Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Archiv: Mittwoch, 1. September 2010

Den Elementen entgegen…. 01.09.2010

Eine meiner schönsten Erinnerungen sind die Erlebnisse einer Reise, die ich im Alter von zwanzig Jahren zusammen mit meinem Freund Felix unternommen habe. Über sechs Monate sind wir durch Kanada und Alaska geradelt und gewandert. Zeit spielte keine Rolle, der Weg war das Ziel und hinterm Horizont ging es weiter. Besonders die in den nördlichen Landesteilen gelegenen Landschaften faszinierten uns. Die endlose Weite und ungezähmte Natur lies uns ganz klein erscheinen und ehrfürchtig die Wunder der Wildnis erforschen. Dieses Gefühl der Freiheit und gleichzeitig der eigenen wunderbaren Begrenztheit erhaschten wir in der vergangenen Woche erneut ein wenig. Zusammen mit Elfriede bin ich in den Sarek Nationalpark im Norden Schwedens marschiert.

Wir befinden uns knapp über dem Polarkreis. Dass es in der Nacht wieder komplett dunkel wird ist neben den frischen Temperaturen ein weiteres Zeichen dafür, dass der kurze nordische Sommer sich dem Ende neigt. Der Sarek gilt als eines der letzten unberührten Wildnislandschaften Europas und ist Teil eines Verbundes aus Naturschutzgebieten, die hier im schwedischen Lappland das „Laponia“  UNESCO Weltnaturerbe bilden. Ein Gebiet das größer ist als Korsika. Offizielle Wege oder Schutzhütten gibt es im Sarek keine. Eine Wanderung, egal welcher Länge, sollte gut geplant sein. Das der Sub-Arktis zugeordnete Gebiet kann wegen des rauen Klimas für den leichtsinnigen Wanderer sehr schnell zur echten Gefahr werden. Ein Großteil der Sarek Region besteht aus Hochgebirge mit über zweitausend Meter hohen Gipfeln und vegetationsarmen Hochebenen. Ganz anders sind dagegen die Täler. Gespeist durch die Lebensadern der Flüsse bereichert dort ein reichhaltiger Bewuchs die Landschaft. In den Hügeln des Vorgebirges wächst der für Lappland typische Nordwald aus Birken, Kiefern und Fichten. Mit steigender Höhe verschwinden nach und nach die Nadelgehölze und machen einem lichten Birkenwald Platz, der von allerlei Gesträuch und Bodendeckern zersetzt ist.

Wir entscheiden uns für unsere Wanderung in das „Rapadalen“ hineinzulaufen. Der „Rapaädno“ ist einer der zentralen Flüsse im Gebirge dessen Delta sich in zahlreichen Seitenarmen verzweigt und außerhalb der Berge in einen großen See entlädt. Mit einem Boot lassen wir uns über die große Wasserfläche bringen und direkt am Ende des Deltas, am Ufer des Flusses absetzen. Rechts und links von uns steigen mächtige Felswände empor, die aber im Dunst des schlechten Wetters verschwinden. Wir folgen einem schmalen Pfad, der das Vorwärtskommen auf dem morastigen und oft steinigen Untergrund sehr erleichtert.

Das schwere Gewicht auf dem Rücken ist für uns Beide noch gewöhnungsbedürftig. Während ich das Zelt und die Fotoausrüstung trage, hat sich Elfriede bereit erklärt, die gesamten Lebensmittel zu schleppen. Beide Rucksäcke sind voll gefüllt und fordern unsere gesamte Kraft. Über eine Distanz von über zwanzig Kilometern marschieren wir entlang des wilden Flusses, passieren Birkenwäldchen, durchqueren Moore und freuen uns an den vielen Heidelbeeren die hier zuhauf den Boden bedecken. Je weiter das Tal ansteigt und sich der Baumgrenze nähert, desto mickriger werden die Bäumchen. Immer wieder sehen wir Rentierherden, die das indigene Volk der Samen hier seit Jahrhunderten frei durch die Landschaft ziehen lässt. Es ist schön diese Tiere zu beobachten und wenn man sich nicht bewegt dauert es recht lange bis sie einen wittern und dann schnell das Weite suchen. Blickt man in die zahlreichen Bäche, die sich über die Felswände ergießen um in den „Rapaädno“ fließen, fällt einem die große Menge an Algen auf die dort im ansonsten klaren Wasser wachsen. Mir stellt sich da die Frage ob es nicht doch ein paar Rentiere zuviel sind, die mit ihren Ausscheidungen die Landschaft düngen. Die ersten Tage ist es bewölkt aber zum Glück bleibt es Trocken. Am Wendepunkt unseres Marsches steigen wir die Felswände etwas in die Höhe, um so die Elche zu entdecken, die sich wie auf wundersame Weise bisher den Blicken entzogen haben. Wir entdecken drei große Bullen unweit unseres Zeltplatzes. Doch die Fluten des „Rapaädno“ machen es mir unmöglich, mich diesen Tieren auf Fotoweite zu nähern.

