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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Kategorie: Russland

“Baikal See” Teil 4: Kommunikationsprobleme 13.10.2012

Am Morgen des vierten Tages stehe ich am Ufer der großen Uschkani Insel und blicke mit bangem Gefühl im Magen auf die große Wasserfläche. Es ist ein klarer ruhiger Tag, nur über den am linken Ufer aufragenden Bergen ziehen langsam Wolken heran. Ob die Kommunikation wohl geklappt hat? Wird das Boot tatsächlich kommen, welches uns auf die andere Seite des Baikal Sees bringen wird? Zum jetzigen Zeitpunkt ist der Transport seid einer halben Stunde überfällig. Dies wäre nicht weiter schlimm, wäre das Morgenlicht nicht so wundervoll farbenfroh, was mich ziemlich unruhig werden lässt. Wir müssen uns noch eine weitere halbe Stunde gedulden, bis wir am Horizont einen kleinen Punkt ausmachen der sich beständig unserer Insel nähert. Sie kommen tatsächlich. Zwei Männer auf einem Schlauchboot, welches das Emblem der Seerettung trägt. Ich bitte Arkady die Herren darauf hinzuweisen das es absolut wichtig für meine Arbeit ist, wenn irgendwie möglich bei den Robben auf den kleinen Nachbarinseln vorbeizuschauen.  Wir verstauen unser Gepäck, bezahlen das Quartier und verabschieden uns von den Inselbewohnern. Der See hat kaum Wellengang, so dass wir recht sanft über die Wasserfläche gleiten. Unsere Chauffeure sind freundlich aber wortkarg. Ich weiß bis heute nicht was mich geritten hat, aber als wir die Robben-Inseln passieren ohne das wir uns ihnen nähern, hinterfrage ich es nicht und lasse es einfach geschehen. Ein schwerer Fehler den ich später noch schwer bereuen sollte. Während wir die acht Kilometer Distanz zum Festland überwinden werden die Inseln hinter uns immer kleiner. Wir fahren parallel zu den mächtigen Erhebungen des Zabajkalski Nationalparks. Der Park schützt die Wildnis einer Halbinsel die wegen Ihrer Form auch „Große Nase“ genannt wird. Unser kleines Motorboot bringt uns an grandiosen Landschaften vorbei. Inzwischen ziehen mächtige weiße Quellwolken über die links und rechts von uns aufragenden Berge. Es ist ein perfekter Herbsttag in einer wunderbaren Umgebung. Die auf den Bergzügen wachsenden Wälder sind eine Augenweide.

Nur hier und da ragen skelettartige schwarzweiße Inseln  aus dem grün-goldenen Farbenmeer. Die Birken haben leider schon früher ihr Laub verloren, was aber das wunderbare Gesamtbild nicht weiter stört. Warum unser Bootsführer so drängt als ich ihn immer mal wieder um einen kurzen Stop für ein paar Fotos bitte, erschließt sich mir zu diesem Zeitpunkt leider nicht. An einer Stelle an der heißes Wasser aus dem Boden dringt machen wir für ein paar Minuten Rast. Mit Holzbalken ist die Quelle zu einem kleinen Pool aufgestaut, in das sich Besucher hineinbegeben können. Wir passieren zwei kleine Ortschaften die innerhalb der Grenzen des Nationalparks liegen. Die Häuser sind, wie für die Region typisch, komplett aus Holz errichtet. Gegen Mittag erreichen wir eine Bucht in der ein Geländewagen mit einem Anhänger steht. An einem Feuer sitzt der Fahrer und wartet auf unsere Ankunft. Wir bekommen eine Portion leckeren Eintopf zu essen, während unsere neuen Freunde das  Boot auf den Anhänger ziehen.

Nach einer Stunde Fahrt über holprige Pisten erreichen wir das andere Ende der „Großen Nase“. Über eine etwa zwanzig Kilometer breite Landzunge, die sich nur wenig über dem Wasser erhebt, ist hier die Halbinsel mit dem Festland verbunden. Das Gelände ist eine Moorlandschaft die nur an manchen Stellen mit Bäumen bewachsen ist. Wir halten an einem Strand, über dem sich unmittelbar dahinter die Berge erheben. Hier stellt sich mir unser Bootsführer zum ersten Mal offiziell vor. Angenehm „Alexander“, sogar ein paar Worte englisch kann er sprechen. Mit einem kleinen Rucksack auf dem Rücken gibt er mir ein Zeichen zum Aufbruch. In diesem Moment begreife ich was hier eigentlich los ist. Als wir vor einigen Tagen im Hotel auf der Insel Olchon mit den dortigen Leuten die Überfahrt organisiert haben, erzählte ich von meinem Wunsch, hier auf der „Großen Nase“ einen Berg zu besteigen um die Landschaft des Baikal Sees aus der Erhebung fotografieren zu können. Nicht erzählt habe ich damals, das solch eine Tour wegen der Fotografie über mehrere Tage dauern sollte und daher gut vorbereitet werden muss. Bei Alexander angekommen ist die Information, dass er uns von der Insel abholen und am selben Tag auf den Berg heraufbringen soll. Wie ich heute weiß, durchaus ein möglicher Plan, denn es gibt tatsächlich diverse Aussichtspunkte die man schon nach wenigen Stunden Fußmarsch erreichen kann.

Jetzt war es erst mal an mir meinen Reisegenossen klarzumachen das der Weg in die Berge für mich ein etwas Längerer sein wird, da ich, um den Sonnenauf- und Untergang einzufangen, auch dort oben übernachten muss. So beschließen wir nach „Ust-Barguzin“ zu fahren um dort die nötigen Lebensmittel einkaufen zu können. Hätte die Kommunikation von Anfang an funktioniert so hätten wir sicherlich an diesem schönen Tag gute Chancen gehabt auf den kleinen Inseln die Robben zu sehen. Zeit genug wäre gewesen. Eine neue Chance sollte ich nicht mehr bekommen, was zwar der geneigte Leser meines Blogs schon weiß (siehe Teil 1), mir damals aber noch nicht klar war. Das sich Arkadi am nächsten Morgen verabschieden wird, weil er den Marsch in die Berge nicht mitmachen will ist für mich fast befreiend. Er hat sich nicht gerade als Organisations- und Kommunikationstalent hervorgetan.

Am nächsten Morgen holt mich Alexander kurz nach Sieben am Hotel ab. Früher zu fahren hat keinen Zweck, denn um auf die Halbinsel zu kommen muss man einen großen Fluss überqueren. Dazu gibt es eine Fähre und die fährt morgens zum ersten Mal um acht Uhr. Ich habe für drei Tage Nahrung und Wasser im Rucksack und alles was man zum Aufenthalt in freier Natur benötigt. So stehe ich nun wieder am Fuße des Berges, nur mit dem Unterschied zu Gestern das die Landschaft heute in ein alles durchdringendes Grau eingehüllt ist. Der Himmel ist von einer dicken Wolkendecke überzogen und lässt kaum Chancen auf Farbenbildung erhoffen. Trotzdem mache ich mich zusammen mit Alexander an den steilen Aufstieg. Wir haben beschlossen das er mir hilft das Gepäck auf den Berg zu tragen und mich dann meinem Schicksal überlässt. Das Warten auf das richtige Licht wäre für ihn nur langweilig und den Weg zurück schaffe ich auch ohne Hilfe, da ich ja kein Wasser mehr ins Tal tragen muss. So ganz „Ohne“ war der Abstieg dann allerdings doch nicht.

