Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Arctic Sunrise

Weckruf in Kopenhagen 13.12.2009

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Was für eine Kraftquelle. Ich habe mich an einem Lichtmasten drei Meter nach oben geschoben und sehe eine endlos erscheinende Karawane an mir vorbeiziehen. Bis zum Horizont bewegt sich diese Menschenmenge.

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Viele marschieren laut singend, nach Trommeln tanzend, die Laola Welle formend, oder einfach nur schweigend durch die Straßen der dänischen Hauptstadt Kopenhagen. Es ist ein lebensfrohes Bild. Junge und alte Menschen sind aus aller Welt angereist um hier mit fantasievollen Kostümen, geschmückten Wagen und jeder Menge Fahnen, Schildern und Bannern ihre Meinung kund zu tun. Es gibt Momente da habe ich fast wässrige Augen vor Freude.

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Zum ersten Mal seitdem ich mich mit dem Thema Klimawandel beschäftige habe ich das Gefühl, dass ich kein Exot mehr bin. Dass unsere Spezies nicht zum größten Teil aus Ignoranten, Gierhälsen und Egoisten besteht. Mit bis zu 50.000 Teilnehmern hat die Polizei gerechnet, über 100.000 sind gekommen. Es ist Halbzeit bei der Klimakonferenz in Kopenhagen. Innerhalb des Konferenzzentrums feilen tausende Vertreter ihrer jeweiligen Länder und Interessensvertretungen darum wie letztendlich die Vereinbarung lauten wird, die von über 170 Ländern ratifiziert werden soll.

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Während man dabei leicht den Eindruck kriegen könnte, es sind ein paar kleine Kinder am Werk, die sich in ihrem Sandkasten um die besten Förmchen und Schaufeln zum Sandburgbauen streiten, ist die Position der Mahner vor den Toren ganz klar. Kopenhagen muss eine völkerrechtlich verbindliche Vereinbarung hervorbringen. Es ist eine der letzten Chancen der Menschheit, den Klimawandel so zu bändigen, dass sich unser Planet in wenigen Jahrzehnten nicht in einer globalen Dauerkrise befindet. In diesem Szenario müssten sich bis zu neun Milliarden Menschen mit sehr viel weniger Lebensgrundlagen begnügen. Kriege würden nicht mehr aus Glaubensfragen oder anderen Dummheiten geführt, sondern es ginge um Zugang zu gutem Wasser, Nahrung und Lebensraum. Das meistgehörte Schlagwort bei der Demo heißt deshalb „Climat Justice“ – Klimagerechtigkeit. Dazu sind die Industriestaaten doppelt gefordert. Zum einen müssen sie ihren Ausstoß an schädlichen Treibhausgasen bis zum Jahr 2050 fast gegen Null fahren und zum anderen die Entwicklungs- und Schwellenländer mit technischem „Know How“ versorgen. Die wollen verständlicherweise ähnlichen Wohlstand wie die Menschen in den reichen Staaten. Dass sie sich diesen nicht mit den gleichen falschen Wegen ermöglichen wie wir ist es die moralische und existenzielle Pflicht unserer politischen und wirtschaftlichen Führer dafür zu sorgen, dass diese Länder das „fossile Zeitalter“ in ihrer Entwicklung überspringen und gleich in nachhaltige Gesellschaftsmodelle investieren.

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Was mich besonders freut, ist das sich im Getümmel der Klimaaktivisten auch eine Gruppe bewegt, die vor drei Monaten zweitausend Kilometer südlich in Konstanz losgelaufen ist, um zu Fuß zur Konferenz zu gelangen. Achim und seine Mitstreiter sind wohlauf und seit einer Woche im Camp der Greenpeace Aktivisten untergebracht. In einer alten Lagerhalle etwas außerhalb des Stadtkerns, haben sich über zweihundert Greenpeacer aus aller Herren Länder versammelt, um die Demonstration und die Aktionen der darauffolgenden Tage vorzubereiten. Über dreitausend Schilder haben sie gesägt und geklebt. Nicht nur für die eigenen Leute, sondern zum Verteilen auch für andere Demonstranten. Als ich am Morgen vor der Demo mit der Gruppe um den Leiterwagen ins Zentrum laufe, sehe ich, als wir einen Kanal überqueren, eine alte Bekannte wieder. Am Kai liegt die „Arctic Sunrise“, das Greenpeace Schiff mit dem ich schon in Amazonien, Patagonien und Grönland auf Missionen war. Dahinter liegt die etwas kleinere „Beluga“ und am kommenden Nachmittag soll noch die „Rainbow Warrior“ in Kopenhagen einlaufen. Man merkt es nähert sich langsam die entscheidende Phase der Konferenz. Nächste Woche kommen die Merkels, Obamas und Co zum großen Finale. Der Druck auf die Konferenzteilnehmer muss weiterhin spürbar bleiben. Wir dürfen unsere Lebensgrundlagen und die vielen Wunder dieses fantastischen Planeten nicht den Interessen der großen Konzerne opfern, die sich meist nur ihren Aktionären verpflichtet fühlen. Denn egal was in Kopenhagen beschlossen wird, der Prozess des Wandels wird uns Alle unser ganzes Leben begleiten, ob wir wollen oder nicht.

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Achim würde am liebsten den Leiterwagen drehen und nach Westen loslaufen. In Mexiko findet im kommenden Jahr die nächste Versammlung zum Klima statt. Ich persönlich bin auch weiterhin hoch motiviert. Durch die Demonstration habe ich jede Menge Kraft geschöpft, um den Kampf für eine lebenswerte Zukunft unserer Kinder weiter zu führen.

