Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Archiv: Juni 2013

Feuchtgebiet Teil 2: “Perspektiven” 10.06.2013

Eine der logistischen Herausforderungen die ich bei der Organisation meines Projektes „Naturwunder Erde“ zu bewältigen hatte, war die Vielfalt an Reisezielen innerhalb eines stark begrenzten Zeitfensters unterzubringen. Gerade in der Naturfotografie ist es wichtig die richtige Jahreszeit zu wählen um auch die gewünschten Ergebnisse zu bekommen. Mir ist es bisher erstaunlich gut gelungen in den zwei Jahren die mir zur Verfügung stehen auch alle Ziele einigermaßen gut  zu platzieren. Neulich ist es dann fast passiert. Nur ein Zufall hat mich davor bewahrt dass ich zur falschen Zeit an den falschen Ort gereist bin. Bei einem Telefonat mit meinem Freund und Kollegen Bernd Römmelt habe ich eher beiläufig erwähnt das ich sofort nach meiner Rückkehr aus dem Himalaya nach Alaska fahren würde, um dort die frühlingshafte Tundra zu fotografieren. Er hatte mich schon gewarnt das sein Akku vom Handy schwach sei und prommt ist das Gespräch nach zwei, drei Minuten unterbrochen worden. Diese Zeit hat aber ausgereicht um mir mit Nachdruck zu raten auf keinen Fall schon Ende Mai so weit in den hohen Norden zu fahren. Bernd fotografiert seid Jahren in der Arktis und so hatten seine Worte für mich Gewicht. Dummerweise stand ich zum Zeitpunkt des Gesprächs praktisch schon mit einem Bein im Flieger nach Nepal. Guter Rat war teuer. Ich habe mir meine restliche Jahresplanung angeschaut und sah nur eine Chance die Situation zu retten. Wenn ich die Reiseziele „Feuchtgebiet“ mit „Tundra“ tausche, kann ich in Alaska zum Zeitpunkt des „Indian Summer“, also während des goldenen Herbstes fotografieren. Das ergibt sicher stimmungsvollere Bilder als im Frühsommer, wenn zwischen der spärlichen Vegetation noch Schneereste liegen. Dummerweise stand ich zum Zeitpunkt des Telefonats schon mit einem Bein auf dem Bahnsteig zum Flieger der mich nach Nepal bringen sollte. Ich hatte praktisch so gut wie keine Zeit das Thema „Feuchtgebiete“ vorzubereiten, denn das begann nun in Null-Zeit nach meiner Rückkehr aus den Bergen. Ich schreibe hier darüber, um zu zeigen wie wichtig es in der Fotografie ist, ein Netzwerk aus Freunden und Kollegen zu haben, die einem wenn es eng wird weiterhelfen können.  Das gilt natürlich für alle Lebensbereiche. Es war mal wieder mein Kumpel Luis Scheuermann der Bewegung in die Sache brachte. Luis stand mir schon beim Thema „Regenwald“ und „Gletschereis“ mit Rat und Tat zur Seite. Es ist immer gut wenn man Jemanden kennt, der Jemanden kennt. So kam ich durch ihn in den Genuss aus dem Erfahrungsschatz eines Professors an der Tübinger Uni zu schöpfen, der seid über zehn Jahren mit seinen Studenten ins „Pantanal“ reist. Seiner Empfehlung bin ich gefolgt und habe die Fazenda „Santa Clara“ als Basis ausgesucht, über welche ich im ersten Teil meines Berichtes geschrieben habe. Auch die folgenden Erlebnisse sind das Ergebnis dieses Kontaktes. Nicht eines der für das Projekt so wichtigen Bilder wären zustande gekommen, wäre ich ohne Hilfe gewesen.

Obwohl ich es schon oft erlebt habe ist es für mich immer wieder erstaunlich, dass sich der schwere Körper eines Flugzeugs tatsächlich vom Boden löst und in die Lüfte erhebt. Je kleiner der Flieger ist, desto unmittelbarer erlebt man diesen wunderlichen Moment. Ich sitze in einer Cessna die Platz für fünf Passagiere bietet und freue mich auf die vor mir liegenden Eindrücke. Neben mir sitzt ein junger Biologe, der für die Naturschutzorganisation „Instituto Homem Pantaneiro“ arbeitet und der mich in den kommenden Tagen begleiten wird. Erison und seinen Kollegen habe ich es zu verdanken das ich nun in den Teil des „Pantanals“ komme der mich wirklich interessiert. Wir fliegen über den unmittelbaren Verlauf des „Rio Paraguay“ nach Norden. Sein Wasser ist für einen Großteil der Flutungen in diesem riesigen Feuchtgebiet zuständig. Nun zeigt es sich das ich tatsächlich zur richtigen Jahreszeit hierher gereist bin.

Sein Flussbett windet sich in großen Schleifen durch die Landschaft. Unzählige alte oder nur zeitweise geflutete Seitenarme stehen ebenfalls unter Wasser. Die Region ist von hunderten Seen jeglicher Größe bedeckt. Über viele Wiesen könnte man sicher besser mit dem Schlauchboot paddeln als zu laufen. Die ganze Natur unter mir ist ein Mosaik das durch die Kraft des Wassers ständig neu geformt wird. Etwa zwanzig Kilometer Flussaufwärts von der Stadt „Corumba“, dem Startpunkt unseres Fluges, liegen eine Reihe von privaten Schutzgebieten welche das Herzstück des „Pantanal“ vor allzu großer Zerstörung bewahren sollen. Diese münden dann im Norden in den über 100.000 Hektar großen „Pantanal“ Nationalpark. Wenn Landbesitzer in Brasilien ihr Land für den Naturschutz zur Verfügung stellen werden Sie dafür finanziell belohnt und ihr Schutzgebiet bekommt den Namenszusatz „RPPN“. Eines dieser Gebiete steuert unser Pilot nun an. Es umfasst neben den typischen Flutungsflächen des „Pantanals“ auch Teile der „Serra do Amular“. Die Serra ist ein Bergzug dessen höchste Gipfel sich nur wenige hundert Meter über die ansonsten fast Brettflache Landschaft des Feuchtgebietes erheben. Die Hänge sind mit der typischen Vegetation des „Cerrado“ bewachsen. Wir wissen inzwischen wie bedroht die brasilianische Baum-Savanne ist, welche sich an manchen Stellen kaum von einem normalen Wald unterscheiden lässt. Umso mehr freut es mich als wir hier über die Gipfel einer zumindest optisch nahezu intakten Wildnis fliegen. Vereinzelte Inselberge sind dem eigentlichen Bergrücken vorgelagert. Diese sind von flachen, in unterschiedlichen Grüntönen leuchtenden Sümpfen mit zahlreichen Wasserflächen umgeben.

Diese Natur strahlt besonders aus der Vogelperspektive eine pittoreske Schönheit aus die mir fast die Luft zum Atmen nimmt. Ich habe in meinem Leben viele Landschaften erleben dürfen die mich mit ihrer Harmonie begeistert haben. Gäbe es eine Top-Ten Liste, so stünde dieses Fleckchen Erde ganz sicher mit drauf. Gerade im Flugzeug erlebe ich diese Eindrücke wie in Trance denn ich stehe auf Foto-Modus und bin hoch konzentriert. Was später auf dem Bild so spielerisch aussieht ist wirklich harte Arbeit. Von Oben hat man zwar wunderbare Ausblicke auf die Landschaft, doch der Aktionsbereich ist oftmals sehr eingeschränkt. Besonders wenn, wie in meinem aktuellen Fall, der Pilot nicht in der Lage oder Willens ist, die Seitentüre zu öffnen. Man muss die Kamera zwischen die Fensteröffnung klemmen und wird außerdem durch die Flügel des Flugzeugs oben, und die Reifen am unteren Bildrand weiter in seinem Aktionsradius reduziert. Doch die größte Herausforderung ist es den Piloten dazu zu bringen an der richtigen Stelle des Motives mit dem Flugzeug in die richtige Richtung zu fliegen. Wie in der Fotografie am Boden auch, ist das Licht nun mal nur in einem gewissen Abstrahlwinkel zur Sonne zu gebrauchen. Da der Fotograf im Flieger seinen Standpunkt nicht wechseln kann muss praktisch das ganze Flugzeug ausgerichtet werden. Dazu braucht es die Hilfe des Piloten.

