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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Kategorie: Argentinien

Patagonien Teil 3: “Mondsüchtig” 03.03.2013

Ein Gletscher entsteht in Regionen wo es viel schneit. Durch sein Eigengewicht wird der Schnee stark gepresst und transformiert sich zu Eis. Das patagonische Eisfeld ist praktisch ein riesiger Gletscher. Auf einer Länge von 350 Kilometer haben sich hier im südlichen Südamerika die Hochebenen der Anden mit Eis überzogen. Entlastung des durch neue Schneefälle verursachten Druckes verschafft sich dieser kalte Riese in Form unzähliger großer und kleinerer Gletscher durch die das Eis zwischen den Bergen hindurch Talwärts gepresst wird. Auf argentinischer Seite mündet das Eis unter Anderem in zwei riesigen Seen, auf der chilenischen Seite direkt in den pazifischen Ozean. Abgesehen vom antarktischen Kontinent und der Arktis mit Grönland befindet sich hier in Patagonien die größte zusammenhängende Eisfläche der Erde.

Und ich befinde mich nun am Abend des dritten Tages unserer kleinen Expedition an einem der schönsten Orte in dieser sowieso schon sagenhaft faszinierenden Landschaft. Wir haben  unser Zeltlager am Fuße des „Cerro Torre“ aufgeschlagen. Genau an der Stelle wo ein vom Bergmassiv kommender Gletscher sich mit dem Eisfeld vermischt. Mit seinen vielen Türmen ist der „Cerro Torre“ einer der schönsten und markantesten Gipfel überhaupt auf der Welt. Ihn hier von seiner Rückseite in dieser archaischen Umgebung so nahe vor mir aufragen zu sehen löst bei mir Glückshormone aus, die mich in den kommenden Tagen fast schweben lassen.

Der Marsch an diese Stelle verlief ohne Komplikationen und war verglichen mit dem Aufstieg aufs Eisfeld am Vortrag relativ  human. Das Wetter ist nach wie vor stabil. Der Wind hält sich in Grenzen und die Sicht ist klar. Bisher stimmt die Wettervorhersage genau. Wenn uns unser Glück nicht verlässt haben wir von nun an noch zwei Tage bis der Umschwung kommt und uns der Sturm vom Eisfeld bläst. Es ist eine Nacht vor Vollmond. Wir wollen die zwei kommenden Tage an diesem Ort verbringen um hier den Schwerpunkt meiner fotografischen Arbeit in den Kasten zu bekommen. Meine Stimmung ist euphorisch.

Komplettiert wird meine gute Laune durch die perfekte Übergabe der fehlenden Ausrüstung am Nachmittag durch den zuverlässigen Boten. Jetzt habe ich eine vernünftige Hose an und erfreue  mich an meinem eigenen Stativ. Der Bergführer welcher mir die Sachen gebracht hat, wird die Nacht hier oben mit uns verbringen, und morgen früh in einem weiteren Gewaltmarsch den Weg zurück nach „El Chalten“ bewältigen. Wir erinnern uns: zu Beginn der Tour war mein Gepäck nicht rechtzeitig mit mir in Patagonien angekommen. Ich habe lange überlegt ob ich 300€ in diesen Lieferservice investieren soll. Nun stehe ich vor dieser unglaublichen Kulisse aus Granit, Eis und Schnee und bin heilfroh diese Entscheidung getroffen zu haben.

