.

Finnland Nacht 4  723

Es ist eigentlich noch fast Nacht als ein einsamer Bär durch die Stille marschiert. Ich stelle die Kamera auf 6400 ISO, den höchsten Empfindlichkeitswert den sie zu bieten hat. Durch den Nebel und das Gegenlicht des anbrechenden Tages entstehen wirklich ganz einzigartige Bilder. Sicherlich haben diese eine gehörige Portion Bildrauschen, was ich bei einer reinen atmosphärischen Aufnahme aber gar nicht als so störend empfinde. Einmal guckt die Morgensonne kurz durch die Nebelschicht, so dass mir fast der einsame Wolf entgeht, der in ca 300 m Entfernung nachschaut was die Bären am Vorabend an Futterresten zurückgelassen haben. Ein Wolf, für mich das geheimnisvollste und schönste Wildtier das wir in unseren Breitengraden haben. Es ist geradezu ein erhebendes Gefühl zu sehen, wie er vorsichtig Meter für Meter über die Waldlichtung läuft.

Finnland Nacht 4  724

Leider kommt er nicht sehr nahe an mein Versteck, doch die Nebelstimmung und die lange Brennweite zaubern eine pastellfarbene Aufnahme die in mir vielerlei Emotionen auslöst und hoffen lässt, dass es weitere Begegnungen mit diesen scheuen Tieren geben wird. Für heute war es das, ich freue mich über die wunderschönen Momente die mir diese wunderbare Naturlandschaft ermöglicht.

Ein Kampf und Margarete 11.09.2009

Es sind oft Winzigkeiten die aus einem Schnappschuss ein Meisterwerk machen. Besonders in der Tierfotografie entscheiden manchmal der Hauch einer Sekunde oder ein paar Millimeter am Autofokus ob ein Bild den Menschen ein „Ahh“ und „Ohh“ entlockt , oder ob man mal wieder knapp am Siegerfoto vorbeigeschossen hat.  Ich sitze den dritten Abend im Versteck und beobachte einen Bären, der genüsslich Lachse verspeist, die Lassie dort am Nachmittag deponiert hat. Ein Artgenosse nähert sich langsam aber beständig. Solche Situationen gab es eigentlich schon oft, so dass ich etwas überrascht bin als plötzlich ein regelrechter, vielleicht zehn sekündiger Kampf entsteht, bei dem der fressende Bär ganz klipp und klar macht wer hier der Herr im Wald ist. Ein Hieb verbunden mit einem tiefen Grollen stellt klar, wer fressen darf und wer zu warten hat. So eine Szenerie ist natürlich der absolute Fotografentraum und ich habe auch ca. zehn mal auf den Auslöser gedrückt. Trotzdem bin ich mit den Bildern nicht ganz zufrieden.

Die Situation zeigt wie schwierig es ist wirklich außergewöhnliche Bilder von Tieren zu machen. Ich hatte die Kamera so eingestellt, dass  ich 1/100 sec Belichtungszeit zur Verfügung hatte. So musste ich im Dämmerlicht die Empfindlichkeit nicht allzu hochstellen und kam mit 800 ISO noch auf einen Wert, der die Bilder halbwegs pixelfrei abbildet. Doch wenn zwei Bären aufeinander losgehen sind die Bewegungen viel schneller, als dass man mit 1/100 sec ein wirklich scharfes Bild bekommt. So ist es mir zwar gelungen eine spannende Szenerie festzuhalten, in den Fotografenhimmel komme ich mit der Aufnahme aber noch nicht.

Finnland Nacht 3  499

Das wurmt natürlich mächtig, denn wie groß sind wohl die Chancen solch eine Szenerie jemals wieder vor die Kamera zu bekommen?  Noch habe ich ja einige Tage Zeit. Kurz darauf läuft einer der Bären keine zehn Meter an meinen Versteck vorbei. Dieser Bär war schon Gestern hier im Sumpf. Ich habe ihn Margarete getauft, denn er hat einen gelben Knopf im Ohr (Steifftierfans wissen Bescheid) Das ist zwar aus fotografischer Sicht ärgerlich, verdirbt es doch ein wenig den Wildnischarakter des Bildes, doch es zeigt, dass die Bären den Finnen nicht gleichgültig sind und an ihnen geforscht wird.

