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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Gebirge Teil 4: “Ziellauf” 05.05.2013

Im Laufe der Nacht wird es richtig knackig kalt. In der zweiten Nachthälfte kommt die Kälte unangenehm in den Schlafsack gekrochen, so dass der verstärkte Kragen um den Hals kaum noch ausreicht ein Eindringen in die kleine innere Welt aus Wärme zu verhindern. Ich habe mich längst komplett mit dem Kopf nach innen verzogen. Nur eine minimale Öffnung sorgt für eine ausreichende Luftzufuhr. Es ist vier Uhr als der Wecker unbarmherzig seine Arbeit tut. Da man in diesen Höhen sowieso nicht gut schläft bin ich recht schnell wach und mir ist sofort klar dass nun einer der unangenehmsten Augenblicke des neuen Tages direkt vor mir liegt. Ich muss den Schlafsack verlassen. Das erfordert eine Überwindung des inneren Schweinehunds.  Mir gelingt dies indem ich mich daran erinnere was außerhalb des Zeltes auf mich wartet. Dabei schießt soviel Adrenalin durch meinen Körper das ich meine Glieder bewegen und mühsam den Reisverschluss aufziehen kann. Doch wie ergeht es meiner Freundin Juliana? Wir sind inzwischen auf 4700 m Höhe und sie bekommt ihren an brasilianische Temperaturen gewöhnten Körper schon seid drei Tagen nicht mehr richtig warm, obwohl sie dasselbe  Schlafsackmodell benutzt als ich. Wir wissen, dass wir uns wahrscheinlich heute für einige Zeit trennen werden. Deshalb haben wir beschlossen, an diesem Morgen den Sonnenaufgang gemeinsam zu erleben. Ich sehe wie sie sich langsam bewegt und nach einiger Zeit tapfer den Schlafsack öffnet. Das Thermometer zeigt  knappe zehn Grad unter Null. Die Außenwand des Zeltes ist mit einer Raureifdecke überzogen. Mein erster Blick, als ich aus unserer Behausung krieche, gilt dem Himmel. Mit Erleichterung blicke ich direkt auf unzählige Sterne die über den Silhouetten der uns umgebenden Berggipfel leuchten. Es ist noch finstere Nacht, doch das wird sich schon sehr bald ändern. Eingehüllt in alles was uns an Kleidung zur Verfügung steht steigen wir eine Anhöhe hinauf.  Direkt vor uns erheben sich über siebentausend Meter hohe Berge und davor blicken wir auf einen riesigen Gletscher dessen zerklüftete Formen auch im Nachtdunkel zu erahnen sind. Der Mond ist nur eine schmale Sichel. In der klaren Luft der Berge den Beginn eines neuen Tages zu beobachten gehört für mich zum Schönsten, was man als Naturfreund draußen in den Elementen erleben kann. Zuerst bekommt der Himmel an der Stelle wo später die Sonne aufgehen wird einen dunkelblauen Schimmer. Dieser wird dann von Minute zu Minute heller und ist eine der spannendsten Lichtquellen welche man sich als Fotograf wünschen kann. Die Belichtungszeiten befinden sich zu Anfang noch im Bereich von mehreren Sekunden. Das ist aber kein Problem, da ich mit dem Stativ arbeite. Es ermöglicht mir mit diesem zwar schwachen, aber farblich so faszinierendem Licht fotografieren zu können.

Als die ersten Sonnenstrahlen die höchsten Gipfel mit einem zarten goldenen Schleier überziehen ist es soweit. Dies ist der Moment in dem ich einen lang gehegten Plan in die Tat umsetzen möchte. Vor einem Jahr habe ich Juliana bei einer Fotoreise im brasilianischen Regenwald kennengelernt. Seither haben wir eine so harmonische und wunderbare Beziehung gelebt, das ich mir schon nach einigen Monaten klar darüber war, das Sie die große Liebe meines Lebens ist. Jetzt ist sie sogar im Hochgebirge an meiner Seite. Besonders die vergangenen Tage, nachdem wir Ghunsa verlassen haben, hat sie sich nochmals selber übertroffen. Sie hat sich weder von Höhe, Kälte noch Geröllfeldern und steilen Abgründen abhalten lassen mich bis hierher zu begleiten. Wird es jemals einem besseren Ort geben als Ihr hier die EINE Frage zu stellen? Da es weder in der Liebe noch sonst irgendwo im Leben absolute Sicherheiten gibt, habe ich ihre Hand in die meine genommen, ihr ganz tief in die Augen geblickt und es gewagt sie zu fragen ob sie mir die Freude zuteil werden lässt sie heiraten zu dürfen.