Als wir auf einer kleinen grasbewachsenen Piste landen haben wir einige ausladende Runden über das Schutzgebiet hinter uns. Ich kann nur hoffen dass es mir gelungen ist, die spannenden Ausschnitte und Blickwinkel erwischt zu haben. In solchen Momenten vergeht die Zeit im wahrsten Sinne „wie im Flug“. Ich habe das Glück das gegen Ende des Fluges einige Wolken über den Bergen stehen. Diese fangen Teile des Sonnenlichtes ab und tauchen die Landschaft partiell ins Dunkle. Dadurch entsteht auf den Fotos eine erhöhte Spannung und Tiefe. Die Piste endet direkt am Ufer des „Rio Paraguay“. Mit einem Motorboot fahren wir eine viertel Stunde Flussabwärts. Auf der rechten Seite blicke ich auf die Berge, deren sanfte Hügel sich im Wasser spiegeln. Unser Ziel ist ein ehemaliges Farmhaus, welches heute als Basis für das Schutzgebiet benutzt wird. Schon von weitem erkenne ich, dass sich die das Gebäude umgebenden Berge wunderbar dazu eignen von deren Gipfeln Landschaftsbilder zu fotografieren. Erison ist erstaunt als ich ihm sage, dass ich mich nach unserer Ankunft unverzüglich an den Aufstieg machen will. Bis zum Sonnenuntergang sind es noch knapp drei Stunden. Da ich hier nur zwei Übernachtungen habe, möchte ich auf keinen Fall eine Chance  zum fotografieren auslassen. Das Haus wird von einer jungen Familie bewirtschaftet. Wir werden freundlich empfangen. Natürlich war ihnen unsere Ankunft zuvor per Funk mitgeteilt worden. Ich bin erstaunt und hocherfreut als ich eine Art Transporter vor der Türe stehen sehe, der durch einen Elektromotor betrieben wird. Das Ding sieht ein wenig aus wie ein Fahrzeug das man auf Golfplätzen benutzt. Fast lautlos schnurren wir kurz nach unserer Ankunft in den Wald. Der Leiter der Station begleitet uns. Ein Pfad, der wohl noch aus Zeiten stammt als die Farm anderweitig genutzt wurde, führt uns durch die dichte Vegetation des „Cerrado“. Als wir anhalten sind wir sofort von unzähligen Moskitos umgeben. Ich versuche sie so gut es geht zu ignorieren. Wir verlassen den Hauptweg und schlagen uns durch das dichte Unterholz den Hang hinauf. Es dauert etwa eine halbe Stunde bis der Bewuchs etwas lichter wird und wir leichter vorankommen. Dafür wird es jetzt steiler und ich beginne zu bereuen auch das große Teleobjektiv mitgeschleppt zu haben. Die Sonne steht zwar inzwischen schon Tief, aber heiß ist es trotzdem. Längst läuft der Schweiß in Strömen und der Rucksack drückt hart auf die Schultern. Als wir die ersten Ausblicke vor uns haben machen die Pausen wieder richtig Spaß, und ich genieße diese Verzögerungen während ich schwer atmend nach Luft schnappe. Ich habe die Landschaft zwar einige Stunden zuvor aus dem Flugzeug gesehen, doch von einem Berg aus betrachtet ist das nochmals etwas Anderes. Besonders wenn man ihn im Schweiße seines Angesichts besteigt. Oben angekommen werden wir für unseren Einsatz mit einem dreihundertsechzig Grad Panoramablick belohnt. Das „Pantanal“ scheint sich endlos vor uns auszubreiten. Wie schön es doch ist, einen so mächtigen Fluss wie den „Rio Paraguay“ ungebändigt vor einem fließen zu sehen.

Den Gedanken dass es auch hier Planspiele der Industrie gibt, diese Lebensader für große Schiffe passierbar zu machen, versuche ich so gut es geht zu verdrängen um mir nicht die Schönheit dieses Augenblickes zu zerstören. Nach Norden schauend sehe ich die weiteren Erhebungen der „Serra do Amular“. Weiches Abendlicht lässt manche Bereiche der Berghänge in sanften Gelbtönen leuchten. Von hier aus kann man bis nach Bolivien blicken. Außer ein paar Vogelstimmen herrscht absolute Ruhe. Da ist er wieder, der Moment – mein „magischer Moment“, weshalb ich mit Leib und Seele diesen Beruf ausübe. Wäre ich ein Poet, würden in solchen Augenblicken makelloser Anmut die Worte nur so aus mir heraussprudeln. Der Fotograf drückt wegen fehlenden Sprachschatzes lieber auf den Auslöser und versucht in der kurzen Zeit zwischen Sonnenuntergang und dem Nachglühen des Himmels möglichst viele schöne Momente auf dem Speicherchip festzuhalten.

Erst als es fast dunkel ist machen wir uns an den Abstieg. Zuvor habe ich meine Fototasche gut verpackt unter einem Stein deponiert, weil ich mir fest vorgenommen habe, zum Sonnenaufgang wieder hier oben zu stehen. Die mit dieser Entscheidung verbundene allzu kurze Nachtruhe muss man halt an solchen Orten in Kauf nehmen. Leider kommt es ganz anders. Nach einem ausgedehnten Abendessen setze ich mich noch etwas vor den Laptop um die Fotos des heutigen Tages einzuladen und verschaffe mir einen ersten Überblick. Durchaus zufrieden mit dem Ergebnis schmiere ich mir ein letztes Mal Moskitozeugs auf die Haut und versuche zur Ruhe zu kommen. Es ist heiß, die Moskitos schwirren unbeirrt und der Schlaf will sich nicht einstellen. Ich wälze mich von einer Seite zur anderen und denke immer wieder mit Grausen daran wie kurz diese Nacht sein wird. So vergehen die Stunden. Weit nach Mitternacht beginnt der Durchfall und Endet erst als ich am kommenden Morgen schlaflos und völlig ausgelaugt das Bett gar nicht erst verlasse. Ich habe keine Ahnung was mich hier umgehauen hat. Das Wasser im Haus wird gefiltert und auch sonst habe ich nichts anderes gemacht als die Brasilianer. Der Tag vergeht, den ich komplett im Zimmer verbringe. Ich habe Glück das mir die zwei Jungs am Nachmittag den Fotorucksack vom Berggipfel holen. Das hätte ich wirklich lieber selber gemacht aber daran war gar nicht zu denken. In der kommenden Nacht kommt zwar der Appetit noch nicht zurück, dafür gelingt es mir einigermaßen gut zu schlafen. Glücklicherweise bin ich am Morgen meines Rückfluges wieder einigermaßen hergestellt. Ein ausgedehntes Frühstück bringt einen Teil der Kräfte zurück und ich bin in der Lage zu reisen. Als wir wieder ins Boot steigen sehen wir von Süden eine dunkle Gewitterfront heranziehen. Der Fotograf in mir ist erfreut, versprechen die Wolken doch eine spannende Lichtstimmung. Doch bei Unwetter in einem Kleinflugzeug zu fliegen ist in der Regel kein Spaß und gar nicht ungefährlich. Der Rückflug offenbart tatsächlich grandiose Anblicke auf die Landschaft. Dunkle Wolken stehen über den Bergen.

Wir fliegen direkt hinein in die Regenwand. Doch meine Fensteröffnung öffnet sich nach recht hinten. Ich schnappe beinahe über, als ich diese Wahnsinnsmotive vor mir sehe, und der Pilot mir klarmacht, dass wir direkt nach „Corumba“ fliegen müssen, bevor das Unwetter zu stark wird. Keine extra Runden und bis auf einen kurzen Moment bleibt das Fenster auch den ganzen Flug über geschlossen. Kann jemand meine „Höllenqualen“ mitfühlen die ich in diesen Minuten durchlitten habe? Aber es gibt in der Luft nun mal keine Gegenargumente wenn es um die Sicherheit geht. Da hilft es auch nichts, dass man selbst die Sache wohl ein wenig lockerer handhaben würde, als der siebzig jährige Pilot es tut. Zu allem Überfluss ist der Rückflug sogar noch teurer als der Hinflug, weil wir gehen den Wind fliegen und nur sehr langsam vorangekommen sind. Die meiste Zeit meines Ausfluges habe ich krank im Bett verbracht und die Hälfte der Flugzeit war praktisch ohne fotografieren zu können. Eigentlich ein Debakel. Trotzdem bin ich letztlich sehr zufrieden. Der erfolgreiche Hinflug und die abendliche Bergtour am ersten Tag haben die Lücken im Portfolio geschlossen die für eine vernünftige Darstellung dieses Ökosystems noch gefehlt haben. Es bringt überhaupt nichts die verpassten Chancen zu bejammern. Das jedes Reiseziel ein Vielfaches mehr an tollen Möglichkeiten bietet, als ich innerhalb meiner Zeitfenster und vor allem meines Budgets umsetzen kann, ist sonnenklar. Entscheidend ist, wie die gelungenen Bilder später im fertigen Projekt zur Geltung kommen. Zwölf von vierzehn Kapiteln sind im Kasten. Ich bin hocherfreut wie gut die Ergebnisse geworden sind, und wie wenig bisher wirklich schief gelaufen ist.