Es ist nach zwanzig Uhr als ich mich zusammen mit Luis auf den Weg mache um zu fotografieren. Das Licht ist in diesem Moment durch vorbeiziehende Wolken sehr schön. Der richtige Zeitpunkt um ein Portrait von uns Beiden zu machen. Ich stelle das Stativ mit der Kamera vor uns auf. Lachend blicken wir in Richtung Aufnahme und warten während der Zeitauslöser seine 10 sec Vorlauf ablaufen lässt. Das Grauen kommt in Form einer massiven Windböe. Wie in Zeitlupe fängt das Stativ an zu kippen um dann immer schneller nach vorne zu fallen. Das Lächeln gefriert, und mehr als einen Entsetzensschrei bekomme ich nicht zu Stande. Es ist längst zu spät. Die Nikon D3x ist mit voller Wucht, mit dem 17-35mm Objektiv voraus, auf das massive Eis geknallt. Der Polfilter ist zersplittert und das Bajonett worauf die Linse geschraubt ist, sichtbar verbogen. Mir ist sofort klar das ich es hier mit einem elementaren Schaden zu tun habe (1500 € Reparatur wie sich später heraus stellt). Was mich aber in diesem Moment viel mehr entsetzt ist die Tatsache, dass ich gerade meine Anzahl Akkus halbiert habe. Die ansonsten von mir sehr geschätzte Firma Nikon verbaut für so gut wie jede Kamera verschiede Energiespeicher und jetzt habe ich ein Problem mit der Einteilung. Hemmungsloses herum Geballere kann ich mir jetzt nicht mehr leisten, denn meine geplanten Nachtaufnahmen kosten viel Strom und ich möchte ja bis letzten Tag der Wanderung  fotografieren können. Das ich mich auch maßlos über mich geärgert habe ist klar. Noch wenige Minuten vor dem Unfall habe ich mich wegen der vereinzelten Windböen ermahnt vorsichtig zu sein, nur um es dann kurz darauf im entscheidenden Moment zu vergessen. Aber solche Dinge passieren, und man muss damit umgehen können.

Nicht mehr ganz so euphorisch aber trotzdem voller Tatendrang marschieren wir ein wenig später auf einem mit Schnee bedeckten Hang steil nach oben. Von hier aus haben wir eine prima Aufsicht auf den sich direkt unter uns ausbreitenden Gletscher und die dahinter aufragenden pittoresken Türme des „Cerro Torre“. Mit einer kleinen Veränderung unseres Standpunktes können wir von hier aus auch wunderbare Aufnahmen vom Eisfeld machen. Die Berge sind an diesem Abend wolkenfrei. Nicht so der Himmel über der Eisfläche. Eine einzelne, riesige freistehende Wolke steht über dem Horizont. Je weiter die Sonne dahinter versinkt desto intensiver färbt sie sich ein.

Ich habe in meinem Leben gewiss schon viele farbenfrohe Wolkenstimmungen erlebt, doch eine solche Perfektion in Form und tiefroter Farbe ist mir nicht in Erinnerung. Mehrere Minuten schauen wir gespannt auf das Schauspiel bis die Farben mehr und mehr verblassen.

Inzwischen ist es auf der dem Sonnenuntergang gegenüberliegenden Seite schon recht duster. Jetzt wird es auch hier fotografisch spannend, denn der Himmel ist nun dunkler als das Gestein der Berge. An ihnen reflektiert sich nach wie vor das indirekte Licht es vergangenen Tages während im Himmel bereits die ersten Sterne sichtbar werden.

Es weht keinerlei Wind und somit sind wir von absoluter Stille umgeben. Da ist sie wieder, die Magie – jene Momente die ich als Naturfotograf so sehr liebe.  Es wird noch besser.

Vor uns auf dem Gletscher entstehen plötzlich tiefschwarze Schattenpartien, während weite Bereiche der Bergkette und des Eisfeldes zu leuchten beginnen. Mondlicht hat in Winterlandschaften eine erstaunliche Kraft.  Ich könnte ein Buch lesen, wenn ich wollte. Will ich aber nicht. Ich fotografiere. Damit die Sterne als Punkte und nicht als bewegte Linien abgebildet werden muss die Belichtungszeit unter 13 Sekunden bleiben. Es ist schon nach Mitternacht. Trotzdem reicht es wenn ich die Kamera auf eine Empfindlichkeit von 500 ASA einstelle. Meine Nikon D4 ist für solche Verhältnisse hervorragend geeignet. Der Vollformat Sensor schafft Nachtaufnahmen in bisher nicht gekannter Qualität. Am Schönsten ist die Szenerie als sich unsere einstige rote Wunderwolke über den Himmel auf die andere Seite bewegt hat und nun direkt über dem „Cero Torre“ und seinen Nachbarbergen steht.

