Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Archiv: August 2012

Auf dünnem Eis 28.08.2012

Ich traue meinen Augen nicht, als ich mit einem leichten Schwung über die Bordkante des Schlauchbootes im seichten Wasser lande. Wir sind in einer der unzähligen Buchten des Inselarchipels Spitzbergen und ich verspüre zum ersten Mal seit Tagen wieder festen Boden unter den Füßen. Auf der gesamten Küstenlinie in dieser urigen, wilden Landschaft aus Geröll und Gletschereis, scheinbar weit abseits allen zivilisatorischen Unfugs, liegen unzählige Reste von kleinem und großem Abfall.

Endlos reihen sich Fetzen von Plastikverpackungen, Flaschen und Fischernetzen zwischen an Land gespültem Tang und Treibholz vor mir auf. An solchen Orten kann man den wahren Zustand unseres Planeten sehen. Durch unseren Konsumwahn drohen wir praktisch in unserem eigenem Müll zu ersticken. Hier an diesem Strand hat dies stellvertretend eine Möwe übernommen, deren Gefieder sich im Plastik verfing und das Tier verenden lies. Das Geweih eines Rentieres, welches wir verheddert zwischen einem Netz finden, lässt auch auf kein gutes Ende dieses Tieres schließen. Längst haben wir die Kontrolle über unser Handeln verloren. Bei kaum einer Reise wird dies deutlicher als hier in der Arktis. Wir müssen einige Zeit ins Landesinnere marschieren bis wir die letzten Reste menschlichen Wohlstandes hinter uns gelassen haben. Von einer Anhöhe aus blicken wir auf riesige Geröllfelder und eine völlig eisfreie Bucht.

Dies ist um diese Jahreszeit nicht ungewöhnlich. Es ist der arktische Sommer. Die Sonne geht nach wie vor nicht unter und die Temperaturen liegen im positiven Bereich. Das Eis wird in wenigen Monaten das Land und die Buchten von Norwegens nördlichstem Außenposten wieder fest in seinem Griff bekommen. Was aber durchaus nicht als normal zu bezeichnen ist, ist das Fehlen der arktischen Eismasse noch viele Kilometer nördlich der Inselgruppe. Während das antarktische Eis um den Südpol herum auf einer Landmasse aufliegt, befindet sich das arktische Eis um den Nordpol auf dem Wasser. Es ist ein natürlicher Prozess, dass sich die Eisfläche im Sommer reduziert und im Winter wieder anwächst. Doch, was wir momentan auf dieser Reise erleben, und was auch langsam durch die Medien sickert, lässt Schlimmes erahnen. Ich bin auf der „Plancius“ ein ehemaliges Forschungsschiff, welches zum Tourismusfrachter umgestaltet wurde. Gespräche mit Fachleuten an Bord bestätigen die schlimmsten Befürchtungen. Die Eismasse ist, seitdem der moderne Mensch Messungen vornimmt, noch nie soweit abgeschmolzen, wie momentan.

Da das Eis nirgends angebunden ist, können Winde und Strömungen durchaus schnelle, geografische Veränderungen der Fläche verursachen. Gestützt durch Langzeitstudien und Sattelitenaufnahmen lässt sich die Tendenz des arktischen Eisschwundes aber auf keinen Fall mehr leugnen. Dass es trotzdem weiterhin Ignoranten geben wird, die auch in den kommenden Jahren alle Hinweise auf den menschlich, gemachten Klimawandel ins Lächerliche ziehen werden, macht mich extrem wütend. Diese hirnlosen Egomanen, die sich von rechtslastigen „Think-Tanks“ und großen Ölmultis ein sorgenfreies Leben bezahlen lassen, werden sich auch darüber freuen wenn in ca zehn Jahren die Schmelze erstmals Schiffsverkehr durch die Arktis erlaubt. Dann kann der hemmungslose Raubbau an Rohstoffen auch an einem der letzten, bisher unberührten Orte des Planeten beginnen. Öl und Kohle kommen schneller zum Verbraucher und die Konzerne steigern ihre eh schon astronomischen Gewinne weiter nach oben. Somit profitieren die Verursacher allen Leides, das sie kommenden Generationen aufbürden, von Ihren eigenen Verbrechen. Es ist zum Heulen. Ich kann auch eines der Hauptargumente der Klimawandel-Leugner nicht mehr hören, die gebetsmühlenartig auf die Kartoffeln verweisen, die man zu früheren Zeiten auf Grönland angebaut hat. Wie dumm muss man sein, um sich eine einzelne Tatsache aus dem Zusammenhang zu reißen, um darin eine positive Entwicklung zu erkennen. Natürlich gab es seitdem die Erde rotiert im Klima Veränderungen in Hülle und Fülle. Selbst die Antarktis war vor Urzeiten mal eisfrei. Doch diese Veränderungen zogen sich über Zeiträume hinweg, welche die Anwesenheit des modernen, industrialisierten Menschen auf der Erde als Sekundenbruchteil degradieren.

