Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Kategorie: Kanada

Plan B 15. September 2011

Eine ereignisreiche Zeit in den „White Mountains“ liegt hinter mir. Es ist mir recht gut gelungen das „Wesen“ des nordischen Waldes in Bildern einzufangen, doch eine Aufgabe ist noch unerreicht. Ich habe, wie zu erwarten war, keine Waldkaribus gesehen, geschweige denn fotografiert. Diese Tiere sind aber für die Greenpeace-Kampagne zur Rettung der letzten Urwälder in Quebec ein wichtiges Symbol. Anhand ihres Verschwindens in weiten Teilen der degradierten, kanadischen Wälder, kann man wunderbar die Wertigkeit einer unberührten Wildnis erkennen. So hatte ich meinen Kollegen vom Greenpeace Büro in Montreal versprochen, alles mir mögliche zu versuchen, Waldkaribus vor die Kamera zu bekommen. Dafür habe ich im Vorfeld einen Ersatzplan zur Region der „weißen Berge“ erarbeitet, der mir dieses Ziel zumindest in realistische Nähe bringen sollte.

Vom französischen Sprachraum in Quebec führt mich mein Weg ins englischsprachige Ontario. Am  Ufer des drittgrößten Sees der Erde, dem „Superior Lake“, blicke ich hinaus aufs Wasser. Mit einer Ausdehnung von bis zu 560 km hat dieser Riese den Charakter eines Ozeans. Ein gravierender Unterschied ist das trinkbare Wasser. In einer Entfernung von 10 km ragen Inseln aus der Gleichförmigkeit des Horizontes in den Himmel. Die Felsengruppe nennt sich „Slate Island“ und ist das Überbleibsel eines vor Urzeiten eingeschlagenen Meteoriten. Bevor er durch die Elemente im Laufe der Jahrmillionen abgeschliffen wurde, hatte der Krater einen Durchmesser von 32 km. Heute bedecken knapp 7000 Hektar Wald die Inseln, die seit 1985 in Form eines „Provincal Park“ geschützt sind. Ein glücklicher Zufall macht „Slate Island“ für mich zum lohnenswerten Reiseziel. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, während eines besonders harten Winters, kam eine Herde Waldkaribus vom Festland über das Eis auf die Inseln. Die Tiere fanden hier reichlich Nahrung und sind geblieben. Um das Jahr 1990 sollen es bis zu 650 Karibus gewesen sein. Da war es nicht verwunderlich, dass es einige Zeit später zu einer großen Reduzierung durch eine Hungersnot gekommen ist. Die Tiere wurden damals auf etwa 100 Exemplare dezimiert. Ein „endlicher“ Lebensraum verträgt nun mal nur eine gewisse Anzahl von „Nutzern“ seiner Kapazitäten.

Im Sommer werden die Inseln gerne von Naturfreunden besucht, die hier mit dem Kanu zwischen den acht Inseln hin und her paddeln. Es ist jetzt Anfang Oktober und die Saison ist vorbei. Nur mit Glück habe ich einen Charter Service gefunden, der bereit war sein Boot nochmals auszupacken, um mich auf die Inseln zu bringen. Gary garantiert mir dann auch, dass ich die kommenden sieben Tage ganz alleine mit den Tieren sein werde. Er setzt mich am Steg nahe einer alten Forsthütte ab, die von einer privaten Initiative restauriert wurde, um Vögeln wie mir Schutz zu bieten. Sonstige touristische Einrichtungen gibt es auf „Slate Island“ nicht. Bis ins Jahr 1940 wurden die Buchten der Inseln als Zwischenlager für große Baumstämme genutzt, die über die Wasserfläche gezogen wurden, um sie in die benachbarte USA zu verkaufen. Ein paar verfallene Stege und verlassene Hütten zeugen heute noch von diesen Tätigkeiten. Um während der kommenden Tage beweglich zu sein, hat Gary mir ein Kanu zur Verfügung gestellt, mit dem ich von Insel zu Insel paddeln kann. Da bin ich nun, umgeben von Wasser und Wald. Die Waldkaribus sind nun in der Nähe und doch meist für mich unsichtbar. Den Rest des ersten Tages verbringe ich damit, mit dem Kanu verschiedene Inseln zu umrunden, um mich mit den Gegebenheiten vertraut zu machen. Ich meide dabei die äußeren Küstenlinien, um mich nicht dem Risiko größerer Wellen auszusetzen.

