Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Entscheidungen 12.11.2009

Als Naturfotograf muss man ständig Entscheidungen treffen. (JA, in anderen Berufen auch!). Erst wenn es zu spät ist weiß man in der Regel ob es die Richtigen waren. Ich sitze mit meinem Kollegen Lassi Rautiainen in einem Fotoversteck im Niemandsland an der finnisch/russischen Grenze. Ob es die richtige Entscheidung war im November in den Norden Europas zu reisen, werde ich erst am Ende dieser Fotowoche sagen können. Das es nicht die optimale Jahreszeit ist, war klar. Die Tage sind saukurz und der Winter hat gerade erst begonnen. Mit Pech ist die Fotoausbeute gleich Null. Ich habe mich entschlossen das Risiko einzugehen. Für mein neues Projekt „Mythos Urwald- Europas wildes Erbe“ habe ich eineinhalb Jahre Zeit alle Themen und Bilder in den Kasten zu bekommen. Das hört sich erst mal gewaltig lang an, zerrinnt aber sehr schnell wenn man die geografische Größe und inhaltliche Tiefe dieser Aufgabe näher betrachtet. Als Fotoschwerpunkt habe ich dieses Mal die Adler ausgewählt. Mein Blick aus der schmalen Fensteröffnung der Fotohütte fällt auf eine erfreulich weiße Landschaft. Vor wenigen Tagen hat es geschneit und deutliche Minusgrade sorgen dafür dass es, zumindest im Moment so bleibt. Wir kamen gestern kurz vor Mitternacht hier an. Nach etwa einer Stunde hatte der kleine Ölofen das Versteck soweit erwärmt, dass das Atmen keine Nebelwölkchen mehr erzeugt. Kurz vor acht war es hell genug um die Kameras durch die Öffnungen zu schieben. Seitdem warten wir. Der gefrorene Sumpf vor uns ist bevölkert mit dutzenden von Raben die sich an den von Lassi ausgelegten Fischen und Schweinen festlich laben.

Niemandsland Nov- 2009  4294

Bären können wir keine erwarten. Die haben sich zum Winterschlaf in ihre Höhlen zurückgezogen. Auf was wir beide heimlich spekulieren ist das Rudel Wölfe, welches ich schon vor ein paar Monaten in dieser Region vor die Linse bekommen habe. Doch im Winter kommen die Tiere nur sehr unregelmäßig an dieselben Stellen zurück. Wohl auch deshalb, weil für sie angefrorene Kadaver keine wohlschmeckende Beute bedeutet und sie einen frischen Fang vorziehen. Deshalb halte ich meine Erwartungen möglichst gering um nicht allzu sehr enttäuscht zu sein. Worauf wir uns konzentrieren sind die fünf See- und Steinadler, die in ziemlicher Entfernung auf den Bäumen sitzen und von dort oben das Land überblicken. Obwohl mir ein 500 mm Objektiv zur Verfügung steht sind sie dort in den Wipfeln leider etwas zu weit weg um wirklich gute Bilder zu bekommen.

Niemandsland Nov- 2009  4293

Es ist erstaunlich wie sensibel die Raben und Adler auf Bewegungen reagieren. Schwenkt man das Objektiv etwas zu schnell, fliegen sie sofort zurück in den entfernten Wald. Während die Raben nach wenigen Augenblicken zu ihrem Essen zurückkehren, bleiben die Adler immer für längere Zeit verschwunden. Keiner der majestätisch anmutenden Vögel kommt an diesem Tag in Wunschreichweite. Das Wetter bleibt bis auf kurze Abschnitte weitestgehenst bedeckt. Um kurz nach drei Uhr am Nachmittag ist das Licht schon so diffus, dass ich meine Bemühungen einstelle und das Objektiv in die Wärme der Hütte ziehe. Am kommenden Morgen das gleiche Bild. Die Adler sitzen auf den Baumspitzen und die Raben haben ein Festmahl. Von den Wölfen keine Spur. Gegen Mittag lösen sich die Wolken auf und eine tief stehende Sonne taucht die Szenerie vor uns in weiches Licht.

Niemandsland Nov- 2009  4295

Ab und zu fliegt einer der Adler runter zum Fleisch. Leider nur an das am weitesten entfernteste Schwein, so das auch in diesen Momenten keine Sensationsschüsse gelingen. Höhepunkt des Tages ist der Moment an dem sich zwei Adler auf denselben Ast setzen. Hier gelingt mir das einzige relativ brauchbare Foto. Wenngleich ich einen starken Ausschnitt nehmen muss um eine Bildwirkung zu erzielen.

Niemandsland Nov- 2009  4296

Am Abend gilt es neue Entscheidungen zu treffen. Ich berate mit Lassi wie ich die kommenden Tage am sinnvollsten füllen kann. Die Chance auf wirklich gute Adleraufnahmen aus geringerer Distanz ist hier an dieser Stelle minimal. Deshalb erzählt mir Lassi von einem Adlerpärchen weiter im Norden. Diese werden von ihm und einem Kumpel schon seit fast zehn Jahren angefüttert. Die Distanz zur Kamera beträgt nur dort nur zwanzig Meter. Ein paar Telefonate und eine Besprechung später ist der Plan klar. Lassi fährt in der Nacht zurück zu seinem Haus in Kajaani und ich verbringe eine dritte Nacht im Versteck um die Chance auf einen weiteren guten Fotomorgen zu bekommen. Das Erwachen ist ernüchternd. Der Himmel ist so grau – grauer geht’s wirklich nicht. Es wird auch gar nicht richtig hell. Ohne dass ich einmal auf den Auslöser gedrückt habe steige ich um elf Uhr ins Auto. Für die dreihundert Kilometer nach Kusomo brauche ich fast vier Stunden. Mit erschrecken stelle ich fest das es weiter im Norden weniger geschneit hat. Der Boden ist zwar weiß, die Bäume sind aber Schneefrei. Das ist der Fotokiller schlechthin. Denn ohne weiß auf den Zweigen sind Winteraufnahmen praktisch unmöglich. So langsam werde ich nervös. Doch noch möchte ich die Entscheidung für die Novemberreise noch nicht in Frage stellen. Immerhin habe ich noch viereinhalb Tage. Da kann noch viel passieren.

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