Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Archiv: September 2010

Instinkt 28.09.2010

Ich stelle mit folgende Szene vor: Es ist Samstag Morgen um fünf Uhr. Der Wecker klingelt. Ich bin sofort hellwach. Voller Tatendrang drehe ich mich zu meiner Lebensgefährtin und hauche ihr ins Ohr: „Tschüß Schatz, ich fahr jetzt in den Schwarzwald. Zum Bären fotografieren“ Wäre das nicht Klasse? Es wird wohl ein Traum bleiben. Abgesehen davon das wir unsere letzten Bären in Deutschland schon vor 170 Jahren ausgerottet haben, zeigte der kurze und sehr traurig endende Besuch von „Bruno“ dem „Problembären“ (Betitelung des damaligen Ministerpräsidenten Stoiber) was diese Spezies erwartet, wenn sie sich zu uns verirrt. Warum haben wir unsere Urängste gegen wilde Tiere die größer als Füchse sind und kein Geweih tragen bis heute nicht abgelegt?

Selbst Wölfe finden in weiten Kreisen der Bevölkerung kaum Akzeptanz, obwohl ihnen seit Unzeiten keine Untaten gegenüber Menschen nachgewiesen werden konnten. Der „Canis Lupus“ wird es aber hoffentlich schaffen sich mit einer stabilen Population in unseren Breitengraden zu etablieren. Wenn alle Menschen einmal in ihrem Leben eine Wolfsfamilie beobachten könnten, so wie mir das hier in Finnland vergönnt war, ich glaube viele Ängste wären ganz schnell verflogen. An zwei Stellen entlang der russischen Grenze habe ich die Möglichkeit genutzt die Verhaltensweisen dieser faszinierenden Tiere zu beobachten und dabei versucht gute Fotos zu machen. Eben weil es in weiten Teilen Europas nicht mehr möglich ist Raubtiere in freier Wildbahn zu sehen, kommen Menschen aus aller Welt zu den Verstecken von Lassi Rautiainen, Ari Sääski und Kollegen. Der September ist eigentlich ein guter Monat zur Observation.

Die Tiere sind sehr aktiv. Gerade die Bären müssen viel fressen um sich auf den nahenden Winter vorzubereiten. Im Tiefschlaf brauchen sie einige Reserven um über die kalten Monate zu kommen. Etwas ärgerlich für Fotografen sind die täglich kürzer werdenden Tage. Je näher sich der September dem Ende neigt, desto mehr der wirklich interessanten Szenen findet in trüber Dunkelheit statt. Selbst hohe ASA Werte moderner Digitalkameras helfen da nur bedingt. Jeden Abend wenn man im Versteck sitzt ist es ein Glückspiel ob die Tiere sich vor oder nach dem Sonnenuntergang zeigen. Oftmals sind es nur Minuten die einem die Möglichkeit zum guten Foto bieten. An jedem Abend im Versteck habe ich Tiere gesehen. Die Ausbeute an guten Fotos war weitaus geringer. Die Fotoverstecke von Lassi Rautiainen sind berühmt für ihre Möglichkeit Wölfe zu sehen. Von drei Tagen die mir hier zur Verfügung standen hatte ich an einem Abend Glück.

Ein Wolfsrudel aus Eltern und fünf einjährigen Wölfchen ist vor meinem Objektiv aufgetaucht. Es war noch lange vor Sonnenuntergang. Zum Glück treiben sich in der Gegend zwei alte Bären herum welche immer als Erstes erscheinen und so wohl auch den Wölfen signalisieren dass keine Gefahr droht. Es ist interessant zu beobachten wie die Tiere sich untereinander verhalten. Ein ausgewachsener Bär braucht sich eigentlich vor nichts zu fürchten. Trotzdem ist auch er gegen Wölfe im Kollektiv voller Zurückhaltung. Mehr als einmal habe ich ein Rudel Wölfe einen Bären durchs Unterholz scheuchen sehen.

Zu körperlichen Kontakten kommt es dabei aber nie. Solange die Wölfe fressen, ist für den einzelnen Bären Verdauungspause angesagt. Befinden sich allerdings mehrere Bären an der Beute, bleiben die Wölfe in respektvollem Abstand. Auch unter den Bären gibt es eindeutig Rangordnungen, was zahlreiche Kabbeleinen und furchteinflößende aber letztendlich harmlose Drohgeräusche beweisen.

Auch wenn den Tieren durch die Futterköder praktisch das Leben stark vereinfacht wird, haben sie dadurch Ihre Instinkte nicht verloren. Meine anfängliche Sorge, sie würden durch die „schnelle Küche“ in Abhängigkeiten geraten hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Zu oft während der Saison erscheinen die Tiere über einen längeren Zeitraum nicht, weil sie an anderen Orten auf der Jagd sind. Speziell im Bärenkot erkennt man jederzeit Unmengen von Beeren welche die Tiere nie aufhören in sich hineinzufuttern. Sowohl Wölfe als auch Bären haben Angst vor dem Menschen. Ich bin überzeugt, dass ein friedliches Miteinander möglich ist, sofern beide Seiten die andere Gattung mit Respekt behandeln. Fast alle Unfälle mit wilden Tieren passieren aufgrund eklatanten Fehlverhaltens des Menschen. Dazu kommt natürlich immer mehr der kleiner werdende Lebensraum von Tieren, der diese geradezu in die Arme, bzw. auf die Felder der Menschen treibt. In solchen Fällen sind Konflikte geradezu vorprogrammiert. Das gilt inzwischen leider fast für jeden Winkel dieser Erde.

