Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Ein Hauch von Wildnis 29.05.2010

Die Reise in die wilden Wälder Europas führt mich zu unseren Nachbarn nach Niederösterreich. Es ist die Zeit der Pfingstferien was mich in den Genuss bringt mit Familienanhang auf Entdeckungstour zu gehen. Meine Freundin Elfriede mit ihren zwei Kindern Sophie (11) und Felix (13) begleiten mich zum einzigen wirklichen Wildnisgebiet im deutschsprachigen Raum um den fast 1900 m hohen Gipfel des Dürrenstein Berges. Als wir in der Region ankommen sind wir von Anfang an beeindruckt wie dünn Besiedelt dieser Landstrich in den Ybbstaler Alpen ist. Ausgedehnte Wälder ziehen sich die Berghänge hinauf und die Dörfer haben in weiten Teilen ihren traditionellen Charakter erhalten. Besonders die Rothschildhäuser haben es uns angetan. Von der Familie Rothschild als Herrenhäuser und Forsthäuser gebaut kommt diese Bauform nur hier in den Tälern um die Wälder des Dürrenstein Massivs vor. Der Familie Rothschild haben wir es auch zu verdanken das sich auf fast 500 Hektar Fläche ein Mischwald erhalten hat, der seit der letzten Eiszeit keine Axt bzw. Säge mehr erblickte.

Aus heutiger Sicht eine wirkliche Sensation in einem Land, das seit Jahrhunderten intensive Forstwirtschaft betreibt. Albrecht Rothschild entschloss sich im Jahre 1875 in Sinne des Umweltschutzes das Gebiet als Primärwald für die Nachwelt zu erhalten. Heute ist der sogenannte Rothwald Teil der Kernzonen des Wildnisgebietes Dürrenstein. Menschen haben nur im Rahmen limitierter und geführter Touren Zutritt. Der Urwald selbst ist wegen seiner sensiblen Kreisläufe für Besucher gesperrt. Neugierige Entdecker werden aber wohl in erster Linie von der Unzugänglichkeit des Gebietes abgeschreckt. Im endlos erscheinenden Meer der Forstwälder ist der Urwald, sollte man seine Lage nicht genau kennen, fast unauffindbar. Wir haben das Glück, dank meines beruflichen Backgrounds, eine exklusive Führung in den Urwald mit dem zuständigen Ranger zu bekommen. Hans ist ein sehr sympathischer Mensch mit dem wir uns sofort blendend verstehen. Über holprige Forststraßen fahren wir durch die forstlich genutzten Wälder. Immer wieder sehen wir das Massiv des Dürrenstein über die Baumwipfel ragen. Als der Fahrweg endet laufen wir über einen schmalen Pfad ins Unterholz.

Obwohl die umliegenden Wälder zum Teil recht naturnah bewirtschaftet werden spüre ich sofort als wir die imaginäre Linie in den Primärwald überschreiten. Ich habe im Rahmen dieses Projektes in relativ kurzer Zeit viele Urwaldreste in Europa besucht. Trotzdem ist es jedes Mal wieder auf ein Neues ein intensives Erleben, durch einen Baumbestand zu laufen in dem sich die Natur nach ihren Regeln frei entwickeln kann. Schnell merken wir warum man dieses sensible Ökosystem unter Verschluss halten muss. Würden hier unkontrolliert viele Menschen über den Waldboden marschieren wäre ein Großteil der am Boden wachsenden Flora wie Pilze, Moose, Blumen und Farne gefährdet. Der Urwald ist einfach zu klein als das er einem großen Besucheransturm gewachsen wäre.

Besonders schön ist eine Stelle, an der ein riesiger alter Stamm einen Bach aufgestaut hat, über dem sich das Nass in einem kleinen Wasserfall weiter talwärts bewegt. Vergleicht man den Artenreichtum auf dem Waldboden im Urwald mit bei uns üblichen Nutzwäldern, so kann man sehr leicht erkennen wie schwer es viele Lebensformen haben sich im gängigen Forstwald durchzusetzen. Besonders jetzt im Frühjahr entdeckt man hier neu entstehendes Leben in allen Ecken, Ritzen und Mulden. Auch für die Kinder ist die Exkursion mit Hans dem Ranger sehr lehrreich. Sie bekommen die Besonderheiten eines Naturwaldes direkt vom Fachmann geschildert.

