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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Kategorie: Tasmanien

Tasmanien Teil 3: “Von zivilem Ungehorsam” 15.01.2013

„Ziviler Ungehorsam“ ist keine Straftat und schon gar kein Ansatz zum Terrorismus. Unsere Welt wird immer mehr von den Machtinteressen großer Konzerne gesteuert. Allein in der Europäischen Union nehmen tausende Lobbyisten Einfluss auf unsere demokratisch gewählten Volksvertreter, damit innerhalb des als so freiheitlich gepriesenen westlichen Lebensstils der Wille des Geldes nicht zu kurz kommt. Friedlicher Widerstand ist in vielen Fällen wichtig und richtig und wird meiner Meinung nach vom der breiten Masse der Gesellschaft in der Regel viel zu wenig unterstützt. Es ist halt bequemer im Strom mit zu schwimmen und all die Segnungen unserer Überflussgesellschaft kritiklos zu konsumieren, als zu hinterfragen und die negativen Auswirkungen unserer „schönen neuen Welt“ verbessern zu wollen. Das oft schon kleine Gruppen mit gezielten Kampagnen viel Wirbel verursachen und Veränderungen bringen können, zeigt die tägliche Arbeit unzähliger Nichtregierungsorganisationen und Bürgerinitiativen weltweit.

Dass diese in den Medien von rechten Betonköpfen oft als „Gutmenschen“ verspottet werden sehe ich eher als Auszeichnung, denn als Affront. Es muss doch inzwischen jedem halbwegs Gebildeten klar sein, das die Menschheit unseren Planeten in Zukunft nicht mehr im gleichen Maße ausbeuten darf wie in der Vergangenheit. Kapitalismus und Wirtschaftswachstum funktionieren auf Dauer nur dort, wo unbegrenzte Ressourcen vorhanden sind. Unsere Heimat, die Erde ist zwar groß aber nicht Grenzenlos.  Doch all den gierigen, machtgeilen, superreichen Anzugträgern in den Chefetagen der Geld-, Holz-, Erdöl- Kohle-, Nahrungsmittel-, und anderer Konzernindustrie die mit Rohstoffen hemmungslose Wachstumsorgien betreiben, scheint dies völlig egal zu sein. Anstatt ihre in den vergangenen Jahrzehnten angehäuften Reichtümer zu nutzen um in nachhaltige Alternativen zu investieren, wird an der Macht festgehalten um den Planeten möglichst bis zum letzten Moment mit selbstzerstörerischen Strukturen zu bestehlen.

Für jedes Problem gibt es auch eine Lösung bzw. eine bessere Alternative. Aber anstatt in einem bisher nie dagewesenen Kraftakt das Ruder rum zu reißen und weltweit auf naturnahe Landwirtschaft, erneuerbare Energien, und nachhaltige Rohstoffnutzung zu setzen, werden weiter neue Kohlekraftwerke gebaut, Urwälder gerodet, Ozeane überfischt und unsere Erde wider besseres Wissen für nachfolgende Generationen immer mehr ruiniert.

Auf meiner Tasmanien-Reise habe ich ein wunderbares Beispiel zivilen Ungehorsams kennen lernen dürfen und freue mich, dass es auch auf der anderen Seite der Welt zumindest einem Teil der Bevölkerung nicht egal ist was mit unseren Lebensgrundlagen geschieht. Lange bevor Miranda Gibson (wie im 1. Teil berichtet) auf den Baum gestiegen ist um ein sichtbares Zeichen gegen die unsägliche Abholzung tasmanischer Urwälder zu setzen, gab es im „Upper Florentine“ Tal eine der am längsten andauernden Blockaden in der Geschichte der  australischen Umweltbewegung. Diese dauert praktisch bis heute an. Das „Florentine“  ist neben den „Styx“, „Weld“ und „Huon“ Tälern eines jener Gebiete die wegen ihrer riesigen Eukalyptusbäume von höchstem ökologischem Wert sind und sich leider nur am Rande des UNESCO Weltnaturerbe Gebietes befinden, aber nicht darin. Vor sechs Jahren begann die Forstwirtschaft eine vier Kilometer lange Straße in das bis dahin völlig intakte Wildnis-Gebiet zu schlagen um dann mithilfe weiterer Straßen den Wald systematisch zerstören zu können. Dies löste einen Sturm der Entrüstung aus und es begann eine Auseinandersetzung die wohl in diesem Ausmaß bisher in der Geschichte einmalig ist. Die Straße wurde von den Umweltschützern mit Kreativität und Ausdauer über die Jahre blockiert und so die Holzfäller an ihrem Tun gehindert. Bis zu hundert Menschen nahmen in den Hochzeiten der Blockade an den Aktionen teil, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Unzählige Male wurde das Camp von der Polizei geräumt oder von Randalierern zerstört und immer wieder aufgebaut. Große Umweltbewegungen hatten ihren Anteil am Widerstand, doch die Hauptlast trugen die örtlichen Bürgerbewegungen, die mit wenig finanziellen Mitteln aber viel Mut und Einsatz den Widerstand am Leben hielten.

