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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Savanne Teil 4: Artenreich 20.06.2012

Eines der schönsten Naturerlebnisse auf unserer Erde dreht die oft vorherrschenden Verhältnisse um, indem der Mensch in eine Art Käfig verbannt wird und die Tiere frei umherziehen können. Die große Savanne die in Form der Serengeti und des Masai Mara Nationalparks vor dem Einfluss unserer Spezies geschützt wird, lässt sich nur aus dem Auto heraus erkunden. Der Gast bekommt genaue Regeln auferlegt und das ist auch gut so. Selbst in Afrika, geschweige denn im Rest der Welt gibt es kaum noch vergleichbare Regionen. Das Ökosystem Savanne wird heutzutage fast vollständig von uns Menschen zum Ackerbau und zur Viehzucht genutzt. An Orten wo beides nicht betrieben wird sind die Tiere meist weggeschossen oder stark reduziert. Führt man sich diese Realität vor Augen, so kann die Wichtigkeit dieses Landstrichs gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.


Hier im nördlichen Tansania und im südlichen Kenia haben die großen Herdentiere wie Gnus und Zebras noch die Möglichkeit ihren Instinkten zu folgen und ohne die Zerschneidung von Zäunen oder Straßen über die offenen Ebenen zu ziehen. Die Jahreszeiten teilen sich in Trockenzeit und Regenzeit. Die große Tierwanderung, auch Migration genannt, befindet sich immer in den Regionen in denen das Gras der Savanne grün und saftig ist. Ihre Route verläuft dabei Kreisförmig innerhalb der Grenzen des heutigen Schutzgebietes und wiederholt sich Jahr für Jahr.

Die Meisten, die wie ich in den Siebzigern und Achtzigern ihre Kindheit und Jugend verbracht haben, werden sich mit Wohlwollen an die Tiersendungen von Bernhard Grzimek erinnern. Er hat das Naturverständnis einer ganzen Generation geprägt und maßgeblich dazu beigetragen das wir unsere Weltsicht über den eigenen Tellerrand hinaus, weiträumiger definieren. Unvergessen ist sein Film „Serengeti darf nicht sterben“. Zusammen mit seinem Sohn Michael ist er über Monate mit dem Flugzeug in den Himmel gestiegen und hat die Tiere auf ihrem Weg beobachtet. Diesen zwei Visionären haben wir es zu verdanken, das man damals die für die Herden relevanten Regionen unter Schutz gestellt hat. Professor Grzimek hat für dieses Werk den wohl höchsten Preis bezahlt den ein Vater erleiden muss. Sein Sohn Michael starb beim Absturz eben jenes Flugzeugs mit dem die Beiden der Welt ein so großes Geschenk gemacht haben. Das Leben ist manchmal wirklich extrem unfair.

 

Wir erreichen die Serengeti am nördlichen Eingang. Hier oben sind die Tiermassen augenscheinlich noch nicht angekommen, denn das Gras steht an manchen Stellen bis zu einem Meter hoch. Es sieht herrlich aus wie sich die Halme sanft im Wind bewegen und der Blick weit in die Ferne reicht. Trotz der Begrenzung des Jeeps befällt mich beim Anblick dieser Natur ein beschwingtes Gefühl von Freiheit.

Immer wieder sehen wir Giraffen an Akazien und Büschen stehen. Antilopen, Elefanten, Perlhühner, Wildschweine, und unzählige Vögel machen die Fahrt zu einer aufregenden Entdeckungstour die zu keinem Zeitpunkt Langeweile aufkommen lässt. Nach einigen Stunden Fahrzeit erreichen wir das Zentrum des Schutzgebietes. Hier fließen wichtige Lebensadern dieses Ökosystems in Form größerer Flüsse, die ein zahlreiches Auftreten tierischer Bewohner versprechen. Um diese Jahreszeit, es ist nun Mitte Juni, werden hier die ersten Herden der großen Wanderung erwartet. In den kommenden Tagen schlagen wir unser Lager auf einem Campingplatz auf. Dieses wird Tagsüber von unserem Koch James bewacht. Wenn wir abends müde aber glücklich von der Fotopirsch zurückkehren, empfängt er uns mit einem fürstlichen Essen, welches er mit einfachsten Mitteln zubereitet. Meine Kraft reicht in der Regel noch dazu, die im Laufe des Tages gemachten Bilder am Labtop zu sortieren bevor ich mich ins Reich der Träume verabschiede.

