Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Bolivien

Die Hoffnung stirbt zuletzt 07.07.2011

Tag 10: Montag 27.06

 

Die Kältephase hält an. Ich sitze unter vier Decken in meiner Unterkunft im Dorf und begutachte die bisherigen Fotos. Die Temperaturen passen zu meiner Laune. So richtig warm ums Herz wird mir nicht wenn ich meine auf Festplatte gebannten Kondore erblicke. Doch noch ist ja nicht aller Tage Abend. Die Kadaver sind am richtigen Platz, ich habe nochmals eine volle Woche Zeit, und irgendwann muss sich die Sonne doch nochmals sehen lassen. Heute passiert dies aber nicht, so dass sich meine Rückkehr in die Berge um einen Tag verschiebt.

 

Tag 11: Dienstag 28.06

 

Die Wolkendecke ist aufgerissen und der Sonne gelingt es heute, die Kälte auf erträgliche Maße zu reduzieren. Der Aufstieg zum Lager wird auch deshalb für mich schweiß-treibend, weil ich auf dem Rücken meine komplette Fotoausrüstung und vor dem Bauch in einem zweiten Rucksack frische Wäsche und Lebensmittel schleppe. Saul bleibt zurück in Samaipata. Ihn erwarte ich erst zum Wochenende. Am Nachmittag sitze ich dann wieder in meinem kleinen Tarnzelt und freue mich am schönen Mix aus Wolken und blauem Himmel, was gute Fotobedingungen verspricht. Zuvor habe ich noch die Zweige vom Köder entfernt und gesehen dass sich nichts verändert hat. Das Fleisch liegt in voller Pracht am Abgrund und müsste eigentlich jeden Aasfresser von ganz Amerika anlocken, so wunderbar stinken tut es. Schon in der Ferne kann ich sie erkennen. Eine große Menge an Vögeln nähert sich meinem Versteck.


Dann kreisen sie einige Zeit um mich herum. Ich traue mich nicht das Objektiv zu schwenken um sie beim fliegen abzulichten. Diese Bilder mache ich lieber wenn ich für sie sichtbar, draußen an der Kante stehe. Es geht hier ausschließlich darum sie beim Landen und Fressen zu erwischen. Also halte ich still, auch wenn es mir schwer fällt. Als plötzlich alles um mich herum verschwindet, dringt so ganz langsam die bittere Erkenntnis in mein Hirn, das die Show für heute vorbei ist. Kein Tier ist gelandet, kein Foto ist entstanden. Dabei war das Licht so Klasse. Um 17 Uhr haben sich zudem die Wolken wieder komplett über den Himmel verteilt, so dass ich schon früh am Lagerfeuer sitze und viel Zeit zum Nachdenken habe. Haben die Tiere an anderer Stelle eine andere Nahrungsquelle? Ist vielleicht irgendwo eine Kuh beim Grasen über den Abhang gestürzt? Lassen sie sich doch durch meine Tarnzelt vom Landen abhalten? Der Wind rauscht in verlässlicher Beständigkeit über die Wipfel der Bäume und eine Gruppe Tauben fliegt von Ast zu Ast. Ansonsten bin ich mit meiner Ratlosigkeit allein, weit weg von jeglicher Erleuchtung.

 

Tag 12: Mittwoch 29.06

 

In der Nacht setzt wieder ein leichter Regen ein, der zum Glück am kommenden Morgen aufhört. Viele Wolken ziehen über den Himmel, so dass es mich nicht verwundert, dass ich den Morgen über völlig umsonst im Tarnzelt sitze. Warum kommen die Vögel nicht, wo hier doch wunderbares Fressen für sie ausliegt? Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Über Mittag erreichen dann vier Touristen den Berg. Es sind die ersten Besucher seit langer Zeit. Viel zu sehen bekommen sie jedoch nicht, so dass sie kurz nach vierzehn Uhr wieder leicht enttäuscht von Dannen ziehen. Am späteren Nachmittag haben die Winde die Wolken fast vollständig vertrieben. An der Kante bläst es extrem stark, so dass ich mir heute die fehlenden Tiere mit dem zu starken Wind zu erklären versuche. Was aber wahrscheinlich Blödsinn ist. Wovon ich allerdings überzeugt bin ist, dass man ganz Bolivien locker mit Windenergie versorgen könnte. Allein was hier in der Region an Kraft über die Berge fegt, sollte ausreichen die zehn Millionen Bolivianer sauber und zukunftsfähig zu bedienen. Leider sind wir da noch gefühlte Lichtjahre von entfernt, das sich vernünftige Energie gerade in ärmeren Ländern etabliert. Als ich am Abend am Lagerfeuer sitze, macht sich so ganz langsam etwas Frust in mir breit. Nun liegt das Fleisch eine knappe Woche unangetastet am Berg. Damit habe ich gar nicht gerechnet. Der Gedanke des Scheiterns taucht ab und zu auf, wird aber von meinem Willen immer wieder erfolgreich verdrängt. Noch ist Zeit.

