Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Archiv: Sonntag, 6. September 2009

Fazit 22.08.2009

Ich habe auf dieser Reise viel gelernt und mich ausreichend für meine Arbeit inspirieren lassen, mit ganzer Kraft weiter mitzuhelfen, möglichst viele Menschen von den drohenden Gefahren des Klimawandels aufmerksam zu machen. Noch haben wir Chancen, Schritte in die richtige Richtung zu machen.

Richtig deprimierend ist es, wenn man nach so einer faszinierenden Reise wieder zu Hause durch die Medien stöbert, um zu sehen, was wirklich interessant zu sein scheint. Es ist Wahlkampf in Deutschland, wir stecken mitten in der größten Finanzkrise seit Jahrzehnten und nichts aber auch gar nichts treibt die Menschen zum Thema Klimawandel um. Seit Monaten geht es um die Rettung von OPEL, die Dienstwagenaffäre von Ulla Schmidt und dass sich die FDP und CDU schon jetzt ständig darüber zanken, wie der Wahlsieg für Schwarz-Gelb umzusetzen ist. Das Thema Klimaschutz ist ein Randthema. Vielleicht haben wir es auch nicht anders verdient. Der Planet wird den Menschen sicher überdauern und seine Mitte wieder finden. Was sind schon ein paar Millionen Jahre, für einen Organismus der seit Milliarden Jahren existiert.

Sermilik Fjord (Westgrönland) 20.08.2009

Auch wenn ich bisher immer nur kurze Abschnitte der Kampagnen  begleitet habe bei denen Greenpeace Schiffe im Einsatz sind (2004 in Patagonien & 2006 in Amazonien), so löst es doch immer wieder ein gewisses Gefühl von Stolz aus, wenn man an Bord geht und Teil dieser Gemeinschaft wird. Die Schiffe sind für mich Symbole, die viel über die Arbeit von Greenpeace aussagen. Sie erreichen jeden Ort auf dem Planeten. Da Ausbeutung und Zerstörung oft dort stattfinden, wo das Auge der Tagespresse nicht hinschaut, sind es die Schiffe, die da sind um aufzuklären und Schweinereinen zu verhindern (Sorry für die Wortwahl, aber genau das ist die richtige Ausdrucksweise für die Überfischung unserer Meere und die Zerstörung unserer Urwälder.)

Vom kleinen Ort Tasiilaq nimmt die „Arctic Sunrise“ Kurs auf den großen Sermilik Fjord, in dessen Verlauf ein halbes duzend Gletscher ihre Eismassen ins Wasser kalben. Entsprechend viele Eisberge passieren wir schon am Anfang des Fjords.

Der Hauptgrund dieser Expedition ist es, unabhängigen Wissenschaftlern ihre Forschung zu ermöglichen. Im Jahre 2005 gab es schon einmal eine Expedition. Alte und neue Daten sollen nun miteinander verglichen werden, um fundierte Rückschlüsse ziehen zu können, wie stark die Klimaveränderung auf die Gletscherschmelze Einfluss hat. Von Gordon Hamilton, einem Wissenschaftler der Universität von Maine, erfahren wir, dass sie schon im Jahre 2005 ungläubig gestaunt haben und es kaum glauben konnten was sie an Daten ermittelt haben. Der Helheim Gletscher, der in den Sermilik –Fjord mündet, hat seine Geschwindigkeit zwischen 2004 und Juli 2005 nahezu verdoppelt. Bisher ist die Gletscherschmelze vom Grönlandeis im Bericht des Weltklimarates (IPCC) gar nicht ausreichend berücksichtigt. Was den Anstieg des Meeresspiegels betrifft, hat dieses Eis aber durchaus ein großes Gewicht. Würde die gesamte Eismasse von Grönland auf einmal ins Wasser kippen, hätte dies einen Anstieg von mindestens 6 Metern zur Folge. Schon wesentlich weniger höheres Meerwasser hat für Millionen Menschen verheerende Auswirkungen, denn die meisten Großstädte der Welt sind direkt am Wasser gebaut. Momentan steigt der Meeresspiegel um wenige Millimeter im Jahr, was die Sache für viele Menschen wohl als sehr harmlos erscheinen lässt. Doch Prozesse, die einmal in Fahrt gekommen sind, lassen sich oft nur sehr schwer oder gar zu spät wieder korrigieren. Hat mal jemand versucht eine abgehende Lawine aufzuhalten? So ähnlich verhält es sich leider in vielen Abläufen, die wir durch unser Eingreifen gerade in der Natur anrichten. Seit dem ersten Bericht des Weltklimarates wurden die Prognosen eigentlich ständig zu unseren Ungunsten korrigiert, das heißt die negativen Auswirkungen sind schon heute massiver und die Abläufe schneller als bisher befürchtet.