Durch den schneebedeckten extrem steilen Pfad im oberen Teil der Route, mit über zwanzig Kilogramm auf dem Rücken, habe ich meine beiden großen Zehen über mehrere Stunden so stark in den Schuhen gepresst, das ich später an Beiden die Nägel verloren habe. An Schnee habe ich beim Aufstieg noch nicht gedacht. Wir marschieren durch eine große Fläche Wald die im vergangenen Jahr gebrannt hat. Überall liegen Bäume quer. Nur einige wenige alte Riesen haben die Kraft gehabt der Feuerwalze zu widerstehen. Es bietet sich ein düsteres Bild durch das wir laufen, verstärkt noch durch den wolkenbehangenen Himmel. In der Natur sind Brände im borealen Wald aber nicht weiter schlimm, sofern sie durch Blitzeinschlag oder andere natürliche Umstände entstehen. Die Natur bekommt die Chance zur Erneuerung und lässt schon nach kurzer Zeit wieder eine neue Vegetation entstehen. Problematischer wird die Sache mit den Bränden in den vergangenen Jahren durch den Klimawandel. Vermehrte Dürrephasen führen in manchen Erdteilen zu verstärkten Waldbränden, welche mit dem natürlichen Kreislauf der Natur nicht mehr vereinbar sind.

Den besten Blick auf den Baikal See mit der Landzunge und den dahinter am Festland aufragenden Bergen bekomme ich auf halber Höhe zum Gipfel. Ich entscheide mich an dieser Stelle mein Lager aufzuschlagen. Der Gipfel ist zwar höher, aber für eine Aufnahme der Landschaft wohl zu weit nach hinten verlagert. Außerdem kann ich ja in den kommenden Tagen mit leichtem Gepäck Touren an alle möglichen Ecken und Enden des Gebirges unternehmen. Nachdem mir Alexander versichert hat, das ein Auto am Nachmittag des dritten Tages am Ende der Straße auf mich warten wird, macht er sich an den Abstieg, und ich bleibe alleine zurück. Trotz der mich umgebenden verbrannten Büsche und Bäume ist der Blick auf die Welt von hier oben spektakulär. In einer Mulde zwischen großen Felsbrocken schlage ich mein kleines Zelt auf. Da der Gipfel in Wolken gehüllt ist kann ich mir einen weiteren Aufstieg zur Erkundung der Gegend für heute ersparen. Ich lege mich in meinen Schlafsack und das große Warten beginnt. Gegen Abend sehe ich kleine Lücken im Wolkenmeer. Der eine oder andere Sonnenstrahl kann seinen Weg auf das unter mir liegende Land erreichen.

Das Licht ist weit davon entfernt perfekt zu sein. Trotzdem bin ich natürlich zur Stelle und schieße einige Fotos. In der Nacht verschwinde ich tief in meinem Schlafsack. Hier oben ist es schon empfindlich kalt um diese Jahreszeit. Der Wecker klingelt am nächsten Morgen eine dreiviertel Stunde vor Sonnenaufgang. Der Blick aus dem Zelt ist zunächst ernüchternd. Ich entdecke kaum Sterne über mir, was wohl bedeutet, dass der Himmel nach wie vor bedeckt ist. Trotzdem schäle ich mich aus der Wärme hinaus, steige in die kalten Stiefel und laufe zum Aussichtspunkt. Ich habe Glück. Genau im Osten, dort wo die Sonne aufgeht, gibt es größere Lücken im Wolkengeflecht. In den Minuten vor Sonnenaufgang färben sich Teile des Himmels violett ein, was wiederrum den Baikal See farbig reflektieren lässt.

Dabei entstehen einige schöne Motive. Der Sonnenaufgang selbst bleibt meinen Blicken aber verborgen. Trotzdem stehe ich völlig fasziniert auf meinem Felsen und beobachte was unter mir passiert. Von der offenen Seeseite treiben langsam dicke Wolken über die Wasserfläche, die das Land mehr und mehr bedecken. Für einige Minuten befinde ich mich genau zwischen zwei Wolkenschichten.

Diese Wetterlage beschert mir faszinierende An-und Ausblicke. Erst als sich die Landschaft um mich herum praktisch unsichtbar gemacht hat, mache ich mich auf den Rückweg in den Schlafsack. Im Schlaf vergeht die Wartezeit am schnellsten und so bin ich nicht undankbar schon bald wieder wegzudösen. Am späteren Vormittag ist die Welt um mich herum nach wie vor grau und kalt. Erste Schneeflocken fallen sanft zur Erde und mir schwant so langsam das es mit dem erhofften Wetterwechsel wohl nichts mehr wird.

Zum Abendessen sitze ich schon im Weiß. In der darauffolgenden Nacht muss ich immer wieder Schnee von meinem Zelt entfernen damit die Wände nicht zu stark eingedrückt werden. Weder an diesem Abend noch am nächsten Morgen kommt die Kamera zum Einsatz. Stunde um Stunde liege ich in meinem Zelt und habe kaum noch Hoffnung auf eine weitere Chance zur Landschaftsfotografie. Eine Tour auf den Gipfel ist durch den Schnee gefährlich und fotografisch sinnlos, da ich sowieso nichts sehen würde.

Geduld gehört zu einen jener Tugenden die ich mir für diesen Job habe aneignen müssen. Es ist nicht das Softwareprogramm am Computer welches die Fotografie spannend macht – sondern die Jagd nach dem Licht in freier Natur. Es gehört zum Berufsbild einfach dazu dass man auch mal zwei Tage wartet, ohne das noch einmal etwas Positives geschieht.

“Baikal See” Teil 3: Lichtspiele 9.10.2012

Es schaukelt gewaltig, als wir die schützenden Flanken der Insel Olchon verlassen, und mit dem Schiff auf den offenen See hinaus fahren. Arkadi liegt mit kreidebleichem Gesicht unter Deck und versucht auf diesem Wege den hohen Wellengang zu überstehen. Wir passieren den breitesten und für die Schifffahrt gefährlichsten Teil des Baikal Sees. Selbst einheimische Fischer fürchten die massive Kraft der Elemente, wenn die Winde über die riesige Wasserfläche jagen und das Wasser in Aufruhr versetzen. Wir sind in der Dunkelheit gestartet und erleben erneut einen wunderbaren Tagesanbruch, soweit wir in der Lage sind ihn zu genießen. Nachdem ich meine Fotos aus der Zeit mit dem fotogenen Licht im Kasten habe, lege auch ich mich in eine Kajüte, denn die Nacht war kurz und unser Ziel ist noch Stunden entfernt. Dabei übersehe ich, dass der kleine Raum durch den benachbarten Motor ziemlich stark beheizt ist. Eingehüllt in viele Lagen Kleidung genieße ich zuerst die wohlige Wärme der Kajüte und falle dabei in einen leichten Schlaf. Das heftige Schaukeln des Schiffes wirkt dabei nicht weiter störend. Irgendwann wache ich schweißgebadet auf und spüre, dass ich mir mit meinen winddichten Kleidern praktisch eine Sauna um den Körper gelegt habe. Viel zu früh klettere ich zurück aufs windgepeitschte Deck. Es kommt wie es kommen muss. Ich fange mir eine mächtige Erkältung ein, welche mir die Arbeit in den kommenden Tagen ziemlich erschwert. Gegen Mittag erreichen wir unser Ziel. Vor mir liegt die größte der vier Uschkani Inseln, deren Rücken mit dem für die Region typischen borealen Mischwald bewachsen sind. Es dominiert auch hier die Lärche, deren goldene Nadeln das Eiland vor dem blauen Himmel intensiv erstrahlen lassen. Im Windschatten der Insel landen wir in einer wunderschönen Bucht und setzen mit einem kleinen Schlauchboot über ans Land.