Als ich das „Florentine Camp“ erreiche, treffe ich dort auf zwei Brüder aus der Bürgerbewegung die hier für einige Zeit die Stellung halten und vorbeifahrende Touristen über die Problematik der Urwaldzerstörung informieren. Ich werde freundlich aufgenommen und fühle mich hier sofort pudelwohl. Rechts und links der Straße ragen riesige Eukalyptusbäume in die Höhe. Taucht man in den Wald ein, befindet man sich sofort in einer anderen Welt. Die Umweltschützer haben im Laufe der Zeit diverse Wanderwege angelegt welche ich dankbar beschreite um meine Bilder vom gemäßigten Regenwald zu machen. Die ganz großen Bäume kommen im reinen Regenwald nicht vor, denn Eukalypten können sich mit den Schalen ihrer Samen nur durch Feuer vermehren. Doch das Gebiet um das Camp herum ist dank hoher Niederschläge, mit allen Attributen eines Regenwaldes ausgestattet. Diese Vegetation ist für mich eine der schönsten Waldtypen überhaupt. Vereint sie doch die monumentale Größe der Baumriesen mit den hemmungslosen, alles überziehenden grünen Moosteppichen des Regenwaldes. Eine betörende Mischung. Wie erkaltet muss ein Menschenherz sein, das hier mit der Säge ankommt um diese Harmonie zu zerstören.

Ich habe mehrere Tage Zeit meine Bilder zu erarbeiten. Die Temperaturen sind recht erfrischend,  was mir sehr entgegen kommt. Ein zumeist bedeckter Himmel und hin und wieder Regen erleichtern die Arbeit.

 

Natürlich war ich auch in reinen Regenwaldgebieten unterwegs. In ihnen ist der „Myrtle“ Baum dominierend. Diese Bäume können im Laufe der Jahrhunderte imposante Formen annehmen und stattliche Größen erreichen. Doch neben den Eukalytusbäumen wirken sie richtig mickrig. Der „Myrtle“ stammt aus der Familie der Südbuchen, welche auch in Südamerika, in Patagonien heimisch sind. Der größte zusammenhängende reine Regenwald befindet sich im Nordwesten Tasmanien, dem Tarkine. Eine bis heute wilde, abgeschiedene Region, die aber durch massive Minenprojekte sehr stark gefährdet ist. Ich durchstreife dort verschiedene Wälder und unternehme abenteuerliche Erkundungen im dichten Unterholz zu Wasserfällen und abgelegenen Aussichtspunkten. Doch meine faszinierendsten Regenwaldbilder bekomme ich an einer Stelle, die man ganz leicht per Spaziergang erreichen kann. Am Besucherzentrum des „Cradle Mountain“ Nationalpark führt ein gut ausgebauter Bohlensteg auf einem kleinen dreißig minütigen Rundweg durch einen zauberhaften Märchenwald.

Ich habe so auf ganz einfache Weise die Möglichkeit, morgens und abends die verschiedenen Lichtsituationen zu nutzen. Im Wald  fotografiere ich immer nur mit indirektem Licht. Es ist erstaunlich wie sich der Zeitpunkt und der Einstrahlwinkel der Hauptlichtquelle auf die Fotos stimmungsmäßig auswirken.

Als ich mit meinen Freunden im „Florentine Camp“am Lagerfeuer sitze, kann ich schon recht entspannt auf eine stattliche Ansammlung schöner Bilder blicken. In den vergangenen zwei Wochen habe ich immer wieder Kontakt zu Miranda Gibson gehalten. Ich wollte erfahren ob ein Besuch auf ihrer Plattform noch innerhalb meines Aufenthaltes in Tasmanien möglich sein wird. Es waren die Waldbrände welche die ganze Aktion für einige Zeit gefährdet haben. Ein Feuer war gefährlich nahe an die Region herangekommen in der Miranda seit über vierhundert Tagen auf einem riesigen Eukalyptusbaum ausharrt. Erst als es völlige Entwarnung gibt, ist Miranda bereit wieder Besucher zu empfangen. Heute habe ich das OK erhalten. Ein Team aus professionellen Kletterern wird mich am letzten Tag meiner Reise zu ihr in die Höhe befördern.

Ich treffe morgens um acht Uhr am Fuße des „Observertree“ ein. Vier Aktivisten aus Hobard sind anwesend.  Sie alle sind gekommen nur um mich auf den Baum zu ziehen. Ich freue mich sehr dass die ganze Sache noch klappt. Ich bin aber auch ein wenig nervös, denn die sechzig Meter bis hoch zur Plattform sehen von hier unten verdammt weit weg aus. Bei solchen Gelegenheiten kann man wunderbar lernen seine Ängste in den Griff zu bekommen und die eigenen Grenzen wieder etwas weiter auszudehnen. Ich bekomme die Ausrüstung angelegt und werde an das Seil gehängt, welches Miranda zuvor aus der Höhe herab gelassen hat. Am Anfang schließe ich die Augen und hänge ziemlich verkrampft im Seil. Meter für Meter geht es nach oben. Immer wieder drehe ich mich hin und her was nicht gerade zur Entspannung beiträgt. Mit der Zeit überwiegt die Neugier und ich beginne meine Umgebung zu studieren. Es ist eine interessante Perspektive hier zwischen den Bäumen zu hängen. Kaum habe ich begonnen die Anblicke zu genießen, hänge ich auch schon unterhalb der schmalen Eingangsplatte und Miranda zieht mich herein. Zuerst sichert sie mich mit einem anderen Seil, so dass ein Sturz über den Rand der Plattform praktisch unmöglich ist. Sie selbst ist ebenfalls jederzeit mit einem Seil gesichert. Wer einmal starke Windböen in 60m Höher erlebt hat weiß wie schnell die einen wegblasen können. Zum Glück ist es momentan absolut windstill und der Himmel ist von einer Wolkenschicht bedeckt. Ideale Bedingungen für mein Anliegen. Miranda ist eine recht zierliche Frau Anfang dreißig. Ich bin fast zwei Stunden in ihrem Reich über den Bäumen. Der Ausblick ist wunderschön, wären da nicht die vielen Kahlschläge die man von hier ebenso erkennen kann wie die noch intakten Wälder. Nachdem wir uns über die momentane politische Situation unterhalten haben beginne ich damit einige Fotos von ihr zu machen.

