Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Kategorie: Road to Copenhagen

Gedanken zum Jahreswechsel 01.01.2010

Seit meinem letzten Blogeintrag sind einige Wochen vergangen. Auf diesem Wege möchte ich Allen, die so freundlich sind meine Texte hier auf wildview.de zu lesen, ein gesundes, erfülltes und friedliches neues Jahr wünschen. Bevor ich wieder über meine fotografischen Erlebnisse berichte, möchte ich eine kleine Brücke zu meinem letzen Eintrag aus Kopenhagen bauen, um diese Ereignisse, die ja meine Arbeit maßgeblich prägen, nicht unkommentiert zu lassen.

Nachwort  052

Die Hoffnung, dass sich die auf der Klimakonferenz versammelten Repräsentanten der Menschheit auf eine vernünftige zukunftweisende Lebensformel haben einigen können hat sich nicht erfüllt. Im Gegenteil, kurzsichtiger und egoistischer hätte das Mammuttreffen nicht scheitern können. Zum Einen wollten sich die Vertreter der ärmeren Länder nicht ein weiteres Mal von den Industrienationen übervorteilt fühlen, was ich sehr gut verstehen kann. Zum Anderen hatten die Vertreter der wahren „Global Player“, wie z.B. die Energiekonzerne, ihre Leute an den richtigen Stellen platziert. So blieb auch ein so mächtiger Mann wie Amerikas Präsident Obama blass und tatenlos. Ganz zu schweigen vom Unwillen chinesischer Vertreter, die sich ihren Aufschwung zur wirtschaftlichen Weltherrschaft nicht ausbremsen lassen wollen. Solange jeder das Riesenreich China als Billigfabrik missbraucht, von wo aus die restliche Welt mit allem möglichen und unmöglichem Ramsch versorgt wird, sind auch die halbwegs empörten Aufschreie vereinzelter Politiker über die uneinsichtigen Chinesen nur purer Zynismus. Würden wir den ganzen Mist den wir mit einem „Made in China“ Label kaufen auch selber produzieren, wäre unsere Ökobilanz noch viel verheerender als sie sowieso schon ist. Zumindest wäre sie dann ehrlicher und würde zeigen, dass nicht der durchschnittliche Chinese mit seinem Lebensstil den Planeten kaputtmacht, sondern wir so „umweltbewussten“ Westler. Da die Hoffnung bekanntlich zuletzt stirbt, sollten wir den Kopf nun nicht in den Sand stecken. Doch viel Zeit bleibt uns nicht. Denn der Spielraum zu handeln wird immer kleiner. Ich bin überzeugt, das wir vieles von dem was heute auf dem Planeten existiert schon in naher Zukunft starken Veränderungen unterzogen sein wird.

Nachwort  053

Wir haben schon Abläufe in Gang gebracht die nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Allenfalls abgemildert. Ob es in Zukunft noch Korallenriffe und Gletschergebiete auf der Erde geben wird, die uns Menschen mit Nahrung und Trinkwasser versorgen, muss schon heute stark bezweifelt werden. Trotzdem müssen wir retten was zu retten ist, denn wir sind eine Spezies, die sich nach wie vor fleißig reproduziert und sogar vermehrt. Im Namen derer die nach uns kommen, gilt es heute zu handeln. So einfach ist das. Lasst uns endlich aus unserem konsumvernebelten Wachkoma erwachen und den Weg in die nachhaltige Gesellschaftsform antreten.

Weckruf in Kopenhagen 13.12.2009

Kopenhagen  5275

Was für eine Kraftquelle. Ich habe mich an einem Lichtmasten drei Meter nach oben geschoben und sehe eine endlos erscheinende Karawane an mir vorbeiziehen. Bis zum Horizont bewegt sich diese Menschenmenge.

Kopenhagen  5273

Viele marschieren laut singend, nach Trommeln tanzend, die Laola Welle formend, oder einfach nur schweigend durch die Straßen der dänischen Hauptstadt Kopenhagen. Es ist ein lebensfrohes Bild. Junge und alte Menschen sind aus aller Welt angereist um hier mit fantasievollen Kostümen, geschmückten Wagen und jeder Menge Fahnen, Schildern und Bannern ihre Meinung kund zu tun. Es gibt Momente da habe ich fast wässrige Augen vor Freude.

