Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Feuchtgebiet Teil 2: “Perspektiven” 10.06.2013

Eine der logistischen Herausforderungen die ich bei der Organisation meines Projektes „Naturwunder Erde“ zu bewältigen hatte, war die Vielfalt an Reisezielen innerhalb eines stark begrenzten Zeitfensters unterzubringen. Gerade in der Naturfotografie ist es wichtig die richtige Jahreszeit zu wählen um auch die gewünschten Ergebnisse zu bekommen. Mir ist es bisher erstaunlich gut gelungen in den zwei Jahren die mir zur Verfügung stehen auch alle Ziele einigermaßen gut  zu platzieren. Neulich ist es dann fast passiert. Nur ein Zufall hat mich davor bewahrt dass ich zur falschen Zeit an den falschen Ort gereist bin. Bei einem Telefonat mit meinem Freund und Kollegen Bernd Römmelt habe ich eher beiläufig erwähnt das ich sofort nach meiner Rückkehr aus dem Himalaya nach Alaska fahren würde, um dort die frühlingshafte Tundra zu fotografieren. Er hatte mich schon gewarnt das sein Akku vom Handy schwach sei und prommt ist das Gespräch nach zwei, drei Minuten unterbrochen worden. Diese Zeit hat aber ausgereicht um mir mit Nachdruck zu raten auf keinen Fall schon Ende Mai so weit in den hohen Norden zu fahren. Bernd fotografiert seid Jahren in der Arktis und so hatten seine Worte für mich Gewicht. Dummerweise stand ich zum Zeitpunkt des Gesprächs praktisch schon mit einem Bein im Flieger nach Nepal. Guter Rat war teuer. Ich habe mir meine restliche Jahresplanung angeschaut und sah nur eine Chance die Situation zu retten. Wenn ich die Reiseziele „Feuchtgebiet“ mit „Tundra“ tausche, kann ich in Alaska zum Zeitpunkt des „Indian Summer“, also während des goldenen Herbstes fotografieren. Das ergibt sicher stimmungsvollere Bilder als im Frühsommer, wenn zwischen der spärlichen Vegetation noch Schneereste liegen. Dummerweise stand ich zum Zeitpunkt des Telefonats schon mit einem Bein auf dem Bahnsteig zum Flieger der mich nach Nepal bringen sollte. Ich hatte praktisch so gut wie keine Zeit das Thema „Feuchtgebiete“ vorzubereiten, denn das begann nun in Null-Zeit nach meiner Rückkehr aus den Bergen. Ich schreibe hier darüber, um zu zeigen wie wichtig es in der Fotografie ist, ein Netzwerk aus Freunden und Kollegen zu haben, die einem wenn es eng wird weiterhelfen können.  Das gilt natürlich für alle Lebensbereiche. Es war mal wieder mein Kumpel Luis Scheuermann der Bewegung in die Sache brachte. Luis stand mir schon beim Thema „Regenwald“ und „Gletschereis“ mit Rat und Tat zur Seite. Es ist immer gut wenn man Jemanden kennt, der Jemanden kennt. So kam ich durch ihn in den Genuss aus dem Erfahrungsschatz eines Professors an der Tübinger Uni zu schöpfen, der seid über zehn Jahren mit seinen Studenten ins „Pantanal“ reist. Seiner Empfehlung bin ich gefolgt und habe die Fazenda „Santa Clara“ als Basis ausgesucht, über welche ich im ersten Teil meines Berichtes geschrieben habe. Auch die folgenden Erlebnisse sind das Ergebnis dieses Kontaktes. Nicht eines der für das Projekt so wichtigen Bilder wären zustande gekommen, wäre ich ohne Hilfe gewesen.

Obwohl ich es schon oft erlebt habe ist es für mich immer wieder erstaunlich, dass sich der schwere Körper eines Flugzeugs tatsächlich vom Boden löst und in die Lüfte erhebt. Je kleiner der Flieger ist, desto unmittelbarer erlebt man diesen wunderlichen Moment. Ich sitze in einer Cessna die Platz für fünf Passagiere bietet und freue mich auf die vor mir liegenden Eindrücke. Neben mir sitzt ein junger Biologe, der für die Naturschutzorganisation „Instituto Homem Pantaneiro“ arbeitet und der mich in den kommenden Tagen begleiten wird. Erison und seinen Kollegen habe ich es zu verdanken das ich nun in den Teil des „Pantanals“ komme der mich wirklich interessiert. Wir fliegen über den unmittelbaren Verlauf des „Rio Paraguay“ nach Norden. Sein Wasser ist für einen Großteil der Flutungen in diesem riesigen Feuchtgebiet zuständig. Nun zeigt es sich das ich tatsächlich zur richtigen Jahreszeit hierher gereist bin.