Feuchtgebiet Teil 1: “Mal zu viel und mal zu wenig” 01.06.2013

Just zu dem Zeitpunkt, als ich mich nach Brasilien aufmache um im „Pantanal“ das Thema „Feuchtgebiete“ zu fotografieren, steigen in Deutschland an unzähligen Flüssen mal wieder die Pegel und die Wassermassen drohen über die Ufer zu treten. Dem Internet sei dank habe ich auch aus der Ferne die Möglichkeit zu beobachten was sich in meiner Heimat in den kommenden Tagen und Wochen abspielen wird. Sehr bald wird klar das die Regenfälle mehr Wasser auf die Erde bringen als es unserem hochmodernen, dichtbesiedelten Industrieland gut tut. Ganze Landstriche werden überflutet und viele Menschen verlieren ihre Lebensgrundlage. In solchen Zeiten lassen sich  einige interessante Beobachtungen machen. Sehr schnell wird das Wort „Jahrhundertflut“ bemüht. Das ist interessant, denn es ist kaum ein Jahrzehnt her da hatten wir diese dramatische Situation schon einmal. Politiker lassen sich wahlkampftechnisch günstig als sich sorgende Schäfer ablichten, die sich um die Nöte ihrer Schafe kümmern. In Gummistiefel und Regenjacke gekleidet stehen sie in der ersten Reihe und heben für ein paar Minuten Sandsäcke in die Kamera. Was wir ebenfalls erleben ist ein Gemeinschaftsgefühl  welches ansonsten in unserer Gesellschaft selten zu spüren ist. Jeder scheint Jedem zu helfen und alle haben ein Ziel, nämlich die Naturgewalten wieder zu bändigen und die Gefahr durch das Wasser abzuwenden. Ich bin gespannt wie viele „Jahrhundertfluten“ es noch bedarf, bis all jene Politiker die sich zu solchen Anlässen so gut in Szene zu setzen verstehen endlich die Zusammenhänge akzeptieren. Ihre tagtägliche Politik ist in weiten Bereichen ein Teil des Problems, da sie solche Naturkatastrophen nährt und weiteres  Unheil beschwört. Ist das Wasser verschwunden und die Häuser der Menschen liegen im Schlamm wird mit dem Scheckbuch gewedelt und die Schuld der Misere allen Möglichen und Unmöglichen zugeschoben. Es grenzt schon an Debilität wenn ein Ministerpräsident allen ernstes der Umweltbewegung die Schuld am Ausmaß der Misere in die Schuhe schiebt. Diese hätten ja seid der letzten Flut sinnvollen Hochwasserschutz verhindert, indem die gegen den Bau von höheren Dämmen gewesen seien. Zunächst sei gesagt, dass es schon zu allen Zeiten Hochwasser und Überschwemmungen gegeben hat. Dazu bedarf es keinen Klimawandel. Für solche Ereignisse hat die Natur Auwälder geschaffen und weite Überschwemmungsbereiche bereitgestellt, in denen Pflanzen wachsen die mit dem sporadisch eintreffendem Wasser durchaus klarkommen.

Doch in unserer Gesellschafft glaubt man ja seid Jahrzehnten an die Allmacht des Menschen über die Natur. Je mehr wir uns „zivilisiert“ haben, desto mehr haben wir die einfachsten Zusammenhänge vergessen oder ignoriert. Unser Glauben mit Technologie alles beherrschen zu können führt zu gefährlichen Fehlentwicklungen die sich in Form solcher Hochwasser wunderbar zeigen. Aber nur wenn man gewillt ist diese auch zu sehen. Es gibt kaum einen Fluss in Deutschland der noch innerhalb seines natürlichen Bettes fließen darf. Wir haben unsere Natur bis in den kleinsten Winkel begradigt, bereinigt, trockengelegt und zubetoniert. Gerade in den letzten Jahren weisen die Bürgermeister neue Gewerbegebiete aus als gäbe es kein Morgen mehr. Was in den vergangenen Jahrzehnten an Boden in Deutschland versiegelt wurde, geht in keiner Weise einher mit der Bevölkerungsentwicklung. Wo früher das Hochwasser über artenreichen Wiesen stand, wo es dann entweder wieder abzog oder verdunstete, da stehen heute Wohnhäuser, Supermärkte, Industrieanlagen oder Parkplätze. Sofort schreien alle nach höheren Dämmen. Die brauchen wir natürlich, denn der Schaden ist ja schon da, der Boden an vielen Stellen verbaut. Doch wirklicher Hochwasserschutz bedeutet, der Natur wieder mehr Raum zu geben. Flüsse in ihr ursprüngliches Bett zu leiten, Auwälder zu Renaturieren und Überflutungszonen zu schaffen. Auf keinen Fall dürfen ökologisch wertvolle Flächen weiter versiegelt werden. Das reduziert nicht nur die Artenvielfalt sondern verschärft auch die Situation. Doch all das hilft nichts wenn wir uns nicht radikal um 180 Grad wenden und eine Zukunft mit 100% erneuerbarer Energie anstreben. Gleichzeitig müssen wir unser dämliches Wachstumsdenken aufgeben. Darüber habe ich mich in diesem  Blog schon allzu oft geäußert, deshalb will ich es dabei belassen. Ich würde mir nur wünschen, dass unsere Mitmenschen ähnlich aktiv an die Ursachenbekämpfung der Probleme ginge, wie sie es im Falle der unmittelbaren Gefahr getan hat. Was für eine Kraft eine wehrhafte Zivilgesellschaft entfalten kann sehen wir gerade in Brasilien. Sieht man von den paar Idioten ab, die Fensterscheiben einschlagen, kann der friedliche Widerstand wirklich etwas bewegen. Das ist meine feste Überzeugung. Ich selbst bin eben in diesem Brasilien und habe die Aufgabe genau die Abläufe zu fotografieren die in weiten Teilen Deutschlands nicht mehr möglich sind. Was passiert in der Natur wenn mehr Wasser in die Flüsse geleitet wird, als abfließen kann?

Das „Pantanal“ ist wohl neben dem „Okavango Delta“ in Botswana unter Naturfreunden das bekannteste Feuchtgebiet auf unserer Erde. Es ist fast so groß wie die Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung und liegt Flächenmäßig in Bolivien, Paraguay, und größtenteils im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso de Sul. Bis heute gibt es glücklicherweise keine Straße die das Gebiet komplett durchquert. Ich wähle den südlichen brasilianischen Teil als Operationsgebiet. Das „Pantanal“ wird während der Regenzeit vom „Rio Paraguay“ geflutet. Während dieser Zeit steigt das Wasser auf dem „Mato-Grosso-Plateau“ um fünf bis sechs Meter. Das Plateau ist mit trockener Grassavanne und Galeriewäldern bewachsen, welche nahe der Flüsse viele Arten des tropischen Regenwaldes beherbergen. Gebremst von dieser Vegetation fließt das Wasser auf der kaum geneigten Ebene sehr langsam. Es dauert drei Monate, bis das Hochwasser vom nördlichen „Pantanal“ ins südliche gelangt. In dieser Zeit bestimmen Wasserläufe, Teiche, Sümpfe und Inseln das abwechslungsreiche Gebiet. Dabei ist das Feuchtgebiet, zumindest in Brasilien, keineswegs eine menschenleere Wildnis. Es befindet sich zum größten Teil in Besitz von Farmern die hier riesige Fazendas bewirtschaften. Dem Überschwemmungszyklus sei Dank ist die Natur hier aber nicht gänzlich verdrängt, wie es z.B. im Amazonasgebiet der Fall ist wenn man Platz für Rinderweiden schafft und den Wald dafür kurzerhand komplett vernichtet. Sedimentablagerungen verändern die Gegend ständig und schaffen so erhöhte Bereiche auf denen sich Rinder und Wildtiere flüchten wenn das Wasser kommt. Auf dem Papier genießt das „Pantanal“ Schutzstatus, und die Farmer dürfen offiziell auch nur einen kleinen Teil ihres Landes von der ursprünglichen Vegetation befreien. Trotzdem sind die Gefahren für dieses artenreiche Naturparadies zahlreich. Besonders was außerhalb des eigentlichen Wasserkreislaufs passiert ist beunruhigend. Die brasilianische Savanne, der “Cerrado“ ist eine stärker gefährdete Landschaftsform als der tropische Regenwald. Immer mehr Savannen werden in Soja- und Zuckerrohrplantagen umgewandelt. Der dortige Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden gelangt über die Erde früher oder später in das tiefer gelegene Überschwemmungsgebiet und verschlechtert dort die Wasserqualität. Ich habe mich für sechs Tage auf einer sogenannten „Eco-Lodge“ eingemietet. So mancher Farmer hat erkannt das es da draußen Leute gibt die sich für die zahlreiche Vogel- und Tierwelt begeistern, und das dies eine lukrative Einnahmequelle sein kann. Mit einem offenen Truck fahren wir über eine Schotterpiste hinein ins „Pantanal“. Ich bin enttäuscht als ich überall rechts und links der Straße Zäune entdecke, die mir zeigen, dass ich das Naturerlebnis in den kommenden Tagen wohl mit vielen Rindern werde teilen müssen. Alle paar hundert Meter überqueren wir eine Holzbrücke und ich staune nicht schlecht als an fast jeder Böschung Kaimane liegen.

