Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Kategorie: Grönland

Fazit 22.08.2009

Ich habe auf dieser Reise viel gelernt und mich ausreichend für meine Arbeit inspirieren lassen, mit ganzer Kraft weiter mitzuhelfen, möglichst viele Menschen von den drohenden Gefahren des Klimawandels aufmerksam zu machen. Noch haben wir Chancen, Schritte in die richtige Richtung zu machen.

Richtig deprimierend ist es, wenn man nach so einer faszinierenden Reise wieder zu Hause durch die Medien stöbert, um zu sehen, was wirklich interessant zu sein scheint. Es ist Wahlkampf in Deutschland, wir stecken mitten in der größten Finanzkrise seit Jahrzehnten und nichts aber auch gar nichts treibt die Menschen zum Thema Klimawandel um. Seit Monaten geht es um die Rettung von OPEL, die Dienstwagenaffäre von Ulla Schmidt und dass sich die FDP und CDU schon jetzt ständig darüber zanken, wie der Wahlsieg für Schwarz-Gelb umzusetzen ist. Das Thema Klimaschutz ist ein Randthema. Vielleicht haben wir es auch nicht anders verdient. Der Planet wird den Menschen sicher überdauern und seine Mitte wieder finden. Was sind schon ein paar Millionen Jahre, für einen Organismus der seit Milliarden Jahren existiert.

Sermilik Fjord (Westgrönland) 20.08.2009

Auch wenn ich bisher immer nur kurze Abschnitte der Kampagnen  begleitet habe bei denen Greenpeace Schiffe im Einsatz sind (2004 in Patagonien & 2006 in Amazonien), so löst es doch immer wieder ein gewisses Gefühl von Stolz aus, wenn man an Bord geht und Teil dieser Gemeinschaft wird. Die Schiffe sind für mich Symbole, die viel über die Arbeit von Greenpeace aussagen. Sie erreichen jeden Ort auf dem Planeten. Da Ausbeutung und Zerstörung oft dort stattfinden, wo das Auge der Tagespresse nicht hinschaut, sind es die Schiffe, die da sind um aufzuklären und Schweinereinen zu verhindern (Sorry für die Wortwahl, aber genau das ist die richtige Ausdrucksweise für die Überfischung unserer Meere und die Zerstörung unserer Urwälder.)

Vom kleinen Ort Tasiilaq nimmt die „Arctic Sunrise“ Kurs auf den großen Sermilik Fjord, in dessen Verlauf ein halbes duzend Gletscher ihre Eismassen ins Wasser kalben. Entsprechend viele Eisberge passieren wir schon am Anfang des Fjords.

Der Hauptgrund dieser Expedition ist es, unabhängigen Wissenschaftlern ihre Forschung zu ermöglichen. Im Jahre 2005 gab es schon einmal eine Expedition. Alte und neue Daten sollen nun miteinander verglichen werden, um fundierte Rückschlüsse ziehen zu können, wie stark die Klimaveränderung auf die Gletscherschmelze Einfluss hat. Von Gordon Hamilton, einem Wissenschaftler der Universität von Maine, erfahren wir, dass sie schon im Jahre 2005 ungläubig gestaunt haben und es kaum glauben konnten was sie an Daten ermittelt haben. Der Helheim Gletscher, der in den Sermilik –Fjord mündet, hat seine Geschwindigkeit zwischen 2004 und Juli 2005 nahezu verdoppelt. Bisher ist die Gletscherschmelze vom Grönlandeis im Bericht des Weltklimarates (IPCC) gar nicht ausreichend berücksichtigt. Was den Anstieg des Meeresspiegels betrifft, hat dieses Eis aber durchaus ein großes Gewicht. Würde die gesamte Eismasse von Grönland auf einmal ins Wasser kippen, hätte dies einen Anstieg von mindestens 6 Metern zur Folge. Schon wesentlich weniger höheres Meerwasser hat für Millionen Menschen verheerende Auswirkungen, denn die meisten Großstädte der Welt sind direkt am Wasser gebaut. Momentan steigt der Meeresspiegel um wenige Millimeter im Jahr, was die Sache für viele Menschen wohl als sehr harmlos erscheinen lässt. Doch Prozesse, die einmal in Fahrt gekommen sind, lassen sich oft nur sehr schwer oder gar zu spät wieder korrigieren. Hat mal jemand versucht eine abgehende Lawine aufzuhalten? So ähnlich verhält es sich leider in vielen Abläufen, die wir durch unser Eingreifen gerade in der Natur anrichten. Seit dem ersten Bericht des Weltklimarates wurden die Prognosen eigentlich ständig zu unseren Ungunsten korrigiert, das heißt die negativen Auswirkungen sind schon heute massiver und die Abläufe schneller als bisher befürchtet.

