Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Kategorie: Brasilien

Feuchtgebiet Teil 2: “Perspektiven” 10.06.2013

Eine der logistischen Herausforderungen die ich bei der Organisation meines Projektes „Naturwunder Erde“ zu bewältigen hatte, war die Vielfalt an Reisezielen innerhalb eines stark begrenzten Zeitfensters unterzubringen. Gerade in der Naturfotografie ist es wichtig die richtige Jahreszeit zu wählen um auch die gewünschten Ergebnisse zu bekommen. Mir ist es bisher erstaunlich gut gelungen in den zwei Jahren die mir zur Verfügung stehen auch alle Ziele einigermaßen gut  zu platzieren. Neulich ist es dann fast passiert. Nur ein Zufall hat mich davor bewahrt dass ich zur falschen Zeit an den falschen Ort gereist bin. Bei einem Telefonat mit meinem Freund und Kollegen Bernd Römmelt habe ich eher beiläufig erwähnt das ich sofort nach meiner Rückkehr aus dem Himalaya nach Alaska fahren würde, um dort die frühlingshafte Tundra zu fotografieren. Er hatte mich schon gewarnt das sein Akku vom Handy schwach sei und prommt ist das Gespräch nach zwei, drei Minuten unterbrochen worden. Diese Zeit hat aber ausgereicht um mir mit Nachdruck zu raten auf keinen Fall schon Ende Mai so weit in den hohen Norden zu fahren. Bernd fotografiert seid Jahren in der Arktis und so hatten seine Worte für mich Gewicht. Dummerweise stand ich zum Zeitpunkt des Gesprächs praktisch schon mit einem Bein im Flieger nach Nepal. Guter Rat war teuer. Ich habe mir meine restliche Jahresplanung angeschaut und sah nur eine Chance die Situation zu retten. Wenn ich die Reiseziele „Feuchtgebiet“ mit „Tundra“ tausche, kann ich in Alaska zum Zeitpunkt des „Indian Summer“, also während des goldenen Herbstes fotografieren. Das ergibt sicher stimmungsvollere Bilder als im Frühsommer, wenn zwischen der spärlichen Vegetation noch Schneereste liegen. Dummerweise stand ich zum Zeitpunkt des Telefonats schon mit einem Bein auf dem Bahnsteig zum Flieger der mich nach Nepal bringen sollte. Ich hatte praktisch so gut wie keine Zeit das Thema „Feuchtgebiete“ vorzubereiten, denn das begann nun in Null-Zeit nach meiner Rückkehr aus den Bergen. Ich schreibe hier darüber, um zu zeigen wie wichtig es in der Fotografie ist, ein Netzwerk aus Freunden und Kollegen zu haben, die einem wenn es eng wird weiterhelfen können.  Das gilt natürlich für alle Lebensbereiche. Es war mal wieder mein Kumpel Luis Scheuermann der Bewegung in die Sache brachte. Luis stand mir schon beim Thema „Regenwald“ und „Gletschereis“ mit Rat und Tat zur Seite. Es ist immer gut wenn man Jemanden kennt, der Jemanden kennt. So kam ich durch ihn in den Genuss aus dem Erfahrungsschatz eines Professors an der Tübinger Uni zu schöpfen, der seid über zehn Jahren mit seinen Studenten ins „Pantanal“ reist. Seiner Empfehlung bin ich gefolgt und habe die Fazenda „Santa Clara“ als Basis ausgesucht, über welche ich im ersten Teil meines Berichtes geschrieben habe. Auch die folgenden Erlebnisse sind das Ergebnis dieses Kontaktes. Nicht eines der für das Projekt so wichtigen Bilder wären zustande gekommen, wäre ich ohne Hilfe gewesen.

Obwohl ich es schon oft erlebt habe ist es für mich immer wieder erstaunlich, dass sich der schwere Körper eines Flugzeugs tatsächlich vom Boden löst und in die Lüfte erhebt. Je kleiner der Flieger ist, desto unmittelbarer erlebt man diesen wunderlichen Moment. Ich sitze in einer Cessna die Platz für fünf Passagiere bietet und freue mich auf die vor mir liegenden Eindrücke. Neben mir sitzt ein junger Biologe, der für die Naturschutzorganisation „Instituto Homem Pantaneiro“ arbeitet und der mich in den kommenden Tagen begleiten wird. Erison und seinen Kollegen habe ich es zu verdanken das ich nun in den Teil des „Pantanals“ komme der mich wirklich interessiert. Wir fliegen über den unmittelbaren Verlauf des „Rio Paraguay“ nach Norden. Sein Wasser ist für einen Großteil der Flutungen in diesem riesigen Feuchtgebiet zuständig. Nun zeigt es sich das ich tatsächlich zur richtigen Jahreszeit hierher gereist bin.

Sein Flussbett windet sich in großen Schleifen durch die Landschaft. Unzählige alte oder nur zeitweise geflutete Seitenarme stehen ebenfalls unter Wasser. Die Region ist von hunderten Seen jeglicher Größe bedeckt. Über viele Wiesen könnte man sicher besser mit dem Schlauchboot paddeln als zu laufen. Die ganze Natur unter mir ist ein Mosaik das durch die Kraft des Wassers ständig neu geformt wird. Etwa zwanzig Kilometer Flussaufwärts von der Stadt „Corumba“, dem Startpunkt unseres Fluges, liegen eine Reihe von privaten Schutzgebieten welche das Herzstück des „Pantanal“ vor allzu großer Zerstörung bewahren sollen. Diese münden dann im Norden in den über 100.000 Hektar großen „Pantanal“ Nationalpark. Wenn Landbesitzer in Brasilien ihr Land für den Naturschutz zur Verfügung stellen werden Sie dafür finanziell belohnt und ihr Schutzgebiet bekommt den Namenszusatz „RPPN“. Eines dieser Gebiete steuert unser Pilot nun an. Es umfasst neben den typischen Flutungsflächen des „Pantanals“ auch Teile der „Serra do Amular“. Die Serra ist ein Bergzug dessen höchste Gipfel sich nur wenige hundert Meter über die ansonsten fast Brettflache Landschaft des Feuchtgebietes erheben. Die Hänge sind mit der typischen Vegetation des „Cerrado“ bewachsen. Wir wissen inzwischen wie bedroht die brasilianische Baum-Savanne ist, welche sich an manchen Stellen kaum von einem normalen Wald unterscheiden lässt. Umso mehr freut es mich als wir hier über die Gipfel einer zumindest optisch nahezu intakten Wildnis fliegen. Vereinzelte Inselberge sind dem eigentlichen Bergrücken vorgelagert. Diese sind von flachen, in unterschiedlichen Grüntönen leuchtenden Sümpfen mit zahlreichen Wasserflächen umgeben.

Diese Natur strahlt besonders aus der Vogelperspektive eine pittoreske Schönheit aus die mir fast die Luft zum Atmen nimmt. Ich habe in meinem Leben viele Landschaften erleben dürfen die mich mit ihrer Harmonie begeistert haben. Gäbe es eine Top-Ten Liste, so stünde dieses Fleckchen Erde ganz sicher mit drauf. Gerade im Flugzeug erlebe ich diese Eindrücke wie in Trance denn ich stehe auf Foto-Modus und bin hoch konzentriert. Was später auf dem Bild so spielerisch aussieht ist wirklich harte Arbeit. Von Oben hat man zwar wunderbare Ausblicke auf die Landschaft, doch der Aktionsbereich ist oftmals sehr eingeschränkt. Besonders wenn, wie in meinem aktuellen Fall, der Pilot nicht in der Lage oder Willens ist, die Seitentüre zu öffnen. Man muss die Kamera zwischen die Fensteröffnung klemmen und wird außerdem durch die Flügel des Flugzeugs oben, und die Reifen am unteren Bildrand weiter in seinem Aktionsradius reduziert. Doch die größte Herausforderung ist es den Piloten dazu zu bringen an der richtigen Stelle des Motives mit dem Flugzeug in die richtige Richtung zu fliegen. Wie in der Fotografie am Boden auch, ist das Licht nun mal nur in einem gewissen Abstrahlwinkel zur Sonne zu gebrauchen. Da der Fotograf im Flieger seinen Standpunkt nicht wechseln kann muss praktisch das ganze Flugzeug ausgerichtet werden. Dazu braucht es die Hilfe des Piloten.

Als wir auf einer kleinen grasbewachsenen Piste landen haben wir einige ausladende Runden über das Schutzgebiet hinter uns. Ich kann nur hoffen dass es mir gelungen ist, die spannenden Ausschnitte und Blickwinkel erwischt zu haben. In solchen Momenten vergeht die Zeit im wahrsten Sinne „wie im Flug“. Ich habe das Glück das gegen Ende des Fluges einige Wolken über den Bergen stehen. Diese fangen Teile des Sonnenlichtes ab und tauchen die Landschaft partiell ins Dunkle. Dadurch entsteht auf den Fotos eine erhöhte Spannung und Tiefe. Die Piste endet direkt am Ufer des „Rio Paraguay“. Mit einem Motorboot fahren wir eine viertel Stunde Flussabwärts. Auf der rechten Seite blicke ich auf die Berge, deren sanfte Hügel sich im Wasser spiegeln. Unser Ziel ist ein ehemaliges Farmhaus, welches heute als Basis für das Schutzgebiet benutzt wird. Schon von weitem erkenne ich, dass sich die das Gebäude umgebenden Berge wunderbar dazu eignen von deren Gipfeln Landschaftsbilder zu fotografieren. Erison ist erstaunt als ich ihm sage, dass ich mich nach unserer Ankunft unverzüglich an den Aufstieg machen will. Bis zum Sonnenuntergang sind es noch knapp drei Stunden. Da ich hier nur zwei Übernachtungen habe, möchte ich auf keinen Fall eine Chance  zum fotografieren auslassen. Das Haus wird von einer jungen Familie bewirtschaftet. Wir werden freundlich empfangen. Natürlich war ihnen unsere Ankunft zuvor per Funk mitgeteilt worden. Ich bin erstaunt und hocherfreut als ich eine Art Transporter vor der Türe stehen sehe, der durch einen Elektromotor betrieben wird. Das Ding sieht ein wenig aus wie ein Fahrzeug das man auf Golfplätzen benutzt. Fast lautlos schnurren wir kurz nach unserer Ankunft in den Wald. Der Leiter der Station begleitet uns. Ein Pfad, der wohl noch aus Zeiten stammt als die Farm anderweitig genutzt wurde, führt uns durch die dichte Vegetation des „Cerrado“. Als wir anhalten sind wir sofort von unzähligen Moskitos umgeben. Ich versuche sie so gut es geht zu ignorieren. Wir verlassen den Hauptweg und schlagen uns durch das dichte Unterholz den Hang hinauf. Es dauert etwa eine halbe Stunde bis der Bewuchs etwas lichter wird und wir leichter vorankommen. Dafür wird es jetzt steiler und ich beginne zu bereuen auch das große Teleobjektiv mitgeschleppt zu haben. Die Sonne steht zwar inzwischen schon Tief, aber heiß ist es trotzdem. Längst läuft der Schweiß in Strömen und der Rucksack drückt hart auf die Schultern. Als wir die ersten Ausblicke vor uns haben machen die Pausen wieder richtig Spaß, und ich genieße diese Verzögerungen während ich schwer atmend nach Luft schnappe. Ich habe die Landschaft zwar einige Stunden zuvor aus dem Flugzeug gesehen, doch von einem Berg aus betrachtet ist das nochmals etwas Anderes. Besonders wenn man ihn im Schweiße seines Angesichts besteigt. Oben angekommen werden wir für unseren Einsatz mit einem dreihundertsechzig Grad Panoramablick belohnt. Das „Pantanal“ scheint sich endlos vor uns auszubreiten. Wie schön es doch ist, einen so mächtigen Fluss wie den „Rio Paraguay“ ungebändigt vor einem fließen zu sehen.

Den Gedanken dass es auch hier Planspiele der Industrie gibt, diese Lebensader für große Schiffe passierbar zu machen, versuche ich so gut es geht zu verdrängen um mir nicht die Schönheit dieses Augenblickes zu zerstören. Nach Norden schauend sehe ich die weiteren Erhebungen der „Serra do Amular“. Weiches Abendlicht lässt manche Bereiche der Berghänge in sanften Gelbtönen leuchten. Von hier aus kann man bis nach Bolivien blicken. Außer ein paar Vogelstimmen herrscht absolute Ruhe. Da ist er wieder, der Moment – mein „magischer Moment“, weshalb ich mit Leib und Seele diesen Beruf ausübe. Wäre ich ein Poet, würden in solchen Augenblicken makelloser Anmut die Worte nur so aus mir heraussprudeln. Der Fotograf drückt wegen fehlenden Sprachschatzes lieber auf den Auslöser und versucht in der kurzen Zeit zwischen Sonnenuntergang und dem Nachglühen des Himmels möglichst viele schöne Momente auf dem Speicherchip festzuhalten.