Fotografenherz was willst du mehr? Absolut nichts! Glücklich falle ich gegen Ein Uhr dreißig auf die harte Isomatte und schlafe selig ein. Um halb vier klingelt der Wecker. Jeder der die letzten Blog-Einträge aufmerksam gelesen hat wird ungefähr einschätzen können wie wenig mein Körper eigentlich in der Lage sein  müsste den Schlafsack nun schon wieder zu verlassen. Doch allein der Gedanke an die mich umgebende Landschaft lassen genügend Adrenalin durch mich hindurchschießen das ich im Nu hellwach bin. Ohne die Anderen zu wecken schlüpfe ich in meine Kleidung und verlasse das Zelt. Es herrscht noch tiefe Nacht. Inzwischen steht der Mond im Nordwesten über dem Eisfeld. Mit dem Anbruch des Tages wird ihn seine Bahn etwas vor Sonnenaufgang verschwinden lassen. Was in den folgenden Minuten geschieht ist fast noch spannender als die blaue Stunde am Abend. Nun folgt die Transformation von Dunkel nach Hell. Diese beginnt mit zarten Schleiern in denen der Nachthimmel hinter der Gebirgskette wunderschöne Blautöne annimmt.

Davor sind einige Bereiche des „Cerro Torre“ noch  direkt vom Mondlicht angestrahlt. Ebenso das Eisfeld. Der Himmel ist von kleinen Wolkengruppen bedeckt durch die immer wieder die Sterne schimmern. So etwas habe ich bisher noch nie erlebt. Unglaublich zu welchen Kompositionen die Natur fähig ist. Wir befinden uns noch weit über eine Stunde vor Sonnenaufgang und jede Minute ändert sich die Symphonie aus Formen und Farbtönen. Ein Tag mit mehr Wolken liegt vor uns, das kann ich anhand der veränderten Verhältnisse schon jetzt sagen. Ich bleibe bis kurz nach Tagesanbruch auf den Beinen. Nach einigen Minuten des direkten Sonnenlichts sind die Stimmungen die ich so gerne für meine Aufnahmen benütze, vorbei. Jetzt wird es endgültig Zeit für mich zu ruhen. Zum Glück werden wir eine weitere Nacht an dieser Stelle bleiben. Bis zum frühen Abend verbringe ich den ganzen Tag in der Horizontale. Als ich mit schweren Gliedern das Zelt verlasse ziehen fantastische Wolkenberge über uns hinweg. Die Berge sind Teilweise verhüllt, was einen schönen Kontrast zum Vorabend bedeutet. An diesem Abend versuche ich etwas früher zum Schlafen zu kommen was mir nur teilweise gelingt. Durch die unterschiedliche Wettersituation ergeben sich wieder so viele neue Motive, so dass ich lange aufbleibe und meine Akkus rasant an Kraft verlieren sehe. Egal, hier bin ich am Ort meiner Wünsche. Vollmond über dem Eisfeld eine Lebenserfahrung und wahrscheinlich in dieser Form einmalig im Leben. Gespenstisch leuchtet das Mondlicht von hinten an die über das Gebirge ziehenden Wolken.

Mit dem Weitwinkel stelle ich mich direkt an den Gletscherrand. Die zerfurchte Oberfläche des Eises sieht spannend aus, als weiße Wolken und leuchtende Sterne über ihr stehen.

Am nächsten Tag warten zwanzig Kilometer Fußmarsch auf uns. Unsere Guides haben uns eindringlich gebeten früh loszulaufen, da für die Mittagszeit starke Winde prognostiziert wurden. Bis dahin sollten wir die Eisfläche verlassen haben und uns im Schutz der Geröllfelder befinden. Ich komme auf fast sechs Stunden Schlaf als ich am Morgen des Aufbruchs aus dem Zelt steige. Wie schon in der Nacht zu sehen war hängen auch jetzt viele Wolken über uns am Himmel. Es herrscht eine komplett andere Stimmung als am vorherigen Tagesanbruch. Farbenspiele gibt es durch die Wolkendichte kaum, zu wenig Licht dringt durch die einzelnen Lagen. Aufregend ist die Szenerie aber trotzdem, eben auch weil sie so anders ist.