Die Inseln sind Teil des Sabaikalski Nationalparks und haben die  höchste Schutzkategorie. Hier befinden sich eine Wetterstation und ein Rangerposten. In einer extra für Gäste gebauten Holzhütte finden wir Unterschlupf. Es dauert eine Weile, bis wir meine vier Koffer und Rucksäcke zum kleinen Stützpunkt getragen haben. Ich habe selten so viel Gepäck um die halbe Welt geschleppt, wie für diesen Auftrag. In einer Kiste befindet sich meine Unterwasserkamera und im Rollkoffer ein kompletter Taucheranzug. Etwa zwei Kilometer östlich von unserer Insel liegen die kleineren, völlig unbewohnten Eilande der Uschkanis. Hier befinden sich die Liegeplätze der Baikal Robbe. Nicht, dass ich mir eingebildet habe mit einem gewöhnlichen Taucheranzug lange zu den Tieren abtauchen zu können. Schon gar nicht im Spätherbst, da sich die Wassertemperatur schon wieder weit unter 10 Grad Celsius befindet. Doch den einen oder anderen Moment, an dem ich die Kamera unter die Oberfläche halten kann, habe ich mir, zumindest in meiner Fantasie, schon ausgemalt. Deshalb habe ich den ganzen Aufwand inklusive Übergepäck am Flughafen und dem mühevollen Schleppen von Reiseort zu Reiseort betrieben. Umso enttäuschter bin ich, als mir Arkady übersetzt, das die Ranger momentan keine Möglichkeit haben, uns zu den anderen Inseln überzusetzen. Das ist bitter. Ich habe extra drei Tage eingeplant bevor uns ein anderes Boot vom Festland abholen kommt. Nun bleibt mir nichts anderes übrig, als die Zeit auf der großen Uschkani Insel best möglichst zu nutzen.

Was mir diese Tatsache halbwegs erträglich macht, ist mein schlechter körperlicher Zustand. Die Nase trieft ohne Unterlass und ich fühle meine Fitness irgendwie bei halber Kraft. Dies erschwert das Umherwandern mit voller Fotoausrüstung deutlich. Ganz zu Schweigen was passiert, wenn ich in diesem Zustand ins eiskalte Wasser gehen würde. Recht schnell habe ich die geografischen Strukturen der Insel überschaut und mir eine Strategie zurechtgelegt. Es ist das Abendlicht, welches gute Stimmungen mit spannenden Motiven verspricht. So gönne ich mir an den kommenden Tagen ein Ausschlafen ohne Wecker. Man sollte dem Körper die Möglichkeit geben selber zu entscheiden, wie viel Schlaf zur Regeneration nötig ist. Dies ist nach meiner Erfahrung die beste Art schnell wieder fit zu werden. Jedes Medikament, das man „nicht“ einnimmt, ist gut für die Gesundheit. So starte ich am frühen Nachmittag meine Erkundungen über die vier Kilometer lange und im Schnitt einen Kilometer breite Insel. Am ersten Tag laufe ich zu ihrem östlichen Ende. Es liegt dem Festland und der mächtigen, mit bis zu zweitausend Meter hohen Bergen bedeckten Halbinsel „Große Nase“, am Nächsten.

Zwischen der acht Kilometer breiten Wasserfläche ragen die kleinen Inseln, auf denen ich die Robben vermute, aus dem dunkelblauen Naß. Ich klettere auf den höchsten Punkt der Insel, die sich hier knapp 200m aus dem Baikal erhebt. An einer Stelle ist die Fläche frei von Baumbewuchs. Wunderbare Ausblicke auf den See und die am Festland aufragenden Gebirge sind mein Lohn. Um mich herum herrscht absolute Stille. Nur wenn der Wind leicht durch die Bäume zieht und die letzten Blätter der spärlich gesäten Birken zu Boden trägt, oder Buntspechte auf tote Bäume klopfen, dringen Geräusche an mein Ohr. Ein Gefühl von Freiheit und Zufriedenheit durchfährt mich, als ich mir mal wieder bewusst werde, wie beschenkt ich doch bin, einen Beruf ausüben zu dürfen, welcher es mir ermöglicht an solch schönen Orten zu verweilen. Die Vegetation an den Stellen, wo keine Bäume wachsen, ist absolut faszinierend. Was auf den ersten Blick karg und leer aussieht, erweist sich beim genaueren Betrachten als artenreich und wunderschön. Zwar sehe ich nur noch ganz wenige Pflänzlein, die ihre Blüten bis zum heutigen Tag haben erhalten können, doch die reichen aus, um zu erahnen, wie es hier in den Tagen des kurzen warmen Sommers aussehen muss. Erstaunlich finde ich einen kakteenartigen Bodendecker, dessen Form absolut bezaubert. Seine einzelnen Schichten sind so aufgebaut, dass sie wie Mandalas wirken. Ein dankbares Motiv für das Macro Objektiv.

Noch habe ich Zeit, denn die Sonne ist kurz vor ihrem Tagesendspurt hinter einer dicken Wolkenwand verschwunden. Doch ein heller Streifen über dem Horizont lässt erahnen, dass sich lichttechnisch noch etwas tut. Ich bin bereit, als sich der knallrote Sonnenball in die Lücke schiebt und die Nachbarinseln sowie die „Große Nase“ mit Farben überzieht.

Ich habe so etwas schon hunderte Mal erlebt, und doch läuft mir jedes Mal aufs Neue eine Gänsehaut über den Rücken, wenn ich diese intensiven Momente erleben darf. Erst in absoluter Dunkelheit erreiche ich den Stützpunkt. Ich erfreue mich nach einem kargen Abendessen aus Käsebrot und einem Schokoriegel an einer „Banja“ und falle dann sofort, komplett erschöpft für dreizehn Stunden in einen erholsamen heilenden Tiefschlaf. Der kommende Tag ist nebelverhangen und regnerisch. Ich entscheide mich zu einer Umrundung der Insel, obwohl ich noch nicht im Vollbesitz meiner Kräfte bin. Dafür lasse ich mein 200-400 mm Objektiv im Lager, was mir eine Erleichterung von fünf Kilogramm einbringt. Ich möchte mich heute verstärkt mit dem herbstlichen Wald beschäftigen und da ist es in der Regel eh nicht vonnöten. Ein kleiner Trampelpfad führt entlang des Ufers immer eingesäumt von alten Bäumen durch die man auf den heute sehr aufgewühlten See blicken kann. Besonders, als ich die Nordseite der Insel erreiche, blasen mir immer wieder stärkere Windböen ins Gesicht, welche  auch in der einen oder anderen Stunde Regentropfen umherwirbeln. Keine leichten Bedingungen zum Fotografieren. Doch sobald ich etwas weiter in den Wald hinein laufe, wird es besser. Der Wind ebbt merklich ab und lässt dadurch bei einer langen Belichtungszeit weniger Bildelemente verwackeln. Der Boden ist an manchen Stellen schon komplett mit Lärchennadeln überzogen.

Die Lärche ist der einzige Nadelbaum, der seine Farbe verändert und sein Kleid abwirft, bevor er es im Frühjahr wieder erneuert. Es ist absolut faszinierend, wie an anderen Stellen, dort wo die Birke dominiert, alles mit gelben Blättern bedeckt ist und unter alten Birken ein Fakir auf einer Decke aus Zapfen hätte laufen können. Ich sehe heute soviel Schönheit und Vielfalt, gerade auch weil ich auf die kleinen unscheinbaren Dinge in der Natur zu achten pflege. Moosteppiche und Flechtenüberzogene alte Bäume zeugen von der Unberührtheit dieses Lebensraumes. Doch selbst hier ist der Einfluss, den wir Menschen auf die Umwelt haben, immer wieder zu spüren. Ich sehe ein verrostetes Ölfass und anderen Zivilisationsmüll, den die Strömung auf die Insel gespült hat. Wegen der geringen Bevölkerungsdichte hält sich dieser zwar in Grenzen, doch zeigt es mal wieder, wie wenige wirklich saubere Orte es auf dieser Erde noch gibt. Im hinteren Teil der Insel, welcher der Station am weitesten abgewandt ist, kann man den Pfad nicht mehr als solchen erkennen. Es wird sehr mühsam zwischen umgekippten Bäumen und zum Teil dichtem Unterholz vorwärts zu kommen. Immer wieder laufe ich auch über den schmalen, mit Gestein bedeckten Küstenstreifen, der vom regnerischen Nass überzogen, wunderschöne Farben und Strukturen aufweist. Es ist purer Zufall, dass ich die Stelle, an der ich am Vorabend auf die Anhöhe geklettert bin, genau zum richtigen Moment erreiche. Es bleibt kaum Zeit zum Aufstieg. Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig, schwer atmend zum Spektakel bereit zu sein. Für ungefähr drei Minuten schafft es ein einziger massiver Sonnendurchbruch, sich gegen die dichten Wolken durchzusetzen.

