Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Kategorie: Schweiz

Erlebbarer Klimawandel im Hochgebirge 01.02.2010

Durch die Erfahrungen der letzten Arbeiten in Polen und im Harz bin ich von der Wirkung des Mondlichtes ziemlich angetan. Deshalb gibt es auch keine Gnade als um vier Uhr morgens der Wecker klingelt und mich zum erneuten Fotoeinsatz ruft. Ich bin im schweizerischen Wallis auf der knapp 2000 Meter hoch gelegenen Riederalp einquartiert. Starke Schneefälle und ein bewölkter Himmel haben in den vergangenen 36 Stunden die Arbeit unmöglich gemacht, und mir die Vollmondnacht gestohlen. Doch heute Nacht gegen zwei Uhr haben sich die Wolken verzogen und die Strahlen des immer noch sehr großen Mondes können die schneebedeckten Berge erhellen. Es hat eisige 15 Grad Minus als ich mir die Schneeschuhe umschnalle und mich über die frisch gespurte Skipiste an den Aufstieg zur Riederfurka mache. Sie befindet sich an der oberen Kante dieses riesigen Vergnügungsgebietes in dem täglich tausende Wintersportler über die Berghänge ins Tal rauschen. Während diese Seite des Bergrückens komplett vom Menschen für sein Vergnügen vereinnahmt ist, erlebt man auf der anderen Seite ein Naturschauspiel das in Europa seinesgleichen sucht.

Aletschwald  499

Im schalen Schein des Mondlichts öffnet sich mir ein einzigartiger Blick auf den Aletschgletscher, dem größten Eisstrom der Alpen. Er ist dreiundzwanzig Kilometer lang, bis zu tausend Meter dick und hat ein Gewicht das 72 Millionen Jumbojets entspricht. Um das Jahr 1860 war der letzte Hochstand des Eises. Der Rand lag damals fast zweihundert Meter höher als heute. Ich male mir aus wie das ausgesehen haben muss. Damals wäre ich mit meinem jetzigen Standpunkt am unmittelbaren Gletscherrand gestanden. Heute blicke ich dagegen in einen tiefen Taleinschnitt. Das Eis ging seit damals beständig zurück. Profitieren tut davon die Vegetation. In den oberen Hanglagen sehe ich jahrhunderte alte Arven. Weiter unten breitet sich auf ehemals vergletscherten Böden nach und nach neuer Pflanzenbestand aus. Auf den Seitenmoränen kommen zuerst die Pionierpflanzen, später sind es Sträucher und zuletzt wachsen Bäume.

Aletschwald  504

Diese sind der Grund warum ich das Gletschergebiet in mein Waldprojekt mit einschließe. Der Aletschwald an den Hängen in der Nähe des Eises ist ein Schutzgebiet, in dem sich einige bemerkenswerte Vorgänge studieren lassen. Die nördliche Grenze wurde durch den linken Rand des Gletschers festgelegt. Da der Eisstrom seit Jahrzehnten permanent schmilzt, wird das Gebiet jedes Jahr größer. Seit 1933 ist der Aletschwald um rund 80 Hektar gewachsen. Die verstärkte Erderwärmung seit Mitte der achtziger Jahre lässt das Eis in besonders dramatischer Geschwindigkeit schmelzen. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es in einer nicht allzu weiten Zukunft keine Gletscher mehr im Alpenraum geben wird. Ich möchte mir momentan nicht vorstellen wie es dann hier oben aussehen wird. Durch die Dunkelheit, die gar keine ist, laufe ich über den Bergrücken parallel zum Verlauf des Waldes. Der Mond lässt einzelne Eiskristalle wie kleine Spiegelchen leuchten. Auf der anderen Seite des Gletschers fährt eine Pistenwalze unermüdlich ihre Bahnen. Ein heller Scheinwerfer strahlt weit über den verschneiten Berghang. Ihr monotones Brummen dringt durch die Stille der Bergnacht. Über die weite Distanz erreicht der Ton trotz Sturmhaube und Mütze mein Ohr. Ich fluche, weil sie mir einige Bildmotive versaut, die das gesamte Alpenpanorama mit einschließt. Selbst hier im Hochgebirge muss man seinen Bildausschnitt einschränken weil der Mensch sich in die letzen Winkel ausgebreitet hat.

