Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Archiv: Donnerstag, 5. Mai 2011

Kontraste 21.04.2011

Es sind keine leichten Tage in Santa Cruz. Unsere Jugendlichen haben eine Menge Eindrücke und Emotionen zu verarbeiten. Um Ihnen dazu Zeit zu geben, reisen wir mit Axel für einige Tage in das kleine Bergdorf Samaipata. Auf einer Höhe von 1600 Metern herrscht hier ein mildes Klima und weite Ausblicke sind versprochen. Im Ort leben etwas mehr als 3000 Menschen, die sich aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen zusammensetzen. Straßenkinder gibt es keine. Die Mehrzahl der Leute sind, nimmt man materielle Werte als Maßstab, eher arm. Doch haben sie, meist basierend auf kleingliedriger Landwirtschaft, ein Einkommen und somit ein Dach über dem Kopf. Je weiter man die große Stadt hinter sich lässt, desto mehr rückt das eigentliche bolivianische Alltagsleben in den Sichtbereich. Für die 120 km lange Strecke brauchen wir fast drei Stunden. Die Straße weist große Schlaglöcher auf, und schlängelt sich die ersten Ausläufer der riesigen Andenbergkette hinauf ins Hochtal von Samaipata. Wir sind im Kloster untergebracht. Axel ist seit vielen Jahren mit dem Padre befreundet, der uns gerne seine Gastfreundschaft schenkt. Auch hier ist der Verein tätig, der Ort ist ja auch in der Tat der Namensgeber für das ganze Projekt. Es gibt hier eine aus Spenden finanzierte Abendschule. Dorfkinder die den ganzen Tag arbeiten müssen um sich über Wasser zu halten, haben hier die Möglichkeit sich zum Ausklang des Tages weiterzubilden. Das bringt wiederum unsere deutschen Schüler zum Nachdenken. So manch Einem wird wohl abermals bewusst, in was für einem Paradies er lebt. Was sind da dagegen schon ein paar Hausaufgaben.  Wir verbringen einen Tag mit den bolivianischen Schülern an einem Picknickplatz. Ein Wasserfall mit natürlichem Pool und gemeinsame Volleyball- und Fußballturniere sorgen für kurzweilige interkulturelle Vergnügungen.

Auf einem der unzähligen Gipfel, die das Dorf zu allen Seiten weit überragen, liegt „El Fuerte de Samaipata“. Dabei handelt es sich um  eine alte Ruinenstätte der Inkakultur, die seid 1998 von der UNESCO als Weltkulturerbe geschützt wird. Zentrum der Anlage ist ein Sandsteinfelsen, in dem zahllose Linien, Kanäle, Stufen und Figuren eingemeißelt sind. Der Schweizer UFO Forscher Erich von Däniken vermutete hier einen Ort, in dem in früherer Zeit Außerirdische Kontakt zu den Erbbewohnern aufgenommen haben. Die Wissenschaft hat wiederum die genauen Funktionen des Ortes nicht einwandfrei geklärt. Einig ist man sich aber, dass es sich um eine Zeremonialstätte der Inkas handelte. Axel erzählt uns beim Besuch der Anlage auch von Kulturen, die schon lange vor den Inkas hier ihren Lebensraum hatten. Auf Pfaden werden wir um den Felsen herumgeführt. Das Betreten ist inzwischen verboten. Leider kommt diese Maßnahme um einige Jahrzehnte zu spät. Eine Kruste auf dem Sandstein hatte das Monument über viele Jahrhunderte erhalten. Zahlreiche Touristen haben jedoch innerhalb kürzester Zeit diese Schutzschicht mit der Reibung Ihrer Schuhe nachhaltig zerstört. Seither schleifen Regen und Wind dieses kulturelle Erbe der Menschheit mehr und mehr ab.

Von der Anlage hat man einen imposanten Ausblick auf die Berge und umliegenden Hochtäler. Alles ist weitläufig und ein wohltuender Kontrast zur Überfüllung und Enge in der Großstadt. Der Blick fällt auf Sandsteinfelsen, die nur mit einer dünnen Vegetationsschicht überzogen sind.

Weite Teile der nutzbaren Fläche bestehen aus kleinen Feldern, durch die sich die Bauern ihr Überleben sichern. Der ursprüngliche Urwald hat hier nur an steilen Bergflanken die Eingriffe des Menschen überdauert. Dort, wo keine unmittelbare Nutzung betrieben wird, herrscht eine degradierte Waldform vor, die man eher als Gebüsche bezeichnen muss. Schon die Spanier haben hier vor Jahrhunderten Wälder gerodet und in diesem niederschlagsreichen und somit grünen Bereich der Anden Kühe zur Fleischproduktion auf die Hochebene gebracht. Die Problematik des Waldverlustes und der damit einhergehenden Erosion scheint hier und da erkannt worden zu sein. Doch mit Schrecken sehe ich, dass so gut wie alle Wiederaufforstungsmaßnahmen mit artfremden Bäumen erfolgt sind. Kiefern und Eukalyptusbäume wachsen nun an diesen Stellen. Besonders der Eukalyptus trägt nicht gerade zur Lösung der Probleme bei. Es ist zwar eine sehr schnell wachsende Baumart, die aber den Böden zu viel Wasser entzieht. Außerdem sehen diese Anpflanzungen ziemlich jämmerlich aus, wenn man sie mit dem Reichtum der heimischen Wälder vergleicht.