Diese bis zu zweieinhalb Meter große Unterart der Alligatoren galt lange Zeit als extrem gefährdet weil sie wegen ihrer Haut gnadenlos bejagt wurden. Dass gezielte Maßnahmen sinnvoll sind sieht man an diesem Beispiel. Seid diese Tiere unter Schutz gestellt wurden hat sich ihre Zahl zumindest hier im „Pantanal“ wieder erholen können. Im Laufe der kommenden Tage werde ich so viele Kaimane sehe das ich sie nach einiger Zeit gar nicht mehr bewusst beachte. Als wir die Fazenda erreichen sehe ich rechts und links der Straße Grasland auf dem Pferde und Rinder stehen. Pedro, welcher mir in den kommenden Tagen als Guide zur Seite stehen wird erzählt mir, dass auf 10% der Farmfläche der Baumbestand den Viehweiden hat weichen müssen, der Rest sei natürliche Vegetation. In der Tat blickt man zu allen Seiten auf die für die Baumsavanne so typischen halbhohen Gehölze, welche sich kaum von einem normalen Wald unterscheiden.  Die Farm selbst ist besonders für die meist jungen Touristen perfekt ausgelegt. Es gibt ein kleines Schwimmbad, Hängematten und einen Billardraum. Die Mahlzeiten sind reichhaltig und viel zu gut um nicht ständig ein wenig mehr zu essen als notwendig. Was für mich die Farm besonders attraktiv macht sind die Bäume die als Schattenspender unmittelbar neben den Gebäuden wachsen. In ihnen tummeln sich tagtäglich große und kleine Papageien, verschiedene Arten von Tukanen und zu meiner Freude auch die großen blauen Hiacynth-Aras. Jeden Morgen zum Sonnenaufgang werde ich mich mit meiner Kamera um die Bäume schleichen um die Tiere abzulichten. Klingt einfach, ist es aber nicht. Je größer die Brennweite ist die ich wähle, desto Formatfüllender kann ich sie fotografieren. Doch je schwerer das Objektiv ist, desto unbeweglicher werde ich und das führt dazu das man viele schöne Momente verpasst. Hier zeigt sich mal wieder die Stärke des flexiblen 200-400 mm Objektivs. Das ist zwar auch schon ein ganz schöner Brocken, aber dem 600 mm bei weitem überlegen wenn es um Freihandaufnahmen geht.

Besonders die Riesen-Tukane mit ihren großen goldgelb leuchtenden Schnäbeln haben es mir angetan. Es sind wunderschöne Vögel, die in den Bäumen sitzen und dort mit erstaunlichem Geschick die Früchte von den Ästen beißen. An einem Morgen habe ich das Glück eine Gruppe von sechs Aras in fotogener Position zu entdecken. Sie sitzen auf den kahlen Ästen eines großen toten Baumes und vollführen allerlei Kunststücke. Aras sind monogam. Haben sie einmal einen Partner gefunden, bleiben sie sich bis an ihr Lebensende treu. Klinkt fast zu schön um wahr zu sein. Wenn man aber in den Himmel guckt sieht man sie so gut wie immer paarweise fliegen. Tolle Vögel. Viel zu schnell sind sie vom toten Baum verschwunden. Trotzdem freue ich mich über einige gute Fotos, die dank schneller Reaktion entstanden sind.

Mein größtes Problem ist das Wetter. Der Aufenthalt im „Pantanal“ ist teuer. Besonders wenn man sich wie ich einen privaten Guide leistet, der aber Grundvoraussetzung für die Arbeit ist. Mein Budget ist begrenzt und so bin ich darauf angewiesen aus jedem Tag wirklich das Beste rauszuholen. Leider sind die ersten drei Tage praktisch wolkenfrei. Die Kraft der Sonne ist schon wenige Minuten nach Sonnenaufgang so stark, dass ich eigentlich die Kamera bis zum Spätnachmittag wegpacken kann. Ich fahre zwar trotzdem entlang der Straße auf Erkundungstouren, oder streune mit Pedro durch das Unterholz, aber in der Regel bleibt die Kamera dabei arbeitslos. Ich habe mir im Laufe der Jahre antrainiert nur noch dann auf den Auslöser zu drücken, wenn ich Lichtbedingungen vorfinde, die mir ein Ergebnis versprechen, das innerhalb meiner Bildsprache bestehen kann. Bei einer Safari mit dem Jeep kommen wir an eine Brücke an der ein fürchterlicher Verwesungsgeruch vorherrscht. In einem gefluteten Bereich der Landschaft offenbart sich mir ein grausiger Anblick. Knapp zwanzig tote Kaimane treiben aufgedunsen im Wasser oder liegen vertrocknet daneben im Staub des Ufers.

Pedro erklärt mir, dass dieser Bereich für Monate wasserfrei gewesen ist. Kaimane können erstaunlich lange ohne Wasser überleben, aber nicht ewig, zumal sie sich in erster Linie von Fischen ernähren. Für diese Gesellen kam das rettende Nass, ob in Form von verstärktem Regen oder aus dem Schwemmwasser der großen Flüsse, leider zu spät. Das ist deswegen auch so traurig, da keine zwei Kilometer entfernt deren Artgenossen völlig relaxed am Ufer liegen und keine Probleme haben. Die Kaimane scheinen trotz Notlage nicht in der Lage zu sein sich auf die Suche nach Wasser begeben zu können. So bleiben sie in ihrem Territorium und hoffen auf Rettung, die aber nicht immer, oder für manche zu spät erfolgt.  Was mir bei diesen Touren auch immer wieder auffällt ist die dunkle Farbe des Wassers. In manchen Gegenden gleicht es einer braunen zähflüssigen Kloake, an deren Oberfläche sich häufig kleine Kreise bilden. Die traurige Wahrheit ist das viele Farmer ihre Savanne abbrennen, damit danach verstärkt neues Gras nachwachsen kann welches dann besseres Tierfutter bildet. Doch die verbrannte Asche auf dem Boden wird mit dem einsetzenden Wasser allzu oft weggeschwemmt. Den überschwemmten Gebieten und den Flüssen wird durch die Asche der Sauerstoff entzogen was unzählige Fische jämmerlich verenden lässt. Die sich zentrisch ausbreitenden Kreise auf der Wasseroberfläche stammen von Fischen die zum Luft holen nach oben kommen. Die Brandrodung ist, wie so vieles Andere auch, illegal. Pedro konnte mir kein Beispiel nennen, bei dem man versucht hätte diese Praktiken aktiv zu unterbinden. Gesetze machen nur dann Sinn, wenn man auch dafür sorgt dass sie beachtet werden. Nicht nur in den Weiten brasilianischer Landschaften klaffen leider zwischen dem Naturschutz auf dem Papier und dem in der Realität riesige Lücken, die immer zu Lasten der Umwelt gehen.