Ich möchte ihre Geschichte unbedingt in meiner neuen Show einbauen. Sie ist ein positives Beispiel dafür was ein einzelner Mensch zu leisten vermag, wenn er Ideale hat und fest an eine Sache glaubt. Die Bilder zeigen  eindrucksvoll wie winzig die Plattform ist auf der die seit so langer Zeit ihre Tage verbringt. Langweilig ist dies wohl nicht. Sie gibt mir einen Einblick wie stark sie dank moderner Technik mit dem Rest der Welt vernetzt ist. Diese Aktion bringt nur Erfolg, wenn möglichst viele Menschen davon erfahren und sich mit den Zielen solidarisieren. Das ist ein Fulltimejob der nie langweilig wird. Trotzdem bedarf es einer ungeheuren mentalen Stärke hier oben auszuharren. Ich bin mir nicht sicher ob ich dazu fähig wäre. Ich stelle ein kleines Aufnahmegerät zwischen uns und sie spricht innerhalb eines einzigen Versuchs ohne sich zu verhaspeln über ihre Mission. Diese zwei Minuten werden die Besucher der Multivisionsshow später Mirandas Stimme hören können, angereichert mit meinen Bildern. Miranda mag zierlich erscheinen, doch ihr Wille ist ungebrochen. Ich glaube ihr aufs Wort wenn sie mir sagt das sie erst wieder einen Fuß auf die Erde setzen wird, wenn die Urwälder um sie herum nicht mehr zerstört werden.

 

Am selben Abend sitze ich schon wieder im Flieger nach Hause. Der Besuch bei dieser Frau wirkt noch lange auf mich nach. Gäbe des doch auf der Welt mehr Miranda Gibsons. Warum sind solche Leute immer die Minderheit? Mich hat die Begegnung mit ihr enorm motiviert, innerhalb meiner Möglichkeiten mit aller Kraft weiter zu machen. Meine Fotografien haben ebenfalls Potenzial zur Motivation und Begeisterung von Menschen. Je mehr sie zu Gesicht bekommen, desto größer die Chance das der Eine oder Andere seine ganz private Miranda Gibson in sich entdeckt.

Keine zwei Wochen nach meinem Besuch auf Mirandas Plattform hat die australische Regierung bekannt gegeben, das sie auf einer Fläche von 170.000 Hektar den Wald schützen, und an die UNESCO den Antrag stellen möchte, diese Gebiete ins Weltnaturerbe aufzunehmen. Das wäre ein großartiger Erfolg und für Miranda auch Gelegenheit ihren Baum wieder zu verlassen, denn dieser Antrag beinhaltet praktisch all jene Täler in denen die großen Eukalyptusbäume stehen und weswegen die Umweltbewegung seit mehr als dreißig Jahren kämpft. Doch Worten müssen Taten folgen. Zum Zeitpunkt als ich diese Zeilen schreibe ist Miranda immer noch auf der Plattform denn ihre Kollegen haben nach wie vor Einschläge genau dort nachgewiesen wo eigentlich der Schutzstatus kommen soll. Es darf aber durchaus gehofft werden, dass der „zivile Ungehorsam“ zum Erfolg führen wird und ein kleiner aber wichtiger Teil Natur unseres Planeten vor der weiteren sinnlosen Zerstörung verschont bleibt.

 

Tasmanien Teil 2: “Von Oben” 10.01.2013

Die Hitzewelle die weite Teile Australiens und den östlichen Teil Tasmaniens erfasst hat dauert unvermindert an.  Für die kommenden vier, fünf Tage sind selbst für den regenreichen Westen der Insel wolkenfreie Tage prognostiziert. Nicht gerade die besten Voraussetzungen um gemäßigten Regenwald zu fotografieren. Für meine Bildsprache brauche ich bedeckte, gar regnerische Tage mit Nebel um die Fotos zu bekommen die ich innerhalb des Waldes erhalten möchte. Ich versuche aus der Not eine Tugend zu machen und überlege, wie ich diese Wetterlage am Besten für meine Zwecke nutzen kann. Es gilt eine Möglichkeit zu finden die Regenwälder als Teil der Gesamtlandschaft zu fotografieren, und so komme ich sehr bald zu dem Schluss, dass es jetzt genau der richtige Zeitpunkt ist einen Berg zu besteigen. Die zu erwartende Fernsicht wird diese Aufnahmen ermöglichen. Meine Wahl fällt auf einen Berg mit dem lustigen Namen „Frenchmans Cap“. Wie sich später heraus stellt, sieht er aus einem bestimmten Winkel betrachtet tatsächlich wie ein Franzosenhut aus. Er ist der höchste Gipfel  im weiten Umkreis und wenn ich meinen Kartenleserinstinkten vertrauen darf verspricht er 360 Grad Ausblicke auf die von der UNESCO als Weltnaturerbe anerkannte Wildnis, in deren Tälern sich der gemäßigte Regenwald befindet.