Erst als es fast dunkel ist machen wir uns an den Abstieg. Zuvor habe ich meine Fototasche gut verpackt unter einem Stein deponiert, weil ich mir fest vorgenommen habe, zum Sonnenaufgang wieder hier oben zu stehen. Die mit dieser Entscheidung verbundene allzu kurze Nachtruhe muss man halt an solchen Orten in Kauf nehmen. Leider kommt es ganz anders. Nach einem ausgedehnten Abendessen setze ich mich noch etwas vor den Laptop um die Fotos des heutigen Tages einzuladen und verschaffe mir einen ersten Überblick. Durchaus zufrieden mit dem Ergebnis schmiere ich mir ein letztes Mal Moskitozeugs auf die Haut und versuche zur Ruhe zu kommen. Es ist heiß, die Moskitos schwirren unbeirrt und der Schlaf will sich nicht einstellen. Ich wälze mich von einer Seite zur anderen und denke immer wieder mit Grausen daran wie kurz diese Nacht sein wird. So vergehen die Stunden. Weit nach Mitternacht beginnt der Durchfall und Endet erst als ich am kommenden Morgen schlaflos und völlig ausgelaugt das Bett gar nicht erst verlasse. Ich habe keine Ahnung was mich hier umgehauen hat. Das Wasser im Haus wird gefiltert und auch sonst habe ich nichts anderes gemacht als die Brasilianer. Der Tag vergeht, den ich komplett im Zimmer verbringe. Ich habe Glück das mir die zwei Jungs am Nachmittag den Fotorucksack vom Berggipfel holen. Das hätte ich wirklich lieber selber gemacht aber daran war gar nicht zu denken. In der kommenden Nacht kommt zwar der Appetit noch nicht zurück, dafür gelingt es mir einigermaßen gut zu schlafen. Glücklicherweise bin ich am Morgen meines Rückfluges wieder einigermaßen hergestellt. Ein ausgedehntes Frühstück bringt einen Teil der Kräfte zurück und ich bin in der Lage zu reisen. Als wir wieder ins Boot steigen sehen wir von Süden eine dunkle Gewitterfront heranziehen. Der Fotograf in mir ist erfreut, versprechen die Wolken doch eine spannende Lichtstimmung. Doch bei Unwetter in einem Kleinflugzeug zu fliegen ist in der Regel kein Spaß und gar nicht ungefährlich. Der Rückflug offenbart tatsächlich grandiose Anblicke auf die Landschaft. Dunkle Wolken stehen über den Bergen.

Wir fliegen direkt hinein in die Regenwand. Doch meine Fensteröffnung öffnet sich nach recht hinten. Ich schnappe beinahe über, als ich diese Wahnsinnsmotive vor mir sehe, und der Pilot mir klarmacht, dass wir direkt nach „Corumba“ fliegen müssen, bevor das Unwetter zu stark wird. Keine extra Runden und bis auf einen kurzen Moment bleibt das Fenster auch den ganzen Flug über geschlossen. Kann jemand meine „Höllenqualen“ mitfühlen die ich in diesen Minuten durchlitten habe? Aber es gibt in der Luft nun mal keine Gegenargumente wenn es um die Sicherheit geht. Da hilft es auch nichts, dass man selbst die Sache wohl ein wenig lockerer handhaben würde, als der siebzig jährige Pilot es tut. Zu allem Überfluss ist der Rückflug sogar noch teurer als der Hinflug, weil wir gehen den Wind fliegen und nur sehr langsam vorangekommen sind. Die meiste Zeit meines Ausfluges habe ich krank im Bett verbracht und die Hälfte der Flugzeit war praktisch ohne fotografieren zu können. Eigentlich ein Debakel. Trotzdem bin ich letztlich sehr zufrieden. Der erfolgreiche Hinflug und die abendliche Bergtour am ersten Tag haben die Lücken im Portfolio geschlossen die für eine vernünftige Darstellung dieses Ökosystems noch gefehlt haben. Es bringt überhaupt nichts die verpassten Chancen zu bejammern. Das jedes Reiseziel ein Vielfaches mehr an tollen Möglichkeiten bietet, als ich innerhalb meiner Zeitfenster und vor allem meines Budgets umsetzen kann, ist sonnenklar. Entscheidend ist, wie die gelungenen Bilder später im fertigen Projekt zur Geltung kommen. Zwölf von vierzehn Kapiteln sind im Kasten. Ich bin hocherfreut wie gut die Ergebnisse geworden sind, und wie wenig bisher wirklich schief gelaufen ist.

Feuchtgebiet Teil 1: “Mal zu viel und mal zu wenig” 01.06.2013

Just zu dem Zeitpunkt, als ich mich nach Brasilien aufmache um im „Pantanal“ das Thema „Feuchtgebiete“ zu fotografieren, steigen in Deutschland an unzähligen Flüssen mal wieder die Pegel und die Wassermassen drohen über die Ufer zu treten. Dem Internet sei dank habe ich auch aus der Ferne die Möglichkeit zu beobachten was sich in meiner Heimat in den kommenden Tagen und Wochen abspielen wird. Sehr bald wird klar das die Regenfälle mehr Wasser auf die Erde bringen als es unserem hochmodernen, dichtbesiedelten Industrieland gut tut. Ganze Landstriche werden überflutet und viele Menschen verlieren ihre Lebensgrundlage. In solchen Zeiten lassen sich  einige interessante Beobachtungen machen. Sehr schnell wird das Wort „Jahrhundertflut“ bemüht. Das ist interessant, denn es ist kaum ein Jahrzehnt her da hatten wir diese dramatische Situation schon einmal. Politiker lassen sich wahlkampftechnisch günstig als sich sorgende Schäfer ablichten, die sich um die Nöte ihrer Schafe kümmern. In Gummistiefel und Regenjacke gekleidet stehen sie in der ersten Reihe und heben für ein paar Minuten Sandsäcke in die Kamera. Was wir ebenfalls erleben ist ein Gemeinschaftsgefühl  welches ansonsten in unserer Gesellschaft selten zu spüren ist. Jeder scheint Jedem zu helfen und alle haben ein Ziel, nämlich die Naturgewalten wieder zu bändigen und die Gefahr durch das Wasser abzuwenden. Ich bin gespannt wie viele „Jahrhundertfluten“ es noch bedarf, bis all jene Politiker die sich zu solchen Anlässen so gut in Szene zu setzen verstehen endlich die Zusammenhänge akzeptieren. Ihre tagtägliche Politik ist in weiten Bereichen ein Teil des Problems, da sie solche Naturkatastrophen nährt und weiteres  Unheil beschwört. Ist das Wasser verschwunden und die Häuser der Menschen liegen im Schlamm wird mit dem Scheckbuch gewedelt und die Schuld der Misere allen Möglichen und Unmöglichen zugeschoben. Es grenzt schon an Debilität wenn ein Ministerpräsident allen ernstes der Umweltbewegung die Schuld am Ausmaß der Misere in die Schuhe schiebt. Diese hätten ja seid der letzten Flut sinnvollen Hochwasserschutz verhindert, indem die gegen den Bau von höheren Dämmen gewesen seien. Zunächst sei gesagt, dass es schon zu allen Zeiten Hochwasser und Überschwemmungen gegeben hat. Dazu bedarf es keinen Klimawandel. Für solche Ereignisse hat die Natur Auwälder geschaffen und weite Überschwemmungsbereiche bereitgestellt, in denen Pflanzen wachsen die mit dem sporadisch eintreffendem Wasser durchaus klarkommen.

Doch in unserer Gesellschafft glaubt man ja seid Jahrzehnten an die Allmacht des Menschen über die Natur. Je mehr wir uns „zivilisiert“ haben, desto mehr haben wir die einfachsten Zusammenhänge vergessen oder ignoriert. Unser Glauben mit Technologie alles beherrschen zu können führt zu gefährlichen Fehlentwicklungen die sich in Form solcher Hochwasser wunderbar zeigen. Aber nur wenn man gewillt ist diese auch zu sehen. Es gibt kaum einen Fluss in Deutschland der noch innerhalb seines natürlichen Bettes fließen darf. Wir haben unsere Natur bis in den kleinsten Winkel begradigt, bereinigt, trockengelegt und zubetoniert. Gerade in den letzten Jahren weisen die Bürgermeister neue Gewerbegebiete aus als gäbe es kein Morgen mehr. Was in den vergangenen Jahrzehnten an Boden in Deutschland versiegelt wurde, geht in keiner Weise einher mit der Bevölkerungsentwicklung. Wo früher das Hochwasser über artenreichen Wiesen stand, wo es dann entweder wieder abzog oder verdunstete, da stehen heute Wohnhäuser, Supermärkte, Industrieanlagen oder Parkplätze. Sofort schreien alle nach höheren Dämmen. Die brauchen wir natürlich, denn der Schaden ist ja schon da, der Boden an vielen Stellen verbaut. Doch wirklicher Hochwasserschutz bedeutet, der Natur wieder mehr Raum zu geben. Flüsse in ihr ursprüngliches Bett zu leiten, Auwälder zu Renaturieren und Überflutungszonen zu schaffen. Auf keinen Fall dürfen ökologisch wertvolle Flächen weiter versiegelt werden. Das reduziert nicht nur die Artenvielfalt sondern verschärft auch die Situation. Doch all das hilft nichts wenn wir uns nicht radikal um 180 Grad wenden und eine Zukunft mit 100% erneuerbarer Energie anstreben. Gleichzeitig müssen wir unser dämliches Wachstumsdenken aufgeben. Darüber habe ich mich in diesem  Blog schon allzu oft geäußert, deshalb will ich es dabei belassen. Ich würde mir nur wünschen, dass unsere Mitmenschen ähnlich aktiv an die Ursachenbekämpfung der Probleme ginge, wie sie es im Falle der unmittelbaren Gefahr getan hat. Was für eine Kraft eine wehrhafte Zivilgesellschaft entfalten kann sehen wir gerade in Brasilien. Sieht man von den paar Idioten ab, die Fensterscheiben einschlagen, kann der friedliche Widerstand wirklich etwas bewegen. Das ist meine feste Überzeugung. Ich selbst bin eben in diesem Brasilien und habe die Aufgabe genau die Abläufe zu fotografieren die in weiten Teilen Deutschlands nicht mehr möglich sind. Was passiert in der Natur wenn mehr Wasser in die Flüsse geleitet wird, als abfließen kann?

Das „Pantanal“ ist wohl neben dem „Okavango Delta“ in Botswana unter Naturfreunden das bekannteste Feuchtgebiet auf unserer Erde. Es ist fast so groß wie die Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung und liegt Flächenmäßig in Bolivien, Paraguay, und größtenteils im brasilianischen Bundesstaat Mato Grosso de Sul. Bis heute gibt es glücklicherweise keine Straße die das Gebiet komplett durchquert. Ich wähle den südlichen brasilianischen Teil als Operationsgebiet. Das „Pantanal“ wird während der Regenzeit vom „Rio Paraguay“ geflutet. Während dieser Zeit steigt das Wasser auf dem „Mato-Grosso-Plateau“ um fünf bis sechs Meter. Das Plateau ist mit trockener Grassavanne und Galeriewäldern bewachsen, welche nahe der Flüsse viele Arten des tropischen Regenwaldes beherbergen. Gebremst von dieser Vegetation fließt das Wasser auf der kaum geneigten Ebene sehr langsam. Es dauert drei Monate, bis das Hochwasser vom nördlichen „Pantanal“ ins südliche gelangt. In dieser Zeit bestimmen Wasserläufe, Teiche, Sümpfe und Inseln das abwechslungsreiche Gebiet. Dabei ist das Feuchtgebiet, zumindest in Brasilien, keineswegs eine menschenleere Wildnis. Es befindet sich zum größten Teil in Besitz von Farmern die hier riesige Fazendas bewirtschaften. Dem Überschwemmungszyklus sei Dank ist die Natur hier aber nicht gänzlich verdrängt, wie es z.B. im Amazonasgebiet der Fall ist wenn man Platz für Rinderweiden schafft und den Wald dafür kurzerhand komplett vernichtet. Sedimentablagerungen verändern die Gegend ständig und schaffen so erhöhte Bereiche auf denen sich Rinder und Wildtiere flüchten wenn das Wasser kommt. Auf dem Papier genießt das „Pantanal“ Schutzstatus, und die Farmer dürfen offiziell auch nur einen kleinen Teil ihres Landes von der ursprünglichen Vegetation befreien. Trotzdem sind die Gefahren für dieses artenreiche Naturparadies zahlreich. Besonders was außerhalb des eigentlichen Wasserkreislaufs passiert ist beunruhigend. Die brasilianische Savanne, der “Cerrado“ ist eine stärker gefährdete Landschaftsform als der tropische Regenwald. Immer mehr Savannen werden in Soja- und Zuckerrohrplantagen umgewandelt. Der dortige Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden gelangt über die Erde früher oder später in das tiefer gelegene Überschwemmungsgebiet und verschlechtert dort die Wasserqualität. Ich habe mich für sechs Tage auf einer sogenannten „Eco-Lodge“ eingemietet. So mancher Farmer hat erkannt das es da draußen Leute gibt die sich für die zahlreiche Vogel- und Tierwelt begeistern, und das dies eine lukrative Einnahmequelle sein kann. Mit einem offenen Truck fahren wir über eine Schotterpiste hinein ins „Pantanal“. Ich bin enttäuscht als ich überall rechts und links der Straße Zäune entdecke, die mir zeigen, dass ich das Naturerlebnis in den kommenden Tagen wohl mit vielen Rindern werde teilen müssen. Alle paar hundert Meter überqueren wir eine Holzbrücke und ich staune nicht schlecht als an fast jeder Böschung Kaimane liegen.

Diese bis zu zweieinhalb Meter große Unterart der Alligatoren galt lange Zeit als extrem gefährdet weil sie wegen ihrer Haut gnadenlos bejagt wurden. Dass gezielte Maßnahmen sinnvoll sind sieht man an diesem Beispiel. Seid diese Tiere unter Schutz gestellt wurden hat sich ihre Zahl zumindest hier im „Pantanal“ wieder erholen können. Im Laufe der kommenden Tage werde ich so viele Kaimane sehe das ich sie nach einiger Zeit gar nicht mehr bewusst beachte. Als wir die Fazenda erreichen sehe ich rechts und links der Straße Grasland auf dem Pferde und Rinder stehen. Pedro, welcher mir in den kommenden Tagen als Guide zur Seite stehen wird erzählt mir, dass auf 10% der Farmfläche der Baumbestand den Viehweiden hat weichen müssen, der Rest sei natürliche Vegetation. In der Tat blickt man zu allen Seiten auf die für die Baumsavanne so typischen halbhohen Gehölze, welche sich kaum von einem normalen Wald unterscheiden.  Die Farm selbst ist besonders für die meist jungen Touristen perfekt ausgelegt. Es gibt ein kleines Schwimmbad, Hängematten und einen Billardraum. Die Mahlzeiten sind reichhaltig und viel zu gut um nicht ständig ein wenig mehr zu essen als notwendig. Was für mich die Farm besonders attraktiv macht sind die Bäume die als Schattenspender unmittelbar neben den Gebäuden wachsen. In ihnen tummeln sich tagtäglich große und kleine Papageien, verschiedene Arten von Tukanen und zu meiner Freude auch die großen blauen Hiacynth-Aras. Jeden Morgen zum Sonnenaufgang werde ich mich mit meiner Kamera um die Bäume schleichen um die Tiere abzulichten. Klingt einfach, ist es aber nicht. Je größer die Brennweite ist die ich wähle, desto Formatfüllender kann ich sie fotografieren. Doch je schwerer das Objektiv ist, desto unbeweglicher werde ich und das führt dazu das man viele schöne Momente verpasst. Hier zeigt sich mal wieder die Stärke des flexiblen 200-400 mm Objektivs. Das ist zwar auch schon ein ganz schöner Brocken, aber dem 600 mm bei weitem überlegen wenn es um Freihandaufnahmen geht.

