Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Sternenstille 23.01.2010

Wir Menschen haben unseren Lebensraum so nachhaltig verändert, dass bei uns heute ein knapp 50 qkm kleines Gebiet als wichtigstes Relikt echten Tieflandurwaldes bezeichnet werden kann. Das ist lächerlich wenig, wenn man bedenkt, dass Europa früher über weite Teile mit mächtigen Baumriesen bedeckt war. Der Naturwald hat hier nur deshalb noch Bestand, weil das Gebiet an der Grenze zu Weißrussland schon im Mittelalter ein beliebtes Jagdgebiet der Polnischen Könige war. Der Holzeinschlag wurde schon früh verboten.

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Heute ist diese kleine Insel im Meer der Forstwälder ein unersetzlicher Rückzugsraum vieler bedrohter Tier- und Pflanzenarten und wichtiger Tummelplatz für Forscher, die die Kreisläufe der Natur verstehen wollen. Es ist kaum zu glauben, aber man hat insgesamt 12.000 Tierarten in Bialowieza entdeckt. Die biologische Vielfalt wird erweitert durch 3.500 Pilz- und 5.500 Pflanzenarten!!! Dies sollten sich alle Leute zu Gemüte führen, die glauben, dass man Natur nicht mehr sich selbst überlassen kann und der Mensch ordnend eingreifen muss. Von denen gibt es leider viel zu Viele. Denn gerade dort wo die Kreisläufe nicht vom Menschen zerstört wurden, befindet sich eine solche Vielzahl an Leben, dass man nur staunen kann.

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Mich wundert immer wieder, dass dies auch auf relativ kleinen Flächen funktioniert. Ich habe vom Parkranger die Erlaubnis mich der Kernzone des Nationalparks ohne Führer zu nähern. Die gespurten Touristenpfade darf auch ich nicht verlassen, doch die Genehmigung ermöglicht es mir außerhalb der normalen Besuchszeiten auf Fotopirsch zu gehen. Wie bekomme ich diesen wunderschönen Wald optisch anspruchsvoll ins Bild gesetzt? Das ist gar nicht so einfach. Die Region ist absolut flach. Mächtige Eichen stehen neben Kiefern, Hainbuchen und Fichten. Die Vielfalt der verschiedenen Baumarten ist enorm. Zusammen bilden sie aber ein optisches Durcheinander. Das wird noch erschwert, weil weißer Schnee den Kontrast zu den dunklen Bäumen erhöht. Zweimal bin ich bei bedecktem Himmel durch den Wald gelaufen. Alles wirkte grau. Das fotografische Ergebnis war furchtbar langweilig. Kein Aufbau, keine Tiefe, Bilder für den Papierkorb. Heute will ich es besser machen. Ich starte am Nachmittag. Eine tief stehende Wintersonne sendet ihre zarten Strahlen durch das Unterholz. Nur wenig Sonnenlicht gelangt so in den Wald. Immerhin entstehen, besonders im Gegenlicht interessante Kontraste und ich beginne mit der Arbeit. Es ist fast zwanzig Grad unter Null und zum Glück absolut windstill. Ich warte bis die Sonne die Bühne verlässt und die Blautöne am Himmel dunkler werden. Nach und nach fangen zwischen den Silhouetten der Bäume die Sterne an zu blinken. Es ist noch eine Woche bis zum Vollmond.

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Doch schon reicht die Kraft des Erdtrabanten aus, den nächtlichen Wald für meine Augen sichtbar zu erhellen. In dem Moment wo das Mondlicht zur stärksten Lichtquelle geworden ist, beginnt der Schnee regelrecht zu leuchten. Durch den geringen Kontrast entsteht eine fast magische Atmosphäre. Ich stehe in der absoluten Stille des Waldes. In der Ferne höre ich ein Käuzchen. Das Jaulen in den Tiefen des Waldes rechne ich den Hunden der umliegenden Dörfer zu und nicht einem jagenden Wolfsrudel. Man muss sich ja nicht unnötig beunruhigen. Nur wenn ab und zu ein wenig Schnee von den Ästen fällt, erwische ich mich dabei etwas zusammenzuzucken. Das Geräusch erinnert an Schleifgeräusche und ich konzentriere mich darauf nicht an Gruselfilme zu denken. Der Sternenhimmel ist so herrlich klar. Weder Lichtverschmutzung größerer Städte noch sonstiger Dreck menschlicher Zivilisation trübt hier die Sicht auf die Unendlichkeit des Universums.

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In der Silhouette kommen die Charaktere der Bäume sehr gut zur Geltung. Im letzten Glimmen des vergangenen Tages fotografiere ich den Wald mit Belichtungszeiten, die mir die Sterne als feststehende Punkte auf den Chip der Kamera bannen. Doch da im All alles in Bewegung ist, werden aus den Punkten schon noch dreißig Sekunden kleine Linien. Wenn man lange genug belichtet gibt es am Himmel durchgezogene Kreise, die sich alle um den Fixstern drehen. Ich nutze die Langzeitbelichtung drei Mal aus. Das erste Bild belichte ich dreizehn Minuten, das Zweite sechsundzwanzig und das dritte mit zweiundfünfzig Minuten. Um dabei nicht zu erfrieren muss ich mich ständig in Bewegung halten. Ich laufe unermüdlich durch den Wald. Die Fototasche wärmt mir dabei den Rücken, lässt mich aber auch spürbar ermüden.

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Durch die lange Belichtungszeit multipliziert sich das Mondlicht zu solchen Mengen, dass die Bäume, sofern sie direkt angestrahlt werden, wieder Konturen bekommen. Die Zeichnung der Rinde wird sichtbar und sogar das Grün der Fichten und Kiefernnadeln kann man erkennen. Eine faszinierende Beleuchtung. Diesem wunderbaren Wald würdig. Ich bin erschöpft aber sehr zufrieden.

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