Wie ein riesiges Lichtschwert teilt er die vor mir liegende Welt in zwei Hälften und lässt das Gebirge der Halbinsel unwirklich erglühen. Die Höhenlagen sind seit dem heutigen Tag mit einer leichten Schneeschicht überzogen, was die Bilder, die sich mir bieten noch schöner macht. Wenige Augenblicke später legt sich Dunkelheit über die Wildnis des Sabailski Nationalparks. Nur am Horizont, wo die Sonne verschwunden ist lassen farblich abgesetzte Risse in der Wolkenwand erahnen, dass diese Düsternis durchaus nicht allmächtig ist. Zufrieden mache ich mich auf den Heimweg, wo nach weniger als einer Stunde Fußmarsches ein warmes Feuer auf mich wartet.

 

“Baikal See” Teil 2: Seegeschichten 5.10.2012

Die größte Insel im Baikal See ist „Olchon“. Diese 72km lange und bis zu 14 km breite aus dem Wasser ragende Landmasse ist die erste Station meiner Entdeckungsreise. Kaum zu glauben, dass es einen See gibt der eine so große Fläche aufnehmen kann. Doch bei einer Gesamtlänge von 673 km und einer Uferlänge von weit über 2000 km wirkt „Olchon“ in den Weiten des Baikal fast schon schmächtig. Der See ist wirklich ein Ort voller Superlative. Durch seine extreme Tiefe und Ausdehnung ist er mit 1/5 allen Süßwassers des Planeten gefüllt. Er ist größer als die Ostsee und man könnte den Bodensee 480 Mal hineinschütten ohne eine Überschwemmung zu verursachen. Faszinierend finde ich auch, dass der Baikal zwar unzählige Flüsse und Bäche als Zuflüsse hat, sich aber nur an einer Stelle, dem Angara, entlädt. Trotz der enormen Größe des Angara Flusses müsste das Wasser über 400 Jahre lang fließen um den Baikal komplett zu entleeren. Das Alles sind Fakten, die einen Naturfreund richtig ins Schwärmen bringen können. Nach einer fünfstündigen Busreise, inclusive einer kurzen Fährfahrt, erreichen mein russischer Kollege Arkady und ich die kleine Ortschaft „Chuschir“ im Zentrum der Insel. Sie gilt als eine der touristischen Zentren am Baikal. Wie alle Häuser hier besteht auch das zentrale Hotel komplett aus Holz. Ich bin erstaunt wie viele Besucher sich nach wie vor hier aufhalten. Die Saison ist längst beendet und die herbstlichen Temperaturen nähern sich, besonders des Nachts, schon stark dem Gefrierpunkt. Einen Teil ihrer Faszination auf Besucher generiert „Olchon“ aus der Tatsache, dass die Insel für die hier lebende Volksgruppe der Burjaten große spirituelle Bedeutung hatte und bis heute hat. Direkt dem Städtlein vorgelagert befindet sich eine kleine Landzunge die als „Schamanenfelsen“ bekannt ist.

Ein heiliger Ort und Wohnstätte eines Gottes der Burjaten. In früherer Zeit hat man sich aus Respekt nur in kompletter Stille diesem Felsen genähert. Sogar die Hufe der Pferde wurden mit Stoff bedeckt um keine Geräusche zu verursachen. Heute klettern meist chinesische Touristen auf ihm umher, schreiben Graffitis auf die Steine und im Sommer dringt allabendlich laute russische Discomusic von den Partys der Gäste zu den heutzutage wohl ruhelosen Geistern. Was mich sehr interessiert, ist die Art und Weise, wie man hier mit der immer größeren Touristenflut umzugehen gedenkt. Der Baikal ist bekannt für sein glasklares Wasser. Man kann bedenkenlos direkt aus dem See davon trinken. Außerdem gelten weite Teile der Natur als Intakt. Bis vor wenigen Jahren gab es hier weder Telefon noch Strom und bis heute fehlt jede Art von Abwassersystem. Allein das Hotel in dem ich untergebracht bin, schüttet in der Hochsaison die anfallenden Fäkalien viermal am Tag in den Wald. Zwar ist die gesamte Region des Baikal von der UNSECO als Weltnaturerbe anerkannt und einige Millionen Hektar sind zusätzlich als Nationalpark geschützt, doch was auf dem Papier gut aussieht ist in der Realität leider weit davon entfernt. Es gibt auf „Olchon“ keine Abfallwirtschaft. Jeder Müll wird in den nahe gelegenen Wald gekippt, was mehrere Quadratkilometer der Insel regelrecht versaut. Der Wind bläst die Plastiktüten und Papierverpackungen weit über die eigentliche Müllfläche hinaus. Die Kollegen von Greenpeace Russland sind am Baikal sehr aktiv und haben durch Ihren Einsatz auch schon viel erreicht. Verglichen mit anderen Weltregionen sind die Umweltprobleme hier zwar überschaubar, doch ohne zukünftigen Einsatz wird auch dieses Naturparadies seine Qualität sicherlich nicht behalten.

Wir erkunden die Insel in einem alten VW Bus – ähnlichen Gefährt, dass sich noch hartnäckig aus Sowiet -Zeiten erhalten hat. Diese fahrenden Blechbüchsen sind wirklich nicht kaputtzukriegen. Sie besitzen keinerlei elektronische Spielereien und können deshalb immer wieder repariert werden. In den Norden gelangt man über eine Piste, die sich zum Teil in einem jämmerlichen Zustand befindet, was den Reiz einer Entdeckungstour aber erheblich erhöht. „Olchon“ ist mit einer Mischung aus Steppe und borealem Kiefern & Lärchenwald bewachsen. Die weite Landschaft, die sich vor mir ausbreitet ist eine Augenweide.

Besonders das spätherbstliche, goldene Leuchten der vielen Lärchen bildet einen tollen Kontrast zum blauem Himmel, in dem sich weiße Quellwolken türmen. Schroffe Felswände fallen steil ab in den See und in der Ferne erheben sich die Gebirge der dem Baikal angrenzenden Regionen. Der Küstenlinie folgend, werden diese immer kleiner, da sie sich durch die Erdkrümmung langsam dem Sichtfeld entziehen. Was mich persönlich während der Erkundung richtig ärgert, sind die vielen Fahrspuren die auf dem empfindlichen Steppenboden tiefe Narben reißen. Diese können über Jahre hinaus kaum verheilen. Neben der Hauptpiste sind es dutzende kreuz und quer geschlagene Schneisen, die an vielen stellen das Fotografieren einer intakten Landschaft immens erschweren.

Neben dem fotografischen Ästhetikaspekt wird durch die unbedachte Touristenbeförderung auch massiv der Pflanzenwuchs geschädigt. Wirkt die Steppe auf den ersten Blick recht karg, so ist sie doch ein artenreicher Lebensraum für eine erstaunliche Zahl an Tieren und Pflanzen. Auf der gesamten Insel wird seid vielen Jahren traditionell Viehwirtschaft betrieben, was eine gänzlich wilde Steppe grundsätzlich unmöglich macht. Doch die Zahlen der Rindviecher halten sich glücklicherweise in überschaubaren Grenzen. Eine Überweidung bleibt aus. Es ist eben ein Unterschied ob sich Menschen in kleinbäuerlichen Strukturen selbst versorgen, oder ob eine Region mit industriellen Methoden großflächig platt gemacht wird.