Finnland Nacht 3  498

Das ist schon ein besonderes Gefühl, so nah unter diesen Tieren zu weilen. Respekt sollte man auf jeden Fall vor ihnen haben, um sich nicht leichtsinnig zu verhalten. Angst muss es aber meiner Meinung nach nicht sein. Die Tiere haben in der Regel viel mehr Furcht vor den Menschen als umgekehrt. Würden wir auf der Nahrungsliste der Bären stehen, gäbe es in ganz Europa keinen einzigen Bären mehr, soviel ist klar. In der Regel fressen Bären Beeren und Gräser. Lassi meint, selbst wenn man ihnen jeden Tag 1000 kg Fleisch vorsetzt, würden sie ihr Fressverhalten nicht ändern und auch weiterhin ihre Ration Grünzeug zu sich nehmen. Das beruhigt mich ein wenig, hatte ich schon Bedenken, dass unsere Fotofütteraktionen die Tiere träge und faul machen und sie so in Abhängigkeiten geraten. Dass dies nicht der Fall ist sehen wir auch an den Ausscheidungen der Bären, die wirklich wie gequirltes Beerenpüree (!) aussehen. Pünktlich zur Morgendämmerung bin ich wach. In der Ferne sehe ich  noch einen Bären, der aber bald im Wald verschwindet. Der Rest des Morgens bleibt tierfrei, abgesehen von den dutzenden Raben, die eigentlich immer hier sind. Eine dichte Wolkendecke liegt über dem Land, mein warmer Atem zaubert kleine Wolken, selbst innerhalb des Verstecks. Es gab wohl Frost heute Nacht, ein Zeichen, dass der Winter naht. Bis um acht Uhr sitze ich eingehüllt in meinen Schlafsack, dann mache ich mich auf den Rückweg, darauf hoffend, dass die kommende Nacht neue Gelegenheiten zum Fotografieren bieten wird.

Im Niemandsland 10.09.2009

Dunkelheit legt sich über den Sumpf. Die Bäume und sind nur noch silhouettenhaft zu erkennen und die vier dunklen Gestalten die ich noch vage erkennen kann, gleichen schwarzen Klöpsen die sich langsam über die Ebene schieben. Es wäre eigentlich nun an der Zeit in den Schlafsack zu kriechen um möglichst viel Schlaf zu tanken, aber seitdem ich mich zum Blogger auserkoren habe wartet nun noch Arbeit auf mich. Die Welt hofft auf neue Abenteuer (zumindest die drei Leser, die ich inzwischen habe) und so ziehe ich meinen Laptop aus dem Rucksack und schreibe diese Zeilen während keine zweihundert Meter von mir entfernt vier Braunbären durch den Sumpf marschieren.
Ich stecke mitten in der Arbeit an meinem neuen Greenpeace Waldvortrag, der den Titel „Mythos Urwald- Europas Wildes Erbe“ tragen soll und bis November 2010 soweit im Kasten sein muss, dass wir damit wieder auf große Vortragstour gehen können.
Nun bin ich also in den Osten von Finnland gereist um zwei der sagenumwobensten und mystifisziertesten Wesen zu fotografieren, die einmal in ganz Europa zu Hause waren, nämlich Bären und Wölfe. Hier an der russischen Grenze im sogenannten Niemandsland, einem fünf Kilometer breiten Grenzstreifen, dem sich offiziell keiner nähern darf befindet sich ein kleines Paradies für Fotografen und Naturfreunde. In jungen Jahren hat hier der finnische Fotograf Lassi Rautiainen begonnen die Tiere zu studieren, um ihre Wanderrouten und Fressgewohnheiten kennen zu lernen. Er baute sich Fotoverstecke und lockte die Tiere mit Schweinskadavern vor die Kamera, was ihn im Laufe der Jahre zu einem der erfolgreichsten Tierfotografen von Nordeuropa werden lies. Mir und vielen anderen Bedürftigen kommt es heute zugute, dass Lassi ein ausgesprochen fleißiger Geschäftsmann ist und die Fotoverstecke seit 1991 auch anderen zur Nutzung anbietet.