Sein Flussbett windet sich in großen Schleifen durch die Landschaft. Unzählige alte oder nur zeitweise geflutete Seitenarme stehen ebenfalls unter Wasser. Die Region ist von hunderten Seen jeglicher Größe bedeckt. Über viele Wiesen könnte man sicher besser mit dem Schlauchboot paddeln als zu laufen. Die ganze Natur unter mir ist ein Mosaik das durch die Kraft des Wassers ständig neu geformt wird. Etwa zwanzig Kilometer Flussaufwärts von der Stadt „Corumba“, dem Startpunkt unseres Fluges, liegen eine Reihe von privaten Schutzgebieten welche das Herzstück des „Pantanal“ vor allzu großer Zerstörung bewahren sollen. Diese münden dann im Norden in den über 100.000 Hektar großen „Pantanal“ Nationalpark. Wenn Landbesitzer in Brasilien ihr Land für den Naturschutz zur Verfügung stellen werden Sie dafür finanziell belohnt und ihr Schutzgebiet bekommt den Namenszusatz „RPPN“. Eines dieser Gebiete steuert unser Pilot nun an. Es umfasst neben den typischen Flutungsflächen des „Pantanals“ auch Teile der „Serra do Amular“. Die Serra ist ein Bergzug dessen höchste Gipfel sich nur wenige hundert Meter über die ansonsten fast Brettflache Landschaft des Feuchtgebietes erheben. Die Hänge sind mit der typischen Vegetation des „Cerrado“ bewachsen. Wir wissen inzwischen wie bedroht die brasilianische Baum-Savanne ist, welche sich an manchen Stellen kaum von einem normalen Wald unterscheiden lässt. Umso mehr freut es mich als wir hier über die Gipfel einer zumindest optisch nahezu intakten Wildnis fliegen. Vereinzelte Inselberge sind dem eigentlichen Bergrücken vorgelagert. Diese sind von flachen, in unterschiedlichen Grüntönen leuchtenden Sümpfen mit zahlreichen Wasserflächen umgeben.

Diese Natur strahlt besonders aus der Vogelperspektive eine pittoreske Schönheit aus die mir fast die Luft zum Atmen nimmt. Ich habe in meinem Leben viele Landschaften erleben dürfen die mich mit ihrer Harmonie begeistert haben. Gäbe es eine Top-Ten Liste, so stünde dieses Fleckchen Erde ganz sicher mit drauf. Gerade im Flugzeug erlebe ich diese Eindrücke wie in Trance denn ich stehe auf Foto-Modus und bin hoch konzentriert. Was später auf dem Bild so spielerisch aussieht ist wirklich harte Arbeit. Von Oben hat man zwar wunderbare Ausblicke auf die Landschaft, doch der Aktionsbereich ist oftmals sehr eingeschränkt. Besonders wenn, wie in meinem aktuellen Fall, der Pilot nicht in der Lage oder Willens ist, die Seitentüre zu öffnen. Man muss die Kamera zwischen die Fensteröffnung klemmen und wird außerdem durch die Flügel des Flugzeugs oben, und die Reifen am unteren Bildrand weiter in seinem Aktionsradius reduziert. Doch die größte Herausforderung ist es den Piloten dazu zu bringen an der richtigen Stelle des Motives mit dem Flugzeug in die richtige Richtung zu fliegen. Wie in der Fotografie am Boden auch, ist das Licht nun mal nur in einem gewissen Abstrahlwinkel zur Sonne zu gebrauchen. Da der Fotograf im Flieger seinen Standpunkt nicht wechseln kann muss praktisch das ganze Flugzeug ausgerichtet werden. Dazu braucht es die Hilfe des Piloten.

