Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Licht im Dunkel 17.04.2011

Ich frage mich immer wieder, ob es in Zeiten ökologischer Engpässe noch vertretbar ist, für wenige Tage mit dem Flugzeug um die halbe Welt zu fliegen. Meine Eindrücke von unserer zehntägigen Jugendreise nach Bolivien bestätigen mir einmal mehr, wie wichtig und richtig das Reisen ist. Neue Erfahrungen und Sichtweisen bekommen wir beim Kontakt mit dem „Anderen“. Geistige Tiefflieger wie Sarrazin, Wilders, Haider, Le Pen und wie sie alle heißen, hätten in einer wirklich aufgeklärten, weltoffenen Gesellschaft kaum eine Chance, mit ihren eindimensionalen Weltsichten auf offene Ohren zu stoßen. Ich hatte das Privileg zusammen mit acht Jugendlichen aus Deutschland in eine Welt einzutauchen, die der Unseren, was den modernen Lebensstil betrifft, ganz ähnlich ist. Leider fehlt dem System in Bolivien der Sicherheitsschirm. Es produziert viele neureiche Gewinner, die sich in der modernen Konsumwelt wunderbar austoben können. Der Preis des Wohlstandes ist aber teuer erkauft. Ein beträchtlicher Teil der Menschen fällt durchs Netz und landet in Sichtweite des Reichtums, aber außerhalb seiner Reichweite, auf der Straße.

Diejenigen, die in diesem System eigentlich keine Chance haben, waren der Anlass, dass sich ein Gruppe dreizehn- bis achtzehnjähriger Teenager auf den Weg gemacht hat, um für einige Zeit in diese Lebensrealität einzutauchen. Zu dieser Reise haben meine Freunde Axel Brümmer und Peter Glöckner geladen. Bei ihrer Weltumradlung haben sie sich vor über zwanzig Jahren mit Ihren Velos über die unzähligen Andenpässe bis nach Santa Cruz gekämpft. Das Schicksal der vielen Straßenkinder hat sie tief berührt. Zurück in Deutschland haben sie in ihrer Thüringer Heimat den Verein Saalfeld-Samaipata e.V gegründet. Mit inzwischen über 100 Mitgliedern in Deutschland und kirchlichen Trägern vor Ort in Bolivien ist aus dieser Initiative ein großartiges Projekt entstanden, das aller Ehren wert ist.

Santa Cruz ist heute eine zwei Millionenstadt, in der sich wie in jeder anderen Metropole dieser Welt, eine endlose Blechlawine durch die Straßen schiebt. Kaum zu glauben, dass dieses ständig wachsende Ungetüm aus pulsierendem Leben vor fünfzig Jahren noch ein Städtlein ohne geteerte Straßen und Pferdekarren war. Wir erreichen das Kinderheim „Mano Amiga“, in dem sich unsere Jugendliche die Betten mit den hier lebenden Kindern im großen Schlafsaal teilen werden. Schon die Begrüßung war sehr emotional. Für die Gäste aus Deutschland wurde ein Ständchen gesungen und die Heimleitung hat uns alle herzlich Willkommen geheißen. Auf insgesamt acht Einrichtungen verteilt, bekommen heute 650 (!) Menschen in Santa Cruz die reale Chance auf ein besseres Leben. Die Abläufe im Heim sind erstaunlich diszipliniert. Alles verläuft in geregelten Bahnen. Im Speisesaal ist es während der Mahlzeiten auch nicht viel lauter als bei einem Abendessen im Restaurant. Eines der deutschen Kinder sitzt immer zusammen mit sechs bis acht Bolivianern am runden Tisch. Sprachdefizite werden mit Gesten, Körperkontakt und Zeichensprache einfach überbrückt. Schnell ist eine tiefe Verbindung der unterschiedlichen Kulturen aufgebaut. Ich bin immer wieder über die herzliche Art der Bolivianos sehr berührt.

In den kommenden Tagen besuchen wir die Vielzahl der Einrichtungen, die mit den Spendengeldern des Vereins am Leben gehalten werden. Mit jedem Projektbaustein den wir kennenlernen, wächst meine Hochachtung wie effizient und zielgerichtet geholfen wird. Ich Frage mich mehr und mehr, warum wir Menschen das Problem mit der Armut und Ungleichheit nicht in den Griff bekommen. Würde man das System des Vereins auf die bolivianische Gesellschaft übertragen, müsste es in einem Land mit zehn Millionen Einwohnern und dreifacher Fläche von Deutschland keine Armut geben. Es ist genug für Alle da, es ist nur ungleich verteilt. Dies gilt übrigens für den ganzen Planeten.