Kopenhagen  5274

Zum ersten Mal seitdem ich mich mit dem Thema Klimawandel beschäftige habe ich das Gefühl, dass ich kein Exot mehr bin. Dass unsere Spezies nicht zum größten Teil aus Ignoranten, Gierhälsen und Egoisten besteht. Mit bis zu 50.000 Teilnehmern hat die Polizei gerechnet, über 100.000 sind gekommen. Es ist Halbzeit bei der Klimakonferenz in Kopenhagen. Innerhalb des Konferenzzentrums feilen tausende Vertreter ihrer jeweiligen Länder und Interessensvertretungen darum wie letztendlich die Vereinbarung lauten wird, die von über 170 Ländern ratifiziert werden soll.

Kopenhagen  5271

Während man dabei leicht den Eindruck kriegen könnte, es sind ein paar kleine Kinder am Werk, die sich in ihrem Sandkasten um die besten Förmchen und Schaufeln zum Sandburgbauen streiten, ist die Position der Mahner vor den Toren ganz klar. Kopenhagen muss eine völkerrechtlich verbindliche Vereinbarung hervorbringen. Es ist eine der letzten Chancen der Menschheit, den Klimawandel so zu bändigen, dass sich unser Planet in wenigen Jahrzehnten nicht in einer globalen Dauerkrise befindet. In diesem Szenario müssten sich bis zu neun Milliarden Menschen mit sehr viel weniger Lebensgrundlagen begnügen. Kriege würden nicht mehr aus Glaubensfragen oder anderen Dummheiten geführt, sondern es ginge um Zugang zu gutem Wasser, Nahrung und Lebensraum. Das meistgehörte Schlagwort bei der Demo heißt deshalb „Climat Justice“ – Klimagerechtigkeit. Dazu sind die Industriestaaten doppelt gefordert. Zum einen müssen sie ihren Ausstoß an schädlichen Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 fast gegen Null fahren und zum anderen die Entwicklungs- und Schwellenländer mit technischem „Know How“ versorgen. Die wollen verständlicherweise ähnlichen Wohlstand wie die Menschen in den reichen Staaten. Dass sie sich diesen nicht mit den gleichen falschen Wegen ermöglichen wie wir ist es die moralische und existenzielle Pflicht unserer politischen und wirtschaftlichen Führer dafür zu sorgen, dass diese Länder das „fossile Zeitalter“ in ihrer Entwicklung überspringen und gleich in nachhaltige Gesellschaftsmodelle investieren.

Kopenhagen  5276

Was mich besonders freut, ist das sich im Getümmel der Klimaaktivisten auch eine Gruppe bewegt, die vor drei Monaten zweitausend Kilometer südlich in Konstanz losgelaufen ist, um zu Fuß zur Konferenz zu gelangen. Achim und seine Mitstreiter sind wohlauf und seit einer Woche im Camp der Greenpeace Aktivisten untergebracht. In einer alten Lagerhalle etwas außerhalb des Stadtkerns, haben sich über zweihundert Greenpeacer aus aller Herren Länder versammelt, um die Demonstration und die Aktionen der darauffolgenden Tage vorzubereiten. Über dreitausend Schilder haben sie gesägt und geklebt. Nicht nur für die eigenen Leute, sondern zum Verteilen auch für andere Demonstranten. Als ich am Morgen vor der Demo mit der Gruppe um den Leiterwagen ins Zentrum laufe, sehe ich, als wir einen Kanal überqueren, eine alte Bekannte wieder. Am Kai liegt die „Arctic Sunrise“, das Greenpeace Schiff mit dem ich schon in Amazonien, Patagonien und Grönland auf Missionen war. Dahinter liegt die etwas kleinere „Beluga“ und am kommenden Nachmittag soll noch die „Rainbow Warrior“ in Kopenhagen einlaufen. Man merkt es nähert sich langsam die entscheidende Phase der Konferenz. Nächste Woche kommen die Merkels, Obamas und Co zum großen Finale. Der Druck auf die Konferenzteilnehmer muss weiterhin spürbar bleiben. Wir dürfen unsere Lebensgrundlagen und die vielen Wunder dieses fantastischen Planeten nicht den Interessen der großen Konzerne opfern, die sich meist nur ihren Aktionären verpflichtet fühlen. Denn egal was in Kopenhagen beschlossen wird, der Prozess des Wandels wird uns Alle unser ganzes Leben begleiten, ob wir wollen oder nicht.

Kopenhagen  5272

Achim würde am liebsten den Leiterwagen drehen und nach Westen loslaufen. In Mexiko findet im kommenden Jahr die nächste Versammlung zum Klima statt. Ich persönlich bin auch weiterhin hoch motiviert. Durch die Demonstration habe ich jede Menge Kraft geschöpft, um den Kampf für eine lebenswerte Zukunft unserer Kinder weiter zu führen.