Im Wanderführer wird die Tour mit 4-5 Tagen angegeben was für mich eine logistische Herausforderung darstellt. Wenn ich alleine unterwegs bin kommen sehr schnell sehr viele Kilo zusammen die man an Gepäck durch die Gegend schleppen muss. Zusätzlich zur eh schon schweren Fotoausrüstung incl. Stativ, Gehäuse und 3-4 Objektiven, packe ich mein Zelt, Isomatte, Schlafsack und genügend Kleidung ein. Hier sollte man genau überlegen was tatsächlich benötigt wird. In der Regel ist es weniger als man denkt, wenngleich natürlich an der Grundausstattung gegen Kälte, Wind und Regen nicht gespart werden darf. Wichtige Details wie Sonnencreme, Toilettenpapier und Hut dürfen nicht vergessen werden. Hat man alles glücklich im Rucksack kommt dann ein weiterer schwerwiegender Faktor obenauf nämlich die Nahrung. Kaum zu glauben was sich da an Gewicht anhäuft wenn man vier, fünf Tage etwas zu essen haben möchte. Wenn ich alleine unterwegs bin verzichte ich bewusst auf warme Mahlzeiten um mir den Kocher und extra Geschirr sparen zu können. Einmal am Tag gibt es Müsli mit Milchpulver und ansonsten Käse, Brot und Streichcreme. Das Schöne beim Trekking ist dass man keine Gewissensbisse haben muss zahlreich Schokolade zu sich zu nehmen, denn der Körper ist für diese Art von Energie sehr dankbar. Natürlich ist es unumgänglich genau zu prüfen ob auf der zu erwartenden Tour genügend Flüsse den Pfad kreuzen um auch mit Trinkwasser versorgt zu sein. In diesem Fall ist das in ausreichendem Maße der Fall, so dass mir zwei Halbliter Plastikflaschen, rechts und links am Rucksack befestigt, für den Trip genügen werden.

Letztendlich starte ich mit fast 30 kg auf dem Rücken, was bei meinem nicht gerade massiven Körperbau wirklich das absolute Limit darstellt. Wenn es meine Kondition zulässt möchte ich am ersten Tag eine Strecke von sechzehn Kilometern hinter mich bringen. Das ist besonders bei den hohen Temperaturen wirklich kein Pappenstiel. Wenn es wirklich heiß ist, muss dem Körper praktisch ständig Wasser zugeführt werden, damit er leistungsfähig bleibt. Bei jedem kleinen Rinnsal halte ich an und fülle die Flasche auf, eine Energiequelle die nicht versiegen darf. Nachdem der Wanderweg einen ersten kleineren Bergzug überwunden hat, komme ich im nächsten Tal in ein bei vielen Wanderern gefürchtetes Moorgebiet. Auf einer sechs Kilometer langen Strecke nähert man sich dem eigentlichen Bergzug zudem auch der Zielgipfel gehört. Laut den Informationstafeln die am Anfang des Trails aufgestellt sind gibt es Zeiten an denen der geneigte Naturfreund hier bei jedem Schritt bis zu den Knien im Morast zu versinken droht. Kein schöner Gedanke mit schwerem Rucksack auf dem Buckel. Ausgerechnet die unschöne Hitzewelle kommt mir hier zur Hilfe, denn durch den mangelnden Regen in den letzten Tagen und die starke Sonnenstrahlung sind viele der Sumpflöcher ausgetrocknet oder zumindest weniger tief. Natürlich versucht jeder Wanderer das Einsinken im Schlamm zu vermeiden und sucht sich Grasbüschel und Erhöhungen auf denen er das stabil laufen kann. Das führt an vielen Strecken dazu dass ein einst schmaler Pfad immer weiter ausfranst und die eigentlich geschützte Vegetation dabei auf breiter Fläche nachhaltig geschädigt wird. Deshalb geht die Verwaltung der Nationalparke in Tasmanien inzwischen dazu über, an solch fragilen Stellen massive Holzstege zu bauen, auf denen man trockenen Fußes durch die Landschaft kommt. Das mag dem Einen oder Anderen weniger Authentisch erscheinen, doch ich finde es ist eine vernünftige Maßnahme die dem Schutze der Natur dient und eine gute Verwendung der Nationalparks-Gebühren ist. Auf einem Drittel der Strecke sind die Stege über das Moor schon fertig, und die angrenzende Natur beginnt sich sichtbar zu erholen, da keiner mehr in ihr herumirrt.

Als ich den Wald erreiche freue ich mich über leicht kühlenden Schatten. Dafür steigt jetzt der Weg an, was meine Geschwindigkeit stark nach unten sinken lässt. Der schwere Rucksack fordert seinen Tribut. Alle halbe Stunde mache ich für ein paar Minuten Pause um die Schultern zu entlasten und kämpfe mich so durch eine wunderschöne Regenwaldszenerie, die trotz sichtbarer Trockenheit immer noch ihren Zauber versprüht. Gegen Abend erreiche ich mein Etappenziel. An einem von Bergen umgebenen See finde auf einem Moosteppich einen schönen Zeltplatz. Ich erkunde die mich umgebene Landschaft und beschließe, dass die hier vorhandenen Motive eindeutig im Morgenlicht zu fotografieren sind. Nach einem nicht allzu üppigen Abendessen falle ich erschöpft in tiefen Schlaf. Nicht ohne zuvor noch den Wecker gestellt zu haben. Denn das Ausnutzen von guten Lichtsituationen hat bei solchen Touren absolute Priorität, egal wie erschöpft ich bin. Draußen ist es immer noch helllichter Tag. Die Sonne geht erst weit nach einundzwanzig Uhr unter, richtig Dunkel ist es erst viel später.