Unser Ausflug dauert den ganzen Tag und wir kommen erst weit nach Dunkelheit zurück ins Hotel. Klar, dass ich mir eine schöne Stelle ausgesucht habe um dort das warme Licht des Tagesendes für meine fotografische Arbeit nutzen zu können. Was mich besonders fasziniert hat war der nördlichste Punkt der Insel. Ein steil aufragendes Kap, von dessen höchsten Punkt sich mit Hilfe des Morgenlichtes wunderbare Motive ergeben würden.

Besonders das Licht vor Sonnenaufgang reizt mich, und so galt es einen Fahrer zu finden, der bereit war, sehr, sehr früh eine Sonderfahrt zu unternehmen. Natürlich war es, verbunden mit einem zusätzlichen finanziellen Anreiz möglich, einen Solchen zu finden. Bevor ich mich zur viel zu kurzen Nachtruhe begeben habe, widmete ich mich noch einer ganz besonderen Art der Körperpflege – dem russische „Banja“. Im Prinzip ist das „Banja“ eine holzbetriebene Sauna, in der man während der Schwitzphase Wasser erhitzt welches man sich dann im Vorraum mit der Schöpfkelle über den Körper schüttet. Eine herrliche Art sich zu waschen und für mich immer ein absoluter Höhepunkt eines jeden Tages.

Es ist empfindlich kalt, als ich mich am nächsten Morgen um halb sechs am Treffpunkt einfinde. Ich habe versucht die Morgentour so zu kommunizieren, dass dem Fahrer bewusst ist, wie wichtig Pünktlichkeit bei solch einer Aktion ist. Nach zwanzig Minuten des Wartens unter dem sternenklaren Nachthimmel will ich gerade wieder frustriert in Richtung Bett marschieren, da erscheint er plötzlich doch noch. Zum Glück habe ich zwei nette Deutsche kennen gelernt, die russisch sprechen und mich an diesem Morgen begleiten wollen. Sie müssen beim Fahrer die richtigen Worte gefunden haben, denn wir Erleben eine Aufholjagd sonders gleichen. Kaum zu glauben, dass wir die etwas mehr als dreißig Kilometer Holperstrecke zum Kapp in weniger als einer Stunde geschafft haben. Während sich am Horizont die ersten zarten Andeutungen eines neuen Tages abzeichnen stehen wir auf dem Felsen.

Es ist wirklich beeindruckend, wie sich die vor uns liegende Wasserfläche im Dämmerlicht ständig verändert. Über dem Horizont wandert eine Wolkenwand von einem Seeufer langsam hinüber zur anderen Seite und bietet mir dadurch perfekte fotografische Gestaltungsmöglichkeiten. Richtige Gänsehautmomente erleben wir aber in den Sekunden, als die ersten Strahlen der Sonne das vor uns liegende Kap erreichen und in satten Orangetönen für wenige Momente magisch einzufärben scheinen.

Wer so etwas schon mal erlebt hat weiß, dass diese Farbgebung nur für wenige Augenblicke anhält. Dafür hinterlässt sie aber auch bei Nicht-Fotografen einen nachhaltigen Eindruck.

 

“Baikal See” Teil 1: Wetterwechsel 02.10.2012

Bevor ich mich auf eine Reise begebe, überlege ich mir, welche Themen zum jeweiligen Projektpart wichtig sind. Diese versuche ich dann innerhalb meines Zeitrahmens und Budgets bestmöglich umzusetzen. Das gelingt natürlich nicht immer. Meistens fällt dies aber gar nicht ins Gewicht, da einem die Realität als Ausgleich Motive schenkt, welche gar nicht auf der Wunschliste standen. Bei meiner Reise an den Baikalsee im russischen Südsibirien ist mir zum ersten Mal während meiner Arbeit für das neue Greenpeace Projekt „Naturwunder Erde“ ein Hauptmotiv durch die Lappen gegangen, welches mich auch heute noch, einige Zeit nach der Reise, richtig am Ego zwickt. Manchmal muss man Entscheidungen treffen die wirklich wehtun.

Ich befinde mich im kleinen Ort „Ust-Barguzin“. Die Welt um mich herum verändert sich zusehends. Vor vier Tagen ist der Herbst auf einen Schlag verschwunden. Strahlende Landschaften in leuchtenden Herbstfarben sind einem permanenten, durchdringenden Grau gewichen, das sich auch auf meine Gemütslage legt. Dicke Wolkenschichten haben seit Tagen jeglichen Sonnenstrahl absorbiert, der seinen Weg nach unten suchte. In den Höhenlagen liegt bereits eine geschlossene Schneedecke und selbst hier, in der Nähe des Seeufers setzen sich die Schneeschauer mehr und mehr durch. Selbst der Matsch, der ungeteerten Straßenzüge, wird ganz langsam überdeckt.

Für die Menschen, die hier leben beginnt der über viele Monate dauernde Winter dieses Jahr besonders früh. In wenigen Wochen wird die riesige Wasserfläche des Baikal Sees für eine sehr lange Zeit zugefroren sein. Eva ist eine Deutsche, die sich diese Weltengegend vor neun Jahren als neue Heimat auswählte. Sie hat hier am Ort ein kleines Besucherzentrum installiert und ist momentan die Einzige, die mir vom russischen ins deutsche Übersetzen kann. Alexander arbeitet für den Seenotdienst und kann mit den Schlauchbooten seiner Behörde in der Nachsaison Leute wie mich auf dem See befördern. Seit drei Tagen verschieben wir die Entscheidung wegen der starken Winde und des hohen Wellengangs immer wieder. Seit drei Tagen stehe ich mit gepackten Sachen am Hoteleingang und freue mich, dem schmucklosen Zimmer endlich entkommen zu können. Nur um nach kurzer Rücksprache alles wieder zurück zu tragen. Das Risiko war bisher einfach zu groß. Der Baikal ist wegen seines Süßwassers zwar ein See, besitzt jedoch mehr die Charakteristik eines Meeres, besonders was die Gefahren durch Unwetter betrifft.

Heute fragt mich Alexander bereits zum wiederholten Male, ob ich die Risiken eingehen möchte. Er würde mich über die Bucht hinaus aufs offene Wasser fahren, um dann wenn es irgendwie geht, die kleine Tonki Insel anzusteuern. Hier befindet sich der Sommerliegeplatz der Baikal Robben, welche das primäre Ziel meiner fotografischen Begierde darstellen. Nur in Kanada gibt es eine weitere Robbenart die sich ebenfalls im Süßwasser aufhält. Für mich sind sie die wichtige Symboltierart zur fotografischen Umsetzung der Ökoregion „See“. Die Entscheidung, doch noch einen Versuch zur Dokumentation dieser Tiere zu unternehmen, muss in den kommenden Sekunden fallen, denn Alexander möchte eine konkrete Antwort von mir. Ich bin hin und hergerissen und es sind genau diese Situationen, die ich überhaupt nicht leiden kann. Letztendlich setzt sich die Ratio durch und ich entscheide mich auf die Fahrt zu verzichten. Ausschlaggebend ist nicht die fehlende Abenteuerlust. Ich habe in der Antarktis sechs Meter hohe Wellen erlebt und war einer der Wenigen dem nicht grottenschlecht war. Es ist die geringe Chance, bei diesem Wetter auf der Insel überhaupt noch Robben anzutreffen. Nur bei ruhigem Seegang liegen sie auf den Felsen, die dem kleinen Eiland vorgelagert sind. Ansonsten befinden sie sich unter Wasser und kommen nur sehr selten zum Luft holen kurzzeitig an die Oberfläche. Ich bin jahreszeitlich einfach ein wenig zu spät dran.