Aletschwald  502

Ich bereue es nicht, dass ich in meiner späten Jugend mit dem Skifahren aus Gewissensgründen aufgehört habe. Ich habe schon damals nicht mehr teilhaben wollen am Ausverkauf der letzten unberührten Berghänge. Wegen des wärmeren Klimas wird es nur noch schlimmer. Immer mehr Skigebiete werden nicht mehr genug der weißen Pracht abbekommen. Dies zwingt die Betreiber, sofern ihnen der kurzfristige Gewinn wichtiger ist als ein Umdenken, zu zwei bedrohlichen Maßnahmen:  Zum Einem werden neue Skigebiete in immer höhere und damit bisher unberührte Naturräume gebaut. Die andere Katastrophe sind aus meiner Sicht die Schneekanonen, mit denen mit ungeheurem Aufwand an Energie und Wasser künstlich Schnee erzeugt wird. Damit wird der Klimawandel nur noch verstärkt, der für den Schneemangel verantwortlich ist. Doch ich bin nicht hier um griesgrämig zu werden, sondern um von der berauschenden Kulisse möglichst schöne Fotos zu machen. Fast unwirklich wird die Stimmung, als das Licht des Mondes die gleiche Kraft besitzt  wie die auf der anderen Seite beginnende Morgendämmerung. Es sind nur wenige Augenblicke, dann hat der untergehende Mond diesen ungleichen Kampf verloren und das Licht des neuen Tages nimmt überhand.

Aletschwald  501

In diesen Momenten schieße ich viele Fotos von der gesamten Szenerie. Im Vordergrund die Bäume und dahinter der Gletscher und die ihn überragenden Berge. Alles ist in ein magisches bläuliches Licht gehüllt. Es ist immer erforderlich dem Fotostativ einen stabilen Standpunkt zu verschaffen, was im meterhohen Schnee nicht immer ganz einfach ist. Beim Objektivwechsel ist es ganz wichtig, nicht auf die Linse oder in die offene Kamera zu atmen. Es bilden sich sofort Kristalle auf dem Glas, die zu massiven Unschärfen innerhalb des Bildes führen. Dies habe ich später mit Bestürzung am Computer festgestellt. Dadurch sind mir einige Bilder misslungen, die ich ausgerechnet während des besten Lichtes geschossen habe.

Diesen Text schreibe ich heute drei Tage nach diesem Abenteuer. Seitdem laufe ich mit einer bräunlichen Nasenspitze durch die Gegend. Während ich beim Fotografieren durch den Sucher geschaut habe, hat mein Atem auf dem Rückteil der Kamera eine Eisschicht entstehen lassen. Darauf ist meine Nase immer wieder angeklebt und hat so zu leichten Erfrierungen geführt. Das ist nicht weiter schlimm, sieht aber komisch aus.

Aletschwald  503

Der Sonnenaufgang an jenem Morgen war schon der Höhepunkt dieses schönen Fotoausfluges. Kurz darauf höre ich die Skilifte rauschen und mache mich an den Abstieg. Den Aletschwald werde ich nochmals zu einer anderen Jahreszeit besuchen.

Hoch oben im Arvenwald 13.01.2010

Es gibt weltweit etwa neunzig Kiefernarten. Eine davon ist die Zirbelkiefer, welche in der Schweiz auch Arve genannt wird. Ich bin in die Ostschweiz gereist um den höchstgelegenden, geschlossenen Arvenwald zu fotografieren. Die Aktion erweist sich als schwieriger durchführbar als ich dachte (aber nur weil ich vorher nicht gründlich recherchiert habe). Dafür wird mir ein anstrengendes aber wunderschönes Schneeerlebnis beschert. Im Engadiner Skiort Scuol weist ein Schild auf das kleine Bergdorf S-charl hin. (S-charl schreibt man wirklich so)  Es bildet den Ausgangspunkt für die Wanderung in den 2322m hochgelegenen Arvenwald mit dem Namen „God da Tamangur“.

Tamangur   308

Eine kleine schneebedeckte Straße windet sich steil den Berg hinauf. Rechts und links sehe ich alte großgewachsene Fichten und Kiefern. Während die Hänge um Scuol meist von Skipisten geprägt sind, ist die Natur in diesem Tal erfreulich intakt. Nach drei Kilometern ist Schluß. Vom Pferdegestüt San Jon geht es die restlichen zehn Kilometer nur zu Fuß oder mit der Pferdekutsche weiter. Ich entscheide mich den Weg durch die Clemgia Schlucht zu Fuß zurückzulegen. Imposante Geröllfelder, steile bewaldete Bergflanken und eine wildromantische Flusslandschaft, die in Jahrmillionen diesen Einschnitt in den Bergen formte, machen den Marsch zu einem optischen Erlebnis. Doch der Preis den ich zahle ist hoch. Zwei Rucksäcke zehn Kilometer weit den Berg hinauf schleppen, lassen mich meine körperlichen Grenzen erkennen. Ich bin fix und fertig als ich gegen Mittag im Wirtshaus Major in S-charl ankomme. Ich gönne mir eine Stunde Pause und mache mich dann nur mit Schneeschuhen und Fotoausrüstung ausgestattet an den Aufstieg zum Tamangur. Wintertage sind kurz. Der Weg über den Pass ist bisher noch nicht gespurt worden, so dass ich nur langsam vorankomme. Nach weiteren vier Kilometern erreiche ich den Rand des Arvenbestandes welcher seit 2007 als Waldreservat geschützt ist.