Warum finden allein in Santa Cruz Tausende keinen Anschluss an die Gesellschaft? Teil des Problems sind sicherlich die Umwälzungen, mit denen in der heutigen Zeit viele Länder konfrontiert sind. Aus einer reinen, kleinbäuerlichen Kultur von Selbstversorgern wird mehr und mehr eine vom westlichem Lebensstil geprägte Industrie- und Wissensgesellschaft.

Tausende von Landarbeitern geben ihr hartes, von körperlicher Arbeit geprägtes Leben auf, um in den Städten ihr Glück zu versuchen. Flachbildschirme und Handys sind die Götzen der Moderne. Auch in bolivianischen Städten strahlen sie von den riesigen Werbetafeln und verheißen ein Leben in Wohlstand und Lebensqualität. Doch für die Allermeisten bleibt diese Vision eine Utopie. Es mangelt schlicht und einfach an Bildung, um in dieser auf Geldfluss basierten Lebensweise, einen Platz zu ergattern. Die Ursachen für Landflucht sind neben der Hoffnung auf mehr Wohlstand sehr vielseitig. Es kann sich dabei um politische Umwälzungen, Klimaveränderungen oder wie im bolivianischen Hochland recht Häufig der Fall, um das Schließen von Minen handeln. Die Menschen erreichen die Städte meistens, ohne Lesen und Schreiben zu können und werden fast unweigerlich in den Teufelskreis aus Armut und sozialem Abstieg gezogen. Um Überleben zu können, überschreiten viele fast zwangsläufig die Schwelle in die Kriminalität. Ein Leben in dem Gewalt und Drogen eine Rolle spielen, ist vorprogrammiert. Um diese Mechanismen zu durchbrechen wurden die Heime gegründet. Hier kann man den Hilflosesten helfen, nämlich den Kindern.

Unsere Reisegruppe erlebt ereignisreiche Tage mit einer Vielzahl an Eindrücken die uns Alle nachhaltig beeindrucken. In einer Seitenstraße im Stadtzentrum besuchen wir das Nachtasyl. Nach Einbruch der Dunkelheit durchschreiten hier die Kinder, die Tagsüber auf der Straße leben, eine unscheinbare Metalltüre und landen für einige Stunden auf einer Insel der Ruhe und des Friedens. Waffen, Drogen und die Probleme des Alltags werden an der Pforte abgegeben und die Regeln des Hauses angenommen.

Es gibt eine warme Mahlzeit und ein Bett für die Nacht, bevor die Realität, jenseits der schützenden Mauern, die Kinder am kommenden Morgen wieder empfängt. Wer sich ein Jahr lang an die Auflagen des Nachtasyls hält und nicht straffällig wird, hat die Chance, in einem der Kinderheime aufgenommen zu werden. Verbunden mit der realen Aussicht auf eine intakte Gemeinschaft und Bildung für ein späteres Leben in Würde.

Besonders heikel für das Projekt war die Einrichtung eines Heimes in dem die Kinder von Gefängnisinsassen untergebracht werden. Zusammen mit Axel und einer Sozialarbeiterin hatten wir Erwachsenen die Möglichkeit einen Einblick in die Welt des bolivianischen Strafvollzuges zu werfen. Das Gefängnis am Stadtrand von Santa Cruz ist kein einzelnes Gebäude sondern eine Stadt innerhalb der Stadt. Klassisch wie im Film steht dort eine hohe Betonmauer mit Stacheldraht und Wachtürmchen und umschließt eine Realität die unserem Verständnis auf Hoffnung und Menschlichkeit nicht viel gemein hat.

