Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Archiv: Juni 2010

Südländische Fülle 03.06.2010

Das Thema Wald und Südeuropa ist keine Erfolgsgeschichte. Von Griechenland bis Portugal sind ursprüngliche Wälder schon frühzeitig im großen Maßstab verschwunden. Schaut man sich die Reste der ehemaligen Vegetation genauer an, ist dies sehr bedauerlich, denn der mediterrane Wald ist sehr artenreich und weist immer wieder auch vereinzelte Merkmale gemäßigten Regenwaldes auf. Die Reise führt uns nach Italien, auf die Halbinsel Gargano. Diese liegt in Apulien und wird wegen ihrer Form auch als Sporn des italienischen Stiefels bezeichnet. Hier soll es in den regenreichen Hängen des Vorgebirges noch ausgedehnte Beispiele vom „Wald des Südens“ geben.

Während sich die Familie auf ein paar Tage Badespaß in der nahe gelegenen Adria freut, zieht es mich sehr schnell in die schattenreichen Wanderwege des Nationalparks. Wenn ich die planlos verbauten Strandabschnitte sehe, bei denen sich ein Campingplatz und Club an den anderen reiht, regt sich bei mir eine große Abneigung und ich bin froh keinen derartigen Urlaub ertragen zu müssen. Die Fahrt hinauf zum Wald führt zuerst vorbei an auffällig vielen Koniferen. Das sind artfremde Kieferngewächse die zur Aufforstung angepflanzt wurden. Solch ein Blödsinn. Spätestens wenn die ersten Eichen den eigentlichen Wald ankündigen kann man solch eine Fremdpflanzung nicht mehr verstehen. Der Wald ist dicht und mit erstaunlich großen Bäumen bewachsen. In den höheren Lagen dominiert eindeutig die Buche, die den Lebensraum mit Ahorn, Eiben und Hainbuchen teilt. Der „Foresta Umbra“ ist Staatswald innerhalb dessen Grenzen auf fast 1000 Hektar seit längerer Zeit menschliche Eingriffe unterbleiben. In diesen Gebieten kommt die Vegetation einem Urwald tatsächlich sehr nahe.

Was diesen mediterranen Mischwald am augenscheinlichsten von anderen Wäldern weiter im Norden unterscheidet ist der immergrüne Strauchbewuchs wie er auch in der Macchie, der südländischen Hartlaubvegetation vorkommt. Eine durch jahrtausende andauernde Übernutzung entstandene degradierte Form der ehemaligen Eichenwälder. Außerdem sind die langstämmigen Buchen nicht selten von Lianen und Efeu bewachsen, welche dem Wald eine dschungelähnliche Atmosphäre verschaffen. Ein interessanter Zweig im breiten Spektrum europäischer Wälder, leider nur noch in kleinen Resten vorhanden. Ausgedehnte Wälder finden wir etwas weiter nördlich im Nationalpark Abruzzen.

In diesen dünn besiedelten Bergregionen Italiens ist tatsächlich eine halbwegs stabile Bärenpopulation zu Hause. Selbst Wölfe streifen durch die Täler. Eine Rotte Wildschweine sind die einzigen Großtiere, die wir leibhaftig zu sehen bekommen. Wir treffen Bruno D´Amicis, einen befreundeten Naturfotografen, der in dieser Region praktisch jeden Stein persönlich kennt. Bruno ist so nett und zeigt uns auf der Karte eine Route, die uns zu den schönsten naturnahen Wäldern der Region führt. Da wir nur begrenzt Zeit zur Verfügung haben sind solche Tipps natürlich unbezahlbar. Dankbar nehmen wir seine Anregungen an und starten einen die Ferien abschließenden langen Wandertag.

