Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Amazonas

Flussläufe 07.04.2012

Während ich diese Zeilen schreibe, prasseln Wassermassen auf die Erde nieder wie wir es uns in Europa nur schwer vorstellen können. Es ist als wären oben im Himmel die Schleusen geöffnet worden um Noahs Arche möglichst schnell zum Einsatz zu bringen. Doch so schnell das Spektakel beginnt, so abrupt hört es wieder auf. Niederschlag in Amazonien zu erleben ist immer auch eine Wohltat – verspricht die niedergehende Wasserwand wohltuende Abkühlung zu schwül heißen Tropenalltag. Besonders hier in Manaus, der pulsierenden Millionenstadt im Herzen des größten Tropenwaldes der Erde, wo ein heißer Sommertag für Reisende zur echten Qual werden kann. Ich bin zusammen mit meinem Freund Luis im Greenpeace Büro in Manaus untergebracht, was uns den Vorteil einer komplett mit Internet und Telefon ausgestattet Basis verschafft. Luis spricht fliesend Portugiesisch und nutz geschickt seine vielen Kontakte aus Jahrelanger Umwelt- und Forschungsarbeit in Brasilien um uns einen möglichst reibungslosen Ablauf der kommenden acht Wochen zu organisieren. Gute Planung ist in einem Land wie Brasilen Gold wert, besonders wenn man das anspruchsvolle Thema “Tropenwald” als fotografische Aufgabe zu meistern hat. Ich freue mich nun endlich der Hauptarbeit meines neuen Projektes “Naturwunder Erde” widmen zu können und werde in den kommenden zwei Jahren versuchen ein möglichst vielseitiges Bild unseres wunderbaren Planeten zu erstellen. Nach Monatelanger Greenpeace-Vortragstour, endlosen Konzeptplanungen und vielen großen und kleinen Investitionen in eine gute Ausrüstung bin ich jetzt richtig heiß auf Abenteuer. Die Jagd nach den Motiven kann beginnen.

Begonnen haben wir unsere Konzeptumsetzung mit einem Flug über den Tropenwald. Dies ist immer riskant, denn das Wetter und die Lichtsituation lassen sich nur schwer planen und einen Piloten zu finden der jederzeit Abrufbereit ist, den gibt mein Budget nicht her. Eine zweite oder gar dritte Chance ist nicht drin, also müssen die zwei Stunden eine möglichst hohe Ausbeute an guten Motiven bringen. Als wir um neun Uhr in der Früh am Bootssteg des kleinen Wasserflugzeuges ankommen, werden wir schon erwartet. Doch selbst der Pilot rät uns von einem frühen Flug ab, zu diesig und flau ist die Luft. Kontraste sind nicht zu erwarten. Also verabreden wir uns auf ein Uhr mittags was uns in eine vierstündige Wartephase bring die zur Tätigkeit des Fotografen dazugehört. Um die Mittagszeit haben sich dramatische Wolkenbänke aufgebaut, am Horizont sehen wir dunkle Gewitterwolken und sich abrechnende Wassermassen. Genau die Stimmung die man als Fotograf eigentlich gerne hätte. Doch dem Pilot ist die Wetterlage zu riskant, außerdem muss er ein Ersatzteil in den Motor-Raum einbauen, so das sich unser Abflug um zwei weitere Stunden auf fünfzehn Uhr verschiebt. Ich werde von Minute zu Minute unruhiger, denn die Regenschauer verschwinden nach und nach und machen einer fast geschlossenen Wolkendecke Platz. Mangels wirklichen Alternativen entscheiden wir uns zum Flug und hoffen auf halbwegs brauchbare Bedingungen.

 

Unser erstes Ziel ist der Zusammenfluss vom Amazonas mit dem Rio Negro. Manaus ist recht Nahe an jenem Ort entstanden wo die zwei riesigen Flusssysteme sich vereinen und dabei besonders aus der Luft ein sehenswertes Schauspiel entsteht. Das schwarze Wasser des Rio Negro trifft auf das hellere Weißwasser des Amazonas. Dies führt zu spektakulären Verwirbelungen. Doch woher bekommen Flüsse ihre Farbe? Der Rio Negro wird gespeist von Zuflüssen aus den nördlichen Bergregionen. Starke Regenfälle waschen säurehaltige Stoffe (Huminsäuren) aus dem Wurzelfilz der Bäume und färben somit das Wasser. Dieses ist ansonsten klar, da die Bodenbeschaffenheit kaum Sedimente hervorbringt welche davongeschwemmt werden könnten. Im Schwarzwasser gibt es wegen des hohen Säuregehalts auch keine Stechmücken. Dies lässt den geneigten Naturfotografen aufhorchen, wollen wir uns doch in den kommenden zwei Wochen auf eine Expedition im Schwarzwasserland begeben. Der Amazonasfluss hingegen fließt über viele hundert Kilometer durchs Tiefland. Der Boden ist reich an Sedimenten, welche durch die Kraft des Wassers davon geschwemmtwerden um sich an der Mündung in den atlantischen Ozean zu entleeren. Diese Sedimente bestehen aus heller Erde und Sand, welche dem Wasser die helle aber trübe Konsistenz verschaffen.