Die Wanderung wird auch weiterhin großartig bleiben. Der Unfall mit der Kamera wird am Ende das einzige Missgeschick sein. Wir schaffen es rechtzeitig vor dem Sturm festen Boden unter den Füßen zu bekommen und folgen in den kommenden Tagen dem Lauf des riesigen Viedma Geltschers. Dabei befinden wir uns fast ständig einige hundert Meter oberhalb der Eisfläche was uns grandiose Ausblicke auf diese aride Landschaft ermöglicht. Es dauert nicht lange und wir entdecken im Geröll die ersten Pionierpflanzen.

Moose und Beeren zaubern Grün und Rottöne in die sonst so lebensfeindlich erscheinende Umgebung. Der Kreis schließt sich als ein paar Tage später die ersten Bäumchen auftauchen. Zuerst sind sie klein und verkrüppelt, vom Wind am Boden gehalten. Später massiv und stolz. Es sind Südbuchen die hunderte von Jahren dem Wetter getrotzt haben. Zumindest dort, wo sie nicht wegen menschlicher Bedürfnisse nach Holz oder Weideland haben weichen müssen.

Kurz vor Ende des Weges wird es dann nochmals richtig abenteuerlich. Es gilt einen zweiten Fluss zu durchqueren. Dieses Mal sind wir aber am Nachmittag angekommen und wir merken sehr schnell dass dies kein leichtes Spiel werden wird. Die Gletscher schmelzen um diese Jahreszeit rasant und die eigentlich viel zu warmen Tage tun ihr Übriges. Nur mit der Erfahrung unserer Guides und den langen Seilen ist es uns gelungen durch das bis zu hüfthohe reißende Wasser zu kommen. Wichtig war, das es uns gelingt die Rucksäcke trocken auf die andere Seite zu bringen. Das hätte noch gefehlt das kurz vor Schluss auch noch die andere Kamera Schaden nimmt.

Alles ist gut gegangen. Erschöpft bis zum Umfallen, aber überglücklich, beenden wir nach acht Tagen diese Tour mit dem Gefühl etwas ganz Besonderes erlebt zu haben. Durch die Nacht auf dem Eisfeld wurde einer meiner Lebensräume Wirklichkeit. Die Realität war mindestens so schön, als es sich die Sehnsucht in meiner Fantasie vorstellen konnte.  Träumen ist toll – Erleben ist besser.

Patagonien Teil 2 “Ein langer Tag” 26.01.13

Die Sonne versteckt sich noch hinter den uns umgebenden Gipfeln, als wir die Bergstiefel ausziehen und uns an die Durchquerung des Flusses machen. Das Wasser ist bitterkalt, was kein Wunder ist, entspringt es doch einem Gletscher der nur wenige hundert Meter über uns sein kostbares Nass entlädt. Wir kommen alle ohne Probleme auf die andere Seite und setzen unseren Marsch fort. Die letzten Bäume liegen inzwischen weit hinter uns. Wir laufen durch eine Moränenlandschaft aus Geröll und von früherem Eis geschliffenem Gestein. Als die Sonne schon hoch am fast wolkenlosen Himmel steht erreichen wir einen See. Dieser ist dem Gletscher über den wir auf das Eisfeld hinaufsteigen wollen vorgelagert. Wir sehen in etwa 800m Entfernung die Gletscherzunge. Von unserem Guide erfahren wir, das noch im Jahr 2000 unser momentaner Standpunkt die Stelle war, an die das Eis gereicht hat.

Eine schockierende Nachricht. Natürlich kenne ich viele der Fakten und Abläufe über unsere sich schnell ändernde Welt in Zeiten des wandelnden Klimas. Doch anhand solcher sichtbarer Beispiele das ganze Ausmaß des Dramas zu sehen, ist nochmals eine andere Sache. Für einige Zeit fällt es mir schwer, die mich umgebene Natur genießen zu können. Ich muss immer wieder darüber nachdenken was wohl mit all den Millionen Menschen überall auf der Welt geschieht, wenn alle Gletscher abgeschmolzen sind, auf deren Existenz ihr Überleben aufbaut. Der Schwund ist dramatisch und Besserung ist nicht in Sicht – im Gegenteil.