Besonders die Riesen-Tukane mit ihren großen goldgelb leuchtenden Schnäbeln haben es mir angetan. Es sind wunderschöne Vögel, die in den Bäumen sitzen und dort mit erstaunlichem Geschick die Früchte von den Ästen beißen. An einem Morgen habe ich das Glück eine Gruppe von sechs Aras in fotogener Position zu entdecken. Sie sitzen auf den kahlen Ästen eines großen toten Baumes und vollführen allerlei Kunststücke. Aras sind monogam. Haben sie einmal einen Partner gefunden, bleiben sie sich bis an ihr Lebensende treu. Klinkt fast zu schön um wahr zu sein. Wenn man aber in den Himmel guckt sieht man sie so gut wie immer paarweise fliegen. Tolle Vögel. Viel zu schnell sind sie vom toten Baum verschwunden. Trotzdem freue ich mich über einige gute Fotos, die dank schneller Reaktion entstanden sind.

Mein größtes Problem ist das Wetter. Der Aufenthalt im „Pantanal“ ist teuer. Besonders wenn man sich wie ich einen privaten Guide leistet, der aber Grundvoraussetzung für die Arbeit ist. Mein Budget ist begrenzt und so bin ich darauf angewiesen aus jedem Tag wirklich das Beste rauszuholen. Leider sind die ersten drei Tage praktisch wolkenfrei. Die Kraft der Sonne ist schon wenige Minuten nach Sonnenaufgang so stark, dass ich eigentlich die Kamera bis zum Spätnachmittag wegpacken kann. Ich fahre zwar trotzdem entlang der Straße auf Erkundungstouren, oder streune mit Pedro durch das Unterholz, aber in der Regel bleibt die Kamera dabei arbeitslos. Ich habe mir im Laufe der Jahre antrainiert nur noch dann auf den Auslöser zu drücken, wenn ich Lichtbedingungen vorfinde, die mir ein Ergebnis versprechen, das innerhalb meiner Bildsprache bestehen kann. Bei einer Safari mit dem Jeep kommen wir an eine Brücke an der ein fürchterlicher Verwesungsgeruch vorherrscht. In einem gefluteten Bereich der Landschaft offenbart sich mir ein grausiger Anblick. Knapp zwanzig tote Kaimane treiben aufgedunsen im Wasser oder liegen vertrocknet daneben im Staub des Ufers.

Pedro erklärt mir, dass dieser Bereich für Monate wasserfrei gewesen ist. Kaimane können erstaunlich lange ohne Wasser überleben, aber nicht ewig, zumal sie sich in erster Linie von Fischen ernähren. Für diese Gesellen kam das rettende Nass, ob in Form von verstärktem Regen oder aus dem Schwemmwasser der großen Flüsse, leider zu spät. Das ist deswegen auch so traurig, da keine zwei Kilometer entfernt deren Artgenossen völlig relaxed am Ufer liegen und keine Probleme haben. Die Kaimane scheinen trotz Notlage nicht in der Lage zu sein sich auf die Suche nach Wasser begeben zu können. So bleiben sie in ihrem Territorium und hoffen auf Rettung, die aber nicht immer, oder für manche zu spät erfolgt.  Was mir bei diesen Touren auch immer wieder auffällt ist die dunkle Farbe des Wassers. In manchen Gegenden gleicht es einer braunen zähflüssigen Kloake, an deren Oberfläche sich häufig kleine Kreise bilden. Die traurige Wahrheit ist das viele Farmer ihre Savanne abbrennen, damit danach verstärkt neues Gras nachwachsen kann welches dann besseres Tierfutter bildet. Doch die verbrannte Asche auf dem Boden wird mit dem einsetzenden Wasser allzu oft weggeschwemmt. Den überschwemmten Gebieten und den Flüssen wird durch die Asche der Sauerstoff entzogen was unzählige Fische jämmerlich verenden lässt. Die sich zentrisch ausbreitenden Kreise auf der Wasseroberfläche stammen von Fischen die zum Luft holen nach oben kommen. Die Brandrodung ist, wie so vieles Andere auch, illegal. Pedro konnte mir kein Beispiel nennen, bei dem man versucht hätte diese Praktiken aktiv zu unterbinden. Gesetze machen nur dann Sinn, wenn man auch dafür sorgt dass sie beachtet werden. Nicht nur in den Weiten brasilianischer Landschaften klaffen leider zwischen dem Naturschutz auf dem Papier und dem in der Realität riesige Lücken, die immer zu Lasten der Umwelt gehen.

Jeweils am späten Nachmittag besteige ich mit Pedro ein kleines Motorboot und wir fahren einen  Fluss der parallel zu den Grenzen der Fazenda „Santa Clara“ verläuft nach Norden. Irgendwo in der Ferne wird er in den großen „Rio Paraguay“ münden, ein Ort der aber außerhalb unserer Reichweite liegt. Die Perspektive vom Fluss aus ist sehr interessant da viele Tiere unmittelbar in Ufernähe ihren Lebensraum haben. Das Ufer ist gesäumt von Galeriewäldern mit großen Bäumen die auch im Amazonas stehen könnten. Da ich kein Ornithologe bin, bleiben mir die Namen vieler der Vögel die wir entdecken unbekannt. Ich erkenne den „Kingfisher“ der bei uns unsinniger Weise Eisvogel heißt. Elegant und pfeilschnell tauchen diese Meister der Jagd ins Wasser ein und kommen in der Regel mit einem kleinen Fisch im Maul wieder an die Oberfläche. Einmal sehen wir eine Familie Affen auf einem Ast in Ufernähe liegen. Die Sonne steht zwar schon fast unmittelbar über dem Horizont, doch ihre Kraft bildet nach wie vor starke Licht und Schattenpartien, das an eine wirklich brauchbare Aufnahme nicht zu denken ist. Es sind die wenigen Minuten des unmittelbaren Sonnenuntergangs die interessant sind. Wir befinden uns in einem kleinen Seitenarm des Flusses. Sobald der Motor aus ist und der Fahrtwind fehlt fallen unzählige Moskitos über uns her. Sie sind die wahren Herrscher dieses Ökosystems. Bei aller Faszination die so ein Fechtgebiet für Naturfreunde und Fotografen bereithält – diese Biester stellen einen echt auf die Probe. Also zum Daueraufenthalt laden sie wirklich nicht ein. Ich habe mich mit irgendeinem Gift eingeschmiert und versuche diejenigen zu ignorieren die trotzdem irgendwo ein Plätzlein zum Stechen und Blutsaugen finden. Einige Kaimane liegen unweit unseres Bootes völlig bewegungslos im Wasser. Besonders Ihre großen Augen sind faszinierend, besonders wenn sie im Abendlicht leuchten. Für wenige Minuten ist das Licht wie ich es mir wünsche. Innerhalb dieser kurzen Zeitspanne gelingen an jedem der drei Abende zwei bis drei gute Bilder. Das ist nicht viel aber besser als gar nichts.

Richtig interessant wird es an einer Stelle auf dem Rückweg zur Farm. An einer Flussbiegung befindet sich ein Schlafplatz, der vor Allem von Ibissen genutzt wird. Ein Ibis ist ein mittelgroßer Vogel der einen langen gebogenen Schnabel hat. Kurz nach Sonnenuntergang können wir hier Abend für Abend ein beeindruckendes Schauspiel beobachten. Hunderte dieser Tiere kommen in großen Schwärmen aus allen Himmelsrichtungen angeflogen um sich auf den Ästen der direkt am Ufer wachsenden Bäume nieder zu lassen. Dabei erzeugen sie ein mächtiges Getöse das noch von anderen Vögeln verstärkt wird. Besonders wenn Papageien dabei sind ist die Kulisse voller Gezwitscher. Faszinierend ist auch das Geräusch verdrängter Luft welches durch die Masse an Flügeln erzeugt wird. Erst als ihre Körper nur noch als Silhouette vor dem fast schwarzen Nachthimmel zu erkennen sind, schmeißen wir den Motor an und machen uns verstochen aber zufrieden auf den Rückweg.

Als ich nach drei Tagen, also der Halbzeit meines gebuchten Aufenthaltes auf der Farm, eine Zwischenbilanz ziehe, fällt diese sehr ernüchternd aus. Ich habe zwar die eine oder andere Nahaufnahme von Vögeln und den Kaimanen. Doch die eigentliche Essenz dieser Landschaft einzufangen ist mir wegen der fehlenden Wolken und dem daraus resultierenden faden Lichtes bisher noch nicht gelungen. Wie eine Erlösung sind für mich die in der Nacht einsetzenden Regenfälle. Es regnet so stark das praktisch der ganze kommende Tag auch ausfällt. Stoppt der Regen bilden sich in der Regel am kommenden Tag wunderbare Quellwolken. Genau solche brauche ich um in dieser flachen Region ans Landschaftsbilder auch nur denken zu können. Ich bitte Pedro für den kommenden Tag eine große Tour mit dem Jeep vorzubereiten um möglichst viel sehen zu können. Wir haben Glück. Der strahlend blaue Himmel ist mit weißen Wolken überzogen und adelt jedes Motiv welches ich an diesem Tag mit dem Weitwinkel Objektiv aufnehme.

Besonders imponierend sind die Bilder welche ich zwischen der Mittagszeit und fünfzehn Uhr zu Stande kriege. Dann wenn die Sonne recht hoch steht und die Wolken wunderbare Licht- und Schattenpartien auf die Landschaft zaubern. Wer jetzt etwas stutzig wird, weil ich hier genau die Lichtsituation lobe, über die ich weiter vorne im Text noch geschimpft habe (vielleicht erinnern Sie sich – bei den Affen auf dem Baum) dem sei gesagt, das dies eben die Naturfotografie ausmacht. Bei unterschiedlichen Motiven bedarf es zur optimalen Umsetzung unterschiedlicher Voraussetzungen. Flache Landschaften über die Quellwolken ziehen muss man auch deshalb in der Mitte des Tages fotografieren, weil eben jene stilprägenden Wolken sich am späten Nachmittag auflösen und zumeist bei Sonnenuntergang komplett verschwunden sind. Wir durchqueren an diesem Tag Farmen welche mit 40.000 Hektar die vierfache Größe eines durchschnittlichen deutschen Nationalparks haben. Der Naturfreund in mir sieht heute viel zu viele Rinder. Aber ich staune auch über scheinbar unberührte Landschaften, die mich immer wieder an die „Serengeti“ in Afrika erinnert. Viele kleine Seen die wir passieren sind komplett mit Wasserpflanzen und deren Blüten überzogen. Ich sehe zum ersten Mal in meinem Leben eine Eulen-Art welche am Boden brütet.

Ein junger Fuchs zeigt keine Scheu vor uns, und säubert seelenruhig sein Fell. Eine Gruppe von fast vierzig Nasenbären kriege ich durch Anschleichen nur deshalb nicht richtig vor die Kamera weil mich ein einzelnes Rind entdeckt, und seine Flucht dabei die ganze Gruppe der lustig aussehenden Tiere verscheucht. Blöde Kuh. Ich sehe Rotwild, Wasserschweine und unzählige Vögel jeglicher Farbe und Größe. Wir sind hier zwar nicht im unmittelbaren Überschwemmungsgebiet, aber der „Cerrado“ mit all seinen Wundern erschließt sich mir an diesem schönen Tag. Dieser eine Ausflug bedeutet einen riesen Schritt in Richtung Erfüllung meiner Aufgabe. Dass ich von den sechs Tagen in diesem Teil des „Pantanals“ nur einen wirklich Perfekten erwischt habe, kann man beklagen. Oder aber sich auch darüber freuen, das Glück zu haben ihn erleben zu dürfen. Mit Einsatz und Enthusiasmus lässt sich in der Fotografie viel erreichen. Trotzdem bleibt einer der entscheidenden Faktoren auch immer ein Glückspiel, nämlich das Wetter. Ich habe gelernt, dass das Glas immer „halbvoll“ ist, und niemals „halbleer“. Mit dieser Einstellung geht man wesentlich entspannter durchs Leben. Besonders als Naturfotograf.

 

Ungebremste Kraft 22.05.2012

Um die letzte größere Insel des “Atlantischen Küstenregenwaldes” zu erkunden muss man heute sechshundert Kilometer ins Landesinnere reisen – ins Dreiländereck von Brasilien, Paraguay und Argentinien. Hier sind in Form des Iguazú Nationalparks etwas mehr als zweitausend Quadratkilometer dieses ehemals so riesigen Ökosystems unter Schutz gestellt. Die Reise mit dem Bus in Richtig Iguazú lässt mich auf hunderten Kilometern Agrarland passieren. In gleichbleibender Monotonie sehe ich endlos erscheinende Felder an mir vorüber ziehen. In solchen Fällen gleiten meine Gedanken nicht selten zu der Frage wie eigentlich alles weiter gehen soll. Wir Menschen nutzen schon heute 43 % der eisfreien Erdoberfläche für Landwirtschaft und zum Wohnen. Diese Zahl wird weiter ansteigen um die in den kommenden Jahrzehnten  zu erwartenden über zwei Milliarden neuen Ehrenbürger ernähren zu können. Der Druck auf die letzten Naturräume wird zunehmen und die Chance das das globale Ökosystem in nicht allzu ferner Zukunft kollabiert wird realistischer. Im Vorfeld der anstehenden “Rio + 20″ Umweltkonferenz haben führende Wissenschaftler eindringlich gewarnt, das wenn wir den verhängnisvollen Pfad des ungebremsten Wachstums nicht verlassen, der kritische Punkt schon bald erreicht sein könnte. Sollte der momentane Trend zur maßlosen Ressourcennutzung anhalten, wäre schon im Jahre 2025 die potentiell gefährliche 50 % Marke an Nutzungsfläche erreicht.