Was Gordon und sein Team auf unserer Fahrt durch den Fjord messen werden, wird wohl leider  keine frohe Kunde für die Menschheit bringen. An verschiedenen Stellen und Tiefen im Wasser werden Messungen zum Salzgehalt und der Temperatur gemacht.

Geprüft werden soll unter anderem wie stark die durch den Klimawandel veränderten Meeresströmungen Einfluss auf das Gletschereis nehmen. Man vermutet, das deutlich mehr subtropisches Wasser in den Norden gelangt, was die Gletscherschmelze verstärkt.

Das Schiff ist voll mit Menschen. Die kommenden Tage sollen auch dazu genutzt werden, möglichst vielen Fernsehteams aus aller Welt die Gelegenheit zu geben, über diese Thematik zu berichten.

Iris Menn ist Meereskampaignerin bei Greenpeace Deutschland. Sie hat mit ihrer monatelangen Vorarbeit maßgeblich dazu beigetragen, dass diese Expedition durchgeführt wird. Von hier aus bis zum Ende der Expedition in sechs Wochen wird sie an Bord der Arctic Sunrise bleiben. Ihre Hauptaufgabe in den ersten Tagen ist es, die Fernsehteams zu betreuen. Sie muss dafür sorgen, dass die TV Leute (z.B. CNN, ARD, ZDF, RTL etc..) gutes Bildmaterial erstellen können, Interviews mit den Wissenschaftlern geführt werden und sie persönlich mit ihrem Fachwissen die Standpunkte von Greenpeace erläutern kann. (Wer mehr von Iris und der Expedition erfahren will, dem empfehle ich ihren Blog unter www.greenpeace.de/blog)

Für mich ist es sehr aufregend einige Tage diese Abläufe mitzubekommen. Highlight ist ganz klar der Transfer nach Tasiilaq mit dem bordeigenen Hubschrauber. Da nur eine begrenzte Zahl Menschen an Bord übernachten dürfen, gehöre ich zu den  Tagesbesuchern, die die Nacht im Ort verbringen. Es ist grandios, das Meer aus Eisbergen aus der Luft zu sehen. Schade, dass die Transfers zu einem Zeitpunkt stattfinden, an denen die Sonne noch gnadenlos auf das dunkle Wasser und die weißen Eisberge knallt. Dieser hohe Kontrast lässt zwar schöne Dokumentarfotos zu, stimmungsvolle Fotografien, wie ich sie so gerne mache, sind unter diesen Umständen leider unmöglich.

Möwen 16.08.2009

Am kommenden Tag lerne ich David kennen. Er arbeitet im Camp als Handwerker und ist sehr an meiner Arbeit interessiert. Als ich mich am folgenden Abend wieder auf den Weg zum fotografieren mache fragt er ob er mich wohl begleiten könne. Gerne willige ich ein, gegen einen sympathischen Gesprächspartner mit dem man seine Eindrücke teilen kann, ist generell nichts einzuwenden. In etwas abgewandelter Form erwandern wir die gleiche Tour wie am Vortag und ich setze meine Schwerpunkte auf Motive, die am Vortag etwas zu kurz gekommen sind. David erzählt mir aus seinem Leben in Ilulissat. Er ist mit seiner Freundin vor knapp einem Jahr von Dänemark hier nach Grönland gezogen, um sich hier ein Leben aufzubauen. Als ich höre, dass er ein eigenes kleines Boot besitzt, beginnt mein Herz schneller zu schlagen. Es ist toll wenn Dinge unkompliziert von statten gehen. Er kehrt einen Tag später als ich nach Ilulissat zurück und ist gerne bereit, das Abenteuer mit den Möwen mit mir zu wagen. Ich habe etwas Zeit, mich von den doch recht kräftezehrenden Wanderungen zu erholen und treffe David am übernächsten Mittag am Hafen. Dieser ist glücklicherweise zu diesem Zeitpunkt nicht von Eisbergen blockiert, was durchaus hin und wieder vorkommt. Ich habe alle Schichten Kleidung angezogen, die ich dabei habe. Auch wenn es Sommer ist, es erwartet mich drei Stunden regungsloses Sitzen auf einem offenen Motorboot. Da zieht die Kälte durch jede Ritze, die sie finden kann. Die See ist zum Glück recht ruhig. Bei einem so kleinen Boot ist die Fahrt über jede Welle wie ein Schlag ins Kreuz und ähnlich wie beim Reiten ist man hinterher fix und fertig, wenn man nicht darauf trainiert ist. Als wir uns dem Gletscher nähern scheinen alle Träume vom Möwenerlebnis erst einmal ausgeträumt. Vor uns offenbart sich ein völlig anderes Bild als einige Tage zuvor mit dem Touristenschiff.

