Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Kategorie: Kroatien

Ein Wald wie aus dem Märchenbuch – Corcova Uvala 19.10.2009

Ich würde schätzen, dass 99,9% aller Besucher die in den Nationalpark Plitvicer Seen fahren nur Augen für die, zugegebenen großartigen Seen und Wasserfälle haben. Dabei besteht der fast 300 qkm große und gleichzeitig größte Nationalpark Kroatiens nur aus 0,7% Wasserfläche. Fast drei Viertel der Karstberge sind mit dichten Mischwäldern überzogen, die durch frühzeitige Schutzmaßnahmen und einer fehlenden industriellen Holzwirtschaft einen sehr naturnahen Zustand besitzen. Das Kronjuwel des Parks ist für mich (als Urwaldfotograf) ganz klar das Spezialreservat „Corcova Uvala“. Ich habe in den vergangenen Jahren wahrlich viele Wälder auf unserer Erde kennen gelernt. Doch dieser Wald ist etwas wirklich Besonderes. Die Schönheit und die überall spürbare Präsenz des vielfältigen Lebens haben mich total gefangen genommen.

Corkova Uvala  2869

Wer erfahren möchte was das Ökosystem Wald wirklich ausmacht, der sollte einmal im Leben unter den Kronen dieser jahrhunderte alten Bäume gestanden haben. Wenn ich mir vorstelle wie arm und amputiert dagegen der gängige Forst vegetiert, könnte man fast wütend werden. Alle urwaldtypischen Merkmale sind hier auch für den Laien sehr schnell zu erkennen. Im Wald wird man Zeuge aller Lebensphasen der Bäume. Mächtige jahrhunderte alte Laub und Nadelbäume wachsen auf den kargen Böden des steinigen Karst. Dazwischen steht immer wieder ein längst abgestorbener Riese, dessen unzählige Löcher im Stamm darauf schließen lassen, dass sich Vögel hier ihre Nahrung suchen. Ob durch Verwitterung, Schneefall oder Stürme, irgendwann fallen sie auf den Boden. Im Naturwald bleiben die Bäume liegen, um in der Zersetzungsphase den Kreislauf ihres Pflanzenlebens zu schließen. Dabei bilden sie Lebensraum für Pilze, Flechten und Moose.

Corkova Uvala  2867

Neue Bäumchen wachsen auf den Körpern der Alten und nutzen deren Nährstoffe. Hier in der Urwaldgesellschaft kann man einen ganz wichtigen Unterschied zu unserer menschlichen Gesellschaft erkennen. Dieser wird wohl letztendlich ausschlaggebend sein warum die Natur überlebt, der Mensch aber, wenn er so weiter macht, leider nicht. In der Wildnis fällt kein Müll an. Alles bleibt innerhalb des Kreislaufes aus Werden und Vergehen. Jede noch so kleine Kleinigkeit wird genutzt und umgewandelt. Die Natur ist zu hundert Prozent nachhaltig. Das müssen wir wieder lernen wenn wir langfristig überlebensfähig bleiben wollen. Ein weiteres Merkmal eines Waldes, der seinen eigenen Gesetzen folgen darf, ist die relativ große Distanz in der die Bäume voneinander entfernt wachsen. Es ist überhaupt kein Problem durch das Unterholz zu schlendern, selbst die Jungtriebe überwuchern nur an wenigen Stellen den Boden. Der „Corcova Uvala“ ist ein Mischwald wie er eigentlich in weiten Teilen Europas vorkommen müsste. Fast fünfzig Prozent sind Buchen, gefolgt von Tannen, Wachholderbäumen und dem Ahorn. Als ich zum ersten Mal in diesen Wald gelaufen bin habe ich die Nadelbäume automatisch für Fichten gehalten. Erst als mein Blick auf die kleinen Jungtriebe fiel ist mir aufgefallen, dass die Nadeln abgerundet und weich waren. „Oh Tannenbaum, so grün sind deine Blätter“. Durch den Fichtenwahn, der vor einigen Jahrzehnten fast sämtliche Forstleute in Europa befiehl (schnelles Wachstum = größerer Gewinn) hat man sich schon so damit abgefunden auch außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes auf diesen Baum zu stoßen, dass  man fast überrascht ist wenn alles so ist, wie es sein sollte. Junge Tannentriebe müssen in unseren Wäldern eingezäunt werden, um sie vor dem Verbiss durch Rotwild zu schützen. Da ihre natürlichen Feinde wie Wölfe und Bären bei uns ausgerottet wurden, gibt es im Forst viel zu viele Rehe und Hirsche, die die Erneuerung so mancher Baumart verhindern. Zusätzlich werden die Tiere bei uns im Winter noch künstlich gefüttert. Ich behaupte mal, dass dies nicht aus reiner Tierliebe praktiziert wird, sondern dass so manch kühner Jäger genug Material vor die Flinte bekommt. Hier in den Wäldern des Nationalparks streifen noch Raubtiere durchs Unterholz. Gesehen habe ich sie natürlich nicht. Nur der von Wildschweinen mit der Schnauze aufgewühlte Laubboden lässt auf die Präsenz größerer Tiere schließen. Die Kreisläufe sind intakt, Tiere und Pflanzen leben in Balance.