Nach diesem Erlebnis besteht im Familienrat Einigkeit das wir diese schöne Landschaft auch noch aus einer anderen Perspektive erleben wollen. Zwei Tage später planen wir eine Besteigung des Dürrensteins. In Gedanken stelle ich mir die Fotos vor die ich, einer Luftaufnahme ähnlich, von dort oben vom Urwald machen könnte. Mitten in der Nacht verlassen wir die Behaglichkeit der Betten und fahren im Schein des Vollmondes die Bergstraße hinauf zur Ybbstalhütte. Die Genehmigung vom örtlichen Förster ermöglicht uns auf halbe Höhe mit dem Auto zu fahren. Aus fotografischer Sicht ist es wichtig zum Sonnenaufgang kurz vor fünf Uhr auf dem Gipfel zu sein um das bestmögliche Licht zur Bildgestaltung zu nutzen. Nach starkem Regen am Vortag versprechen der klare Sternenhimmel und einige Restwolken großartige Stimmungen. Dass ich trotz frühzeitigem Aufstehen das beste Licht um eine knappe halbe Stunde verpasse ist schon fast zu peinlich um es hier aufzuschreiben. Doch Fehler passieren und die Folgen muss man akzeptieren. Ich fahre am Fuße des Berges aus Versehen in eine Abzweigung des Hauptweges die zwar Ausgeschildert war, sich aber wenige hundert Meter später als reiner Wanderweg entpuppt. Was für ein Bild müssen wir abgegeben haben als wir mitten in der Nacht, mitten im Nichts, mit unserem ungelenken Kastenwagen am Berghang stecken geblieben sind. In Millimeterarbeit haben wir dann das Auto wieder zurückgesetzt. Teilweise ging es zur einen Seite steil bergab so dass wir alle heilfroh waren als wir wieder am Ausgangspunkt ankamen. Diese ganze Aktion hat uns aber fast anderthalb Stunden gekostet. Obwohl ich beim Aufstieg die letzten Meter fast gerannt bin war an ein pünktliches Ankommen nicht mehr zu denken. Die Tour hinauf auf den Dürrenstein war trotzdem grandios. Die Blicke in alle Himmelsrichtungen bestätigen den Eindruck einer sehr naturreichen Region. Stolz tragen wir uns in Gipfelbuch ein und genießen die herrlichen Panoramen.

Man sieht unheimlich viel bewaldete Bergzüge, doch der Blick auf den Urwaldteil ist vom Gipfel aus durch einen Vorgelagerten weniger hohen Berg verstellt. Zusammen mit Felix beschließen wir unserer Wanderung ein echtes Outdoor Erlebnis anzuhängen. Wir steigen auf der Gegenseite des Dürrenstein über die sehr steilen Hänge hinab und laufen in einer Senke zu dem den Blick versperrenden Felsbrocken. Dabei ist es stellenweise so steil das ich mich nur vorantraue indem ich mich an Grasbüscheln festhalte die zum Glück immer wieder auf den Geröllfeldern wachsen.

Felix ist da wesentlich gelenkiger. Der Bursche besucht seit einiger Zeit einen Kletterkurs und weist mit seinen dreizehn Jahren eine Trittsicherheit auf die mich staunen lässt. Wir entdecken eine kleine Höhle von deren Wänden Wasser auf den Boden tropft. Eine gute Gelegenheit die Trinkflaschen aufzufüllen. Es ist fast Mittagszeit und die Sonne entfaltet eine starke Kraft. Man merkt heute zum ersten Mal das der Sommer vor der Türe steht. Als wir nach einem erneuten sehr steilen Aufstieg am Grad des Berges ankommen werden wir für unsere Mühen belohnt. Der Rothwald breitet sich vor uns aus und ich kann meine erhofften Bilder machen.

Das frische grün der Buchen und der dunkle Teint der Tannen und Fichten geben schöne Kontraste. Dazwischen sehen wir auch immer wieder tote Stämme stehen, ein sicheres Indiz für einen Naturwald. Vor allem aber sehen wir die Unterschiede zu den Forstwäldern die den Urwald unmittelbar umgeben. Auch hier gibt es große Unterschiede. Während die Menge naturnaher Mischwälder erfreulich groß ist, erkennen wir auch immer wieder Fischten Monokulturen. Diese sind nicht selten von Borkenkäfernestern befallen, eine Problematik auf die ich im meinem letzten Bericht über den bayrischen Wald ausführlich eingegangen bin. Während ich fotografiere erkundet Felix den Bergzug und berichtet mir von über achtzig Gemsen die er entdeckt hat. Doch die Kraft auch noch auf Gemsensafari zu gehen reicht nicht aus. Ich muss noch die Ausrüstung und meinen alten Körper über den Gipfel des Dürrensteins zurück zum Auto schleppen. Die Kräfte wollen eingeteilt sein, denn sie sind nicht endlos. Am kommenden Tag war der männliche Teil unserer Gemeinschaft zwar hochzufrieden, aber ungemein still und träge. Es fühlte sich noch lange Zeit an als würden alle Muskeln katern. Herrlich.

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