Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Kategorie: Schweden

Licht vom Horizont 03.09.2010

Bei unserer Wanderung im „Sarek“ Nationalpark haben wir die letzten Außenposten des Lebensraumes für Wälder kennengelernt. Nun wollen wir erkunden wie es mit dem Lappland Wald in den zwar nördlich aber geografisch tiefer gelegenen Regionen aussieht. Dazu erkunden wir den schwedischen „Muddus“ Nationalpark, der ebenfalls Teil des „Laponia“ Weltnaturerbes ist wie der „Sarek“. Hier wird auf knapp 500 qkm Fläche eine Naturlandschaft geschützt wie sie in allen nordischen Ländern in diesen Breitengraden recht typisch ist. Es ist dieser Mix aus Mooren, Seen und Waldgebieten welcher die Wildnis so reizvoll macht. Im „Muddus“ Nationalpark gibt kaum reinen Urwald, da das Gebiet in der Vergangenheit für einige Jahrzehnte von Siedlern erwählt wurde. Noch heute erinnern vereinzelte abgesägte Baumstämme entlang des Wegesrandes an die Präsenz dieser Leute. Die Natur in ihrer Gesamtheit ist aber intakt.

Ich habe bei meiner Recherche herausgefunden, daß für Besucher ein Aussichtsturm errichtet wurde, der es ermöglicht die Perspektive zu erweitern. Für das Fotografieren von praktisch flachen Regionen ist das ein enormer Zugewinn an Möglichkeiten. So entscheiden sich Elfriede und ich zu einem erneuten Marsch in die Natur. Wir haben noch den „Sarek“ Muskelkater in den Knochen und müssen ein wenig Schlucken als wir entdecken das der Weg zum Turm 16 km lang ist. Auf der Karte sah es weit kürzer aus. Wir haben uns nicht abschrecken lassen und sind mittags um 14 Uhr losmarschiert. Dieses Mal war der Rucksack leichter, da wir nur eine Nacht im Park verbringen wollen und die Übernachtung in einer Wanderhütte möglich ist. Dazu folgen wir einem gut ausgebauten Wanderweg was uns nach den Strapazen im „Sarek“ schon fast als richtiger Luxus vorkommt. Der Weg folgt über viele Kilometer dem Rand einer fast 100 m tiefen Schlucht. Ein mächtiger Fluss rauscht an zwei Stellen als schöne Kaskade über das Gestein. Die trockenen etwas höher gelegen Waldgebiete bestehen fast ausschließlich aus Kiefern, während in den feuchteren Bereichen die Birke das Hoheitsrecht hat. Auf Bohlen laufen wir über Moore die schon jetzt ganz zaghaft erahnen lassen welche Farbenpracht hier in wenigen Wochen vorherrschen wird. Es ist absolut windstill.

Prachtvolle Spiegelungen in den Tümpeln insbesondere der riesigen Wolkenberge verschönern uns die Wanderung. Etwas Müde erreichen wir die Hütte und den in wenigen hundert Metern stehenden Turm gegen sieben Uhr am Abend. Zahlreiche Wolkenlücken deuten auf einen tollen Tagesabschluss hin und in großer Erwartung besteigen wir den Turm. Der Anblick ist absolut bezaubernd. Wir sehen praktisch alle Zutaten welche die Natur Lapplands zu bieten hat. Der Turm ist von schönem alten Mischwald umgeben und steht auf einer Landzunge, die zum einen Teil in einen See ragt und auf der Gegenseite ein Moor einfasst. Perfekter könnte der Tag nicht zu Ende gehen. Das Licht ist wunderbar und der Aufnahmewinkel vom erhöhten Standpunkt ermöglicht mir viele Motive ohne dass ich mich groß bewegen muss. Die Nacht ist Sternenklar. Wir freuen uns über ein wärmendes Feuer im gemütlichen Holzhaus und stehen eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang wieder auf der Plattform.

Dieses Mal kommt das Licht genau von der anderen Seite. Da es keine Wolken am Himmel hat welche die Motivpalette bereichert und die Kraft der Sonne dadurch auch recht schnell sehr Dominant ist, bleibt mir etwas weniger Zeit für die Fotografie. Trotzdem ist es auch dieses Mal wunderschön die Natur im wechselnden Licht des anbrechenden Tages zu bestaunen. Außer einem Paar Singschwäne, die immer mal wieder Getöse machen, scheinen wir Zwei die einzigen Lebewesen auf der Welt. Alles ist ruhig und friedlich.