Was Gordon und sein Team auf unserer Fahrt durch den Fjord messen werden, wird wohl leider  keine frohe Kunde für die Menschheit bringen. An verschiedenen Stellen und Tiefen im Wasser werden Messungen zum Salzgehalt und der Temperatur gemacht.

Geprüft werden soll unter anderem wie stark die durch den Klimawandel veränderten Meeresströmungen Einfluss auf das Gletschereis nehmen. Man vermutet, das deutlich mehr subtropisches Wasser in den Norden gelangt, was die Gletscherschmelze verstärkt.

Das Schiff ist voll mit Menschen. Die kommenden Tage sollen auch dazu genutzt werden, möglichst vielen Fernsehteams aus aller Welt die Gelegenheit zu geben, über diese Thematik zu berichten.

Iris Menn ist Meereskampaignerin bei Greenpeace Deutschland. Sie hat mit ihrer monatelangen Vorarbeit maßgeblich dazu beigetragen, dass diese Expedition durchgeführt wird. Von hier aus bis zum Ende der Expedition in sechs Wochen wird sie an Bord der Arctic Sunrise bleiben. Ihre Hauptaufgabe in den ersten Tagen ist es, die Fernsehteams zu betreuen. Sie muss dafür sorgen, dass die TV Leute (z.B. CNN, ARD, ZDF, RTL etc..) gutes Bildmaterial erstellen können, Interviews mit den Wissenschaftlern geführt werden und sie persönlich mit ihrem Fachwissen die Standpunkte von Greenpeace erläutern kann. (Wer mehr von Iris und der Expedition erfahren will, dem empfehle ich ihren Blog unter www.greenpeace.de/blog)

Für mich ist es sehr aufregend einige Tage diese Abläufe mitzubekommen. Highlight ist ganz klar der Transfer nach Tasiilaq mit dem bordeigenen Hubschrauber. Da nur eine begrenzte Zahl Menschen an Bord übernachten dürfen, gehöre ich zu den  Tagesbesuchern, die die Nacht im Ort verbringen. Es ist grandios, das Meer aus Eisbergen aus der Luft zu sehen. Schade, dass die Transfers zu einem Zeitpunkt stattfinden, an denen die Sonne noch gnadenlos auf das dunkle Wasser und die weißen Eisberge knallt. Dieser hohe Kontrast lässt zwar schöne Dokumentarfotos zu, stimmungsvolle Fotografien, wie ich sie so gerne mache, sind unter diesen Umständen leider unmöglich.