Billig ist er nicht, das muss man sagen. Aber lohnen tut es sich allemal, weil es ansonsten für einen Nichteinheimischen nahezu unmöglich ist, die Tiere (zumindest hier in Europa) zu Gesicht bzw. vor die Kamera zu bekommen.
Meistens kommen sie in der Dämmerung morgens und abends oder mitten in der Nacht. Um diese Jahreszeit herrschen fast sieben Stunden absolute Dunkelheit, welche man mit gesundem Schlaf sehr schnell überbrücken kann. Ich bin um 18 Uhr im Fotoversteck angekommen, und kaum hatte ich meine Kamera installiert  kam schon der erste Bär aus dem Unterholz. Es ist jedes mal wieder ein absolutes Erlebnis diese Tiere in freier Wildbahn zu sehen.

Es gibt momentan ungefähr 1000 Bären in Finnland, von denen jedes Jahr bis zu 60 abgeschossen werden dürfen. Das bringt sie zwar nicht an den Rande der Ausrottung, trotzdem überfällt mich jedes Mal regelrechte Wut wenn ich daran denke, dass es Leute gibt, die diese Tiere aus purem Vergnügen abknallen. Wir sind hier weder in Afrika wo ein Devisen bringender Luxusjagdtourismus den Menschen vor Ort zu überleben hilft, noch sind diese Jäger indigene Ureinwohner welche die Jagd aus kulturellen Gründen zum Ernähren ihrer Familien brauchen. Wer seine Lebensmittel in Plastik verpackt aus dem Supermarkt bezieht hat aus meiner Sicht kein Recht diese Tiere zu töten. Also lasst sie in Gottes nahmen in Ruhe…..
Es ist mein zweiter Abend in einem von Lassis Verstecken. Während in der ersten Nacht so gut wie nichts los war, ist heute Abend regelrechte Bärenparty, zwischen die sich auch noch ein Wolf verirrt. Leider spielt sich alles ein wenig zu weit von mir ab, was mir zwar schöne Eindrücke liefert, aber trotz einem 500mm Objektiv und einer Brennweitenverlängernden Dreiviertelzoll Chip Kamera wollen die Bilder die ich gerne machen möchte, zumindest heute Abend noch nicht gelingen. Erst als es zappenduster ist, laufen zwei der Bären fast direkt an meinem Bretterverschlag vorbei, und mir bleibt die Hoffnung, dass  sie genau dieses in den kommenden Tagen nochmals im Abendlicht tun.


Ich musste gar nicht bis zum kommenden Abend warten.  Mit der Dämmerung begann sich ein zarter Nebelschleier über die Sumpfwiesen zu legen. Zwei der Bären waren die Nacht über im Sumpf geblieben, was mir nun die ersten vernünftigen Fotos ermöglichte.  Der werdende Tag hätte gar nicht schöner beginnen können. Es dauerte fast eineinhalb Stunden bis die wärmende Kraft der Sonne diese mystische Stimmung verscheucht hat und wir den Rückweg in unser Tagesdomizil antraten.

1200 Meerjungfrauen zum Abschied 07.09.2009

Heute ist es also soweit. Monatelange Vorarbeit liegt hinter ihnen, die eigentlichen Strapazen stehen ihnen noch bevor. Während ein Großteil der Menschheit mit relativem Desinteresse auf die Bedrohungen der Erderwärmung reagiert, sind es einige die sich mit dermaßenem Idealismus engagieren, als gelte es die peinliche Trägheit der Masse wieder auszugleichen. Fünf ehrenamtliche Greenpeacer aus Marburg und Radolfzell wollen das auf der Klimakonferenz im Dezember in Kopenhagen was läuft, und zwar eine klare politische Vorgabe, die die Staatengemeinschaft zwingt endlich die klimaschädlichen Kreisläufe in Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltiger und zukunftsweisender zu gestalten. Dafür wollen sie laufen. 2000 km von Konstanz kreuz und quer durch Deutschland. Bis zur Konferenz am 5. Dezember in Kopenhagen. Zwischen 25 und 30 km und das Tag für Tag, egal bei welchem Wetter.