Hier in der Region haben die Tiere das Glück, daß das Gebiet jenseits der russischen Grenze mit großen Waldschutzgebieten gesegnet ist, an deren Einrichtung Greenpeace maßgeblich beteiligt war. Auf der finnischen Seite müssen die Tiere schon eine ganze Menge mehr ertragen. So bin ich eines Morgens um vier Uhr im Fotoversteck aus dem Schlaf geschreckt, weil nahe unserer Unterkunft ein Holzlaster damit begonnen hat seine Ernte zu beladen. Das muss man sich mal vorstellen – mitten in der Nacht räumen Die die Wälder leer. Lassi erzählt mir dass die Fahrer nach Masse bezahlt werden. Je mehr sie arbeiten desto mehr verdienen sie. Klingt nach einem System das endlose Waldflächen voraussetzt. Die Tiere scheinen sich nur kurzzeitig gestört zu fühlen. Heikler ist da schon die Knallerei. Neulich fuhr ich zu den Fotoverstecken von Ari Sääski. Auf der ganzen Fahrt vom Inarisee im Norden Finnlands bis in die Region Kuhmo wunderte ich mich über Horden von rot gekleideten Männern welche schwerbewaffnet am Straßenrand standen. Es ist Jagdzeit, Baby. Bei abertausenden von Finnen erwachen die männlichen Urinstinkte und es geht in die Wälder. Die Elchjagd hat an diesem Tag begonnen. Dies führte dazu, dass drei Weidmänner bei ihrer Treibjagd mal eben locker vor den Ansitzverstecken der Fotografen vorbei geschlendert sind, was zu heftigem Fluchen und zu einem absoluten Ereignisfreien Abend geführt hat, zumindest solange es hell war. Die einsetzende Knallerei hat die Tiere wohl weit auf die russische Seite vertrieben. Es ist zwar genau geregelt wieviel Exemplare der jeweiligen Tierart pro Jahr geschossen werden dürfen – nur wer kann dies kontrollieren? Am kommenden Abend war dann zum Glück alles ruhig. Nachdem es einige Tage nur geregnet hatte, war der Himmel an diesem Tag wolkenlos. Das Fotoversteck von Ari liegt am Ufer eines kleinen Sees auf dessen anderen Seite ein Moor und ein kleines Wäldchen anschließen. Seit einigen Tagen kommt eine Bärenmutter mit ihren vier Jungen in die Gegend, was auch mich veranlasst hat, auf bessere Wolfsbilder zu verzichten und es mit der Bärenfamilie zu versuchen. Jeden Abend kamen sie angetrottet. Immer schön brav ihrer Mama hinterher.

Klischee hin oder her, die Kleinen sehen einfach knuffig aus. Die Mutter ist sehr wachsam. Ganz vorsichtig nähern sie sich dem Abendessen. Beim kleinsten Geräusch sind sie wieder im Wald verschwunden. Oftmals kommen sie erst weit nach Sonnenuntergang zurück. Doch an diesem ersten wolkenfreien Abend habe ich meinen einen (einzigen) magischen Moment. Ein fast voller Mond steigt über dem Wald in den Himmel auf. Darunter laufen genau im richtigen Moment alle fünf Bären über das Moor und ermöglichen mir die einzig wirklich hochwertige Aufnahmesituation an insgesamt sechs Abenden.

Alle anderen Situationen finden praktisch im Dunkeln statt was zum Teil wirklich frustrierend ist. So auch, als die Bärenmutter ihre Kleinen gegen einen ihr körperlich viel größeren männlichen Artgenossen verteidigt hat. Er ist wohl gar nicht absichtlich zu Nahe gekommen. Mit welch einer Entschlossenheit sie das Männchen vertrieben hat war schon beeindruckend.

Die wohl für uns Menschen gefährlichste Situation in freier Wildbahn mit Bären ist wenn wir aus Versehen zwischen eine Mutter und ihre Jungen geraten. Das nähme sicher kein gutes Ende. Mit der höchsten mir zur Verfügung stehenden Empfindlichkeit meiner Kamera habe ich diese Szene festhalten können. Oft war ich an diesen Abenden gefrustet über entgangene Chancen, meist wegen der Dunkelheit. Doch am Ende bin ich froh und dankbar über die tollen Erlebnisse und die Fotos mit denen ich bei meiner Anstehenden Vortragstournee über diese faszinierenden Tiere berichten kann. Vielleicht gelingt es mir ja bei dem einen oder anderen Zuschauer Ängste abzubauen, um so die Zukunft dieser Tiere in Europa ein winziges Bisschen möglicher zu machen. Wer weiß, vielleicht darf ein zukünftiger „Bruno“ doch einmal durch den Schwarzwald streifen?

Verweht 25.09.2010

Als ich nach vierzehn Tagen erneut am Inarisee in Lappland erscheine muss ich den Traum von der Farbenorgie endgültig begraben. Noch immer halten sich die Temperaturen knapp über der Frostgrenze. Rot leuchtende Waldböden wird es nun nicht mehr geben.