Ich erreiche die Stadt “Foz do Iguacú” die vor den Toren des Iguacú Nationalparks liegt.  Der Iguazú Fluß über den sich die “Brücke der Freundschaft” spannt, trennt die beiden Länder Brasilien und Paraguay. Hier spielt sich tagtäglich ein Schauspiel der ganz besonderen Art ab. Auf der Seite Paraguays befindet sich eine Freihandelszone. Waren sind dort extrem günstig, so das sich täglich bis zu zwanzigtausend Brasilianer aus dem ganzen Riesenland auf den Weg machen um in “Ciudad del Este” einkaufen zu können. Die Preise sind so niedrig, das trotz enormer Reisekosten und dem Risiko als Schmuggler bestraft zu werden, beim späteren Wiederverkauf auf Brasiliens Straßenkreuzungen und Läden immer noch ausreichend Gewinn abfällt. Ich bin sehr froh als ich dem Gewusel und Lärm dieser Form des Extremkapitalismus entkommen bin und etwa 20 Kilometer außerhalb der Stadt das Besuchszentrum des UNESCO Weltnaturerbes “Iguazú” erreiche. Erstaunlicher Weise besteht dieser Teil der “Mata Atlantica” nicht mehr aus tropischem Regenwald, sondern aus einem saisonalen Laubwald, der zeitweilig einen großen Teil seiner Blätter abwirft. Außerdem beherbergt der Nationalpark eines der bekanntesten Naturschauspiele unserer Erde, nämlich die “Iguazú Wasserfälle”. Für den Fremdenverkehr sind die Wassermassen die hier auf knapp drei Kilometern Länge über eine bis zu 90m hohe Kante fallen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. In einem perfekt gemanagten Bussystem werden hier tausende Touristen zu den Fällen gelotst. Dieser Ort ist so etwas wie der “Grand Canyon” von Südamerika. Für mich als Fotograf sind, wie so oft, die Lichtstimmungen außerhalb der Besuchszeiten interessant. Ich habe von der Parkverwaltung die Erlaubnis bekommen, abends länger bleiben und morgens viel früher an den Ort des Geschehens kommen zu dürfen.

Ich stehe an der äußersten Plattform die für die Besucher zur Erkundung dieser Naturgewalten errichtet wurden und nutze die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Nachtfinsternis um das eindrucksvolle Bild auf den Chip meiner Kamera zu bannen. Am kommenden Morgen ist es für mich fast noch schöner. Es zeichnet sich noch kein Morgenrot über der Abbruchkante der Wasserfälle ab als ich mein Stativ und die Kamera wieder aufbaue. Auch nach über zwanzig Jahren in der Naturfotografie sind die Momente in denen sich die ersten zarten Farben des kommenden Tages in das Dunkel vermischen noch immer ein magisches Erlebnis. Als dann viel später der erste Bus mit geöffneten Türen die frühen Tagesbesucher entlässt, steht die Sonne schon hoch am Himmel und strahlt in dominanter Härte über das Land. Ich habe meine Fotos gemacht und bin der Einzige, der zu diesem Zeitpunkt den zwar schönen, aber durch die Menge an Gästen eher an einen Rummelplatz erinnernden Ort, verlassen will.

Ich habe in den vergangenen Wochen einen vielseitigen Blick auf das Land Brasilien werfen dürfen. Es war ein Privileg viele seiner großartigen Naturschätze sehen dürfen und eine logische Folge dabei auch auf mach große Problematik zu stoßen. In meiner Heimatregion hat der Mensch seine ihn umgebende Natur schon fast zur Gänze in Nutzland umgewandelt. Dementsprechend muss ich auch mit der Bewertung jeglicher Fehlentwicklungen die hier in Brasilien den Tropenwald und die Savannen zerstören vorsichtig und differenziert sein. Letztendlich geschieht hier nicht anderes als im Europa der vergangenen Jahrhunderte. Der Unterschied ist nur, das die Entwicklungen in einem Schwellenland wie Brasilien, angetrieben durch die gierigen Mechanismen einer globalisierten Industrie, heute viel schneller und massiver Ablaufen als in einem Europa der Vergangenheit. Doch gerade weil sich in einer zusammenwachsenden Welt Ursache und Wirkung  immer mehr vernetzen und Zusammenhänge komplexer und internationaler werden, ist es wichtig sich eine Meinung zu bilden, Stellung zu beziehen und auch dafür zu kämpfen das Fehler nicht wiederholt werden. Noch gibt es Vieles was in Brasilien erhalten werden kann. Aber nur wenn die Menschheit rechtzeitig ihren kollektiven Verstand einschaltet.

 

Dem Paradies so nahe…. 16.05.2012

Der Besuch bei den Löwenäffchen die in den Schattenbäumen der Kakaoplantage bis heute überlebt haben, gab uns einen ersten Eindruck vom Charakter des Atlantischen Küstenregenwaldes. Jetzt galt es diesen Tropenwald in seiner Urform zu dokumentieren.

Dafür befinden wir uns nun weiter südlich im Bundesstaat Paraná. Noch Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war dieser Teil Brasiliens fast vollständig mit Urwald bedeckt. In einem Zeitraum von sechzig Jahren hat der Mensch diesen Wald praktisch komplett vernichtet und in Agrarland oder Sekundärwald verwandelt. Heute leben etwa 2/3 der brasilianischen Bevölkerung im ehemaligen Gebiet der “Mata Atlântica”. Hier im Süden fällt die Hochfläche des Landesinneren von fast 1000 Meter in Form des Küstengebirges bis auf Meereshöhe ab.  Die Artenvielfalt ist auch heute noch eine der höchsten der Welt, obwohl nur noch unzusammenhängende Reste des einst so großen Urwaldes existieren. In den Bergen die sich über der Bucht von Paranaguá unweit der Hauptstadt Curitiba erheben, sind noch beachtliche Waldstücke in gutem Zustand vorhanden. Unsere erste Erkundung führt uns auf dem “Camino do Itupava” auf einer Länge von zwanzig Kilometern durch diesen Lebensraum. Der alte Jesuitenpfad war die erste Verbindung zwischen der Küstenregion und dem höher gelegenen Inneren dieses riesigen Landes. Heute sind die Ausläufer der Großstadt Curitiba bis fast an den Startpunkt des Pfades herangerückt. Es dauert einige Zeit bis wir in die Ruhe und Unberührtheit eintauchen können. Als uns der gepflasterte Pfad steil nach unten führt, wandern wir durch eine Vielfalt an Pflanzen die uns voll in ihren Bann zieht. Durch die hohen Niederschläge existiert hier eine extrem dichte Vegetation. Unter den großen Bäumen, die eine geschlossene grüne Decke bilden, existiert ein immerfeuchtes und schattiges Mikroklima. Auf mehreren Schichten wachsen hier die unterschiedlichsten Pflanzen. Alles ist mit Moosen überzogen. Lianen verbinden die verschiedenen Höhen und bieten neben den Bäumen Lebensraum für Epiphyten.

Am häufigsten sehen wir Bromelien, die wohl auffälligsten aller Aufsitzerpflanzen. An den unmöglichsten Orten haben sie sich mit ihren Wurzeln festgekrallt. Besonders wenn sie ihre rot-gelben Blüten ausbilden, setzen sie einen leuchtenden Kontrast zum dominanten Grün des Waldes. Aber auch Orchideen sind prominente Epiphyten.  Wenn sie nicht in Blüte stehen, werden sie von mir recht oft übersehen. Luis geschultes Biologenauge erkennt da schon viel mehr und weiß mich in so manches Geheimnis dieses Ortes einzuweihen. Je näher wir der Küste kommen desto mächtiger scheinen die Bäume zu werden.

Besonders alte Würgefeigen können mächtige Brettwurzeln ausbilden die alle anderen Baumarten recht schmächtig erscheinen lassen. An solchen Bäumen verweilen wir immer recht lange, denn sie bieten eine Vielzahl an Motiven. Während den Tagen in der “Mata Atlantica” bekomme ich auch dreimal Schlangen zu sehen, was mir im Amazonas nicht vergönnt war. Die Tiere wollen in erster Linie in Ruhe gelassen werden und verschwinden jedes Mal recht schnell zwischen dem Gestrüpp. Nur einmal gelingt mir ein Schnappschuss auf eines dieser von uns Menschen so gefürchteten Geschöpfe. Luis schätzt die Schlange als hochgiftige Lanzenotter ein, was mir einen gehörigen Schrecken einjagt. Bin ich kurz zuvor doch fast auf das Tier drauf getreten. Erst später als wir das Foto anderen Biologen zeigen erfahren wir das es eine ungiftige Art ist, die aber der Lanzenotter sehr ähnlich sieht. Immer wieder zischen Kolibris an uns vorbei. Die kleinen Vögel sind so schnell das man sie, wenn sie rumfliegen, kaum wahrnehmen kann. Durch ihre hohe Herzfrequenz müssen sie ständig Energie tanken. Wenn sie dann für wenige Sekunden ihre langen spitzen Schnäbel in Blüten tauchen und dabei bewegungslos in der Luft hängen, besteht die beste Chance sie zu beobachten.

Der Flügelschlag ist dabei so schnell das er nur mit dem Blitzlicht eingefangen uns sichtbar gemacht werden kann. Erst in der Dunkelheit und nach mehr als zwanzig Kilometer Fussmarsch kommen wir völlig erschöpft an unserem Nachtlager an. Die schwere Fotoausrüstung fordert ihren Tribut und so bin ich froh das am kommenden Tag eine Bootstour auf dem Programm steht, die auch mit müden Gliedern zu meistern ist.

 

Es herrscht immer noch tiefe Dunkelheit als wir mit dem kleinen Motorboot durch das Gewirr von Wasserstraßen fahren. Wir wollen zum Sonnenaufgang draußen in der Bucht sein um das bewaldete Küstengebirge vom Wasser aus fotografieren zu können. Mit dem ersten Morgengrau sehen wir die Silhouetten einzelner Berge rechts und links vor uns über den Morgennebel ragen. In der Nacht hat es stark geregnet und noch immer entlädt sich die eine oder andere Wolke in leichten Schauern. Trotzdem haben wir uns entschlossen die Tour anzutreten. Vereinzelte Wolkenlücken mit durchblitzenden Sternen lassen einen Wetterwechsel möglich erscheinen. Sollten sich die Wolken zum Sonnenaufgang hin auflösen, wären tolle Lichtstimmungen durchaus realistisch. Mit dem ersten Tageslicht offenbart sich die ganze Schönheit dieser Landschaft aus Wasser, Wald und Gebirge. Die dem Festland vorgelagerten Mangroven sind in diesem Teil der Bucht völlig intakt. Mangroven sind eine ganz speziell angepasste Baumspezies. Sie sind Salzpflanzen die im Gezeitenbereich tropischer Küstenregionen ihren Lebensraum haben. Sie bilden Stelzwurzeln aus die bei Ebbe gut sichtbar aus dem Wasser ragen. Wir lenken unser kleines Boot an eine Stelle an der wir direkt auf die “Serra do Itaqui” blicken, einem Teil des Küstengebirges das unter Naturschutz steht und dessen Hänge noch komplett mit Urwald bewachsen ist.

Es wird tatsächlich einer jener besonderen Morgenstimmungen, die meinen Beruf immer wieder so magisch machen. Mit dem durchbrechen des Sonnenlichts sehen wir das Land vor uns in eine Vielfalt an Farben tauchen und die noch verbliebenen dunklen Wolken werden mit einem Regenbogen geschmückt. Wir staunen über große Eisvögel die durch die Mangroven jagen. Über unseren Köpfen fliegen dutzende Papageien auf ihrem morgendlichen Weg zur Nahrungsbeschaffung. Auf den Ästen der höheren Bäume hocken Kormorane mit ausgebreiteten Flügeln um diese mit den wärmenden Strahlen der Morgensonne zu trocknen. In Gedanken stelle ich mir vor, das ungefähr so das Paradies aussehen muss. Alles scheint perfekt, selbst die vereinzelten Fischerboote passen ins Bild, da es sich hier nicht um industrielle Ausbeutung handelt. Wir lenken das Boot zwischen die Mangroven. Es herrscht Windstille, so dass das Gebirge mir dem Gezeitenwald im Vordergrund ein perfektes Spiegelbild abbildet.

