Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Archiv: Sonntag, 13. September 2009

Bärenparty & Morgennebel 12.09.2009

Stinklangweilig – sollte man meinen. Da sitzt unsereins in einem Holzkasten und starrt stundenlang auf dieselbe Szenerie. Es ist nun der vierte Abend und bisher war keiner wie der Andere. Besonders das Wetter und die damit verbundenen Lichtstimmungen machen einen Großteil des fotografischen Erfolges oder Misserfolges aus – auch und gerade in der Tierfotografie. Einfach nur einen Bären zu fotografieren der sich über eine von Menschenhand platzierte Beute beugt ist spätestens am zweiten Abend langweilig. Es kommt mindestens genauso darauf an das Umfeld in die Aufnahme mit einzubinden, und das wenn möglich noch in einer spannenden Lichtsituation. Hier hilft uns das nordische Wetter zur Zeit wirklich gewaltig. Während über den Tag hin eine dichte Wolkendecke über der Taiga lag, lösten diese sich zum Abend auf und ermöglichten ein tadelloses Abendrot. Dadurch wird das Zeitfenster in dem stimmungsvolle Fotos möglich sind um mindestens eine halbe Stunde erweitert. Bei Bewölkung legt sich allzu schnell tiefe Dunkelheit über das Land, sobald die Sonne hinterm Horizont verschwunden ist. Nicht so heute Abend. Wenn das Licht warm und golden wird steigt die Spannung ob von den so sehnsüchtig herbeigesehnten Akteuren auch einer auftaucht.

Finnland Nacht 4  722

Auf Margarete ist verlass. Sie war die Erste die ihr gelbgepierctes Ohr aus dem Wald streckt. Gefolgt von einem etwas dunkleren Bären sind sie beide eine Weile in meiner Reichweite über die Sumpfwiese gelaufen. Immer wieder strecken sie ihre Nasen in die Luft, ihr Riechorgan scheint wohl besser ausgeprägt zu sein wie ihre Augen. Lassi hat auch auf der anderen Seite der etwa einen Quadratkilometer großen Sumpfwiese ein Fotoversteck aufgebaut. Was sich da etwas später abspielte war schon grandios, leider aber eine halbe Stunde zu spät zum Fotografieren. Es war nahezu Nacht, die klobigen Körper der Tiere aber noch gut zu erkennen. Neun Bären tummelten sich dort auf der anderen Seite. Jetzt wo es dunkel war, machten sie all die coolen Sachen. Es gab Hierarchiekämpfe, sie schwammen in dem Flüsschen das den Sumpf durchzieht und einige standen auf zwei Beinen was ebenfalls auf der Wunschliste eines jeden Tierfotografen steht. Ich liege schon lange im Schlafsack und die letzten Geräusche die ich im Halbschlaf höre sind die der großen Raubtiere außerhalb meines kleinen Kastens. Die Morgenstimmungen waren bisher immer wunderschön, doch heute ist es einfach grandios. Die Nacht war wieder recht kalt, so halte ich den Schlafsack bis zu den Schultern um mich geschlossen, als ich mich wieder auf meinem kleinen Schemel postiere um Ausschau zu halten. Die Party war leider vorbei. Bis auf ein Pärchen Krähen, die sich entweder bezirzend oder streitend durch die Luft wirbelten, war es absolut ruhig. Krähen sind kleiner als Raben und haben Grauanteile in ihrem Gefieder, während die Raben wirklich rabenschwarz sind. Gespenstisch zieht plötzlich Nebel auf, nur silhouettenhaft kann man mit zunehmendem Licht einige kleine Bäumchen erkennen die vereinzelt im Sumpf wachsen. Die Horizontlinie ist aufgelöst.

Finnland Nacht 4  723

Es ist eigentlich noch fast Nacht als ein einsamer Bär durch die Stille marschiert. Ich stelle die Kamera auf 6400 ISO, den höchsten Empfindlichkeitswert den sie zu bieten hat. Durch den Nebel und das Gegenlicht des anbrechenden Tages entstehen wirklich ganz einzigartige Bilder. Sicherlich haben diese eine gehörige Portion Bildrauschen, was ich bei einer reinen atmosphärischen Aufnahme aber gar nicht als so störend empfinde. Einmal guckt die Morgensonne kurz durch die Nebelschicht, so dass mir fast der einsame Wolf entgeht, der in ca 300 m Entfernung nachschaut was die Bären am Vorabend an Futterresten zurückgelassen haben. Ein Wolf, für mich das geheimnisvollste und schönste Wildtier das wir in unseren Breitengraden haben. Es ist geradezu ein erhebendes Gefühl zu sehen, wie er vorsichtig Meter für Meter über die Waldlichtung läuft.

Finnland Nacht 4  724

Leider kommt er nicht sehr nahe an mein Versteck, doch die Nebelstimmung und die lange Brennweite zaubern eine pastellfarbene Aufnahme die in mir vielerlei Emotionen auslöst und hoffen lässt, dass es weitere Begegnungen mit diesen scheuen Tieren geben wird. Für heute war es das, ich freue mich über die wunderschönen Momente die mir diese wunderbare Naturlandschaft ermöglicht.