So beginne ich schweren Herzens zwei Tage früher als geplant, meine lange Heimreise über die Städte Ulan Ude, Irkutsk und Moskau. Ein wenig tröstet der Gedanke, dass ich in diesem Beruf auch deshalb so weit gekommen bin, weil es mir immer wieder gelingt, unnötige Risiken zu vermeiden und meine Grenzen zu erkennen. Was mich aber wirklich ärgert ist die Tatsache, dass ich wenige Tage zuvor ganz nah an den Tieren dran war ohne es gewusst zu haben. Zum Glück habe ich vor dem vorzeitigen Abbruch am Baikal allerhand erleben dürfen…..

(wird fortgesetzt)

Flussläufe 20.06.2010

Als mir Sergey eine dicke, gefütterte, russische Polizeijacke in die Hand drückt, werde ich zuerst stutzig. Schließlich ist es Sommer und das Thermometer hat in den vergangenen Tagen die zwanzig Grad Marke des Öfteren deutlich übertreten. Als wir später auf dem offenen Motorboot sitzen und uns der eisige Fahrtwind um die Ohren bläst, bin ich mehr als dankbar über diese zusätzliche Wärmequelle. Unsere Fortbewegungsmittel sind zwei schlanke längliche Holzboote, mit wenig Tiefgang. Über weit ausholende Schleifen folgen wir über zwei Stunden dem Verlauf des Piejora Flusses.

Er ist der drittgrößte Strom im russischen Teil Europas dessen Wasser seine lange Reise im arktischen Ozean beendet. In der kleinen Ortschaft Kyrta nehmen wir Nikolay an Bord, einen Ranger, der für den Nationalpark arbeitet. Kyrta ist ein typisches Komi Dorf, bestehend aus Holzhäusern, die mit der Plattenbauweise sowietischer Einheitsbauten gar nicht vergleichbar sind. Alles wirkt recht baufällig. Strommasten sind umgeknickt, Häuser sind verlassen und alter Industrieschrott säumt das Flussufer. Heute leben hier nur noch vierzig Menschen. Die meisten haben deutlich mehr als sechzig Winter erlebt. Die Jungen sind in die Städte abgewandert. Seitdem die Kohlemine im Jahr 1957 geschlossen wurde und es für die Menschen keine berufliche Perspektive mehr gibt stirbt das Dorf langsam aus. Nikolay ist mit seiner Frau aus Weißrussland hier nach Komi gezogen, nachdem das Atomunglück von Tschernobyl seine Heimat verstrahlt hat. Neben Nikolay helfen uns Oleg und Alexey bei der Durchführung dieser Reise. Später kämpft sich unser Boot gegen die Strömung des Schugor Flusses. Seinen Verlauf wollen wir die kommenden Tage erkunden.

Wir passieren die Hütte eines Rangers der dafür sorgt, dass sich nur Boote ins Wildnisgebiet bewegen, die eine offizielle Erlaubnis besitzen. Danach folgen wir der Wasserstraße hinein in dieses riesige Naturgebiet. Schwere Wolken ziehen über den Himmel. Regen fällt glücklicherweise keiner. Außer unserer Kleidung und einer Plastikplane hätten wir auch keinen richtigen Schutz gegen das Wasser. Wäre dieses Gebiet touristisch erschlossen (wohl in jedem anderen Land in Europa eine Selbstverständlichkeit), so ließen sich vier „Attraktionen“ herausheben, die man während des Flusslaufes im flachen Land passiert. An insgesamt drei Stellen erheben sich interessante geologische Formationen, dessen Gestein die Kraft des Wassers im Laufe der Jahrmillionen durchbrochen hat. Diese zu beiden Seiten des Ufers aufragenden Felsen werden als Tore bezeichnet. Sie geben mir die Möglichkeit die ansonsten flache Landschaft ein wenig aus anderer Perspektive zu betrachten. Immer wenn wir anlanden und der Fahrtwind abflaut, kommt es nach wenigen Sekunden zu Begegnungen, die einen ansonsten wunderschönen Wildnisbesuch recht anstrengend machen. Es sind sofort dutzende Moskitos die um einen herumschwirren und gnadenlos nach der Lücke im Kleidungswerk suchen, wo sie ihren Stachel eintauchen können. Nach Regenfällen und an heißen Tagen scheinen sie besonders blutgierig und es fordert eine gewisse Disziplin, diese Gesellen zu ertragen. In der Woche auf dem Fluß habe ich eine komplette Flasche Moskitomittel auf meinem nicht gerade mit fülliger Haarpracht gesegnetem Kopf verteilt.

Bei jedem Spaziergang in den Wald, der unmittelbar nach dem Ufer beginnt, entdecke ich eine Vielzahl von Blumen und Pflanzen die im Moment in voller Blüte stehen. Wir haben genau die richtige Jahreszeit erwischt. Ein paar Wochen früher und hier wäre alles noch wintergrau gewesen. So ziehe ich mir des Öfteren Handschuhe über, stülpe ein Moskitonetz über den Kopf und tauche für lange Zeit hinunter auf die Ebene des Waldbodens, um diese Pracht zu fotografieren. Es ist ein ständiges Gesumme und Gewimmel um mich herum. Ich versuche es so gut es geht zu ignorieren. Das gelingt mir nicht immer, besonders wenn ständig Moskitos vor der Linse herumtanzen und so die Arbeit weiter erschweren. Ich freue mich über jeden Windhauch der die Moskitos für kurze Zeit in ihre Schranken weist. Dummerweise ist Wind genau das was man am wenigsten gebrauchen kann, wenn man mit dem Makroobjektiv auf einer Wiese liegt und versucht eine Blüte zu fotografieren. Na ja, wenn es einfach wäre, könnte es jeder…… Der Wald begeistert mich immer wieder aufs Neue. Es ist ein typischer nördlicher Mischwald bestehend aus Birken und Fichten.

Die Bäume sind nicht sonderlich groß, was dem rauhen Klima zu Schulden ist. Aber die Wälder sind alt. Das sieht man an den langen Flechten, die überall an den Zweigen herunterhängen. Ich sehe großflächige Flechtenarten, die mir bisher völlig unbekannt waren. Das massive Vorkommen dieser Vegetation ist immer auch ein Indikator für absolut reine Luft. Ich bin immer wieder begeistert über den Anblick des Himmels. An vielen Tagen ziehen gewaltige weiße Quellwolken über uns hinweg, die vor einem tiefblauen völlig dunstfreien Hintergrund stehen. Was für ein Licht. Immer wenn ich mich für längere Zeit in unberührter Natur bewege komme ich automatisch ins Grübeln. Durch den Kontrast zwischen der Schönheit und Reinheit der Natur auf der einen und der destruktiven Lebensweise von uns Menschen auf der anderen Seite, frage ich mich, wie wir als eigentlich vernunftbegabte Wesen die Verbindung zu unseren Ursprüngen so stark verlieren konnten. In Kanada pressen wir Öl aus Sand mit verheerenden Folgen für ganze Landstriche. In den USA sprengen wir Bergspitzen ganzer Gebirge weg, um die fossile Kohle erneut verbrennen zu können. Weltweit zerstören wir Tropenwälder – Schwerpunkte der Artenvielfalt, um dort Monokulturen zu pflanzen, die wenige Menschen sehr reich aber ganz Viele sehr arm machen. Wir durchpflügen unsere Meere mit hunderten Kilometer breiten Schleppnetzen und es scheint uns leidlich egal zu sein, dass in vier Jahrzehnten nichts mehr da sein wird, was wir ausbeuten können, wenn wir so weiter machen wie bisher. Wir experimentieren mit Chemikalien, dessen Gifte heute in den entlegensten Orten unseres Planeten im Organismus von Eisbären nachzuweisen sind. Kaum mehr als vier Prozent der Erde sind vom Menschen völlig unberührt. Weniger als zwei Prozent des Süßwassers sind bei uns noch völlig rein. Kein Ort der Welt scheint weit genug entfernt zu sein, um nicht ins Visier eines multinationalen Konzerns zu geraten. Unsere Gier nach immer mehr, lässt uns mit großer Geschwindigkeit den Ast auf dem wir sitzen durchsägen. Wir haben unsere Heimat durch unsere maßlose Art kurz vor den Kollaps gebracht. Schon heute verbrauchen wir wesentlich mehr an Rohstoffen, als der Planet in der Lage ist zu reproduzieren. Wir leben seit Mitte der achziger Jahre auf Kosten unserer Nachkommen. Da wir uns munter weiter vermehren und immer mehr Menschen (verständlicherweise) am falsch gepolten Wohlstand teilhaben wollen, sind wir dabei mit offenen Augen in die Katastrophe zu rennen.