Das ist sehr schade. Vor vier Jahren habe ich für den „Planet der Wälder“ Vortrag schon einmal in derselben Gegend fotografiert. Damals sorgten schon Anfang September erste Raureifnächte für die Richtigen Zutaten zur prachtvollen „Ruska“, wie die Finnen ihren „Indian Summer“ zu nennen pflegen. Was bleibt ist eine wunderbare Natur die ich nun mit weniger bunten Akzenten ins rechte Bild rücken möchte. Abermals bekomme ich durch unseren finnischen Freund Jarmo ein Boot zur Verfügung gestellt. Ich steuere nun die vielen Stellen an, die ich zwei Wochen zuvor zusammen mit Elfriede ausgekundschaftet habe. An den Ufern des Sees sind die gelben Blätter der Birken zum großen Teil den einsetzenden Herbststürmen zum Opfer gefallen. Farbklecksen gleich liegen sie auf dem Boden.

Während ich durch den Wald stapfe finde ich hier und da die eine oder andere Birke an der noch ein Teil der Blätter an den Ästen hängt. Den ansonsten sehr getragenen Grün und Grautönen dieses Waldes kommt dies bei der Fotografie sehr zugute. Vereinzelte Heidelbeersträucher haben tatsächlich rötliche Blätter bekommen. Im Makrobereich des Bildausschnittes lässt sich auch bei diesem Motiv ein wenig Herbststimmung kreieren.

An einem der Tage ziehen dramatische Wolkenbilder über die Oberfläche des Sees. In meiner kleinen Nussschale fahre ich an unzähligen Inseln vorbei. Die Gischt spritzt mir immer wieder ins Gesicht. Ich bin ganz nah bei den Elementen. Ich steige auf eine der wenigen Anhöhen die sich knapp siebzig Meter aus dem Wasser erhebt. Ein vorbeiziehender Regenschauer lässt einen Regenbogen über dem Meer aus Wasser und Bäumen aufsteigen. Dies ist auch eine Möglichkeit Farben aufs Bild zu bekommen.

Ein großer Teil der in Finnland verbliebenen Urwälder befindet sich hier im Norden. Mit Jarmo habe ich mich lange über seine Heimat unterhalten. Mit großem Eifer erzählt er vom Kampf um den letzten Urwald, den er zusammen mit seiner Frau und dem Kampaignern von Greenpeace hier seit Jahren führt. In mühevoller Kleinarbeit haben sie ganz Finnland kartografiert und die Reste des alten Waldes zusammengetragen. Jarmo meint das knapp 700 – 800.000 Hektar Wald bisher noch nie eine Kettensäge gesehen haben. Das klingt nach viel, ist aber nur zwei bis drei Prozent der ehemaligen Fläche. Oftmals sind es nur kleine Flecken – ein paar hundert Meter breit. Um den Inarisee sind die Gebiete größer.

Hier tobte ein regelrechter Krieg zwischen dem staatlichen Forstgiganten Metsähallitus auf der einen und den Umweltschützern auf der anderen Seite. Besonders das Volk der Sami hat sich massiv dafür eingesetzt das der Einschlag in ihren traditionellen Rentierzuchtgebieten endlich aufhört. Kahlschläge entziehen diesen Menschen ihre Lebensgrundlage weil die Tiere, die sich das Jahr über in den Wälder frei bewegen dürfen, nichts mehr zu fressen finden. Greenpeace hat viele Aktionen zum Schutz dieses einmaligen Naturerbes unternommen. Ich erinnere mich an ein Urwaldcamp während des eisigen finnischen Winters. Wochenlang haben die Aktivisten dort in ihren Zelten auf den Zufahrstraßen ausgeharrt um die Kahlschlagmaschinen zu stoppen. Ehrenamtliche Greenpeacer haben ein Urwaldpostamt gegründet wo sie unzählige Unterschriften sammelten und kreuz und quer durch die Republik gelaufen sind. Da ein Großteil des Holzes für den deutschen Zeitschriftenmarkt verwendet wird, hat Greenpeace immer wieder Firmenleiter der Verlage und Papierhändler zu Begehungen in die bedrohten Wälder geladen. Sogar vor der UNO Menschenrechtskommision ist die Sache gelandet, weil die Sami erfolgreich die Bedrohung ihrer Kultur und Tradition darstellen konnten. Vor einigen Monaten kam dann endlich nach elf langen Jahren der Durchbruch. Metsähallitus erklärte ein zwanzig Jähriges Moratorium auf über hunderttausend Hektar der Wälder rund um den Inarisee.

Ein grandioser Sieg. Zwanzig Jahre keine Kettensägen mehr in diesen Urwäldern. Jeder ist sich Sicher, dass es in zwanzig Jahren politisch sowieseo nicht mehr durchsetzbar ist Urwälder einzuschlagen. Jarmo meint sogar das man ganz kurz davor steht ein allgemeines Rohdungsverbot für die verbliebenen finnischen Urwälder zu erreichen. Bei all den vielen Verbrechen, die der Mensch tagein tagaus an unserem Planeten verübt, ist diese Nachricht mal eine schöne Wendung gewesen und zeigt das Einsatz sich auch immer wieder lohnt. Mit einen guten Gefühl im Bauch habe ich die Herbsttage in einem der letzten Naturparadiese Europas genossen.

Vor dem Frost 20.09.2010

Eines der sinnlichsten Naturerlebnisse sind Streifzüge durch herbstlich gefärbte Wälder. Besonders eindrucksvoll ist das hier oben in Lappland. Die Birken hüllen sich in ein goldenes Gewand und die Waldböden erstrahlen in tiefen Rot. Im Kontrast dazu steht das immerwährende Grün der Kiefern und Fichten und bei etwas Glück leuchtet der tiefblaue Himmel. Weiße Knöllchenwolken ziehen friedlich über den Horizont und eine sanfte Herbstsonne hüllt die ganze Szenerie in ein weiches Licht. Dazu ist es absolut windstill. Soviel zur Theorie.