Nachdem es in den vergangenen Tagen wiederum stark geregnet hat, erwischen wir die perfekte Zeit zum Fotografieren. Sich auflösender Nebel wechselt in eine Bewölkung durch die im Tagesverlauf die Sonne durchbricht und ein strahlendes, warmes Abendlicht bereithält. Die Wanderung beginnt auf einer Passhöhe, an der wir das Auto abstellen. Durch eine kleine Schlucht laufen wir nach oben. Auf diesem Weg werden im Sommer die Kühe auf die Almwiesen getrieben. Auffällig sind die Flechten die an den Bäumen wachsen und ihnen einen märchenhaften Charakter verleihen.

Wir treffen ausschließlich auf Laubwälder, die Buche ist hier der unangefochtene Regent. Erstaunlicherweise befindet sich die Baumgrenze hier weit über 1500 m und das mit einer Art die sich bei uns um 800 Höhenmeter wohlfühlt. Über einen steinigen Grad, der mit Frühlingsblumen übersät ist, blicken wir in Täler, deren Bewuchs sich mit makellosen Buchenbeständen die Hänge hochziehen. Wir tauchen ein in die Wälder und sehen auch hier Urwaldstrukturen in den meisten Bereichen des von Bruno genannten Gebietes. Gegen Abend als das dominierende Sonnenlicht weitere Aufnahmen unter den Baumkronen unmöglich macht, verlassen wir den Wald und steigen über einen schmalen Schneerest die steile Bergwand zum nahen Gipfel auf fast 2000 Höhenmeter. Der 360 Grad Blick auf die Landschaft der Abruzzen ist atemberaubend.

Mein Blick fällt auf eine alpine Fläche die aus der Ferne blau zu uns rüberleuchtet. Pünktlich zum Sonnenuntergang erreichen wir die Wiese und stehen in einem Meer aus Stiefmütterchen, deren Schönheit mir zu einem würdigen Abschluss an einem tollen Fototag verhelfen.

Das Experiment Familienurlaub und Fotografieren für das Projekt zu kombinieren ist gelungen. Allen hat die abwechslungs- und lehrreiche Zeit gefallen. Auf mich wartet nun Europas wohl „wildester Wald“ in Russlands fernem Ural. Ich bin sehr gespannt.

Ein Hauch von Wildnis 29.05.2010

Die Reise in die wilden Wälder Europas führt mich zu unseren Nachbarn nach Niederösterreich. Es ist die Zeit der Pfingstferien was mich in den Genuss bringt mit Familienanhang auf Entdeckungstour zu gehen. Meine Freundin Elfriede mit ihren zwei Kindern Sophie (11) und Felix (13) begleiten mich zum einzigen wirklichen Wildnisgebiet im deutschsprachigen Raum um den fast 1900 m hohen Gipfel des Dürrenstein Berges. Als wir in der Region ankommen sind wir von Anfang an beeindruckt wie dünn Besiedelt dieser Landstrich in den Ybbstaler Alpen ist. Ausgedehnte Wälder ziehen sich die Berghänge hinauf und die Dörfer haben in weiten Teilen ihren traditionellen Charakter erhalten. Besonders die Rothschildhäuser haben es uns angetan. Von der Familie Rothschild als Herrenhäuser und Forsthäuser gebaut kommt diese Bauform nur hier in den Tälern um die Wälder des Dürrenstein Massivs vor. Der Familie Rothschild haben wir es auch zu verdanken das sich auf fast 500 Hektar Fläche ein Mischwald erhalten hat, der seit der letzten Eiszeit keine Axt bzw. Säge mehr erblickte.