Neben Korallenriffen und den tropischen Regenwäldern zählen Mangroven zu den produktivsten Ökosystemen der Erde. In den Kronen des Mangrovenwaldes leben Reptilien und Säugetiere. Viele Wasservögel nutzen das reiche Nahrungsangebot und nisten in den Baumkronen, was auf unserer Tour unschwer zu erkennen ist. Das dichte Wurzelwerk der Mangroven bietet einer großen Zahl von Organismen auf engem Raum eine hohe Zahl kleinster Habitate. Die Wurzeln ermöglichen vielen Fischen, Muscheln und Krabben einen sicheren Lebensraum und den Larven und Jungtieren vieler Arten beste Bedingungen. Auf den hölzernen Wurzeln der Bäume finden Schnecken, Algen, Austern, Seepocken und Schwämme ihr Zuhause. Es ist ein lebendiger Naturraum, der ebenso wie viele andere Ökosysteme durch die Unvernunft des Menschen zu verschwinden droht.  Mangrovenwälder sind in vielen Teilen der Welt vor allem durch die Anlage und Ausweitung von intensiv bewirtschafteten Garnelenzuchten gefährdet.  Außerdem sind Verschmutzung durch Öl, aber auch Trockenlegungen im Zuge des Siedlungsausbaus im Küstenbereich Gefährdungen dieses empfindlichen Habitats. Die Erträge der Küstenfischerei gehen dort drastisch zurück, wo die Mangrovenwälder großflächig abgeholzt wurden. Eine Wiederaufforstung wird in manchen Teilen der Welt probiert, ist in den allermeisten Fällen aber extrem schwierig. All das ist bekannt – trotzdem hält die Zerstörung von Mangrovengebieten unvermindert an. Der Verlust der letzten 20 Jahre beläuft sich auf 25 % der im Jahre 1980 vorhandenen Fläche. Dabei bieten diese Wälder auch Schutz gegen Küstenerosion. Gerade auch die große Tsunamikatastrophe in Asien vor einigen Jahren hat gezeigt wie intakte Mangroven die Gewalt des Wassers auf Siedlungen an der Küste reduzieren können.

 

In der Bucht von Paranaguá sind zumindest in dem Teil wo wir uns aufhalten die Kreisläufe intakt. Doch die der Region ihren Namen gebende Stadt Paranaguá hat 150.000 Einwohner. Hier befindet sich Brasiliens wichtigster Exporthafen für das im Land erzeugte Soja. Wie so oft liegen auch hier Himmel und Hölle sehr eng beieinander.

Spurensuche 10.05.2012

Wer sich mit Tropenwald in Brasilen beschäftigt denkt wohl in der Regel zuerst an Amazonien, den größten Regenwald der Erde. Dabei gibt es mit der “Mata Atlantica” ein Wald Ökosystem welches in vielerlei Hinsicht mit dem Amazonas Biom mithalten kann. Die “Mata Atlantica” ist eine in der Welt einzigartige Vegetationsformation in Hinsicht auf biologische Vielfalt und landschaftliche Schönheit. In der Vergangenheit erstreckte sich der Küstenregenwald über 15% des brasilianischen Territoriums mit etwa 1,3 Millionen qkm.  Dieser Lebensraum stellt eines der komplexesten Ökosysteme des Planeten dar und gilt als eines der am stärksten bedrohten Gebiete überhaupt. Auch mir war neu, das der atlantische Küstenregenwald unter allen Wäldern der Erde über die höchste Vielfalt an Biodiversität verfügt, und somit auch Artenreicher als der Amazonas ist. Man geht von mehr als 10.000 Pflanzenarten, etwa 620 Vogelarten, und 261 Säugetierarten aus. Doch dieser Zauberwald ist bis heute zu über 90 % vernichtet oder in Sekundärwald verwandelt worden. Die  Entwicklung lässt sich durchaus mit unseren Wäldern vergleichen – es kamen Menschen die das Land besiedelt haben. Ein Großteil der Millionenstädte befinden sich heute dort wo sich einst Affen in den Baumwipfeln die Felle lausten. Meinem Reisepartner Luis habe ich auf diesem Trip schon viel zu verdanken. Sein wunderbares Organisationstalent hat die Tour bisher so erfolgreich gemacht. Es sollte noch besser werden, denn hier in der “Mata Atlantica” ist praktisch sein zweites Zuhause. Luis hat hier fünf Jahre gelebt und als Biologe in den Wäldern Spinnen erforscht. Seine Kenntnis der Region und seine unzähligen Kontakte sollten uns auch in den kommenden Tagen unzählige Türen öffnen. Unser erstes Ziel ist das kleine Städtchen Ilheus im Bundesstaat Bahia. In dieser Region wird Kakao produziert, was deutlich zu riechen ist, wenn man an den Fabriken vorbeifährt. Wir besuchen hier eine Kakaofarm etwa 20 km im Landesinneren.Die Fazenda trägt den schönen Namen “Almada” und hat eine Größe von ungefähr 500 Hektar. Elf Familien leben auf dem Gelände und arbeiten in der Plantage.

Der Alltag von Millionen Kakaobauern ist extrem schwierig geworden, seitdem die Preise auf dem Weltmarkt zusammengebrochen sind. Außerdem gefährdet seid einigen Jahren eine mysteriöse Pilzkrankheit die Ernte. Es sind harte Zeiten, was die Chefin der Farm dazu veranlasst über neue Strategien zum Erhalt des Unternehmens nachzudenken. Auf der noch recht jungen Juliana Torres lastet ein schweres Erbe. Seid sechs Generationen befindet sich die Farm im Besitz ihrer Familie und gute Ideen sind vonnöten. Ein Ansatz könnte der Ökotourismus sein, denn die Plantage hat einige Juwelen zu bieten. Als wir das Herrenhaus betreten, öffnet sich für uns ein Tor in eine andere Welt. Als wäre die Zeit stehen geblieben, fühlen wir uns um hundert Jahre zurückversetzt.

Liebevoll bis ins kleinste Detail ist hier alles erhalten was das Leben in früheren Tagen geprägt hat. Von der Veranda blicken wir auf einen schönen Garten und im Hintergrund beginnt die Plantage die einem alten Wald zumindest optisch sehr nahe kommt.

Hier gibt es zwar keinen Urwald mehr, doch die großen alten Bäume vom ursprünglichen Wald wurden als Schattenbäume stehen gelassen. Dadurch können die am Boden wachsenden, nur wenige Meter hohen Kakaostauden in deren kühlendem Schatten gut gedeien. Dieser Tatsache ist es zu verdanken das sich hier eine Kolonie der vom Aussterben bedrohten Goldkopf-Löwenäffchen hat erhalten können.

Sie sind eine Symbol für den immer weiter voranschreitenden Lebensraum Verlust unter dem in der “Mata Atlantica” viele Arten zu leiden haben. Es gibt in Brasilien vier verschiedene Gattungen von Löwenäffchen. Biologen gehen davon aus das schon in wenigen Jahren Zwei davon verschwunden sein werden. Dies versucht man hier zu verhindern indem die Tiere beobachtet werden um mehr über ihre Bedürfnisse und Lebensgewohnheiten zu erfahren. Frau Torres arbeitet in dieser Sache mit einer Umweltorganisation zusammen die das Monitoring der Äffchen finanziert und durchführt. Die Affen leben in zwei Gruppen mit um die sieben Familienmitgliedern. Jeweils zwei Tiere wurden mit einem Sender versehen, der es den Biologen ermöglicht die Tiere in den Wipfeln der Bäume zu orten.

Für drei Tage begleiten wir die Äffchen im Wald und bekommen Einblicke in ihren Alltag. Fotografisch ist diese Aufgabe nicht einfach zu lösen. Zumeist befinden sich die Tiere weit außerhalb der Reichweite unserer Kameras. Doch zumindest einmal am Tag kommen sie auf Ihrer Suche nach Nahrung auch in tiefer gelegene Bereiche des Waldes. Diese Minuten sind für uns entscheidend. Es ist erstaunlich wie schnell sich die Tiere bewegen und mit einer Leichtigkeit von Baum zu Baum springen. Innerhalb der Gruppe herrscht ein ausgeprägtes Sozialverhalten. Oft beobachten wir sie bei der gegenseitige Fellpflege und sehen wie sie sich die Nahrung teilen. In manchen Augenblicken sind sie nur wenige Meter von uns entfernt und schauen mit ihren kleinen Gesichtern auf uns herab. Fühlen sie sich belästigt, geben sie schrille Laute von sich die eher an einen Vogel als an einen Affen erinnern.

Löwenäffchen sind Allesfresser, die sowohl Insekten, Spinnen, Schnecken, Vogeleier und kleine Wirbeltiere als auch Früchte zu sich nehmen. Es macht Spaß ihnen bei ihren Abläufen zuzuschauen. Daraus ein vernünftiges Foto zu erstellen ist harte Arbeit unter der besonders das Kreuz zu leiden hat – fällt der Blick doch meist nach Oben. Wie schön wäre es wenn die “Almada” Farm ein Vorbild werden könnte, die die Belange der Natur und der Menschen am selben Ort vereint.

Ich bin überzeugt davon das in vielen Fällen die Bedürfnisse der Menschen mit wenig Aufwand viel besser in Einklang mit unserer Umwelt gebracht werden könnten, wenn wir es nur wollten. Doch zumeist ist es eine Eigenart die unsere Art zu prägen scheint und die dies verhindert, nämlich unsere Gier. Ein markantes Beispiel dieser Unvernunft begleitet Luis und mich Thematisch dieser Tage auf unserer Reise durch Brasilien. Die geplante Umsetzung eines neues Waldgesetzes. Vordergründig erzählt man, damit Millionen Kleinbauern aus der Illegalität führen zu wollen, indem man nachträglich Rodungen legalisiert. Doch letztlich ist dieses Gesetz ein Machwerk der Agrarlobby aus Sojabauern und Rinderzüchtern die damit ihre eh schon unglaublich starke Macht auszubauen wollen. Tritt es in Kraft, dürfen auch steile Hänge gerodet werden und der Schutzabstand zu Flüssen würde massiv verringert. Umweltschützer auf der ganzen Welt sind sich einig, das dieses Gesetz das langfristige Aus des Amazonas bedeuten würde. Eine Lawine die nicht mehr zu stoppen sein wird. Fast 80% der Brasilianer sind gegen dieses Verbrechen, doch der Senat hat es schon verabschiedet. Die Macht der Barone reicht bis in hohe Regierungskreise. So sind in vielen Fällen die größten Umweltzerstörer diejenigen die ihre eigenen Gesetze schreiben. Mit dem großen Geld kann man sich fast jedes politische Amt erkaufen. Der Gouverneur des Bundesstaates Mato Grosso z.B. ist mit Landraub reich geworden und sitzt heute an den Hebeln der Macht.

Nur noch die Präsidentin Dilma kann dieses Gesetz mit einem Veto zumindest aufschieben. Demnächst findet in Brasilien die wichtige Umweltkonferenz “Rio +20″ statt. Es ist die Hoffnung vieler Menschen mit Verstand, das die Präsidentin im Zuge dieses Welttreffens dieses Gesetz nicht verabschieden lässt um ihr Gesicht zu wahren. Viele haben aber auch Angst, das sich die Umsetzung nach der Konferenz nicht mehr verhindern lässt. Ich hoffe jeden Tag darauf, das dieses für Brasilien und die ganze Welt so ungeheure Verbrechen ausbleibt. Wir brauchen die wenigen noch verbliebenen Urwälder für die Zukunft unser Kinder. Ich werde richtig wütend wenn ich darüber nachdenke, was hier und in anderen Teilen der Welt, aus ähnlichen Gründen, tagtäglich geschieht.

 

Wer Lust auf eine Reise zu den Löwenäffchen hat und sich im Herrenhaus fürstlich verwöhnen lassen will, findet Informationen im Internet unter: “www.fazendaalmada.com.br”.

Juliana Torres und ihre Familie heißt jeden herzlich Willkommen.

Magische Orte 04.05.2012

Die gefährdetste Ökoregion in Brasilien ist nicht etwa der tropische Regenwald, sondern die Savanne. Diese offenere Landschaftsform war für die ersten Siedler die das heutige Brasilien formten leichter zugänglich als die dichten Wälder des Amazonas. Wir sind im Bundesstaat “Mato Grosso de Sul” in Zentralbrasilien. Die Region ist so groß wie Deutschland. Die Hauptstadt heißt “Campo Grande”, was soviel wie “großes Feld” bedeutet. Ein wirklich treffender Name, denn als wir mit einem gemieteten Auto die Stadt verlassen müssen wir den für uns gängigen Masstab von bewirtschafteten Feldern nach oben korrigieren. Rechts und links der Straße ziehen sich Maisfelder bin zum Horizont, und unzählige Zebu Rinder grasen auf den Weiden. Bis zu jenem Tag, an dem sie auserkoren werden den stetig steigenden Hunger der Menschheit nach Fleisch stillen zu helfen.

Die Zahlen die ich vernommen habe schwanken zwischen 16 und 27 Millionen Rindern allein hier in “Matto Grosso de Sul”. Nach der Fülle an unberührter Natur im intakten Teil Amazoniens muss ich mich erst wieder an diese Art der Realität gewöhnen. Eigentlich ist es hier wie bei uns zu Hause – kultiviertes Land allerorten. Natur hat Inselcharakter. Trotzdem gibt es einen markanten Unterschied. Es Leben nur etwas zwei Millionen Menschen in diesem Bundesstaat. Bei soviel Fläche und so wenig Einwohnern sollte man eigentlich erwarten, dass für Alle genug zum ordentlichen Leben vorhanden ist. Weit gefehlt. Die Welt ist nicht fair. Dies lässt sich auch hier sehr leicht erkennen. Noch viele Kilometer außerhalb von “Campo Grande” sehen wir unzählige Baracken die sich am Straßenrand aufreihen. Aus Wellblech, Holzresten und Plastikplanen notdürftig zusammengezimmert, fristen hier die “Sem Terra” (Landlosen) ein menschenunwürdiges Dasein. Sie sind – wie die Favela Bewohner der Grossstädte (Elendsviertel), die Verlierer der aufstrebenden brasilianischen Konsumgesellschaft. Die Menschen wurden zumeist von ihrem angestammten aber nicht verbrieften Land von Rinderbaronen vertrieben. Deren Grund übersteigt nicht selten die Größe unserer heimischen Landkreise. Eine krasse ungleiche Verteilung von Wohlstand und Landbesitz, die zwangsläufig zu grossen sozialen Problemen und Spannungen führt und in ganz Brasilien bis heute ungeklärt ist.