Corkova Uvala  2870

Was den Wald hier so zauberhaft erscheinen lässt ist seine geografische Lage. Zwischen drei bis zu tausend Meter hohen Berggipfeln fallen die Hänge zum Teil recht steil ab. Immer wieder formt der steinige Untergrund kraterähnliche Löcher und Trichter, deren tiefste Stellen meist von einem besonders mächtigen Baum dominiert wird. Nährstoffreicher Humus ist knapp, die Bäume suchen sich alle möglichen und unmöglichen Stellen zum wachsen. Luftwurzeln wachsen über Felsen, die mit Moosen überzogen sind. Uralte Baumstümpfe die kurz vor der Zersetzung stehen sind mit hunderten von Pilzen überzogen. Während Buchen und das Ahorn relativ schnell verrotten und zu Humus werden, kann die Zersetzungsphase bei Tannen bis zu achtzig Jahre dauern. Diskusförmige Baumpilze wachsen horizontal an alten Stämmen. Fällt der Stamm zu Boden, passen die Pilze ihr Wachstum automatisch an und wachsen um neunzig Grad versetzt weiter. Das sieht ziemlich skurril aus. Es gibt fünfundsiebzig endemische Pflanzenarten im Nationalpark. Endemisch bedeutet, dass sie nur hier in der Region wachsen und sonst nirgends auf der Welt. Urwälder haben naturgemäß die größtmögliche Artenvielfalt. Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir endlich anfangen wieder mehr Wälder aus der Nutzung zu  nehmen. Bis zu siebenhundert Jahre kann der komplette Lebenskreis einer Tanne in den Karstbergen hier im Süden Europas dauern. Die Buche ist da mit maximal dreihundert Jahren relativ kurzlebig. Groß ist das Urwaldreservat nicht, eigentlich nur lächerliche achtzig Hektar. Doch selbst am dritten Tag hab ich noch nicht ansatzweise alle Regionen erkundet. Manche Stellen im Wald sind so schön, dass eine Stunde vergangen ist bis ich alle Motive im Kasten habe ,die ich durch mein inneres Auge entdeckt habe.

Corkova Uvala  2866

Ich werde in Zukunft wohl genauer hinschauen, bis ich einem Wald tatsächlich das „Ur“ abnehme. In vielen naturnahen Wäldern sieht man einfach nicht so viele große alte Bäume auf dem Boden liegen. Es dauert viele Jahrhunderte bis man in einem Gebiet sämtliche Phasen des Lebenszyklus Wald auch wirklich erkennen kann. Hier im „Corcova Uvala“ ist dies der Fall, und es ist großartig. Manch ein Wald wird zur Zeit aus der Nutzung genommen. Je länger die Sägen schweigen, desto größer werden die urwaldähnlichen Merkmale, je größer die natürliche Gesundung der Flora und Fauna. Viele meiner Ziele die ich für dieses Waldprojekt besuchen werde, sind solche Wälder. Die Urwälder von „übermorgen“. Bis zum jetzigen Zeitpunkt ist dieser kleine Flecken hier in Kroatien mein Lieblingswald. Ich freue mich, dass ich seinen Zauber entdecken durfte. Gleichzeitig bin ich aber auch traurig, wie wenig solcher magischer Orte in unserer modernen Welt noch existieren.

Wo einst Winnetou den Heldentod starb 16.10.09

Eine Woche ist seit meinem letzten Eintrag vergangen. Ich bin zurück an den Plitvicer Seen.

Plitvicer Seen  2626

Am deutlichsten bemerkbar macht sich die Veränderung zur letzten Woche in den inzwischen frostigen Temperaturen. Bei bis zu sommerlichen 24 Grad war die Arbeit neulich locker in kurzen Hosen zu bewältigen. Nun ist eine der ersten Handlungen wenn ich morgens kurz vor Sechs aus dem Bett falle, in warme Unterhosen zu schlüpfen und alles dreifach anzuziehen.