Unter uns breitet sich Manaus aus, eine Stadt die zu meiner Geburtszeit ein etwas größeres Dorf im endlosen Ozean des Waldes war. Bis heute hat sich die Anzahl der Bewohner explosionsartig vermehrt. Die erst vor kurzen eröffnete kilometerlange Brücke über den Rio Negro wird ihren Beitrag dazu leisten, die Region in den kommenden Jahren massiv zu verändern. Besonders die inzwischen zahlreichen Straßen die das Amazonasgebiet inzwischen durchschneiden sind eine große Gefahr für das zwar mächtige, aber sehr sensible Ökosystem. Ob unzählige Kleinbauern die sich mit etwas Land ihr Überleben sichern, Goldsucher die die Flüsse vergiften, Großgrundbesitzer die die Soja- und Rinderfront immer weiter in den Norden treiben um die Bedürfnisse unserer Überflussgesellschaft zu befriedigen, oder staatlich geförderte Staudamm-Projekte die zu Dutzenden geplant sind und riesige Landstriche überschwemmen, Ökosysteme ruinieren und indigene Stämme bedrohen – die Gefahren für das Amazonas Ökosystem sind so allumfassend das es einem schwindelig werden kann.

Inzwischen fliegen wir über einen endlos erscheinenden Teppich aus Wald. Nur an den Flussrändern sehen wir noch vereinzelte Hütten von Siedlern, die hier ihren Alltag meistern. Kaum zu glauben das es inzwischen 24 Millionen Menschen in die eigentlich so lebensfeindliche  Amazonasregion gezogen hat. Dagegen nehmen sich die hundertsiebzigtausend Indios die sich auf unzählige kleine Volksgruppen verteilen fast nicht mal mehr als Minderheit aus. Wir fliegen über den artenreichsten Wald der Erde.


Unzählige Tier und Pflanzenarten beherbergt dieses Binom. Eine Tatsache die man gerne verdrängt wenn es um die Vernichtung des Waldes geht. Man mag gar nicht darüber spekulieren wie viele Lebensformen abseits aller Schlagzeilen tagtäglich in den Flammen der globalen Urwaldvernichtung ein grausames Ende finden. Aus unserer ausgehängten Flugzeugtüre sehen wir unberührte Wälder bis zum Horizont. In solchen Momenten lassen sich die Probleme der Welt recht leicht verdrängen. Auch wenn das Licht alles andere als perfekt ist, gelingen dank moderner Digitaltechnik auch bei hohen Empfindlichkeitseinstellungen noch brauchbare Fotos.

Als wir später über das größte Flussarchipel der Erde fliegen, die typischen langgezogenen Inseln inmitten des Rio Negros, tauchen warme Strahlen der Abendsonne das Land unter uns in helles Licht. In solchen Momenten lässt man sich als Naturfotograf gerne in die Vision einer intakten und gerechten Welt fallen und genießt einfach nur das “Hier und Jetzt”.

 