Wird ein Familienmitglied auf die eine oder andere Art straffällig, so öffnen sich nicht nur für den Straftäter die Gefängnistore, sondern meist gleich für die ganze Familie. Von einem modernen Rechtssystem, bzw. Rechtsbeistand für die Betroffenen, kann keine Rede sein. Viele von den armen Seelen haben nicht einmal Papiere zum sich auszuweisen, geschweige denn die Möglichkeit sich mit Anwälten zu verteidigen. Mit dem Polizeichef flankiert laufen wir durch die Gefängnisstadt. Verdrängt man für kurze Zeit die Umstände, so könnte man die Szenerie für eine zwar dicht bevölkerte, aber ansonsten ganz normale Stadtszene halten. Wir sehen Handwerker, Köche, Kirchen, Fitness Center und Parkanlagen. Menschen jeden Alters sitzen auf Bänken vor den Baracken oder schlendern durch die Gassen. Alles wirkt unheimlich intensiv – fast unwirklich, und ist doch für viele tausend Insassen bittere Realität. Wer jetzt zu dem Schluss kommt, dies als eine Art Vergnügungspark auf Staatskosten zu sehen, der irrt gewaltig. Die Macht des Staates bleibt außerhalb der Gefängnismauern. Probleme werden hier mangels Lösungsmöglichkeiten weggesperrt aber nicht gelöst. Neunzig Prozent aller Kinder im Gefängnis sind Opfer körperlicher Gewalt, siebzig Prozent werden sexuell missbraucht. Es herrscht ein System der Perspektivlosigkeit. Selbst Familienmitglieder die unverschuldet wegen des Partners hinter den Mauern landeten, sind nicht automatisch frei wenn dessen Strafe abgelaufen ist. Mit umgerechnet 120 € müssen sich diese Personen freikaufen, ein Betrag der innerhalb des Strafvollzuges kaum mit legalen Mitteln zu erwirtschaften ist. Nun kann man sich vorstellen, wie schwierig es ist, wenn die Sozialarbeiter unseres Projektes in die Welt dieses Wahnsinns eindringen, um die Eltern davon zu überzeigen, dass ihren Kinder, weit weg von Ihnen, die Chance auf ein besseres Leben geboten wird. Das ist sehr harte Überzeugungsarbeit  und nicht immer von Erfolg geprägt. Umso erlösender ist für uns der anschließende Besuch im besagten Heim, in dem wir in lachende Kindergesichter blicken, die dem Irrsinn des Systems entkommen konnten.

Drogenabhängige Straßenkinder werden auf einer Farm mit Tieren beschäftigt. Die Spenden, die der Verein sammelt, finanzieren außerdem eine Bäckerei, die soviel Gewinn abliefert, dass damit sechzehn Kinderheime kostenlos mit Brot versorgt werden können. Hilfe zur Selbsthilfe die ankommt und funktioniert.

An zwei Abenden fahren wir nach dem Abendessen in kleinen Gruppen mit dem offenen Pick up Truck durch die Straßen von Santa Cruz, um jene zu finden, die nicht am Glanz des pulsierenden Nachtlebens teilhaben können. Jenen, die Tagsüber an den Kreuzungen für ein Paar Cent die Scheiben der Autos putzen oder sich mit anderen Aktivitäten das Überleben sichern. Wir sehen Frauen an Kreuzungen, die um Almosen betteln. Ihre Kleinkinder haben sie für den Mitleidseffekt direkt auf die Straße gesetzt.

Es ist kaum auszuhalten, die zahllosen Geländewagen der Reichen an den Kleinen vorbeirauschen zu sehen. Auf Verkehrsinseln in der Mitte von sechsspurigen Straßen sehen wir eine Gruppe von etwa fünfzehnjährigen Jungs, die sich Klebstoff schnüffelnd auf die Nacht vorbereiten. Als wir hinab in die völlig verdreckten Kanäle steigen, sind wir endgültig im Herzen der Dunkelheit angekommen. Unter den Straßenbrücken haben sich dort die Straßenkinder kleine Nischen eingerichtet, in denen sie zwischen Pappkarton und Abwasser ein Mindestmaß an Heimat schaffen. Aus unserer Sicht zu absolut menschenunwürdigen Bedingungen. Axel stellt dabei immer den Erstkontakt her. Sein Erfahrungsschatz als Weltreisender lässt ihn immer die richtigen Worte finden, um uns die symbolischen Türen in die Herzen dieser Menschen zu öffnen. Wir werden nicht als Eindringlinge gesehen, die sich am Elend der Jungen und Mädchen ergötzen wollen. Auch hier am absoluten Ende der sozialen Kette sehe und erlebe ich Menschen und keine Monster. Menschen die Dankbar sind, das man sich für Ihr Schicksal interessiert. Es sind sehr traurige Begegnungen die aber immer auf ihre Art auch Positiv sind.

Kaum eines dieser Kinder vom Straßenrand hat nicht schon von den Projekten mit den Kinderheimen gehört. Dort befindet sich der Schimmer in der Dunkelheit. Vielen ist es in der Vergangenheit gelungen mit Hilfe des Projektes ihren persönlichen Kreislauf der Hoffnungslosigkeit zu durchbrechen und ein Leben ohne Armut und Gewalt zu erreichen. Ich möchte Allen, die diesen Bericht hier lesen ans Herz legen die Internetseite des von Axel und Peter gegründeten Vereins zu lesen (www.saalfeld-samaipata.de), und wenn möglich auch zu spenden. Ich habe erlebt wie erfolgreich dieses Geld in Menschlichkeit umgesetzt wird. Hunderte von Kindern werden es Ihnen Danken.

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