Mit jeder Reise die ich mache, mit jedem Eindruck den ich das Privileg habe zu erleben, fällt es mir schwerer diese Unvernunft zu akzeptieren. Besonders in Momenten in denen sich mir die Perfektion der Schöpfung so präsentiert wie hier auf dem Schugor Fluß. Am intensivsten ist meine Nacht im Gebirge. Ich entdecke einen Berg von dem ich mir schöne Ausblicke erhoffe und lasse mich an dessen Fuße an Land bringen. Während der Rest der Gruppe das Lager in Flussnähe aufschlägt packe ich etwas zu Essen und meinen Schlafsack in den Rucksack und mache mich an den Aufstieg zum Gipfel. Es ist ein warmer Tag, die Kleidung klebt am Körper und die Moskitos umschwirren mich. Ich bin froh als ich oberhalb der Baumgrenze etwas Wind verspüre, der die Wanderung etwas erträglicher macht. An unübersichtlichen Stellen laufe ich immer laut pfeifend durchs Gelände. Die Chance einen Bären zu verschrecken ist zwar sehr gering, aber durchaus möglich. Da sollte man auf keinen Fall ein Risiko eingehen. Immer wieder überquere ich Geröllfelder, die mit Teppichen aus Moosen und Flechten überzogen sind, in einer Fülle wie ich es bisher so nicht gesehen habe.

Der höchste Punkt des Bergzuges besteht aus einer skurrilen Formation gesplitterten höchst fotogenen Gesteins von wo man einen perfekten Rundblick auf die Berge des Urals und die tiefer gelegene Taiga hat, durch deren Wälder sich die vielen Wasserwege schlängeln. Auch wenn ich wenige Tage zuvor die Landschaft aus dem Hubschrauber gesehen habe ist es etwas ganz anderes auf einem Gipfel zu stehen und das Erlebte auch körperlich zu spüren. Ein wunderbares Gefühl. Unter mir schlängelt sich der Schugor zwischen zwei Bergen hindurch. Dahinter erstrecken sich Moore und Wälder weit über den Punkt hinaus an dem einem die Erdkrümmung den Blick verwehrt. Ganz langsam wandert die Abendsonne über den Horizont. Richtig verschwinden tut sie erst um kurz vor elf Uhr in der Nacht. Richtig dunkel wird es nicht. Wir haben Sommer. Es herrscht die „weiße Nacht“. Schon zweieinhalb Stunden später gegen halb Zwei wird die glühende Kugel wieder am Horizont auftauchen. Am Abend ziehen mehr Wolken auf als ich erwartet habe. Ich nutze das letzte Licht der Sonne zum Fotografieren und lege mich dann in meinen Schlafsack. Da ich dummerweise keinen Wecker dabei habe muss ich mich unbedingt wach halten, möchte ich den Sonnenaufgang nicht verschlafen. Ich sehe bedrohliche Wolkenberge, die sich im blauen Licht der Halbnacht über mir aufbauen. Glücklicherweise bleibt es trocken und der Osten ist weit weniger bewölkt als die restlichen Himmelsrichtungen. Nur eine dünne Wolkenschicht hindert die Sonne daran, beim Aufgang ihre volle Kraft zu entfalten. So taucht sie für einige Minuten die Landschaft in tiefes Rot was zu faszinierenden Aufnahmen führt.

Besonders die kleinen Organismen die überall auf dem Gestein wachsen bilden faszinierende Mikrowelten und interessante Motive. Irgendwann findet die Sonne auch eine Lücke in der Wolkenwand und lässt die endlose Weite von Europas größter geschützter Wildnis für wenige Augenblicke in goldenes Licht erstrahlen. In solchen Momenten empfinde ich nur noch große Demut vor der Vollkommenheit der Schöpfung und bin dankbar, dass ich diese Schönheit so intensiv erleben darf.

Abgehoben 16.06.2010

Eine Reise nach Russland ist immer etwas Besonderes. Zum einem ist die Größe des Landes mit keiner anderen Region auf der Welt zu vergleichen – schon gar nicht innerhalb Europas. Zum Anderen sind wir in unserer Jugend mit einem eisernen Vorhang aufgewachsen, welcher uns Jahrzehnte impliziert hat dahinter lebe der böse Feind. Im Rahmen meiner Greenpeace Tätigkeit ist dies nun meine dritte Reise in ein Land das wohl für viele Menschen aufgrund der politischen Altlasten bis heute weitestgehend unbekanntes Territorium ist. Für mich war bisher jede Reise ein spannendes Abenteuer bei dem ich unglaubliche Landschaften kennenlernen durfte.

Zudem kam ich immer  mit der Erkenntnis nach Hause, dass die Menschen auf der anderen Seite der politischen Glaubensgrenze eben auch nur Menschen sind. Mein erstes Ziel war das Greenpeace Büro in Moskau. Die Kollegen vor Ort haben die kommende Reise für mich organisiert. In der russischen Hauptstadt prallen Moderne und Vergangenheit mit voller Wucht aufeinander. Die riesigen und in großer Anzahl an den Straßenrändern aufgestellten Werbetafeln versprechen eine farbenfrohe Konsumwelt und zeigen, dass auch die Russen den Verheißungen des Kapitalismus erlegen sind. So reihen sich viele westliche Luxusschlitten in die meist dreispurigen Staus der Millionenmetropole nahtlos ein. Es gibt zahlreiche Gewinner die aus der Öffnung der Märkte und der Privatisierung ehemaligen „Allgemeingutes“ durchaus profitiert haben. Freilich nicht die breite Masse der Bevölkerung welches sich auch im Zustand des Großteiles der Gebäude wiederspiegelt. Viele Bauwerke sind schon zu Soviet-Zeiten farblos gewesen und erscheinen heute als dringend renovierbedürftig.

Beeindruckend ist eine Fahrt mit der Moskauer U-Bahn. Ich schleppe über 50 kg Gepäck mit mir herum und bin froh endlich im Abteil zu sitzen. Die Rolltreppe, welche die Menschenmassen in die Unterwelt zur Bahn transportiert, wirkt endlos. Man hat die Bahn wirklich tief in die Erde gegraben. Alle Stationen die ich kennen lernen durfte gleichen eher Museen als Bahnsteigen. Riesige Bilder und Mosaiken legen Zeugnis ab von einer vergangenen Zeit die mit der heutigen marktorientierten Gesellschaft wohl nicht mehr viel gemeinsam hat. Von außen ist das Greenpeace Büro nicht als solches zu erkennen. Ich passiere eine Sicherheitskontrolle und betrete die Büroräume. An die fünfzig Personen arbeiten hier und geben ihr Bestes, dass die Naturschätze dieses Riesenlandes nicht gänzlich dem kurzfristigen Gewinn des Marktes geopfert werden, sondern für kommende Generationen erhalten bleiben. Ich lerne Anna und Sergey kennen, die mich in den nächsten zwei Wochen begleiten wollen. Unser Ziel ist die Provinz Komi am östlichen Ende des Europäischen Kontinents. Komi ist ungefähr so groß wie Frankreich, es leben dort aber nur ca. eine Millionen Menschen. Von Sergey erfahre ich, dass die Finnen hier in Komi ihre Wurzeln haben. Nach einem zweieinhalbstündigen Flug (fast solange wie der von Deutschland nach Moskau) landen wir in Uchta, der Stadt die unserem Ziel am nächsten liegt welches man mit dem Flugzeug erreichen kann. Nahe der Busstation quartieren wir uns ein.