Als wir auf einer kleinen grasbewachsenen Piste landen haben wir einige ausladende Runden über das Schutzgebiet hinter uns. Ich kann nur hoffen dass es mir gelungen ist, die spannenden Ausschnitte und Blickwinkel erwischt zu haben. In solchen Momenten vergeht die Zeit im wahrsten Sinne „wie im Flug“. Ich habe das Glück das gegen Ende des Fluges einige Wolken über den Bergen stehen. Diese fangen Teile des Sonnenlichtes ab und tauchen die Landschaft partiell ins Dunkle. Dadurch entsteht auf den Fotos eine erhöhte Spannung und Tiefe. Die Piste endet direkt am Ufer des „Rio Paraguay“. Mit einem Motorboot fahren wir eine viertel Stunde Flussabwärts. Auf der rechten Seite blicke ich auf die Berge, deren sanfte Hügel sich im Wasser spiegeln. Unser Ziel ist ein ehemaliges Farmhaus, welches heute als Basis für das Schutzgebiet benutzt wird. Schon von weitem erkenne ich, dass sich die das Gebäude umgebenden Berge wunderbar dazu eignen von deren Gipfeln Landschaftsbilder zu fotografieren. Erison ist erstaunt als ich ihm sage, dass ich mich nach unserer Ankunft unverzüglich an den Aufstieg machen will. Bis zum Sonnenuntergang sind es noch knapp drei Stunden. Da ich hier nur zwei Übernachtungen habe, möchte ich auf keinen Fall eine Chance  zum fotografieren auslassen. Das Haus wird von einer jungen Familie bewirtschaftet. Wir werden freundlich empfangen. Natürlich war ihnen unsere Ankunft zuvor per Funk mitgeteilt worden. Ich bin erstaunt und hocherfreut als ich eine Art Transporter vor der Türe stehen sehe, der durch einen Elektromotor betrieben wird. Das Ding sieht ein wenig aus wie ein Fahrzeug das man auf Golfplätzen benutzt. Fast lautlos schnurren wir kurz nach unserer Ankunft in den Wald. Der Leiter der Station begleitet uns. Ein Pfad, der wohl noch aus Zeiten stammt als die Farm anderweitig genutzt wurde, führt uns durch die dichte Vegetation des „Cerrado“. Als wir anhalten sind wir sofort von unzähligen Moskitos umgeben. Ich versuche sie so gut es geht zu ignorieren. Wir verlassen den Hauptweg und schlagen uns durch das dichte Unterholz den Hang hinauf. Es dauert etwa eine halbe Stunde bis der Bewuchs etwas lichter wird und wir leichter vorankommen. Dafür wird es jetzt steiler und ich beginne zu bereuen auch das große Teleobjektiv mitgeschleppt zu haben. Die Sonne steht zwar inzwischen schon Tief, aber heiß ist es trotzdem. Längst läuft der Schweiß in Strömen und der Rucksack drückt hart auf die Schultern. Als wir die ersten Ausblicke vor uns haben machen die Pausen wieder richtig Spaß, und ich genieße diese Verzögerungen während ich schwer atmend nach Luft schnappe. Ich habe die Landschaft zwar einige Stunden zuvor aus dem Flugzeug gesehen, doch von einem Berg aus betrachtet ist das nochmals etwas Anderes. Besonders wenn man ihn im Schweiße seines Angesichts besteigt. Oben angekommen werden wir für unseren Einsatz mit einem dreihundertsechzig Grad Panoramablick belohnt. Das „Pantanal“ scheint sich endlos vor uns auszubreiten. Wie schön es doch ist, einen so mächtigen Fluss wie den „Rio Paraguay“ ungebändigt vor einem fließen zu sehen.

Den Gedanken dass es auch hier Planspiele der Industrie gibt, diese Lebensader für große Schiffe passierbar zu machen, versuche ich so gut es geht zu verdrängen um mir nicht die Schönheit dieses Augenblickes zu zerstören. Nach Norden schauend sehe ich die weiteren Erhebungen der „Serra do Amular“. Weiches Abendlicht lässt manche Bereiche der Berghänge in sanften Gelbtönen leuchten. Von hier aus kann man bis nach Bolivien blicken. Außer ein paar Vogelstimmen herrscht absolute Ruhe. Da ist er wieder, der Moment – mein „magischer Moment“, weshalb ich mit Leib und Seele diesen Beruf ausübe. Wäre ich ein Poet, würden in solchen Augenblicken makelloser Anmut die Worte nur so aus mir heraussprudeln. Der Fotograf drückt wegen fehlenden Sprachschatzes lieber auf den Auslöser und versucht in der kurzen Zeit zwischen Sonnenuntergang und dem Nachglühen des Himmels möglichst viele schöne Momente auf dem Speicherchip festzuhalten.