Unser Freund Rolf meinte später es müsse wohl an der Höhenkrankheit gelegen haben das sie mir mit einem klaren JA geantwortet hat. Zu meinem Glück hat sie aber auch später in der schwülen Tropenhitze ihrer Heimat ihre Meinung nicht geändert. Jetzt freuen wir uns darauf das Leben mit all seinen Abenteuern und Prüfungen gemeinsam meistern zu können.

Später am Morgen hat die Sonne jegliche Erinnerung an die frostige Nachtluft weggeschmolzen und wir bereiten unsere weiteren Schritte vor. Es ist noch ein Tagesmarsch bis zum Basislager des „Kanchenjunga“ dem Endpunkt unserer Wanderung. Dieser liegt auf fünftausendeinhundert Metern und  soll es mir ermöglichen den dritthöchsten Berg der Welt zu fotografieren. Doch  für meine Liebste ist hier der Zeitpunkt zum umkehren gekommen. Die Höhe bereitet ihr keine Probleme aber dafür umso mehr die Kälte in der Nacht. Den Körper nicht mehr richtig warm zu bekommen ist kein schöner Zustand.

Niemand in der Gruppe hätte ihr zu Beginn der Reise zugetraut so weit nach Oben zu gelangen. Es ist keine Schande seine Grenzen zu erkennen und diese zu respektieren. Dies ist ein Ratschlag den ich übrigens Jedem geben kann der sich in die Wildnis begibt. Erreicht man ein Stadium in dem sich Unbehagen regt, sollte man tunlichst vermeiden dieses zu überhören. Damit meine ich nicht, dass man nicht mal körperlich an seine Grenzen gehen kann, oder diese auch überschreiten. Man sollte sich aber immer gewahr sein zu was der eigene Körper in der Lage ist, besonders wenn er dem Bewusstsein Angstsignale sendet. Wenn ich das Gefühl habe das Eis ist zu dünn, dann begebe ich mich nicht unnötig in Gefahr und suche mir entweder einen anderen Weg oder breche ab. Vielleicht ist dies einer der Gründe der mir half in den letzten fünfundzwanzig Jahren immer an einem Stück von einer Reise heimzukehren. Ein besonderes Anliegen ist es mir natürlich das auch Juliana wieder gesund nach Hause kommt. Nicht auszudenken was wäre wenn ihr hier etwas Schlimmes zustoßen würde. Dass die Sache nicht ungefährlich ist haben wir von einer anderen Reisegruppe erfahren. Diese befanden sich sogar noch einen Tagesmarsch tiefer als sie das Unglück ereilte. Nur dank eines Satellitentelefons gelang es ihnen einen Hubschrauber anzufordern um einen japanischen Wanderer den die Höhenkrankheit erwischt hat rechtzeitig auszufliegen. Ohne diese Hilfe wäre er wohl auf etwas mehr als viertausend Metern Höhe im kleinen Sommerlager „Kampachen“ verstorben. Als wir zwei Tage zuvor dort ankamen haben wir einen extra Tag Pause eingelegt um unsere Körper an die Höhe zu gewöhnen. Wer es im Hochgebirge zu eilig hat begeht einen großen Fehler den schon viele mit ihrem Leben bezahlt haben. In „Kampachen“  lagerten wir zum ersten Male direkt am Fuße eines Berges der über 7000 Meter hoch war. Fast ehrfürchtig habe ich mich kaum daran sattsehen können. Aus einem Seitental kommend hat sein Gletscher eine riesige Moränenlandschaft hier ins Haupttal geschoben. Es ist erstaunlich wie viel Gestein durch das Eis bewegt wird. In geologischen Zeiträumen gesehen entstehen so Landschaften. Den Morgen des Ruhetages habe ich für eine Fotoaktion genutzt indem ich um drei Uhr nachts einen Berghang, der unserem Zelt am nächsten liegt hinauf gestiegen bin. Schon hier, auf etwas über viertausend Metern, schlaucht dies ungemein, besonders mit der kompletten Fotoausrüstung auf dem Rücken. Zu Anfang dachte ich bei jedem Schritt mein Brustkorb wolle zerfetzen, doch als ich dann völlig wach war und den richtigen, langsameren Laufrhythmus gefunden habe, hat es ganz gut geklappt. Ich bin etwa dreihundert Höhenmeter emporgestiegen und habe dadurch freie Sicht auf den Gletscher und die umliegenden Täler bekommen. Erschrocken bin ich darüber wie stark dieses Monster aus Geröll in seinem Inneren schon entleert war.