Aus heutiger Sicht eine wirkliche Sensation in einem Land, das seit Jahrhunderten intensive Forstwirtschaft betreibt. Albrecht Rothschild entschloss sich im Jahre 1875 in Sinne des Umweltschutzes das Gebiet als Primärwald für die Nachwelt zu erhalten. Heute ist der sogenannte Rothwald Teil der Kernzonen des Wildnisgebietes Dürrenstein. Menschen haben nur im Rahmen limitierter und geführter Touren Zutritt. Der Urwald selbst ist wegen seiner sensiblen Kreisläufe für Besucher gesperrt. Neugierige Entdecker werden aber wohl in erster Linie von der Unzugänglichkeit des Gebietes abgeschreckt. Im endlos erscheinenden Meer der Forstwälder ist der Urwald, sollte man seine Lage nicht genau kennen, fast unauffindbar. Wir haben das Glück, dank meines beruflichen Backgrounds, eine exklusive Führung in den Urwald mit dem zuständigen Ranger zu bekommen. Hans ist ein sehr sympathischer Mensch mit dem wir uns sofort blendend verstehen. Über holprige Forststraßen fahren wir durch die forstlich genutzten Wälder. Immer wieder sehen wir das Massiv des Dürrenstein über die Baumwipfel ragen. Als der Fahrweg endet laufen wir über einen schmalen Pfad ins Unterholz.

Obwohl die umliegenden Wälder zum Teil recht naturnah bewirtschaftet werden spüre ich sofort als wir die imaginäre Linie in den Primärwald überschreiten. Ich habe im Rahmen dieses Projektes in relativ kurzer Zeit viele Urwaldreste in Europa besucht. Trotzdem ist es jedes Mal wieder auf ein Neues ein intensives Erleben, durch einen Baumbestand zu laufen in dem sich die Natur nach ihren Regeln frei entwickeln kann. Schnell merken wir warum man dieses sensible Ökosystem unter Verschluss halten muss. Würden hier unkontrolliert viele Menschen über den Waldboden marschieren wäre ein Großteil der am Boden wachsenden Flora wie Pilze, Moose, Blumen und Farne gefährdet. Der Urwald ist einfach zu klein als das er einem großen Besucheransturm gewachsen wäre.

Besonders schön ist eine Stelle, an der ein riesiger alter Stamm einen Bach aufgestaut hat, über dem sich das Nass in einem kleinen Wasserfall weiter talwärts bewegt. Vergleicht man den Artenreichtum auf dem Waldboden im Urwald mit bei uns üblichen Nutzwäldern, so kann man sehr leicht erkennen wie schwer es viele Lebensformen haben sich im gängigen Forstwald durchzusetzen. Besonders jetzt im Frühjahr entdeckt man hier neu entstehendes Leben in allen Ecken, Ritzen und Mulden. Auch für die Kinder ist die Exkursion mit Hans dem Ranger sehr lehrreich. Sie bekommen die Besonderheiten eines Naturwaldes direkt vom Fachmann geschildert.

Nach diesem Erlebnis besteht im Familienrat Einigkeit das wir diese schöne Landschaft auch noch aus einer anderen Perspektive erleben wollen. Zwei Tage später planen wir eine Besteigung des Dürrensteins. In Gedanken stelle ich mir die Fotos vor die ich, einer Luftaufnahme ähnlich, von dort oben vom Urwald machen könnte. Mitten in der Nacht verlassen wir die Behaglichkeit der Betten und fahren im Schein des Vollmondes die Bergstraße hinauf zur Ybbstalhütte. Die Genehmigung vom örtlichen Förster ermöglicht uns auf halbe Höhe mit dem Auto zu fahren. Aus fotografischer Sicht ist es wichtig zum Sonnenaufgang kurz vor fünf Uhr auf dem Gipfel zu sein um das bestmögliche Licht zur Bildgestaltung zu nutzen. Nach starkem Regen am Vortag versprechen der klare Sternenhimmel und einige Restwolken großartige Stimmungen. Dass ich trotz frühzeitigem Aufstehen das beste Licht um eine knappe halbe Stunde verpasse ist schon fast zu peinlich um es hier aufzuschreiben. Doch Fehler passieren und die Folgen muss man akzeptieren. Ich fahre am Fuße des Berges aus Versehen in eine Abzweigung des Hauptweges die zwar Ausgeschildert war, sich aber wenige hundert Meter später als reiner Wanderweg entpuppt. Was für ein Bild müssen wir abgegeben haben als wir mitten in der Nacht, mitten im Nichts, mit unserem ungelenken Kastenwagen am Berghang stecken geblieben sind. In Millimeterarbeit haben wir dann das Auto wieder zurückgesetzt. Teilweise ging es zur einen Seite steil bergab so dass wir alle heilfroh waren als wir wieder am Ausgangspunkt ankamen. Diese ganze Aktion hat uns aber fast anderthalb Stunden gekostet. Obwohl ich beim Aufstieg die letzten Meter fast gerannt bin war an ein pünktliches Ankommen nicht mehr zu denken. Die Tour hinauf auf den Dürrenstein war trotzdem grandios. Die Blicke in alle Himmelsrichtungen bestätigen den Eindruck einer sehr naturreichen Region. Stolz tragen wir uns in Gipfelbuch ein und genießen die herrlichen Panoramen.