Sermilik Fjord (Westgrönland) 20.08.2009

Auch wenn ich bisher immer nur kurze Abschnitte der Kampagnen  begleitet habe bei denen Greenpeace Schiffe im Einsatz sind (2004 in Patagonien & 2006 in Amazonien), so löst es doch immer wieder ein gewisses Gefühl von Stolz aus, wenn man an Bord geht und Teil dieser Gemeinschaft wird. Die Schiffe sind für mich Symbole, die viel über die Arbeit von Greenpeace aussagen. Sie erreichen jeden Ort auf dem Planeten. Da Ausbeutung und Zerstörung oft dort stattfinden, wo das Auge der Tagespresse nicht hinschaut, sind es die Schiffe, die da sind um aufzuklären und Schweinereinen zu verhindern (Sorry für die Wortwahl, aber genau das ist die richtige Ausdrucksweise für die Überfischung unserer Meere und die Zerstörung unserer Urwälder.)

Vom kleinen Ort Tasiilaq nimmt die „Arctic Sunrise“ Kurs auf den großen Sermilik Fjord, in dessen Verlauf ein halbes duzend Gletscher ihre Eismassen ins Wasser kalben. Entsprechend viele Eisberge passieren wir schon am Anfang des Fjords.

Der Hauptgrund dieser Expedition ist es, unabhängigen Wissenschaftlern ihre Forschung zu ermöglichen. Im Jahre 2005 gab es schon einmal eine Expedition. Alte und neue Daten sollen nun miteinander verglichen werden, um fundierte Rückschlüsse ziehen zu können, wie stark die Klimaveränderung auf die Gletscherschmelze Einfluss hat. Von Gordon Hamilton, einem Wissenschaftler der Universität von Maine, erfahren wir, dass sie schon im Jahre 2005 ungläubig gestaunt haben und es kaum glauben konnten was sie an Daten ermittelt haben. Der Helheim Gletscher, der in den Sermilik –Fjord mündet, hat seine Geschwindigkeit zwischen 2004 und Juli 2005 nahezu verdoppelt. Bisher ist die Gletscherschmelze vom Grönlandeis im Bericht des Weltklimarates (IPCC) gar nicht ausreichend berücksichtigt. Was den Anstieg des Meeresspiegels betrifft, hat dieses Eis aber durchaus ein großes Gewicht. Würde die gesamte Eismasse von Grönland auf einmal ins Wasser kippen, hätte dies einen Anstieg von mindestens 6 Metern zur Folge. Schon wesentlich weniger höheres Meerwasser hat für Millionen Menschen verheerende Auswirkungen, denn die meisten Großstädte der Welt sind direkt am Wasser gebaut. Momentan steigt der Meeresspiegel um wenige Millimeter im Jahr, was die Sache für viele Menschen wohl als sehr harmlos erscheinen lässt. Doch Prozesse, die einmal in Fahrt gekommen sind, lassen sich oft nur sehr schwer oder gar zu spät wieder korrigieren. Hat mal jemand versucht eine abgehende Lawine aufzuhalten? So ähnlich verhält es sich leider in vielen Abläufen, die wir durch unser Eingreifen gerade in der Natur anrichten. Seit dem ersten Bericht des Weltklimarates wurden die Prognosen eigentlich ständig zu unseren Ungunsten korrigiert, das heißt die negativen Auswirkungen sind schon heute massiver und die Abläufe schneller als bisher befürchtet.

Was Gordon und sein Team auf unserer Fahrt durch den Fjord messen werden, wird wohl leider  keine frohe Kunde für die Menschheit bringen. An verschiedenen Stellen und Tiefen im Wasser werden Messungen zum Salzgehalt und der Temperatur gemacht.

Geprüft werden soll unter anderem wie stark die durch den Klimawandel veränderten Meeresströmungen Einfluss auf das Gletschereis nehmen. Man vermutet, das deutlich mehr subtropisches Wasser in den Norden gelangt, was die Gletscherschmelze verstärkt.

Das Schiff ist voll mit Menschen. Die kommenden Tage sollen auch dazu genutzt werden, möglichst vielen Fernsehteams aus aller Welt die Gelegenheit zu geben, über diese Thematik zu berichten.

Iris Menn ist Meereskampaignerin bei Greenpeace Deutschland. Sie hat mit ihrer monatelangen Vorarbeit maßgeblich dazu beigetragen, dass diese Expedition durchgeführt wird. Von hier aus bis zum Ende der Expedition in sechs Wochen wird sie an Bord der Arctic Sunrise bleiben. Ihre Hauptaufgabe in den ersten Tagen ist es, die Fernsehteams zu betreuen. Sie muss dafür sorgen, dass die TV Leute (z.B. CNN, ARD, ZDF, RTL etc..) gutes Bildmaterial erstellen können, Interviews mit den Wissenschaftlern geführt werden und sie persönlich mit ihrem Fachwissen die Standpunkte von Greenpeace erläutern kann. (Wer mehr von Iris und der Expedition erfahren will, dem empfehle ich ihren Blog unter www.greenpeace.de/blog)

Für mich ist es sehr aufregend einige Tage diese Abläufe mitzubekommen. Highlight ist ganz klar der Transfer nach Tasiilaq mit dem bordeigenen Hubschrauber. Da nur eine begrenzte Zahl Menschen an Bord übernachten dürfen, gehöre ich zu den  Tagesbesuchern, die die Nacht im Ort verbringen. Es ist grandios, das Meer aus Eisbergen aus der Luft zu sehen. Schade, dass die Transfers zu einem Zeitpunkt stattfinden, an denen die Sonne noch gnadenlos auf das dunkle Wasser und die weißen Eisberge knallt. Dieser hohe Kontrast lässt zwar schöne Dokumentarfotos zu, stimmungsvolle Fotografien, wie ich sie so gerne mache, sind unter diesen Umständen leider unmöglich.

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