Die komplette Artenvielfalt des Planeten und unsere unterschiedlichsten Lebensweisen aller Kulturen bauen sich auf dem Klimamodell von heute auf und nicht auf damals, als ein paar Halbwilde Kartoffeln auf Grönland pflanzen konnten. Die Veränderungen sind so weitreichend, dass man schnell den Überblick verliert. Das Leben auf der Erde besteht aus unzähligen Kreisläufen, die auf verschiedenste Weise miteinander verbunden sind. Schmilzt das Eis, hat dies Auswirkungen auf viele Abläufe, die sich wiederum mit anderen Verkettungen überkreuzen und ebenfalls alles durcheinanderbringen. Eines der prominentesten Opfer dieser Entwicklungen im arktischen Eis ist auch der Grund, warum ich mich auf diese Kreuzfahrt begeben habe – nämlich der Eisbär.

Kaum ein Tier steht symbolisch für all das, was verloren geht, wenn wir Menschen den Sinn unseres Lebens nicht schleunigst neu definieren, wie diese Bären.

Als die letzten, nördlichen Ausläufer Spitzbergens hinter dem Horizont verschwinden, fahren wir noch für viele weitere Stunden über eine dunkle Wasserfläche die völlig eisfrei ist. Die Reise wurde als „Eisbär Spezial“ beworben. Jeder an Bord ist deshalb in freudiger Erwartung, als wir uns dem angestammten Lebensraum des Eisbären nähern. Das Packeis, auf dem die Tiere über die Sommermonate auf Robbenjagd gehen, kommt erst um den 81ten Breitengrad in Sicht. Langsam manövriert der russische Kapitän das Schiff durch die Eisplatten. Spätestens hier hat mich der Polarvirus infiziert. Die Sicht ist gut. Bis auf alle Horizonte sehen wir das brüchige Eis, welches von kleinen und größeren Wasserflächen durchzogen ist. Alle Bären, die es mit dem Rückgang des Eises auf diese Flächen geschafft haben, und nicht auf den Inseln des Festlandes zurück geblieben sind, haben große Chancen durch die wärmere Jahreszeit zu kommen. Hier jagen sie mit großem Geschick nach Robben, die sie aus dem Wasser ziehen oder mit ihrem Geruchssinn in unterirdischen  Eishöhlen aufspüren und schnappen können. Der Himmel ist an diesem Tag mit einer leichten Wolkenschicht überzogen, aus der sich immer wieder Schneeflocken lösen. Dabei ist es fast windstill, was mir perfekte, fotografische Bedingungen bietet. Von den fünf Bären, die wir an diesem Tag erspähen, ist es Nummer Zwei, die mich sehr glücklich macht und die Reise für meine Arbeit zu einem großen Erfolg werden lässt.

Wir sehen die Bärin schon in der Ferne. Anders als ihre Artgenossen scheint dieses Tier recht neugierig zu sein. Während wir so manch einem anderen Gesellen fast hinterherfahren, kommt die Dame langsam aber beständig näher an das Schiff heran. So muss der Kapitän eigentlich nur an Ort und Stelle verharren. Passagiere und Personal stehen einträchtig an der Reling und beobachten ehrfürchtig wie sich dieses wunderschöne Tier Stück für Stück dem fremden riesigen Objekt nähert. Die Bärin hat ein wunderbar weißes Fell und sieht gut genährt aus. Ein Prachtexemplar. Es sind intensive Minuten, in denen ich viele schöne Variationen dieser Spezies auf meinen Chip banne, fast besser als ich es mir erträumt hatte.