Zwanzig Jahre Mauerfall und ein Bollerwagen in Berlin 09.11.2009

Wie die Zeit vergeht. Zum vierten Mal besuche ich die Karawane nach Kopenhagen. Unsere unermüdlichen ehrenamtlichen Klimaaktivisten sind an einem Spätsommertag in Konstanz am Bodensee losmarschiert und heute am Tag des zwanzigsten Jubiläums des Mauerfalls in der Hauptstadt Berlin angekommen.

Road to Copenhagen - Berlin  3806

Der Weg zur Klimakonferenz am 6. Dezember in Kopenhagen wird immer kürzer. Der vierhundert Kilo schwere Leiterwagen sieht inzwischen etwas angeschimmelt aus, ist aber ansonsten in erstaunlich gutem Zustand. Ebenso die Stimmung in der Gruppe. Laufen ist zum Normalzustand geworden. Der Körper ist trainiert, der Wille gefestigt. Die Reise könnte wohl über Kopenhagen hinaus einfach weitergehen. Neben den Feierlichkeiten zum Tage der Freiheit, herrscht auch im politischen Berlin Hochbetrieb. Kanzlerin Merkel steht kurz vor ihrer Regierungserklärung und sämtliche Fraktionen halten ihre Sitzungen ab. Heute zahlt sich der Einsatz aus mit dem unsere Läufer um Achim, Merle, Julian und Sarah auf dem Weg in den Norden Kontakte zu lokalen Politikern gesammelt haben. Dadurch ist ein Treffen mit der grünen Parteispitze entstanden und ein Gespräch mit der gesamten Fraktion der Linkspartei. Zwar „nur“ die Opposition, aber immerhin! Ich treffe die Gruppe vor dem Greenpeace-Büro in der Chausseestraße im Zentrum von Berlin. Zum Zentrum der Macht sind es nur wenige Kilometer. Wir überqueren die Spree und kommen in Sichtweise des Kanzleramtes. Ab hier wird es spannend, denn um den Reichstag befindet sich eine Bannmeile, die jede Art von Demonstration verbietet.

Road to Copenhagen - Berlin  3797

Das Bild mit Merkels Arbeitsplatz und der Gruppe um den Leiterwagen gelingt. Doch kaum kommen wir in Sichtweite des Bundestages sind wir plötzlich von mindestens vier wild gestikulierenden Polizisten umgeben. Unsere Gruppe besteht aus mehr als drei Personen und wir haben in Form des Banners auf dem Bollerwagen auch eine Aussage. Mit unserem bloßen Dasein verstoßen wir gegen das Versammlungsverbot innerhalb der Sperrzone. Da wir aber die Einladungen der Fraktionen vorweisen können, sehen die Beamten von einer Anzeige ab und es bleibt bei einer mündlichen Verwarnung. Für den Bollerwagen ist aber an dieser Stelle Schluss. Alle aus der Gruppe die eine Einladung zum Politikerbesuch besitzen werden unter Polizeibegleitung zu unserem Treffpunkt geführt. Es geht um den Reichstag herum zu einem der großen Gebäude in denen sich die Büros der Abgeordneten und deren Zuarbeiter befinden. Tausende Berliner und Touristen bestaunen hier die handbemalten Dominosteine, die anlässlich des geschichtsträchtigen Ereignisses der Wiedervereinigung ums Brandenburger Tor und den Reichstag aufgestellt wurden.

Road to Copenhagen - Berlin  3801

Später am Abend werden sie dann symbolträchtig umgestoßen. Mit Besucherausweisen bestückt führt uns dann ein Mitarbeiter der grünen Partei durch die Hallen und Gänge des politischen Berlins. Ich muss zugeben, das hat mich schwer beeindruckt. Über einen unterirdischen Gang gelangen wir in den Reichstag. Ein Aufzug bringt uns dann auf das Stockwerk wo die Fraktionen der einzelnen Parteien tagen.

Road to Copenhagen - Berlin  3802

Wir befinden uns genau über dem Bundestag und auf der Ebene unterhalb der Glaskuppel von dem aus die Besucher in den Plenarsaal schauen können. Unser Termin mit Trittin, Beck und Künast findet kurz vor dem Beginn der Fraktionssitzung statt. Während wir auf die „Stars“ der Ökopartei warten läuft so manch bekanntes Gesicht an uns vorbei. Für kurze Zeit sind unsere tapferen Klimakämpfer von Mikrophonen und Kameras umgeben. Der Informationsaustausch findet dann so ein bisschen zwischen Tür und Angel statt. Lächelnd und anerkennend nickend, lauschen die drei Politiker der Unternehmung „Road to Copenhagen“.