Als wir uns durch das Geröll und über die Schuttablagerungen bis zur Gletscherkante vorgearbeitet haben, wird es Zeit die Steigeisen überzuziehen. Wir gewöhnen uns sehr schnell an die ungelenk wirkenden Schuhergänzungen. Zusammen mit jeweils zwei Stöcken geben sie uns beim Aufstieg über das Eis Halt und sicheres Auftreten. Die Oberfläche des Gletschers ist durchzogen von unzähligen Spalten und Gletschermühlen, in denen das Schmelzwasser im Untergrund verschwindet.

Wir sind fasziniert von der uns umgebenden Landschaft. Große, kleine und kleinste Geröllbrocken werden mit der Bewegung des Eises langsam in Richtung Tal transportiert. Nach einigen Stunden des stetigen aber moderaten Anstieges kommen wir an eine steil aufsteigende Felswand über die sich mehrere Wasserfontänen stürzen. In früheren Zeiten war auch hier das Gestein von einer massiven Eiswand überzogen. Doch in den immer wärmeren Sommern hat das Eis an dieser Stelle keine Chance mehr gegen die Kraft der Sonne.

Unsere Führer holen lange Seile aus dem Rucksack. Für uns beginnt ein spannender Aufstieg über glatten und steilen Untergrund.  Da jeder von uns einen Klettergurt um den Unterleib gebunden hat, können wir uns ins Seil einhaken und auch dieses Hindernis ohne Zwischenfälle überwinden. Oben angekommen befinden wir uns am Rande des patagonischen Eisfeldes. Hier oben ist das Eis trotz Sommerwärme nach wie vor mit Schnee bedeckt. Eine riesige weiße Fläche liegt vor uns, die nach wie vor stetig ansteigt. Alle Unebenheiten im Eis sind von der Schneefläche bedeckt. Wir ziehen uns Schneeschuhe über um auf der sich gegen Nachmittag aufwärmenden Schneemasse nicht allzu weit einzusinken. Als zwei Dreiergruppen sind wir nun mit je einem Seil miteinander verbunden. Ungefähr zehn Meter Abstand liegen zwischen uns. Sollte jemand in eine vom Schnee verborgene Gletscherspalte fallen haben die anderen beiden so die Chance ein weiteres Abrutschen zu verhindern und ihn oder sie wieder raufzuziehen. Der weitere Weg ist eigentlich einfach zu bewältigen, doch wir alle merken inzwischen, dass die Kräfte schwinden. Es ist inzwischen später Nachmittag. Wir sind schon elf Stunden in Bewegung. Unser Ziel für die erste Nacht ist eine kleine Schutzhütte die sich auf der Landesfläche von Chile befindet. Für kurze Zeit verlassen wir also Argentinien und marschieren in ein anderes Land. Ich muss wohl nicht erwähnen wie dämlich ich es fand, das wir um diesen Schlenker ins Nirgendwo – fern jeglicher Zivilisation machen zu dürfen, vor der Wanderung extra bei der Polizei in El Chaiten einen Ausreisestempel abholen mussten.  Die Hütte liegt etwas erhöht auf einem Geröllfeld und ist schon aus weiter Ferne sichtbar. Es ist erstaunlich wie lange „sichtbar“ sein kann, wenn jeder Schritt Mühe kostet und das Gewicht des Rucksacks unbarmherzig auf die Schultern drückt. Die Tasse voller Spagetti, die wir am Abend im Schutze der Blechwände zu uns nehmen könnte wohl köstlicher nicht schmecken. Ich bin seid fünfzehn Stunden auf den Beinen und mein Körper schreit eigentlich nach Ruhe und Schlaf. Doch gerade jetzt ist das nicht möglich. Ich kam zum fotografieren hier raus und jetzt beginnt nun mal die Zeit mit dem interessanten Licht. Mein Freund Luis war schon zu Beginn des Tages körperlich etwas angeschlagen. Tapfer hat er sich bis hier aufs Eisfeld geschleppt. Für ihn ist der Tag nun zu Ende. Fast wie in Trance fällt er aufs Bett und ist sofort eingeschlafen. Das beste Mittel um wieder zu Kräften zu kommen. Glück für mich, denn so kann ich mir sein Stativ ausleihen und in Ruhe arbeiten. Wer den ersten Teil dieses Berichtes gelesen hat weiß, dass ich meines erst Morgen erwarte. Wenn es dann hoffentlich durch einen topfitten Kurierservice gebracht wird.