Ich habe in den letzten Tagen meine Pläne immer wieder verändert und verworfen, weil das Wetter nicht so wollte wie ich es gern hätte. Das richtige Licht ist neben dem Motiv die Hauptzutat im Rezept der Fotoküche. Nun habe ich gelernt dass sich die Blätter der Bäume und der Waldboden nicht zwangsläufig gleichzeitig verfärben. Die Birken beginnen inzwischen schon ihre goldgelben Blätter durch die stärker werdenden Winde zu verlieren. Die vielen Beerensträucher und Moose befinden sich bis heute nur an wenigen Standorten im Jahreszeitlich angemessenen Farbenkleid. Es ist für die Bodendecker einfach zu warm. Sie brauchen eine Frostnacht um ihre Umwandlung durchzuführen und die hat bisher gefehlt.

Vergangene Woche war ich auf Einladung des finnischen Fotografen Lassi Rautiainen Gastreferent auf einem Naturfotofestival in Kuusamo in Mittelfinnland. Es hat Spaß gemacht Kollegen aus ganz Europa zu treffen. Ein Wochenende habe ich das Vortragsfeeling gespürt welches für mich ab November wieder für lange Zeit Alltag werden wird, wenn die große „Wilde Wälder“ Tournee beginnt. Aus oben beschriebenen Gründen bin ich nicht sofort zu den Urwäldern am Inari See zurückgefahren sondern habe diverse Erkundungstouren in kleine Urwaldreste rund um Kuusamo unternommen. Besonders in der Grenzregion zu Russland sind kleine Fleckchen Wald von der Holzernte verschont geblieben und stehen unter Schutz.

So wunderschön diese Relikte aus der ehemaligen Wildnis sind, so frustrierend wirkt die lange Anfahrt auf den endlosen Forststraßen die in den vergangenen dreißig Jahren in die letzten Winkel dieses Landes getrieben wurden. Wohin man Blickt sieht man Kahlschläge. Kleine Ministreifen alten Waldes werden ausgespart. Wo einst ein gesunder Mischwald die sanften Hügel zwischen den Mooren und Seen bedeckte wächst nach dem Kettensägenmassaker in der Regel ein monotoner Kiefernforst. Dieser dient dann zur Sättigung unseres immer größer werdenden Papierhungers. Wenn man bedenkt dass wir Europäer heutzutage achtmal soviel Papier verbrauchen wie noch unsere Großeltern in den Fünfzigern, dann muss man sich schon mal fragen wie es kommen konnte das wir so verschwenderisch wurden.

Dazu passiert dies in Zeiten, in denen es durch die Digitalisierung eigentlich genau anders herum laufen müsste. Was mich dabei besonders ärgert ist die Tatsache, dass Produkte aus Wald- und Klimafreundlichem Recyclingmaterial in den vergangenen zwanzig Jahren praktisch aus den Regalen der Supermärkte und Drogerien verschwunden sind. Zu meiner Schulzeit war ein stattlicher Teil der Hefte mit dem „Blauen Engel“ ausgezeichnetes Umweltpapier. Heute muss man regelrecht nach diesen Produkten suchen. Taschentücher aus umweltfreundlichem Material sind praktisch ausgestorben. Noch heute argumentieren viele Menschen dass sie es gerne weich haben wenn sie sich ihre Ausscheidungen vom Körper wischen. Ich bin sicher das zukünftige Generationen sie für diesen degenerierten Lebenswandel hassen werden. Zumal sich die Produkte aus frischen Zellstoff nur noch Marginal von denen aus recyceltem Material unterscheiden. Keiner muss Angst haben sich den „Arsch aufzureißen“ wenn er sich mit Ressourcenschonendem Klopapier den Allerwertesten abwischt. Ja man hat viel Zeit zum Nachdenken wenn man wandert. Stundenlang stapfe ich durchs Unterholz.

Oft sind die Böden durch dicke Moosschichten so weich wie ein Wasserbett. Immer wieder sehe ich frische Spuren von Elchen und ab und zu schrecke ich Birkhühner auf. Die Tiere nehmen mich in der Regel wahr bevor ich sie sehe. Selbst wenn man völlig Lautlos durch den Wald läuft machen die Reibungsgeräusche der Kleidung und der Stiefel einen Höllenlärm in der Lautlosigkeit der Natur. Immer wieder regnet es. Für Bilder die ich innerhalb des Waldes mache ist dies, sofern man den störenden Kontrast des Himmels aus dem Motiv lässt, nicht weiter schlimm. Nur das Fotografieren selbst wird dabei erschwert. Zumal ich bisher immer dann, wenn es Nass wurde, den kleinen Regenschirm im Auto vergessen habe. Mit ihm könnte man die Kamera wunderbar trocken halten.