Man sieht unheimlich viel bewaldete Bergzüge, doch der Blick auf den Urwaldteil ist vom Gipfel aus durch einen Vorgelagerten weniger hohen Berg verstellt. Zusammen mit Felix beschließen wir unserer Wanderung ein echtes Outdoor Erlebnis anzuhängen. Wir steigen auf der Gegenseite des Dürrenstein über die sehr steilen Hänge hinab und laufen in einer Senke zu dem den Blick versperrenden Felsbrocken. Dabei ist es stellenweise so steil das ich mich nur vorantraue indem ich mich an Grasbüscheln festhalte die zum Glück immer wieder auf den Geröllfeldern wachsen.

Felix ist da wesentlich gelenkiger. Der Bursche besucht seit einiger Zeit einen Kletterkurs und weist mit seinen dreizehn Jahren eine Trittsicherheit auf die mich staunen lässt. Wir entdecken eine kleine Höhle von deren Wänden Wasser auf den Boden tropft. Eine gute Gelegenheit die Trinkflaschen aufzufüllen. Es ist fast Mittagszeit und die Sonne entfaltet eine starke Kraft. Man merkt heute zum ersten Mal das der Sommer vor der Türe steht. Als wir nach einem erneuten sehr steilen Aufstieg am Grad des Berges ankommen werden wir für unsere Mühen belohnt. Der Rothwald breitet sich vor uns aus und ich kann meine erhofften Bilder machen.

Das frische grün der Buchen und der dunkle Teint der Tannen und Fichten geben schöne Kontraste. Dazwischen sehen wir auch immer wieder tote Stämme stehen, ein sicheres Indiz für einen Naturwald. Vor allem aber sehen wir die Unterschiede zu den Forstwäldern die den Urwald unmittelbar umgeben. Auch hier gibt es große Unterschiede. Während die Menge naturnaher Mischwälder erfreulich groß ist, erkennen wir auch immer wieder Fischten Monokulturen. Diese sind nicht selten von Borkenkäfernestern befallen, eine Problematik auf die ich im meinem letzten Bericht über den bayrischen Wald ausführlich eingegangen bin. Während ich fotografiere erkundet Felix den Bergzug und berichtet mir von über achtzig Gemsen die er entdeckt hat. Doch die Kraft auch noch auf Gemsensafari zu gehen reicht nicht aus. Ich muss noch die Ausrüstung und meinen alten Körper über den Gipfel des Dürrensteins zurück zum Auto schleppen. Die Kräfte wollen eingeteilt sein, denn sie sind nicht endlos. Am kommenden Tag war der männliche Teil unserer Gemeinschaft zwar hochzufrieden, aber ungemein still und träge. Es fühlte sich noch lange Zeit an als würden alle Muskeln katern. Herrlich.