Möwen 16.08.2009

Am kommenden Tag lerne ich David kennen. Er arbeitet im Camp als Handwerker und ist sehr an meiner Arbeit interessiert. Als ich mich am folgenden Abend wieder auf den Weg zum fotografieren mache fragt er ob er mich wohl begleiten könne. Gerne willige ich ein, gegen einen sympathischen Gesprächspartner mit dem man seine Eindrücke teilen kann, ist generell nichts einzuwenden. In etwas abgewandelter Form erwandern wir die gleiche Tour wie am Vortag und ich setze meine Schwerpunkte auf Motive, die am Vortag etwas zu kurz gekommen sind. David erzählt mir aus seinem Leben in Ilulissat. Er ist mit seiner Freundin vor knapp einem Jahr von Dänemark hier nach Grönland gezogen, um sich hier ein Leben aufzubauen. Als ich höre, dass er ein eigenes kleines Boot besitzt, beginnt mein Herz schneller zu schlagen. Es ist toll wenn Dinge unkompliziert von statten gehen. Er kehrt einen Tag später als ich nach Ilulissat zurück und ist gerne bereit, das Abenteuer mit den Möwen mit mir zu wagen. Ich habe etwas Zeit, mich von den doch recht kräftezehrenden Wanderungen zu erholen und treffe David am übernächsten Mittag am Hafen. Dieser ist glücklicherweise zu diesem Zeitpunkt nicht von Eisbergen blockiert, was durchaus hin und wieder vorkommt. Ich habe alle Schichten Kleidung angezogen, die ich dabei habe. Auch wenn es Sommer ist, es erwartet mich drei Stunden regungsloses Sitzen auf einem offenen Motorboot. Da zieht die Kälte durch jede Ritze, die sie finden kann. Die See ist zum Glück recht ruhig. Bei einem so kleinen Boot ist die Fahrt über jede Welle wie ein Schlag ins Kreuz und ähnlich wie beim Reiten ist man hinterher fix und fertig, wenn man nicht darauf trainiert ist. Als wir uns dem Gletscher nähern scheinen alle Träume vom Möwenerlebnis erst einmal ausgeträumt. Vor uns offenbart sich ein völlig anderes Bild als einige Tage zuvor mit dem Touristenschiff.

Der Fjord ist komplett mit Eisstücken verstopft. Durch die Strömung sind diese in ständiger Bewegung, was ein Weiterfahren in einem so kleinen aus Kunststoff bestehenden Boot zu einem wirklichen Risiko macht. Langsam treiben wir in die Eismassen hinein. David ist sich auch nicht sicher wie weit wir gehen können. Diese Menge an Eis hat er noch nie mit seinem Boot befahren. Tapfer schiebt sich unser Kahn Meter um Meter durch die knirschenden Eisbrocken.

In der Ferne sehen wir die Möwen ihre Kreise ziehen und wieder und wieder sehen wir unsere Chancen schwinden, jemals zum Gletscher zu gelangen als sich wieder neue Eismassen zwischen uns und die Vögel pressen. Erst nach zwei Stunden tut sich eine Lücke auf, die uns direkt zu den Tieren an den Rande des Gletschers bringt. Sechs Stunden werden wir Zwei hier verbringen. Dafür hat David meinen aufrichtigen Dank verdient. Jeden Wunsch erfüllt er mir, selbst als ich ihn bitte ganz knapp an den Gletscher heran zu fahren und uns mitten im Gewusel der Tiere zu positionieren. Es sind mindestens drei Möwenarten, die hier nach Nahrung suchen. Der Ablauf ist immer der gleiche. Einige tausend Tiere fliegen dem Gletscher entgegen, lassen sich abrupt ins Wasser fallen, um dort ihre Beute aufzunehmen. Einige Sekunden später sind sie wieder in der Luft, um nach neuem Kleinstgetier Ausschau zu halten. Am Gletscher selbst lassen sie sich dann mit der Strömung wegtreiben, um aus der Distanz wieder auf die Jagd zu gehen. Das Gletschereis ist gefrorener Schnee aus dem Inland, in das viel Luft eingeschlossen ist. Fällt das Eis ins Meer und schmilzt wird diese Luft freigesetzt, was wohl unter Anderem diesen nährstoffreichen Kreislauf in Gang bringt, an dessen Ende der Nahrungskette in diesem Falle die Möwen stehen. Über tausend Mal drücke ich an diesem Tag auf den Auslöser.

Klar das die allermeisten Bilder wieder im Papierkorb landen, denn das ist schwieriges Fototerrain. Alles ist in Bewegung. Mein Schiff schaukelt und die Möwen fliegen ständig in großer Geschwindigkeit um mich herum. Nur kurze Belichtungszeiten von einer 1/1500 sec oder schneller haben eine Chance ein Motiv scharf abzubilden. Je größer die Brennweite ist desto schwerer wird es ein Bild nicht zu verwackeln.