Als sich die Eisbärin dann am Ende noch mit einigen Kunststückchen und drolligen Verrenkungen verabschiedet, lässt sie ein Boot voller Glücksseligkeit hinter sich zurück.

Wir erreichen bei der Rückfahrt nach Spitzbergen eine kleine, isolierte Insel, auf der sich sieben ihrer Artgenossen befinden. Die Bären klettern dort über Geröll und wirken irgendwie völlig bemitleidenswert. Schmilzt das Eis in den kommenden Jahren weiter in dieser Geschwindigkeit, so müssen immer mehr dieser Tiere verhungern. An Land haben sie kaum Aussicht auf ausreichend Nahrung, besonders wenn das rettende Eis von Jahr zu Jahr länger fernbleibt. Keiner weiß genau wann unsere Bären zum letzten Mal gefressen haben. Die unzähligen Möwen, weit oben im Vogelfelsen sind für sie unerreichbar. Die Kolonie von Walrossen, die vor der Küste im Wasser treibt, ist auch keine leichte Beute, da die klobigen Tiere sehr wehrhaft sind.

Die Anwesenheit der Walrosse ist jedoch eine kleine Erfolgsgeschichte, da die Tiere, ebenso wie die Wale, auch in Spitzbergen gnadenlos gejagt wurden. Durch Schutzmaßnahmen nehmen die Bestände dieser Art langsam wieder zu.

Ein Blick in die Geschichtsbücher lässt erahnen, auf was für einen überschwenglichen Reichtum an Leben die ersten Entdecker hier gestoßen sind, als sie sich in diese unbekannte, dem Menschen so lebensfeindliche Region aufmachten. Bis zu hundertsechzig Walfangboote sollen sich hier einst in einer einzigen Bucht aufgehalten haben – so zahlreich war die Beute. Mir kommen dabei die Bilder von den Büffeln in der nordamerikanischen Prärie in den Sinn, die von weißen Jägern zu hunderttausenden abgeschossen wurden, einfach weil sie so zahlreich vorhanden waren. Der Mensch ist das schlimmste Raubtier von Allen, er tötet nicht nur zum eigenen Überleben sondern zum Vergnügen.

Die Wale, Robben und Walrosse mussten damals dran glauben weil man aus Ihrem Fettgewebe Tran gewonnen hat. Bis Anfang des 20sten Jahrhunderts wurden damit in Form von Lampenöl Häuser und Straßen beleuchtet. Dass wir heute auf unserer Reise zwei Blauwale zu Gesicht bekommen, gleicht fast einer Sensation und zeigt wie gründlich unsere Spezies ist, wenn es darum geht den Reichtum dieses wunderbaren Planeten zu plündern. Erst wenn fast nichts mehr vorhanden ist, fängt man an, sich nach Alternativen umzuschauen. Diese sind auch in den allermeisten Fällen vorhanden. Hätten wir Alle nicht das „Gier“-Gen intus könnten wir den Planeten nachhaltiger nutzen und wären dabei noch wesentlich ausgeglichener und glücklicher. Davon bin ich überzeugt. Diese Reise an sich ist schon ein Paradoxon für mich gewesen. Innerhalb kürzester Zeit wurde es mir durch moderne Technik und einer vorhandenen Infrastruktur ermöglicht, tolle Fotos einer Region zu machen, die vor wenigen Jahrzehnten noch kaum erreichbar war. Hundert „Naturfreude“ werden dabei durch Szenarien geschippert, die so in naher Zukunft nicht mehr existieren. Dabei werden sie dreimal täglich mit den vielfältigsten Speisen gemästet, die aus aller Herren Länder zusammengetragen, hier im Überfluss angeboten werden. Es gibt Getränke aus Aluminiumdosen, Fleisch in Hülle und Fülle, und immer frische Servietten, Handtücher und was der moderne Kreuzfahrer sonst an Standart erwartet. Wir sind schon eine recht seltsame Lebensform.