Auch das Hotel ist nicht unbedingt sofort als solches zu erkennen. Da die Russen neben der anderen Sprache auch eine andere Schrift benutzen, ist eine Orientierung für mich sowieso sehr schwierig. Beim Einchecken wird man oftmals noch an alte Sovietzeiten erinnert. Denn als Ausländer muss man sich eigentlich an jeder Station der Reise bei den Behörden registrieren lassen. Früher wäre ein Herumreisen als Westler in diesem Land schlicht unmöglich gewesen. Auch heute ist es nicht ganz einfach und ich bin froh, dass meine Kollegen das eine und andere Mal die Formalitäten für mich erledigen oder die Menschen dazu bewegen ein Auge zuzudrücken, zumal es sich nur um einen kurzen Transitstop handelt. Später betreten wir dann ein Restaurant in dem die Gäste mit Dauerbeschallung durch Musikfernsehen berieselt werden. So erfahre ich, dass man den Siegersong von unserer Eurovision Song Contest Gewinnerin Lena als Handy Klingelton erwerben kann. Auch sonst weisen die gezeigten Beiträge auf eine gänzliche Annäherung der zwei einstmals verfeindeten Systeme zumindest im kulturellen Bereich hin. Am kommenden Morgen geht die Reise im Überlandbus weiter. Vier Stunden fahren wir auf teils unbefestigten Straßen gen Osten. Wir passieren endlose Baumreihen und sumpfige Freiflächen.

Geografisch liegt unser Ziel, die kleine Stadt Vuktyl auf der Höhe von Mittelfinnland, ca 300 km unterhalb des Polarkreises. 15000 Menschen leben hier in einer typischen sovietischen Trabantenstadt. Solche Städte gibt es in Russland viele, da sich eigentlich überall irgendein Rohstoff aus der Erde pressen lässt. Heute ist die Stadt ganz in der Hand von „Gasprom“. Der Gaskonzern scheint die einzige Quelle zu sein, die diese Gemeinde am Leben hält. Ansonsten ist hier nicht viel geboten. Es gibt weder ein Kino noch sonstige reichhaltige Abwechslung. Aber es gibt hier Natur im Überfluss. Nicht weit von Vuktyl erheben sich die Berge des Ural, welche die geografische Grenze zwischen dem europäischen Teil des Landes und dem weit größeren asiatischen Teil bilden. Fast drei Millionen Hektar (!!) Wildnis sind hier von der UNESCO als Weltnaturerbe ausgezeichnet und unter Schutz gestellt worden. Der „Komi Virgin Forest“ ist das größte Naturschutzgebiet in Europa. Er beherbergt Urwälder von einer Größenordnung wie sie in keinem anderen Teil unseres Kontinents mehr vorkommen.

Mit großer Vorfreude betrete ich das Büro der Nationalparksleiterin Tatiana Fomicheva. Von Andrey, der bei Greenpeace für die Ausweisung von Weltnaturerbestätten zuständig ist, weiß ich von seiner Bekanntschaft mit der Dame. Die Zwei haben im Prozess den Komi Wald unter Schutz zu stellen eng zusammen gearbeitet. Als Dankeschön möchte uns Frau Fomicheva gerne helfen. Ich verstehe zwar nichts von dem was dort im Büro verhandelt wird, doch anhand der ausgelassenen Stimmung erahne ich einen positiven Verlauf. Meine Hoffnungen werden sogar übertroffen als mir Anna mitteilt, dass wir zu einem Hubschrauberflug eingeladen sind. Damit geht ein Traum für mich in Erfüllung. Ich habe mir sehr gewünscht innerhalb dieses Projektes über die „Wilden Wälder Europas“ , einmal die Luftperspektive zu bekommen. Jetzt sollte es sogar beim größten Urwald des Kontinents klappen. Für die Zeit nach dem Flug wird eine Flußexpedition für uns geplant, die uns weit in die Berge des Ural bringen soll. Wow. Nach zwei Tagen zähem Warten bringt man uns zum ehemaligen Flugplatz der Stadt. Heute wird das Flugfeld nur noch von den Hubschraubern des „Gasprom“ Konzerns benutzt und ich bin gar nicht überrascht als auch wir wenig später in einen Transporthubschrauber des Energieriesen steigen.

Am frühen Morgen hab ich nochmals schwer gezittert. Dicke Wolken und Dauerregen lassen das ganze Vorhaben sehr fraglich erscheinen. Gegen zehn Uhr gab es dann Entwarnung und wir bekommen unsere Starterlaubnis. Die Wolken beginnen sich aufzulockern und entlassen nur noch partielle Schauer auf die Erde. Aus fotografischer Sicht hätte mir überhaupt nichts Besseres passieren können. Auch bei Luftaufnahmen gibt es nichts Langweiligeres als blauer Himmel ohne Wolken. So aber fliegen wir hinein in ein regelrechtes Inferno aus Licht, Schatten, Wolken und Regenwänden. Es ist grandios. Die Minuten vergehen „wie im Flug“. Der Hubschrauber folgt dem Verlauf eines der großen Flüsse die ihren Anfang in den Bergen des Ural nehmen. Unter uns nur ungezähmte Wildnis. Es ist ein fantastischer, für Europa fast unwirklicher Anblick, wenn man auf unseren Planeten blickt an Stellen wo er völlig frei von menschlichen Einflüssen ist. Nach ca. einer Stunde landen wir an einem Flussufer und besuchen einen Einsiedler, der seit über dreißig Jahren in einem kleinen Holzhaus in der Weite dieser Wälder lebt. Lange bevor das Gebiet unter Naturschutz gestellt wurde hat er sich hier niedergelassen. Heute erledigt er Aufgaben für den Nationalpark und freut sich über uns unerwartete Gäste. Ich stelle mir vor wie es sein muss hier draußen zu überleben. Die kurzen Sommer sind Moskitoverseucht und die kalten und dunklen Winter endlos. Bei aller Liebe zur Natur möchte ich nicht mit ihm tauschen. Die Einsamkeit würde mich wohl zermürben, trotz Bären, Elche und Wölfe als Nachbarn.

Unser Flug führt uns weiter über die ersten Ausläufer des Ural. Wir sehen die Baumgrenze nicht weit oberhalb der Flüsse, ein Zeichen, dass wir uns sehr weit im Norden befinden. In den Höhenlagen des bis zu zweitausend Meter hohen Gebirges liegt nach wie vor Schnee. Immer wieder entladen sich regionale Schauer über der Taiga was zu spannenden Lichtverhältnissen und sogar zu Regenbögen führt. Als wir wieder auf dem Flugfeld landen habe ich jegliches Zeitgefühl verloren. Fast drei Stunden sind vergangen und ich bin völlig erschlagen von den wunderbaren Eindrücken die sich uns offenbart haben. Fast tausend Mal habe ich auf den Auslöser gedrückt. Da nur die besten Bilder überleben wartet eine Menge Arbeit am Computer auf mich. Doch zuvor wollen wir uns dem Komi Urwald vom den Wasserstraßen aus nähern.

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