Der Fjord ist komplett mit Eisstücken verstopft. Durch die Strömung sind diese in ständiger Bewegung, was ein Weiterfahren in einem so kleinen aus Kunststoff bestehenden Boot zu einem wirklichen Risiko macht. Langsam treiben wir in die Eismassen hinein. David ist sich auch nicht sicher wie weit wir gehen können. Diese Menge an Eis hat er noch nie mit seinem Boot befahren. Tapfer schiebt sich unser Kahn Meter um Meter durch die knirschenden Eisbrocken.

In der Ferne sehen wir die Möwen ihre Kreise ziehen und wieder und wieder sehen wir unsere Chancen schwinden, jemals zum Gletscher zu gelangen als sich wieder neue Eismassen zwischen uns und die Vögel pressen. Erst nach zwei Stunden tut sich eine Lücke auf, die uns direkt zu den Tieren an den Rande des Gletschers bringt. Sechs Stunden werden wir Zwei hier verbringen. Dafür hat David meinen aufrichtigen Dank verdient. Jeden Wunsch erfüllt er mir, selbst als ich ihn bitte ganz knapp an den Gletscher heran zu fahren und uns mitten im Gewusel der Tiere zu positionieren. Es sind mindestens drei Möwenarten, die hier nach Nahrung suchen. Der Ablauf ist immer der gleiche. Einige tausend Tiere fliegen dem Gletscher entgegen, lassen sich abrupt ins Wasser fallen, um dort ihre Beute aufzunehmen. Einige Sekunden später sind sie wieder in der Luft, um nach neuem Kleinstgetier Ausschau zu halten. Am Gletscher selbst lassen sie sich dann mit der Strömung wegtreiben, um aus der Distanz wieder auf die Jagd zu gehen. Das Gletschereis ist gefrorener Schnee aus dem Inland, in das viel Luft eingeschlossen ist. Fällt das Eis ins Meer und schmilzt wird diese Luft freigesetzt, was wohl unter Anderem diesen nährstoffreichen Kreislauf in Gang bringt, an dessen Ende der Nahrungskette in diesem Falle die Möwen stehen. Über tausend Mal drücke ich an diesem Tag auf den Auslöser.

Klar das die allermeisten Bilder wieder im Papierkorb landen, denn das ist schwieriges Fototerrain. Alles ist in Bewegung. Mein Schiff schaukelt und die Möwen fliegen ständig in großer Geschwindigkeit um mich herum. Nur kurze Belichtungszeiten von einer 1/1500 sec oder schneller haben eine Chance ein Motiv scharf abzubilden. Je größer die Brennweite ist desto schwerer wird es ein Bild nicht zu verwackeln.

Ich lerne viel an diesem Tag und freue mich später, das nicht alle Bilder in den Papierkorb wandern mussten. Nach Mitternacht erreichen wir Ilulissat. Es ist Freitagabend. Die Straßen sind voll mit aufgestylten Inuit Jugendlichen. In kleinen Gruppen ziehen sie um die Häuser, um zu sehen und gesehen zu werden, was mich schmunzeln lässt. Wir Menschen sind komische Geschöpfe. Eigentlich sind wir doch alle gleich und trotzdem kriegen wir es nicht auf die Reihe, in Frieden miteinander auszukommen. Mir bleiben ein paar Stunden Schlaf bevor mich der Flieger am kommenden Morgen nach Westgrönland bringt, um mich dort für ein paar Tage der Greenpeace Arktisexpedition anzuschließen.

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