Zeit des Erwachens 23.05.2010

Der Blick vom 1373 m hohen Gipfel des Lusens fällt auf eine riesige Fläche des Hochwaldes, die sich über beide Teile der Landesgrenze zieht. Während sich in tieferen Lagen die Baumbestände aus Buchen, Fichten und Tannen zusammensetzen, wachsen in den Hochlagen nur die kälteverträglichen Fichten.

Der Anblick der sich dem Wanderer bietet wirkt unreal und beängstigend. Unzählige graue Baumskelette ragen in den Himmel. Kaum ein Baum hat dieses apokalyptische Szenario überstanden. Schuld an diesem Massensterben ist ein paar Millimeter großer Knirps, der Borkenkäfer. Als Anfang der achtziger Jahre ein Sturm etwa 70.000 Festmeter Holz auf den Boden knickte, entschied der damalige Minister Hans Eisenmann, 30.000 Festmeter davon liegen zu lassen. Dies sollte eigentlich eine selbstverständliche Entscheidung sein. Die Idee, die hinter einem Nationalpark steckt, ist es ja die Natur „Natur sein zu lassen“ und in diese Gebiete nicht mehr einzugreifen. Doch Leben wir nun mal in einer vom Menschen so stark veränderten Umwelt, dass die Folgen natürlicher Einflüsse wie z.B.  Stürme dramatische Auswirkungen auf die Natur haben können.

Ein angeschlagener kranker Fichtenbestand ist ein idealer Lebensraum für den Borkenkäfer. Im Forstwald werden die Sturmschäden sofort beseitigt, so dass es nicht zum Ausbruch einer Massenvermehrung des kleinen gefräßigen Gesellen kommen kann. Was macht man aber in einem Gebiet, das sich selbst überlassen wird? Ein Gebiet, das sich auf dem Weg zurück zur Wildnis befindet? Die damalige Entscheidung des Ministers hatte schwerwiegende Folgen, die bis heute sichtbar sind und wohl noch für viele Jahre das Volk in zwei konkurrierende Lager teilen wird. Es kam wie es kommen musste. Der Borkenkäfer begann sich im Sturmholz wohlzufühlen. Zur Eiablage bohrt er Gänge in die Rinde oder direkt ins Holz. Dadurch entstehen die Brutsysteme. Besonders die Larven der Rindenbrüter (z.B. des Buchdruckers) sind eine Gefahr für den Baum.  Sie ernähren sich von den saftführenden Schichten in der Rinde. Diese sind die Lebensadern des Baumes, weshalb ein Befall meist zum Absterben desselben führt. Der Nationalpark Bayrischer Wald sollte für den Borkenkäfer in den kommenden Jahrzehnten zum Schlaraffenland werden.

Weitere Stürme führten zu weiteren Windbrüchen welche zu immer neuen „Käferlöchern“ führten. Diese breiteten sich aus und verschmolzen schließlich zu großen Gebieten. Die Population erhöhte sich in den Folgejahren so stark, dass sogar gesunde, stehende Fichten angefallen wurden und dem unweigerlichen Ende entgegen sahen. Besonders dramatisch war die Entwicklung während der 90er Jahre. Just in der Zeit als man die Fläche des Parks auf die heutigen 24.000 Hektar vergrößern wollte, konnte man dem rasanten Niedergang der „wogenden Waldlandschaften“ innerhalb kürzester Zeit verfolgen. Es gab heftigen Widerstand in der Bevölkerung, welche die Vernichtung „ihres Naturerbes“ nicht tatenlos mit ansehen wollten. Aus heutiger Sicht grenzt es fast an ein Wunder, dass sich die Nationalparks Befürworter haben durchsetzen können.

