Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Archiv: Mai 2010

Fenster in die Vergangenheit 13.05.2010

Die zweite gemeinsame Wanderung mit Walter Frank in den Karpaten führt uns in den „Domogled Valea Cernei“ National Park südlich des markanten Retezat Gebirges. Der Park schützt ein 60 km langes Tal an dessen von Karstgestein dominierten Spitzen eine endemische Kiefernart wächst.

In tieferen Lagen dominiert dichter Buchenwald und am Talgrund fließt der Fluss dessen Wasser in geduldiger Beharrlichkeit im Laufe der Jahrmillionen diesen imposanten Einschnitt ins Gestein gegraben hat. Das Tal war bisher von Bausünden verschont geblieben. Doch auch hier sehen wir wie mehr und mehr illegal errichtete Prachtvillen neureicher Rumänen die schönen Wiesen versiegeln. Wer verzichtet schon gerne auf ein Zweithaus im Paradies wenn die Strafen lächerlich gering sind und der eigentlich strafbare Bau im Schutzgebiet ohne weitere Folgen bleibt. Bei Kilometer 20 der Talstraße beginnt unsere Tour. Über eine schwankende Hängebrücke überwinden wir den Flusslauf und steigen die ersten Höhenmeter durch dichten Wald nach oben. Wir passieren ein verlassenes Gehöft, von dem mir Walter erzählt, dass sich dessen Besitzer vor einigen Jahren erhängt hatte. Die Einsamkeit war wohl doch zu groß geworden und der Schnaps als einzig erreichbarer Freund nicht mehr tröstlich genug. Eine steil abfallende Felswand können wir nur passieren indem wir über ein handgefertigtes Leitersystem nach oben klettern. Ich bin mal wieder schwer beeindruckt mit welcher Eleganz mein nicht mehr ganz junger Begleiter dieses Hindernis meistert, und das trotz seines großen Rucksack auf dem Rücken. Wir erreichen die Hochebene und besuchen eine Region in der die Zeit stehen geblieben ist. Über einen Kamm laufen wir durch Wiesen auf deren frühlingshafter Blüte vereinzelt Pferde und Ziegen stehen. Der Ausblick auf das Tal und die umliegenden Berge ist wunderschön. Vereinzelte Häuser der Bauernfamilien geben Einblick in einen Lebensstil, der noch nicht vor allzu langer Zeit auch bei uns Alltag gewesen ist.

Keine Straße bringt die Verlockungen der modernen Gesellschaft zu diesen Menschen, kein Strom verschafft Lebensqualität wenn es um Wärme und technische Errungenschaften geht. Was die Bauern ihren Feldern nicht abtrotzen oder aus den umliegenden Wäldern gewinnen können, wird über einen Pferdepfad aus dem Talgrund hier herauf gebracht. Wir bekommen die Erlaubnis von einem der Landwirte unsere Zelte auf seiner Wiese mit Panoramablick aufzuschlagen. Eile ist angesagt, denn dunkle Regenwolken haben sich über die Berghänge gezogen und künden von nahender Sturzflut. So liegen wir die kommenden vier Stunden in unseren Schlafsäcken und lauschen den Tropfen die auf unsere Planen prasseln. Eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang passiert dann genau das was ich mir insgeheim gewünscht habe. Der Regen hört auf und die Wolken beginnen sich zur schönsten Zeit des Tages hin aufzulösen.

Dies führt zu wunderbaren Lichtstimmungen. Besonders als die Schwarzkiefern in den oberen Lagen des Gesteins sich aus den Wolken schälen entstehen eindrucksvolle Impressionen einer wilden ungebändigten Natur.

Am folgenden Tag setzen wir unsere Wanderung über den Höhenzug fort und passieren die Kapelle und die kleine Schule in der die Kinder der Bauerfamilien vom Analphabetentum befreit werden sollen. Doch es sind nur noch derer Zwei, die hier die Schulbank drücken. Was wohl der offensichtlichste Beweis ist, dass wir es hier mit einer sterbenden Kultur zu tun haben. Die Jungen sind längst in die Städte gezogen, nur die Alten harren aus. Sie trotzen den kalten Wintern und dem körperlich harten Alltag abseits des Einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Wir besuchen ein Ehepaar welches die siebzig Lebensjahre schon längst überschritten hat. Es sind freundliche und herzliche Menschen. Auch hier bestätigt sich wieder was mir schon auf vielen anderen Reisen in alle möglichen Winkel der Welt aufgefallen ist. Besonders diejenigen, die in unseren Augen materiell arm sind, aber innerhalb ihrer Kultur gefestigt leben, kennen keinen Geiz.