Der Wald leuchtet im herbstlichen Farbenkleid. Da es hier, wegen der offenen Wasserfläche, recht oft ordentlich windet, weisen manche Bäume schon große Lücken im Blätterdach auf. Der Anteil an Laub und Nadelbäumen ist relativ gleichmäßig verteilt. Mein erstes Karibu sehe ich im Wasser wie es von einer zu einer anderen Insel schwimmt.

Die Männchen mit ihren großen Geweihen sind dabei kaum zu übersehen. Gute Bilder lassen sich aus dem Kanu aber nicht machen. Als ich am Abend in der Hütte sitze, ahne ich bereits, dass es kein Zuckerschlecken werden wird, vernünftige Fotos von diesen Tieren zu bekommen. Der Blick auf eine Karte zeigt mir diverse kleine Seen und Moore auf der Hauptinsel. Es kann sich dabei höchstens um eine Distanz von einem Kilometer vom Ufer zu einem dieser offenen Stellen im Wald handeln. Da ich mir vorstelle, dass die Tiere sich vielleicht gerne an weniger dicht bewachsenen Stellen im Wald aufhalten, beschließe ich am kommenden Morgen dorthin zu wandern. Ich packe mein Tarnzelt und etwas zu Essen in die Fototasche und setze mit dem Kanu über zur Hauptinsel. Nachdem ich das Kanu sicher am Ufer vertaut habe, trete ich ins Dickicht des Waldes ein. Es ist nur etwa ein lächerlicher Kilometer zu bewältigen. Nach einer knappen Stunde gebe ich schweren Herzens auf. Es ist unglaublich, wie dicht und undurchdringlich das Unterholz hier ist. Der Wald weißt ganz viele Merkmale eines Urwaldes auf, ohne wirklich einer zu sein. Das Clearcut Verfahren wurde hier nie zur Anwendung gebracht, doch degradiert ist der Wald allemal. So gibt es durch Windbruch oder Schneefall extrem viele umgeknickte Bäume. An nachwachsenden Stellen stehen die kleinen Fichten so dicht das einem die Zweige ständig das Gesicht verkratzen. Als ich später versuche einen Baum zu erklettern um mich zu orientieren, frage ich mich, wie es die Tiere hier in diesem Wirrwarr überhaupt aushalten. Besonders in den Monaten, in denen ihr Geweih richtig groß gewachsen ist. Später bin ich froh, wieder an der richtigen Stelle das Ufer gefunden zu haben. Durch die hügelige Geografie der Insel verliert man schnell den Überblick. Nun bin ich in den vergangenen acht Jahren durch alle großen Wälder der Erde gewandert, und ausgerechnet diese kleine Insel zwingt mich in die Knie. Zum Glück war ich ja nicht hier um irgend jemand zu beweisen was für ein harter Kerl ich bin, sondern um gute Fotos von Karibus zu machen. Während meines Kampfes mit Ästen und Stämmen habe ich insgesamt fünf Karibus aufgeschreckt, ohne auch nur ansatzweise in deren Nähe zu kommen. Karibus sind eigentlich Herdentiere. Vielleicht ist es die spezielle Geografie dieser Insel, die aus diesen Tieren auf „Slate Island“ Einzelgänger macht. Nur einmal habe ich drei Tiere auf einmal gesehen, ganz häufig sind sie Alleine.