Der Park wurde vergrößert, der Entwicklung freien Lauf gelassen. Nur in den Randlagen wurde und wird der Käfer bekämpft, um ein Überspringen auf private Wälder zu verhindern. Aus fotografischer Sicht ist dieser morbide Anblick sehr reizvoll, es entstehen Bilder, die ihre ganz eigene Stimmung entfalten. Zusammen mit meinen Kollegen, die ebenfalls am Fotografentreffen teilgenommen haben, gelingt es uns die Situation mit vielen eindrücklichen Aufnahmen festzuhalten. Auch wenn es auf den ersten Blick so erscheint, so kann vom Ende der Welt keine Rede sein, im Gegenteil.

So schnell sich der Niedergang der Fichten Monokulturen vollzogen hat, so rasant erfolgt die Wiederauferstehung. Überall wachsen junge Ebereschen, Fichten und Buchen. Ein gemischter Jungwald ist am entstehen. Selbst in den Höhenlagen wo es die Natur, bedingt durch das raue Winterklima, am schwersten hat regt sich wieder Nachwuchs zwischen dem Todholz. Hier wurde aus meiner Sicht genau das Richtige getan. Durch mutige Entscheidungen kann hier im Laufe der kommenden Generationen ein echtes Naturjuwel entstehen, welches für andere Regionen zum Vorbild werden wird.

Über die Grenzen des Nationalparks hinaus fangen die Probleme nämlich gerade erst an. Als die Forstwälder Mitteleuropas fast zur Gänze in Fichtenreinbestände umgewandelt wurden, hat man sich ein riesiges Problem geschaffen, welches in relativ kurzen Zeiträumen gelöst werden muss. Bedingt durch die Klimaerwärmung und die damit einhergehende steigende Zahl an Wetterextremen, wird es die ortsfremde Fichte in unseren Breitengraden immer schwerer haben zu überleben. Zudem ihr fast flaches Wurzelwerk sie schon für mittelschwere Stürme sehr anfällig macht, und sie sehr schnell umknicken können. Die Buchen, die in vielen teilen Europas vor einigen Jahrzehnten den Fichten haben weichen müssen, sind besser auf das wärmere Klima angepasst.

Doch auch die Buche wird zunehmend Schwierigkeiten bekommen, zumindest regional. Schon heute zeigen die Bäume in manchen Teilen Ostdeutschlands in besonders heißen regenarmen Sommern erste Anzeichen von Hitzestress. Dieser wird zunehmen, je trockener die Landstriche werden. Trotz aller Horrorszenarien die einem im Kopf herumschwirren wenn man über die Folgen des Klimawandels nachdenkt verlasse ich den Bayrischen Wald mit einer positiven fast euphorischen Stimmung. Hier kann man allen Ignoranten und Ewiggestrigen vorführen, dass die Natur durchaus in der Lage ist, sich selbst wieder ins Gleichgewicht zu bringen, egal wie stark der Mensch zuvor an ihr herumgemurkst hat. Ein Besuch in Deutschlands ältestem Nationalpark möchte ich jedem Naturinteressierten empfehlen.

Der Höllenbach ist wunderschön 21.05.2010

Auf Einladung der Parkverwaltung „Bayrischer Wald“ bin ich in Deutschlands ältesten Nationalpark gefahren. Zum 40- jährigen Jubiläum wurden einige Kollegen und ich zum viertägigen fotografischen Rundgang geladen. Die aktuelle Situation dieser Waldlandschaft an der Landesgrenze zur tschechischen Republik sollte mit schönen Bildern dargestellt werden.

Immerhin bildet der Bayrische Wald zusammen mit dem Nationalpark Böhmerwald auf der tschechischen Seite die größte zusammenhängende Waldfläche Mitteleuropas. Ich bin dieser Einladung gerne gefolgt, passt sie doch perfekt in mein aktuelles Projekt über „Europas wilde Wälder“. Die Nationalparks-Idee entstand in den USA, wo mit dem Yellowstone Park das erste großflächige Schutzgebiet der Erde eingerichtet wurde. Heute gibt es weltweit tausende solcher Parks, die die Vielfalt des Lebens auf der Erde schützen sollen. Oftmals sieht die Situation auf dem Papier wesentlich besser aus als die Realität vor Ort. Unzählige Male habe ich selbst erlebt, wie Missmanagement, Korruption und mangelnde Überwachung den Grundgedanken der Nationalparks ad absurdum geführt haben, auch bei uns in Europa.