Die Nächte sind hier kurz, besonders für Naturfotografen. Weit vor Sonnenaufgang stehe ich am Seeufer und platziere das Stativ an einer der wenigen Stellen die eine freie Sicht auf die Landschaft verspricht. Über dem See liegt eine zarte Nebelschicht die dem Foto einen zusätzlichen Reiz verleiht. Es zahlt sich aus, dass ich mir am Vorabend noch die Mühe machte im Unterholz nach einem geeigneten Zugang zu suchen. Am Morgen hätte ich die Stelle im Halbdunkel nicht gefunden oder wäre zu spät zum Fotografieren gekommen. Als die Sonne ihre ersten direkten Strahlen auf die Berghänge scheint, bin ich schon wieder am Zelt und bereite mein Frühstück zu. Ich werde heute früh aufbrechen, da ich schon am Abend auf den Gipfel stehen möchte.

Der Wanderpfad folgt parallel dem Seeufer. Ich finde mich umringt von wilden alten Bäumen mit Regenwaldcharakter. Die Wasserfläche ist immer nur als Ausschnitt zwischen dem Gewirr aus Ästen und Büschen zu sehen. Am Ende des Sees geht es endgültig steil nach oben. Heute sind die Temperaturen merklich angenehmer. Die größere Höhe macht sich bemerkbar. Mit gelegentlichen Fotostops brauche ich gute drei Stunden bis zum Pass. Die Aussicht von der Passhöhe ist grandios. Nach Süden hin fällt der Blick auf die von hier aus endlos erscheinende Wildnis und vor mir erhebt sich zum ersten Mal sichtbar der Gipfel des Frenchmans Cap. Dazwischen liegt ein weiterer Bergzug den es erst noch zu umrunden gilt. Der Wald weicht hier oben mehr und mehr einer buschartigeren Alpinen Vegetation. Wegen des wolkenlosen Himmels ist es schwer vorstellbar das ich hier in einem Gebiet mir hohen Niederschlägen wandere, doch die Vielzahl an verschiedenen Pflanzen sprechen da eine eindeutige Sprache. Das Lager befindet sich wieder an einem Bergsee genau am Fuße der eigentlichen Erhebung des Gipfels. Ich erreiche das Etappenziel am frühen Nachmittag. Es ist eine ähnliche Szenerie wie am Vorabend nur ist alles hier oben noch einen Tick anmutiger, ja gar lieblich. Ein Ort zum Träumen. Man hat hier freie Blicke auf den See und die steil aufragenden Felsen des Berges und die Bäume und Sträucher spiegeln sich in perfekter Symmetrie im windstillen Wasser.

Jetzt bin ich dem eigentlichen Ziel meiner Tour, nämlich die Wildnis von oben zu fotografieren schon recht nah. Ich nutze den Rest des Nachmittags zur Erholung. Von anderen Wanderern weiß ich, dass der Marsch auf den Gipfel von hier aus ca. eineinhalb Stunden dauert. Wegen der Wetterlage ist für mich, zumindest fotografisch, nur die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Dunkelheit interessant. Deshalb starte ich den Aufstieg erst nach neunzehn Uhr. Es geht von Beginn an steil nach oben. Ich habe nur noch die Fotoausrüstung und ein wenig Verpflegung auf dem Rücken, was merkliche Entlastung bedeutet. Die alpine Vegetation ist flacher und offener als der Wald und bietet immer wieder betörende Blicke zurück auf den See. In der Nähe des Ufers kann ich mein orangenes Zelt zwischen den Grüntönen der Bäume aufblitzen sehen.  Ab einer gewissen Höhe wachsen nur noch Bodendecker zwischen den Felsen und der Pfad führt steil über loses Geröll und  große Steinplatten. Kaum erreiche ich die, dem Berg wohl seinen Namen gebende, abgeflachte Gipfelseite, bläst mir ein starker Wind ins Gesicht der die Hitze der vergangenen Tage schnell vergessen macht. Als ich dann wenig später auf dem höchsten Punkt des Berges stehe fühle ich es wieder, das Hochgefühl. Tiefe Zufriedenheit und ein wenig Stolz erfüllt mich. Dazu kommt noch die Erkenntnis, dass mein Gespür mich nicht betrogen hat. Die Ausblicke die sich mir bieten sind einzigartig. Bis an die Horizonte in jeglicher Richtung sehe ich einen Höhenzug der sich an den Anderen reiht. Je nach Lichteinfall  und Entfernung verändern sich die Farben.

Als der Sonnenball im Westen über dem von hier aus sichtbaren Ozean verschwunden ist, beginnt meine Arbeit. Auf Hochtouren rase ich von einem guten Ausblickpunkt zum anderen um möglichst keinen schönen Moment zu verpassen. Die entscheidenden Minuten sind jene, an denen der Himmel dieselbe Helligkeit aufweist wie das sich unter ihm ausbreitende Land. Je nachdem wie viel Restlicht noch hinter dem Horizont nachstrahlt und auf der gegenüber liegenden Seite im Osten in Partikeln oder Wolkenfetzen Reflektion findet, lässt die Aufnahme mehr oder weniger farbig erscheinen. Erst als es praktisch komplett Dunkel ist mache ich mich im Schein des Mondlichtes auf den Abstieg. Nur an wenigen steilen Stellen nehme ich meine Taschenlampe zur Hilfe. Erst weit nach Mitternacht liege ich im Schlafsack. Zeit zum Schlafen bleibt kaum denn ich habe mir fest vorgenommen das gleiche Schauspiel mit den sich wechselnden Lichtstimmungen noch einmal zu erleben. Diesmal nur in umgekehrter Reihenfolge: von Dunkel nach Hell. Unerbittlich klingelt mich der Wecker um halb vier aus dem Tiefschlaf. Als ich das Zelt verlasse breitet sich über mir in selten gesehener Klarheit die gesamte Milchstraße aus. Mit schweren Gliedern mache ich mich an den erneuten Aufstieg. Blöd das ich wegen den wenigen Stunden nicht einfach auf dem Gipfel geblieben bin, aber da oben war es einfach zu windig. Zumindest am Abend denn momentan scheint kein Windhauch die totale Stille und den Frieden dieser Nacht zu stören.