 

Tag 13: Donnerstag 30.06

 

Dieser Tag schenkt mir perfekte Bedingungen. Sonne und Wolken und ein strahlend blauer Himmel mit relativ leichtem Wind sind ideale Vorraussetzungen für Kondoraktivität. Dass ich den Morgen umsonst im Tarnzelt verbringe, habe ich schon fast erwartet. Meine Hoffnungen ruhen auf dem Nachmittag. Ich bin froh, dass keine weiteren Besucher erscheinen welche die Vögel unnötig von meinem Kadaver verscheuchen könnten. Am frühen Nachmittag beginnt die Show.

Es ist erst ein Kondor, der in weiten Kreisen die Lage auskundschaftet. Kurze Zeit später sind sie Alle da. Soweit ist es durch mein kleines Guckloch wahrnehmen kann, gleiten über zehn Vögel, davon ein Großteil Kondore über mein Tarnzelt. Eine gute Stunde lang fliegen sie, oftmals nur wenige Meter, über den Köder und meinem Versteck hinweg. Bei jeder Drehung hoffe ich inständigst, dass nun endlich einer von ihnen zur Landung ansetzt, um die Beute näher zu begutachten. Der Gleitflug der Tiere erzeugt, verursacht durch die Luftverdrängung, ein leichtes Pfeifen welches sich mit einer fast kochenden Teekanne vergleichen lässt. Ich kann die Nähe der Tiere regelrecht hören.

Begeisterung über dieses Spektakel mischt sich von Minute zu Minute mehr mit Entsetzten, als sich so langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass es wieder zu keiner Landung und somit auch zu keinen Fotos kommen wird. Als ich später im Halbschlaf merke, wie es wieder anfängt aufs Zeltdach zu tropfen ist meine Hoffnung auf einen erfolgreichen Abschluss dieser Arbeit erst mal ziemlich dahingeschmolzen.

 

Tag 14: Freitag 01.07

 

Es regnet die ganze Nacht und weite Teile des Morgens. In den kurzen Pausen legt sich eine schwere Nebeldecke über das Land. Um die Zeit nicht völlig unnütz vergehen zu lassen, schnappe ich mir die Kamera und wandere durch diverse Waldreste die hier oben meist in Mulden stehen blieben die einem Bachlauf folgen. Heute ist es in doppeltem Sinne ein Nebelwald. Die vielen Bromelien, Lianen und Farne lassen den Wald im Nebel geheimnisvoll und wild aussehen.

Übersieht man den vielen Kuhdung, der überall auf dem Boden liegt, könnte man sich geradezu in einem riesigen Urwald wähnen. Den Nachmittag lasse ich die Stunden träge im Schlafsack liegend an mir vorbei ziehen. Eigentlich wollte Saul heute mit neuen Lebensmitteln zu mir kommen. Er ist nicht gekommen. Mir war zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass er gar keine Chance hatte zu mir zu stoßen. Bei starkem Regen wird die Straße von Samaipata hierher für Autos ohne Vierradantrieb durch anschwellende Flüsse und Matschlöcher unüberwindbar.

 

Tag 15: Samstag 02.07

 