Nur mit Mühe können wir die Zwei überzeugen, uns nicht mit Eiern, Schnaps und anderen Erzeugnissen aus ihrer täglichen Arbeit zu überhäufen. Als ich mit Walter von dannen ziehe muss ich erst mal meine Gedanken ordnen und mir klar werden was diese Eindrücke mit mir gemacht haben. Würde ich gerne tauschen wollen? Besonders der Gedanke an die langen Winter, wenn es draußen um fünf Uhr dunkel ist und man nichts anderes machen kann als sich Abend für Abend an den Herd bzw. Holzofen zu setzen, lässt mich erschaudern. Als Besucher droht einem leicht die Situation verklärt wahrzunehmen. Besonders wenn man die grandiose Landschaft in denen diese Menschen wohnen mit einbezieht.

Dieser Lebensstil erzeugt keine Erderwärmung, zerstört keine großflächigen Urwaldgebiete. Die Lösung unserer globalen Probleme ist diese Art zu Leben aber trotzdem nicht. Zumal wohl weder ich, noch sonst irgendjemand der je davon profitiert hat, auf die Errungenschaften unserer Zivilisation verzichten möchte. Die Aufgabe wird sein unseren Lebenswandel in die Nachhaltigkeit zu führen. Ich bin überzeugt, dass dies möglich wäre. Dazu müsste der Einzelne aber die Gier nach dem immer „mehr“ überwinden und sich in den Dienst des Allgemeinwohls stellen. Ein Besuch bei den Bauern vom Domogled Tal könnte dabei für Viele eine heilsame Erfahrung sein.

In der Kapitalismusfalle 10.05.2010

Dies ist die Geschichte von Walter Frank. Ein wahrer Freund des Waldes, der sehr schnell auch mein Freund wurde. Doch der Reihe nach. Mit großer Freude bin ich nach Rumänien gereist. Neben Russland und Lappland einer der drei Schwerpunkte meiner fotografischen Arbeit über „Europas Wilde Wälder“. Es sind die Regionen in denen es noch großflächige Urwaldgebiete geben soll. In den rumänischen Karpaten schätzt man die verbliebene Fläche auf 200 – 300.000 Hektar.

Genau sagen kann das Keiner. Als man die Naturwälder Rumäniens in einer von der EU in Auftrag gegebenen Erhebung erfassen wollte, sind viele Wälder von den Forstämtern einfach unterschlagen worden. Aus Gründen die mein Erfahrungsbericht näher beleuchten wird. Nach drei Tagen Recherche vor Ort treffe ich Walter Frank in Hateg. Hateg ist eine Kleinstadt etwa dreißig Kilometer nördlich des Karpaten Gebirgszuges in Westrumänien. Walter spricht perfektes Deutsch. Er ist Banater-Schwabe, seine Vorfahren sind vor zweihundertfünfzig Jahren aus Deutschland ausgewandert. Nachdem ich ihm erklärt habe, dass ich an rumänischen Urwäldern interessiert sei, führt er mich in ein Restaurant und lädt mich, (!!) zwecks Kennenlernen, zum Essen ein. Am Abend sitzen wir bei ihm im Wohnzimmer und packen Lebensmittel, Zelte, Isomatten und Schlafsäcke in zwei große Trekking-Rucksäcke und besprechen die vor uns liegenden Touren. Walter ist ganz begeistert endlich wieder jemand in den Wald führen zu können, der nicht am kommerziellen Ausverkauf interessiert ist, sondern an der Erhaltung dessen, was er als sein „Lebenswerk“ betrachtet.