Ernsthaft verlaufen kann man sich hier in den Kuusamo Urwäldern nicht. Zur Orientierung habe ich immer eine Karte und einen Kompass dabei. Außerdem sind die Gebiete relativ klein. Sobald man ein Waldschutzgebiet verlässt merkt man das sofort. Zuerst steigt man über durch Windbruch umgefallene Baumriesen. Wie mit einem Lineal vermessen, wurden alle Bäume bis unmittelbar an die Gebietsgrenze gefällt. Damit sind die außen stehenden Reihen innerhalb des Reservates den Winden schutzlos ausgeliefert. Das Ergebnis sind hunderte umgefallener gesunder Fichten, Kiefern und Birken. Auf den aufgerissenen Böden des Erntegebietes wachsen die ersten kleinen Kiefern in Reih und Glied. Die Vielfalt der Flora und der Zauber der Schönheit werden hier wohl für immer verloren sein. Ich will mich gar nicht gegen die Nutzung von Holz aussprechen. Holz ist ein sagenhafter Rohstoff. Vor allen Dingen ist er nachhaltig, weil er zumindest in unseren Breitengraden, nachwächst. Nur das Verhältnis, wie wir allgemein Rohstoffe auf diesem Planeten nutzen, steht für mich in keinem Verhältnis mehr. Unsere Gier hat uns jedes Maß verlieren lassen und wir haben den Spruch „macht euch die Erde untertan“ viel zu wörtlich genommen.

Tanz der stummen Geister 09.09.2010

Wie im normalen Alltag so ist es auch in der Naturfotografie eine Freude, wenn Einem etwas zuteil wird, mit dem man eigentlich gar nicht gerechnet hat. So ist es mir und Elfriede in  unserer letzten Nacht am Inari See ergangen. Dazu später mehr. Begonnen hat das Abenteuer bei Jarmo Pyykkö einem Freund und Greenpeace Kollegen, der nahe des Städtchens Inari gerade dabei ist eine Blockhaus-Sauna auf seinem Grundstück zu bauen. Jarmo kenne ich noch aus der Zeit meiner Arbeit am „Planet der Wälder“ Projekt. Die Region um den Inari See im finnischen Teil von Lappland liegt etwa 300 km oberhalb des Polarkreises und ist die einzige thematische Überschneidung die mein altes Thema mit den „Wilden Wäldern Europas“ hat. Hier oben gibt es noch Urwälder.

Alter Wald weckt auch heute noch Begehrlichkeiten. Obwohl auch in Finnland schon 98 Prozent aller Bäume in Forst verwandelt wurde, lastete bis heute großer Druck auf diesen letzten Oasen der Artenvielfalt. Der staatliche Konzern Metsähallitus hat bis dato den einmaligen Wert dieser Überbleibsel echter Wildnis nicht erkannt und so wurden die Harvester immer wieder gnadenlos in die Wälder gefahren. Greenpeace hat vor über elf Jahren damit begonnen die hier lebende Urbevölkerung, das Volk der Sami, bei ihrem Kampf um den Wald zu unterstützen. Die Sami sind seit jeher Rentierzüchter und brauchen intakte Urwälder für Ihre Tiere als Lebensraum und Nahrungsressource. Jarmo ist einer der wenigen aus der lokalen finnischen Bevölkerung der den Mut hat gegen die mächtigen Gegner aufzustehen und sich ganz klar für den Waldschutz zu positionieren. Die bedrohten Bäume liegen weit verstreut um die Ufer des Inari Sees. Dieser ist aus meiner Sicht ein wirkliches Naturwunder.

Durch Gletscher geformt ist hier im Laufe von Jahrmillionen eine Seenlandschaft entstanden die Seinesgleichen sucht. Auf einer Fläche etwa Doppel so groß wie der Bodensee erheben sich hier bis zu dreitausend Inseln und Inselchen. Deshalb erscheint einem die Region auch manchmal eher als ein Labyrinth aus Wasserstraßen als eine offene Seefläche. Bewachsen sind die Inseln und Ufer mit altem Kiefernwald und die Böden sind von zahlreichen Beerensträuchern, Moosen und Flechten überzogen. Ich freue mich sehr dass uns Jarmo ein weiteres Mal eines seiner selbstgebauten Boote zur Verfügung stellt. So bekommen wir die Möglichkeit diese Wunderwelt zu erkunden. Das Boot ist mit Rudern und einem kleinen Segel ausgestattet, welches uns ein lautloses Vorwärtskommen ermöglicht. Muss es schnell gehen können wir jederzeit einen kleinen Motor anschmeißen und beim Fotografieren dem Licht hinterherfahren. Es weht meist eine ganz leichte Brise und so können wir über den See gleiten ohne allzu stark rudern zu müssen. Die vereinzelten Birken zeigen schon deutliche Anzeichen herbstlicher Färbung. Da es aber bisher keine Frostnacht gegeben hat sind die mit Beeren überzogenen Waldböden fast alle noch Grün.

Das ist Schade, denn der volle Zauber dieser Natur wird erst entfaltet wenn die Erde praktisch mit roter Farbe überzogen ist. Wir haben vier Tage Zeit. Da die fotografischen Bedingungen noch nicht perfekt sind konzentrieren wir uns auf das Erkunden schöner Aufnahmepositionen. Leider geht Elfriedes Zeit hier im hohen Norden zu Ende und ich werde sie nach dieser Bootsfahrt zum Flughafen bringen müssen. Zum Glück habe ich genug Zeit um auf die richtig bunten Tage zu warten. Das hoffe ich zumindest. Genau wissen was die Natur macht kann man natürlich nicht. Nur ganz selten begegnen uns andere Menschen. Ab und zu kreuzt unseren Weg ein kleines Fischerboot oder ein Ausflugsschiff. Die meiste Zeit sind wir völlig Allein. In den ersten drei Nächten waren Blockhütten unser Lager. Doch in der letzten Nacht kündigt sich ein völlig wolkenloser Himmel an. Während des Tages haben wir eine winzige baumfreie Insel entdeckt. Wir entschließen uns das Eiland anzusteuern und ohne Zelt nur in Schlafsäcke gehüllt unter dem Sternenmeer zu schlafen. Solange kein starker Wind aufkommt sind die Temperaturen sicherlich erträglich, obwohl wolkenfreie Nächte natürlich recht frisch sind. Wir erleben den Sonnenuntergang am Lagerfeuer. Zu allen Seiten sind wir von Inseln, Wald und Wasser umgeben. Nach und nach erscheinen vereinzelte Sterne am Firmament.