v.l.n.r: Julian Jaedicke, Sarah Heithausen, Achim Gresser, Merle Drusenbaum, Wolfram Lang

v.l.n.r: Julian Jaedicke, Sarah Heithausen, Achim Gresser, Merle Drusenbaum, Wolfram Lang

Wir treffen uns um 7.30 Uhr im Hafen von Konstanz. Der See liegt in windstiller Gelassenheit vor uns, ein paar Möwen kreisen und die ersten kleinen Touristengruppen schlendern über die Promenade. Ein Kastenwagen fährt vor und bringt eine erstaunliche Abschiedsgesellschaft zum Vorschein. 1200 handgesägte und bemalte Meerjungfrauen, die als Wahrzeichen der Stadt Kopenhagen das Symbol für diese Mammuttour gewählt wurden. Gebastelt und bemalt wurden die Fischdamen von Kindern und Jugendlichen auf etlichen Aktionen, die die Greenpeace Gruppe Marburg veranstaltet hat.

1200 Meerjungfrauen kamen zum Start der Tour in den Konstanzer Hafen

1200 Meerjungfrauen kamen zum Start der Tour in den Konstanzer Hafen

Der ganze Hafenbereich ist gefüllt mit den fantasievoll gestalteten Maskottchen als zwei Politiker erscheinen, um von unseren Helden 4000 Briefe an Bundeskanzlerin Merkel überreicht zu bekommen. In diesen wird sie aufgefordert persönlich nach Kopenhagen zu reisen, um sich für ein vernünftiges Ergebnis bei den Verhandlungen einzusetzen.  Bundestagsabgeordneter Jung von der CDU, der eigentliche Bote zur Kanzlerin hat sein Kommen leider kurzfristig abgesagt, da er zu einer wichtigen Sitzung nach Berlin musste. Als die Briefe später von Achim Gresser, dem eigentlichen Initiator der Aktion, Bürgermeister Claus Boldt (CDU) und Siegfried Lehmann (MdL, Grüne) in der Postannahmestelle des Konstanzer Rathauses abgegeben werden, habe ich so meine leichten Zweifel, dass diese ihren Weg nach Berlin jemals antreten. Ich wünsche mir, dass ich Unrecht habe und Frau Merkel zumindest in einer Randnotiz davon erfährt.

Beschenkt mit einer Meerjungfrau und dem Setzling einer Buche wünschen die Abgesandten der Politik unserer Gruppe eine gute Reise und dann geht es endgültig los. Es wird nicht einfach nur gelaufen, das wäre zu einfach. Niemand würde von der kleinen Gruppe Notiz nehmen. Sie haben sich Meerjungfrauen Kostüme übergezogen und ziehen einen großen getunten Bollerwagen, der die Botschaft der Wanderer unters Volk bringen soll. Mit Grausen denke ich an die vielen Steigungen  und den Gegenwind gegen die das im Inneren mit Ausrüstung und Infomaterial gefüllte Gefährt geschoben werden muss. Ich werde wohl alt…..

In Kreuzlingen am Schweizer Zoll heißt es für mich Abschied nehmen. Nachdem sie dort von einer Abgeordneten des Stadtrates in Empfang genommen wurden, geht die erste Etappe entlang der Schweizer Bodenseeseite. Auf der anderen Seeseite wartet dann das Allgäu. Eine ausgesprochen idyllische Landschaft, aber überzogen mit Hügeln und Bergen. Die erste Herausforderung – mir schaudert und ich habe ehrlichen tiefen Respekt vor Achim und Co….

So flach wie hier im Park von Konstanz wird es wohl nicht bleiben.......

So flach wie hier im Park von Konstanz wird es wohl nicht bleiben.......

In drei Wochen werde ich sie hoffentlich gesund und munter wiedersehen. Im Steigerwald bei Würzburg laufen wir gemeinsam. Der Steigerwald ist potentieller Nationalpark Kandidat. Ein Thema in meinem kommenden Vortrag und ein Projekt, das wir gemeinsam unterstützen wollen. Ich werde wieder von den Meerjungfrauen & Männern und ihrem Bollerwagen berichten. Die „Road to Copenhagen“ ist noch lang.

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