Das Elend setzt sich fort. Als es am Morgen noch aufs Zelt prasselt, stelle ich meine Schüssel in den Regen um etwas Wasser einzusammeln. Ich habe noch zwei Liter. Saul wird mich zwar niemals im Stich lassen, doch ist es trotzdem ungewiss wann sich das Wetter wieder wandelt und die Straßen befahrbar sind. Am späten Morgen setzen kurze Aufheiterungen ein, welche mich Veranlassen mich sofort ins Tarnzelt zu setzen. Da es eine halbe Stunde später wieder zu nieseln anfängt, gebe ich entnervt auf und lege mich wieder in den Schlafsack. Es ist zwar nicht mehr so kalt wie am Anfang der Woche, doch die feuchte Luft ist ungemütlich und deutlich frischer als in den Anfangstagen dieses Abenteuers. Ein knacken von Zweigen weckt mich auf. Der Strahl einer Taschenlampe kündigt endgültig von der Ankunft von Saul. Er hat es mit Müh und Not geschafft, die aufgeweichte Strecke zu überwinden. Er kommt eigentlich, um mich einzusammeln und zurück nach Samaipata zu schaffen. Die Wetteraussichten sind ungewiss, und kommenden Mittwoch steht mein Rückflug nach Deutschland an. Mit jedem Tag den ich bleibe, vergrößert sich das Risiko hier festzusitzen. Er erzählt mir von Schneefall in La Paz und dass das ganze Land von den Wetterkapriolen spricht. Als ich ihm erzähle, dass unser Köder noch unangetastet am Abgrund liegt entscheiden wir uns dazu, dass ich noch ne Weile ausharre zumal es Anfang der Woche eventuelle Aufhellungen geben soll. So verschwindet Saul nach kurzer Besprechung in der Nacht und ich beschließe Morgen nochmals eine andere Tarnvorrichtung auszuprobieren um die Tiere vielleicht doch noch zum Landen zu bewegen.

 

Tag 16: Sonntag 03.07

 

Es wird wieder frischer. Die Welt bleibt grau, kalt und feucht. Trotzdem baue ich am Morgen mein Tarnzelt ab und konstruiere mit einem Netz und einem aus Stöcken zusammengesteckten Dreieck ein neues Versteck. Grundlage ist ein zwei Meter hoher Busch, den ich als Eckpunkt nehme und dessen Blätter nach oben hin einen guten Sichtschutz geben. Die drei Wände des Netzes decke ich zusätzlich mit Zweigen ab, so dass sich die Form des Objektes praktisch auflöst. Die Öffnung lasse ich so groß, dass später das Objektiv nicht nach draußen steht sondern sich innerhalb der Form des Tarnbereiches bewegt. Zum ausprobieren komme ich aber nicht, denn die Sicht bleibt den ganzen Tag über gleich Null.

Wieder liege ich scheinbar endlose Stunden im Schlafsack. Ein Buch mit Geschichten berühmter Lateinamerikanischer Erzähler trägt auch nicht gerade zur Gemütsaufheiterung bei. Kaum eine Geschichte die nicht von Verlust, Schmerz oder Tod handelt. Leider sind diese Werke wohl ein Spiegelbild eines über Jahrzehnte von Diktatur und Armut geprägten Kontinents. Nach 300 Seiten bin ich dann soweit endgültig zum „Pferdeflüsterer“ zu wechseln. Meine mitgebrachten Bücher habe ich längst gelesen und so war ich froh, dass ich diese Bücher in meiner Unterkunft in Samaipata entdeckt habe.

 

Tag 17: Montag 04.07.

 

Ich juble nicht nur innerlich, als sich gegen neun Uhr der Nebel aufzulösen beginnt. Zum Einen steigen die Chancen pünktlich zum Flughafen zu kommen, zum Anderen bekomme ich doch noch eine Chance mein neues Versteck auszuprobieren. Erwartungsvoll blicke ich durch die Zweige und siehe da, am späten Vormittag landet wieder einer der rotköpfigen Geier. Drei Mal innerhalb kurzer Zeit fliegt er wieder los und landet ohne dabei den Kadaver anzurühren.

Nimmt er mich wahr oder nicht? Ich weiß es einfach nicht. Hier besteht eindeutig Gesprächsbedarf mit meinem Freund und Kollegen Ingo Arndt. Für mich ist er der beste Tierfotograf den wir im Lande haben. Wenn ich ihm meine Bilder vom Versteck zeige wird dies sicher nicht unkommentiert bleiben. Am späten Nachmittag glaube ich nicht mehr an das große Fressen, so das ich das Versteck etwas traurig aber gefasst verlasse. Kondore haben sich bis dahin nicht blicken lassen. Ich setze mich an die Kante des natürlichen Amphitheaters und genieße die wunderbaren Ausblicke auf die Landschaft, die sich seit langer Zeit mal wieder in den Farben des Abendrotes präsentieren.

Als kleine Entschädigung kreisen plötzlich fünf der mächtigen Vögel über mir und gönnen mir noch einige Aufnahmen von ihnen im Gleitflug, inclusive warmen Abendlichtes.