Blickt man aus dem Fenster seines Hauses fällt der Blick auf die Wälder der Region „Rusca Montana“ in denen er für lange Jahre als Forstamtsleiter gearbeitet hat. Er zeigt mir seine handgeschriebenen Dokumente in denen jeder einzelne Baumschlag, jede forstbetriebliche Maßnahme akribisch von ihm festgehalten wurde. Von den 15.000 Hektar Wald die seine Gemeinde unmittelbar umgibt waren zur Zeiten des Kommunismus 7000 Hektar als Urwaldreservate streng geschützt. Die restlichen Wälder wurden von Walter im traditionellen naturnahen Forstbetrieb bewirtschaftet. Auch wenn er kaum ein gutes Haar an der Diktatur Ceausescus lässt, der Natur sagt er, ginge es damals besser, als heute unter den „Raubtierkapitalisten“. Am nächsten Morgen bringt uns ein Förster mit dem Jeep tief in die Wälder zu einer Forsthütte. Von hier an beginnt die Wanderung.Wir schnallen die Rucksäcke auf den Rücken und marschieren einen alten Pfad entlang eines Bergbaches. Der Frühling ist auch hier in vollem Gange. Das frische Hellgrün der Buchen ist atemberaubend schön. Dutzende Vogelstimmen dringen an mein Ohr.

Wir sehen Weinbergschnecken, Feuersalamander und Schmetterlinge, die Luft ist erfüllt von unzähligen Insekten. Irgendwann verlassen wir den Weg und steigen einen bewaldeten Bergkamm steil nach oben. Es ist wie das Eintauchen in eine andere Welt.

Neben der dominanten Buche sind es vor allem die jahrhunderte alte Tannen die das Waldbild prägen. Deren dunklere Zweige bilden einen schönen  Kontrast zum frischen Grün der Laubbäume. Stundenlang laufen wir die Kämme entlang. Wir durchqueren Wälder die zum größten Teil noch nie eine Kettensäge oder Axt zu spüren bekommen haben.

Auch Ahorn, Esche, Fichte und wilde Kirsche findet sich in diesem Lebensraum, der mich total verzaubert. Walter ist ein wandelndes Lexikon. Während den Tagen unserer gemeinsamen Entdeckungen erfahre ich viel über die Försterei. Mein bisher negatives Bild dieses Berufstandes wird dadurch etwas verbessert, indem er mir Wissen aus seinem Berufsleben vermittelt. Die Forstwirtschaft wurde vor zweihundert Jahren in Deutschland erfunden. Der Grundgedanke ist dabei ganz klar – die Nachhaltigkeit. Es sollen immer nur soviel Bäume aus dem Wald herausholt werden, wie in einem festzulegenden Zeitraum auch nachwachsen kann. Naturnahe Forstwirtschaft ist vor allem harte Arbeit. Ein Wald der heranwächst muss gepflegt und sein Zustand sollte im besten Fall dem Naturwald so nahe wie möglich gebracht werden. Der „Plenterhieb“ ist eine der Nutzungsformen, die Walter oft anwenden lies. Dabei werden im Wald nur Löcher geschlagen die so groß sind, dass die Samen der umliegenden, stehengelassenen Bäume die Lücken aus eigener Kraft wieder füllen können. So besteht der Wald trotz Nutzung aus Bäumen mit verschiedenen Alterstufen in denen die Kreisläufe des Lebens zum Großteil erhalten bleiben. Am Abend schlagen wir unsere Zelte auf. Wir befinden uns am höchsten Punkt der Region, auf einer Bergwiese. Der Blick über die umliegenden Wälder ist wunderbar und offenbart doch eindeutig das ganze Ausmaß des Dilemmas. Soweit das Auge reicht sehen wir bewaldete Bergzüge. Am Horizont erkenne ich die letzten Schneereste in den Höhenzügen der Karpaten. Walter muss gar nicht groß erwähnen was ganz offensichtlich vor uns liegt. Seitdem die Revolution vor zwanzig Jahren die Menschen von der Diktatur befreit hat, ist der Kapitalismus auch nach Rumänien geschwappt. Ein strukturschwaches, seit Jahrhunderten in kleinbäuerlichen Strukturen lebendes Land wurde mit allen Segnungen und Flüchen, welche die Möglichkeiten ungezügelter Geldmacht mit sich bringt, konfrontiert. Am Zustand des rumänischen Waldes lässt sich die hässliche Seite dieser Lebensstruktur wunderbar auch dem Laien darstellen. Ich blicke auf Wälder die zum großen Teil verändert wurden. Wo vor wenigen Jahren noch lückenlose Naturwälder standen, klaffen heute große Löcher.

