Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Wi(e)derstand 13.10.2010

Endlich. Es wurde allerhöchste Zeit. Bürger wehren sich. Der Automatismus der Macht, ob durch das Kapital oder die Politik (meist in Harmonie vereint), sieht sich zunehmend einer großen Menge Menschen gegenüber, die „Nein“ sagen. Die skandalöse und demokratisch völlig untragbare Laufzeitenverlängerung der Atomkraftwerke ist so ein Beispiel, das Alt und Jung auf die Straße bringt. Das Lieblings- Widerstandsobjekt „Stuttgart 21“ von uns Schwaben ebenso. Längst geht es für mich persönlich nicht mehr nur um einen Bahnhof. Es gilt einen Prozess zu brechen, der in den vergangenen Jahrzehnten dazu geführt hat, daß die Politik mehr und mehr zum reinen Handlanger der Wirtschaft geworden ist.

Auf die Bedürfnisse des Volkes, zu dessen Wohle die Damen und Herren alle vier Jahre gewählt werden, wird schon Lange keine Rücksicht mehr genommen. Besonders perfide zeigt sich das in der aktuellen Schwarz-gelben Regierung, die reine Klientelpolitik zelebriert. Frau Merkel wird es bitter bereuen, die Wahl in Baden Württemberg im März zum Maßstab der Akzeptanz ihrer Politik gemacht zu haben. Wenn selbst im bürgerlichen Stuttgart große Teile der eigenen Klientel „Stop“ schreit, muss man schon blind und taub sein um nicht zu reagieren.

Widerstand gibt es in Rumänien bisher nicht, zumindest keinen spürbaren. Als ich im Frühjahr das Land mit dem Karpatengebirge besuchte, habe ich den pensionierten Forstamtsleiter Walter Frank kennen gelernt. Er nahm sich fast eine Woche Zeit und zeigte mir die wunderbaren Urwälder seiner Heimat. Beschäftigt man sich mit europäischem Wald, so kommt man an Rumänien nicht vorbei. Abgesehen von den Weiten Russlands und Lapplands gibt es hier die einzigen relevanten Reste Naturwaldes von ganz Europa.

Doch die Urwälder verschwinden mit einer Rasanz, die wirklich beängstigend ist. Walter sieht auch sein persönliches Lebenswerk mehr und mehr zerstört. Während er über drei Jahrzehnte in seinem Revier die „Nachhaltigkeit“ im Forstbetrieb sehr ernst genommen hat, so wird heute nach den einfachen Regeln der Gier gewütet. Maximale Ausbeute mit minimalem Aufwand scheint die aktuelle Devise zu sein. Mit dem Ende der Diktatur und Rumäniens Anschluss an den Westen, sind für diese, in bis dato kleinbäuerlichen Strukturen lebende Gesellschaft, die vollen Verheißungen des Turbokapitalismus in greifbare Nähe gerückt. Was bei uns in langsamer Entwicklung eher schleichend geschah, passierte hier praktisch von heute auf morgen.

Nirgendwo sonst habe ich den Kontrast zwischen Arm und Neureich so eklatant beobachten können wie hier. Wie passt es zusammen, das ein Großteil der Landbevölkerung die Kartoffelernte von Hand betätigt und das Heu mit dem Pferdekarren nach Hause bringt, während Luxuskarossen zwischen endlosen LKW Konvois in Reihe stehen und die völlig veralteten Straßen verstopfen. Das Land kommt mit dem Aufbau der Infrastruktur gar nicht hinterher, so schnell sind die westlichen Konzerne in den neuen Markt mit billigen Arbeitskräften eingefallen. Das große Geld auf der einen Seite und ein bankrotter Staat auf der anderen. Ein goldener Boden für Korruption und Möglichkeiten schnell zu Geld zu kommen. Der Wald ist dabei einer der großen Verlierer. In den Ebenen, dort wo sich eine Agrarwüste an die Nächste reiht, stehen sie am Straßenrand. In schöner Regelmäßigkeit und Abwechslung werben große Tafeln für die Vorzüge der Kettensägen von „Stihl“ und „Husquana“. Die Wälder der Karpaten sind so reich an Leben und Vielfalt. Sie sind ein Schatz – ein Erbe das internationale Relevanz haben sollte.

Doch anstatt ihr Tafelsilber wie einen wertvollen Schatz zu hüten, scheint die Aussicht auf den schnellen Gewinn reizvoller. Der Markt verlangt – der Markt bekommt. Hier könnte die EU beweisen, daß sie nicht nur Strukturen zur Industrieansiedlung schaffen kann, sondern auch in der Lage ist, Naturgut zu bewahren. Walter meint in zehn Jahren sind die Karpaten ökologisch entwertet, wenn der Raubbau an den alten Wäldern so weitergeht. Da er und ich zwar eifrig schimpfen – können aber nur wenig bewirken, habe ich bei meiner zweiten Reise Verstärkung mitgebracht. Jetzt möchte ich die Wälder im Herbstkleid fotografieren und habe Oliver Salge und Martin Kaiser aus der Waldkampagne von Greenpeace mit dabei. Es bedarf nicht viel, um die Zwei von der Großartigkeit und Relevanz dieser Naturräume zu überzeugen. Martin ist ausgewiesener Fachmann für das Leben im Wald und Oliver als begeisterter Hobbyfotograf sowieso Feuer und Flamme.

Es ist wiederum Walter, der uns die Situation vor Ort schildert und anhand verschiedener Beispiele klar macht, daß die Zeit wirklich drängt. Mehre Tage verbringen wir damit, die Natur zu durchstreifen und Strategien zu überlegen, wie man in einem Land wie Rumänien erfolgreich Wald schützen kann. Eine Akzeptanz oder Interesse in der Bevölkerung scheint es kaum zu geben, was die Sache nicht gerade erleichtert. Walter redet ständig von einem völlig korrupten System, vom kleinen Waldarbeiter bis hoch zum Minister. Wenn dies auch nur halbwegs wahr ist, sind dies auch keine guten Nachrichten. Ein Ansatz wird wohl die EU sein,deren Naturschutzrichtlinien auf dem Papier gar nicht so übel sind. Droht der Geldhahn für Rumänien zu versiegen wäre dies wohl ein Druckmittel für die Regierung die Situation im Wald genauer anzuschauen. Außerdem muss man natürlich recherchieren wohin die Stämme verschwinden. Konzerne sind auf ein gutes Image aus, bekommen sie eine schlechte Presse, ist dies schlecht fürs Geschäft. Es gibt viel zu tun, aber wir sind uns Alle einig, das sich der Versuch lohnt. So verabschieden wir uns von Walter mit dem Versprechen alle Möglichkeiten ernsthaft zu prüfen, die Greenpeace zur Verfügung stehen.

Derer sind es nicht wenige, wie auch die Erfolge in Kanada, Russland und Finnland in den vergangenen Jahren immer wieder gezeigt haben. Widerstand kann durch eine große Menschenmenge betrieben werden, er kann aber auch durch einige Wenige erfolgreich sein. Dann, wenn es gelingt an den richtigen Stellen die richtigen Hebel in Bewegung zu setzten. Ich bin sehr froh, einen solchen Prozess mit angestoßen zu haben.

1 Kommentar

  1. Michael Jordan:

    Da sind ja wirklich die unglaublich schönsten Fotos dabei! Und das natürlich nicht nur in diesem Artikel. Der Bär im Nebel fasziniert mich. Eine wahnsinnig schöne Zeit musst du gehabt haben. Dafür ein kleines *Neid* von mir.

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