Kontraste 21.04.2011

Es sind keine leichten Tage in Santa Cruz. Unsere Jugendlichen haben eine Menge Eindrücke und Emotionen zu verarbeiten. Um Ihnen dazu Zeit zu geben, reisen wir mit Axel für einige Tage in das kleine Bergdorf Samaipata. Auf einer Höhe von 1600 Metern herrscht hier ein mildes Klima und weite Ausblicke sind versprochen. Im Ort leben etwas mehr als 3000 Menschen, die sich aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen zusammensetzen. Straßenkinder gibt es keine. Die Mehrzahl der Leute sind, nimmt man materielle Werte als Maßstab, eher arm. Doch haben sie, meist basierend auf kleingliedriger Landwirtschaft, ein Einkommen und somit ein Dach über dem Kopf. Je weiter man die große Stadt hinter sich lässt, desto mehr rückt das eigentliche bolivianische Alltagsleben in den Sichtbereich. Für die 120 km lange Strecke brauchen wir fast drei Stunden. Die Straße weist große Schlaglöcher auf, und schlängelt sich die ersten Ausläufer der riesigen Andenbergkette hinauf ins Hochtal von Samaipata. Wir sind im Kloster untergebracht. Axel ist seit vielen Jahren mit dem Padre befreundet, der uns gerne seine Gastfreundschaft schenkt. Auch hier ist der Verein tätig, der Ort ist ja auch in der Tat der Namensgeber für das ganze Projekt. Es gibt hier eine aus Spenden finanzierte Abendschule. Dorfkinder die den ganzen Tag arbeiten müssen um sich über Wasser zu halten, haben hier die Möglichkeit sich zum Ausklang des Tages weiterzubilden. Das bringt wiederum unsere deutschen Schüler zum Nachdenken. So manch Einem wird wohl abermals bewusst, in was für einem Paradies er lebt. Was sind da dagegen schon ein paar Hausaufgaben.  Wir verbringen einen Tag mit den bolivianischen Schülern an einem Picknickplatz. Ein Wasserfall mit natürlichem Pool und gemeinsame Volleyball- und Fußballturniere sorgen für kurzweilige interkulturelle Vergnügungen.

Auf einem der unzähligen Gipfel, die das Dorf zu allen Seiten weit überragen, liegt „El Fuerte de Samaipata“. Dabei handelt es sich um  eine alte Ruinenstätte der Inkakultur, die seid 1998 von der UNESCO als Weltkulturerbe geschützt wird. Zentrum der Anlage ist ein Sandsteinfelsen, in dem zahllose Linien, Kanäle, Stufen und Figuren eingemeißelt sind. Der Schweizer UFO Forscher Erich von Däniken vermutete hier einen Ort, in dem in früherer Zeit Außerirdische Kontakt zu den Erbbewohnern aufgenommen haben. Die Wissenschaft hat wiederum die genauen Funktionen des Ortes nicht einwandfrei geklärt. Einig ist man sich aber, dass es sich um eine Zeremonialstätte der Inkas handelte. Axel erzählt uns beim Besuch der Anlage auch von Kulturen, die schon lange vor den Inkas hier ihren Lebensraum hatten. Auf Pfaden werden wir um den Felsen herumgeführt. Das Betreten ist inzwischen verboten. Leider kommt diese Maßnahme um einige Jahrzehnte zu spät. Eine Kruste auf dem Sandstein hatte das Monument über viele Jahrhunderte erhalten. Zahlreiche Touristen haben jedoch innerhalb kürzester Zeit diese Schutzschicht mit der Reibung Ihrer Schuhe nachhaltig zerstört. Seither schleifen Regen und Wind dieses kulturelle Erbe der Menschheit mehr und mehr ab.

Von der Anlage hat man einen imposanten Ausblick auf die Berge und umliegenden Hochtäler. Alles ist weitläufig und ein wohltuender Kontrast zur Überfüllung und Enge in der Großstadt. Der Blick fällt auf Sandsteinfelsen, die nur mit einer dünnen Vegetationsschicht überzogen sind.

Weite Teile der nutzbaren Fläche bestehen aus kleinen Feldern, durch die sich die Bauern ihr Überleben sichern. Der ursprüngliche Urwald hat hier nur an steilen Bergflanken die Eingriffe des Menschen überdauert. Dort, wo keine unmittelbare Nutzung betrieben wird, herrscht eine degradierte Waldform vor, die man eher als Gebüsche bezeichnen muss. Schon die Spanier haben hier vor Jahrhunderten Wälder gerodet und in diesem niederschlagsreichen und somit grünen Bereich der Anden Kühe zur Fleischproduktion auf die Hochebene gebracht. Die Problematik des Waldverlustes und der damit einhergehenden Erosion scheint hier und da erkannt worden zu sein. Doch mit Schrecken sehe ich, dass so gut wie alle Wiederaufforstungsmaßnahmen mit artfremden Bäumen erfolgt sind. Kiefern und Eukalyptusbäume wachsen nun an diesen Stellen. Besonders der Eukalyptus trägt nicht gerade zur Lösung der Probleme bei. Es ist zwar eine sehr schnell wachsende Baumart, die aber den Böden zu viel Wasser entzieht. Außerdem sehen diese Anpflanzungen ziemlich jämmerlich aus, wenn man sie mit dem Reichtum der heimischen Wälder vergleicht.