Meist erzeugt durch das Kahlschlagverfahren. Monokulturen verbreiten sich. Die arbeitsaufwendigere Naturverjüngung durch „Plenterhieb“ ist eindeutig auf dem Rückzug. Viele der Naturwaldgebiete wurden der EU deshalb unterschlagen weil man auf die enormen Summen welche die Ausbeutung mit sich bringt einfach nicht verzichten möchte. Die Wälder von „Rusca Montana“ wurden bei der Erhebung überhaupt nicht erwähnt. Walter hat in den vergangenen Jahren dreiundvierzig Anträge gestellt, die Naturwälder seines ehemaligen Bezirkes als Schutzgebiete auszuweisen. Von den 7000 Hektar die noch zu seiner Amtszeit geschützt waren, sind inzwischen weite Teile eingeschlagen. Mit großem persönlichen und finanziellem Aufwand ist es ihm gelungen, zumindest knapp ein Viertel des Gebietes zu schützen. Doch die Kettensägen dringen immer weiter an die Reservatsgrenze vor. Als die strengen Gesetze der Kommunisten verschwunden waren, begann die Zeit der Gier. Persönliche Bereicherung ist seitdem das Maß der Dinge. Korruption- vom kleinen Förster bis zum Minister- belegen das Versagen eines Systems, in dem Alles möglich ist, weil nur die Macht des Geldes noch zählt. Große Konzerne sind ins Land geschwappt und nutzen die Schwächen des politischen Systems zu ihrem Vorteil. Während er sichtlich bewegt auf „seine“ Wälder schaut, bringt es Walter unmissverständlich auf den Punkt: „Wenn die Entwicklung in diesem Tempo weitergeht, sind die Karpaten in zehn Jahren ökologisch entwertet und gleichen den endlosen Holzplantagen im Rest von Europa“. In der ganzen Region kennt er außer ihm Keinen, der sich für die Erhaltung dieser Naturschätze interessiert. Er ist müde geworden. Die Jahre des Kampfes haben Spuren hinterlassen. Ein Mann der sein ganzes Leben im Wald verbracht hat. Der den Wald mit all seinen Geschöpfen und seiner Schönheit liebt. Ihn zu nutzen weiß ohne ihn zu zerstören.

Mit dem Rucksack läuft er immer noch jeden steilen Berg hinauf. Zwängt sich Nächtens in die Enge eines Zeltes und scheint manchmal doch kraftlos. Die Maßlosigkeit der Menschen setzt ihm mehr zu als es das Alter und der Krebs bisher geschafft haben. Walter ist siebenundsiebzig Jahre alt und mir ein echtes Vorbild geworden.

Lebensraum 02.05.2010

Wälder sind neben den Ozeanen die Ökoregionen mit der größten Artenvielfalt auf unserer Erde. Sie sind Schatzkammern des Lebens. Den mit dem Wald verbundenen Kreisläufen verdanken wir Heilung, Nahrung und klares Wasser – die Grundlagen unserer Existenz. Wälder sind für unser Überleben eine Voraussetzung. Wie dumm der Mensch ist, lässt sich an nackten Zahlen einfach darstellen, denn die Entwaldung unseres Planeten geht unvermindert weiter. Zwischen der Jahrtausendwende und dem Jahre 2005 schrumpfte die Waldfläche um mehr als drei Prozent, was einer Fläche von mehr als einer Million Quadratkilometer entspricht.

Wer aufmerksam durch den Wald läuft kann auch bei uns in Deutschland feststellen wie viel Leben im Wald tatsächlich verborgen ist. Wobei man sich im Naturwald um vieles leichter tut. Dort ist die Anzahl an Waldbewohnern und Pflanzenarten ungleich höher als im monotonen Forst. Ich habe die Müritz Region nördlich von Berlin erreicht. Dieser Teil Ostdeutschlands ist recht dünn besiedelt und fast komplett frei von Industrieansiedlungen. Was für viele Menschen vor Ort durch den Mangel an Arbeitsplätzen eine Last bedeutet, ist für Naturfreunde eine Freude. Viele Naturschutzgebiete laden zum Erkunden ein. Ich laufe durch einen Buchen- Birkenwald und erreiche eine kleine Senke, in der sich ein mooriger Erlenbruchwald vor mir ausbreitet. Die aus dem Wasser ragenden Schwarzerlen sind mit Moos bewachsen und vermitteln eine wilde ursprüngliche Atmosphäre.