Über ein unfähiges Management kann sich der Nationalpark Bayrischer Wald nicht beklagen. Viele Mitarbeiter generieren sich aus den Leuten, die früher in den Wäldern als Förster gearbeitet haben. Wenn man bei uns in Deutschland Natur schützen will besteht die Hauptschwierigkeit darin, dass jeder Winkel im Land irgendwie und von irgendjemanden genutzt wurde und wird. Als vor 40 Jahren das Waldgebiet zwischen den Gipfeln des Rachel und des Lusens aus der Nutzung genommen wurde, war dies insofern machbar, als dass es sich dabei um Staatswald gehandelt hatte und keine privaten Waldbauern entschädigt werden mussten. Ein weitaus größeres Problem bei solchen „zurück zur Natur“ oder „Wildnis wagen“ Prozessen sind oftmals die Ängste der Bevölkerung.

Die Geschichte des Bayrischen Waldes ist da geradezu ein Paradebeispiel und dauert bis heute an. Was sich hier abspielt kann wie eine Schablone auf alle zukünftigen Abläufe im Naturschutz genutzt werden. Durch die sich abzeichnende Klimaerwärmung stehen wir gerade am Anfang einer Entwicklung die sehr tiefgreifend sein wird. Man wird sich in Zukunft fragen, warum man die Zeichen der Zeit nicht schon früher erkannt und alte Denkmuster und Gewohnheiten viel schneller verworfen hat. Der bayrische Wald ist ein riesiges Freiluftlabor, ein Blick in die Zukunft, ein Ängste verbreitendes Ungetüm oder, je nach Blickwinkel, ein wirklich großer Hoffnungsschimmer. Dazu aber später mehr.

Zuerst fahre ich in den nördlichen, jüngeren Teil des Nationalparks. In der Nähe des Falkenstein Gipfels gibt es eine kleine Schlucht. Diese ermöglicht Einblicke wie es in bayrischen Wäldern aussehen könnte, hätte der Mensch die Natur nicht zur Nutzung massiv verändert. Zusammen mit einem Kollegen laufe ich von oben kommend dem kleinen Pfad entlang des Höllbachs. Im weiteren Verlauf fällt dieser Wasserlauf in mehreren Kaskaden die Felsen hinab. Das „Höllbachgespreng“ erweißt sich für mich als absoluten fotografischen Glücksfall.

Hier entstehen Motive vom Wald, wie man ihn sich früher bei der Lektüre alter Märchenbücher vorgestellt hat. Der Boden ist übersät mit felsigem Granit. Überall wachsen Moose und die gelben Knospen der Sumpfdotterblumen setzen frühlingshafte Akzente. Ein Ort, an dem Kobolde und Gnome wohnen „müssen“. Selten habe ich ein so fotogenes Fleckchen Natur erlebt wie hier im Bayernwald. Jahrhunderte alte Fichten recken ihre Wurzeln über Granitblöcke und ihre toten Artgenossen versorgen die kommenden Baumgenerationen in ihrem Verwitterungsprozess mit Nährstoffen. Wir haben Glück, fast den ganzen Tag filtert eine geschlossene Wolkendecke das harte Sonnenlicht und bietet ideale Arbeitsbedingungen.

Wie ein kleiner Junge klettere ich über Wurzeln, erkunde kleine Höhlen, und entdecke auch im Detail immer wieder Neues und Schönes. Durch die zeitlich aufwendige Fotografie vergeht der Tag wie im Flug und man vergisst dabei fast wie winzig dieses wunderbare Kleinod doch ist. Besser hätte der Aufenthalt im Nationalpark nicht beginnen können.

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