Plitvicer Seen  2625

Der Nachtfrost brachte ein bisschen bräunliche Farbtöne in die Buchenwälder, von einer Symphonie oder gar einem Farbenrausch sind wir aber nach wie vor weit entfernt. Der wird dieses Jahr auch ausbleiben, davon bin ich inzwischen überzeugt. An den Stellen, wo oft Winde wehen, liegen inzwischen zu viele Blätter vertrocknet und erfroren am Boden. Erstaunlicherweise ist innerhalb des Waldes fast noch keine Färbung eingetreten. Da heißt es das Beste draus machen. Es ist ja nicht so, dass deshalb keine schönen Bilder möglich sind. Vorgestern war so ein Moment wie ich es mir wünsche. Zwischen vereinzelten Sonnenphasen zogen immer wieder kurze Schneeschauer über die Landschaft. Ich befand mich zu dem Zeitpunkt am Ende der Seen, wo sich das Wasser im Fluss Korana seinen Weg durch einen schönen Canyon bahnt. Die Schneewolken standen wie ein riesiger Aufhellschirm über dem Canyon, während hinter mir der inzwischen wieder freie Himmel helles Licht aussandte. So wurde mein Motiv perfekt gleichmäßig und ohne große störende Kontraste ausgeleuchtet.

Plitvicer Seen  2623

Während meiner Ausbildung, als ich im Studio lernte technische Geräte zu fotografieren, haben wir die Methode mit dem indirekten, weichen Licht auch oft angewendet. Nur waren dort die Aufheller keine Wolkenberge sondern kleine Pappen oder Styroporplatten. Das Prinzip ist aber dasselbe. Auch wenn die Wetterverhältnisse nicht immer perfekt sind (wo sind sie das schon?) bin ich nach wie vor von dieser großartigen Landschaft begeistert. Übrigens haben die meisten von uns schon mal einen Blick auf dieses Naturparadies geworfen. Wer kennt sie nicht, die Abenteuerfilme schlechthin aus unserer Kindheit. Der Schatz im Silbersee wurde hier versenkt und Winnetou durfte in den Felsen der Karstlandschaft zum Blutsbruder von Old Shatterhand werden. Die Szene, als der größte aller Indianer erschossen wurde, hat bei mir ein regelrechtes Trauma ausgelöst. Auch in späteren Zeiten in meiner Jugend hab ich immer weggeschaut als es passierte. Überhaupt war nur eine Filmszene für mich noch schlimmer zu ertragen. Nämlich als der blöde Soldat in Kevin Costners „Der mit dem Wolf tanzt“ völlig sinnfrei den Wolf erschoss. Ich hab Rotz und Wasser geheult, und für mich war klar, dass ich immer auf der Seite der Wölfe stehen werde. Zurück zum Nationalpark.

Plitvicer Seen  2624

Der hat zwar die berühmten Seen und Wasserfälle, ist aber in allererster Linie ein riesiger naturnaher Wald. Irgendwo zwischen den bis zu tausend Meter hohen Bergen befindet sich das Totalreservat Corkova Uvala. Es ist ein Überbleibsel echten alten Waldes, das ich mir nun etwas näher anschauen werde.

Eine Annäherung an die Plitvicer Seen 08.10.2009

Gäbe es sie nicht, müsste man sie erfinden. Dass sich hier jährlich 800.000 Menschen über die Stege schieben, kann man als lästig bezeichnen, ist aber ein Zeichen für die Einzigartigkeit der Seenlandschaft im Nationalpark Plitvicer Seen. Kaskadenförmig sind 16 kleine und größere Seen angeordnet, eingerahmt von Hügelketten die mit urwaldartigen Mischwäldern bewachsen sind. Natürliche Barrieren aus Kalk, die durch unterirdische Karstzuflüsse entstehen, trennen die einzelnen Seebecken voneinander. Insgesamt beträgt der Höhenunterschied vom ersten bis zum letzten See 133 Meter.