Ich lerne viel an diesem Tag und freue mich später, das nicht alle Bilder in den Papierkorb wandern mussten. Nach Mitternacht erreichen wir Ilulissat. Es ist Freitagabend. Die Straßen sind voll mit aufgestylten Inuit Jugendlichen. In kleinen Gruppen ziehen sie um die Häuser, um zu sehen und gesehen zu werden, was mich schmunzeln lässt. Wir Menschen sind komische Geschöpfe. Eigentlich sind wir doch alle gleich und trotzdem kriegen wir es nicht auf die Reihe, in Frieden miteinander auszukommen. Mir bleiben ein paar Stunden Schlaf bevor mich der Flieger am kommenden Morgen nach Westgrönland bringt, um mich dort für ein paar Tage der Greenpeace Arktisexpedition anzuschließen.

Eqi Gletscher 13.08.2009

Kann man den Klimawandel noch leugnen? Immerhin schmelzen Gletscher schon seit eh und je, nur um dann in einer anderen Zeitperiode wieder zu wachsen. Der Unterschied zu normalen Klimaschwankungen ist schlicht und einfach die Geschwindigkeit mit der die Gletscher heute weltweit verschwinden. Hier am Ilulissat Gletscher verliert der Gletscher 40 m am Tag (zu 28 m in den 80er Jahren). Mit dieser Menge Eis könnte man New York ein Jahr lang mit Frischwasser versorgen. Etwa 70 km nördlich von Ilulissat entlädt sich das Inlandeis durch den Eqi Gletscher. Mit dem Touristenschiff fahre ich ca. 4 Stunden durch die Disco Bucht (stammt vom Wort „Diskus“ ab und nicht vom Tanzlokal). Immer wieder passieren wir Eisberge verschiedenster Größe und treffen auf einen Wal, der uns freundlicherweise seine Schwanzflosse präsentiert. Erstaunlich sind die Größenverhältnisse in Grönland. Sieht man vor sich die Einfahrt in eine neue Fjordpassage, kann es noch bis zu einer Stunde dauern bis das Boot tatsächlich an dieser Stelle angekommen ist. Als die Eisberge wieder zahlreicher werden und wir am Horizont unseren Gletscher zu sehen bekommen, dauert es noch eine ganze Zeit bis wir tatsächlich bis auf wenige hundert Meter an die riesige Eisfläche herangefahren sind. Eine viereinhalb Kilometer breite Eiswand  ragt vor uns auf. Da der Gletscher fast komplett auf der Landfläche kalbt, brechen immer nur relativ kleine Eisbrocken ins Meer. Dies ermöglicht es dem Kapitän überhaupt, so nahe heran zu fahren. Ich traue meinen Augen kaum als ich an einer Stelle tausende von Seevögeln auffliegen sehe. Durch eine unterirdische Strömung und das mit Luft angereicherte Gletschereis ist der Fjord an dieser Stelle sehr nährstoffreich. Bis zu hunderttausend Möwen gehen hier auf Futtersuche. Wenn das Eis bricht gibt es einen lauten Knall, der die Tiere veranlasst, alle auf einmal aufzuschrecken. Wie eine Wand reiht sich in diesen Momenten ein Körper an den nächsten. Leider treibt das Boot weiter weg von diesem Schauspiel, was ich sehr bedauerlich finde. Was gäbe ich dafür, mit einem eigenen Boot hier unterwegs zu sein und diese Szenerie aus nächster Nähe in aller Ruhe zu fotografieren. Nicht weit vom Gletscher entfernt steht eine alte Station, von der in den 50er Jahren aus Expeditionen aufs Inlandeis gestartet wurden. Die Hütte ist in gutem Zustand, und hätten nicht ein paar dumme Touristen ihre Graffittis auf die Wände geschmiert, wäre der Ort ein wunderbares Zeitdokument. Ein Dutzend kleine Holzgebäude sind inzwischen dazugekommen. Hier wird Besuchern Grönland möglichst naturnah ermöglicht. Alle Hütten haben direkten Ausblick auf den Gletscher, was die Touristen mit reichlich Geld bezahlen. Star des Camps ist ein kleiner Polarfuchs.