Das Eis ist weit unter die Gesteinslinie der Moräne zurückgeschmolzen und wird auch in Zukunft weiter verschwinden.

Hier oben im Lager wo sich Julianas und mein Weg in Kürze trennt sind wir inzwischen auf der Höhe des Hauptgletschers. Dieser wird vom „Kanchenjunga“ und anderer Riesenberge gespeist und ist wohl dank der Höhe und seiner puren Größe in noch recht gutem Zustand. Zumindest optisch gibt es hier noch viel Eis das geschmolzen werden muss, bis den Flüssen unterhalb unseres Standpunktes die Puste ausgeht. Wir beschließen das Juliana zusammen mit einem der Träger wieder zurück nach „Kampachen“ und eine Nacht später nach „Ghunsa“ laufen wird um dort auf den Rest von uns zu warten. Ganz wohl ist mir bei der Sache nicht, denn gerade der Abstieg birgt Gefahren. Besonders bei losen Geröllfeldern derer es einige zu überqueren gibt. Abwärts zu laufen ist zwar in der Regel schneller aber nicht unbedingt weniger anstrengend, da besonders die Knie stark gefordert werden. Doch meine Liebste war wild entschlossen mir den Aufstieg zum Basislager zu ermöglichen und auf eigene Verantwortung diese zwei Tage Abenteuer zu meistern. Heute weiß ich natürlich, dass sie es problemlos schaffte, was mich sehr stolz gemacht hat. Man darf nicht vergessen, dass dies ihre allererste Bergtour gewesen ist und sie mit ihrem geschwächten linken Bein lange nicht die Beweglichkeit eines unversehrten Menschen hat. Ohne viel Aufheben haben wir uns verabschiedet, verbunden mit dem festen Vorsatz uns in drei bis vier Tagen in „Ghunsa“ wieder zu sehen.

Nun beginnt also der letzte, fotografisch wichtigste Teil der Reise. Zu diesem Zeitpunkt sind wir schon über zwei Wochen unterwegs und ich habe viele schöne Bilder gemacht. Doch natürlich würde dem Thema „Gebirge“ etwas Entscheidendes fehlen wenn es mir nicht gelänge den „Kanchenjunga“ standesgemäß abzulichten. Die verbliebenen Jungs meiner Gruppe haben mich gebeten ob sie in der Zeit die ich im Basislager verbringen möchte hier in „Lhonak“ bleiben können. Im Gegensatz zu dort oben gibt es hier eine einfache Steinhütte in der sie Kochen und Schlafen können. Da sie keine eigenen Zelte dabei haben ist dies natürlich keine Frage, zumal die Aussicht, dort oben für zwei Nächte komplett allein zu sein für mich äußerst reizvoll ist.

Die letzte Etappe ist wirklich wild. Vegetation gibt es hier nur noch in Form einiger Gräser die in der Umgebung kleiner Bäche wachsen. Es ist das Reich der „Blauschafe“ und des Schneeleoparden. Diese Region ist eines der wenigen verbliebenen Rückzugsgebiete dieser großen Katze, deren Anwesenheit man am ehesten in Form von Tatzen-Spuren  im Neuschnee wahrnehmen kann. Zwei meiner Begleiter helfen mir die Ausrüstung zum Endpunkt der Wanderung zu bringen. Der Weg folgt parallel des riesigen „Kanchenjunga“-Gletschers und ist eine raue Landschaft geprägt von Eis und Geröll. Der Gletscher ist fast komplett mit Gestein bedeckt und an manchen Stellen erst auf dem zweiten Blick als ein solcher zu erkennen.

