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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

„Savanne“ Teil 2: Sternenklar

Wie schon damals bei der ersten Reise, wollte ich unbedingt den „Oldoinyo Lengai“ besteigen. Es ist der einzige noch aktive Vulkan in der Region. Wir haben erfahren, dass er vor drei Jahren Lava gespuckt hat. Ich bin sehr interessiert daran, wie es heute da oben auf 3000 Höhenmetern wohl aussieht. Außerdem bekommt man natürlich keinen besseren Blickwinkel auf die Savanne, als aus einer über 1500m höher gelegenen Position zur restlichen Umgebung. Ein junger Massai wird uns als Führer zur Seite gestellt, damit wir den Weg zum steilen Aufstieg finden und er bei Bedarf Hilfe holen kann. Im Unterschied zum ersten Aufstieg wollte ich dieses Mal unbedingt auf dem Kraterrand übernachten, um die Chance auf fotogenes Licht zu bekommen. Außerdem befindet sich so der Auf- und Abstieg nicht in unmittelbarer, zeitlicher Nähe, was dem Körper die Möglichkeit zur Regeneration verschafft. Wir starten nach dem Frühstück und erwischen zu unserem Glück einen recht windigen Tag. So bleiben die Temperaturen auf erträglichem Niveau. Ich habe lange überlegt, ob ich mein sauschweres 400mm Objektiv diesen Berg hinaufschleppen soll. Doch, ich habe es nicht bereut, mich dafür entschieden zu haben! Gute Fotografie entsteht nicht zuletzt durch beherzten Einsatz, und für den wird man immer mal wieder belohnt. Die erste Stunde laufen wir durch fast brusthohes Gras, das sich durch den Wind sanft hebt und senkt. Hier steht die Vegetation in vollem Saft, was auf ausreichend Regenfälle hindeutet. Der Einstieg in den steil nach oben führenden Kamm folgt parallel zum Lavafluss. Vor drei Jahren kam das Lava an dieser Stelle herunter, und hat damit den ganzen nördlichen Bergkamm des benachbarten Grabenbruchs bedeckt.

Der „Oldoinyo Lengai“ ist der weltweit einzige, aktive Vulkan, der ein sehr dünnflüssiges Lava ausspuckt, das etwa die Viskosität von Wasser hat. Ist es erstarrt, wechselt es sehr schnell von dunkler Farbe in ein sehr helles Beige. Die Situation gaukelt uns immer wieder die Vision eines Gletschers vor, an dem wir hier gerade vorbeilaufen. Nach fünf Stunden anstrengendstem Aufstieg erreichen wir den Kraterrand. Während der Wanderung erfreuen wir uns an immer spektakulärer werdenden Ausblicken. Unter uns liegt das „Rift Valley“ hinter dem sich die endlos erscheinenden Savannen hin zur Serengeti öffnen.

Wir blicken hinüber zu den großen Kratern des Hochlandes und auf die Wasserfläche des Natron Sees, die am Horizont glänzend mit dem Blau des Himmels verschwimmt. Der Körper wird beim Aufstieg so sehr gefordert, dass man an seine Grenzen gerät . Lediglich das Adrenalin, das sich durch den Erlebnisfaktor hier aufbaut verschafft uns weitere Kraft. Die brauche ich auch, wenn ich das Abendlicht bestmöglich zur Fotografie nutzen möchte. Der Krater hat sich seit meiner letzten Besteigung massiv verändert. Durch den erneuten Ausbruch ist ein riesiger Hohlraum entstanden.

Aus dem Kratergrund höre ich dumpfe Geräusche dringen. An vielen Stellen treten Rauchwolken aus der Erde. Der Vulkan schläft, ist aber eindeutig aktiv. Mit meinen letzten Kräften eile ich auf dem kaum halben Meter breiten Kraterrand  von einem Aussichtpunkt zum nächsten, um alle Motive im richtigen Licht einzufangen. Besonders der Blick unmittelbar auf das unter uns liegende Grasland ist faszinierend. Von hier oben sieht man jeden Bachlauf und Minikrater, der dieser Landschaft Charakter und Schönheit verleiht.

Wir nächtigen in einer Mulde zwischen dem Haupt- und Nebenkrater. Unser Bett ist dabei praktisch das Geröll. Außer einem dünnen Schlafsack haben wir hier nichts hoch geschleppt. Meine Kräfte hat die Fotoausrüstung voll in Anspruch genommen. Ich bin Rolf sehr dankbar, dass er mir mit etwas Kleidung, Essen und vor allem Wasser ausgeholfen hat. Die Nacht wird sternenklar, was auf 3000 Meter Höhe eisige Temperaturen zur Folge hat – selbst in Afrika. Das hatte ich unterschätzt.  Dazu kommt, dass mein dünner Sommerschlafsack einen kaputten Reisverschluss hat. Es ist ein unglaublich dummes Gefühl, wenn man eigentlich total übermüdet auf dem Boden liegt, und die Kälte so ganz langsam an vielen Stellen in den Körper dringt.  Ich habe selten eine schlimmere Nacht verbracht als diese auf den Götterberg. Doch bereut habe ich diese Übernachtung nicht, im Gegenteil!

Gehen fünf Uhr morgens erreichen die Temperaturen in der Regel ihren Tiefpunkt. Endlich ist der fast volle Mond hinter dem Horizont verschwunden. Die Ganze Nacht hätte man ein Buch lesen können, so stark war die Leuchtkraft des Erdtrabanten. Doch mit dem Verschwinden dieser Lichtquelle entfaltet sich die ganze Schönheit der Milchstraße.

Über mir leuchten plötzlich unendlich viele Sterne. In der klaren Bergluft, die hier auch nicht durch menschliche Lichtverschmutzung getrübt wird, habe ich den schönsten Blick auf den Sternenhimmel erlebt, den ich bisher in meinem Leben sehen durfte. So fällt es mir leicht, den Schlafsack zu verlassen und meinen Körper durch fotografierende Bewegungen zu erwärmen. Es ist kaum in Worte zu fassen, was man in solch einer Umgebung empfindet. Man steht auf einem schmalen Grad auf dessen beiden Seiten es viele hundert Meter steil nach unten geht. An meine Ohren dringt eine gespenstische Geräuschkulisse von vor sich hinblubbernder Lava. Über mir die Unendlichkeit des Universums. Etwas später dann beginnt die Zeit in der Nachtschwärze und Tageslicht um die Oberhand ringen. Wie in Zeitlupe werden die allerersten schwachen Konturen der unter mir liegenden Landschaft sichtbar.

Sie werden dabei in ein sich ständig veränderndes Farbenkleid gehüllt. Die Magie hält an bis sich am Horizont ein tief orangeroter Sonnenball über den Horizont schiebt. Dieser schüttet endloses Licht über die Welt und verbannt den Zauber der vergangenen Nacht in die Kammer der Erinnerung.

 

 

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