An einem Ende des Horizontes beginnt es noch während des letzten Abendrotes leicht zu schimmern. Ich bin sofort hellwach. Können das Nordlichter sein? Bisher dachte ich immer es müsste Saukalt sein um Diese zu sehen. Scheinbar reicht ein kristallklarer Nachthimmel, denn nach einiger Zeit gibt es keinen Zweifel mehr. Die Schleier tanzen am Horizont. Es ist die Aurora Borealis, das wunderbare Nordlicht. Wenn elektrisch geladene Teilchen des Sonnenwindes auf die Erdatmosphäre treffen, regen sie die dort vorhandenen Luftmoleküle zum Leuchten an und bescheren dem staunenden Betrachter ein unvergessliches Naturschauspiel. Elfriede erlebt das Spektakel warm eingehüllt in ihren Schlafsack aus der liegenden Perspektive. Ich erfreue mich an unverhofften Supermotiven, denn am Horizont macht ein minimales Restlicht die Landschaft des Inari Sees durch die Langzeitbelichtung wieder sichtbar.

Ich stelle die Nikon auf eine Empfindlichkeit von 800 – 1000 ASA und achte darauf das die Belichtungszeit nicht länger als 12 Sekunden beträgt. Denn dann werden die Sterne nicht mehr als Punkte sondern durch ihre Bewegung, als Linien abgebildet. Die Lichter tanzen vor dem Sternenmeer und verändern ständig ihre Form. Gespenstern gleich huschen sie in völliger Lautlosigkeit vor der Kulisse des unendlichen Universums. Es sind die schönsten und intensivsten Polarlichter die ich jemals gesehen habe. Noch vor Mitternacht ist alles vorbei und ich versinke in einen kurzen unruhigen Schlaf. In weniger als fünf Stunden beginnt die Dämmerung. Da muss der engagierte Naturfotograf wieder bereit stehen – was er auch gerne tun wird. Für Elfriede war dies ein wunderbarer Abschluss unserer fast vierwöchigen gemeinsamen Skandinavienreise. Ich werde die kommenden Tage genau verfolgen wie sich der Herbst in Finnland entwickeln wird. Es steckt noch viel fotografisches Potential in dieser wunderbaren Natur.

Licht vom Horizont 03.09.2010

Bei unserer Wanderung im „Sarek“ Nationalpark haben wir die letzten Außenposten des Lebensraumes für Wälder kennengelernt. Nun wollen wir erkunden wie es mit dem Lappland Wald in den zwar nördlich aber geografisch tiefer gelegenen Regionen aussieht. Dazu erkunden wir den schwedischen „Muddus“ Nationalpark, der ebenfalls Teil des „Laponia“ Weltnaturerbes ist wie der „Sarek“. Hier wird auf knapp 500 qkm Fläche eine Naturlandschaft geschützt wie sie in allen nordischen Ländern in diesen Breitengraden recht typisch ist. Es ist dieser Mix aus Mooren, Seen und Waldgebieten welcher die Wildnis so reizvoll macht. Im „Muddus“ Nationalpark gibt kaum reinen Urwald, da das Gebiet in der Vergangenheit für einige Jahrzehnte von Siedlern erwählt wurde. Noch heute erinnern vereinzelte abgesägte Baumstämme entlang des Wegesrandes an die Präsenz dieser Leute. Die Natur in ihrer Gesamtheit ist aber intakt.

Ich habe bei meiner Recherche herausgefunden, daß für Besucher ein Aussichtsturm errichtet wurde, der es ermöglicht die Perspektive zu erweitern. Für das Fotografieren von praktisch flachen Regionen ist das ein enormer Zugewinn an Möglichkeiten. So entscheiden sich Elfriede und ich zu einem erneuten Marsch in die Natur. Wir haben noch den „Sarek“ Muskelkater in den Knochen und müssen ein wenig Schlucken als wir entdecken das der Weg zum Turm 16 km lang ist. Auf der Karte sah es weit kürzer aus. Wir haben uns nicht abschrecken lassen und sind mittags um 14 Uhr losmarschiert. Dieses Mal war der Rucksack leichter, da wir nur eine Nacht im Park verbringen wollen und die Übernachtung in einer Wanderhütte möglich ist. Dazu folgen wir einem gut ausgebauten Wanderweg was uns nach den Strapazen im „Sarek“ schon fast als richtiger Luxus vorkommt. Der Weg folgt über viele Kilometer dem Rand einer fast 100 m tiefen Schlucht. Ein mächtiger Fluss rauscht an zwei Stellen als schöne Kaskade über das Gestein. Die trockenen etwas höher gelegen Waldgebiete bestehen fast ausschließlich aus Kiefern, während in den feuchteren Bereichen die Birke das Hoheitsrecht hat. Auf Bohlen laufen wir über Moore die schon jetzt ganz zaghaft erahnen lassen welche Farbenpracht hier in wenigen Wochen vorherrschen wird. Es ist absolut windstill.