Jeweils am späten Nachmittag besteige ich mit Pedro ein kleines Motorboot und wir fahren einen  Fluss der parallel zu den Grenzen der Fazenda „Santa Clara“ verläuft nach Norden. Irgendwo in der Ferne wird er in den großen „Rio Paraguay“ münden, ein Ort der aber außerhalb unserer Reichweite liegt. Die Perspektive vom Fluss aus ist sehr interessant da viele Tiere unmittelbar in Ufernähe ihren Lebensraum haben. Das Ufer ist gesäumt von Galeriewäldern mit großen Bäumen die auch im Amazonas stehen könnten. Da ich kein Ornithologe bin, bleiben mir die Namen vieler der Vögel die wir entdecken unbekannt. Ich erkenne den „Kingfisher“ der bei uns unsinniger Weise Eisvogel heißt. Elegant und pfeilschnell tauchen diese Meister der Jagd ins Wasser ein und kommen in der Regel mit einem kleinen Fisch im Maul wieder an die Oberfläche. Einmal sehen wir eine Familie Affen auf einem Ast in Ufernähe liegen. Die Sonne steht zwar schon fast unmittelbar über dem Horizont, doch ihre Kraft bildet nach wie vor starke Licht und Schattenpartien, das an eine wirklich brauchbare Aufnahme nicht zu denken ist. Es sind die wenigen Minuten des unmittelbaren Sonnenuntergangs die interessant sind. Wir befinden uns in einem kleinen Seitenarm des Flusses. Sobald der Motor aus ist und der Fahrtwind fehlt fallen unzählige Moskitos über uns her. Sie sind die wahren Herrscher dieses Ökosystems. Bei aller Faszination die so ein Fechtgebiet für Naturfreunde und Fotografen bereithält – diese Biester stellen einen echt auf die Probe. Also zum Daueraufenthalt laden sie wirklich nicht ein. Ich habe mich mit irgendeinem Gift eingeschmiert und versuche diejenigen zu ignorieren die trotzdem irgendwo ein Plätzlein zum Stechen und Blutsaugen finden. Einige Kaimane liegen unweit unseres Bootes völlig bewegungslos im Wasser. Besonders Ihre großen Augen sind faszinierend, besonders wenn sie im Abendlicht leuchten. Für wenige Minuten ist das Licht wie ich es mir wünsche. Innerhalb dieser kurzen Zeitspanne gelingen an jedem der drei Abende zwei bis drei gute Bilder. Das ist nicht viel aber besser als gar nichts.

Richtig interessant wird es an einer Stelle auf dem Rückweg zur Farm. An einer Flussbiegung befindet sich ein Schlafplatz, der vor Allem von Ibissen genutzt wird. Ein Ibis ist ein mittelgroßer Vogel der einen langen gebogenen Schnabel hat. Kurz nach Sonnenuntergang können wir hier Abend für Abend ein beeindruckendes Schauspiel beobachten. Hunderte dieser Tiere kommen in großen Schwärmen aus allen Himmelsrichtungen angeflogen um sich auf den Ästen der direkt am Ufer wachsenden Bäume nieder zu lassen. Dabei erzeugen sie ein mächtiges Getöse das noch von anderen Vögeln verstärkt wird. Besonders wenn Papageien dabei sind ist die Kulisse voller Gezwitscher. Faszinierend ist auch das Geräusch verdrängter Luft welches durch die Masse an Flügeln erzeugt wird. Erst als ihre Körper nur noch als Silhouette vor dem fast schwarzen Nachthimmel zu erkennen sind, schmeißen wir den Motor an und machen uns verstochen aber zufrieden auf den Rückweg.

Als ich nach drei Tagen, also der Halbzeit meines gebuchten Aufenthaltes auf der Farm, eine Zwischenbilanz ziehe, fällt diese sehr ernüchternd aus. Ich habe zwar die eine oder andere Nahaufnahme von Vögeln und den Kaimanen. Doch die eigentliche Essenz dieser Landschaft einzufangen ist mir wegen der fehlenden Wolken und dem daraus resultierenden faden Lichtes bisher noch nicht gelungen. Wie eine Erlösung sind für mich die in der Nacht einsetzenden Regenfälle. Es regnet so stark das praktisch der ganze kommende Tag auch ausfällt. Stoppt der Regen bilden sich in der Regel am kommenden Tag wunderbare Quellwolken. Genau solche brauche ich um in dieser flachen Region ans Landschaftsbilder auch nur denken zu können. Ich bitte Pedro für den kommenden Tag eine große Tour mit dem Jeep vorzubereiten um möglichst viel sehen zu können. Wir haben Glück. Der strahlend blaue Himmel ist mit weißen Wolken überzogen und adelt jedes Motiv welches ich an diesem Tag mit dem Weitwinkel Objektiv aufnehme.

Besonders imponierend sind die Bilder welche ich zwischen der Mittagszeit und fünfzehn Uhr zu Stande kriege. Dann wenn die Sonne recht hoch steht und die Wolken wunderbare Licht- und Schattenpartien auf die Landschaft zaubern. Wer jetzt etwas stutzig wird, weil ich hier genau die Lichtsituation lobe, über die ich weiter vorne im Text noch geschimpft habe (vielleicht erinnern Sie sich – bei den Affen auf dem Baum) dem sei gesagt, das dies eben die Naturfotografie ausmacht. Bei unterschiedlichen Motiven bedarf es zur optimalen Umsetzung unterschiedlicher Voraussetzungen. Flache Landschaften über die Quellwolken ziehen muss man auch deshalb in der Mitte des Tages fotografieren, weil eben jene stilprägenden Wolken sich am späten Nachmittag auflösen und zumeist bei Sonnenuntergang komplett verschwunden sind. Wir durchqueren an diesem Tag Farmen welche mit 40.000 Hektar die vierfache Größe eines durchschnittlichen deutschen Nationalparks haben. Der Naturfreund in mir sieht heute viel zu viele Rinder. Aber ich staune auch über scheinbar unberührte Landschaften, die mich immer wieder an die „Serengeti“ in Afrika erinnert. Viele kleine Seen die wir passieren sind komplett mit Wasserpflanzen und deren Blüten überzogen. Ich sehe zum ersten Mal in meinem Leben eine Eulen-Art welche am Boden brütet.

Ein junger Fuchs zeigt keine Scheu vor uns, und säubert seelenruhig sein Fell. Eine Gruppe von fast vierzig Nasenbären kriege ich durch Anschleichen nur deshalb nicht richtig vor die Kamera weil mich ein einzelnes Rind entdeckt, und seine Flucht dabei die ganze Gruppe der lustig aussehenden Tiere verscheucht. Blöde Kuh. Ich sehe Rotwild, Wasserschweine und unzählige Vögel jeglicher Farbe und Größe. Wir sind hier zwar nicht im unmittelbaren Überschwemmungsgebiet, aber der „Cerrado“ mit all seinen Wundern erschließt sich mir an diesem schönen Tag. Dieser eine Ausflug bedeutet einen riesen Schritt in Richtung Erfüllung meiner Aufgabe. Dass ich von den sechs Tagen in diesem Teil des „Pantanals“ nur einen wirklich Perfekten erwischt habe, kann man beklagen. Oder aber sich auch darüber freuen, das Glück zu haben ihn erleben zu dürfen. Mit Einsatz und Enthusiasmus lässt sich in der Fotografie viel erreichen. Trotzdem bleibt einer der entscheidenden Faktoren auch immer ein Glückspiel, nämlich das Wetter. Ich habe gelernt, dass das Glas immer „halbvoll“ ist, und niemals „halbleer“. Mit dieser Einstellung geht man wesentlich entspannter durchs Leben. Besonders als Naturfotograf.

