Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Kategorie: Spanien

Korken statt Plastik 30.03.2010

Auf der iberischen Halbinsel findet man heute keine Urwälder mehr. Portugal und Spanien waren einst große Seefahrernationen. Den Preis für den Reichtum, den man in der Kolonialzeit auf der ganzen Welt zusammengeräubert hat, war eine dramatische Entwaldung daheim. So wurden die Kork- und Steineichenwälder in Segelschiffe verbaut, die für viele Jahre Angst und Schrecken in viele Teile der Welt getragen haben. Auf guten Böden wurden die Wälder meist durch landwirtschaftliche Flächen ersetzt. Auf weniger guten Böden wurden die natürlichen Wälder zum Teil durch Aufforstung mit anderen Arten ersetzt, was meist zu hässlichen und ökologisch bedenklichen Monokulturen führte. Leider wurde in vielen Landesteilen gar nichts unternommen, so dass die Degradationsflächen heute große Teile des Landes einnehmen. Diese meist mit Büschen bewachsene und von Erosion gezeichnete Landschaft empfinde ich als extrem trostlos, besonders wenn man bedenkt wie reich und wunderschön die ursprüngliche Natur gewesen ist.

Trotzdem, oder gerade deswegen, ist es spannend sich die verbliebenen Wälder anzuschauen. Im Naturpark Los Alcornocales soll es noch die größten naturnahen Eichenwälder Spaniens geben. Ich fahre in das kleine Örtchen „Jimena de la Frontera“. An einem Berghang gelegen ist zumindest der alte Ortskern in typischen weißen Häuschen an den Fels gebaut. Über den verschachtelten Gebäuden thront eine alte Burgruine. Ich finde eine Unterkunft in einem 300 Jahre alten Gasthaus mit dem mediteranen Charme, den man sich als Besucher dieser Region genau so vorstellt. Mit Grausen denke ich, im direkten Vergleich zu dieser Idylle, an die Bausünden im Bereich der spanischen Küste und die massive Bodenversiegelung im Umkreis der Städte. Ich starte meine Erkundungen in den Naturpark und merke sehr schnell, dass es auch hier kaum echte Wildnis gibt. Alles ist vom Menschen genutztes Kulturland. Am nächsten kommt man der ursprünglichen Vegetation in den sogenannten „Canutos“.

In den Senken ist man plötzlich in einer anderen Welt. Die reichhaltige Vegetation erinnert mich an einen subtropischen Regenwald, der ja in der Tat bis zur letzten Eiszeit im Süden Europas existierte. Ich laufe unter großen von Moos überzogenen Stein- und Korkeichen und folge einem kleinen Bächlein den Pfad bergauf. Im Bereich des Wassers wachsen Schwarzerlen und Eschen, deren Knospen erstes zartes Grün erkennen lassen.

Verschiedene Blumen beginnen zu blühen, da wir gerade die ersten warmen Frühlingstage erleben. Der Rest der Vegetation sind immergrüne Büsche und Sträucher, denen der Wechsel der Jahreszeiten leidlich egal zu sein scheint. Selten habe ich in einem Wald so zahlreiches Vogelgezwitscher vernommen wie hier im Süden Spanien. Nur die geschälten Stämme der Korkeichen zeugen bei dieser Wanderung vom Einfluss des Menschen. Die Korkeiche ist ein fantastischer Baum.

Vor ca. dreihundert Jahren hat man den Gebrauchswert der eigenartigen Rinde dieser Eiche erkannt. Alle neun Jahre lässt sie sich komplett abziehen und man kann daraus Korken für Weinflaschen herstellen. Dem Baum schadet es nicht, im Gegenteil. Ähnlich wie wir Menschen unsere Haare schneiden und sie dadurch kräftigen, verhält es sich auch mit der Korkeiche und ihrer Rinde. Da man keine maschinelle Methode entwickelt hat um die Bäume zu schälen, ziehen die Männer in die Wälder und erledigen den Vorgang auch heute noch in Handarbeit.

Dadurch ist, besonders auch in Portugal, eine Kulturlandschaft entstanden, die auf umweltschonende Weise Menschen in Lohn und Brot bringt. Außerdem bieten diese Wälder Lebensraum für viele Pflanzen und Tierarten, wie den extrem seltenen iberischen Luchs und den Schwarzstorch, der seine Nester nur auf den Korkeichen baut.

Damit diese wertvollen Naturräume erhalten bleiben ist es wichtig, dass der Kork genügend Abnehmer unter Weinkennern findet. Mit dem Aufkommen der billigeren Plastikverschlüsse droht diesem ganzen Wirtschaftszweig ernsthafte Gefahr. Wer sich also den Gaumenfreuden der gegorenen Traubensäfte hingibt, sollte beim Einkauf dringend darauf achten Flaschen zu kaufen, die mit natürlichem Kork verschlossen sind. Nur so haben die Nachkommen der iberischen Urwälder eine Überlebenschance. Der Süden Europas würde noch mehr einer lebensfeindlichen Wüste gleichen, wie er es in den heißen Sommermonaten in weiten Teilen schon heute tut. Ach ja, dass ich mich an den vielen hier lebenden Störche erfreut habe, lässt sich an der Bildauswahl unschwer erkennen.

Wildview läuft unter Wordpress 3.4.2
Anpassung und Design: Gabis Wordpress-Templates