Immer wieder höre ich ein mächtiges Knacken und Rauschen, ein deutliches Zeichen für seine Aktivität. Das Eis ist praktisch ständig in Bewegung, wenngleich dies natürlich für uns nur in den wenigsten Momenten wahrzunehmen ist. Als ich zurück ins Tal blicke sehe ich dunkle Wolken heraufziehen. Ein deutliches Zeichen dafür, dass es einen Wetterwechsel geben wird. Im Gebirge  kann so etwas sehr schnell gehen weshalb wir versuchen unser Tempo nochmals etwas zu steigern. Keine einfache Aufgabe auf fünftausend Metern Höhe. Doch es gelingt uns tatsächlich auf der kargen Wiese des als „Basislager“ bezeichneten Ortes anzukommen bevor der starke Schneefall einsetzt. So schnell es uns möglich ist schlagen wir das Zelt auf. Meine Kameraden machen sich sofort auf den Rückweg und ich lege mich ziemlich erschöpft in den Schlafsack. Zu diesem Zeitpunkt bin gar nicht so unglücklich darüber, dass mich das Wetter zu einer Ruhepause zwingt. Während draußen der Schnee auf mein Zeltdach fällt, falle ich in einen leichten Schlaf. Ich bin immer noch ziemlich erschöpft und mein Kreislauf ist alles andere als in Topform, als mein Unterbewusstsein eine Veränderung wahrnimmt. Es muss so gegen halb vier Uhr am Mittag gewesen sein als die dichte Wolkendecke immer wieder aufreißt und den einen oder anderen Lichtstrahl zu mir durchdringen lässt. Als ich dann Schlaftrunken das Zelt öffne kann ich sogar schon wieder Teile des Gletschers und der dahinter aufsteigenden Berge erkennen.

Das ist erstaunlich. In den vergangenen Tagen hat es gegen Abend nie wieder aufgemacht, wenn sich das Wetter einmal zum mies sein entschlossen hatte. Also bleibt mir nichts anderes übrig als meine Erschöpfung zu ignorieren und mich dem Grund meines Hierseins zu widmen. Zum ersten Mal blicke ich bewusst auf den „Kanchenjunga“ der etwas nach hinten versetzt vor mir aufragt. Ich würde den Berg nicht unbedingt als Schönheit bezeichnen. Er hat drei Gipfel die alle ungefähr dieselbe Höhe haben. Was ihm fehlt ist eine markante Form. Etwas was ihn optisch sofort von anderen Bergen unterscheidet. Doch schön ist er allemal, besonders die vielen vereisten Steilwände lassen bei genauerer Betrachtung die pure Größe dieses Riesen erahnen. Doch mein Standpunkt ist noch nicht ganz optimal, da ein Teil der Bergfront von einem vorgelagerten Bergrücken verdeckt wird. Ich beschließe dem Hauptgletscher noch ein wenig zu folgen und auf eine Passhöhe zu steigen, welche gute Ausblicke verspricht. Das sind geschätzte dreihundert Höhenmeter mehr. Normalerweise ist dies nicht der Rede wert. Doch hier in meinem Zustand, mit voller Kameraausrüstung auf dem Rücken ist das durchaus eine Herausforderung. Es geht sehr steil nach oben. Nur ganz langsam komme ich voran. Alle paar Meter zwingt mich der Körper zum verweilen. Man bekommt einfach nicht genug Sauerstoff in die Lungen. Doch ich kämpfe mich auf den Pass und werde mit einer sagenhaften Position belohnt. Nun liegt der Berg komplett frei vor mir und der Blick auf den Gletscher ist durch die gewonnene Höhe einfach fantastisch. Vom Tal ziehen immer wieder Wolken herauf die im goldenen Abendlicht die Landschaft in eine ungezähmte Mischung aus Licht und Schatten verwandeln. Alles wirkt so plastisch und zum greifen nahe.