 

Gebirge Teil 4: “Ziellauf” 05.05.2013

Im Laufe der Nacht wird es richtig knackig kalt. In der zweiten Nachthälfte kommt die Kälte unangenehm in den Schlafsack gekrochen, so dass der verstärkte Kragen um den Hals kaum noch ausreicht ein Eindringen in die kleine innere Welt aus Wärme zu verhindern. Ich habe mich längst komplett mit dem Kopf nach innen verzogen. Nur eine minimale Öffnung sorgt für eine ausreichende Luftzufuhr. Es ist vier Uhr als der Wecker unbarmherzig seine Arbeit tut. Da man in diesen Höhen sowieso nicht gut schläft bin ich recht schnell wach und mir ist sofort klar dass nun einer der unangenehmsten Augenblicke des neuen Tages direkt vor mir liegt. Ich muss den Schlafsack verlassen. Das erfordert eine Überwindung des inneren Schweinehunds.  Mir gelingt dies indem ich mich daran erinnere was außerhalb des Zeltes auf mich wartet. Dabei schießt soviel Adrenalin durch meinen Körper das ich meine Glieder bewegen und mühsam den Reisverschluss aufziehen kann. Doch wie ergeht es meiner Freundin Juliana? Wir sind inzwischen auf 4700 m Höhe und sie bekommt ihren an brasilianische Temperaturen gewöhnten Körper schon seid drei Tagen nicht mehr richtig warm, obwohl sie dasselbe  Schlafsackmodell benutzt als ich. Wir wissen, dass wir uns wahrscheinlich heute für einige Zeit trennen werden. Deshalb haben wir beschlossen, an diesem Morgen den Sonnenaufgang gemeinsam zu erleben. Ich sehe wie sie sich langsam bewegt und nach einiger Zeit tapfer den Schlafsack öffnet. Das Thermometer zeigt  knappe zehn Grad unter Null. Die Außenwand des Zeltes ist mit einer Raureifdecke überzogen. Mein erster Blick, als ich aus unserer Behausung krieche, gilt dem Himmel. Mit Erleichterung blicke ich direkt auf unzählige Sterne die über den Silhouetten der uns umgebenden Berggipfel leuchten. Es ist noch finstere Nacht, doch das wird sich schon sehr bald ändern. Eingehüllt in alles was uns an Kleidung zur Verfügung steht steigen wir eine Anhöhe hinauf.  Direkt vor uns erheben sich über siebentausend Meter hohe Berge und davor blicken wir auf einen riesigen Gletscher dessen zerklüftete Formen auch im Nachtdunkel zu erahnen sind. Der Mond ist nur eine schmale Sichel. In der klaren Luft der Berge den Beginn eines neuen Tages zu beobachten gehört für mich zum Schönsten, was man als Naturfreund draußen in den Elementen erleben kann. Zuerst bekommt der Himmel an der Stelle wo später die Sonne aufgehen wird einen dunkelblauen Schimmer. Dieser wird dann von Minute zu Minute heller und ist eine der spannendsten Lichtquellen welche man sich als Fotograf wünschen kann. Die Belichtungszeiten befinden sich zu Anfang noch im Bereich von mehreren Sekunden. Das ist aber kein Problem, da ich mit dem Stativ arbeite. Es ermöglicht mir mit diesem zwar schwachen, aber farblich so faszinierendem Licht fotografieren zu können.

Als die ersten Sonnenstrahlen die höchsten Gipfel mit einem zarten goldenen Schleier überziehen ist es soweit. Dies ist der Moment in dem ich einen lang gehegten Plan in die Tat umsetzen möchte. Vor einem Jahr habe ich Juliana bei einer Fotoreise im brasilianischen Regenwald kennengelernt. Seither haben wir eine so harmonische und wunderbare Beziehung gelebt, das ich mir schon nach einigen Monaten klar darüber war, das Sie die große Liebe meines Lebens ist. Jetzt ist sie sogar im Hochgebirge an meiner Seite. Besonders die vergangenen Tage, nachdem wir Ghunsa verlassen haben, hat sie sich nochmals selber übertroffen. Sie hat sich weder von Höhe, Kälte noch Geröllfeldern und steilen Abgründen abhalten lassen mich bis hierher zu begleiten. Wird es jemals einem besseren Ort geben als Ihr hier die EINE Frage zu stellen? Da es weder in der Liebe noch sonst irgendwo im Leben absolute Sicherheiten gibt, habe ich ihre Hand in die meine genommen, ihr ganz tief in die Augen geblickt und es gewagt sie zu fragen ob sie mir die Freude zuteil werden lässt sie heiraten zu dürfen.

Unser Freund Rolf meinte später es müsse wohl an der Höhenkrankheit gelegen haben das sie mir mit einem klaren JA geantwortet hat. Zu meinem Glück hat sie aber auch später in der schwülen Tropenhitze ihrer Heimat ihre Meinung nicht geändert. Jetzt freuen wir uns darauf das Leben mit all seinen Abenteuern und Prüfungen gemeinsam meistern zu können.

Später am Morgen hat die Sonne jegliche Erinnerung an die frostige Nachtluft weggeschmolzen und wir bereiten unsere weiteren Schritte vor. Es ist noch ein Tagesmarsch bis zum Basislager des „Kanchenjunga“ dem Endpunkt unserer Wanderung. Dieser liegt auf fünftausendeinhundert Metern und  soll es mir ermöglichen den dritthöchsten Berg der Welt zu fotografieren. Doch  für meine Liebste ist hier der Zeitpunkt zum umkehren gekommen. Die Höhe bereitet ihr keine Probleme aber dafür umso mehr die Kälte in der Nacht. Den Körper nicht mehr richtig warm zu bekommen ist kein schöner Zustand.

Niemand in der Gruppe hätte ihr zu Beginn der Reise zugetraut so weit nach Oben zu gelangen. Es ist keine Schande seine Grenzen zu erkennen und diese zu respektieren. Dies ist ein Ratschlag den ich übrigens Jedem geben kann der sich in die Wildnis begibt. Erreicht man ein Stadium in dem sich Unbehagen regt, sollte man tunlichst vermeiden dieses zu überhören. Damit meine ich nicht, dass man nicht mal körperlich an seine Grenzen gehen kann, oder diese auch überschreiten. Man sollte sich aber immer gewahr sein zu was der eigene Körper in der Lage ist, besonders wenn er dem Bewusstsein Angstsignale sendet. Wenn ich das Gefühl habe das Eis ist zu dünn, dann begebe ich mich nicht unnötig in Gefahr und suche mir entweder einen anderen Weg oder breche ab. Vielleicht ist dies einer der Gründe der mir half in den letzten fünfundzwanzig Jahren immer an einem Stück von einer Reise heimzukehren. Ein besonderes Anliegen ist es mir natürlich das auch Juliana wieder gesund nach Hause kommt. Nicht auszudenken was wäre wenn ihr hier etwas Schlimmes zustoßen würde. Dass die Sache nicht ungefährlich ist haben wir von einer anderen Reisegruppe erfahren. Diese befanden sich sogar noch einen Tagesmarsch tiefer als sie das Unglück ereilte. Nur dank eines Satellitentelefons gelang es ihnen einen Hubschrauber anzufordern um einen japanischen Wanderer den die Höhenkrankheit erwischt hat rechtzeitig auszufliegen. Ohne diese Hilfe wäre er wohl auf etwas mehr als viertausend Metern Höhe im kleinen Sommerlager „Kampachen“ verstorben. Als wir zwei Tage zuvor dort ankamen haben wir einen extra Tag Pause eingelegt um unsere Körper an die Höhe zu gewöhnen. Wer es im Hochgebirge zu eilig hat begeht einen großen Fehler den schon viele mit ihrem Leben bezahlt haben. In „Kampachen“  lagerten wir zum ersten Male direkt am Fuße eines Berges der über 7000 Meter hoch war. Fast ehrfürchtig habe ich mich kaum daran sattsehen können. Aus einem Seitental kommend hat sein Gletscher eine riesige Moränenlandschaft hier ins Haupttal geschoben. Es ist erstaunlich wie viel Gestein durch das Eis bewegt wird. In geologischen Zeiträumen gesehen entstehen so Landschaften. Den Morgen des Ruhetages habe ich für eine Fotoaktion genutzt indem ich um drei Uhr nachts einen Berghang, der unserem Zelt am nächsten liegt hinauf gestiegen bin. Schon hier, auf etwas über viertausend Metern, schlaucht dies ungemein, besonders mit der kompletten Fotoausrüstung auf dem Rücken. Zu Anfang dachte ich bei jedem Schritt mein Brustkorb wolle zerfetzen, doch als ich dann völlig wach war und den richtigen, langsameren Laufrhythmus gefunden habe, hat es ganz gut geklappt. Ich bin etwa dreihundert Höhenmeter emporgestiegen und habe dadurch freie Sicht auf den Gletscher und die umliegenden Täler bekommen. Erschrocken bin ich darüber wie stark dieses Monster aus Geröll in seinem Inneren schon entleert war.

Das Eis ist weit unter die Gesteinslinie der Moräne zurückgeschmolzen und wird auch in Zukunft weiter verschwinden.