Bolivien ist dreimal so groß wie Deutschland. Es leben hier nur zehn Millionen Menschen. Deshalb kann Wildnis nicht ganz verschwunden sein. In der Tat ist dieses Land gerade für Naturfreunde ein ganz besonderer Schatz. Ich freue mich darauf, zusammen mit unserer Jugendgruppe einen Abstecher in den „Amboro“ Nationalpark zu machen. Auf über 4000 qkm schützt dieser Park genau jene Vegetation „Wald“, die außerhalb der Grenzen weitläufig dem Siedlungsdruck hat weichen müssen. Über eine Schotterpiste fahren wir die erste „Kordillere“ nach oben. Auf fast dreitausend Metern blicken wir in geschützte Täler, die mit dichtem Grün bewachsen sind. Das Schutzgebiet reicht bis an die Ausläufer der letzen Erhebungen dieses Faltengebirges. Auf der anderen Seite beginnt das flache Amazonas-Becken, das mit tropischer Schwüle ein völlig anderes Klima bereithält. Diese skurilen Gebirgszüge sind deshalb entstanden, weil sich hier zwei Erdplatten aufeinander schieben. Leider reichen die Rohdungsflächen der Farmer schon bis an die Parkgrenzen heran. Eine unscheinbare Absperrung über den Pfad ist das einzige Merkmal, dass wir eine Naturschutzzone betreten. Ein Management, Parkranger oder gar ein Besuchszentrum gibt es wohl nicht. Wir werden von Saul begleitet. Er ist ein bolivianischer Guide aus Samaipata, der in England Biologie studiert hat. Auf einem Pfad laufen wir hinein in den Wald. Saul berichtet den staunenden Jugendlichen viele interessante Details über die reichhaltige Pflanzenwelt.

Wir sehen kleine Orchideen, Moose, Flechten und Farne. Sogar eine tropische Nadelbaumart, die ich von der Art her eher in unseren Breitengraden erwartet habe. Störend wirken nur, die überall auf dem Weg verteilten Kuhfladen. Auch wenn es optisch nicht unmittelbar sichtbar ist, ist in den Randbereichen des „Amboro“ das Gleichgewicht des Lebens schon gestört. Die Kühe fressen viele der hier wachsenden Pflanzen und sorgen auf diese Weise für eine Reduktion der biologischen Vielfalt. Saul ist in Samaipata für ökologische Bildung zuständig. Sein Jahresbudget beträgt 400 €. Klar, dass damit nicht viel zu erreichen ist. Wir laufen durch einen Wald, der in dieser Form wirklich etwas ganz Besonderes darstellt. In den Senken stehen hier bis zu sechs Meter hohe Farnpalmen. Diese archaischen Gewächse wachsen in guten, wasserreichen Jahren nur um 0,4 mm und in trockenen Jahren gar nicht.

Viele der holzlosen Riesen müssen demnach schon zweitausend Jahre und älter sein. Das ist sehr beeindruckend und sollte nicht innerhalb ein paar Jahren von Kühen ruiniert werden. Nach einigen Kilometern erreichen wir eine Hochebene ohne Bewuchs. Mächtige Winde blasen dichte Wolkenberge über uns hinweg und es dauert einige Zeit bis wir erste Blicke hinein in den Talgrund und somit  in das innere des Nationalparks erhaschen.

Mehrere hundert Meter fällt die Klippe steil vor uns ab und eine ergreifend, schöne Landschaft tut sich vor uns auf. Am Horizont erheben sich wiederum Faltenberge in unterschiedlichsten Formen. Beim Rückweg ziehen die Nebelschwaden bis in den Wald und schaffen eine mystische, geheimnisvolle Stimmung.

Wir setzen uns zwischen die Bäume und führen eine intensive Gesprächsrunde zum Thema Ökologie. Dank des Wissens, das ich mir im Laufe der Jahre durch meine Greenpeace Arbeit angeeignet habe, kann ich den Jugendlichen einiges über die Zusammenhänge auf unserer Erde erklären. Alle erkennen, dass Armut/Reichtum und intakte/zerstörte Natur durchaus in Relation stehen. Es wird klar, dass es ein Privileg ist, solch eine Reise machen zu können, welches nur einem geringen Teil der Weltbevölkerung vergönnt wird.

Am kommenden Tag trennen sich unsere Wege. Während die Gruppe sich auf den Weg macht um die Osterfeiertage in Santa Cruz zusammen mit den Heimkindern zu erleben, habe ich die Möglichkeit zusammen mit Saul noch weitere drei Tage in dieser großartigen Bergwelt zu verweilen. Mit jeder Tour wächst meine Begeisterung für Boliviens endlos erscheinenden Weiten. Seitdem ich wieder zu Hause bin, lässt mich der Gedanke an eine Rückkehr in die Anden nicht mehr los. Ich hoffe, ich kann dem Ruf der Wildnis nicht allzu lange mehr widerstehen.

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