Am Rande des im Frühjahr überfluteten Waldes steht ein Quadratmeter großes  Holzhäuschen in das ich mich für einen ganzen Tag reinzwängen darf. Es ist ein Fotoversteck und deutet direkt auf ein auf einer Wurzel erbautes Kranichnest.  Trotz der Entfernung von knapp zwanzig Metern kann ich zwei etwa Hühnerei große Eier erkennen. Nachdem ich meine Kamera aufgebaut habe verhalte ich mich still und warte bis die Nestherren zurückkehren, nachdem sie durch meine Ankunft kurzzeitig aufgeschreckt wurden. Keine Viertelstunde später sehe ich zwei elegante storchenähnliche Vögel zwischen den Bäumen langsam durchs Wasser staksen. Es sind wirklich schöne Tiere. Kein Wunder, dass sie in vielen Kulturen als „Vögel des Glücks“ bezeichnet werden. Innerhalb der Brutzeit geht das Leben der Kraniche einen sehr gemächlichen Gang.

Ein Elternteil sitzt in der Regel auf dem Nest und verhilft den Eiern durch die Körperwärme zur Entwicklung. Der Partner ist währenddessen auf Futtersuche und durchstreift die umliegenden Wälder nach Nahrung. Dabei habe ich die Zwei den ganzen Tag nicht einmal fliegen sehen. Der Nestwächter ist immer aufmerksam. Während er mein Versteck als Teil der Umgebung akzeptiert hat, zuckt der lange Hals häufig in die Höhe, um auf etwaige Geräusche reagieren zu können. Gegen Mittag fällt es dem Kranich zusehends schwerer und hin und wieder neigt sich der Kopf nach vorn und die Äuglein fallen zu – zumindest für einige Augenblicke.

Auch wenn fast überhaupt nichts passiert, vergehen die zwölf Stunden wie im Flug und als ich das Versteck abends wieder verlasse, habe ich den Lebensraum Wald wieder etwas besser kennengelernt.

Der Frühling hat inzwischen mit all seiner Kraft Einzug gehalten. Der Wald erstrahlt in frischem Grün in allen Nuancen. Ich möchte jedem, der die Wirkung von Natur auch auf unsere Seele und unser Wohlbefinden bewusst erleben möchte, einen Spaziergang durch einen naturnahen Buchenwald empfehlen. Am Besten an einem leicht bewölkten Tag wenn das ausgeglichene Licht das Grün der Blätter besonders leuchten lässt. Ich besuche eine echte Rarität in unserer heutigen Waldrealität – einen Tiefland-Buchenwald. Keine andere Waldform wurde durch Rodung und Umwandlung in Nadelforste stärker dezimiert als diese.

Die „Heiligen Hallen“ sind ein kleines Buchenwaldreservat mit über 300 Jahre alten Bäumen in dem schon über hundert Jahre keine forstliche Nutzung mehr getätigt wird. Man befindet sich hier in einem Naturwald der sich in der dramatischen Phase des natürlichen Zerfalles befindet. Der zu Ende gehende Lebenszyklus wird gleichzeitig durch sichtbare Verjüngung von einem Kreislauf der Erneuerung überschnitten. 300 jährige und ältere Giganten mit Durchmessern von 1,30 Metern und Höhen bis zu 50 Metern erreichen ihre natürliche Altersgrenze. Sie sterben allmählich ab oder können den Stürmen nicht mehr trotzen und werden zu Boden geworfen.