Hier oben im Lager wo sich Julianas und mein Weg in Kürze trennt sind wir inzwischen auf der Höhe des Hauptgletschers. Dieser wird vom „Kanchenjunga“ und anderer Riesenberge gespeist und ist wohl dank der Höhe und seiner puren Größe in noch recht gutem Zustand. Zumindest optisch gibt es hier noch viel Eis das geschmolzen werden muss, bis den Flüssen unterhalb unseres Standpunktes die Puste ausgeht. Wir beschließen das Juliana zusammen mit einem der Träger wieder zurück nach „Kampachen“ und eine Nacht später nach „Ghunsa“ laufen wird um dort auf den Rest von uns zu warten. Ganz wohl ist mir bei der Sache nicht, denn gerade der Abstieg birgt Gefahren. Besonders bei losen Geröllfeldern derer es einige zu überqueren gibt. Abwärts zu laufen ist zwar in der Regel schneller aber nicht unbedingt weniger anstrengend, da besonders die Knie stark gefordert werden. Doch meine Liebste war wild entschlossen mir den Aufstieg zum Basislager zu ermöglichen und auf eigene Verantwortung diese zwei Tage Abenteuer zu meistern. Heute weiß ich natürlich, dass sie es problemlos schaffte, was mich sehr stolz gemacht hat. Man darf nicht vergessen, dass dies ihre allererste Bergtour gewesen ist und sie mit ihrem geschwächten linken Bein lange nicht die Beweglichkeit eines unversehrten Menschen hat. Ohne viel Aufheben haben wir uns verabschiedet, verbunden mit dem festen Vorsatz uns in drei bis vier Tagen in „Ghunsa“ wieder zu sehen.

Nun beginnt also der letzte, fotografisch wichtigste Teil der Reise. Zu diesem Zeitpunkt sind wir schon über zwei Wochen unterwegs und ich habe viele schöne Bilder gemacht. Doch natürlich würde dem Thema „Gebirge“ etwas Entscheidendes fehlen wenn es mir nicht gelänge den „Kanchenjunga“ standesgemäß abzulichten. Die verbliebenen Jungs meiner Gruppe haben mich gebeten ob sie in der Zeit die ich im Basislager verbringen möchte hier in „Lhonak“ bleiben können. Im Gegensatz zu dort oben gibt es hier eine einfache Steinhütte in der sie Kochen und Schlafen können. Da sie keine eigenen Zelte dabei haben ist dies natürlich keine Frage, zumal die Aussicht, dort oben für zwei Nächte komplett allein zu sein für mich äußerst reizvoll ist.

Die letzte Etappe ist wirklich wild. Vegetation gibt es hier nur noch in Form einiger Gräser die in der Umgebung kleiner Bäche wachsen. Es ist das Reich der „Blauschafe“ und des Schneeleoparden. Diese Region ist eines der wenigen verbliebenen Rückzugsgebiete dieser großen Katze, deren Anwesenheit man am ehesten in Form von Tatzen-Spuren  im Neuschnee wahrnehmen kann. Zwei meiner Begleiter helfen mir die Ausrüstung zum Endpunkt der Wanderung zu bringen. Der Weg folgt parallel des riesigen „Kanchenjunga“-Gletschers und ist eine raue Landschaft geprägt von Eis und Geröll. Der Gletscher ist fast komplett mit Gestein bedeckt und an manchen Stellen erst auf dem zweiten Blick als ein solcher zu erkennen.

Immer wieder höre ich ein mächtiges Knacken und Rauschen, ein deutliches Zeichen für seine Aktivität. Das Eis ist praktisch ständig in Bewegung, wenngleich dies natürlich für uns nur in den wenigsten Momenten wahrzunehmen ist. Als ich zurück ins Tal blicke sehe ich dunkle Wolken heraufziehen. Ein deutliches Zeichen dafür, dass es einen Wetterwechsel geben wird. Im Gebirge  kann so etwas sehr schnell gehen weshalb wir versuchen unser Tempo nochmals etwas zu steigern. Keine einfache Aufgabe auf fünftausend Metern Höhe. Doch es gelingt uns tatsächlich auf der kargen Wiese des als „Basislager“ bezeichneten Ortes anzukommen bevor der starke Schneefall einsetzt. So schnell es uns möglich ist schlagen wir das Zelt auf. Meine Kameraden machen sich sofort auf den Rückweg und ich lege mich ziemlich erschöpft in den Schlafsack. Zu diesem Zeitpunkt bin gar nicht so unglücklich darüber, dass mich das Wetter zu einer Ruhepause zwingt. Während draußen der Schnee auf mein Zeltdach fällt, falle ich in einen leichten Schlaf. Ich bin immer noch ziemlich erschöpft und mein Kreislauf ist alles andere als in Topform, als mein Unterbewusstsein eine Veränderung wahrnimmt. Es muss so gegen halb vier Uhr am Mittag gewesen sein als die dichte Wolkendecke immer wieder aufreißt und den einen oder anderen Lichtstrahl zu mir durchdringen lässt. Als ich dann Schlaftrunken das Zelt öffne kann ich sogar schon wieder Teile des Gletschers und der dahinter aufsteigenden Berge erkennen.

Das ist erstaunlich. In den vergangenen Tagen hat es gegen Abend nie wieder aufgemacht, wenn sich das Wetter einmal zum mies sein entschlossen hatte. Also bleibt mir nichts anderes übrig als meine Erschöpfung zu ignorieren und mich dem Grund meines Hierseins zu widmen. Zum ersten Mal blicke ich bewusst auf den „Kanchenjunga“ der etwas nach hinten versetzt vor mir aufragt. Ich würde den Berg nicht unbedingt als Schönheit bezeichnen. Er hat drei Gipfel die alle ungefähr dieselbe Höhe haben. Was ihm fehlt ist eine markante Form. Etwas was ihn optisch sofort von anderen Bergen unterscheidet. Doch schön ist er allemal, besonders die vielen vereisten Steilwände lassen bei genauerer Betrachtung die pure Größe dieses Riesen erahnen. Doch mein Standpunkt ist noch nicht ganz optimal, da ein Teil der Bergfront von einem vorgelagerten Bergrücken verdeckt wird. Ich beschließe dem Hauptgletscher noch ein wenig zu folgen und auf eine Passhöhe zu steigen, welche gute Ausblicke verspricht. Das sind geschätzte dreihundert Höhenmeter mehr. Normalerweise ist dies nicht der Rede wert. Doch hier in meinem Zustand, mit voller Kameraausrüstung auf dem Rücken ist das durchaus eine Herausforderung. Es geht sehr steil nach oben. Nur ganz langsam komme ich voran. Alle paar Meter zwingt mich der Körper zum verweilen. Man bekommt einfach nicht genug Sauerstoff in die Lungen. Doch ich kämpfe mich auf den Pass und werde mit einer sagenhaften Position belohnt. Nun liegt der Berg komplett frei vor mir und der Blick auf den Gletscher ist durch die gewonnene Höhe einfach fantastisch. Vom Tal ziehen immer wieder Wolken herauf die im goldenen Abendlicht die Landschaft in eine ungezähmte Mischung aus Licht und Schatten verwandeln. Alles wirkt so plastisch und zum greifen nahe.