Besonders hier im Herzen der Serengeti bildet ein Netz aus ungeteerten Wegen den Besuchern die Möglichkeit den Tieren bei ihrer Suche nach Nahrung und ihrem alltäglichen Kampf ums Überleben zuzusehen. Das verlassen der Wege ist strengstens untersagt was ich sehr begrüße. Es sind viele Besucher die mit ihren Eintrittsgeldern das Schutzgebiet am Leben halten. Man stelle sich nur mal vor wie es hier aussähe, würde jeder rumkurven können wo er wollte. Ganz abgesehen von den armen Tieren, die dann gar keine Ruhe mehr hätten.

Besonders die Raubtiere sind sowieso schon Leid geprüft. Immer wenn ein Fahrer eine Gruppe Löwen im Gras sitzen oder einen Leoparden im Baum liegen sieht, verbreitet sich diese Nachricht wie ein Lauffeuer. Die Jeeps sind untereinander mit Mobilfunk verbunden und die Fahrer nutzen diese Kommunikationsmöglichkeit nicht nur zum Austausch von Klatsch und Tratsch. So kann es vorkommen, dass sich um ein Gepardenpärchen, das sich um der Mittagshitze zu entgehen in einem Gebüsch niedergelassen hat, bis zu zwei Duzend Jeeps und Kleinbusse quetschen. Das Verhalten der Insassen dieser Blechkisten zeugt nicht immer von Respekt gegenüber den Tieren, was mich nicht selten schamvoll bewegt ihnen ein lautloses „Entschuldigung“ zurufen lässt. Klar, nicht jeder Besucher hat ein schweres Teleobjektiv am Start. Aber muss man auch noch mit der kleinsten Knipse Formatfüllende Portraits machen und den Tieren so Nah auf die Pelle rücken das man sie bald berühren kann? Es ist erstaunlich mit welcher stoischen Gelassenheit sie die mangelnde Würde des Menschen nicht nur kompensieren, sondern souverän mit Ignoranz und Ruhe dem fremden Wesen zeigen, wer hier die Herren im Grase sind.

Es existiert eigentlich nur eine Vorgabe durch die Nationalparks Verwaltung die mir als Fotograf richtig wehtut. Wir dürfen das Lager erst um sechs Uhr in der Früh verlassen und müssen abends um achtzehn Uhr von der Ausfahrt zurück sein. Wer meine Arbeitsweise durch die hier geschriebenen Blogeinträge kennt weiß, dass ich eigentlich schon in der Dunkelheit losziehe um dann bei Sonnenaufgang an einer besonderen Stelle zu sein. Dies ist hier in der Serengeti nur begrenzt möglich da es um sechs Uhr morgens schon recht hell ist. Schlimmer noch ist die Abendregelung. Die Mutter aller Savannenbilder, das Motiv welches das Wort „Klischee“ praktisch erzwungen hat – nämlich die knallrote Sonne die hinter einer Akazie oder besser noch dem Hals einer Giraffe untergeht, dieses Muss für jede Afrikabildstrecke, ist theoretisch unmöglich zu erstellen. Die Sonne versinkt während unserer Besuchszeit erst kurz nach halb Sieben hinter dem Horizont. Zu dieser Zeit darf kein Auto mehr unterwegs sein. Eines Abends habe ich unseren Fahrer Arnold dazu gebracht, die Regeln aufs maximal Äußerste zu dehnen und den Sonnenuntergang noch in der Savanne mit der Kamera einzufangen.