Erst als es fast dunkel ist machen wir uns an den Abstieg. Zuvor habe ich meine Fototasche gut verpackt unter einem Stein deponiert, weil ich mir fest vorgenommen habe, zum Sonnenaufgang wieder hier oben zu stehen. Die mit dieser Entscheidung verbundene allzu kurze Nachtruhe muss man halt an solchen Orten in Kauf nehmen. Leider kommt es ganz anders. Nach einem ausgedehnten Abendessen setze ich mich noch etwas vor den Laptop um die Fotos des heutigen Tages einzuladen und verschaffe mir einen ersten Überblick. Durchaus zufrieden mit dem Ergebnis schmiere ich mir ein letztes Mal Moskitozeugs auf die Haut und versuche zur Ruhe zu kommen. Es ist heiß, die Moskitos schwirren unbeirrt und der Schlaf will sich nicht einstellen. Ich wälze mich von einer Seite zur anderen und denke immer wieder mit Grausen daran wie kurz diese Nacht sein wird. So vergehen die Stunden. Weit nach Mitternacht beginnt der Durchfall und Endet erst als ich am kommenden Morgen schlaflos und völlig ausgelaugt das Bett gar nicht erst verlasse. Ich habe keine Ahnung was mich hier umgehauen hat. Das Wasser im Haus wird gefiltert und auch sonst habe ich nichts anderes gemacht als die Brasilianer. Der Tag vergeht, den ich komplett im Zimmer verbringe. Ich habe Glück das mir die zwei Jungs am Nachmittag den Fotorucksack vom Berggipfel holen. Das hätte ich wirklich lieber selber gemacht aber daran war gar nicht zu denken. In der kommenden Nacht kommt zwar der Appetit noch nicht zurück, dafür gelingt es mir einigermaßen gut zu schlafen. Glücklicherweise bin ich am Morgen meines Rückfluges wieder einigermaßen hergestellt. Ein ausgedehntes Frühstück bringt einen Teil der Kräfte zurück und ich bin in der Lage zu reisen. Als wir wieder ins Boot steigen sehen wir von Süden eine dunkle Gewitterfront heranziehen. Der Fotograf in mir ist erfreut, versprechen die Wolken doch eine spannende Lichtstimmung. Doch bei Unwetter in einem Kleinflugzeug zu fliegen ist in der Regel kein Spaß und gar nicht ungefährlich. Der Rückflug offenbart tatsächlich grandiose Anblicke auf die Landschaft. Dunkle Wolken stehen über den Bergen.

Wir fliegen direkt hinein in die Regenwand. Doch meine Fensteröffnung öffnet sich nach recht hinten. Ich schnappe beinahe über, als ich diese Wahnsinnsmotive vor mir sehe, und der Pilot mir klarmacht, dass wir direkt nach „Corumba“ fliegen müssen, bevor das Unwetter zu stark wird. Keine extra Runden und bis auf einen kurzen Moment bleibt das Fenster auch den ganzen Flug über geschlossen. Kann jemand meine „Höllenqualen“ mitfühlen die ich in diesen Minuten durchlitten habe? Aber es gibt in der Luft nun mal keine Gegenargumente wenn es um die Sicherheit geht. Da hilft es auch nichts, dass man selbst die Sache wohl ein wenig lockerer handhaben würde, als der siebzig jährige Pilot es tut. Zu allem Überfluss ist der Rückflug sogar noch teurer als der Hinflug, weil wir gehen den Wind fliegen und nur sehr langsam vorangekommen sind. Die meiste Zeit meines Ausfluges habe ich krank im Bett verbracht und die Hälfte der Flugzeit war praktisch ohne fotografieren zu können. Eigentlich ein Debakel. Trotzdem bin ich letztlich sehr zufrieden. Der erfolgreiche Hinflug und die abendliche Bergtour am ersten Tag haben die Lücken im Portfolio geschlossen die für eine vernünftige Darstellung dieses Ökosystems noch gefehlt haben. Es bringt überhaupt nichts die verpassten Chancen zu bejammern. Das jedes Reiseziel ein Vielfaches mehr an tollen Möglichkeiten bietet, als ich innerhalb meiner Zeitfenster und vor allem meines Budgets umsetzen kann, ist sonnenklar. Entscheidend ist, wie die gelungenen Bilder später im fertigen Projekt zur Geltung kommen. Zwölf von vierzehn Kapiteln sind im Kasten. Ich bin hocherfreut wie gut die Ergebnisse geworden sind, und wie wenig bisher wirklich schief gelaufen ist.

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