Prachtvolle Spiegelungen in den Tümpeln insbesondere der riesigen Wolkenberge verschönern uns die Wanderung. Etwas Müde erreichen wir die Hütte und den in wenigen hundert Metern stehenden Turm gegen sieben Uhr am Abend. Zahlreiche Wolkenlücken deuten auf einen tollen Tagesabschluss hin und in großer Erwartung besteigen wir den Turm. Der Anblick ist absolut bezaubernd. Wir sehen praktisch alle Zutaten welche die Natur Lapplands zu bieten hat. Der Turm ist von schönem alten Mischwald umgeben und steht auf einer Landzunge, die zum einen Teil in einen See ragt und auf der Gegenseite ein Moor einfasst. Perfekter könnte der Tag nicht zu Ende gehen. Das Licht ist wunderbar und der Aufnahmewinkel vom erhöhten Standpunkt ermöglicht mir viele Motive ohne dass ich mich groß bewegen muss. Die Nacht ist Sternenklar. Wir freuen uns über ein wärmendes Feuer im gemütlichen Holzhaus und stehen eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang wieder auf der Plattform.

Dieses Mal kommt das Licht genau von der anderen Seite. Da es keine Wolken am Himmel hat welche die Motivpalette bereichert und die Kraft der Sonne dadurch auch recht schnell sehr Dominant ist, bleibt mir etwas weniger Zeit für die Fotografie. Trotzdem ist es auch dieses Mal wunderschön die Natur im wechselnden Licht des anbrechenden Tages zu bestaunen. Außer einem Paar Singschwäne, die immer mal wieder Getöse machen, scheinen wir Zwei die einzigen Lebewesen auf der Welt. Alles ist ruhig und friedlich.

Knapp vierundzwanzig Stunden nach unserem Aufbruch, mit zweiunddreißig Wanderkilometern in den Waden und vielen schönen Bildern auf dem Kamerachip, erreichen wir wieder den Parkplatz. Effizienter kann Naturfotografie eigentlich nicht laufen, dem Wetter sei Dank.

Den Elementen entgegen…. 01.09.2010

Eine meiner schönsten Erinnerungen sind die Erlebnisse einer Reise, die ich im Alter von zwanzig Jahren zusammen mit meinem Freund Felix unternommen habe. Über sechs Monate sind wir durch Kanada und Alaska geradelt und gewandert. Zeit spielte keine Rolle, der Weg war das Ziel und hinterm Horizont ging es weiter. Besonders die in den nördlichen Landesteilen gelegenen Landschaften faszinierten uns. Die endlose Weite und ungezähmte Natur lies uns ganz klein erscheinen und ehrfürchtig die Wunder der Wildnis erforschen. Dieses Gefühl der Freiheit und gleichzeitig der eigenen wunderbaren Begrenztheit erhaschten wir in der vergangenen Woche erneut ein wenig. Zusammen mit Elfriede bin ich in den Sarek Nationalpark im Norden Schwedens marschiert.

Wir befinden uns knapp über dem Polarkreis. Dass es in der Nacht wieder komplett dunkel wird ist neben den frischen Temperaturen ein weiteres Zeichen dafür, dass der kurze nordische Sommer sich dem Ende neigt. Der Sarek gilt als eines der letzten unberührten Wildnislandschaften Europas und ist Teil eines Verbundes aus Naturschutzgebieten, die hier im schwedischen Lappland das „Laponia“  UNESCO Weltnaturerbe bilden. Ein Gebiet das größer ist als Korsika. Offizielle Wege oder Schutzhütten gibt es im Sarek keine. Eine Wanderung, egal welcher Länge, sollte gut geplant sein. Das der Sub-Arktis zugeordnete Gebiet kann wegen des rauen Klimas für den leichtsinnigen Wanderer sehr schnell zur echten Gefahr werden. Ein Großteil der Sarek Region besteht aus Hochgebirge mit über zweitausend Meter hohen Gipfeln und vegetationsarmen Hochebenen. Ganz anders sind dagegen die Täler. Gespeist durch die Lebensadern der Flüsse bereichert dort ein reichhaltiger Bewuchs die Landschaft. In den Hügeln des Vorgebirges wächst der für Lappland typische Nordwald aus Birken, Kiefern und Fichten. Mit steigender Höhe verschwinden nach und nach die Nadelgehölze und machen einem lichten Birkenwald Platz, der von allerlei Gesträuch und Bodendeckern zersetzt ist.

Wir entscheiden uns für unsere Wanderung in das „Rapadalen“ hineinzulaufen. Der „Rapaädno“ ist einer der zentralen Flüsse im Gebirge dessen Delta sich in zahlreichen Seitenarmen verzweigt und außerhalb der Berge in einen großen See entlädt. Mit einem Boot lassen wir uns über die große Wasserfläche bringen und direkt am Ende des Deltas, am Ufer des Flusses absetzen. Rechts und links von uns steigen mächtige Felswände empor, die aber im Dunst des schlechten Wetters verschwinden. Wir folgen einem schmalen Pfad, der das Vorwärtskommen auf dem morastigen und oft steinigen Untergrund sehr erleichtert.