So wird das nichts werden. Im Wald habe ich kaum eine Chance auf Erfolg. Ich brauche einen für mich relativ leicht erreichbaren Ort, an dem ich auf die Tiere warten kann, und es einigermaßen sicher ist, dass er auch von ihnen frequentiert wird. Gary meinte, als er mich auf die Inseln brachte, dass die Tiere immer an den Stellen, welche die kürzeste Distanz zwischen den Ufern haben, hin und her schwimmen. Genau das wird mein Ansatz. Am Morgen des dritten Tages steht mein Plan fest. An einigen Strandabschnitten habe ich zumindest einmal Tiere an Land kommen sehen. Einer davon war so ausgerichtet, dass ich ab dem frühen Nachmittag erträgliches Licht erwarten kann. Bei klarem Wetter wird dieser Teil der Insel direkt von der Abendsonne in warmes Licht getaucht. Den auf einer Nachbarinsel gelegenen Ort erreiche ich, von meinem Camp ausgehend, mit einer halben Stunde kräftigen Paddelns. An einem Felsen, der den Strandverlauf für einige Meter unterbricht, baue ich mit herabhängenden Zweigen und aufgelesenem Todholz ein natürliches Versteck, welches mich vor den Blicken der Tiere schützen soll. Ich bin erstaunt wie scheu die Karibus sind, obwohl sie hier keine natürlichen Feinde haben. Wer gute Tieraufnahmen machen möchte, muss geduldig sein. Nun beginnt für mich das große Warten. Die verbleibenden fünf Tage verbringe ich zwischen sechs und zehn Stunden im Unterstand und hoffe auf den großen Moment, an dem sich gutes Licht mit erwünschtem Motiv vereint. Ich werde täglich ein bis vier Mal Karibus sehen.

Sie kommen entweder aus dem Wald, um die Insel zu verlassen, oder schwimmen heran um wenige Augenblicke später im dichten Unterholz zu verschwinden. Meist passiert für viele Stunden gar nichts. Viele Szenen mit Einzeltieren sind unspektakulär oder das Licht ist nicht schön. Zweimal laufen große Bullen so nah an meinem Versteck vorbei, das ich sie erst wahrnehme als sie schon fast im Wasser verschwunden sind. Tag Vier sollte mein Hauptgewinn sein. Gegen Abend laufen zwei Tiere, vom anderen Ende des Strandes kommend, am Waldrand entlang. Als sie nur noch wenige Meter von mir entfernt sind öffnet sich die Wolkendecke und taucht die Szene in warmes Licht.

Sie vollführen keine dramatischen Bewegungen oder gar Kämpfe, sondern verweilen nur vor der malerischer Waldkulisse. Es sollte meine schönste Komposition bleiben. In der vorletzten Nacht ist der Mond fast gefüllt und nur wenige Wolken ziehen über den Himmel. Schon in den vergangenen Tagen war es mehr Sommer als nahender Winter und für die Jahreszeit und diese Breitengrade viel zu mild. Auf derselben Insel auf der auch mein Fotoversteck liegt, habe ich einen Felsen entdeckt, der aus dem ansonsten geschlossenen Blätterdach ragt. Dort klettere ich zum Tagesende hinauf um zumindest einen Teil der Inselgruppe zu überblicken. Während auf der einen Seite die Sonne im Meer versinkt, erhebt sich gegenüber, mit zartem Schein – der Mond. An diesem Abend verzichte ich auf meine Kanutour zurück ins Camp und schlafe direkt am Strand unter dem Sternenhimmel. Das leichte gleichmäßige Plätschern der Brandung begleitet mich in den Schlaf. Noch in der Dunkelheit steige ich am nächsten Morgen den Berg hinauf um den neuen Tag auf dem Felsen willkommen zu heißen.

Als ich einige Tage später die Fotos der Karibus im kanadischen Greenpeace Büro präsentiere, blicke ich in sehr erfreute Gesichter. Hoffen wir, dass die Kollegen mit ihrer Kampagne zur Rettung der borealen Urwälder erfolgreich sind. Sonst kann es sein, dass in zwanzig Jahren dieser zufällige Lebensraum auf „Slate Island“ eine der wenigen verbleibenden Inseln (in wahrsten Sinne des Wortes) für diese Tiere sein wird.