 

Unser Ziel ist die kleine Stadt “Bonito” die sich selbst als Hauptstadt des Ökotourismus preist. Zumindest in Ansätzen wird hier bewiesen, das man mit Naturschätzen auch schonend umgehen kann. Das hier vorherrschende natürliche Landschaftsbild ist die “Cerrado” eine Baumsavanne. Diese wird ergänzt durch dichte saisonal laubabwerfenden Wälder. Trotz der intensiven Landnutzung sehen wir immer wieder Korridore der natürlichen Vegetation. Diese sorgen auch heute noch für eine Fülle an Artenvielfalt. Besonders die Vogelwelt ist hier in reichlichen Farbtönen vertreten.

Angetan haben es uns die Tukane die mit ihren riesigen gelben Schnäbeln recht leicht im Gewirr der Zweige auszumachen sind. Für unser Fotoprojekt von besonderem Interesse sind zwei kleine Naturwunder die von “Bonito” aus touristisch vermarktet werden. Als wir in Amazonien die Aras über uns wegfliegen sahen freuten wir uns zwar über deren Anblick, so richtig in Fotoposition haben wir sie aber nicht bekommen. Etwa fünfzig Kilometer außerhalb von “Bonito” sorgt ein Zufall in der Geologie dafür, das wir diese wunderschönen Vögel doch noch fotogen vor die Linse bekommen.

Die Aras fühlen sich im Tropenwald genauso wohl wie in der Savanne. Hier ist eine riesige Doline entstanden – ein über hundert Meter tiefes Loch im Sandstein. Unterirdische Wasserströme haben im tiefer gelegenen Kalkstein, im Laufe von Millionen Jahren, das Material erodiert und Höhlensysteme geschaffen. Diese sind dann irgendwann durch die Last des darüber liegenden Sandsteins eingestürzt. Um die Doline herum sind einige Hektar natürliche Vegetation erhalten. Somit ist der Besitzer des Landes in der glücklichen Situation hier ein privates Naturschutzgebiet zu etablieren, das nicht nur vom Staat unterstützt wird, sondern durch zahlende Besucher auch noch reichlich Gewinn abwirft.

In den rostroten Sandstein Klippen der Doline nisten Dutzende farbenprächtige rote Aras, die den Einsturzkrater mit lauten Gekreische und allerlei waghalsigen Flugmanövern erfüllen. Bis zu vierzig Brutpaare haben hier ihre Heimat. Die Vögel suchen sich einen Partner mit dem sie dann in der Regel den Rest ihres bis zu sechzig Jahre langen Lebens verbringen. Besonders imposant sind die Massenstarts die den Himmel mit rotblauen Farbtupfern sprenkeln. Dies ist einer jener Orte der sich in meinem Gedächtnis in der Kategorie “magisch” ein Plätzlein sichern und unvergessen bleiben wird.

Doch es sollte noch spektakulärer werden.

 

Bisher haben wir in Brasilien zwei Arten von Flüssen kennen gelernt. Das Schwarzwasser wie im Rio Negro und das helle Weißwasser des Amazonas. Nun wollen wir einen Klarwasser Fluss erkunden. Das Quellgebiet des “Rio de Prata” (Silberfluss) ist umgeben von einem Rest uralten Galeriewaldes mit mächtigen Lianen und dicken Wurzeln. Hier gibt es einen Quelltopf an dem durch Kalkstein gepresstes Grundwasser an die Oberfläche dringt. Der karstige Untergrund filtert das Wasser wodurch es absolut kristallklar wird. Jetzt kommt zum ersten Mal mein Unterwassergehäuse zum Einsatz, welches ich mir extra für die Umsetzung von “Naturwunder Erde” gekauft habe. Hier im flachen Gewässer kann ich wunderbar üben mit den Funktionen des Teiles klarzukommen. Nachdem wir von unserem Guide eingewiesen wurden wie wir uns zu verhalten haben schnorcheln wir los. Wichtig ist das wir mit unseren Füßen den sandigen Grund des Flusses nicht berühren um durch aufwirbelnde Sedimente das Wasser nicht zu verunreinigen.

Schon der erste Blick mit der Taucherbrille unter das Wasser ist spektakulär. Alles ist glasklar sichtbar. Es ist als Blicke man in ein riesiges Aquarium. Eben standen wir noch im von Vogelgezwitscher erfüllten, üppig grünen Urwald und plötzlich befinden wir uns in einer stummen aber bunten, türkis-grünen Unterwasserwelt. Im Wasser liegen umgestürzte Baumstämme und Büsche, die unzähligen Fischchen mit ihrem Geäst Schutz vor grösseren Raubfischen bieten. Im offenen Wasser schwimmen Forellengrosse “Piraputingas” mit ihren schwarzorange gestreiften Schwanzflossen. Sie sind die am häufigsten anzutreffende Fischart, zumindest was die größeren Tiere betrifft. Am Grunde wühlen Karpfenähnliche “Curimbatá” im Schlamm nach Nahrung. Immer wieder sehe ich die bis zu einem Meter langen goldgelben “Dourados” in der Stroemung stehen – der größte Raubfisch und Herrscher dieses Habitats. Langsam gleiten wir über leuchtend grüne Wasserpflanzen-Teppiche hinweg die sich mit felsigen und sandigen Untergrund abwechseln. Je nach Sonneneinstrahlung verändert sich die optische Wahrnehmung dieser Welt unter Wasser. An einer Stelle sehen wir einen großen Schwarm “Curimbatas”.

Es muss sich um eine für die Fische angenehme Strömung handeln, denn als wir die Strecke ein weiteres Mal durchschwimmen sind sie ebenfalls hier. Faszinierend wirken auch die fast gänzlich schwarz gefärbten “Pacús”. Sie sind Fruchtfresser und haben eine fast runde abgeflachte Körperform. Mit ihrem Nussknacker-Gebiss können sie dicke Samen öffnen. So sorgen sie dafür das Planzen auch auf dem Wasserweg Verbreitung finden. Irgendwann erreichen wir den eigentlichen Hauptfluss der deutlich kälter ist und durch seine Wassertiefe und die mit geschwemmten Sedimente eine viel geringere Sicht zulässt. Gespenstergleich stehen die Fische hier schon in zwei Metern kaum noch sichtbar im milchigen Wasser. Eine kurze Bootsfahrt im Abendlicht lässt die überhängenden Zweige der großen Bäume in weiches Abendlicht tauchen. Das Boot wird durch einen leise surrenden Elektromotor angetrieben. Kleine Äffchen klettern durchs Geäst und Vögel flattern über uns hinweg. Für einige Augenblicke kann man vergessen, das schon wenige hundert Meter entfernt die endlose Monotonie moderner Agrarwirtschaft das Landschaftsbild prägt.

 

Etwas westlich von Bonito liegt die “Serra de Bodoquena”, eine bergige Region in der ca. 70.000 Hektar Waldland geschützt sind. Wir haben das Glück das der Leiter des Nationalparks sich einen ganzen Tag Zeit für uns nimmt um uns die Gegend zu zeigen. Luis hat sich bei Ihm nach intakten Savannen Landschaften erkundet und er erklärte sich bereit uns diese zu zeigen. Wir fahren in seinem Geländewagen auf holprigen Schotterpisten entlang des westlichen Endes des Waldes. In den Park selbst kann man nicht. Er ist eine reine Wildnis ohne Wege oder touristische Einrichtungen. Wir passieren auch hier viel landwirtschaftlich genutzte Fläche. In dem hügeligen Gelände fällt die Landnutzung aber viel extensiver aus als im flachen Land. Die Landschaft wirkt auf mich sehr Naturnah, obwohl auch hier immer wieder Rinder zwischen den Palmen und Gewächsen der Baumsavanne glotzen. Es wird schon fast Abend als wir eine Abbruchkante erreichen. Hinter uns steigt ein fast voller Mond über die bewaldeten Berghänge, und vor uns blicken wir in eine endlos wirkende Ebene. Auf den ersten Blick erscheint das Land bewaldet. Doch bei genauerem hinsehen erkannt man, dass die Bäume eher klein sind und es sich hier um eine Baumsavanne handelt. Das Land auf welches wir blicken ist indigenes Gebiet.

Zumindest in dem für uns sichtbaren Bereich haben die Indios ihre Heimat im natürlichen Zustand belassen. Es sind nur wenige Minuten die uns zum fotografieren bleiben. Ein knallroter Sonnenball verschwindet über dem Horizont und kurze Zeit später breitet die Nacht ihr schwarzes Tuch über der Welt.

Blicke in die Ewigkeit (Teil 2) 24.04.2012

Eine Wanderung durch den Tropenwald bedarf zuerst mal der richtigen, inneren Einstellung. Wer sich vor Hitze, Feuchtigkeit, Schmutz und körperlicher Anstrengung scheut, der wird hier ganz gewiss keine Freude haben. Doch, wenn man all diese Dinge als kleinen Einsatz ansieht, den man aushalten kann, dann wird einem die Faszination eines der spannendsten Lebensräume unseres Planeten offenbar.

Ein kleiner Fetzen Plastik hängt vor uns am Ufer in den Zweigen und zeigt den Platz für das Basislager. Von hier aus haben schon einige Gruppen Wissenschaftler den Weg auf die Tafelberge gestartet. Auch wir schlagen hier unser Lager auf. Wie viele Menschen diese Tour vor uns gemacht haben, ist nicht bekannt. Allzu viele waren es sicherlich nicht. Unsere drei brasilianischen Freunde schlafen traditionell in Hängematten die von einer großen Plastikplane überspannt sind, welche den Regen abhalten soll. Damit habe ich mich nie anfreunden können. Irgendwie erscheint mir die Hängematte als zu offen, so das ich aus psychologischen Gründen lieber auf das klassische Zelt zurückgreife. Doch, der Waldboden ist uneben und durchzogen mit Wurzelgeflechten, so das es gar nicht einfach ist, überhaupt einen geeigneten Zeltplatz zu finden. Ich beginne damit eine Stelle von Ästen und Wurzeln zu säubern, als plötzlich eine Handtellergroße Vogelspinne aus einem Astloch plumpst und mir schier das Herz stehen bleibt. Warum reagieren wir nur so überaus ängstlich gegenüber diesen Tieren?

Na ja, wirklich hübsch sind sie nicht. Als mir Luis erzählt, dass sie trotz ihrer vielen Augen fast blind sind, legt sich die Panik. Ich beginne im letzten Tageslicht eine genauere Inspektion dieser faszinierenden Tierart. Wir sehen insgesamt noch zwei weitere, große Vogelspinnen. Eine Art war sogar noch größer als Diese hier, trotzdem ging der Erkenntnis der Ungefährlichkeit immer ein gewaltiger Schreckensmoment voraus.

In dieser Nacht regnet es über einen Zeitraum von mehreren Stunden. Am nächsten Morgen entdecken wir, dass die Wassermenge unser kleines Boot zum absaufen gebracht hat und einige Kanister mit Benzin abgetrieben wurden. Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns zuerst einmal den Fluss abwärts treiben zu lassen, um die Kanister wieder einzusammeln. Zum Glück war klar, dass dies bei den vielen querliegenden Baumstämmen nur eine Frage der Zeit sein würde, bis die Ausreißer eingesammelt werden konnten und einer sicheren Rückreise zum großen Schiff nichts mehr im Wege stehen würde.

Später folgen wir einem kleinen Pfad durch den Wald. Schwere Trekking-Schuhe vermitteln mir ein Gefühl der Sicherheit auf teils uneinsichtigem Grund. Lange, leichte Kleidung schützt mich vor Insekten und der Hut hält in erster Linie den Schweiß davon ab, mir in Sturzbächen ins Gesicht zu laufen. Die ersten fünf Kilometer marschieren wir noch durchs flache Land. Wir haben das eigentliche Gebirge noch nicht erreicht. Der Waldboden ist fast völlig frei von Humus. Er besteht aus einer schlackigen Masse Sand, welche belegt, wie Nährstoffarm die Böden im Amazonas Regenwald sind. Einer der Gründe, warum es so fatal ist, diese Wälder zu zerstören. Mit dem Entfernen der Bäume fehlen auch die Nährstoffe, die nachwachsende Pflanzen mit Energie versorgen. Immer wieder blitzen Farbkleckse im Unterholz auf. Da es keine Jahreszeiten gibt, blühen die Pflanzen sehr unregelmäßig. Es ist immer wieder schön, verschiedenste Blüten zu entdecken. Ins Staunen versetzt mich die Vielfalt an Pilzen die hier am Waldboden oder an totem Gehölz ihren Lebensraum hat.

Kaum eine Form und Farbe die sich die Natur nicht ausgedacht hat. Doch die eigentlichen Herrscher des Dschungels sind die Insekten. Heerscharen von Ameisen durchwandern diesen Lebensraum. Unzählige Lebensformen, ob mit zwei oder zweihundert Füßen, mit zwei oder vielen Flügeln, voller Stacheln und bestückt mit Klauen. Sie Alle erfüllen hier ihre wichtige Aufgabe in unzähligen Kreisläufen dieses Systems.

Nach einigen Stunden beginnt der Aufstieg. Der Pfad folgt einem kleinen Flüsslein, welcher uns mit seinem Verlauf wohl den Weg auf den Gipfel weisen wird. Als es dunkel wird, schlagen wir unser Nachtlager in der Nähe des Baches auf. Mein GPS Gerät verrät uns, dass wir es bis auf eine Höhe von 400 m geschafft haben. Die Hochebene erwarten wir so bei tausend Metern. Dies sollte eigentlich am kommenden Tag zu schaffen sein.

Es gibt nichts Erhabeneres als nach einem langen Wandertag in ständig nasser, verschwitzter Kleidung seinen Hintern ins erfrischende Nass eines Baches tauchen zu können. Wenn man sich nach der Wäsche dann in trockene Kleidung hüllt, fühlt man sich wie neugeboren. Die Nudeln in Soße schmecken daraufhin, wie es köstlicher nicht sein könnte. Viele der Tiere im Regenwald sind nachtaktiv. Wenn nach der – durch die Äquatornähe, schnell einsetzenden Dunkelheit der Tag für uns zu Ende geht, beginnt im Wald ein Großteil der Aktivitäten. Dementsprechend ist auch zu diesem Zeitpunkt die Geräuschkulisse. Luis kommt kaum zur Körperpflege. Was sich allein alles um unser natürliches Waschbecken herum tummelt, lässt ihn erst  einmal verzückt zur Kamera greifen. Mit dem Makroblitz werden dann Wasserspinnen, Frösche und Kröten dokumentiert, bevor das eigentliche Badevergnügen beginnen kann.

