Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Zeit des Erwachens 23.05.2010

Der Blick vom 1373 m hohen Gipfel des Lusens fällt auf eine riesige Fläche des Hochwaldes, die sich über beide Teile der Landesgrenze zieht. Während sich in tieferen Lagen die Baumbestände aus Buchen, Fichten und Tannen zusammensetzen, wachsen in den Hochlagen nur die kälteverträglichen Fichten.

Der Anblick der sich dem Wanderer bietet wirkt unreal und beängstigend. Unzählige graue Baumskelette ragen in den Himmel. Kaum ein Baum hat dieses apokalyptische Szenario überstanden. Schuld an diesem Massensterben ist ein paar Millimeter großer Knirps, der Borkenkäfer. Als Anfang der achtziger Jahre ein Sturm etwa 70.000 Festmeter Holz auf den Boden knickte, entschied der damalige Minister Hans Eisenmann, 30.000 Festmeter davon liegen zu lassen. Dies sollte eigentlich eine selbstverständliche Entscheidung sein. Die Idee, die hinter einem Nationalpark steckt, ist es ja die Natur „Natur sein zu lassen“ und in diese Gebiete nicht mehr einzugreifen. Doch Leben wir nun mal in einer vom Menschen so stark veränderten Umwelt, dass die Folgen natürlicher Einflüsse wie z.B.  Stürme dramatische Auswirkungen auf die Natur haben können.

Ein angeschlagener kranker Fichtenbestand ist ein idealer Lebensraum für den Borkenkäfer. Im Forstwald werden die Sturmschäden sofort beseitigt, so dass es nicht zum Ausbruch einer Massenvermehrung des kleinen gefräßigen Gesellen kommen kann. Was macht man aber in einem Gebiet, das sich selbst überlassen wird? Ein Gebiet, das sich auf dem Weg zurück zur Wildnis befindet? Die damalige Entscheidung des Ministers hatte schwerwiegende Folgen, die bis heute sichtbar sind und wohl noch für viele Jahre das Volk in zwei konkurrierende Lager teilen wird. Es kam wie es kommen musste. Der Borkenkäfer begann sich im Sturmholz wohlzufühlen. Zur Eiablage bohrt er Gänge in die Rinde oder direkt ins Holz. Dadurch entstehen die Brutsysteme. Besonders die Larven der Rindenbrüter (z.B. des Buchdruckers) sind eine Gefahr für den Baum.  Sie ernähren sich von den saftführenden Schichten in der Rinde. Diese sind die Lebensadern des Baumes, weshalb ein Befall meist zum Absterben desselben führt. Der Nationalpark Bayrischer Wald sollte für den Borkenkäfer in den kommenden Jahrzehnten zum Schlaraffenland werden.

Weitere Stürme führten zu weiteren Windbrüchen welche zu immer neuen „Käferlöchern“ führten. Diese breiteten sich aus und verschmolzen schließlich zu großen Gebieten. Die Population erhöhte sich in den Folgejahren so stark, dass sogar gesunde, stehende Fichten angefallen wurden und dem unweigerlichen Ende entgegen sahen. Besonders dramatisch war die Entwicklung während der 90er Jahre. Just in der Zeit als man die Fläche des Parks auf die heutigen 24.000 Hektar vergrößern wollte, konnte man dem rasanten Niedergang der „wogenden Waldlandschaften“ innerhalb kürzester Zeit verfolgen. Es gab heftigen Widerstand in der Bevölkerung, welche die Vernichtung „ihres Naturerbes“ nicht tatenlos mit ansehen wollten. Aus heutiger Sicht grenzt es fast an ein Wunder, dass sich die Nationalparks Befürworter haben durchsetzen können.

Der Park wurde vergrößert, der Entwicklung freien Lauf gelassen. Nur in den Randlagen wurde und wird der Käfer bekämpft, um ein Überspringen auf private Wälder zu verhindern. Aus fotografischer Sicht ist dieser morbide Anblick sehr reizvoll, es entstehen Bilder, die ihre ganz eigene Stimmung entfalten. Zusammen mit meinen Kollegen, die ebenfalls am Fotografentreffen teilgenommen haben, gelingt es uns die Situation mit vielen eindrücklichen Aufnahmen festzuhalten. Auch wenn es auf den ersten Blick so erscheint, so kann vom Ende der Welt keine Rede sein, im Gegenteil.

So schnell sich der Niedergang der Fichten Monokulturen vollzogen hat, so rasant erfolgt die Wiederauferstehung. Überall wachsen junge Ebereschen, Fichten und Buchen. Ein gemischter Jungwald ist am entstehen. Selbst in den Höhenlagen wo es die Natur, bedingt durch das raue Winterklima, am schwersten hat regt sich wieder Nachwuchs zwischen dem Todholz. Hier wurde aus meiner Sicht genau das Richtige getan. Durch mutige Entscheidungen kann hier im Laufe der kommenden Generationen ein echtes Naturjuwel entstehen, welches für andere Regionen zum Vorbild werden wird.

Über die Grenzen des Nationalparks hinaus fangen die Probleme nämlich gerade erst an. Als die Forstwälder Mitteleuropas fast zur Gänze in Fichtenreinbestände umgewandelt wurden, hat man sich ein riesiges Problem geschaffen, welches in relativ kurzen Zeiträumen gelöst werden muss. Bedingt durch die Klimaerwärmung und die damit einhergehende steigende Zahl an Wetterextremen, wird es die ortsfremde Fichte in unseren Breitengraden immer schwerer haben zu überleben. Zudem ihr fast flaches Wurzelwerk sie schon für mittelschwere Stürme sehr anfällig macht, und sie sehr schnell umknicken können. Die Buchen, die in vielen teilen Europas vor einigen Jahrzehnten den Fichten haben weichen müssen, sind besser auf das wärmere Klima angepasst.

Doch auch die Buche wird zunehmend Schwierigkeiten bekommen, zumindest regional. Schon heute zeigen die Bäume in manchen Teilen Ostdeutschlands in besonders heißen regenarmen Sommern erste Anzeichen von Hitzestress. Dieser wird zunehmen, je trockener die Landstriche werden. Trotz aller Horrorszenarien die einem im Kopf herumschwirren wenn man über die Folgen des Klimawandels nachdenkt verlasse ich den Bayrischen Wald mit einer positiven fast euphorischen Stimmung. Hier kann man allen Ignoranten und Ewiggestrigen vorführen, dass die Natur durchaus in der Lage ist, sich selbst wieder ins Gleichgewicht zu bringen, egal wie stark der Mensch zuvor an ihr herumgemurkst hat. Ein Besuch in Deutschlands ältestem Nationalpark möchte ich jedem Naturinteressierten empfehlen.

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