Ein Pärchen Singschwäne, die über unsere Köpfe hinweg fliegen, entschädigen etwas für die entgangene Gelegenheit. Am dritten Tag beginnt es in der Nacht leicht zu Regnen. Alles ist feucht und klamm, als wir am kommenden Morgen unser Zelt abbauen und versuchen möglichst die Schlafsäcke und Iso-Matten trocken zu halten. Die Temperatur ist nur ein wenig über Null Grad, die Sonne haben wir bisher nicht gesehen. Während des Morgens hört der Regen auf und die Wolken beginnen sich langsam nach oben zu bewegen. Frischer Schnee bedeckt die steilen Felswände nur wenige hundert Meter über uns. Der Winter sendet erste Signale, noch bevor der Herbst seine Farbenpracht über die Pflanzenwelt legen konnte. Doch dann kommt sie doch.

Gegen Mittag reißt die Wolkendecke auf und die bis dato so graue Welt wird farbenfroh. Die Sonne trocknet unsere Kleidung, erhellt unser Gemüt und wärmt die Seele. Ohne dicke Jacke laufen wir durch das Tal zurück, das sich im schönen Wetter ganz anders offenbart als zuvor beim Hinweg. Bewusst versuchen wir andere Routen zu wählen um Neues zu entdecken und werden immer wieder belohnt. Mit jedem Tag verändert sich das Laub der Pflanzen ein wenig mehr. Grüntöne bekommen rötliche Schattierungen und vereinzeltes goldenes Laub gibt erste Vorahnungen wie es hier in einiger Zeit aussehen wird. Der kommende Morgen ist komplett wolkenlos. Wir beschließen den Pfad zu verlassen und durch den Wald die Steilwand des Tales zu erklimmen um uns neuen Perspektiven zu erschließen. Das Ziel ist der fast 1200 Meter hohe „Skierffe“, dessen fast 700 Meter steile Felswand sich senkrecht über dem Delta des „Rapaädno“ erhebt. Wir wählen einen Aufstieg, der uns sicher auf die Anhöhe neben dem Berg auf die Hochebene bringt.

Große Rentierherden ziehen hier oben über die Weite. Der Blick ist nur vom Horizont begrenzt. Es ist einer jener Traumtage die das Erleben in der Natur so unvergesslich machen. Wolkenberge ballen sich über den Gipfeln, blauer Himmel setzt Kontraste und Sonnenstrahlen werfen lange Bahnen in die unter uns gelegenen Tal-Abschnitte. Völlig fasziniert staunen wir über die wunderbare Schönheit dieser sich in scheinbarer Endlosigkeit verlierenden Natur. Nichts, aber auch gar nicht stört die perfekte Komposition der Wildnis.

Immer an der Kante entlang erklimmen wir langsam den Gipfel des „Skierffe“. Jeder Blick die steile Felswand nach unten ins Delta ist ein atemberaubendes Erlebnis. Ich weiß, dass ich mit Schwelgereien nie geize, wenn ich versuche eine schöne Begebenheit in Worte zu fassen. Aber hier kann man eigentlich nur scheitern. Es fehlt mir bei weitem der poetische Tiefgang um in Worte zu kleiden,was man empfindet wenn man hier oben steht und den Blick über diesen Teil der Welt gleiten lässt.

Besonders als ein von der Sonne durchstrahlter Regenschauer wie ein riesiger Vorhang über das Tal des „Rapadalen“ zieht, bin ich von soviel Adrenalin durchflossen das mich das Fotografieren absolut glücklich macht. Während ich diese Zeilen schreibe sitzen wir im Hotel und cremen uns unsere wunden Füße ein. Vielleicht bin ich mit über vierzig Lebensjahren nicht mehr ganz so belastbar wie bei der Kanadatour vor zwanzig Jahren. Doch das Feuer und die Begeisterung sind noch da. Knapp achtzig Kilometer sind wir marschiert. Die Erinnerung an das Erlebte wird die geschwollenen Füßen und den Muskelkater bald vergessen machen.

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