Ich schleppe meine müden Glieder zur höchsten Stelle in dieser Umgebung. Der Ausblick ist wunderbar. Lässt man den Blick unseren auf dem Schnee gut sichtbaren Spuren folgen, blickt man direkt auf den „Fitz Roy“ und die ihn umgebenden Berge. Links von mir habe ich freie Sicht auf das Eisfeld  an dessen Horizont wiederum vereinzelte Gipfel von Gletschereis und Schnee überzogen sind. Hinter mir ist gerade in einem violett eingefärbten Himmel der fast volle Mond aufgegangen. Als die Sonne im Westen hinter dem Horizont verschwindet färben sich die Wolken über der Kulisse des „Fitz Roy“ ein. Es erstrahlt ein intensives Pink und bildet für wenige Minuten meinen emotionalen Höhepunkt an diesem wunderbaren Tag.

Alle anderen befinden sich schon in tiefen, erholsamen Schlaf, als ich nach Mitternacht zurück in die Schutzhütte komme. Obwohl ich komplett ausgelaugt bin schlafe ich nicht sofort ein. Zu wunderbar sind die Eindrücke die in meinem Kopf herumschwirren. Ich bin an einer der schönsten Stellen unseres Planeten und wir scheinen auch für die kommenden Tage Glück mit dem Wetter zu haben. Ein Lebenstraum wird gerade wahr.

Patagonien Teil 1 “Hosenlos” 25.01.2013

Es scheint tatsächlich zu klappen. Irgendwie mutet es unwirklich an den kleinen schwarzen Fleck in der endlos erscheinenden weißen Eisfläche langsam näher kommen zu sehen. Besonders mit dem Wissen das dieser höchstwahrscheinlich mein ganz persönlicher Zustellservice ist. Er wird mir mein Stativ bringen um an einem der schönsten Plätze der Welt in der Lage zu sein professionell zu arbeiten. Zehn Minuten später haben wir Gewissheit. Die patagonische Eisfeldpost arbeitet zuverlässig. Der topfitte Bergführer hat innerhalb eines Tages unsere Expeditionsgruppe eingeholt.

Eine Strecke, für die wir mit unserem schweren Gepäck fast zwei Tage gebraucht haben, hat er in neun Stunden bewältigt, um seine Fracht pünktlich abzugeben. Ich bin erleichtert. Das Experiment ist geglückt. Was war geschehen?

 

Es gibt Dinge die einem Fotografen auf Auslandseinsatz einfach nicht passieren sollten. Besonders wenn Termine anstehen die man auf keinen Fall verpassen möchte. Ich stehe am Gepäckband im kleinen Flughafen von El Calafate im argentinischen Patagonien und schon nach wenigen Minuten habe ich ein flaues Gefühl im Bauch. Die Reihen der Passagiere die noch auf Koffer warten lichten sich, und mir wird klar dass ich in Schwierigkeiten stecke. Für den morgigen Tag habe ich eine Expedition auf das patagonische Eisfeld gebucht um Fotos für mein neues Projekt „Naturwunder Erde“ zum Thema „Gletschereis“ zu machen. Doch mein Gepäck hat es leider nicht auf den gleichen Flieger geschafft. Meine zwei Freunde Lisa und Luis, welche mich auf der Wanderung begleiten werden, hatten mehr Glück. Ihre Ausrüstung ist komplett. Noch am selben Abend halten wir Krisensitzung im Büro unseres Reiseveranstalters. (www.walkpatagonia.com – sehr zu empfehlen) Wir sind im kleinen Ort „El Chalten“ welcher am Fuße der berühmten Berge „Cerro Torre“ und „Fitz Roy“ liegt. Hier ist der Ausgangspunkt für zahlreiche Wanderungen und Klettertouren in die patagonische Wildnis.