Abgetaucht 18.07.2012

Man kann auch heute noch auf unserer Erde tolle Abenteuer erleben. Ich habe mir mit meiner Reise ans rote Meer in Ägypten die Tür zu fantastischen Begegnungen und neuen Bilderwelten weit aufgestoßen. Es ist ganz klar, dass ich beim neuen Projekt „Naturwunder Erde“ nicht umhin komme, mich auch mit dem Leben unter Wasser zu beschäftigen. Nur so wird diese Arbeit unserem Planeten in seiner Vielfalt gerecht werden. Da ich eher als „wasserscheu“ verschrien bin, ist die Annäherung ans fremde Element keine Selbstverständlichkeit. Doch, um in diesem Beruf überhaupt bestehen zu können, muss man von Grund auf mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein ausgestattet sein. So lies ich auch keinen Hauch von Selbstzweifeln aufkommen, als ich mich schon vor meinem Tauchkurs mit einem professionellen Unterwassergehäuse der Firma „Seacam“ für meine Nikon D4 ausstattete.

Untergebracht bin ich in einem Touristenressort, das für jeweils einige hunderte Urlauber deren schönste Tage im Jahr komplett gestaltet. Vollpension und fast vierzig Grad im Schatten. Die Tauchschule befindet sich innerhalb des Hotelgeländes. Ein schönes Hausriff verspricht Tauchgänge vom Strand aus – gute Bedingungen für einen Anfänger wie mich. Drei Tage verbringe ich zusammen mit meinem Tauchlehrer. Ich bin der einzige Schüler, was insbesondere bei den ersten Tauchversuchen ein toller Vorteil bedeutet. Ich bekomme immer seine volle Aufmerksamkeit. Im theoretischen Teil des Kurses schaue ich Videos an, die mich über die Welt des Tauchens in all ihren Facetten informiert. Ganz schön viel Stoff auf einmal! Zumal es da auch um die Gefahren wie Dekompressionskrankheit, Tiefenrausch und ähnliche Albträume geht. Zum Glück gehen wir vom ersten Tag an gleich ins Wasser um das Theoretische auch in die Tat umzusetzen. Wichtig ist, dass man sich von Anfang an mit der Ausrüstung vertraut macht. Sie sorgt dafür, dass man wieder lebendig an die Wasseroberfläche zurückkehrt. Am Ende des dritten Tages muss ich einen Bogen mit 50 Fragen beantworten und habe danach eine offizielle, weltweit anerkannte Zertifizierung zum OWD (Open Water Diver), der bis 18m tief tauchen darf.

Jetzt wird es für mich richtig spannend. Ich habe weitere sieben Tage Zeit, um mich beim Tauchen neben dem austarieren des Körpers zusätzlich an die Kameraausrüstung zu gewöhnen. Diese ist mit ihren zwei klobigen Blitzarmen zum Glück nur an Land schwer zu transportieren. Im Wasser fängt sie an zu schweben und verschafft mir eher Stabilität als Behinderung. Für jeden Tauchgang bekomme ich eine offizielle Bestätigung und so sammle ich eifrig Erfahrung. Am Ende der zehn Tage werden zwanzig Abenteuer in der Welt jenseits der Wasseroberfläche zu Buche stehen. Ich leiste mir den Luxus, als Tauchpartner jeweils einen erfahrenen Guide zu buchen, um mich voll auf meine fotografische Arbeit konzentrieren zu können. Auch wenn ich zu meiner eigenen Verwunderung recht schnell mit dem Großteil der Abläufe klarkomme, so gibt er mir doch ein Gefühl der Beruhigung. Es tut gut, jemanden hinter meinem Rücken zu wissen, der mich von empfindlichen Korallen wegzieht, sollte ich mal die Kontrolle oder die Dauer und Richtung des Tauchgangs aus den Augen verlieren. Als am hilfreichsten sollten sich meine Aufpasser aber als Luftlieferanten erweisen. Durch meine noch nicht ganz professionelle Atmung und dem körperlichen, aufwendigen Hantieren mit der Kamera, ist meine auf dem Rücken geschnallte und mit kompressierter Luft gefüllte Flasche immer recht schnell leer. Nicht selten darf ich mich im letzten Viertel des Tauchganges an den Ersatzschlauch des Partners hängen und so den Aufenthalt unter Wasser verlängern.