Bolivien ist dreimal so groß wie Deutschland. Es leben hier nur zehn Millionen Menschen. Deshalb kann Wildnis nicht ganz verschwunden sein. In der Tat ist dieses Land gerade für Naturfreunde ein ganz besonderer Schatz. Ich freue mich darauf, zusammen mit unserer Jugendgruppe einen Abstecher in den „Amboro“ Nationalpark zu machen. Auf über 4000 qkm schützt dieser Park genau jene Vegetation „Wald“, die außerhalb der Grenzen weitläufig dem Siedlungsdruck hat weichen müssen. Über eine Schotterpiste fahren wir die erste „Kordillere“ nach oben. Auf fast dreitausend Metern blicken wir in geschützte Täler, die mit dichtem Grün bewachsen sind. Das Schutzgebiet reicht bis an die Ausläufer der letzen Erhebungen dieses Faltengebirges. Auf der anderen Seite beginnt das flache Amazonas-Becken, das mit tropischer Schwüle ein völlig anderes Klima bereithält. Diese skurilen Gebirgszüge sind deshalb entstanden, weil sich hier zwei Erdplatten aufeinander schieben. Leider reichen die Rohdungsflächen der Farmer schon bis an die Parkgrenzen heran. Eine unscheinbare Absperrung über den Pfad ist das einzige Merkmal, dass wir eine Naturschutzzone betreten. Ein Management, Parkranger oder gar ein Besuchszentrum gibt es wohl nicht. Wir werden von Saul begleitet. Er ist ein bolivianischer Guide aus Samaipata, der in England Biologie studiert hat. Auf einem Pfad laufen wir hinein in den Wald. Saul berichtet den staunenden Jugendlichen viele interessante Details über die reichhaltige Pflanzenwelt.

Wir sehen kleine Orchideen, Moose, Flechten und Farne. Sogar eine tropische Nadelbaumart, die ich von der Art her eher in unseren Breitengraden erwartet habe. Störend wirken nur, die überall auf dem Weg verteilten Kuhfladen. Auch wenn es optisch nicht unmittelbar sichtbar ist, ist in den Randbereichen des „Amboro“ das Gleichgewicht des Lebens schon gestört. Die Kühe fressen viele der hier wachsenden Pflanzen und sorgen auf diese Weise für eine Reduktion der biologischen Vielfalt. Saul ist in Samaipata für ökologische Bildung zuständig. Sein Jahresbudget beträgt 400 €. Klar, dass damit nicht viel zu erreichen ist. Wir laufen durch einen Wald, der in dieser Form wirklich etwas ganz Besonderes darstellt. In den Senken stehen hier bis zu sechs Meter hohe Farnpalmen. Diese archaischen Gewächse wachsen in guten, wasserreichen Jahren nur um 0,4 mm und in trockenen Jahren gar nicht.

Viele der holzlosen Riesen müssen demnach schon zweitausend Jahre und älter sein. Das ist sehr beeindruckend und sollte nicht innerhalb ein paar Jahren von Kühen ruiniert werden. Nach einigen Kilometern erreichen wir eine Hochebene ohne Bewuchs. Mächtige Winde blasen dichte Wolkenberge über uns hinweg und es dauert einige Zeit bis wir erste Blicke hinein in den Talgrund und somit  in das innere des Nationalparks erhaschen.

Mehrere hundert Meter fällt die Klippe steil vor uns ab und eine ergreifend, schöne Landschaft tut sich vor uns auf. Am Horizont erheben sich wiederum Faltenberge in unterschiedlichsten Formen. Beim Rückweg ziehen die Nebelschwaden bis in den Wald und schaffen eine mystische, geheimnisvolle Stimmung.

Wir setzen uns zwischen die Bäume und führen eine intensive Gesprächsrunde zum Thema Ökologie. Dank des Wissens, das ich mir im Laufe der Jahre durch meine Greenpeace Arbeit angeeignet habe, kann ich den Jugendlichen einiges über die Zusammenhänge auf unserer Erde erklären. Alle erkennen, dass Armut/Reichtum und intakte/zerstörte Natur durchaus in Relation stehen. Es wird klar, dass es ein Privileg ist, solch eine Reise machen zu können, welches nur einem geringen Teil der Weltbevölkerung vergönnt wird.

Am kommenden Tag trennen sich unsere Wege. Während die Gruppe sich auf den Weg macht um die Osterfeiertage in Santa Cruz zusammen mit den Heimkindern zu erleben, habe ich die Möglichkeit zusammen mit Saul noch weitere drei Tage in dieser großartigen Bergwelt zu verweilen. Mit jeder Tour wächst meine Begeisterung für Boliviens endlos erscheinenden Weiten. Seitdem ich wieder zu Hause bin, lässt mich der Gedanke an eine Rückkehr in die Anden nicht mehr los. Ich hoffe, ich kann dem Ruf der Wildnis nicht allzu lange mehr widerstehen.

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