Man bezeichnet uns Naturfotografen gerne als „Jäger des Lichts“. An diesem Ort und zu diesem Moment kann ich mich über eine äußerst erfolgreiche „Jagd“ freuen. Ich bin zwar körperlich fix und fertig, genieße aber jeder Minute, lange bis die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist und die Wolken wieder sämtliche Sicht im Tal verhindern. Als ich mein Zelt erreiche zwinge ich mich dazu einen Müsliriegel zu essen, den ich noch aus Deutschland mitgebracht habe, und etwas Wasser zu trinken um dem Körper wieder verlorene Energie zuzufügen. Es ist erstaunlich wie wenig man hier oben, trotz körperlicher Höchstleistung das Bedürfnis hat, Nahrung zu sich zu nehmen. Aber genau aus diesem Grunde ist es äußerst wichtig es zu tun, damit man bei Kräften bleibt. Für den kommenden Morgen habe ich gar nicht erst versucht den Wecker zu stellen. Mir ist klar, dass die Kraft für eine Sonnenaufgangsrunde nicht ausreichen würde. Also habe ich mich mehr oder weniger schlafend durch die Nacht gebracht und bleibe am Morgen so lange im Schlafsack liegen bis mir der Körper das Gefühl gibt genügend geruht zu haben. Mein Plan sieht vor das ich versuchen möchte dem Pfad von gestern weiter zu folgen um dann die Felswand bis auf sechstausend Meter Höhe zu besteigen. Würde ich dem Hauptgletscher weiter folgen und diesen dann weiter im Norden überqueren dauerte es nicht mehr lange und die Grenze zu Tibet wäre erreicht. Heute muss man ja leider China sagen, welches eine der großen Ungerechtigkeiten in der an Dummheiten nicht armen menschlichen Geschichte darstellt. Wenn es mir gelingen sollte auf diesen Gipfel zu kommen hätte ich nochmals mindestens neunzig Grad mehr Ausblicke auf die mich umgebende Bergwelt. Zuvor habe ich sehr genau überlegt was ich mit in den Rucksack packen muss. Sonnencreme, Brille, Hut, Wasser, Nahrung, Regenhose und Jacke sind obligatorisch. Ich habe aber auch mein GPS Gerät eingepackt, denn auch bei relativ kurzen Distanzen kann man im Nebel recht schnell die Orientierung verlieren. Da ich mir vorgenommen hatte auch mich selbst bei der Arbeit zu portraitieren, habe ich zwei Gehäuse mitgeschleppt, und ebenso das fünf Kilogramm schwere 200-400mm Teleobjektiv. Zusammen mit dem Stativ kommt da einiges Zusammen was mir im Laufe des Tages bei jedem Schritt schmerzlich bewusst wird. Als ich starte ist der Himmel völlig wolkenfrei und die schneebedeckten Gipfel strahlen vor dem dunkelblauen Himmel. Der Weg zum Pass klappt ohne Probleme. Langsam aber zielsicher komme ich voran. Von nun an gibt es keinen sichtbaren Pfad mehr. Ich steige die Geröllwand Stück für Stück nach oben. Mein GPS zeichnet jeden meiner Schritte auf. Als ich um eine weitere steile Wand herumgelaufen bin, sehe ich direkt über mir einen aus purem Eis bestehenden Gletscher. Mein Weg führt an ihm vorbei, und würde ich es auf den Gipfel schaffen, könnte ich sogar direkt auf ihn hinabschauen. Dieser kleine Gletscher ist komplett frei von Gestein und völlig zerklüftet. Ein tolles Motiv. Doch mein Aufstieg gestaltet sich sehr langsam. Gegen Mittag zeigt mein Höhenmesser fünftausendfünfhundert Meter an. Ich habe die Gletscherzunge fast erreicht. Von Tal ziehen die ersten Wolken herauf. Zu Anfang beunruhigt mich das nicht sonderlich, da dies nach einem klaren Morgen praktisch an jedem Tag passiert. Doch in erstaunlichem Tempo wird mir durch immer schneller heranfliegende Wolken die Sicht genommen. Nach einiger Zeit hat sich das Bild komplett gewandelt. Ich bin von einer Geröllwüste umgeben und die einzige Farbe die jetzt noch dominiert sind Grautöne. Trotzdem gebe ich noch nicht auf. Ich erinnere mich an den Vortag und hoffe, dass es nach einer gewissen Zeit gegen Abend wieder aufreißen wird. Ich schaffe weitere hundert Höhenmeter, muss mir dann aber eingestehen, dass mich meine Kräfte verlassen. Inzwischen ist praktisch jeder Schritt eine Tortur. Da ich sowieso nichts sehen kann, gebe ich das Ziel, bis auf den Gipfel zu kommen auf. Ich suche mir einen halbwegs bequemen Stein an den ich windgeschützt anlehnen kann und hoffe auf einen erneuten Wetterwechsel. Dann beginnt eine der Tätigkeiten innerhalb meines Berufes die leider allzu häufig wichtiger Bestandteil meiner Arbeit ist und nicht immer zum Erfolg führt – nämlich die Warterei.