Knapp vierundzwanzig Stunden nach unserem Aufbruch, mit zweiunddreißig Wanderkilometern in den Waden und vielen schönen Bildern auf dem Kamerachip, erreichen wir wieder den Parkplatz. Effizienter kann Naturfotografie eigentlich nicht laufen, dem Wetter sei Dank.

Den Elementen entgegen…. 01.09.2010

Eine meiner schönsten Erinnerungen sind die Erlebnisse einer Reise, die ich im Alter von zwanzig Jahren zusammen mit meinem Freund Felix unternommen habe. Über sechs Monate sind wir durch Kanada und Alaska geradelt und gewandert. Zeit spielte keine Rolle, der Weg war das Ziel und hinterm Horizont ging es weiter. Besonders die in den nördlichen Landesteilen gelegenen Landschaften faszinierten uns. Die endlose Weite und ungezähmte Natur lies uns ganz klein erscheinen und ehrfürchtig die Wunder der Wildnis erforschen. Dieses Gefühl der Freiheit und gleichzeitig der eigenen wunderbaren Begrenztheit erhaschten wir in der vergangenen Woche erneut ein wenig. Zusammen mit Elfriede bin ich in den Sarek Nationalpark im Norden Schwedens marschiert.

Wir befinden uns knapp über dem Polarkreis. Dass es in der Nacht wieder komplett dunkel wird ist neben den frischen Temperaturen ein weiteres Zeichen dafür, dass der kurze nordische Sommer sich dem Ende neigt. Der Sarek gilt als eines der letzten unberührten Wildnislandschaften Europas und ist Teil eines Verbundes aus Naturschutzgebieten, die hier im schwedischen Lappland das „Laponia“  UNESCO Weltnaturerbe bilden. Ein Gebiet das größer ist als Korsika. Offizielle Wege oder Schutzhütten gibt es im Sarek keine. Eine Wanderung, egal welcher Länge, sollte gut geplant sein. Das der Sub-Arktis zugeordnete Gebiet kann wegen des rauen Klimas für den leichtsinnigen Wanderer sehr schnell zur echten Gefahr werden. Ein Großteil der Sarek Region besteht aus Hochgebirge mit über zweitausend Meter hohen Gipfeln und vegetationsarmen Hochebenen. Ganz anders sind dagegen die Täler. Gespeist durch die Lebensadern der Flüsse bereichert dort ein reichhaltiger Bewuchs die Landschaft. In den Hügeln des Vorgebirges wächst der für Lappland typische Nordwald aus Birken, Kiefern und Fichten. Mit steigender Höhe verschwinden nach und nach die Nadelgehölze und machen einem lichten Birkenwald Platz, der von allerlei Gesträuch und Bodendeckern zersetzt ist.

Wir entscheiden uns für unsere Wanderung in das „Rapadalen“ hineinzulaufen. Der „Rapaädno“ ist einer der zentralen Flüsse im Gebirge dessen Delta sich in zahlreichen Seitenarmen verzweigt und außerhalb der Berge in einen großen See entlädt. Mit einem Boot lassen wir uns über die große Wasserfläche bringen und direkt am Ende des Deltas, am Ufer des Flusses absetzen. Rechts und links von uns steigen mächtige Felswände empor, die aber im Dunst des schlechten Wetters verschwinden. Wir folgen einem schmalen Pfad, der das Vorwärtskommen auf dem morastigen und oft steinigen Untergrund sehr erleichtert.

Das schwere Gewicht auf dem Rücken ist für uns Beide noch gewöhnungsbedürftig. Während ich das Zelt und die Fotoausrüstung trage, hat sich Elfriede bereit erklärt, die gesamten Lebensmittel zu schleppen. Beide Rucksäcke sind voll gefüllt und fordern unsere gesamte Kraft. Über eine Distanz von über zwanzig Kilometern marschieren wir entlang des wilden Flusses, passieren Birkenwäldchen, durchqueren Moore und freuen uns an den vielen Heidelbeeren die hier zuhauf den Boden bedecken. Je weiter das Tal ansteigt und sich der Baumgrenze nähert, desto mickriger werden die Bäumchen. Immer wieder sehen wir Rentierherden, die das indigene Volk der Samen hier seit Jahrhunderten frei durch die Landschaft ziehen lässt. Es ist schön diese Tiere zu beobachten und wenn man sich nicht bewegt dauert es recht lange bis sie einen wittern und dann schnell das Weite suchen. Blickt man in die zahlreichen Bäche, die sich über die Felswände ergießen um in den „Rapaädno“ fließen, fällt einem die große Menge an Algen auf die dort im ansonsten klaren Wasser wachsen. Mir stellt sich da die Frage ob es nicht doch ein paar Rentiere zuviel sind, die mit ihren Ausscheidungen die Landschaft düngen. Die ersten Tage ist es bewölkt aber zum Glück bleibt es Trocken. Am Wendepunkt unseres Marsches steigen wir die Felswände etwas in die Höhe, um so die Elche zu entdecken, die sich wie auf wundersame Weise bisher den Blicken entzogen haben. Wir entdecken drei große Bullen unweit unseres Zeltplatzes. Doch die Fluten des „Rapaädno“ machen es mir unmöglich, mich diesen Tieren auf Fotoweite zu nähern.