So ist das Kronendach oft durchbrochen und lässt an den sonnigen Stellen Raum für den Buchennachwuchs. Auf diesem Prinzip beruht auch die ökologische Forstwirtschaft. Mit dem „Schirmschlag“ verfahren wird der natürliche Kreislauf des Lebens simuliert, indem man partiell große Buchen entfernt um Raum und Sonneneinstrahlung für den Nachwuchs zu schaffen. Auf die sogenannte „Clearcut“ Methode, wie ich sie in Kanada, in Skandinavien aber auch in kleineren Dimensionen in unseren Forsten allzu oft gesehen habe, wird verzichtet. Das komplette Abholzen eines gleichaltrigen Forstes ist reine industrielle Holzproduktion und hat mit Natur nichts zu tun. Nutzwälder, die weitestgehenst naturbelassen wachsen, bieten Lebensraum für Tiere und Pflanzen und versorgen uns Menschen mit dem wunderbaren Rohstoff Holz. In der ökologischen Forstwirtschaft werden auch einige Bäume bewusst ungenutzt ihrem natürlichen Ende überlassen was vielen Tierarten (z.B. Spechte, Eulen, Fledermäuse und Insekten) geeignete Nist- und Zufluchtsstätten bietet.

Die „Heiligen Hallen“ sind ein wunderbarer Ort um das Prinzip des „Werdens und Vergehens“ auf eindrucksvolle Weise zu erfahren. Wie schade, dass wir Menschen „echtem Wald“ bisher so wenig Raum gegeben haben.

Deutschlandreise 28.04.2010

Auf der Reise durch meine Heimat komme ich in den hessischen Kellerwald. Heute ist der vornehmlich aus Buchen bestehende Naturraum ein Nationalpark. Bezeichnend für unseren Umgang mit dem Naturerbe ist die Tatsache, dass es fast 18 Jahre gedauert hat um alle Widerstände zu überwinden und ein Gebiet von lächerlichen 6000 Hektar aus der Nutzung zu nehmen.

Damals war es nicht zuletzt das Eingreifen von Greenpeace das den entscheidenden Pusch in Richtung Naturschutz gegeben hat. Insbesondere der unermüdliche Einsatz der ehrenamtlichen Greenpeacer hat geholfen Ängste in der Bevölkerung abzubauen und die Weltuntergangsszenarien der Nationalparks Gegner zu entkräften. In diesem Zusammenhang muss man ganz klar die Aktionen der Greenpeace Gruppe Marburg würdigen, die ähnlich wie bei der „Road to Copenhagen“ mit den Meerjungfrauen (wie hier im Blog beschrieben) als Aktionstools über tausend Laubsägezwerge gebastelt haben. Diese wurden zum Symbol der Kampagne und sind Teil dieser Erfolgsgeschichte. Mich interessieren bei meinem Besuch im Kellerwald zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht die typischen Buchenwälder sondern eine Besonderheit, die es so in dieser Form eigentlich nicht mehr gibt. Ich wandere etwas außerhalb des Nationalparks auf einem Höhenzug zur Halbinsel Scheid. Unter mir sehe ich die aufgestauten Wasser des Edersees der den Park im Norden begrenzt. Auf einer Länge von einem Kilometer passiere ich den einzigartigen Eichenwald der „Kahlen Haardt“.

Mehrhundertjährige Eichen haben sich hier in bizarren Wuchsformen in den nackten Felsen gekrallt. Aufgrund der Unzugänglichkeit des Steilhanges hat niemals ein Mensch eine Axt an diesen Bäumen angesetzt. Durch die Südhanglage hat sich eine besondere, sehr wärmeliebende Vegetation entwickelt, deren Baumschicht sich in erster Linie aus Traubeneichen zusammensetzt. Sie sind ein vegetationsgeschichtliches Relikt und Zeuge einer Zeit, als Mitteleuropa noch großflächig von Eichenwäldern beherrscht war (bis ca. 3000 v.Chr). Im Zuge der nachfolgenden Klimaabkühlung gelangte schließlich die Buche zur Dominanz. Eichenwälder konnten sich nur in kleinen Flächen an besonderen Standorten mit warmen Mikroklima halten. Wie hier am Hang wo sich der Boden im Sommer sehr stark erwärmt.