 

Ich habe auf meinen Reisen im Laufe der Jahrzehnte viele „Aha-Erlebnisse“ genießen dürfen. Sei es den ersten Blick über den Grand Canyon in den USA, die hunderttausende von Pinguinen in der Antarktis oder die Begegnungen mit den Indios im Amazonas. Das Eintauchen in die Welt der Wasserbewohner reiht sich da nahtlos ein und begeistert mich wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal den Weihnachtsbaum mit vielen Geschenken zu Gesicht bekommt. Natürlich kennt man unzählige Bilder und Filme, die von der Unterwasserwelt berichten. Doch dies ist nicht im Ansatz vergleichbar mit dem eigenen Erleben. Vom ersten Tauchgang an schlägt mich die Schönheit der Riffe am roten Meer in ihren Bann. So eine ungeheure filigrane Vielfalt raubt einem fast den Atem (besser nicht, sonst wars das mit dem Tauchen…). Ich schwebe vorbei an Korallenbergen, die von Schwärmen kleiner und kleinster Fische umschwommen werden, welche in den phantasievollsten Formen und Farben hier im Schutze dieses Paradieses leben. Das Blitzlicht macht, die durch die Wassertiefe längst absorbierten Farben der Tiere auf dem Foto, wieder sichtbar. Vom ersten Tag an bin ich, als ich abends am Computer sitze und Bilder sortiere, begeistert von den Ergebnissen und freue mich, diesen Schritt in meiner beruflichen Entwicklung gewagt zu haben. Immerhin sind 70% der Erde mit Wasser bedeckt. Ein unendlicher Fundus an Abenteuern und Motiven.

Ich entdecke Nemo, den Helden aus dem gleichnamigen Pixar- Animationsfilm, der in einer wunderschön anzuschauenden Anemone haust. Ich schwimme mit großen Schildkröten, die den Boden nach Seegras absuchen und fast immer „Putzerfische“ auf ihrem Panzer mit sich führen, die ihnen den Laden sauber halten. Das absolute Highlight ist aber für mich ganz klar: das gemeinsame Tauchen mit einer Gruppe von 15 Delphinen! Wir kommen gerade von einem Tauchgang zurück, als wir in der Hotelbucht die Flossen der Delphine aus dem Wasser ragen sehen. Mein Guide greift sofort zu einer neuen Flasche Luft, schnallt sie mir auf den Rücken und dann geht die Gaudi los. Es ist großartig diesen Geschöpfen zu folgen – wie sie friedlich und elegant durchs Wasser gleiten. Immer beim Auftauchen der Gruppe versuchte ich sie von unten gegen das Licht zu fotografieren.

Hier habe ich auch einige fotografische Lektionen gelernt. Wenn das Motiv zu weit entfernt ist, empfiehlt es sich, die Blitze auszuschalten, denn in der Distanz wird jedes kleine Partikelchen, das im Wasser treibt, angeblitzt. Dies sieht auf dem Foto wenig elegant aus. Zum Glück habe ich den Auslöser so oft gedrückt, dass eh jedes zweite Bild ohne Blitzlicht belichtet wurde. Das Gerät konnte so schnell gar nicht aufladen. Ich profitiere im Gesamten sicherlich von meiner langjährigen Erfahrung als Fotograf, doch in solchen Fällen merke ich, dass es auch hier unten viel zu lernen gibt um wirklich auf alle Eventualitäten vorbereitet zu sein. Auf jeden Fall fühle ich mich nach diesen zehn Tagen gerüstet, um im kommenden Jahr zusammen mit meinem Freund und Kollegen David Hettich (praktisch der „Tauchgroßmeister“ unserer Foto- und Vortragsszene) nach Palau zu reisen, um dort das Thema „Ozean“ für mein Projekt über die Ökosysteme zu fotografieren.

 

Dieses Tauchabenteuer ist für mich neben dem fotografischen Erleben zusätzlich auf einer ganz anderen Ebene sehr nachhaltig. Ich lese recht häufig Berichte über die Überfischung der Meere und dem weltweiten Korallensterben durch die sich ändernden Umwelteinflüsse. Wer einmal einen Blick in dieses Universum des Lebens unterhalb der endlosen, blauen Wasserfläche gewagt hat, dem können diese Themen nicht mehr gleichgültig sein. Abermals ist es das Unvermögen unserer Spezies mit unserer Lebensgrundlage, dem Planeten Erde, vernünftig umzugehen. Der Mensch hat völlig Maß und Ziel verloren. Obwohl die Probleme der endlichen Fischvorräte längst bekannt sind, werden immer neue Lizenzen vergeben und immer größere Fischverarbeitungsfabriken auf die Meere losgelassen. Gerade wir Europäer sind da wieder ganz vorne dabei. Die eigenen Meeresgebiete  sind längst überfischt, also weicht man vor die Küsten anderer, ärmerer Länder aus, um sich an deren Reichtum zu bedienen. Wenn dann afrikanische Fischer aus der puren Not heraus zu Piraten werden, bekämpfen wir diese wiederum mit moderner Militärtechnik und stempeln sie als Terroristen ab. Dies ist natürlich etwas vereinfacht dargestellt, befindet sich aber aus meiner Sicht sehr nahe an der Realität. Letztendlich hat sich seit den Zeiten des Kolonialismus nicht sonderlich viel geändert. Auch heute noch beuten wir den Rest der Welt aus. Nur sind die Mittel in Form von Schuldenlasten und wirtschaftlicher Marktmacht etwas filigraner als die Donnerbüchsen der damaligen Eroberer. Die verheerende Wirkung für Mensch und Umwelt ist aber dieselbe, heute nur viel großflächiger und kaum noch überschaubar.