Auf halber Höhe zum Gipfel versuche ich mich an einer Nachtaufnahme vom Sternenhimmel zusammen mit dem aufragenden Berg. Dies gelingt dank Digitaltechnik auch ganz gut. Noch in fast völliger Dunkelheit stehe ich später am selben Ort wie wenige Stunden zuvor und warte auf die ersten Anzeichen des neuen Tages. Ich habe diese Prozedur im Laufe meiner über zwanzig Jährigen Karriere als Fotograf inzwischen unzählige Male erlebt und werde nie müde werden erneut nach diesem Schauspiel zu suchen.  Es sind eben jene wenigen Minuten zwischen Tag und Nacht die mir Gänsehaut bereiten. Sie lassen mich zum „Jäger des Lichts“ werden, wie man uns Naturfotografen auch gerne nennt. Mit den ersten Sonnenstrahlen die ihren Weg über den Horizont schaffen ist ein Großteil der Magie auch schon wieder verschwunden, besonders wenn es keine Wolken am Himmel gibt wie momentan. Zufrieden, aber völlig übermüdet mache ich mich auf den Rückweg.

Ich erreiche das Lager zu einem Zeitpunkt als manch anderer Wanderer den Tag begrüßt und freue mich bis zum Nachmittag im wahrsten Sinne des Wortes nichts tun zu müssen. Am Abend möchte ich zurück zum Pass laufen um dort den nächsten Sonnenuntergang zu fotografieren. Ich werde dort ankommen und keine gute Lichtstimmung vorfinden. Am kommenden Tag werden sich die ersten Wolkenfelder bilden die mich gegen Nachmittag mit starken Regenfällen zurück zum Ausgangspunkt der Tour begleiten. All jene Wanderer die mir auf dem Rückweg entgegen kommen, werden kaum Chancen haben vom  „Frenchmans Cap“ einen Ausblick genießen zu können. Ich habe alles richtig gemacht.

 

Tasmanien Teil 1: “Von Umweltbewegten” 05.01.2013

Gibt es noch wahre Helden? Finden sich noch Menschen die sich für ein Ideal oder eine Sache an die sie glauben einsetzen, und ihre eigenen Bedürfnisse dafür weit nach hinten anstellen? In einer Welt die mehr und mehr durch die Ellenbogen-Mentalität des Kapitalismus geprägt ist, also eher den Eigennutz nährt als das Allgemeinwohl fördert, ist diese Frage wohl berechtigt. Wo sind sie geblieben, unsere Vorbilder zu denen wir gerne aufschauen und von denen wir uns inspirieren lassen?

Ich habe solch einen Menschen getroffen und freue mich hier von Ihr erzählen zu können. Bei der Recherche zum Thema „Gemäßigter Regenwald“ für mein Greenpeace Project „Naturwunder Erde“ stieß ich durch Zufall auf die Seite „observertree.org“ Dabei fand ich heraus das sich in den Wäldern Tasmaniens eine junge Frau seid über einem Jahr auf einer sechzig Meter hohen Plattform in einem Urwaldbaum befindet um damit gegen die andauernde Zerstörung alten Waldes zu protestieren. Zuletzt hatte ich von solch einer Aktion in den USA gehört, wo eine Aktivistin mehr als zwei Jahr auf einem Baum ausgeharrt hat um die umliegenden Wälder zu schützen. Damals ging es um die riesigen „Redwoods“ in Nordamerika, im aktuellen Fall um die nicht minder imposanten Eukalyptusbäume.

Mir ist übrigens aufgefallen, das wenn es um wirklich außergewöhnliche Lebensleistungen im Naturschutz geht, es zumeist Frauen sind die sich hierbei auszeichnen. Dian Fossey mit ihrer Arbeit bei den Gorillas, oder Jane Goodall die “Schimpansenfrau“ sind zwei prominente Beispiele. In meiner Geschichte ist es nun Miranda Gibson, die „Dame im Baum“ die ich unbedingt treffen und innerhalb meiner Arbeit vorstellen möchte.

