Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Archiv: Dienstag, 15. September 2009

Die Mär vom bösen Wolf 14.09.2009

Manche Dinge haben sich über die Jahrhunderte so ins kollektive Gedächtnis der Menschen gesetzt, dass es wider besseren Wissen sehr schwer ist, sie zu korrigieren. Warum hat der Wolf bei uns so ein schlechtes Image? Schon im Märchen erzählt man den Kindern vom bösen Wolf, der die Großmutter gefressen hat. Das ist eigentlich dämlich, bleiben solche Bilder doch in den zarten Kinderseelen haften (also ich hatte als Steppke echt Schiss vor dem Wolf,  fast soviel wie vor der Hexe im Knusperhaus). Damit tut man seinen Artgenossen in der realen Welt wirklich einen Bärendienst. Mag sein, dass es im tiefsten Mittelalter, als Europa noch von dichten Buchenurwäldern durchzogen war, zu Konfrontationen kam, in der sich die Furcht vor den Raubtieren aufgebaut hat. Bekanntermaßen fressen Wölfe gerne neben ihrer natürlichen Beute wie Hirsche, Rehe und Hasen auch Schafe und andere Nutztiere was in den Zeiten von Prinz Eisenherz für die Menschen außerhalb der Burgen durchaus Existenzen bedrohen konnte. Doch wir Zweibeiner stehen und standen nie auf der Beuteliste. In den achtziger Jahren war der Wolf in Europa praktisch ausgerottet. Über die Jahrhunderte gefürchtet, gejagt und getötet. Dazu kommt, dass der Mensch die Wildnis Europas weitestgehenst in Kulturland und neuerdings in Industriebrachen verwandelt hat.

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Da ist es umso erstaunlicher, dass die Wölfe langsam aber sicher in unsere Breitengrade zurückkehren. Selbst in Deutschland ist seit vielen Jahrzehnten wieder ein Wolfjunges geboren worden. In Finnland ist die Population inzwischen recht stabil, was den großflächigen Waldgebieten im Nachbarland Russland zu verdanken ist. Seit über hundert Jahren ist hier kein Mensch mehr durch einen Wolf zu schaden gekommen. Den meisten Ärger verursachen die Wölfe in Finnland bei den Rentierzüchtern. Die würden die lästigen Räuber doch zu gerne aus den Wäldern werfen, erbeuten sie doch jährlich einige hundert ihrer Tiere. Die Züchter werden vom Staat für jeden Verlust durch die Wölfe finanziell entschädigt. Doch die anfallende Arbeit und aufwendige Bürokratie schaffen wohl in diesem Berufsstand wenig wirkliche Wolfsfreunde.

Wölfe sind elegante Tiere die meist in Rudeln leben und ein ausgeprägtes Sozialverhalten haben. Hört man einen Wolf heulen, so markiert er damit seine Reviergrenzen und hält das Rudel zusammen. Auf der Suche nach Beute können sie weite Strecken zurücklegen und so ist es nicht verwunderlich, dass ich nach fünf Nächten in meinem Fotoversteck das von Lassi beschriebene Wolfsrudel bisher nicht gesehen habe. Bis zu acht Tiere Leben im Rudel, das sich auf seinen Streifzügen immer mal wieder auch hier auf unserer Sumpfwiese im Niemandsland blicken lässt.

Eingeleitet wurde der sechste Abend, wie kann es auch anders sein, von Margarete, dem Bären mit dem gelben Knopf im Ohr. Zielstrebig lief sie aus dem Wald (ich habe übrigends keine Ahnung ob Margarete eine „sie“ ist) auf das von Lassis Sohn Sami ausgelegte Beuteschwein zu. Die „Beute“ wird mit einem Seil an einem freistehenden Baum befestigt, damit die Fotografen ein gutes Blickfeld haben, und die Tiere ihr Abendessen nicht gleich instinktiv in den geschützten Wald tragen. Tragischerweise ist aber genau das passiert. Mit Leichtigkeit schleppte der hungrige Bär den Kadaver die knapp hundert Meter an den Waldrand. Zwischen der ersten und zweiten Baumreihe konnte ich zwar noch alles erkennen, hatte aber eine weitere Entfernung und einige störende Bildelemente zwischen mir und der Szenerie. Was dann passierte war so überwältigend, dass ich nicht wusste ob ich mich nun am tollen Naturerlebnis berauschen sollte oder lauthals die Bärengötter verfluchen, die mir wohl eine der besten Aufnahmesituationen meines Lebens zumindest stark entwertet haben.  Bleibend sind auf jeden Fall die Szenen in meinem Gedächtnis und die Bilder in der Kamera, die mir mal wieder bewusst machten was für einen tollen Job ich mir da als Naturfotograf ausgesucht habe. Es dauerte einige Momente bis ich realisierte, dass dort in der Ferne drei Wölfe über den Sumpf gerannt kamen. Haben sie schon mal einen Wolf rennen sehen, wow was für ein toller Anblick. Zielstrebig liefen sie auf den Wald zu, in dem keine zehn Minuten vorher Margarete das Schwein deponiert hatte.  Für einige Momente waren sie im Dickicht verschwunden, um plötzlich wie aus dem Nichts wieder aufzutauchen. Genau sechs Wölfe tummelten sich plötzlich um die arme Sau.

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Das erste Bild, das ich bewusst wahrgenommen habe, waren vier Wölfe, die mit aller Kraft den toten Körper in kleine Teile zerrissen. Es ging drunter und drüber. Was erstaunlich war, ist die Tatsache, dass die zwei vom Körperbau wesentlich massiveren Braunbären plötzlich in die zweite Reihe verschwanden. Friedlich standen sie anbei und beobachten wie das Rudel ihre Beute verspeiste. Immer wieder habe ich vor mich hin rezitiert: „Bitte liebe Wölfe, tretet doch zehn Meter raus aus dem Wald. Dort wo ich euch sehen kann und wo das geniale Abendlicht euer Fell  goldgelb einfärben würde“. Die Sonne stand über dem Horizont, schöner hätte es nicht werden können. Doch sie blieben im Schatten der Bäume und verschwanden etwas später Einzeln und in Zweiergruppen in die schiere Endlosigkeit der finnischen und russischen Wälder. Erstaunlich war, dass drei von Ihnen ein fast weißes Fell besaßen und recht kräftig wirkten. Da sich die Wölfe den Großteil des Jahres auf russischem Territorium befinden gehen Lassi und sein Sohn davon aus, dass vor einigen Generationen zum weißen Alphaweibchen ein wilder Hund gestoßen ist, der hier seine Gene mit eingebracht hat. Wölfe gehören zur Familie der Hunde, so dass dies nun keine biologische Sensation bedeuten würde. Sicher ist man sich in der Familie Rautiainen über diese Sache nicht.

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Liebe Wölfe, ihr habt in mir einen Fan gewonnen. Ich verspreche euch meinen Teil dazu beizutragen, dass die „Mär vom Bösen Wolf“ aus dem Gedächtnis möglichst vieler Menschen verschwindet und ihr auch im modernen Europa zumindest Inseln als Lebensraum behaltet.

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