Farbenspiele 30. September 2011

Der Blick aus der offenen Seitentür des kleinen Wasserflugzeugs „Beaver“ ist in vielerlei Hinsicht gewaltig. Seit fast einer Stunde gleiten wir über die endlos erscheinende Weite der borealen Wälder im kanadischen Quebec. Die bewohnten Regionen haben wir längst hinter uns gelassen, doch der Einfluss des Menschen ist allgegenwärtig. Wegen unseres Hungers nach Rohstoffen fressen sich die Erntemaschinen der Holzkonzerne immer weiter in Richtung Norden und hinterlassen dabei ein Bild der Verwüstung, welches man aus dem Flugzeug mit ungefilterter Wucht zu sehen bekommt. Seit den 1970ern wurde allein in Quebec Urwald auf einer Fläche der sechsfachen Größe Belgiens zerstört. 88% der Staatswälder sind zum Einschlag freigegeben. Über 90 % davon werden im berüchtigten „Clearcut“ Verfahren geerntet.

Alle Bäume verschwinden dabei, zurück bleibt aufgerissener Boden und Ödnis. Weiter im Süden sind inzwischen neue Wälder entstanden. Die Natur kann sich innerhalb dieses Ökosystems teilweise erneuern. Dies ist wohl auch der Grund, weshalb es gerade innerhalb der kanadischen Gesellschaft so schwer ist, die Problematik der völlig überzogenen Holzwirtschaft ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. Der Wald kommt doch zurück, alles halb so schlimm. Wie groß die Unterscheide zwischen den relativ artenarmen Neuwäldern und dem ursprünglichen Urwald sind, sollte ich in den vor mir liegenden Tagen ausreichend zu sehen bekommen.

Irgendwann ändert sich das Bild, die Rohdungsflächen verschwinden und keine Straßen zerschneiden mehr den unter uns liegenden, grünen Teppich aus Bäumen. Das flache Land beginnt sanfte Wellen zu schlagen und am Horizont sehen wir zwischen all den Bäumen, Flüssen und Seen den eine oder anderen Felsen die Baumgrenze überragen. Wir nähern uns langsam den „White Mountains“, dem Ziel unserer Reise. Dieses 14.000 qkm große Gebiet ist einer von zwei verbliebenen großflächigen Urwäldern in Quebec. Eine Insel der Artenvielfalt, umgeben von der Monotonie menschlicher Habsucht. Eine laufende Greenpeace-Kampagne hat zum Ziel dieses Gebiet unbedingt vor der Säge zu bewahren. Hier ist eines der letzten, intakten Brutgebiete der scheuen und vom Aussterben bedrohten Waldkaribus. Ihr Lebensraum ist vom Menschen inzwischen so fragmentiert worden, dass die Tiere zu verschwinden drohen

Mit dem leiser werdenden Propellergeräusch des Flugzeugs, werden auch meine Gedanken über alle Umweltprobleme weniger dominant. Ich stehe am Ufer einer der unzähligen Seen und beginne recht schnell, mit allen Sinnen in diese Wildnis einzutauchen. Mein Blick schweift über die Wasserfläche. Am anderen Ende säumen Fichten das Ufer,die sich wie ein Schutzmantel um die Berge schmiegen.

Hin und wieder sprengen goldene Flecken das Meer aus Grün. Herbstlich gefärbte Birken und Lärchen wachsen in dieser Region nur recht spärlich. Für die kommenden neun Tage ist die Welt für mich „heil“. Harmonie und Gleichgewicht umgeben mich. Alles hat seinen Platz – nichts ist überflüssig oder schädlich. Jeden Tag verbringe ich mit Streifzügen in die Wälder oder paddle mit dem Kanu auf natürlichen Kanälen zwischen den größeren Seen. Damit kann ich meinen Aktionsradius wesentlich erweitern. Als Camp dient mir eine verlassene Blockhütte, in der ich bei Regen Schutz finde und an deren Ofen mir an manch kühlem Abend ein wärmendes Feuer die müden Knochen wärmt.