Road to Copenhagen - Berlin  3804

Für ein Gruppenfoto wird die Zeit dann fast schon wieder zu knapp. Ich hatte gerade ein störendes Mikro aus dem Bildkreis geschoben und schon waren die Drei wieder weg. Etwas ausführlicher wird unser Besuch bei der Linkspartei. Hier sind wir von der Umweltpolitischen Sprecherin als erster Programmpunkt in die Fraktionssitzung eingeladen worden.

Road to Copenhagen - Berlin  3805

Achim und Sarah haben sogar einen Platz zwischen Herrn Gysi und Frau Pau zugewiesen bekommen. Mit Namensschild wohlgemerkt. Erinnern sie sich noch an die tausend handbemalten Meerjungfrauen aus dem ersten Teil meiner Berichterstattung in Konstanz? Vierundsiebzig davon haben wir mitgebracht. Jeder Abgeordnete der Linken hat eines dieser von Kinderhand gebastelten Symbole der Stadt Kopenhagen auf seinem Tisch gestellt bekommen. Herr Gysi hat die Sitzung offiziell eröffnet und dann das Wort an Achim und Sarah übergeben, die ihre zehn Minuten wirklich souverän genutzt haben.

Road to Copenhagen - Berlin  3800

Leidenschaftlich haben sie über ihr Projekt und ihre Erwartungen an die Politik referiert und aus meiner Sicht einen sehr guten Eindruck hinterlassen. Wenn das mal auch bei den Regierungsparteien möglich gewesen wäre. Im Anschluss an die Termine haben uns dann noch zwei Umweltreferenten der Linkspartei eine private Führung durch die Gebäude ermöglicht. Abseits der Besucherrouten konnten wir für kurze Zeit ein wenig politische Alltagsluft schnuppern und die zahlreichen Kunstgegenstände, Ausstellungen und Zeitzeugen dieses historischen Gebäudes bestaunen. Besonders interessant fand ich die Graffitis russischer Soldaten, die man bei der Renovierung des Reichstages freigelegt und auch erhalten hat. Das ist ein schönes Zeichen der Toleranz hier im Zentrum der deutschen Politikmacht. Frau Merkel hat sich bisher nicht persönlich zu den zehntausend Briefen geäußert, die von unserer Gruppe in der Bevölkerung gesammelt wurden. In ihnen wird sie aufgefordert, persönlich nach Kopenhagen zu reisen um mit ihrem politischen Gewicht der wohl wichtigsten Konferenz in der Menschheitsgeschichte zu einem passablen Ergebnis zu verhelfen. Immerhin hat sie im Zuge ihrer Regierungserklärung erklärt, genau dies tun zu wollen. Ob zu dieser Entscheidung auch unsere Aktionen eine kleine Rolle gespielt haben, wird wohl ein Geheimnis bleiben. Tatsache ist, das es sich immer lohnt für das was man glaubt, auch einzustehen.

Road to Copenhagen - Berlin  3803

Das Treffen der Gruppe mit Sigmar Gabriel, dem neuen Parteichef der SPD, werde ich leider nicht mehr erleben, weil mich mein Zeitplan weitertreibt. In Kopenhagen sehe ich die Gruppe hoffentlich gesund und munter wieder. In der Zwischenzeit reise ich nach Finnland, um dort für den neuen Vortrag zu fotografieren. Mit den letzten Vortragsabenden werde ich außerdem meine fast dreijährige Tournee zum „Planet der Wälder“ nach 250 durchgeführten Aufführungen beenden. Die kommenden Wochen werden nicht langweilig.

Wenn die Panzer schweigen….. 20.10.2009

Die Geschichte des Nationalpark Hainich hat eine positive Kraft die Vorbildcharakter für andere Projekte dieser Art haben kann. Zu Zeiten des Eisernen Vorhangsballerten hier die Panzer der Russen und der Nationalen Volksarmee der DDR abwechselnd ihre Übungsgeschosse in die Landschaft. Ironischerweise können sich in den Randzonen militärischer Sonderzonen vielfältige Biotope bilden oder bleiben erhalten, weil eine sonstige Nutzung der Natur weitestgehenst ausbleibt.