Tamangur   310

Das Wäldchen ist recht klein, verdient aber Aufmerksamkeit. Die Schweizer sind ein Volk das seit jeher eine intensive Almwirtschaft betreibt. Über Jahrhunderte wurden die Arven als unliebsame Konkurrenz gesehen, die den Grasbewuchs behindern. Futter für das Weidevieh auf den Hochalmen wurde weggedunkelt, weshalb die Bäume raubbauartig geschlagen wurden. Arvenholz wächst sehr langsam. Dafür haben die Bäume eine Lebensdauer von bis zu 1000 Jahren.

Tamangur   311

Aufgrund ihrer Trägwüchsigkeit hielt man es nie für lohnend die Zirben (wie sie auch genannt werden) wieder aufzuforsten. Gegen Mittag ziehen immer mehr Wolken auf, so dass ich schon bald meine Pläne von Fotos im schönen Abendlicht aufgeben muss. Mit schweren Füßen mache ich mich, ohne eine Aufnahme im Kasten, auf den Rückweg ins Nachtlager. Kurz nach dem Abendessen falle ich unmittelbar in tiefen Schlaf. Die 18 km Schneewandern machen sich bemerkbar. Der Wecker klingelt am nächsten Morgen unbarmherzig um halb sechs. Mit Freuden blicke ich in einen klaren Sternenhimmel. Bei sechs Grad minus mache ich mich an den erneuten Aufstieg zum Tamangur. Es ist fast Neumond, so dass mir eine kleine Stirnlampe helfen muss, nicht wieder in die Stellen zu treten an denen mich der tiefe Schnee am Vortag hat einsinken lassen. Die minimale Beleuchtung der Sterne genügt um die Berge mystisch aus der Dunkelheit zu heben. Es herrscht absolute Stille. Nur das Knirschen des Schnees, der unter meinem Gewicht nachgibt, ist zu vernehmen. Doch die Stille trügt. Das Hochtal ist voller Leben. Im frischen Schnee sehe ich zahlreiche neue Tierspuren die während der Nachtstunden meinem Pfad gekreuzt haben. Das erste Dämmerlicht des Tages bildet schöne Silhouetten der Berge und Wälder vor einem tiefblauen Morgenhimmel. Die folgende halbe Stunde, also die Zeit vor dem Sonnenaufgang, ist pure Magie. Für viele Fotomotive in der Naturfotografie ist diese Tageszeit perfekt. Für Leute die einfach nur die Schönheit der Erde genießen wollen, sei dieser Abschnitt des Tages unbedingt zum erkunden empfohlen.

Tamangur   309

Ich erlebe den Tagesanbruch zwischen Jahrhunderte alten Kiefern. Während die Sonne die Berggipfel in goldenes Licht taucht, bleiben die Bäume im Schatten des beidseitig aufsteigenden Berghanges. Kiefern sind auch deswegen so faszinierend, weil sie, anders als die meist kerzengeraden Tannen und Fichten, oft individuelle Baumgestalten annehmen. Durch ihre Standorte in oftmals windigen Gegenden, passen sie ihr Wachstum dem Widerstand an. So bilden sie individuelle Formen, die sie von ihren Artgenossen unterscheiden.

Tamangur   312

Wälder in Schneelandschaften zu fotografieren ist nicht ganz leicht, weil in sehr vielen Lichtsituationen der weiße Schnee mit dem dunklen Holz einen unüberwindbaren Kontrast bildet. Wenn man bei bedecktem Himmel eine Schneelandschaft betrachtet, so wirkt diese wie eine schwarz-weiß Aufnahme. Der harte Kontrast lässt Zwischentöne wie das Grün von Baumnadeln fast verschwinden.

Tamangur   313

Ich bin nach diesem Morgen sehr zufrieden mit meiner Ausbeute und laufe mit schweren Füßen zurück ins autofreie Dörfchen S-charl. Von dort aus genieße ich die Fahrt in der Pferdekutsche durch die märchenhafte Winterlandschaft zurück nach Scuol. Der Kontrast könnte kaum größer sein. Es ist fast wie eine Zeitblase der man entsteigt, wenn man das Tal wieder verlässt. Sehr schnell hat einen die Realität wieder. Grauer Schneematsch, Straßen voller LKW und skibeladener SUV´s heimfahrender Urlauber, katapultieren einen sofort wieder zurück in den Alltag.

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