Für kurze Zeit vergisst er seine Scheu vor uns Menschen und schnappt dankbar die ihm von der Köchin zugeworfenen Fleischbrocken. Ich habe mich für zwei Nächte im Camp eingebucht. Von hier aus kann ich wunderbare Fototouren zum Gletscher und zum Inlandeis unternehmen.

Ich starte abends um sieben nach dem Abendessen und folge einem Pfad entlang der Küstenlinie. Um zum Gletscher zu gelangen muss man einen großen Bogen um eine Lagune machen. Kleine Gruppen Wildgänse schrecken auf als sie mich bemerken. Bis auf das sanfte Rauschen des Windes herrscht eine angenehme Stille. Da der Sommer sich dem Ende neigt, sind die Mosquitos glücklicherweise schon verschwunden. Leider noch voll im Einsatz sind die „Black Flies“, kleine Fliegen, die immer dann wenn es windstill ist, zu hunderten über einen herfallen. Sie machen aus jedem Naturerlebnis eine Herausforderung. Der beste Schutz ist ein Netz, das man sich wie ein Helm über den Kopf stülpt. Ich passiere einen kleinen Bach, der sein Wasser aus den Bergen über die Lagune ins Meer transportiert.

Die Schönheit dieser auf den ersten Blick so kargen Landschaft fällt mir schwer in Worte zu fassen. Unzählige Moos- und Flechtenarten wachsen zwischen dem Geröll, das die Winde und das Eis im Laufe der Jahrmillionen den Bergen abgerungen haben. Besonders im Gegenlicht verzaubert das sanfte Wiegen des Wollgrases.

Die lila Blüten der Grönländischen Nationalblume lassen einen vergessen, dass man sich hier unmittelbar an der Kante zur zweitgrößten Eismasse unseres Planeten befindet. Nach zwei Stunden beginnt der Anstieg entlang der Gletschermuräne hinauf zur großen Eisfläche. Hier macht sich zum ersten Mal mein schwerer Fotorucksack bemerkbar. Ich wandere bis zum höchstmöglichen Punkt von dem ich eigentlich sowohl das Inlandeis als auch den Verlauf des Eqi Gletschers sehen müsste. Genau das sind dann auch die Momente, die so unbezahlbar sind -  die einen jeden Mückenstich und jede körperliche Qual sofort vergessen lassen.

In fast 700 m Höhe nach etlichen Auf- und Abstiegen über verschiedenste Geröllfelder stehe ich dann obenauf. Eis bis zum Horizont, wohin das Auge blicken kann. Dort wo sich der Abfluss zum Gletscher hin verengt wird das Eis immer brüchiger. Ich folge der Abbruchkante entlang des Gletschers. An manchen Stellen stehe ich einige hundert Meter über dem Eis.

Mein Blick schweift über die riesige Masse aus bizarr anmutenden Türmen, Zinnen und Splittern hinaus auf den Fjord bis zum Horizont. Die knallrote Sonne hat ihre lange Tagesreise fast vollendet, und taucht die Welt in wunderschöne Pastelltöne.

Die Kamera bleibt auf dem Stativ und ist im Dauereinsatz. Was für ein Abend; in solch berauschender Umgebung. Alle Probleme der Welt sind für kurze Zeit nicht existent. Es gibt nur mich, meine Kamera, meine Freundin die Abendsonne und die Schönheit von Mutter Erde. Um drei Uhr Nachts falle ich todmüde aber von Zufriedenheit erfüllt in mein mit einem Moschusochsenfell überzogenes Bett. Draußen beginnt die Sonne sich schon wieder auf ihren langen Marsch über das Himmelsgestirn vorzubereiten.

Stimmungen 11.08.2009

Noch imposanter wirkt die Szenerie auf mich als ich am nächsten Abend von Land aus das Naturschauspiel betrachte.