Man bezeichnet uns Naturfotografen gerne als „Jäger des Lichts“. An diesem Ort und zu diesem Moment kann ich mich über eine äußerst erfolgreiche „Jagd“ freuen. Ich bin zwar körperlich fix und fertig, genieße aber jeder Minute, lange bis die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist und die Wolken wieder sämtliche Sicht im Tal verhindern. Als ich mein Zelt erreiche zwinge ich mich dazu einen Müsliriegel zu essen, den ich noch aus Deutschland mitgebracht habe, und etwas Wasser zu trinken um dem Körper wieder verlorene Energie zuzufügen. Es ist erstaunlich wie wenig man hier oben, trotz körperlicher Höchstleistung das Bedürfnis hat, Nahrung zu sich zu nehmen. Aber genau aus diesem Grunde ist es äußerst wichtig es zu tun, damit man bei Kräften bleibt. Für den kommenden Morgen habe ich gar nicht erst versucht den Wecker zu stellen. Mir ist klar, dass die Kraft für eine Sonnenaufgangsrunde nicht ausreichen würde. Also habe ich mich mehr oder weniger schlafend durch die Nacht gebracht und bleibe am Morgen so lange im Schlafsack liegen bis mir der Körper das Gefühl gibt genügend geruht zu haben. Mein Plan sieht vor das ich versuchen möchte dem Pfad von gestern weiter zu folgen um dann die Felswand bis auf sechstausend Meter Höhe zu besteigen. Würde ich dem Hauptgletscher weiter folgen und diesen dann weiter im Norden überqueren dauerte es nicht mehr lange und die Grenze zu Tibet wäre erreicht. Heute muss man ja leider China sagen, welches eine der großen Ungerechtigkeiten in der an Dummheiten nicht armen menschlichen Geschichte darstellt. Wenn es mir gelingen sollte auf diesen Gipfel zu kommen hätte ich nochmals mindestens neunzig Grad mehr Ausblicke auf die mich umgebende Bergwelt. Zuvor habe ich sehr genau überlegt was ich mit in den Rucksack packen muss. Sonnencreme, Brille, Hut, Wasser, Nahrung, Regenhose und Jacke sind obligatorisch. Ich habe aber auch mein GPS Gerät eingepackt, denn auch bei relativ kurzen Distanzen kann man im Nebel recht schnell die Orientierung verlieren. Da ich mir vorgenommen hatte auch mich selbst bei der Arbeit zu portraitieren, habe ich zwei Gehäuse mitgeschleppt, und ebenso das fünf Kilogramm schwere 200-400mm Teleobjektiv. Zusammen mit dem Stativ kommt da einiges Zusammen was mir im Laufe des Tages bei jedem Schritt schmerzlich bewusst wird. Als ich starte ist der Himmel völlig wolkenfrei und die schneebedeckten Gipfel strahlen vor dem dunkelblauen Himmel. Der Weg zum Pass klappt ohne Probleme. Langsam aber zielsicher komme ich voran. Von nun an gibt es keinen sichtbaren Pfad mehr. Ich steige die Geröllwand Stück für Stück nach oben. Mein GPS zeichnet jeden meiner Schritte auf. Als ich um eine weitere steile Wand herumgelaufen bin, sehe ich direkt über mir einen aus purem Eis bestehenden Gletscher. Mein Weg führt an ihm vorbei, und würde ich es auf den Gipfel schaffen, könnte ich sogar direkt auf ihn hinabschauen. Dieser kleine Gletscher ist komplett frei von Gestein und völlig zerklüftet. Ein tolles Motiv. Doch mein Aufstieg gestaltet sich sehr langsam. Gegen Mittag zeigt mein Höhenmesser fünftausendfünfhundert Meter an. Ich habe die Gletscherzunge fast erreicht. Von Tal ziehen die ersten Wolken herauf. Zu Anfang beunruhigt mich das nicht sonderlich, da dies nach einem klaren Morgen praktisch an jedem Tag passiert. Doch in erstaunlichem Tempo wird mir durch immer schneller heranfliegende Wolken die Sicht genommen. Nach einiger Zeit hat sich das Bild komplett gewandelt. Ich bin von einer Geröllwüste umgeben und die einzige Farbe die jetzt noch dominiert sind Grautöne. Trotzdem gebe ich noch nicht auf. Ich erinnere mich an den Vortag und hoffe, dass es nach einer gewissen Zeit gegen Abend wieder aufreißen wird. Ich schaffe weitere hundert Höhenmeter, muss mir dann aber eingestehen, dass mich meine Kräfte verlassen. Inzwischen ist praktisch jeder Schritt eine Tortur. Da ich sowieso nichts sehen kann, gebe ich das Ziel, bis auf den Gipfel zu kommen auf. Ich suche mir einen halbwegs bequemen Stein an den ich windgeschützt anlehnen kann und hoffe auf einen erneuten Wetterwechsel. Dann beginnt eine der Tätigkeiten innerhalb meines Berufes die leider allzu häufig wichtiger Bestandteil meiner Arbeit ist und nicht immer zum Erfolg führt – nämlich die Warterei.

Nach drei langen Stunden, in denen ich außer auf eine graue Wand zu starren  nichts gemacht habe, beschließe ich an die Stelle zurückzusteigen, an der ich am Vorabend meine Fotos machen konnte. Das ich im Dunkeln würde zurücklaufen müssen war klar. Mit dem Abstieg zum Pass bin ich zumindest wieder in relativer Nähe zum Zelt. Bisher hat es zwar weder gestürmt noch geschneit, doch man weiß ja nie. Es wird dunkel ohne das sich in den Wolken etwas tut. Ich bin etwas traurig, denn der komplette Tag war eigentlich ein fotografischer Ausfall. Also habe ich noch zwei weitere Stunden ausgeharrt. Wenn die Wolken verschwinden würden, bevor der letzte Rest an nachglühendem Tageslicht erloschen sind, könnte ich noch eine gute Nachtaufnahme machen. Dazu brauche ich den Sternenhimmel und ein klein wenig Licht von der vor langer Zeit hinter dem Horizont verschwundenen Sonne. Doch ich habe kein Glück. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig als auf den kommenden Morgen zu hoffen. Um die Aufnahme machen zu können die mir vorschwebt, muss ich Punkt vier Uhr wieder hier auf dem Pass sein. Dies ist mit dem schweren Gepäck unmöglich zu schaffen. Also habe ich meine Ausrüstung gut verpackt und den Rucksack dann unter einen überhängenden Stein gelegt. Gegen 21 Uhr komme ich mehr taumelnd als gerade laufend beim Zelt an. Ich stelle den Wecker auf zehn Minuten vor Drei um genügend Zeit zu haben nach einer viel zu kurzen Nachtruhe in die Kleidung zu kommen und den Berg wieder nach oben zu steigen. Mich als erschöpft zu bezeichnen ist noch untertrieben, und trotzdem gelingt es mir nur sporadisch in einen leichten unruhigen Schlaf zu fallen. Immer wieder wache ich auf und rolle mich von einer Seite auf die andere. Nach Mitternacht blicke ich ungefähr fünf mal auf die neben mir liegende Uhr. Die Angst diese wichtige Chance zu verpassen sitzt tief im Unterbewusstsein fest. Gerade deshalb ist es mir völlig unbegreiflich das ich den Wecker nicht läuten höre. Als ich wieder auf die Uhr blicke ist es bereits zehn Minuten nach drei Uhr. Wie von der Tarantel gestochen und gleichzeitig laut fluchend schieße ich aus dem Schlafsack und schlüpfe in Rekordzeit in meine Kleidung. Wie in Trance versuche ich die letzten Kraftreserven aus mir herauszupressen um möglichst schnell nach oben auf den Pass zu kommen. Beiläufig nehme ich wahr das der Himmel tatsächlich Wolkenfrei ist und ich meinen Plan durchführen kann, wenn es mir gelingt die verlorene Zeit aufzuholen. Auch ohne Gepäck geht es nicht wirklich nicht schnell voran, doch dafür beständig. Ich kann mein Glück kaum fassen als ich zwei Minuten vor Vier bei meiner Ausrüstung stehe. Die dann folgenden Handgriffe sitzen und gehen fliesend von statten, während ich mir schon Gedanken mache wo ich das Stativ aufstelle. Um Punkt vier Uhr drücke ich um ersten mal den Drahtauslöser. Die Kamera steht auf viertausend ASA und ich belichte dreizehn Sekunden bei Blende 3,2. Auf dem Bild erscheint das „Kanchenjunga“ Massiv, beleuchtet von den ersten zarten Nuancen der Dämmerung. Darüber erhebt sich die Milchstraße in all ihrer Pracht.

Wenige Minuten später ist es für unser Auge zwar immer noch dunkel, doch die Präsenz des Universums nimmt mit zunehmender Dämmerung massiv ab. Zuerst verschwindet die Milchstraße und später nach und nach die der Erde näher gelegenen Sterne. Dafür leuchten die Berge vor einem immer noch dunkelblauen Nachthimmel und mit zunehmender Helligkeit kann ich die ASA Zahl herabsetzen was die Bildqualität stark verbessert. Für mich ist dieser ganze Prozess pure Magie. Ich stehe, umgeben von absoluter Stille, an einem Ort voller unverfälschter Wildnis und erlebe diese Momente in solch erregender Dichte das ich kaum Worte dafür finde. Eindrücke die durch kein Geld der Welt ersetzbar sind und die es sich tief in meiner Seele auf den besonders gemütlichen VIP Plätzen gemütlich machen dürfen.

Auch wenn es unmöglich ist, und wahrscheinlich nichts ändern würde, so wünschte ich mir doch, das jeder Mensch mindestens einmal im Leben ein solch eindrückliches Erlebnis mit unserer Mutter Erde haben dürfte­­. Vielleicht wäre unsere Spezies dann etwas Ehrfurchtsvoller im Umgang mit dem Planeten der uns Alle mit seinen Ressourcen versorgt und uns eine solch wunderschöne Heimat ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

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