 

Tag 18: Dienstag 05.07

 

Der Tag der Abreise ist gekommen. Kaum eine Wolke wandert über den Horizont, an den sich nahtlos ein tiefblauer Himmel anschließt. Dazu ist angenehm warm. Nach dem Frühstück baue ich das Zelt ab, packe alle Lebensmittel und Ausrüstung in die Rucksäcke und löse das Lager auf. Saul kommt um kurz nach zehn Uhr und wir beschließen diese letzte Chance zu nutzen, bevor wir den Abstieg beginnen.

Als wären sie gekommen um mich zu verabschieden, sind sie gegen Mittag plötzlich Alle nochmals da. Dreizehn Geier und Kondore kreisen über mir und ich wage gar nicht daran zu denken, dass es doch noch klappen könnte. Immer wieder gelingt mir aus dem Versteck heraus der eine oder andere Glücksschuss auf die vorbei fliegenden Riesenvögel.


Sie kommen näher und kreisen länger denn je. Jeder Besucher hätte eine wahre Freude an diesem Spektakel. Obwohl sie länger verweilten als jemals zuvor, war mir schon nach wenigen Minuten klar, dass sie auch diesmal auf eine Landung verzichten werden. In der Rückschau glaube ich, dass meine Fotoverstecke mich einfach nicht „unsichtbar“ genug gemacht haben. Ich werde wohl weiter dazulernen müssen. Es war trotzdem ein toller Abschluss einer langen und in jeder Form intensiven Zeit in diesem schönen bolivianischen Bergen. Mit leichtem Wehmut habe ich, nachdem die Hauptmotive verschwunden waren, das Tarnnetz eingepackt und mich auf den langen Heimweg gemacht.

Ich werde die Ruhe vermissen, das Singen der vielen Vögel, den Himmel ohne jegliche Kondensstreifen und vor Allem, die einmaligen weiten Ausblicke im wunderbaren Licht. Zurück ins normale Leben, indem es zumindest wieder warme Mahlzeiten geben wird. Erdnussbutterbrote und Müsli habe ich erst einmal genug gegessen.

 

 

 

 

Zwischen Kühen & unter Geiern 27.6.2011

Jedes mal, wenn man sich als Fotograf an die Umsetzung einer Bildergeschichte macht, hat man natürlich gewisse Vorstellungen, wie das Ergebnis im besten Falle auszusehen hat. Ich habe mich dem Thema Andenkondor angenommen, einem der größten, flugfähigen Vögel unserer Erde. Während ich diesen April die Schülerreise zu den Straßenkindern im bolivianischen Santa Cruz begleitet habe, bin ich auf den Biologen Saul Arias gestoßen. Er hat mir während eines Tagesausfluges die Stelle gezeigt, an dem fast täglich die Giganten der Lüfte über der Landschaft kreisen. Nun also hatte ich die Zeit und Muse, mich näher mit dem Thema auseinanderzusetzen. Kaum ein Foto das ich mir vorher in Gedanken ausgemalt hatte, habe ich während der 18 Tage in den Bergen umgesetzt bekommen. Trotzdem war es eine intensive und lehrreiche Natur- und Fotoerfahrung, von der ich keine Stunde missen möchte. Es folgt eine Analogie der Ereignisse:

 

Tag 1: Samstag 18.06.

