Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Die Nadel im Heuhaufen 20.09.2009

Der Finne und die Finnin haben es gut. Sie leben in einem ziemlich großen Land und sind selbst in ihrer Anzahl recht überschaubar was zumindest rein rechnerisch jedem sehr viel Platz zum Leben bietet. Es gibt einige Gründe auf die Finnen ein bisschen neidisch zu sein. Das Land besteht nämlich fast ausschließlich aus Seen, Flüssen, Mooren und vor allem aus endlosen Wäldern. Das Blockhaus am See mit einer Sauna, die mit dem Holz aus dem eigenen Wäldchen beheizt wird ist hier eher Alltag als Ausnahme, zumindest für die Landbevölkerung. Die gute Nachricht für den Urwaldfotografen lautet, dass es in Finnland im Vergleich zu Mitteleuropa noch relativ viel Naturwald gibt, besonders oberhalb des Polarkreises in Lappland.

Laamasenvaara 19-09  1707

Schaut man sich eine Straßenkarte an, fallen einem neben den recht überschaubaren Hauptstraßen sofort die unzähligen kleinen, schwarz gezeichneten Abzweigungen auf, die sich wie ein Geäst verzweigen und meist irgendwo als Sackgasse enden. Diese Pisten tragen wohl erheblich zum finnischen Lebensstandard bei, denn es sind Forststraßen über die der staatliche Konzern Metsähallitus seine Trucks rollen lässt, die den Wald zu den Sägereien transportieren. Das ist die unschöne Seite wenn man mal gelernt hat, Forstwald von Naturwald zu unterscheiden. Dort wo alle Bäume gleichgroß sind, eng aneinander gedrängt stehen und meist eine gewisse Größe nicht überschritten haben, ist der Wald eine Plantage. Auf meiner Suche nach unberührter Wildnis fahre ich zumeist an solchen Wäldern vorbei. Was das Gesamtbild wieder rettet sind die Moore und Seen, die der Landschaft nach wie vor diesen wilden weiten Charakter verleihen und so faszinierend machen. Immer wieder blicke ich auf die Straßenkarte, um ja keine Abzweigung zu verpassen. Ich bin auf der Suche nach einem Gebiet das Laamasenvaara heißt (das ist noch ein recht einfach auszusprechender Name, Finnen lieben lange Wörter). Greenpeace hat vor einigen Jahren eine Liste angefertigt auf der alle schützenswerten Waldgebiete aufgelistet wurden. Seither wird hart mit Metsähallitus um jeden Baum gerungen. Nach wie vor sind auch Urwälder, obwohl es nur noch so wenige davon gibt, im Visier der Forstleute, bringen sie doch zumindest kurzfristig einen großen Gewinn. Von einer einstigen Urwaldwildnis von 20 Millionen Hektar sind heute nur noch 5 % unangetastet.  In Laamasenvaara hatten die Umweltschützer Erfolg. Hier müssen die Kettensägen schweigen, das Gebiet wurde aus der Nutzung genommen.

Laamasenvaara 19-09  1708

Doch selbst als ich praktisch davorstehe brauche ich einige Zeit um mir klar zu werden, dass ich tatsächlich da bin. Mein Kollege Oliver Salge, der bei Greenpeace Deutschland die Waldkampagne leitet und auch immer wieder in Finnland tätig ist hat mich schon darauf hingewiesen, dass die unberührten Gebiete  zwar ungeheuer artenreich und wunderschön, aber nicht unbedingt sehr groß sind. Auch hier ist es nur ein schmaler Streifen Wald, der eingezwängt zwischen Rodungsflächen ein kleines Moorgebiet einfasst, keine zwei Kilometer lang und noch weniger breit. Dieses Gefühl der unbedeutenden Größe ist genau in dem Moment verschwunden, indem man den Wald betritt. Sofort ist man in einer anderen Welt. Größe ist relativ, ich lasse mich treiben.

Nadel im Heuhaufen  1711

Der Boden unter meinen Füßen ist ein weich gepolstertes Bett aus Moosen und Flechten. In etwas trockeneren Gebieten wachsen rote, schwarze und blaue Beeren zwischen den Bäumen, eine der Hauptnahrungsmittel der Bären. Pilze aller Arten und Größen fühlen sich auf dem feuchten Grund sehr wohl, ebenso auf abgestorbenen Bäumen.

Nadel im Heuhaufen  1710

Immergrüne Kiefern und Fichten sind die Hauptbaumarten, immer wieder aufgelockert durch weißstämmige Birken, die ihre Blätter bereits im goldenen Kleid des Herbstes tragen. Es ist bereits Ende September, eigentlich müssten auch die Bodendeckerpflanzen bereits in voller Farbenpracht strahlen, doch der Indian Summer ist dieses Jahr sehr zurückhaltend. Wohl weil es ein recht trockener Sommer war und wirklich kalte Nächte, die den Farbenwechsel beschleunigen bisher ausgeblieben sind. Am Anfang ist es immer recht schwierig für mich, im Wald Motive zu erkennen. Das pure Durcheinander an Strukturen macht die Fotografie von Wäldern recht anspruchsvoll. Doch mit der Zeit tauchen sie auf, erst vor meinem inneren Auge, dann auf der Festplatte der Kamera.

Nadel im Heuhaufen  1712

Auch wenn es verglichen mit den vom Menschen gemachten Waldgebieten tatsächlich nur vereinzelte Nadeln im Heuhaufen sind, lohnt es sich um jeden Quadratmeter Urwald in Europa zu kämpfen. Sie sind das natürliche Erbe, das wir zukünftigen Generationen bereiten.

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