Es ist schwer zu glauben, dass viele der Bäume älter als 500 Jahre sein sollen, denn ihr niedriger und oft verdrehter Wuchs lässt das wahre Alter nur erahnen. Während die umstehenden Buchen und Elsbeeren schon grüne Blätter austreiben, stehen die Eichen noch kahl im Hang. Sie strahlen gespenstische Schönheit aus und ermöglichen es mir faszinierende Bilder zu schießen.

Die Reise führt mich in die Sächsische Schweiz östlich von Dresden. Hier befindet sich eine wunderschöne Erosionslandschaft, von der ich mir Fotos erhoffe die geschlossene Waldlandschaften zeigen ohne Zeichen von menschlichem Einfluss. Es ist nämlich gar nicht so leicht in Deutschland Ansichten zu finden, die einen unberührten Naturraum zeigen, der nicht irgendwo durch eine Straße, einen Strommasten oder Ähnliches durchschnitten ist. Die Sandsteinfelsen im Nationalpark sind wirklich wunderschön und laden zum Klettern und Träumen ein. Die pitoreske Schönheit der Natur hat die Menschen schon früh in ihren Bann gezogen.

So ist die berühmte Brücke, welche die Steintürme der Bastei miteinander verbindet, das erste Bauwerk das ausschließlich zur touristischen Nutzung errichtet wurde. Ich erreiche das Gebiet in der Nacht um Ein Uhr und laufe die Route der Aussichtsplattformen im Schein des fast vollen Mondes ab um mir ein Bild der Lage zu machen. In der Dunkelheit erscheint die Landschaft noch märchenhafter. Störend wirken nur die Güterzüge, deren lautes Dröhnen vom Fuße des nahen Elbtales wie ein Echo nach oben dringt. Scheinbar die ganze Nacht ist der Warenfluss zwischen Deutschland und der tschechischen Republik in Bewegung. Die Grenze verläuft direkt am Fuße der Bastei. Den Bergen zugewandt, ist die Natur auch auf der tschechischen Seite in Form des Nationalparks Böhmische Schweiz geschützt. Pünktlich zum Sonnenaufgang sitze ich auf einem der Felsen und richte meinen Blick auf die Schluchtwälder der steil abfallenden Sandsteinformationen.

Durch ihre Unzugänglichkeit sind diese Bereiche des Nationalparks besonders naturnah und mit einer Vielzahl verschiedener Baumarten bewachsen. Im zentralen Teil des Nationalparks finde ich die ersehnten Ausblicke über geschlossene Waldlandschaften. Doch sind diese Wälder, nach jahrhundertelanger forstwirtschaftlicher Nutzung, weit davon entfernt urwaldähnliche Strukturen aufzuweisen. So dominiert auch hier die zur Holzerzeugung angepflanzte Fichte. Auf meiner Wanderung zum Sandsteinfelsen „Winterstein“, der einen wunderschönen Panoramaausblick auf alle Bereiche des Nationalparks verspricht, passiere ich immer wieder Bereiche in denen Holz eingeschlagen wird. Dies mag auf den ersten Blick erstaunen, denn in einem Nationalpark dürfen in der Regel keine Eingriffe an der Natur stattfinden. In diesem Fall wird versucht, die Sünden der Vergangenheit zu reparieren. Durch anhaltende Luftverschmutzung und das deutlich erwärmte Klima sind viele der ortsfremden Fichten geschädigt. Borkenkäfer haben die kranken Bäume befallen und durch Fraßgänge unter der Rinde die Fichte zum Absterben gebracht. Um eine Massenausbreitung des Käfers zu verhindern werden die toten Bäume entfernt um so gleichzeitig heimischen Baumarten wie Buche, Eiche, Weißtanne und Kiefer bessere Wuchsbedingungen zu bieten. Dieser Umbau steht weiten Teilen der deutschen Forstwälder bevor, denn der Klimawandel hat gerade erst begonnen. So wird es allerhöchste Zeit, dass wir auf eine völlig verfehlte, nur auf Gewinnmaximierung orientierte Forstpolitik reagieren, wenn wir unsere Wälder auch in einer veränderten Zukunft erhalten wollen.

Nichts desto Trotz ist dieser Teil unseres Landes einer der Schönsten die ich bisher besucht habe. Hierher komme ich garantiert zurück. Doch jetzt habe ich erstmal ein Date mit einem sehr fotogenen Vogel.

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