Wege oder Pfade gibt es keine. Jeder Meter muss erkämpft werden. Wildnis im borealen Wald bedeutet eine üppige Vegetation im Unterholz. Manchmal wegen ihrer Dichte schwer zu durchdringen, manchmal wegen ihrer Schönheit fast zu fragil und verletzlich, um darüber zu trampeln. Dicke Teppiche aus Moosen und Flechten überziehen den Waldboden, Pilze wachsen in vielen Formen und Größen im Moos und auf totem Holz. In strahlendem rot leuchten die Büsche der Blaubeeren, die mit ihrer Frucht wiederum Kontraste setzen. Die Vielfalt der Vegetation in all ihren Formen und Farben wirkt fast berauschend. Erst im Wald erschließt sich dem Wanderer die volle Farbenpracht des Indian Summers. Ich merke sehr schnell, das ich genau zur rechten Zeit in den White Mountains bin. Die Färbung ist massiv und erst gegen Ende meines Aufenthaltes haben die einsetzenden Herbststürme die Blätter von den Bäumen und Büschen so dezimiert, dass die beste Zeit zum Fotografieren vorbei ist.


Wegen des rauen, nördlichen Klimas sind die Bäume nur noch recht mickrig. Selbst Jahrhunderte alte Patriarchen werden hier nicht sehr groß. Umso unverständlicher ist es, dass selbst hier im hohen Norden die Bäume nicht vor der Rohdung sicher sind. Es ist die pure Anzahl, die den Holzfirmen die Gewinne sichern. Millionen kleiner Bäume liefern genug Masse, um die unterschiedlichsten Dinge zu produzieren, welche wir „Verbraucher“ ohne viel Nachzudenken konsumieren, und dann meist nach einmal benutzen, wegschmeißen. Müssen es beim Bäcker für fünf verschiedene Teilchen drei verschiedene Papiertüten sein? Papier zum Hände trocknen für Millionen Angestellte, Schüler oder Reisende in Bürogebäuden, Schulen, Raststädten und anderen Orten des öffentlichen Lebens? Toilettenpapier will ich ja gar nicht in Frage stellen, das brauchen wir. Aber wenn schon dann bitte aus recyceltem Zellstoff. Das spart Wasser & Energie und nimmt den Druck von den letzten Urwäldern. Richtig erschaudern lässt mich der Gedanke, dass gerade im Kampf gegen den Klimawandel das Thema „Biomasse“ eine akute Gefahr für den Urwald geworden ist. Nachdem der Bauboom in Nordamerika wegen der Finanzkrise vorbei ist und kaum noch Holz zum Häuserbau verkauft wird, sehen die Strategen in den Konzernen im Klimaretten ein neues Geschäftsmodell. Wald roden um klimafreundliche Energie zu schaffen! Der Druck auf die Wälder steigt dadurch gewaltig, und zwar weltweit. Dieses Problem ist auch recht schwer in der gesellschaftlichen Diskussion vermittelbar. Die Energiethematik ist extrem vielschichtig, wie man auch an der heimischen Diskussion über Windkraftanlagen sehen kann. Im Prinzip will sie jeder haben – aber bitte nicht vor der eigenen Haustür.

Der höchste Berg in den White Mountains ist etwas mehr als tausend Meter hoch und überragt die Baumgrenze soweit, dass ich von den Gipfeln schöne Blicke über die Landschaft fotografisch festhalten kann. Ich packe neben der Fotoausrüstung Zelt, Schlafsack und ausreichend Nahrungsmittel in den Rucksack und paddle auf die andere Seite des Sees. Der Aufstieg ist mühsam – aber wegen der kleinen Höhenunterschiede von wenigen hundert Metern in knapp zwei Stunden gemeistert. In einer vom Wind geschützten Kuhle schlage ich das Zelt auf, und mache mich dann in aller Ruhe daran auf Motivsuche zu gehen. Auf dem Bergrücken habe ich einen Spielraum von wenigen hundert Metern, so dass schnell klar ist, an welchen Stellen ich mich während der magischen Minuten des Sonnenunterganges aufhalten werde. Die Zeit bis es dann soweit ist verbringe ich mit purem entspannt-sein.