 

Savanne Teil 4: Artenreich 20.06.2012

Eines der schönsten Naturerlebnisse auf unserer Erde dreht die oft vorherrschenden Verhältnisse um, indem der Mensch in eine Art Käfig verbannt wird und die Tiere frei umherziehen können. Die große Savanne die in Form der Serengeti und des Masai Mara Nationalparks vor dem Einfluss unserer Spezies geschützt wird, lässt sich nur aus dem Auto heraus erkunden. Der Gast bekommt genaue Regeln auferlegt und das ist auch gut so. Selbst in Afrika, geschweige denn im Rest der Welt gibt es kaum noch vergleichbare Regionen. Das Ökosystem Savanne wird heutzutage fast vollständig von uns Menschen zum Ackerbau und zur Viehzucht genutzt. An Orten wo beides nicht betrieben wird sind die Tiere meist weggeschossen oder stark reduziert. Führt man sich diese Realität vor Augen, so kann die Wichtigkeit dieses Landstrichs gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.


Hier im nördlichen Tansania und im südlichen Kenia haben die großen Herdentiere wie Gnus und Zebras noch die Möglichkeit ihren Instinkten zu folgen und ohne die Zerschneidung von Zäunen oder Straßen über die offenen Ebenen zu ziehen. Die Jahreszeiten teilen sich in Trockenzeit und Regenzeit. Die große Tierwanderung, auch Migration genannt, befindet sich immer in den Regionen in denen das Gras der Savanne grün und saftig ist. Ihre Route verläuft dabei Kreisförmig innerhalb der Grenzen des heutigen Schutzgebietes und wiederholt sich Jahr für Jahr.

Die Meisten, die wie ich in den Siebzigern und Achtzigern ihre Kindheit und Jugend verbracht haben, werden sich mit Wohlwollen an die Tiersendungen von Bernhard Grzimek erinnern. Er hat das Naturverständnis einer ganzen Generation geprägt und maßgeblich dazu beigetragen das wir unsere Weltsicht über den eigenen Tellerrand hinaus, weiträumiger definieren. Unvergessen ist sein Film „Serengeti darf nicht sterben“. Zusammen mit seinem Sohn Michael ist er über Monate mit dem Flugzeug in den Himmel gestiegen und hat die Tiere auf ihrem Weg beobachtet. Diesen zwei Visionären haben wir es zu verdanken, das man damals die für die Herden relevanten Regionen unter Schutz gestellt hat. Professor Grzimek hat für dieses Werk den wohl höchsten Preis bezahlt den ein Vater erleiden muss. Sein Sohn Michael starb beim Absturz eben jenes Flugzeugs mit dem die Beiden der Welt ein so großes Geschenk gemacht haben. Das Leben ist manchmal wirklich extrem unfair.

 

Wir erreichen die Serengeti am nördlichen Eingang. Hier oben sind die Tiermassen augenscheinlich noch nicht angekommen, denn das Gras steht an manchen Stellen bis zu einem Meter hoch. Es sieht herrlich aus wie sich die Halme sanft im Wind bewegen und der Blick weit in die Ferne reicht. Trotz der Begrenzung des Jeeps befällt mich beim Anblick dieser Natur ein beschwingtes Gefühl von Freiheit.