Das schwere Gewicht auf dem Rücken ist für uns Beide noch gewöhnungsbedürftig. Während ich das Zelt und die Fotoausrüstung trage, hat sich Elfriede bereit erklärt, die gesamten Lebensmittel zu schleppen. Beide Rucksäcke sind voll gefüllt und fordern unsere gesamte Kraft. Über eine Distanz von über zwanzig Kilometern marschieren wir entlang des wilden Flusses, passieren Birkenwäldchen, durchqueren Moore und freuen uns an den vielen Heidelbeeren die hier zuhauf den Boden bedecken. Je weiter das Tal ansteigt und sich der Baumgrenze nähert, desto mickriger werden die Bäumchen. Immer wieder sehen wir Rentierherden, die das indigene Volk der Samen hier seit Jahrhunderten frei durch die Landschaft ziehen lässt. Es ist schön diese Tiere zu beobachten und wenn man sich nicht bewegt dauert es recht lange bis sie einen wittern und dann schnell das Weite suchen. Blickt man in die zahlreichen Bäche, die sich über die Felswände ergießen um in den „Rapaädno“ fließen, fällt einem die große Menge an Algen auf die dort im ansonsten klaren Wasser wachsen. Mir stellt sich da die Frage ob es nicht doch ein paar Rentiere zuviel sind, die mit ihren Ausscheidungen die Landschaft düngen. Die ersten Tage ist es bewölkt aber zum Glück bleibt es Trocken. Am Wendepunkt unseres Marsches steigen wir die Felswände etwas in die Höhe, um so die Elche zu entdecken, die sich wie auf wundersame Weise bisher den Blicken entzogen haben. Wir entdecken drei große Bullen unweit unseres Zeltplatzes. Doch die Fluten des „Rapaädno“ machen es mir unmöglich, mich diesen Tieren auf Fotoweite zu nähern.

Ein Pärchen Singschwäne, die über unsere Köpfe hinweg fliegen, entschädigen etwas für die entgangene Gelegenheit. Am dritten Tag beginnt es in der Nacht leicht zu Regnen. Alles ist feucht und klamm, als wir am kommenden Morgen unser Zelt abbauen und versuchen möglichst die Schlafsäcke und Iso-Matten trocken zu halten. Die Temperatur ist nur ein wenig über Null Grad, die Sonne haben wir bisher nicht gesehen. Während des Morgens hört der Regen auf und die Wolken beginnen sich langsam nach oben zu bewegen. Frischer Schnee bedeckt die steilen Felswände nur wenige hundert Meter über uns. Der Winter sendet erste Signale, noch bevor der Herbst seine Farbenpracht über die Pflanzenwelt legen konnte. Doch dann kommt sie doch.

Gegen Mittag reißt die Wolkendecke auf und die bis dato so graue Welt wird farbenfroh. Die Sonne trocknet unsere Kleidung, erhellt unser Gemüt und wärmt die Seele. Ohne dicke Jacke laufen wir durch das Tal zurück, das sich im schönen Wetter ganz anders offenbart als zuvor beim Hinweg. Bewusst versuchen wir andere Routen zu wählen um Neues zu entdecken und werden immer wieder belohnt. Mit jedem Tag verändert sich das Laub der Pflanzen ein wenig mehr. Grüntöne bekommen rötliche Schattierungen und vereinzeltes goldenes Laub gibt erste Vorahnungen wie es hier in einiger Zeit aussehen wird. Der kommende Morgen ist komplett wolkenlos. Wir beschließen den Pfad zu verlassen und durch den Wald die Steilwand des Tales zu erklimmen um uns neuen Perspektiven zu erschließen. Das Ziel ist der fast 1200 Meter hohe „Skierffe“, dessen fast 700 Meter steile Felswand sich senkrecht über dem Delta des „Rapaädno“ erhebt. Wir wählen einen Aufstieg, der uns sicher auf die Anhöhe neben dem Berg auf die Hochebene bringt.

Große Rentierherden ziehen hier oben über die Weite. Der Blick ist nur vom Horizont begrenzt. Es ist einer jener Traumtage die das Erleben in der Natur so unvergesslich machen. Wolkenberge ballen sich über den Gipfeln, blauer Himmel setzt Kontraste und Sonnenstrahlen werfen lange Bahnen in die unter uns gelegenen Tal-Abschnitte. Völlig fasziniert staunen wir über die wunderbare Schönheit dieser sich in scheinbarer Endlosigkeit verlierenden Natur. Nichts, aber auch gar nicht stört die perfekte Komposition der Wildnis.

Immer an der Kante entlang erklimmen wir langsam den Gipfel des „Skierffe“. Jeder Blick die steile Felswand nach unten ins Delta ist ein atemberaubendes Erlebnis. Ich weiß, dass ich mit Schwelgereien nie geize, wenn ich versuche eine schöne Begebenheit in Worte zu fassen. Aber hier kann man eigentlich nur scheitern. Es fehlt mir bei weitem der poetische Tiefgang um in Worte zu kleiden,was man empfindet wenn man hier oben steht und den Blick über diesen Teil der Welt gleiten lässt.

Besonders als ein von der Sonne durchstrahlter Regenschauer wie ein riesiger Vorhang über das Tal des „Rapadalen“ zieht, bin ich von soviel Adrenalin durchflossen das mich das Fotografieren absolut glücklich macht. Während ich diese Zeilen schreibe sitzen wir im Hotel und cremen uns unsere wunden Füße ein. Vielleicht bin ich mit über vierzig Lebensjahren nicht mehr ganz so belastbar wie bei der Kanadatour vor zwanzig Jahren. Doch das Feuer und die Begeisterung sind noch da. Knapp achtzig Kilometer sind wir marschiert. Die Erinnerung an das Erlebte wird die geschwollenen Füßen und den Muskelkater bald vergessen machen.

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