An den Blicken, auf die vom Menschen unberührte Natur, kann man sich kaum satt sehen. Hektisch wird es nur, wenn das Licht dann tatsächlich perfekt ist. Je nach Wolkenlage sind es oft nur kurze Augenblicke. Während denen möchte man dann am Liebsten an allen Stellen gleichzeitig sein. Da heißt es Ruhe bewahren, und ein Motiv nach dem Anderen abarbeiten. Solange, bis das Licht unbrauchbar geworden ist. Selbst nach Sonnenuntergang kann man mit längeren Belichtungszeiten experimentieren, und bekommt je nach Motiv noch erstaunliche Ergebnisse. An diesem Abend bin ich recht zufrieden im Schlafsack verschwunden. Mein kleiner Wecker war gestellt, um vor Sonnenaufgang wieder an der Kante zu stehen und das Licht von der anderen Seite in Motive zu packen. Doch, wie so oft in der Naturfotografie kommt es anders als man denkt oder sich wünscht. Eine dicke Nebelsuppe liegt am Morgen über der Landschaft. Der Blick fällt ins Nichts. Ich schalte den Wecker aus und schaue im Halbschlaf alle paar Minuten aus dem Zelt, ob sich nicht doch noch was tut. Am Ende der Tour bin ich über den Nebel gar nicht unglücklich, denn beim Abstieg erweist sich die graue Soße als perfekte Zutat für atmosphärische Fotos innerhalb des Waldes. So kann man fast jede Wetterlage für bestimmte Aufnahmesituationen nutzen. Nur ein blauer, wolkenloser Himmel ist bei mir äußerst unbeliebt. Der ist nur langweilig und kaum zu gebrauchen.

Gerade die wolkenlosen, langweiligen Tage sind es, die mir aufregende, unvergessliche Nächte beschert haben. Die klare Luft sorgt für ein absolutes Spektakel am Nachthimmel. Es ist kurz nach Neumond. Kein überflüssiges Streulicht trübt die Leuchtkraft der unendlichen Sternenmeere über mir. Die alten mit Flechten behangenen Bäume bilden skurrile Silhouetten und schaffen mystische Motive. Als dann im Norden die „Aurora Borealis“ ihren lautlosen Tanz beginnt und grüne und rote Schleier über den Nachthimmel zaubert, ist das an Intensität fast nicht zu steigern.

Es ist in dieser Nacht absolut Windstill und die Ruhe wirkt fast körperlich greifbar. Ein Kauz sitzt nur wenige Meter über mir auf einen Ast und lässt sich durch das Klicken meiner Kamera nicht aus der Ruhe bringen. Bis spät in der Nacht wandle ich zwischen den stummen hölzernen Kameraden umher, genieße das Schauspiel  und probiere verschiedene Aufnahmetechniken aus. So hält jeder Tag große und kleine Wunder für mich bereit und macht den Aufenthalt in den White Mountains absolut zauberhaft.

Als dann am letzten Abend ein leichter Nieselregen einsetzt, der mit zunehmender Kälte in Schnee übergeht, habe ich beim Einschlafen eine Vorahnung. Der kommende Morgen könnte die Motivpalette nochmals um eine weitere Facette bereichern. Ich kann mein Glück kaum fassen als ich dann wenige Stunden später, noch vor Sonnenaufgang, durch eine völlig veränderte Umwelt laufe. Einem Seidenschal gleich hat sich eine zarte weiße Schneeschicht über die Welt gelegt.

Die Luft ist glasklar und das, durch das neue Element durchschimmernde Herbstkleid der Natur, setzt tolle Kontraste. Immer nur an wenigen Augenblicken blitzt später die Sonne durch die Wolken und bringt Farben zum Leuchten. Als ich nach fünf Stunden erschöpft und zufrieden zum Camp zurückkehre, ist der Winter schon wieder verschwunden. Die Kraft der Sonne hat sich nochmals durchgesetzt und es bei einer kurzen Ahnung belassen, wie es hier in den kommenden Monaten aussehen wird. Während ich wieder im Flugzeug sitze und nach einiger Zeit die ersten Forststraßen sehe, sind Klopapier, Kaffeebecher & Co. sofort wieder ganz präsent.

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