Immer wieder sehen wir Giraffen an Akazien und Büschen stehen. Antilopen, Elefanten, Perlhühner, Wildschweine, und unzählige Vögel machen die Fahrt zu einer aufregenden Entdeckungstour die zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommen lässt. Nach einigen Stunden Fahrzeit erreichen wir das Zentrum des Schutzgebietes. Hier fließen wichtige Lebensadern dieses Ökosystems in Form größerer Flüsse, die ein zahlreiches Auftreten tierischer Bewohner versprechen. Um diese Jahreszeit, es ist nun Mitte Juni, werden hier die ersten Herden der großen Wanderung erwartet. In den kommenden Tagen schlagen wir unser Lager auf einem Campingplatz auf. Dieses wird Tagsüber von unserem Koch James bewacht. Wenn wir abends müde aber glücklich von der Fotopirsch zurückkehren, empfängt er uns mit einem fürstlichen Essen, welches er mit einfachsten Mitteln zubereitet. Meine Kraft reicht in der Regel noch dazu, die im Laufe des Tages gemachten Bilder am Labtop zu sortieren bevor ich mich ins Reich der Träume verabschiede.

Besonders hier im Herzen der Serengeti bildet ein Netz aus ungeteerten Wegen den Besuchern die Möglichkeit den Tieren bei ihrer Suche nach Nahrung und ihrem alltäglichen Kampf ums Überleben zuzusehen. Das verlassen der Wege ist strengstens untersagt was ich sehr begrüße. Es sind viele Besucher die mit ihren Eintrittsgeldern das Schutzgebiet am Leben halten. Man stelle sich nur mal vor wie es hier aussähe, würde jeder rumkurven können wo er wollte. Ganz abgesehen von den armen Tieren, die dann gar keine Ruhe mehr hätten.

Besonders die Raubtiere sind sowieso schon Leid geprüft. Immer wenn ein Fahrer eine Gruppe Löwen im Gras sitzen oder einen Leoparden im Baum liegen sieht, verbreitet sich diese Nachricht wie ein Lauffeuer. Die Jeeps sind untereinander mit Mobilfunk verbunden und die Fahrer nutzen diese Kommunikationsmöglichkeit nicht nur zum Austausch von Klatsch und Tratsch. So kann es vorkommen, dass sich um ein Gepardenpärchen, das sich um der Mittagshitze zu entgehen in einem Gebüsch niedergelassen hat, bis zu zwei Duzend Jeeps und Kleinbusse quetschen. Das Verhalten der Insassen dieser Blechkisten zeugt nicht immer von Respekt gegenüber den Tieren, was mich nicht selten schamvoll bewegt ihnen ein lautloses „Entschuldigung“ zurufen lässt. Klar, nicht jeder Besucher hat ein schweres Teleobjektiv am Start. Aber muss man auch noch mit der kleinsten Knipse Formatfüllende Portraits machen und den Tieren so Nah auf die Pelle rücken das man sie bald berühren kann? Es ist erstaunlich mit welcher stoischen Gelassenheit sie die mangelnde Würde des Menschen nicht nur kompensieren, sondern souverän mit Ignoranz und Ruhe dem fremden Wesen zeigen, wer hier die Herren im Grase sind.

Es existiert eigentlich nur eine Vorgabe durch die Nationalparks Verwaltung die mir als Fotograf richtig wehtut. Wir dürfen das Lager erst um sechs Uhr in der Früh verlassen und müssen abends um achtzehn Uhr von der Ausfahrt zurück sein. Wer meine Arbeitsweise durch die hier geschriebenen Blogeinträge kennt weiß, dass ich eigentlich schon in der Dunkelheit losziehe um dann bei Sonnenaufgang an einer besonderen Stelle zu sein. Dies ist hier in der Serengeti nur begrenzt möglich da es um sechs Uhr morgens schon recht hell ist. Schlimmer noch ist die Abendregelung. Die Mutter aller Savannenbilder, das Motiv welches das Wort „Klischee“ praktisch erzwungen hat – nämlich die knallrote Sonne die hinter einer Akazie oder besser noch dem Hals einer Giraffe untergeht, dieses Muss für jede Afrikabildstrecke, ist theoretisch unmöglich zu erstellen. Die Sonne versinkt während unserer Besuchszeit erst kurz nach halb Sieben hinter dem Horizont. Zu dieser Zeit darf kein Auto mehr unterwegs sein. Eines Abends habe ich unseren Fahrer Arnold dazu gebracht, die Regeln aufs maximal Äußerste zu dehnen und den Sonnenuntergang noch in der Savanne mit der Kamera einzufangen.