Ein Kampf und Margarete 11.09.2009

Es sind oft Winzigkeiten die aus einem Schnappschuss ein Meisterwerk machen. Besonders in der Tierfotografie entscheiden manchmal der Hauch einer Sekunde oder ein paar Millimeter am Autofokus ob ein Bild den Menschen ein „Ahh“ und „Ohh“ entlockt , oder ob man mal wieder knapp am Siegerfoto vorbeigeschossen hat.  Ich sitze den dritten Abend im Versteck und beobachte einen Bären, der genüsslich Lachse verspeist, die Lassie dort am Nachmittag deponiert hat. Ein Artgenosse nähert sich langsam aber beständig. Solche Situationen gab es eigentlich schon oft, so dass ich etwas überrascht bin als plötzlich ein regelrechter, vielleicht zehn sekündiger Kampf entsteht, bei dem der fressende Bär ganz klipp und klar macht wer hier der Herr im Wald ist. Ein Hieb verbunden mit einem tiefen Grollen stellt klar, wer fressen darf und wer zu warten hat. So eine Szenerie ist natürlich der absolute Fotografentraum und ich habe auch ca. zehn mal auf den Auslöser gedrückt. Trotzdem bin ich mit den Bildern nicht ganz zufrieden.

Die Situation zeigt wie schwierig es ist wirklich außergewöhnliche Bilder von Tieren zu machen. Ich hatte die Kamera so eingestellt, dass  ich 1/100 sec Belichtungszeit zur Verfügung hatte. So musste ich im Dämmerlicht die Empfindlichkeit nicht allzu hochstellen und kam mit 800 ISO noch auf einen Wert, der die Bilder halbwegs pixelfrei abbildet. Doch wenn zwei Bären aufeinander losgehen sind die Bewegungen viel schneller, als dass man mit 1/100 sec ein wirklich scharfes Bild bekommt. So ist es mir zwar gelungen eine spannende Szenerie festzuhalten, in den Fotografenhimmel komme ich mit der Aufnahme aber noch nicht.

Finnland Nacht 3  499

Das wurmt natürlich mächtig, denn wie groß sind wohl die Chancen solch eine Szenerie jemals wieder vor die Kamera zu bekommen?  Noch habe ich ja einige Tage Zeit. Kurz darauf läuft einer der Bären keine zehn Meter an meinen Versteck vorbei. Dieser Bär war schon Gestern hier im Sumpf. Ich habe ihn Margarete getauft, denn er hat einen gelben Knopf im Ohr (Steifftierfans wissen Bescheid) Das ist zwar aus fotografischer Sicht ärgerlich, verdirbt es doch ein wenig den Wildnischarakter des Bildes, doch es zeigt, dass die Bären den Finnen nicht gleichgültig sind und an ihnen geforscht wird.

Finnland Nacht 3  498

Das ist schon ein besonderes Gefühl, so nah unter diesen Tieren zu weilen. Respekt sollte man auf jeden Fall vor ihnen haben, um sich nicht leichtsinnig zu verhalten. Angst muss es aber meiner Meinung nach nicht sein. Die Tiere haben in der Regel viel mehr Furcht vor den Menschen als umgekehrt. Würden wir auf der Nahrungsliste der Bären stehen, gäbe es in ganz Europa keinen einzigen Bären mehr, soviel ist klar. In der Regel fressen Bären Beeren und Gräser. Lassi meint, selbst wenn man ihnen jeden Tag 1000 kg Fleisch vorsetzt, würden sie ihr Fressverhalten nicht ändern und auch weiterhin ihre Ration Grünzeug zu sich nehmen. Das beruhigt mich ein wenig, hatte ich schon Bedenken, dass unsere Fotofütteraktionen die Tiere träge und faul machen und sie so in Abhängigkeiten geraten. Dass dies nicht der Fall ist sehen wir auch an den Ausscheidungen der Bären, die wirklich wie gequirltes Beerenpüree (!) aussehen. Pünktlich zur Morgendämmerung bin ich wach. In der Ferne sehe ich  noch einen Bären, der aber bald im Wald verschwindet. Der Rest des Morgens bleibt tierfrei, abgesehen von den dutzenden Raben, die eigentlich immer hier sind. Eine dichte Wolkendecke liegt über dem Land, mein warmer Atem zaubert kleine Wolken, selbst innerhalb des Verstecks. Es gab wohl Frost heute Nacht, ein Zeichen, dass der Winter naht. Bis um acht Uhr sitze ich eingehüllt in meinen Schlafsack, dann mache ich mich auf den Rückweg, darauf hoffend, dass die kommende Nacht neue Gelegenheiten zum Fotografieren bieten wird.

Wildview läuft unter Wordpress 3.4.2
Anpassung und Design: Gabis Wordpress-Templates