Verlässt man den Ort Ilulissat über einen kleinen Wanderweg, dauert es keine halbe Stunde und man steht direkt vor den Eisbergen. Ich suche mir die höchste Erhebung aus, die sich möglichst nahe an der Wasserstraße befindet und genieße den vor mir liegenden Anblick. Es ist kurz vor 23 Uhr als die Lichtverhältnisse die besten fotografischen Ergebnisse liefern. Die hellgelbe Sonne steht im Westen knapp über dem Horizont und hüllt das Eis in warme Farbtöne. Ich richte die Kamera nach Süden aus und bekomme so einen schönen Kontrast, denn der Himmel ist an dieser Stelle schon dunkler als das blauweiße Eis. Durch den Einsatz eines Polfilters, der ein Teil des Lichtspektrums absorbiert, wird dieser Effekt noch verstärkt.

Jetzt kommt das wirklich Tolle, das wohl jeden Naturfotografen in Verzückung versetzt. Die berühmte „blaue Stunde“, also jene viertel bis halbe Stunde nach Sonnenuntergang wo sich das Restlicht des Tages in schöner Gleichmäßigkeit über die Motive verteilt und magische Lichtstimmungen produziert. Hier dauert sie praktisch die ganze Nacht. Die Sonne versinkt zu dieser Jahreszeit gerade mal knapp unter die Horizontlinie und wandert an ihr entlang, um nach fünf Stunden schon wieder zu erscheinen. Besonders in Küstennähe lassen sich in solch einem Licht schöne silhouettenhafte Motive erstellen.
Es ist lange nach Mitternacht als ich durch das inzwischen schlafende Ilulissat zurück in mein Domizil marschiere. Viel weiß ich nicht über das Leben dieser Menschen, doch es ist unschwer zu erkennen, dass sich auch heute noch große Teile ihres Alltages an den klimatischen Bedingungen ausrichten. Man darf nicht vergessen, dass ein großer Teil des Jahres ganz andere Temperaturen herrschen als jetzt. Dann sind auch die Ränder Grönlands mit Schnee bedeckt und es gibt sogar eine Zeit, in der die Sonne den Weg über den Horizont nicht schafft. Wohl auch um in dieser dunklen Zeit nicht in Depressionen zu verfallen sind die Häuser der Menschen in knalligen Farben bemalt, was sehr schön aussieht.

Am meisten freuen sich wohl die Huskys auf den Winter. Dann werden sie endlich wieder in der für sie herrlich kalten Jahreszeit vor die Schlitten gespannt und dürfen nach Herzenslust laufen. Zu Dutzenden sitzen sie vor den Häusern und immer wieder fängt einer an jämmerlich zu heulen, was dann alle Andere veranlasst, in diese Symphonie mit einzustimmen.

Die Inuit haben es in vielerlei Hinsicht nicht einfach, ihr Leben in der heutigen Zeit selbst zu bestimmen.  Sie müssen ihre Wurzeln als nomadisierende Jäger in enger Verbindung mit der Natur und  dem modernen vom Landesverwalter Dänemark stark europäisch geprägten Leben unter einen Hut bringen. Zusätzlich sind es  die von den Industrienationen verursachten klimatischen Veränderungen unter denen die Menschen stark zu leiden haben, weil ihre traditionelle Lebensweise immer mehr erschwert wird. Durch die immer schneller voranschreitende Eisschmelze werden Nahrungsketten durchbrochen und den  Inuit der Zugriff auf ihre Beutetiere stark erschwert. Was ich aber am perfidesten finde, ist die Tatsache, dass unser westlicher Lebensstil soviel chemische Stoffe produziert, die  hier oben im arktischen Norden weit weg von allen Fabriken das Leben mehr und mehr vergiftet. Die am Ende der Nahrungskette stehenden Wale, Robben und Eisbären nehmen durch ihre Beute Gifte wie Dioxin und Quecksilber auf, welches sich ins  Fettgewebe der Tiere einlagert. Hungern die Tiere baut sich das Fett ab, was zum Teil zu Vergiftungen führen kann. Erst gestern habe ich mit einem Herrn der örtlichen Umweltbehörde gesprochen, der mir von einer Studie erzählt hat, die auf den Farör Inseln erstellt wurde. Demnach wird darin den Inuit komplett abgeraten, überhaupt noch wilde Tiere zu jagen. Die gesundheitlichen Risiken sind einfach schon zu groß. Mal wieder begegne ich einem Volk, das durch  industriell produzierte Nahrung seine Gesundheit beeinträchtigt. Das bestätigt sich leider  auch anhand der zahlreichen übergewichtigen Leute, die hier durch die Straßen laufen.