Um sechs Uhr geht die Sonne auf. Nach einem kurzen, spartanischen Frühstück packen wir zusammen und machen uns weiter an den Aufstieg. Immer wieder passieren wir große Geröllbrocken, die sich im Laufe der Zeit aus der Steilwand gelöst haben müssen. Sie sind meist mit Pflanzen verschiedenster Art überwachsen. Imposant sind die oft meterlangen Wurzeln, die den Stein umschließen und solange wachsen, bis sie sich im Boden verankern.

Gegen Mittag wird es richtig steil. Wir befinden uns auf einer Höhe von ca. 800 Metern. Große Bäume gibt es hier nicht mehr. Die Vegetation hat sich sichtbar verändert. Flechten und Farne, die bisher nicht vorkamen, wachsen hier an den Steilhängen. Es ist eher Gebüsch als Wald, was in dieser Umgebung überlebensfähig ist. Besonders unsere brasilianischen Freunde, die barfuß oder mit Badeschlappen unterwegs sind freuen sich hier über die befestigten Seile, welche von den Vorgängerexpetitionen zurückgelassen wurden. Dann kommt der Moment auf den wir schon so lange gewartet haben. Der erste freie Ausblick auf die Weite des Regenwaldes. Es ist zwar nur ein kleines Fenster zwischen den Zweigen hindurch- aber, was wir dort sehen, lässt uns den Atem stocken und gibt uns eine Vorfreude darauf, was wir in den kommenden Tagen von den Abbruchkanten des Tepuis (Tafelberg) zu sehen bekommen.


Eine riesige dunkle Wolkenwand trägt Wassermassen heran die sich momentan noch im flachen Land abregnen, uns aber alsbald erreicht haben wird. Es erwischt uns in der Tat genau auf der freien Fläche kurz vor dem endgültigen Erreichen der Hochebene. Da man nicht nasser als nass werden kann, laufen wir einfach weiter. Die Vegetation hier oben ist völlig anders als unten im Wald. Gräser, Kakteen und allerlei Gebüsche durchziehen die zerklüfteten Flächen des fast ebenen Berges.

Es schüttet aus Kübeln als ich plötzlich auf einer Fläche mit sandigen Untergrund etwas allzu Merkwürdiges wahrnehme. Eine fast fünf Zentimeter hohe Wasserfläche hat sich durch den Regen gebildet und darin glotzen mich zwei kleine Krebse an. Krebse auf einem Tafelberg in 1000 Metern Höhe mitten im Regenwald? Ich bin fasziniert! Durch den starken Regen traue ich mich aber nicht die Kamera rauszunehmen um ein Foto von den Gesellen zu machen. Wohl auch, weil ich recht erschöpft bin. Dies habe ich später bitter bereut, denn es sollte das einzige Mal sein, dass ich die Krebse zu Gesicht bekomme. Später wieder in Manaus berichtet uns Carlos, ein Biologenfreund von Luis, der uns diesen Trip auch empfohlen hatte, dass er bei seiner Expedition diese Tiere auch gesehen hatten und es sich wohl um eine bisher unbekannte Spezies handeln muss. Aber, da weder er damals – noch ich hier im Regen, ein Foto geschossen haben, bleibt sie wohl weiterhin unbenannt. Für die Krebse ist das wohl eher ein Segen.

Die Hängematten unserer Freunde finden einen Ort zum Hängen in einem kleinen Taleinschnitt. Durch ihn verläuft ein Bach, der bei unserer Ankunft durch den starken Regen zum rauschenden Fluss angeschwollen ist. Am Ende der Schlucht verschwindet er durch ein Loch im Boden, um irgendwo am Rande des Berges wieder zum Vorschein zu kommen. Hier wachsen sogar einige richtige Bäume, an denen sich die Hängematten leicht befestigen lassen. Nur einen ebenen Platz für ein Zelt gibt es nicht. Etwa zweihundert Meter oberhalb der Schlucht sehen wir eine kleine Geröll-Fläche, die frei von Vegetation ist und sich zum Zelten zu eignen scheint. Sobald der Regen aufgehört hat, machen wir uns an die Errichtung unseres Schlafplatzes. Die Sonne bricht durch die sich auflösenden Wolken und taucht unsere Umgebung in klare Farben und Formen. Wir legen alles triefend Nasse auf den Pflanzen zum Trocknen aus und befreien den künftigen Zeltplatz von allzu spitzem Untergrund. Das Zelt steht an einer schönen Stelle, wo wir sogar, wenn wir uns auf die Zehenspitzen stellen, einen Blick auf die Weiten des Waldes erhaschen können. Doch so richtig Freude haben wir an diesem Platz nicht. Als wir am nächsten Morgen aus dem Zelt kriechen, fallen uns zuerst die endlosen Reihen von Termiten auf, die sich unter, an und auf unserem Zelt bewegen. Als Luis sich dann von seiner Isomatte erhebt, sehen wir die Ameisen innerhalb unseres Zeltes. Durch die Körperbewegung in der Nacht hat sich der dünne Zeltboden (eine Plane hatten wir dummerweise nicht) aufgeraut. Durch dutzende kleiner Löcher kamen nun die fleißigen Ameisen auf der Suche nach was auch immer. Es blieb uns also nichts anderes übrig, als uns einen anderen Ort zum schlafen zu suchen. Wer will sich schon sein Bett mit hunderten von Besuchern teilen. Der einzige wirklich freie Platz war eine Sandfläche, die, wie ich bei der Ankunft unschwer beobachten konnte, bei Regen völlig überschwemmt wurde. Da wir keine andere Wahl hatten, haben wir unser Zelt trotzdem dort aufgeschlagen und dann in klassischer Handarbeit mit Zuhilfenahme einer Machete und einem Stück Wurzel einen klassischen Burggraben um unser Reich gezogen. Nach zwei Stunden waren wir zwar fix und fertig – aber auch stolz auf unser Bauwerk. Insgeheim konnten wir es gar nicht erwarten zu erleben, ob unsere Konstruktion auch in der Lage war, den Wassermassen Paroli zu bieten. Ironischerweise sollte es bis zu unserem Abstieg ein paar Tage später keinen richtig starken Regen mehr geben, so dass wir diese Frage nie beantwortet bekamen.

 

Ansonsten war die Zeit auf dem Tafelberg eine Ansammlung von unvergesslichen Eindrücken. Wir haben drei Standorte ausgemacht, die uns Ausblicke verschafften, die man kaum in Worte fassen kann. Wir durften auf einen Wasserfall blicken, der unweit von unserem Standpunkt fast vierhundert Meter in die Tiefe fällt. An manchen Stellen ist die Steilwand so waagrecht abgefallen, das wir praktisch genau oberhalb der Baumkronen auf den grünen Teppich blickten. Am erhabensten war jedoch der Anblick benachbarter Tafelberge, wie sie sich aus dem endlos erscheinenden Meer an Bäumen erheben.

Dies durften wir über einen Zeitraum von mehreren Tagen erleben. Zu fast allen möglichen Wetterbedingungen und Lichtstimmungen. Der Blick auf einen Teil unserer Erde, der noch nicht von Menschen aus dem Gleichgewicht gebracht wurde. Doch was unterscheidet dieses grüne, von Leben strotzende Meer aus Wald und Wasser von dem Anfangs erwähnten Meer aus Hochhäusern und  Straßen in Sao Paulo, in dem wir Menschen leben? Die Natur befindet sich im Gleichgewicht und weiß genau wie viel Geben und Nehmen nötig ist,um sich zu erhalten. Die von Menschen gemachte Umgebung kann jedoch in ihrer momentanen Struktur nur existieren, wenn sie Raubbau an erstgenannten Lebensräumen betreibt. Diese werden dadurch mehr und mehr dezimiert und degradiert. Wir Menschen haben durch unseren modernen Lebenswandel die natürlichen Kreisläufe längst verlassen und vertrauen auf einer auf Wachstum basierenden Lebensweise. Doch wohin kann endloser Wachstum in einer endlichen Welt anders führen als in die Zerstörung? Momentan profitieren wir noch von der in Jahrmillionen angereicherten Fülle natürlicher Rohstoffe.

Doch viel Spielraum bleibt nicht mehr. Schon heute lassen sich die Auswirkungen unseres unmäßigen Treibens an vielen Orten der Welt in Form von Klimaveränderungen und Artensterben eindeutig nachweisen. Ein gutes Beispiel dafür ist das Land in dem ich mich gerade befinde. Brasilien gilt als eine der aufstrebenden Nationen auf unserer Erde. Ein beeindruckendes Wirtschaftswachstum lässt so manchen Fachmann in der Wirtschaft staunen. Doch worauf beruhen diese Zahlen und Entwicklungen? Auf nichts Anderem als der konsequenten Ausbeutung der natürlichen Rohstoffe dieses riesigen Landes. Zusätzlich mit all den parallel verlaufenden Entwicklungen, die damit einher gehen. Es gibt einige hundert Millionen Profiteure, die als neue Mittelschicht via TV Werbung zu braven Konsumenten geschult werden und viele Millionen, die weiterhin in Armut leben, weil das System keinen Platz für Alle hat. Kompletter Verlierer dabei ist immer die Natur. Leider haben es immer noch Viele nicht verstanden, dass letztendlich wir Alle die großen Verlierer sein werden, denn ohne vorhandene Lebensgrundlagen lässt sich einfach nicht überleben. Man kann zwar an der Börse mit Werten handeln, die frei erfunden sind – erfundene Grundnahrungsmittel und imaginäres Wasser halten uns aber nicht am Leben.

Blicke in die Ewigkeit (Teil 1) 19.04.2012

Mein Blick fällt auf einen Dschungel der ganz besonderen Art.  Ein beständiger Geräuschpegel aus Rumpeln, Rauschen, Hämmern und Hupen dringt an mein Ohr und lässt ahnen, dass es sich hier in der Tat um einen extrem belebten Lebensraum handeln muss. Ich sitze im 24 Stock eines Appartements in der 18 Millionen Metropole Sao Paulo und sehe ein Meer an Häusern und Wolkenkratzern bis zum Horizont. Unter mir, am Eingang zur Straße steht ein Schlagbaum. Uniformierte Wächter sorgen dafür, dass nur diejenigen die Grenze zum Haus überschreiten, welche das Glück haben, zu den wirtschaftlich betuchteren der Gesellschaft zu gehören. Im Moment kuriere ich eine schwere Darminfektion aus und bin nicht undankbar in diesem Refugium die Vorzüge des gehobenen Lebens in Anspruch nehmen zu können. Wir sind auf dem Weg nach Zentralbrasilien und besuchen hier einen Studienkollege von Luis, der hier mit seiner Familie lebt und arbeitet. Ingwertee von “Allnatura” und Zwieback – ich hoffe die Kräfte kehren bald zurück. Zum Glück hat der Körper aber lange genug durchgehalten, um uns ein wirklich wunderbares Abenteuer erleben zu lassen. Ein Rückblick:

Ausgangspunkt ist das kleine Städtchen Barcelos am Ufer des Rio Negro, etwa vierhundert Kilometer nördlich von Manaus.

Knapp 20.000 Einwohner leben hier in einem Teil Amazoniens, der verglichen mit Bereichen im Osten und Süden noch als intakt bezeichnet werden kann. Die Menschen haben das Glück, von endlos scheinenden Rohstoffen umgeben zu sein.  Mit den richtigen Konzepten genutzt, sollte es hier problemlos möglich sein, ein Leben in Wohlstand für Alle zu schaffen. Doch Mamá unser Kapitän und Organisator der vor uns liegenden Expedition attestiert seinen Mitmenschen kaum Umweltbewusstsein. Gefischt und gejagt werde Alles, wessen man habhaft werden kann – nachhaltiges Handeln sei nicht bekannt. Die Götzen der Moderne und klares Zeichen des Fortschritts ist auch hier, wie fast überall auf der Welt, die Plastiktüte. Jedes noch so kleine Teil das man einkauft, wird in eine Plastiktüre eingewickelt. Wir ernten jedes Mal ungläubige Blicke, wenn man den Leuten klarmachen will, dass man die Tüte doch eigentlich gar nicht braucht. Wir sind nicht lange in Barcelos, doch der latente Rassismus gegen die Indigene Bevölkerung ist auch hier nicht zu übersehen. Nicht selten schwanken ältere Männer in Trainingshosen durch die Straße, die eindeutig der Indigenen Volksgruppe zugeordnet werden kann. Der Alkohol ist ein Teufel der – besonders an diesen Menschen – seine wahre, häßliche Fratze zeigt. Es ist traurig, gerade die Indios, die über Jahrtausende innerhalb der Wälder lebten ohne diese zu zerstören, gelten heute als rückständig und minderwertig. Mamá bestätigt uns, dass viele ihre indigenen Wurzeln verleugnen, weil sie sich derer schämen. Wenn diese Menschen wüssten, wie nötig unsere Erde die Weisheit der Naturverbundenheit fernab von Gier und Konsum heute nötig hätte, ich glaube. sie wären stolz auf Ihre Geschichte.

Stunde um Stunde kämpft der Motor von Mamás Schiff gegen die träge vor sich hinfließende Masse an schwarz gefärbtem Wasser an. Die Faszination liegt in der Gleichförmigkeit der Landschaft. Wo sonst auf der Welt bewegt man sich Tage durch eine Szenerie die sich praktisch nicht verändert. Hinter jeder Biegung des Araca Flusses wartet eine neue Kurve, die vom typischen Überschwemmungswald dieses Ökosystems flankiert wird.