Hainich  044

Die ökologische Besonderheit der Region wurde schnell erkannt, als nach der Wiedervereinigung unseres Landes die Volksarmee Geschichte war, und die Russen wieder in Russland ihre Geschosse in die eigene Landschaft knallten. Im Westen Thüringens nahe Bad Langensalza und Eisenach gelegen ist der Hainich auf seinen 16.000 Hektar von Verkehrswegen fast gänzlich unberührt. Er ist eines der größten zusammenhängenden Laubwaldgebiete in Mitteleuropa. Doch die Idee aus dem Hainich einen Nationalpark zu machen stieß am Anfang nicht überall auf Wohlwollen. Die Angst und Skepsis unter Anwohnern, Waldbesitzern und in der Bevölkerung war groß. Es dauerte einige Jahre bis es gelang den südlichen Teil des Hainich mit 7500 Hektar aus der Nutzung zu nehmen und sich wieder selbst zu überlassen. Der restliche Teil des Gebietes wird wie schon in der Vergangenheit als Plenterwald naturnah bewirtschaftet. Man achtet darauf, dass verschiedene Generationen unterschiedlicher Baumarten einen ökologisch gesunden Zustand des Waldes garantieren. Nur vereinzelt werden Bäume eingeschlagen. Ein Modell, das nicht den maximalen Gewinn einer reinen Baumplantage bringt, aber stabile Wälder garantiert. Diese sind auch in der Lage den Folgen des Klimawandels besser zu trotzen als z. B. reine Fichtenmonokulturen.  Heuer ist der Nationalpark 10 Jahre alt geworden und erzählt eine tolle Erfolgsgeschichte. Hunderttausende Besucher kommen in die Region, unter anderem auch wegen des eingerichteten Baumkronenpfades. Hier können die Naturfreunde auf Baumwipfelhöhe den Wald aus einer ungewohnten Perspektive kennenlernen. Infotafeln bieten dem Besucher Aufklärung über die Wichtigkeit von naturnahen Wäldern für die Artenvielfalt und das Klima. Gewonnen hat eigentlich jeder. Dort wo noch vor wenigen Jahren Kugeln knallten entwickeln sich heute seltene Tier- und Pflanzenarten, die in umliegenden stark genutzten Landwirtschaftlichen Flächen keine Überlebenschance haben. Darüber hinaus ist der gesamte Hainich bei der Europäischen Union als FFH Gebiet gemeldet (Flora & Fauna Habitatsrichtlinie). Mit dem europäischen Schutzgebietsnetz „Natura 2000“ wird so versucht, den immer weiter fortschreitenden Artenschwund durch Zerstörung der Lebensräume zu stoppen. Ich bin aus zweierlei Gründen in den Hainich gereist. Als „Urwald von Morgen“ ist er natürlich Bestandteil meines Waldprojektes, das momentan am entstehen ist. Außerdem treffe ich zum dritten Mal alte Bekannte wieder.

Hainich  046

Die „Road to Copenhagen“ führt direkt durch den Hainich Nationalpark. Vor über sechs Wochen sind Merle, Achim, Sarah und Julian in Konstanz am Bodensee losgelaufen. Das Ziel ist die Klimakonferenz in Kopenhagen Anfang Dezember. Die Botschaft ist klar: „Klimaschutz ohne wenn und aber“. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Es ist inzwischen erwiesen, dass die Erderwärmung immer schneller voranschreitet. Diese hat verheerende Folgen für zukünftige Generationen. Über 1000 lange Kilometer haben sie bisher ihren 400 kg schweren Bollerwagen durch die Lande gezogen. Weder platte Reifen, Achsenbrüche, durchgelaufene Schuhe, Dauerregen, starke Steigungen noch Gegenwind konnten sie von ihrem Weg abbringen. Ich treffe die Gruppe leicht erschöpft aber in mental intakten Zustand am Baumkronenpfad im Nationalpark, auf dem wir gemeinsam die Schönheit der leider farblosen (sprich: grünen) Herbstblätter bestaunen.