Ilulissat Eisfjord 10.08.2009

Oberflächlich betrachtet ist Grönland ein riesiger Geröllhaufen mit einer Eisschicht oben drauf. Diese Eisschicht ist bis zu drei Kilometer dick und so schwer, dass sie die Landmasse bis zu 800 m nach unten drückt. Durch Schneefall entsteht neues Eis, welches zusätzlichen Druck erzeugt, der sich über die kalbenden Gletscher am Rande des Landes entlädt. Einer der größten Gletscher der Nordhalbkugel ist der Ilulissat Gletscher. Das abbrechende Eis treibt durch einen 55 km langen Fjord bevor es sich dann, den Strömungen folgend, langsam mit dem Wasser des Ozeans vereint. Die UNESCO hat den Ilulissat Eisfjord zum Weltnaturerbe erklärt.

Mit einem kleinen Touristenboot fahre ich hinaus an die Mündung des Fjords, dort wo sich die riesigen Eisberge aufstauen und so dafür sorgen, dass der komplette Fjord mit Eisstücken gefüllt ist. Vom Kapitän erfahre ich wieso gerade dort wo die Begrenzungen der Landmasse wegfallen, die Eisberge stecken bleiben. Der Grund ist logisch und gleichzeitig faszinierend, zeigt er doch in was für zeitlichen Maßstäben man in der Geologie denken muss. Der Kanal wurde im Laufe der Jahrmillionen durch die Reibungskräfte des abbrechenden Eises auf fast 1000 m Wassertiefe ausgegraben. Am Ende des Fjords gibt es keine Begrenzungen zur Seite, so das dort der Druck wegfällt und die ursprüngliche Wassertiefe von weniger als 200 m die gewaltigen Eisberge erst einmal am Weiterziehen hindert.

Angekommen 08.08.2009

Ich bin im ca. 5000 Einwohner fassenden Städtchen Ilulissat  in West-Grönland angekommen.

Seit nunmehr sechs Jahren bearbeite ich das Ökosystem Wald als fotografisches Thema für Greenpeace.

Ich reise mit meiner Kamera herum und dokumentiere die Schönheit und die Zerstörung unserer Erde. Was mache ich nun hier im völlig baumlosen Norden?

Die Antwort ist simpel: Es ist der alle ökologischen Themen überspannende Klimawandel, der mich veranlasst hat, Teil der Aktionen von Greenpeace in der Arktis zu werden.

Näheres findet Ihr auf www.greenpeace.de im Blog unter Iris Menn.

Nirgendwo sonst auf der Welt zeigen sich die Auswirkungen der Klimaverschiebungen deutlicher als im immer schneller schmelzenden Eis der Polregionen.

Im Dezember diesen Jahres findet in Kopenhagen die Alles entscheidende Klimakonferenz statt, in der ein Nachfolgemodell zur Deklaration von Rio gefunden werden muss.

Es ist vielleicht die letzte Chance der Menschheit sich endlich zu besinnen und gemeinsam die Reduktion der klimaschädlichen Treibhausgase soweit voranzutreiben, dass die Erderwärmung unter den für alle Kreisläufe so kritischen zwei Grad Celsius bleibt.

Ich habe nun knapp zwei Wochen Zeit mich mit dieser Problematik zu beschäftigen, dazuzulernen und schöne Fotos der kargen aber wunderschönen Landschaften Grönlands zu machen.

Ich bin gespannt, was die kommenden Tage für Abenteuer bereithalten.

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