In der Regenzeit können diese Wälder bis zu sechs Monate unter Wasser stehen. Der Igapó, wie diese Waldart auch genannt wird, ist in dieser Zeit besonders Artenreich an Fischen. Zwischen den Wurzeln finden sie wohl einen sicheren Lebensraum und ausreichend Nahrung. Es gibt hier Pflanzenarten die monatelang unter Wasser ohne Sauerstoffzufuhr überleben können. Wie dieses Wunder funktioniert, ist bis heute ungeklärt. Hin und wieder passieren wir kleine Ortschaften in denen Menschen auf Basis der Selbstversorgung leben. Kleine Maniokfelder, der Fischreichtum der Flüsse und die Gaben des Waldes sichern ihr Überleben. Ansonsten findet der Kontakt zur Aussenwelt nur über den Fluß statt.

Besonders die tropischen Sonnenuntergänge sind für uns in der Zeit auf dem großen Fluss ein Erlebnis. Gigantische Wolkenberge bauen sich während der meisten Nachmittage auf, die sich dann partiell über dem riesigen, flachen Land des Amazonas-Binoms entleeren. An den meisten Stellen der großen Flüsse bricht die Wasseroberfläche durch die Trägheit des Flusses nicht auf, so dass, ähnlich wie bei einem See zur Windstille, eine perfekte Spiegelung der Wolkenbilder mit der Kamera eingefangen werden kann. Wenn dann von Zeit zu Zeit eine Gruppe Papageien aus den Kronen der Bäume in den Himmel steigt und dabei mächtig krakeelt, läuft mir nicht selten eine kleine Gänsehaut den Rücken hinunter. Irgendwann passieren wir den Äquator und befinden uns für einige Tage auf der nördlichen Halbkugel unseres schönen Planeten.

Nach fünfzig Stunden ist Schluss für Mamás großes Schiff. Wir erreichen eine unscheinbare Stelle an der ein kleinerer Fluss sein braunes Wasser in den bisher von uns gefolgten Araca ergießt. Von nun an geht es auf dem offenen Motorboot weiter, welches bisher vom großen Schiff mitgezogen wurde. Ein Teil der Schiffscrew bleibt zurück. Nur die Gruppe, die mit uns die Besteigung unseres Zielgebirges in Angriff nehmen wird, kommt mit an Bord. Wir sind insgesamt fünf Personen. Von nun an sind wir den Elementen ungeschützt ausgeliefert. Dass es dann während unseres Rückweges über sieben Stunden lang aus vollen Kübeln regnen wird, ahnen wir momentan noch nicht. Die Fahrt im offenen Boot ist intensiv. Der Fluss ist zwischen fünf und fünfzehn Meter breit und schlängelt sich in endlosen Kurven durch den Wald. Nun sind wir diesem Lebensraum sehr nahe. Erstaunlich sind die vielen unterschiedlichen Baumarten, viele davon sind Palmen. Dass der Lauf der Flüsse sich durch die Strömung ständig verändert, sieht man an den vielen querliegenden Baumstämmen, die uns ein Vorwärtskommen sehr erschweren.

Recht oft kommt die Kettensäge zum Einsatz um das schmale Boot an den Hinternissen vorbei oder drunten durch lenken zu können. Streifen wir Äste fallen nicht selten große und kleine Insekten ins Boot, was Luis als Spinnen-Fachmann sehr erfreut. Immer wieder hängen Baumriesen bedrohlich über den Fluss. Ihr Wurzelwerk wurde schon unterspült, doch die Zahlreichen Lianen, Würgefeigen und Gestrüpp anderer Pflanzen halten sie noch für einige Zeit aufrecht. Die Einzigen die sich scheinbar erfolgreich der Kraft des Wassers entgegenstellen sind Palmengruppen, die von der Strömung unbeeindruckt, mitten im Fluss weiter existieren. Die Vielfalt des Lebens ist beeindruckend. Der Tropenwald macht seinem Ruf als artenreichster Lebensraum der Erde alle Ehre. Obwohl wir mit unserem lauten Motor einen Heidenlärm verursachen, bekommen wir viele Tiere zu Gesicht.

Immer wieder huschen Eisvögel an uns vorbei. Sie sind blitzschnell und sehr erfolgreiche Jäger nach kleinen Fischen.

Dass wir am helllichten Tag Fledermäuse über uns flattern sehen, ist dann doch überraschend. Immer wieder blitzt das intensive Blau des Morphos durch die Vegetation. Dieser riesige Schmetterling offenbart seine Schönheit nur im Flug, wenn er seine Schwingen geöffnet hat. Libellen surren entlang der Sandbänke, Reiher sitzen in den Ästen, Raubvögel halten nach Beute Ausschau und sogar Affen konnten wir im Gewirr der Zweige erahnen. Doch immer wieder sind es die Papageien, die uns am meisten begeistern. Ganze Familienverbände flattern über unsere Köpfe hinweg. Durch den bewölkten Himmel, der auf dem Foto jegliche Farbe verhindert, zeichnen sich ihre gelben Körper und blauen Flügen aber meist nur als Silhouetten ab.

Erst bei einer Überbelichtung von zwei bis drei Blenden-Stufen kann man etwas von der Schönheit der Tiere auf der Aufnahme wahrnehmen. Auffällig ist, das die Tiere meist als Paare unterwegs sind und praktisch ständig einen Höllenlärm machen.

Gegen Abend zieht dann über dem Fluss leichter Nebel auf und in dieser mystischen Stimmung erscheint unser Zielgebiet zum ersten Mal in unserem Blickfeld.

Es erheben sich steile Felswände vor uns in den Himmel.  Wir sind am Fusse des “Araca-Gebirges” angekommen. Bis zu 1200 Meter hohe Tafelberge erheben sich hier über dem ansonsten flachen Land des Amazonasbeckens. Ein idealer Ort um die Vielfalt dieses Ökosystems aus allen Perspektiven fotografieren zu können. Nun beginnt unser eigentliches Abenteuer.

Flussläufe 07.04.2012

Während ich diese Zeilen schreibe, prasseln Wassermassen auf die Erde nieder wie wir es uns in Europa nur schwer vorstellen können. Es ist als wären oben im Himmel die Schleusen geöffnet worden um Noahs Arche möglichst schnell zum Einsatz zu bringen. Doch so schnell das Spektakel beginnt, so abrupt hört es wieder auf. Niederschlag in Amazonien zu erleben ist immer auch eine Wohltat – verspricht die niedergehende Wasserwand wohltuende Abkühlung zu schwül heißen Tropenalltag. Besonders hier in Manaus, der pulsierenden Millionenstadt im Herzen des größten Tropenwaldes der Erde, wo ein heißer Sommertag für Reisende zur echten Qual werden kann. Ich bin zusammen mit meinem Freund Luis im Greenpeace Büro in Manaus untergebracht, was uns den Vorteil einer komplett mit Internet und Telefon ausgestattet Basis verschafft. Luis spricht fliesend Portugiesisch und nutz geschickt seine vielen Kontakte aus Jahrelanger Umwelt- und Forschungsarbeit in Brasilien um uns einen möglichst reibungslosen Ablauf der kommenden acht Wochen zu organisieren. Gute Planung ist in einem Land wie Brasilen Gold wert, besonders wenn man das anspruchsvolle Thema “Tropenwald” als fotografische Aufgabe zu meistern hat. Ich freue mich nun endlich der Hauptarbeit meines neuen Projektes “Naturwunder Erde” widmen zu können und werde in den kommenden zwei Jahren versuchen ein möglichst vielseitiges Bild unseres wunderbaren Planeten zu erstellen. Nach Monatelanger Greenpeace-Vortragstour, endlosen Konzeptplanungen und vielen großen und kleinen Investitionen in eine gute Ausrüstung bin ich jetzt richtig heiß auf Abenteuer. Die Jagd nach den Motiven kann beginnen.

Begonnen haben wir unsere Konzeptumsetzung mit einem Flug über den Tropenwald. Dies ist immer riskant, denn das Wetter und die Lichtsituation lassen sich nur schwer planen und einen Piloten zu finden der jederzeit Abrufbereit ist, den gibt mein Budget nicht her. Eine zweite oder gar dritte Chance ist nicht drin, also müssen die zwei Stunden eine möglichst hohe Ausbeute an guten Motiven bringen. Als wir um neun Uhr in der Früh am Bootssteg des kleinen Wasserflugzeuges ankommen, werden wir schon erwartet. Doch selbst der Pilot rät uns von einem frühen Flug ab, zu diesig und flau ist die Luft. Kontraste sind nicht zu erwarten. Also verabreden wir uns auf ein Uhr mittags was uns in eine vierstündige Wartephase bring die zur Tätigkeit des Fotografen dazugehört. Um die Mittagszeit haben sich dramatische Wolkenbänke aufgebaut, am Horizont sehen wir dunkle Gewitterwolken und sich abrechnende Wassermassen. Genau die Stimmung die man als Fotograf eigentlich gerne hätte. Doch dem Pilot ist die Wetterlage zu riskant, außerdem muss er ein Ersatzteil in den Motor-Raum einbauen, so das sich unser Abflug um zwei weitere Stunden auf fünfzehn Uhr verschiebt. Ich werde von Minute zu Minute unruhiger, denn die Regenschauer verschwinden nach und nach und machen einer fast geschlossenen Wolkendecke Platz. Mangels wirklichen Alternativen entscheiden wir uns zum Flug und hoffen auf halbwegs brauchbare Bedingungen.

 

Unser erstes Ziel ist der Zusammenfluss vom Amazonas mit dem Rio Negro. Manaus ist recht Nahe an jenem Ort entstanden wo die zwei riesigen Flusssysteme sich vereinen und dabei besonders aus der Luft ein sehenswertes Schauspiel entsteht. Das schwarze Wasser des Rio Negro trifft auf das hellere Weißwasser des Amazonas. Dies führt zu spektakulären Verwirbelungen. Doch woher bekommen Flüsse ihre Farbe? Der Rio Negro wird gespeist von Zuflüssen aus den nördlichen Bergregionen. Starke Regenfälle waschen säurehaltige Stoffe (Huminsäuren) aus dem Wurzelfilz der Bäume und färben somit das Wasser. Dieses ist ansonsten klar, da die Bodenbeschaffenheit kaum Sedimente hervorbringt welche davongeschwemmt werden könnten. Im Schwarzwasser gibt es wegen des hohen Säuregehalts auch keine Stechmücken. Dies lässt den geneigten Naturfotografen aufhorchen, wollen wir uns doch in den kommenden zwei Wochen auf eine Expedition im Schwarzwasserland begeben. Der Amazonasfluss hingegen fließt über viele hundert Kilometer durchs Tiefland. Der Boden ist reich an Sedimenten, welche durch die Kraft des Wassers davon geschwemmtwerden um sich an der Mündung in den atlantischen Ozean zu entleeren. Diese Sedimente bestehen aus heller Erde und Sand, welche dem Wasser die helle aber trübe Konsistenz verschaffen.

Unter uns breitet sich Manaus aus, eine Stadt die zu meiner Geburtszeit ein etwas größeres Dorf im endlosen Ozean des Waldes war. Bis heute hat sich die Anzahl der Bewohner explosionsartig vermehrt. Die erst vor kurzen eröffnete kilometerlange Brücke über den Rio Negro wird ihren Beitrag dazu leisten, die Region in den kommenden Jahren massiv zu verändern. Besonders die inzwischen zahlreichen Straßen die das Amazonasgebiet inzwischen durchschneiden sind eine große Gefahr für das zwar mächtige, aber sehr sensible Ökosystem. Ob unzählige Kleinbauern die sich mit etwas Land ihr Überleben sichern, Goldsucher die die Flüsse vergiften, Großgrundbesitzer die die Soja- und Rinderfront immer weiter in den Norden treiben um die Bedürfnisse unserer Überflussgesellschaft zu befriedigen, oder staatlich geförderte Staudamm-Projekte die zu Dutzenden geplant sind und riesige Landstriche überschwemmen, Ökosysteme ruinieren und indigene Stämme bedrohen – die Gefahren für das Amazonas Ökosystem sind so allumfassend das es einem schwindelig werden kann.

Inzwischen fliegen wir über einen endlos erscheinenden Teppich aus Wald. Nur an den Flussrändern sehen wir noch vereinzelte Hütten von Siedlern, die hier ihren Alltag meistern. Kaum zu glauben das es inzwischen 24 Millionen Menschen in die eigentlich so lebensfeindliche  Amazonasregion gezogen hat. Dagegen nehmen sich die hundertsiebzigtausend Indios die sich auf unzählige kleine Volksgruppen verteilen fast nicht mal mehr als Minderheit aus. Wir fliegen über den artenreichsten Wald der Erde.


Unzählige Tier und Pflanzenarten beherbergt dieses Binom. Eine Tatsache die man gerne verdrängt wenn es um die Vernichtung des Waldes geht. Man mag gar nicht darüber spekulieren wie viele Lebensformen abseits aller Schlagzeilen tagtäglich in den Flammen der globalen Urwaldvernichtung ein grausames Ende finden. Aus unserer ausgehängten Flugzeugtüre sehen wir unberührte Wälder bis zum Horizont. In solchen Momenten lassen sich die Probleme der Welt recht leicht verdrängen. Auch wenn das Licht alles andere als perfekt ist, gelingen dank moderner Digitaltechnik auch bei hohen Empfindlichkeitseinstellungen noch brauchbare Fotos.

Als wir später über das größte Flussarchipel der Erde fliegen, die typischen langgezogenen Inseln inmitten des Rio Negros, tauchen warme Strahlen der Abendsonne das Land unter uns in helles Licht. In solchen Momenten lässt man sich als Naturfotograf gerne in die Vision einer intakten und gerechten Welt fallen und genießt einfach nur das “Hier und Jetzt”.

 

Wildview läuft unter Wordpress 3.4.2
Anpassung und Design: Gabis Wordpress-Templates