Tasmanien ist eine südlich von Australien gelegene Insel die ungefähr die doppelte Größe der Schweiz aufweist. Landschaftlich ist Tasmanien ein Mikrokosmos der viele verschiedene Ökosysteme besitzt, nicht zuletzt eine der größten verbliebenen Flächen „gemäßigten Regenwaldes“, die uns auf der Erde bis heute erhalten sind. Der Hauptunterschied zwischen gemäßigtem“ und „tropischen“ Regenwald sind die Temperaturen. Während es in beiden Waldtypen sehr viel regnen muss, wachsen die „gemäßigten“ Regenwälder in Regionen die viel kälter sind, also weiter weg vom Äquator und meist in der Nähe von Küsten. Besonders um naturverbundene Touristen anzulocken wirbt man Stolz damit, dass fast die Hälfte der Landmasse Tasmaniens unter Schutz gestellt ist. Doch genau an dieser Stelle lohnt es sich einen zweiten Blick zu riskieren und etwas genauer zu hinterfragen. Denn trotz zweifellos imposanter Wildnisgebiete leidet die Natur bis heute unter immensen menschlichen Eingriffen die schon vor über dreißig Jahren zur Bildung einer Umweltbewegung geführt haben, welche bis heute ein fester Bestandteil des politischen Alltages geworden ist. Begonnen hat der Widerstand als man plante weite Teile unberührter Natur für Wasserkraft zu fluten. Wenn man eine aktuelle Landkarte Tasmaniens betrachtet, so sieht man das viele der Projekte nicht verhindert werden konnten. Unter den heutigen Gesichtspunkten des Kimawandels ist Wasserkraft natürlich keine „böse“ Energie. Damals spielten diese Aspekte aber noch keine maßgebliche Rolle und es wurden in erster Linie viele, viele Quadratkilometer Natur zerstört. Der heutige Konflikt findet in erster Linie auf zwei Themenfeldern statt. Da sind zum Einen Minen geplant, welche die Landschaft auf riesigen Flächen umpflügen und eine trostlose Ödnis hinterlassen. Zum Anderen werden, aus meiner Weltsicht völlig unverständlich, auch heute noch die letzten Reste tasmanischen Urwaldes vernichtet.

Neben den Regenwäldern, in denen die Süd-Buche als dominante Baumart existiert, gibt es auf der Insel trockene Eukalyptuswälder. Trockener und feuchter Wald überschneiden sich an gewissen Höhenlagen der Gebirge und haben eine Naturform geschaffen, die wirklich unglaublich schön und ökologisch von höchstem Wert ist. Jahrhunderte Alte, bis zu hundert Meter hohe Baumgiganten stehen an den Hängen der Berge. Eukalyptusbäume vermehren sich durch Feuer, weshalb sie im reinen Regenwald keinen Lebensraum finden, da es dort auf natürliche Weise nicht brennt. Wo sich beide Waldarten vermischen, die Baumriesen im Unterholz von Moosteppichen, Farnen und Pilzen umsäumt sind, fühlt man sich wie im Märchenwald. Nun kann man es begrüßen, das auf der Insel viele Gebiete geschützt sind, oder aber auch beklagen, das bei der Ausweisung dieser Orte in den allermeisten Fällen die für das Klima und die Natur so wichtigen Wälder mit den großen Bäumen ausgespart wurden. Das dies unter ökonomischen Gesichtspunkten geschah ist kein Geheimnis, denn wenn es in unserer Welt um Umwelt- kontra Gewinninteressen geht, so hat die Bewahrung der Schöpfung in der Regel die viel schlechteren Karten. So werden bis heute auf Tasmanien im „Kahlschlagverfahren“ Urwälder für den schnellen Gewinn geopfert.

Die Flächen werden danach mit Feuer gesäubert, was weitere Arten verdrängt, und dann meist als reine Plantagen in Monokultur als Kiefern- oder Eukalyptusödnis nachgepflanzt. Mit Millionenbeträgen aus Steuergeldern wurden über 8000 km Forststraßen in die Wälder gebaut. Wer im Gegenzug eine versprochene nachhaltige Arbeitsplatzsicherung erwartet hat, erlebte nur Enttäuschungen. Eben wegen der fehlenden Nachhaltigkeit liegt die tasmanische Forstindustrie am Boden. Doch ähnlich wie unsere heimische Debatte über die Atomkraft geht es hier längst nicht mehr um Argumente sondern um Ideologie. Die „Grünen“ oder „Greenies“ wie sie in Tasmanien genannt werden,  dürfen einfach nicht Recht behalten – und so geht der Wahnsinn in vielerlei Form auf diesem Erdball weiter.

Cecily ist eine Umweltaktivistin die seid den Anfängen der Bewegung vor über dreißig Jahren mithilft, das der Widerstand gegen Unvernunft und Maßlosigkeit nicht ermüdet. Sie ist die Ansprechpartnerin für  Mirandas Angelegenheiten. Nachdem ich sie überzeugt habe, dass meine Intensionen redlich sind  gibt sie mir die Möglichkeit das Projekt der Baumbesetzung näher kennen zu lernen. Zusammen verlassen wir die Hauptstadt Hobart und fahren für zwei Stunden ins Landesinnere in Richtung Berge.  Im südlichen Teil der Insel sind dort große Gebiete als Weltnaturerbe von der UNESCO anerkannt und geschützt. Aber eben nicht die an den Rändern gelegenen Täler mit den riesigen Bäumen. Während mir Cecily während der Fahrt Geschichten aus zwei Generationen umweltbewegten Lebens erzählt fallen mir die trockenen Felder auf die sich rechts und links der Straße ausbreiten. Alles ist ausgedörrt und nur an Stellen in denen künstlich bewässert wird sieht man grüne Pflanzen. Kaum zu glauben das ich in diesem Teil der Welt Regenwald fotografieren kann. Erst als das Gelände hügeliger wird und später gar bergig, ballen sich große Wolkengebilde über den Gipfeln zusammen. Im flachen Land ist es extrem heiß. In dieser Woche werden in Hobart 42 Grad Celsius gemessen, die höchste jemals erfasste Temperatur  in Tasmanien. In wenigen Tagen wird sich die Hitzewelle in wütenden Buschfeuern entladen, welche im Südosten Tasmaniens und in Zentralaustralien weite Landstriche in Schutt und Asche legen. Die Brände werden zum Gesprächsstoff Nummer eins im Land. Alle reden vom Wetter doch kaum einer vom Klima.

