Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Fenster in die Vergangenheit 12.02.2010

Die Kanarischen Inseln lassen sich geografisch gesehen nur schwer dem europäischen Kontinent zuordnen. Politisch gehören sie aber zu Spanien und sie haben eine wirkliche Besonderheit im Waldbereich vorzuweisen. So habe ich mich kurzerhand entschlossen dem frostigen Winter, der ganz Mitteleuropa unter eine graue Wolkendecke gehüllt hat, für kurze Zeit zu entkommen. Es ist mir ehrlich gesagt sehr leicht gefallen, die langen Unterhosen der letzten Fototouren gegen leichte Trekkingkleidung zu tauschen und die zweitkleinste der Kanareninseln anzusteuern. Mein Ziel sind die Lorbeerwälder auf La Gomera. Diese Waldart, die hier in den Bergen der vulkanischen Inseln vorkommt, ist eine biologische Rarität. Ein auf der Welt einmaliges Ökosystem. Sie gedeiht in Regionen mit hoher Luftfeuchtigkeit und geringen jährlichen Temperaturschwankungen.

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Vor Jahrmillionen bedeckten diese subtropischen Wälder die Küsten des gesamten Mittelmeerraumes. Als es in Europa immer kälter wurde, verschwanden sie für immer aus unseren Breitengraden. Nur auf den Inseln im Atlantik und in Tropenwaldgebieten bestimmter Höhenlagen hat dieser Naturraum überleben können. Auf Gomera kann man diese lebenden Fossile am Besten bestaunen. Rund zwanzig Prozent der ursprünglichen Waldfläche des Kanarischen Archipels sind bis heute erhalten. Hier im Garajonay Nationalpark wächst gut die Hälfte des Lorbeerwaldes, der die Schwankungen des Klimas und später die menschlichen Eingriffe als Naturwald überstanden hat.

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Das ist umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, welch starkem demographischen Druck die Insel zeitweise ausgesetzt war. Dass der Mensch ein Herdentier ist, wird mir mal wieder eindeutig klar, als ich beim Transfer vom Flughafen Teneriffas nach Gomera einige Eindrücke auf die Touristenzentren erhalte. Dort zwängen sich tausende sonnenhungriger Urlauber zwischen den Strand und die Uferpromenade und blicken dabei auf ihre hässlichen Betonburgen. Diese Art von Pauschalurlaub habe ich noch nie verstanden. Wenngleich man Fairerweise sagen muss, dass die schiere Masse an Erholungsbedürftigen auch eine mengengerechte Versorgung erfordert. Soviel Naturraum gibt es gar nicht, als dass man in der modernen Touristik alle Reisenden in ursprüngliche Dörfer und Lebensräume schicken könnte. Viele Menschen legen darauf wohl auch keinen allzu großen Wert. Auf La Gomera ist der Massentourismus, glücklicherweise, bis heute nicht angekommen.

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Entdeckt von den Hippies als Aussteigerparadies in den sechziger Jahren, kann man im „Valle Gran Rey“ bis heute einen Hauch dieses relaxten Lebensgefühles spüren. Allabendlich versammeln sich die Alternativurlauber am Strand von „La Playa“ zum Sonnenuntergang. Meist wird dazu fröhlich musiziert und allerlei Kunststücke, wie das Jonglieren, dargeboten. Ich habe mich eindeutig zu nah am Brennpunkt einquartiert. Das fröhliche Treiben hält mich trotz starker Müdigkeit bis spät in die Nacht vom Einschlafen ab. Um halb fünf klingelt der Wecker, gnadenlos. Ich muss dringend an einem ruhigeren Ort umziehen, was mir inzwischen auch gelungen ist. Von einem Parkplatz im Nationalpark erreiche ich nach einer halbstündigen Wanderung den höchsten Punkt der Insel. Ich befinde mich auf knapp 1500 Metern. Noch herrscht absolute Dunkelheit. Es ist fast Neumond. Eine schmale Sichel erhebt sich knapp über dem Horizont. Die klare Meeresluft lässt ein unglaubliches Sternenmeer über mir erstrahlen. Vor mir, weit unterhalb meines Standpunktes sehe ich ein beeindruckendes Schauspiel. Zarte Farbnuancen der Dämmerung lassen alsbald den Beginn des neuen Tages erahnen. Warme Luft aus dem Westen liegt über den kälteren, feuchten Schichten, die von östlichen Passatwinden herantragen werden. Die warme Luft verhindert deren Aufsteigen, so dass sich unter mir ein Wolkenmeer ausbreitet.

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Am östlichen Horizont erhebt sich majestätisch die Insel Teneriffa mit ihrem Vulkankrater Teide. Die zahlreichen Lichter der menschlichen Ansiedlungen liegen gnädig unter der Wolkendecke. Wären da nicht die Geräusche der schon um diese Zeit zahlreichen Autos, wäre die Illusion der Zeitreise für diese frühe Uhrzeit perfekt. Im späteren Verlauf des Tages erkunde ich die Hochlagen des Lorbeerwaldes. Für spannende Aufnahmen ist es am Besten, die Pflanzen zu fotografieren wenn sie vom Feuchtigkeit spendenden Nebel eingehüllt sind. Allzu viel Glück hatte ich, was diesen Aspekt meiner Arbeit betrifft, in den ersten zwei Tagen noch nicht. An einer Stelle konnte ich für kurze Zeit erahnen, was für magische Motive dieser Urwald bereit hält. Ich bin sehr gespannt wie sich die kommenden Tage entwickeln. Wenn der Nebel kommt, werde ich bereit sein. Während ich diese Zeilen schreibe, ­färbt die untergehende Sonne die Wolken am Horizont in ein knalliges Rot.

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Momente wie dieser lassen mich in wohligem Kribbeln erschaudern. Ich verspüre tiefe Dankbarkeit, dass ich diesen wunderbaren Planeten bereisen und seine Schönheit dokumentieren darf.

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