Als wir bei fast vollständiger Dunkelheit um kurz nach Sieben im Camp ankamen sind wir dann auch prommt erwischt worden. Zum Glück blieb es bei einer scharfen Verwarnung und Arnold musste wegen meines Berufes keine negativen Folgen für seinen Beruf befürchten. Gelohnt hat es sich für mich allemal wie das Ergebnis eindrucksvoll beweist.

An manchem Tage kreuzen wir die Stelle, an welcher der sogenannte „Serengeti Highway“ gebaut werden sollte. Ein Blick auf die reguläre Verkehrsstatistik in Kenia lohnt in diesem Zusammenhang. Da steht, wie oft es zwischen Tier und Auto zu Kollisionen kommt, und zwar auf normalen Straßen außerhalb von Schutzgebieten. Es ist ein absoluter Albtraum sich vorzustellen, was passiert wenn hier zwischen den hunderttausenden Gnus und Zebras täglich hunderte von Lastwagen rasen würden. Ein unerträglicher Gedanke. Natürlich brach nach Bekanntgabe der Pläne ein Sturm der Entrüstung los. Immerhin ist die Serengeti das bekannteste Schutzgebiet der Erde. Auch in der Tagesschau wurde dann irgendwann berichtet, dass die Straße nicht gebaut und es eine südliche Umfahrung geben wird. Doch wer genauer hinschaut wird feststellen, dass diese Geschichte noch lange nicht von Tisch ist. Gerade auch im Zusammenhang mit dem von mir im vorherigen Blog erwähnten Plan, am Natron See Soda Asche abzubauen, bleibt die Straße eine Gefahr. Denn das Eine funktioniert ohne das Andere nicht. Wer sich für diese Thematik interessiert und einen Facebook-Account hat, dem empfehle ich die Seite „Stop the Serengeti Highway“ anzuklicken. Hier wird man allumfassend informiert.

Die Tage an denen sich mächtige Quellwolken über dem Grasland bilden, sind mir die Liebsten. Sie sind wichtige Elemente im Bildaufbau da die ansonsten flache Savanne kaum attraktive Überblicke als Motive zulassen würde. Es sind unvergessliche Anblicke wenn in den Ebenen tausende Tiere grasen und die Wolken darüber thronen.

Einen absoluten Höhepunkt haben wir einige Wochen später in der kenianischen Masai Mara erlebt. Sie schützt die nördlichste Region der großen Tierwanderung, in der die Herden erst im August erwartet werden. Hier ist es uns gelungen einem Geparden bei der Jagd zuzusehen. Das schnellste Tier der Welt in Aktion.

Mir hat noch eine viertel Stunde später vor lauter Aufregung das Herz schneller geschlagen. Unglaublich mit was für einer Präzision und Grazie das Raubtier über die chancenlose Gazelle herfällt. Doch kaum ist das Opfer unter den Klauen des Geparden gesichert, springt ein mächtiger alter Löwe aus dem Gebüsch und verscheucht mit einer einzigen lässigen Bewegung die kleinere und erschöpfte Katze. So kann er die Beute ohne großen Aufwand in den Schatten zu zerren. Was für ein Spektakel – und ich Dussel hatte genau im Moment des Diebstahles die Kamera wegen eines Objektivwechsels außer Reichweite. Erst als der König der Savanne seine Beute wegträgt habe ich die Szene wieder im Bild festhalten können. Ich habe  noch lange Zeit leise vor mich hingeflucht.

Es sind unzählige größere und kleinere Begegnungen die den Besuch in dieser Region so unvergesslich machen. Als wir die Serengeti gen Süden verlassen fahren wir durch eine karge wüstenähnliche Landschaft. Ausbleibende Regenfälle und Millionen Hufe haben den Boden verdichtet und kaum Vegetation übrig gelassen. Schwer vorstellbar, dass sich hier im kommenden Zyklus wieder saftige Wiesen bilden werden. Die Savanne ist ein faszinierender Lebensraum – aber auch ein sehr Fragiler. Gerade Afrika leidet schon heute sehr stark unter den Irrungen und Wirrungen des Klimawandels. Bleibt hier der Regen aus, so ist dieser Ort dem Tode geweiht.

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