Ein Pärchen Singschwäne, die über unsere Köpfe hinweg fliegen, entschädigen etwas für die entgangene Gelegenheit. Am dritten Tag beginnt es in der Nacht leicht zu Regnen. Alles ist feucht und klamm, als wir am kommenden Morgen unser Zelt abbauen und versuchen möglichst die Schlafsäcke und Iso-Matten trocken zu halten. Die Temperatur ist nur ein wenig über Null Grad, die Sonne haben wir bisher nicht gesehen. Während des Morgens hört der Regen auf und die Wolken beginnen sich langsam nach oben zu bewegen. Frischer Schnee bedeckt die steilen Felswände nur wenige hundert Meter über uns. Der Winter sendet erste Signale, noch bevor der Herbst seine Farbenpracht über die Pflanzenwelt legen konnte. Doch dann kommt sie doch.

Gegen Mittag reißt die Wolkendecke auf und die bis dato so graue Welt wird farbenfroh. Die Sonne trocknet unsere Kleidung, erhellt unser Gemüt und wärmt die Seele. Ohne dicke Jacke laufen wir durch das Tal zurück, das sich im schönen Wetter ganz anders offenbart als zuvor beim Hinweg. Bewusst versuchen wir andere Routen zu wählen um Neues zu entdecken und werden immer wieder belohnt. Mit jedem Tag verändert sich das Laub der Pflanzen ein wenig mehr. Grüntöne bekommen rötliche Schattierungen und vereinzeltes goldenes Laub gibt erste Vorahnungen wie es hier in einiger Zeit aussehen wird. Der kommende Morgen ist komplett wolkenlos. Wir beschließen den Pfad zu verlassen und durch den Wald die Steilwand des Tales zu erklimmen um uns neuen Perspektiven zu erschließen. Das Ziel ist der fast 1200 Meter hohe „Skierffe“, dessen fast 700 Meter steile Felswand sich senkrecht über dem Delta des „Rapaädno“ erhebt. Wir wählen einen Aufstieg, der uns sicher auf die Anhöhe neben dem Berg auf die Hochebene bringt.

Große Rentierherden ziehen hier oben über die Weite. Der Blick ist nur vom Horizont begrenzt. Es ist einer jener Traumtage die das Erleben in der Natur so unvergesslich machen. Wolkenberge ballen sich über den Gipfeln, blauer Himmel setzt Kontraste und Sonnenstrahlen werfen lange Bahnen in die unter uns gelegenen Tal-Abschnitte. Völlig fasziniert staunen wir über die wunderbare Schönheit dieser sich in scheinbarer Endlosigkeit verlierenden Natur. Nichts, aber auch gar nicht stört die perfekte Komposition der Wildnis.

Immer an der Kante entlang erklimmen wir langsam den Gipfel des „Skierffe“. Jeder Blick die steile Felswand nach unten ins Delta ist ein atemberaubendes Erlebnis. Ich weiß, dass ich mit Schwelgereien nie geize, wenn ich versuche eine schöne Begebenheit in Worte zu fassen. Aber hier kann man eigentlich nur scheitern. Es fehlt mir bei weitem der poetische Tiefgang um in Worte zu kleiden,was man empfindet wenn man hier oben steht und den Blick über diesen Teil der Welt gleiten lässt.

Besonders als ein von der Sonne durchstrahlter Regenschauer wie ein riesiger Vorhang über das Tal des „Rapadalen“ zieht, bin ich von soviel Adrenalin durchflossen das mich das Fotografieren absolut glücklich macht. Während ich diese Zeilen schreibe sitzen wir im Hotel und cremen uns unsere wunden Füße ein. Vielleicht bin ich mit über vierzig Lebensjahren nicht mehr ganz so belastbar wie bei der Kanadatour vor zwanzig Jahren. Doch das Feuer und die Begeisterung sind noch da. Knapp achtzig Kilometer sind wir marschiert. Die Erinnerung an das Erlebte wird die geschwollenen Füßen und den Muskelkater bald vergessen machen.

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