Schon von der Straße aus erkennt man, dass dieser Wald anders ist. Große verstreut stehende knorrige Baumgestalten, meist Alteichen, ragen in den Himmel. Jeder Baum scheint ein Kunstwerk der Schöpfung. Ich bin im Urwald „Sababurg“ nördlich von Kassel. Es ist ein fantastischer Spaziergang durch eine Welt, die dem Märchenwald der Gebrüder Grimm wohl erstaunlich nahe kommt. So mag es in weiten Teilen Deutschlands einmal ausgesehen haben. Ich bin begeistert von der Kraft die diese alten Patriarchen ausstrahlen.

Diese Giganten sind eng mit der Welt der germanischen Mythen verbunden und durch ihre Formen auch zum Ideal des „deutschen Waldes“ verklärt worden, was in der Landschaftsmalerei der Romantik zum Ausdruck kam. Dabei sind es genau diese Bäume die, abgesehen von ihrem Alter, kaum etwas mit echtem Urwald zu tun haben. Sind sie doch museale Überreste einer alten Waldnutzungsform, die vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert die Landschaften des Landes prägten. Der sogenannte Hutewald wurde gezielt mit Stieleichen gepflanzt, um dann Haustierherden der Bauern unter den Bäumen zu weiden.

Erst als die Hutewirtschaft abnahm und die Flächen mit Fichten und Kiefern aufgeforstet worden sind änderte sich das Bild des Waldes in Deutschland maßgeblich dem heutigen Erscheinungsbild an. Die „Zeitreise“ hier in Nordhessen ist möglich, weil auch die damaligen Landesherren der morbiden Ästhetik der Baumriesen erlagen und den „Sababurg“ Wald schon vor hundertfünfzig Jahren unter Schutz stellten.

So waren meine damaligen Kollegen, die „Maler“, wohl unfreiwillig die Ersten, die mit ihrer Kunst die Politik zum „Naturschutz“ animiert haben. Nichts Anderes versuche ich heute in der modernen Welt mit meinen Fotos zu erreichen. Meine Reise in den Frühling und zu den letzten Fleckchen naturnahen Waldes führt mich am kommenden Tag weit bis ins norddeutsche Tiefland in Niedersachsen. Am Wanderparkplatz steige ich auf mein Fahrrad und erkunde den „Hasbruch“, ein 630 ha großes Naturschutzgebiet in dem sich auf einigen Hektar urwaldartige Strukturen erhalten haben. Wegen der Feuchtigkeit findet man hier Eichen und Hainbuchenbestände, die gefördert durch Entwässerungsmaßnahmen, immer weiter von der Buche verdrängt werden. Gespenstisch verkrüppelte Gestalten sind vor allem die alten Hainbuchen. Diese sind aber kein Indikator für Naturnähe. Im Gegenteil, die Bäume wurden einst zur Futtergewinnung immer wieder geköpft was zu den teils skurrilen Auswüchsen führte. Von solchen Beispielen leiten sich bis heute falsche Vorstellungen vom „wilden Wald“ ab.

Je unregelmäßiger ein Baumkörper entwickelt ist, desto geringer ist sein Holznutzwert, desto „uriger“ wird er von Laien empfunden. Dabei sind Bäume die unter Urwaldbedingungen aufwachsen, aus hochragenden, säulenförmigen Schäften geformt, die über eine vergleichsweise kleine und hoch angesetzte Krone verfügen. Zugegebenermaßen sind die „verkrüppelten“ Bäume deutlich fotogener. Auch hier findet man vereinzelte Huteeichen, die im 19 Jahrhundert aus „Pietät und ästhetischen Gründen“ unter Schutz gestellt wurden. Das Tagesende verbringe ich am Fuße der „Friederikeneiche“. Man sagt, dass dieser mächtige Baum 1200 Jahre alt sei. Beweisen lässt sich das nicht, da Eichen über 800 Jahre in der Regel stets hohl sind. Eine Jahrringzählung ist dadurch unmöglich. Um den Baum stabil zu halten wurde sein Hohlraum mit Beton ausgegossen, was aber nicht verhindern konnte, dass schon zwei mächtige Arme unter ihrem Eigengewicht abgebrochen sind. Trotzdem strahlt dieser in der Endphase seines Lebens befindliche Riese eine ungeheure Kraft und Atmosphäre aus. Was mag sich im Laufe der Jahrhunderte schon zu seinen Wurzeln ereignet haben? Die letzte große Krise erlebte der Baum in den Kriegsjahren um 1945 als die Hälfte des damals ausgewiesenen Naturwaldreservates der Not der Menschen als Brennholz zum Opfer viel.

Als ich am nächsten Morgen um kurz vor sechs Uhr aus meinem Schlafsack krieche ist die Scheibe des Autos mit Eis bedeckt. Es kostet etwas Überwindung die müden Knochen aufs Fahrrad zu schwingen und in den viel zu kalten Tagesanbruch zu radeln. Soll das Frühling sein? Bereuen tue ich es natürlich, wie so oft, nicht. Ist der innere Schweinehund erst überwunden und die Muskeln warm, beschenkt mich die Natur mit wunderschönen Impressionen.

Vereinzelte Lichtstrahlen der tief stehenden Sonne dringen durch das Gehölz und werfen warme Farbflecken auf die Bäume. Ein Konzert aus unzähligen Vogelstimmen begleitet meinen Ausflug, dessen Virtuosität nur vom permanenten Grundgeräusch vorbeifahrender Fahrzeuge der nahen Autobahn gestört wird. Dies ist der einzige Indikator einer der Natur weitestgehend entfremdeten Gesellschaft, während ich im weitläufigen Hain dreier alter Eichen stehe und die Schönheit der Schöpfung mal wieder in vollen Zügen genieße.