Hainich  045

Tausende von Briefen besorgter Bürger an die Bundeskanzlerin haben sie bisher gesammelt und weggeschickt. Frau Merkel wird darin aufgefordert, persönlich nach Kopenhagen zu reisen und ihrem selbst formulierten Anspruch als Klimakanzlerin (von dem leider inzwischen nichts mehr zu spüren ist) gerecht zu werden. Geantwortet hat sie bisher freilich nicht. Ist ja klar, denn sie ist mit ihrem neuen Koalitionspartner Westerwelle beschäftigt, ein zukunftsfähiges Regierungsprogramm auszuarbeiten. Das kostet alle Intelligenz, Kraft und Voraussicht zu dem die Damen und Herren fähig sind. Steuerentlastungen in Zeiten höchster Staatsverschuldung und verlängerte Laufzeiten überalteter Atomkraftwerke sind geradezu prophetische Glanztaten in eine nachhaltige Zukunft. Kommende Generationen werden es der neuen schwarz-gelben Regierung danken.

In einigen Wochen, wenn unsere unermüdlichen Wanderer in Berlin ankommen, um dort an den Reichstag zu klopfen werde ich die Gruppe hoffentlich gesund und munter wieder sehen.

Im Land der lustigen Schilder 28.09.2009

Schon nach drei Kilometern steht mir der Schweiß auf der Stirn. Es ist ein wunderschöner Spätsommertag, von herbstlichen Temperaturen ist kaum was zu spüren. Es ist nur ein kleines Stückchen Weg, den ich hier mithelfe den Bollerwagen zu ziehen und schon nach der ersten Steigung steigt auch meine Achtung vor der Leistung dieser Gruppe in den Himmel.

Steigerwald  125

Wir durchqueren den östlichen Steigerwald, jenes Gebiet, das vor einigen Jahren als zukünftiger Nationalpark ins Gespräch gebracht worden ist. Seitdem gibt es auch eine massive Widerstandsgruppe, die sich diesen Plänen entgegen stellt, als ginge es darum den Aufstieg des Teufels aus der Hölle zu verhindern. Die politischen Vorgaben auf Bundesebene sind eigentlich ganz klar. Im Zuge der europäischen FFH Richtlinie (Flora-Fauna-Habitat zur Bewahrung der Artenvielfalt) hat sich Deutschland verpflichtet, 5% seiner Wälder aus der Nutzung zu nehmen. Natürliche Kreisläufe werden so wieder zugelassen, Urwälder von morgen können entstehen. Auf einer Liste der in Frage kommenden Gebiete steht der Steigerwald ganz oben. Das hat einen guten Grund. In kaum einem anderen Teil Deutschlands findet man ähnlich großflächige Buchenwälder wie hier zwischen Würzburg und Bamberg im Norden Bayerns. Ohne menschlichen Einfluss wäre Mitteleuropa weitestgehenst von Buchenwäldern bedeckt. Durch die Industrialisierung der Holzwirtschaft erhielten die Förster in weiten Teilen des Kontinents Anweisungen, die heimische Buche gegen die schneller wachsende und somit gewinnbringendere Fichte zu ersetzen. Die meisten der Forstamtsleiter folgten auch brav dieser Vorgabe. Zum Glück nicht Alle. Im fränkischen Steigerwald gab es in den Siebzigerjahren einen Herrn Sperber, der nicht nur den Buchenbestand erhalten, sondern sein Holz auch noch auf sanfte Weise mit Pferden aus den Wäldern holen lies. Naturnaher Waldbau, der heute vielen alternativ arbeitenden Förstern als Vorbild gilt. Während in den meisten Wirtschaftswäldern klimaanfällige Monokulturen entstanden, wurde im Steigerwald ein Wald bewahrt, der seiner ursprünglichen Form zumindest recht nahe kommt. Inzwischen ist Herr Dr. Sperber weit über siebzig Jahre alt und es wäre für ihn die Vollendung eines Lebenstraumes, wenn „sein“ Wald den Status eines Nationalparks bekäme. Eine handvoll Personen ist damit überhaupt nicht einverstanden.

Steigerwald  123

Ihnen ist es leider gelungen mit scharfer Polemik und der gezielten Verbreitung von Halb- und Unwahrheiten soviel Ängste in der Bevölkerung zu verbreiten, dass sich der Prozess zur Umwandlung von Naturpark in Nationalpark festgefahren hat. Während wir unseren Bollerwagen durch die kaum befahrenen Straßen des Waldes ziehen kommen wir immer wieder an den skurrilsten Auswüchsen der Nationalparkgegner vorbei. Das ganze Gebiet ist bestückt mit großflächigen Plakaten, die vor den Gefahren des Nationalparks warnen.