Laut Aussage der Fluggesellschaft wird das Gepäck am übernächsten Tag gegen Mittag geliefert. Das klingt nicht weiter Schlimm. Doch unsere Wanderung führt durch raues Land und die Wettervorhersage verspricht stabile Bedingungen in den kommenden Tagen. Mit jedem Tag den wir warten wird die Chance eines Wetterumschwungs größer. Was mich jedoch am meisten antreibt ist die Aussicht Vollmondlicht bei klarem Nachthimmel auf dem Eisfeld erleben zu können. Es hilft alles nichts – wir müssen wie geplant am nächsten Tag los. Zum Glück hatte ich meine Wanderschuhe und die Regenjacke im Flieger bei mir. Mein Handgepäck besteht aus der fast kompletten Fotoausrüstung, welche natürlich die Grundvoraussetzung für meine Arbeit ist. Das Einzige was mir ernsthaft Sorgen macht, ist das fehlende Stativ. Es ist für jeden Naturfotografen ein unerlässliches Werkszeug. Gerade auch hier in Patagonien wo ich von Gletschern und Bergen umgeben sein werde und das zu erwartende Mondlicht lockt. So entscheiden wir uns zu einem ungewöhnlichen Schritt. Zoe, die Organisatorin der Tour, engagiert einen weiteren Guide. Dieser wird, zwei Tage nach uns, in der Frühe mit leichtem Gepäck starten, um mir das Stativ und eine vernünftige Wanderhose direkt auf das Eisfeld zu bringen. Wenn alles klappt werden wir uns auf der Rückseite des „Cerro Torre treffen. Das er nicht mehr am selben Tag loslaufen kann an dem mein Gepäck voraussichtlich angeliefert wird, liegt an der Gletscherschmelze.  Auf dem Weg hoch zum Eisfeld gilt es einen Fluss zu überqueren der nur in den frühen Morgenstunden problemlos zu passieren ist. Je länger die Sonne auf die Eismassen scheint, desto stärker lässt das die Wasserwege anschwellen und wird für Menschen unpassierbar.

Den Tag über verbringe ich mit einer Tour durch die kleinen Läden El Chaitens um mir fehlende Ausrüstung zu leihen oder im Notfall auch zu kaufen. Zum Glück mangelt es hier an nichts. Jährlich kommen mehr Naturfreunde in dieses abgelegene Gebiet und so ist hier alles zu haben was das Wanderherz begehrt. Nicht ohne Stolz wirbt man hier mit dem Slogan „Wanderhauptstadt der Welt“.

Seit meinem letzten Besuch in El Chaiten vor acht Jahren hat sich viel getan. Neue Veranstalter haben sich angesiedelt, Restaurants eröffnet und die Zahl der Hotels nimmt ständig zu. Noch sind es in erster Linie junge Menschen mit Rucksäcken und langen Haaren die über die Hauptstraße schlendern. Doch spätestens seitdem vor drei Jahren die geteerte Straße von El Calafate nach El Chaiten fertig gestellt wurde, ändert sich das Bild zusehenst. Inzwischen kommen duzende Reisebusse mit Pauschaltouristen und die sorgen dafür, dass die Hotels immer größer werden und das Preisgefüge nach oben verschoben wird. Ich wage nicht zu sagen ob der Charme den dieser kleine Ort bis heute versprüht, auch in weiteren acht Jahren immer noch vorhanden sein wird. Am Spätnachmittag habe ich alles zusammen. Rucksack, Schlafsack, Isomatte und Regenhose sind geliehen. Unterwäsche, Sonnenbrille, Handschuhe und Hut gekauft. Wir haben zwei Bergführer und einen weiteren Träger im Team. Da auch Luis als begeisterter Hobbyfotograf viel Ausrüstung mit rumschleppt, haben wir uns dadurch eine kleine Erleichterung genehmigt, die sich aber nicht sonderlich bemerkbar macht. Die Wanderung wird acht Tage dauern und da kommt einiges zusammen. Besonders bei Lebensmitteln. Mit gut fünfundzwanzig Kilo auf dem Rücken habe ich ordentlich zu schleppen. Den ersten Preis in der Kategorie „dämlichstes Outfit“ geht eindeutig an mich. Eine dunkelblaue lange Unterhose und darüber eine viel zu große, kurze Sporthose sehen einfach umwerfend aus. Der „running Gag“ der Tour ist gefunden. Ich bin dem Spott meiner Freunde ausgeliefert, ertrage ihn aber in Würde. Immerhin haben wir durch meinen „Ausrüstungskompromiss“ die Chance auf eine Vollmondnacht am Fuße des „Cerro Torre“ wieder erhöht.

