Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Archiv: Montag, 27. September 2010

Verweht 25.09.2010

Als ich nach vierzehn Tagen erneut am Inarisee in Lappland erscheine muss ich den Traum von der Farbenorgie endgültig begraben. Noch immer halten sich die Temperaturen knapp über der Frostgrenze. Rot leuchtende Waldböden wird es nun nicht mehr geben.

Das ist sehr schade. Vor vier Jahren habe ich für den „Planet der Wälder“ Vortrag schon einmal in derselben Gegend fotografiert. Damals sorgten schon Anfang September erste Raureifnächte für die Richtigen Zutaten zur prachtvollen „Ruska“, wie die Finnen ihren „Indian Summer“ zu nennen pflegen. Was bleibt ist eine wunderbare Natur die ich nun mit weniger bunten Akzenten ins rechte Bild rücken möchte. Abermals bekomme ich durch unseren finnischen Freund Jarmo ein Boot zur Verfügung gestellt. Ich steuere nun die vielen Stellen an, die ich zwei Wochen zuvor zusammen mit Elfriede ausgekundschaftet habe. An den Ufern des Sees sind die gelben Blätter der Birken zum großen Teil den einsetzenden Herbststürmen zum Opfer gefallen. Farbklecksen gleich liegen sie auf dem Boden.

Während ich durch den Wald stapfe finde ich hier und da die eine oder andere Birke an der noch ein Teil der Blätter an den Ästen hängt. Den ansonsten sehr getragenen Grün und Grautönen dieses Waldes kommt dies bei der Fotografie sehr zugute. Vereinzelte Heidelbeersträucher haben tatsächlich rötliche Blätter bekommen. Im Makrobereich des Bildausschnittes lässt sich auch bei diesem Motiv ein wenig Herbststimmung kreieren.

An einem der Tage ziehen dramatische Wolkenbilder über die Oberfläche des Sees. In meiner kleinen Nussschale fahre ich an unzähligen Inseln vorbei. Die Gischt spritzt mir immer wieder ins Gesicht. Ich bin ganz nah bei den Elementen. Ich steige auf eine der wenigen Anhöhen die sich knapp siebzig Meter aus dem Wasser erhebt. Ein vorbeiziehender Regenschauer lässt einen Regenbogen über dem Meer aus Wasser und Bäumen aufsteigen. Dies ist auch eine Möglichkeit Farben aufs Bild zu bekommen.

Ein großer Teil der in Finnland verbliebenen Urwälder befindet sich hier im Norden. Mit Jarmo habe ich mich lange über seine Heimat unterhalten. Mit großem Eifer erzählt er vom Kampf um den letzten Urwald, den er zusammen mit seiner Frau und dem Kampaignern von Greenpeace hier seit Jahren führt. In mühevoller Kleinarbeit haben sie ganz Finnland kartografiert und die Reste des alten Waldes zusammengetragen. Jarmo meint das knapp 700 – 800.000 Hektar Wald bisher noch nie eine Kettensäge gesehen haben. Das klingt nach viel, ist aber nur zwei bis drei Prozent der ehemaligen Fläche. Oftmals sind es nur kleine Flecken – ein paar hundert Meter breit. Um den Inarisee sind die Gebiete größer.

Hier tobte ein regelrechter Krieg zwischen dem staatlichen Forstgiganten Metsähallitus auf der einen und den Umweltschützern auf der anderen Seite. Besonders das Volk der Sami hat sich massiv dafür eingesetzt das der Einschlag in ihren traditionellen Rentierzuchtgebieten endlich aufhört. Kahlschläge entziehen diesen Menschen ihre Lebensgrundlage weil die Tiere, die sich das Jahr über in den Wälder frei bewegen dürfen, nichts mehr zu fressen finden. Greenpeace hat viele Aktionen zum Schutz dieses einmaligen Naturerbes unternommen. Ich erinnere mich an ein Urwaldcamp während des eisigen finnischen Winters. Wochenlang haben die Aktivisten dort in ihren Zelten auf den Zufahrstraßen ausgeharrt um die Kahlschlagmaschinen zu stoppen. Ehrenamtliche Greenpeacer haben ein Urwaldpostamt gegründet wo sie unzählige Unterschriften sammelten und kreuz und quer durch die Republik gelaufen sind. Da ein Großteil des Holzes für den deutschen Zeitschriftenmarkt verwendet wird, hat Greenpeace immer wieder Firmenleiter der Verlage und Papierhändler zu Begehungen in die bedrohten Wälder geladen. Sogar vor der UNO Menschenrechtskommision ist die Sache gelandet, weil die Sami erfolgreich die Bedrohung ihrer Kultur und Tradition darstellen konnten. Vor einigen Monaten kam dann endlich nach elf langen Jahren der Durchbruch. Metsähallitus erklärte ein zwanzig Jähriges Moratorium auf über hunderttausend Hektar der Wälder rund um den Inarisee.

Ein grandioser Sieg. Zwanzig Jahre keine Kettensägen mehr in diesen Urwäldern. Jeder ist sich Sicher, dass es in zwanzig Jahren politisch sowieseo nicht mehr durchsetzbar ist Urwälder einzuschlagen. Jarmo meint sogar das man ganz kurz davor steht ein allgemeines Rohdungsverbot für die verbliebenen finnischen Urwälder zu erreichen. Bei all den vielen Verbrechen, die der Mensch tagein tagaus an unserem Planeten verübt, ist diese Nachricht mal eine schöne Wendung gewesen und zeigt das Einsatz sich auch immer wieder lohnt. Mit einen guten Gefühl im Bauch habe ich die Herbsttage in einem der letzten Naturparadiese Europas genossen.

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