Steigerwald  126

In eindeutiger Tonlage geschrieben, die eigentlich nicht kommentiert werden braucht. Mit großem Spaß ziehen wir mit unserer Karawane an den sich selbst entlarvenden Botschaften vorbei. Ich werde in den Steigerwald zurückkehren um zu verschiedenen Jahreszeiten meine Fotos zu machen. Ich bin gespannt wie die Entwicklung dieses Themas weitergehen wird. Zusammen mit den Kopenhagenläufern bringen wir am Abend noch meinen Vortrag „Planet der Wälder“ in der Haßfurter Stadthalle auf die Leinwand, um in der Region mit interessierten Menschen das Thema Wald zu behandeln.

Steigerwald  122

Mit 140 Besuchern werden unsere Erwartungen sogar übertroffen und wir müssen noch Stühle in den dann wirklich supervollen Raum stellen. Einen Tag nach dem aus unserer Sicht so bedauerlichen Wahlergebnisses vor so vielen Leuten zu Umweltthemen sprechen zu dürfen, hat mir wirklich gut getan und Kraft gegeben, voll motiviert weiterzumachen. Die Gruppe wird morgen weiter nach Norden laufen. Im Nationalpark Hainich werde ich sie hoffentlich bald wiedersehen.
Hier gibt es noch einen schönen Film über die Tour

Wahlparty im Steigerwald 27.09.2009

Deutschland hat gewählt. Mit einem Haufen sichtlich bedrückter Greenpeace-Aktivisten sitze ich in einem Restaurant im fränkischen Ebrach vor dem Fernseher. Wir machen uns mit dem Gedanken vertraut, dass es ab sofort eine Politik in unserem Land geben wird, die in nicht wenigen Dingen genau konträr zu den Werten verlaufen wird, für die wir jeden Tag eintreten. Ich bin zurück bei den Langstreckenläufern um Achim Gresser. Vor einem knappen Monat habe ich ihren Start in Konstanz am Bodensee dokumentiert. Heute treffe ich sie im Steigerwaldwieder. Inzwischen ist die Gruppe fast 500 Kilometern gelaufen.

Steigerwald  127

Seit mehreren Wochen ziehen sie einen über 400 kg schweren Bollerwagen durch das Land, um möglichst viele Menschen auf die Gefahren des vom Menschen gemachten Klimawandels aufmerksam zu machen. Dabei trotzen sie Wind und Wetter, Blasen an den Füßen, Achsenbrüchen, Bergen, Schotterpisten und rabiaten Autofahrern. Bis nach Kopenhagen wollen sie laufen; 2000 lange Kilometer im Dienste einer Weltanschauung, die auf den Punkt gebracht, auf Nachhaltigkeit setzt, anstatt auf den von den meisten Politikern propagierten Wachstum. Es ist deshalb die ruhigste Wahlparty auf der ich bisher gewesen bin und nicht nur weil jedem der Gruppe allein von heute 25 km Fußmarsch in den Knochen steckt. Warum sind die aus unserer Sicht so elementaren Themen wie die Ressourcenknappheit durch Übernutzung im politischen Dialog so gut wie überhaupt kein Thema? Wohl weil sich keiner getraut, den Menschen wirklich die Wahrheit zu sagen. Dann müsste die Politik sich eingestehen, dass unser gesellschaftliches Modell an sich gescheitert ist. Wer will schon antreten und den Menschen sagen, dass unser Lebensstil in Form des ungebremsten Kapitalismus dabei ist, unsere Lebensgrundlagen aufzuzehren? Keine populäre Botschaft wenn es um Wählerstimmen geht. Veränderungen sind äußerst unpopulär, besonders in Wahlkampfzeiten. „Jetzt erst recht“ lautet die Parole, wenn sich unsere Gruppe morgen früh kurz nach Sonnenaufgang wieder aus den Schlafsäcken schält um über die Landstraßen zu ziehen, im festen Willen, die alternative Botschaft in die Welt zu tragen.

Steigerwald  124

1200 Meerjungfrauen zum Abschied 07.09.2009

Heute ist es also soweit. Monatelange Vorarbeit liegt hinter ihnen, die eigentlichen Strapazen stehen ihnen noch bevor. Während ein Großteil der Menschheit mit relativem Desinteresse auf die Bedrohungen der Erderwärmung reagiert, sind es einige die sich mit dermaßenem Idealismus engagieren, als gelte es die peinliche Trägheit der Masse wieder auszugleichen. Fünf ehrenamtliche Greenpeacer aus Marburg und Radolfzell wollen das auf der Klimakonferenz im Dezember in Kopenhagen was läuft, und zwar eine klare politische Vorgabe, die die Staatengemeinschaft zwingt endlich die klimaschädlichen Kreisläufe in Wirtschaft und Gesellschaft nachhaltiger und zukunftsweisender zu gestalten. Dafür wollen sie laufen. 2000 km von Konstanz kreuz und quer durch Deutschland. Bis zur Konferenz am 5. Dezember in Kopenhagen. Zwischen 25 und 30 km und das Tag für Tag, egal bei welchem Wetter.