Als wir bei fast vollständiger Dunkelheit um kurz nach Sieben im Camp ankamen sind wir dann auch prommt erwischt worden. Zum Glück blieb es bei einer scharfen Verwarnung und Arnold musste wegen meines Berufes keine negativen Folgen für seinen Beruf befürchten. Gelohnt hat es sich für mich allemal wie das Ergebnis eindrucksvoll beweist.

An manchem Tage kreuzen wir die Stelle, an welcher der sogenannte „Serengeti Highway“ gebaut werden sollte. Ein Blick auf die reguläre Verkehrsstatistik in Kenia lohnt in diesem Zusammenhang. Da steht, wie oft es zwischen Tier und Auto zu Kollisionen kommt, und zwar auf normalen Straßen außerhalb von Schutzgebieten. Es ist ein absoluter Albtraum sich vorzustellen, was passiert wenn hier zwischen den hunderttausenden Gnus und Zebras täglich hunderte von Lastwagen rasen würden. Ein unerträglicher Gedanke. Natürlich brach nach Bekanntgabe der Pläne ein Sturm der Entrüstung los. Immerhin ist die Serengeti das bekannteste Schutzgebiet der Erde. Auch in der Tagesschau wurde dann irgendwann berichtet, dass die Straße nicht gebaut und es eine südliche Umfahrung geben wird. Doch wer genauer hinschaut wird feststellen, dass diese Geschichte noch lange nicht von Tisch ist. Gerade auch im Zusammenhang mit dem von mir im vorherigen Blog erwähnten Plan, am Natron See Soda Asche abzubauen, bleibt die Straße eine Gefahr. Denn das Eine funktioniert ohne das Andere nicht. Wer sich für diese Thematik interessiert und einen Facebook-Account hat, dem empfehle ich die Seite „Stop the Serengeti Highway“ anzuklicken. Hier wird man allumfassend informiert.

Die Tage an denen sich mächtige Quellwolken über dem Grasland bilden, sind mir die Liebsten. Sie sind wichtige Elemente im Bildaufbau da die ansonsten flache Savanne kaum attraktive Überblicke als Motive zulassen würde. Es sind unvergessliche Anblicke wenn in den Ebenen tausende Tiere grasen und die Wolken darüber thronen.

Einen absoluten Höhepunkt haben wir einige Wochen später in der kenianischen Masai Mara erlebt. Sie schützt die nördlichste Region der großen Tierwanderung, in der die Herden erst im August erwartet werden. Hier ist es uns gelungen einem Geparden bei der Jagd zuzusehen. Das schnellste Tier der Welt in Aktion.

Mir hat noch eine viertel Stunde später vor lauter Aufregung das Herz schneller geschlagen. Unglaublich mit was für einer Präzision und Grazie das Raubtier über die chancenlose Gazelle herfällt. Doch kaum ist das Opfer unter den Klauen des Geparden gesichert, springt ein mächtiger alter Löwe aus dem Gebüsch und verscheucht mit einer einzigen lässigen Bewegung die kleinere und erschöpfte Katze. So kann er die Beute ohne großen Aufwand in den Schatten zu zerren. Was für ein Spektakel – und ich Dussel hatte genau im Moment des Diebstahles die Kamera wegen eines Objektivwechsels außer Reichweite. Erst als der König der Savanne seine Beute wegträgt habe ich die Szene wieder im Bild festhalten können. Ich habe  noch lange Zeit leise vor mich hingeflucht.

Es sind unzählige größere und kleinere Begegnungen die den Besuch in dieser Region so unvergesslich machen. Als wir die Serengeti gen Süden verlassen fahren wir durch eine karge wüstenähnliche Landschaft. Ausbleibende Regenfälle und Millionen Hufe haben den Boden verdichtet und kaum Vegetation übrig gelassen. Schwer vorstellbar, dass sich hier im kommenden Zyklus wieder saftige Wiesen bilden werden. Die Savanne ist ein faszinierender Lebensraum – aber auch ein sehr Fragiler. Gerade Afrika leidet schon heute sehr stark unter den Irrungen und Wirrungen des Klimawandels. Bleibt hier der Regen aus, so ist dieser Ort dem Tode geweiht.

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