Wir parken Cecilys Auto an einer unscheinbaren Stelle am Waldrand. Sie bittet mich all meine Habseligkeiten, die ich nicht mit zu Mirandas Baum nehmen werde im Wald zu verstecken. Das sei sicherer, als sie im Auto zu belassen. Nicht selten kam es in der Vergangenheit vor das Autos von Aktivisten durch aufgebrachte Holzfäller beschädigt wurden. Die Straße ist an dieser Stelle gesäumt von dichtem, artenreichen Wald. Ein kleines lila Plastikband weist uns den Weg hinein ins Dickicht. Wir folgen einem schmalen Pfad durch feuchten Mischwald und schon nach wenigen Minuten kommt die Ernüchterung. Wir stehen am Rande eines großen Kahlschlages. Dies ist ein häufig betriebener Trick der Industrie, den ich schon vor über zwanzig Jahren bei meiner Radtour durch Kanada gesehen habe. Man lässt eine kleine Schneise Wald rechts und links der Straße stehen um durchfahrenden Touristen die Illusion intakter Natur nicht zu zerstören, und wütet dann in der zweiten Reihe. Über eine Stunde lang marschieren wir über eine massiv ausgebaute Forststraße. Diese Wege müssen für schwere Lastwagen befahrbar sein, weshalb sie sich vom Ausmaß abgesehen vom fehlenden Teer-Belag kaum von normalen Straßen unterscheiden. Immer wieder passieren wir Gebiete die bisher vom Einschlag verschont blieben. Direkt neben uns ragen die Giganten in die Höhe. Für mich strahlen diese Bäume eine solche Erhabenheit aus, dass es mir bei dem Gedanken daran, sie einfach umzuhauen um sie zu Papier oder Holz zu verarbeiten, ganz flau im Magen wird.

An dieser Stelle sei erneut gesagt, dass ich keineswegs gegen die generelle Holznutzung bin. Im Gegenteil – Holz ist ein nachwachsender Rohstoff der sich für ganz viele Bereiche unseres täglichen Lebens wunderbar nutzen lässt. Doch was ich aufs Äußerste verabscheue ist wenn man die wenigen der Welt noch verbliebenen Urwälder vernichtet. Diese sind der Menschheit als Orte der Artenvielfalt und Treibhausgasspeicher von viel größerem Nutzen. Gerade auch hier im westlich geprägten Tasmanien braucht kein Mensch Holz aus Urwäldern. Es gibt hier inzwischen mehr als genug Forstwald. Würde man diese nachhaltig, naturnah bewirtschaften, wäre Allen geholfen.

 

Unser Weg führt uns in Serpentinen steil nach oben. An Sammelstellen liegt haufenweise Abfallholz, über das man an anderen Orten froh wäre es nutzen zu können.

Wir sind an der Flanke des Mount Miller, einem Bergzug, der Quellgebiet für drei wichtige Flüsse ist die Tasmanien mit Wasser versorgen. Trotzdem ist die Region, wider besseres Wissen zum Einschlag freigegeben. Dies ist wohl auch einer der Gründe warum Miranda sich einen Baum in dieser Gegend ausgesucht hat. Nur hundert Meter nach dem Ende der Forststraße und dem letzten Einschlag stehen wir plötzlich vor einem mächtigen Eukalyptus, in dessen unmittelbarer Nähe sich ein kleines Camp mit Ausrüstungsgegenständen befindet. Wir sind am Ziel. Mein Blick gleitet den geraden Stamm hinauf und meine Ehrfurcht für diese Frau die dort oben seit über vierhundert Tagen Wind, Wetter und allem politischen Druck trotz steigt weiter an. Verdammt hoch. Kann sich jemand eine knapp drei Meter große Plattform vorstellen die in über 60m Höhe um einen Baum gebaut wurde? Wir sprechen mit Miranda über ein Funkgerät, denn man müsste schon sehr laut schreien um sich über die Distanz verständlich zu machen. Ich führe ein nettes Gespräch mit ihr in dessen Verlauf sie mir einiges über ihre momentane Situation erzählt und ich ihr über meine Arbeit berichte. Miranda hat auf ihrem Baum, einen Internetzugang und begrenzt auch Telefon für Ihre politische Arbeit und ihren Blog auf observertree.org.

Durch eine Öffnung in der Plattform lässt sie ein Seil herunter an dessen Ende Taschen mit Müll und benutzte Kleidung hängen, die Cecily für sie zum Abfall und zur Wäsche bringt. Auch andere menschliche Bedürfnisse werden auf diesem Wege entsorgt. Denn der Gang zu einer normalen Toilette ist Miranda seid über einem Jahr verwehrt. Bevor wir uns wieder verabschieden verspricht sie mir, dass sie versuchen wird, noch innerhalb meines Aufenthaltes in Tasmanien ein Team hier heraus zu bekommen, das mich hinauf zu Ihr auf die Plattform bringt. Ein Tonband-Interview und Fotos für meinen Vortrag sind mein Begehr. Ich spüre eine bange Vorfreude wie es wohl sein mag, an einem Seil hängend diesen Stamm hinauf gezogen zu werden. Bis es soweit ist werde ich mich aufmachen den Regenwald zu fotografieren um den Schwerpunkt meines Auftrages zu erfüllen.

 

 

 

 

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