 

Es ist nach siebzehn Uhr als unsere sechs Personen große Gruppe den achtzig Kilometer langen Marsch beginnt. Die Tage hier im Süden sind lang so das wir durchaus noch eine gute Anzahl Kilometer bei Tageslicht schaffen können. Während ein großer Teil Patagoniens aus eher karger Steppenlandschaft besteht wachsen hier in den meist von Flüssen gespeisten Tälern Südbuchenwälder.

Diese Bäume haben durch ihr Alter wunderbar verwachsene Formen. Obwohl wir anfänglich durch Privatland laufen welches nicht in Form eines Nationalparks geschützt ist, haben die Bäume Urwaldcharakter. Hier hat man nie aus kommerziellen Gründen Holz gefällt. Als alter Waldfan bin ich sofort von der mich umgebenden Vegetation begeistert. Überall am Boden liegt totes Holz herum. Die Südbuchen gehören zur gleichen Familie wie die Myrtle-Bäume welche ich vor wenigen Wochen im gemäßigten Regenwald in Tasmanien fotografiert habe. Man sollte besonders hier in diesem Teil von Südamerika jeden Baum wie ein Heiligtum behandeln. Denn verglichen mit der Gesamtfläche Patagoniens sind es nur kleine Bereiche die bewaldet sind. Weiter im Süden wachsen die Bäume wegen des rauen Klimas kaum größer als Büsche. Im Norden werden die Regenwälder an den Andenhängen immer noch gnadenlos zu Holzschnipseln zerlegt – als Grundlage für Papier. Bei meiner ersten Patagonien-Reise vor acht Jahren, als das Schicksal dieser Wälder im Zentrum meiner Arbeit stand, habe ich das mehr als genug mitansehen müssen. Insofern bin ich fast erleichtert während der jetzigen Reise relativ entspannt durch diesen Märchenwald zu laufen um mich an der Schönheit dieser erhabenen Gestalten erfreuen zu können. Im dunkler werdenden Umgebungslicht gleichen die Silhouetten mehr und mehr den „Ents“, die wohl jedem „Herr der Ringe“ Fan nachhaltig in Erinnerung sind. Da die einzelnen Bäume recht weit auseinander stehen erleben wir an unserem ersten Abend in der Wildnis ein weiteres Schauspiel was solch eine Wanderung zu so Besonderem macht. Der fast volle Mond taucht über der Bergflanke auf und scheint zwischen den Zweigen hindurch bis auf den Waldboden. Das Licht ist so magisch das es mich in diesem Moment nicht wundern würde wenn plötzlich Elfen oder Zwerge vor uns stünden. Es ist so hell, das wir nur ganz selten unsere Taschenlampen einschalten müssen, um den Weg nicht aus den Augen zu verlieren. Das einzige Geräusch ist der mit Gletscherwasser gefüllte Fluss dessen Verlauf wir leicht ansteigend weiter ins Tal hinein folgen. Wir lagern erst als wir nah genug an dem Fluss sind, den wir am kommenden Morgen in der Frühe überqueren müssen. Es wird eine kurze Nacht. Trotzdem schlafe ich zufrieden ein.

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