Blog Plitviver Seen  173

Das fließende Wasser bahnt sich seinen Weg durch Löcher im Karst oder fällt über die Gesteinskanten als wunderschöne Fälle in das nächste Becken. Von der UNESCO ist dieses Gebiet wegen seiner Einzigartigkeit als Weltnaturerbe anerkannt worden. Die Anreise zum Park von Slowenien kommend ist für uns ein Wechselspiel der Emotionen. Wir fahren auf kleinen, fast zur Gänze leeren Straßen und  durchqueren eine Landschaft, deren Bergzüge mit naturbelassenen endlos erscheinenden Wäldern bedeckt ist. Bäche und Flüsse folgen ihrem natürlichen Lauf und heideartige Wiesen zeugen von wenigen menschlichen Aktivitäten. Dass dies zum Teil auch einen wirklich traurigen Hintergrund hat, sehen wir immer dann wenn wir durch kleine und kleinste Ortschaften kommen, in denen Häuser bis auf die Grundmauern niedergebrannt sind oder zumindest dutzende Einschusslöcher in den Wänden aufweisen. Es ist noch keine 20 Jahre her da schlugen sich die einzelnen Völker im sich auflösenden Staatenverbund Jugoslawien für einige Jahre die Köpfe ein. Mitten in Europa, keine 6 Autostunden von uns entfernt. Zehntausende wurden getötet oder aus ihrer Heimat vertrieben. Viele Häuser sind inzwischen wieder aufgebaut worden, stehen aber unverputzt in der Landschaft. Für mich und Elly, die  beide nie haben „Kugeln pfeifen hören“ (was für ein Glück) sind das sehr nachdenkliche Stunden. Uns wird bewusst wie wenig selbstverständlich es für viele Menschen ist, in Frieden und Wohlstand aufzuwachsen und ein Leben in wirklicher Freiheit leben zu dürfen. Im Nationalpark verschwinden diese Gedanken und wir sind begeistert über die intakte Natur. In den glasklaren Seen schwimmen Forellen und Elritzen.

Blog Plitviver Seen  172

Im Sonnenlicht sieht es fast so aus als würden die Fische in der Luft schweben. Dadurch das man die Besonderheit dieses Gebietes früh erkannt und entsprechend geschützt hat, haben sich in diesem Ökosystem so gut wie alle Tierarten erhalten, die auch schon vor Ankunft der Menschen hier ihren Lebensraum hatten. Es ist schön zu wissen, das nach wie vor Bären, Wölfe und Luchse durch die Wälder streifen, und Steinadler ihre Kreise über den Wipfeln ziehen. Ein Großteil der Besucher besteht aus Reisegruppen, die mit Bussen angefahren kommen. Es gibt zwei, drei Hauptrouten, auf denen ca. 90 Prozent der Menschenmassen über Holzstege und mit Elektrobooten durch die Wald und Seenwelt geleitet werden. Wenn man es geschickt anstellt, kann man dem Großteil des Ansturms ausweichen. Nachdem wir die Gegend zwei Tage lang erkundet haben, sind mir all die Plätze bekannt auf denen die schönen Motive fotografiert werden können.

Blog Plitviver Seen  174

Wir starten vor Sonnenaufgang und laufen noch im Dunkeln durch den Wald, um im Morgengrauen an der richtigen Stelle zu stehen. Die Pristavci Fälle sind eines der fotografischen Highlights, die im ersten Morgenlicht in ihrer ganzen Schönheit erstrahlen. Seit drei Tagen knallt direktes Sonnenlicht vom wolkenlosen Himmel, so dass ich eigentlich nur am frühen Morgen und späten Abend eine Chance auf einigermaßen brauchbares Fotolicht habe. Dreimal hintereinander stehe ich zum Sonnenaufgang an meinem Aussichtspunkt. Am ersten Morgen bricht das Gewinde in meinem Stativkopf.  Am zweiten Tag habe ich den Kugelkopf mit Klebeband halbwegs auf dem Stativ fixiert. Doch nur in absolut gerader Stellung der Kamera kann ich überhaupt Fotos machen. Neben dem zu harten Licht während des Tages, schlägt der wohl auch hier in Südeuropa viel zu trockene Sommer voll durch und verhindert die für diese Jahreszeit typischen Herbstfarben des Laubes. Nur an den Stellen wo der Wind über die Seen pfeift sind einige Ahornbäume bereits gelb und vereinzelte Büsche setzen rot leuchtende Farbtupfer.

Blog Plitviver Seen  171

Viel zu viele Blätter hängen vertrocknet an den Ästen oder sind schon abgefallen. Die am häufigsten wachsende Baumart neben der Fichte ist die Buche. Ihre Blätter sind besonders innerhalb des Waldes noch komplett grün und vermitteln alles andere als herbstlichen Farbenrausch. Erst für kommende Woche sind herbstliche Temperaturen und Regen vorausgesagt. Also nutze ich die Zeit für Erkundungen im Umfeld des Nationalparks um dann, wenn Licht und Motiv stimmen, bereit zu sein. Leider ist die freie Zeit meiner Freundin Elly schon wieder vorbei. Ich begleite sie Richtung Heimat, um gleichzeitig kaputte Teile meiner Ausrüstung auszutauschen und fotografierte Bilder zu sichern. Die kommenden zwei Wochen werde ich wieder alleine auf Motivjagd gehen. Von den Plitvicer Seen wird man noch von mir hören.

Wildview läuft unter Wordpress 3.4.2
Anpassung und Design: Gabis Wordpress-Templates