v.l.n.r: Julian Jaedicke, Sarah Heithausen, Achim Gresser, Merle Drusenbaum, Wolfram Lang

v.l.n.r: Julian Jaedicke, Sarah Heithausen, Achim Gresser, Merle Drusenbaum, Wolfram Lang

Wir treffen uns um 7.30 Uhr im Hafen von Konstanz. Der See liegt in windstiller Gelassenheit vor uns, ein paar Möwen kreisen und die ersten kleinen Touristengruppen schlendern über die Promenade. Ein Kastenwagen fährt vor und bringt eine erstaunliche Abschiedsgesellschaft zum Vorschein. 1200 handgesägte und bemalte Meerjungfrauen, die als Wahrzeichen der Stadt Kopenhagen das Symbol für diese Mammuttour gewählt wurden. Gebastelt und bemalt wurden die Fischdamen von Kindern und Jugendlichen auf etlichen Aktionen, die die Greenpeace Gruppe Marburg veranstaltet hat.

1200 Meerjungfrauen kamen zum Start der Tour in den Konstanzer Hafen

1200 Meerjungfrauen kamen zum Start der Tour in den Konstanzer Hafen

Der ganze Hafenbereich ist gefüllt mit den fantasievoll gestalteten Maskottchen als zwei Politiker erscheinen, um von unseren Helden 4000 Briefe an Bundeskanzlerin Merkel überreicht zu bekommen. In diesen wird sie aufgefordert persönlich nach Kopenhagen zu reisen, um sich für ein vernünftiges Ergebnis bei den Verhandlungen einzusetzen.  Bundestagsabgeordneter Jung von der CDU, der eigentliche Bote zur Kanzlerin hat sein Kommen leider kurzfristig abgesagt, da er zu einer wichtigen Sitzung nach Berlin musste. Als die Briefe später von Achim Gresser, dem eigentlichen Initiator der Aktion, Bürgermeister Claus Boldt (CDU) und Siegfried Lehmann (MdL, Grüne) in der Postannahmestelle des Konstanzer Rathauses abgegeben werden, habe ich so meine leichten Zweifel, dass diese ihren Weg nach Berlin jemals antreten. Ich wünsche mir, dass ich Unrecht habe und Frau Merkel zumindest in einer Randnotiz davon erfährt.

Beschenkt mit einer Meerjungfrau und dem Setzling einer Buche wünschen die Abgesandten der Politik unserer Gruppe eine gute Reise und dann geht es endgültig los. Es wird nicht einfach nur gelaufen, das wäre zu einfach. Niemand würde von der kleinen Gruppe Notiz nehmen. Sie haben sich Meerjungfrauen Kostüme übergezogen und ziehen einen großen getunten Bollerwagen, der die Botschaft der Wanderer unters Volk bringen soll. Mit Grausen denke ich an die vielen Steigungen  und den Gegenwind gegen die das im Inneren mit Ausrüstung und Infomaterial gefüllte Gefährt geschoben werden muss. Ich werde wohl alt…..

In Kreuzlingen am Schweizer Zoll heißt es für mich Abschied nehmen. Nachdem sie dort von einer Abgeordneten des Stadtrates in Empfang genommen wurden, geht die erste Etappe entlang der Schweizer Bodenseeseite. Auf der anderen Seeseite wartet dann das Allgäu. Eine ausgesprochen idyllische Landschaft, aber überzogen mit Hügeln und Bergen. Die erste Herausforderung – mir schaudert und ich habe ehrlichen tiefen Respekt vor Achim und Co….

So flach wie hier im Park von Konstanz wird es wohl nicht bleiben.......

So flach wie hier im Park von Konstanz wird es wohl nicht bleiben.......

In drei Wochen werde ich sie hoffentlich gesund und munter wiedersehen. Im Steigerwald bei Würzburg laufen wir gemeinsam. Der Steigerwald ist potentieller Nationalpark Kandidat. Ein Thema in meinem kommenden Vortrag und ein Projekt, das wir gemeinsam unterstützen wollen. Ich werde wieder von den Meerjungfrauen & Männern und ihrem Bollerwagen berichten. Die „Road to Copenhagen“ ist noch lang.

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