Nach drei langen Stunden, in denen ich außer auf eine graue Wand zu starren  nichts gemacht habe, beschließe ich an die Stelle zurückzusteigen, an der ich am Vorabend meine Fotos machen konnte. Das ich im Dunkeln würde zurücklaufen müssen war klar. Mit dem Abstieg zum Pass bin ich zumindest wieder in relativer Nähe zum Zelt. Bisher hat es zwar weder gestürmt noch geschneit, doch man weiß ja nie. Es wird dunkel ohne das sich in den Wolken etwas tut. Ich bin etwas traurig, denn der komplette Tag war eigentlich ein fotografischer Ausfall. Also habe ich noch zwei weitere Stunden ausgeharrt. Wenn die Wolken verschwinden würden, bevor der letzte Rest an nachglühendem Tageslicht erloschen sind, könnte ich noch eine gute Nachtaufnahme machen. Dazu brauche ich den Sternenhimmel und ein klein wenig Licht von der vor langer Zeit hinter dem Horizont verschwundenen Sonne. Doch ich habe kein Glück. Jetzt bleibt mir nichts anderes übrig als auf den kommenden Morgen zu hoffen. Um die Aufnahme machen zu können die mir vorschwebt, muss ich Punkt vier Uhr wieder hier auf dem Pass sein. Dies ist mit dem schweren Gepäck unmöglich zu schaffen. Also habe ich meine Ausrüstung gut verpackt und den Rucksack dann unter einen überhängenden Stein gelegt. Gegen 21 Uhr komme ich mehr taumelnd als gerade laufend beim Zelt an. Ich stelle den Wecker auf zehn Minuten vor Drei um genügend Zeit zu haben nach einer viel zu kurzen Nachtruhe in die Kleidung zu kommen und den Berg wieder nach oben zu steigen. Mich als erschöpft zu bezeichnen ist noch untertrieben, und trotzdem gelingt es mir nur sporadisch in einen leichten unruhigen Schlaf zu fallen. Immer wieder wache ich auf und rolle mich von einer Seite auf die andere. Nach Mitternacht blicke ich ungefähr fünf mal auf die neben mir liegende Uhr. Die Angst diese wichtige Chance zu verpassen sitzt tief im Unterbewusstsein fest. Gerade deshalb ist es mir völlig unbegreiflich das ich den Wecker nicht läuten höre. Als ich wieder auf die Uhr blicke ist es bereits zehn Minuten nach drei Uhr. Wie von der Tarantel gestochen und gleichzeitig laut fluchend schieße ich aus dem Schlafsack und schlüpfe in Rekordzeit in meine Kleidung. Wie in Trance versuche ich die letzten Kraftreserven aus mir herauszupressen um möglichst schnell nach oben auf den Pass zu kommen. Beiläufig nehme ich wahr das der Himmel tatsächlich Wolkenfrei ist und ich meinen Plan durchführen kann, wenn es mir gelingt die verlorene Zeit aufzuholen. Auch ohne Gepäck geht es nicht wirklich nicht schnell voran, doch dafür beständig. Ich kann mein Glück kaum fassen als ich zwei Minuten vor Vier bei meiner Ausrüstung stehe. Die dann folgenden Handgriffe sitzen und gehen fliesend von statten, während ich mir schon Gedanken mache wo ich das Stativ aufstelle. Um Punkt vier Uhr drücke ich um ersten mal den Drahtauslöser. Die Kamera steht auf viertausend ASA und ich belichte dreizehn Sekunden bei Blende 3,2. Auf dem Bild erscheint das „Kanchenjunga“ Massiv, beleuchtet von den ersten zarten Nuancen der Dämmerung. Darüber erhebt sich die Milchstraße in all ihrer Pracht.

Wenige Minuten später ist es für unser Auge zwar immer noch dunkel, doch die Präsenz des Universums nimmt mit zunehmender Dämmerung massiv ab. Zuerst verschwindet die Milchstraße und später nach und nach die der Erde näher gelegenen Sterne. Dafür leuchten die Berge vor einem immer noch dunkelblauen Nachthimmel und mit zunehmender Helligkeit kann ich die ASA Zahl herabsetzen was die Bildqualität stark verbessert. Für mich ist dieser ganze Prozess pure Magie. Ich stehe, umgeben von absoluter Stille, an einem Ort voller unverfälschter Wildnis und erlebe diese Momente in solch erregender Dichte das ich kaum Worte dafür finde. Eindrücke die durch kein Geld der Welt ersetzbar sind und die es sich tief in meiner Seele auf den besonders gemütlichen VIP Plätzen gemütlich machen dürfen.

Auch wenn es unmöglich ist, und wahrscheinlich nichts ändern würde, so wünschte ich mir doch, das jeder Mensch mindestens einmal im Leben ein solch eindrückliches Erlebnis mit unserer Mutter Erde haben dürfte­­. Vielleicht wäre unsere Spezies dann etwas Ehrfurchtsvoller im Umgang mit dem Planeten der uns Alle mit seinen Ressourcen versorgt und uns eine solch wunderschöne Heimat ist.

 

 

 

 

 

 

 

 

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