Pünktlich um 7.30 Uhr treffe ich Saul vor seinem kleinen Büro in Samaipata, dem schönen Andendorf das sich in einer Höhe von 1700 Metern rund 120 km entfernt von der Großstadt Santa Cruz befindet. Saul ist einer von 14 Touranbietern am Ort, der Touristen die zahlreichen Sehenswürdigkeiten der Region zeigen kann. Er ist aber darüber hinaus auch gelernter Biologe und von der Gemeinde offiziell beauftragt seine Landsleute als Touristenführer auszubilden. Damit sind sie dann in der Lage, den Naturfreunden die richtigen Dinge zur Flora und Fauna zu vermitteln. Außerdem ist Saul auch damit beschäftigt, eine Schutzprogramm für die Kondore in der Region auszuarbeiten. Wir haben uns gleich wunderbar verstanden und er ist nur allzu gern bereit, meine Sonderwünsche für die längere Fotoarbeit mit voller Kraft zu unterstützen. Ein Taxi steht bereit, das uns in den kommenden zwei Stunden über Lehmpisten ins Zielgebiet bringen wird. Im ländlichen Bolivien ist es ganz normal auch tageweise mit dem Taxi unterwegs zu sein. Für einen Tagessatz in Bolivien kommt man bei uns gerade mal zwanzig bis dreißig Kilometer. Die Piste endet in einem Tal vor einer kleinen Farm. Hier lebt ein älterer Farmer zusammen mit seiner Tochter. Zusammen bewirtschaften sie das umliegende Land in einer Art und Weise wie es schon Generationen vor ihnen taten. Ohne Strom und andere moderne Errungenschaften leben die Menschen hier von dem, was sie der Natur abtrotzen können. Esel, Schweine, Katzen, Kühe, Hühner und die allgegenwärtigen Kühe umlagern das kleine Lehmhaus. In früherer Zeit lebten in diesem Tal an die dreißig Familien. Heute sind es noch Drei. Vater und Tochter, ein altes Ehepaar ein Haus weiter und ein alleinstehender älterer Mann sind es, die den Verlockungen des etwas angenehmeren Dorf bzw. Stadtlebens bisher widerstanden haben. Es ist aber abzusehen, dass in nicht allzu ferner Zukunft die Natur wieder die Oberhoheit über diese Region zurückbekommt. Neue Siedler wird es hier in dieser Abgeschiedenheit nicht mehr geben. Bevor wir uns an den steilen Aufstieg zu den Aussichtsplätzen machen, muss die Logistik geklärt werden. Wir haben viel zuviel Ausrüstung dabei, um diese allein nach oben zu bringen. So ist es toll, das der Farmer bereit ist, uns einen Esel zu leihen, der uns tatkräftig unterstützen soll. Es dauert eine ganze Zeit lang bis er beladen ist und die Wanderung beginnen kann. Es ist ein klarer Tag. Sonne und Wolken teilen sich den blauen Himmel in fairer Ausgeglichenheit.

Der Esel erweist sich als extrem störrisch. Kaum einen Meter läuft er, bevor er wieder in die Verweigerungshaltung fällt und einfach stehen bleibt. Saul und ich haben Mitleid. Wir lösen einen Rucksack vom Rücken des Tieres und tragen ihn selbst. Indem einer von uns immer ein Stück des Weges doppelt läuft und dann zurückkommt um den Rest zu schleppen. Ganz schön dämlich. Im zweiten Teil des Anstiegs sind wir dann langsam dahinter gekommen wie der Esel zu bewegen ist und es ging selbst in den steilsten, steinigsten Passagen recht gut. Am Nachmittag erreichen wir die Hochebene und sind dann recht bald nahe am Ziel. Wir befinden uns auf einem Gebirgszug, der von den „Vätern der Großväter“, wie der Farmer sie nannte, entwaldet wurde um Wiesen für die Rindviecher zu schaffen. Es sind weitläufige Weidegründe, die sich auch an extrem steilen Stellen befinden. Kühe sehe ich erst im Laufe der Zeit. Der Kuhdung ist aber fast allgegenwärtig. In einem kleinen Wäldchen durch das ein Bach fliest, suchen wir einen geeigneten Ort fürs Basislager. Ich habe ein recht geräumiges Zelt mitgebracht um die kommenden Tage auch bei schlechtem Wetter eine vernünftige Unterkunft zu haben. Eine gute Entscheidung wie sich noch herausstellen sollte. Vom Zeltplatz ist es ein kurzer steiler Anstieg, dann befindet man sich an der Kante eines natürlichen Amphitheaters. Ein grandioser Ausblick auf die Täler und umliegenden Berggipfel. Steil abfallende Felswände beherbergen eine Vielzahl von Kakteen, und andere Pflanzen. In den Nischen der Felsen haben viele Vögel ihren Lebensraum. Auch die Kondore suchen sich dort ihre Schlafplätze. Unerreichbar für mögliche Feinde wie der Mensch oder andere Raubtiere. Saul verabschiedet sich von mir. Er muss den Esel zurückbringen und in den kommenden Tagen einige Arzttermine wahrnehmen. Wir verabreden uns für Mittwoch. Da Kondore Aasfresser sind, beschließen wir, sie mit Nahrung vor die Kamera zu locken. Ich gebe Saul Geld, damit er etwas kadaverartiges aus Samaipata mitbringt. Ob dies Metzgereiabfälle sind oder ähnliches, spielt dabei keine Rolle. Als ich dann allein bin, stelle ich mein Zelt auf und schleppe meinen inzwischen müden Körper noch einmal in herrlicher Abendstimmung hoch zum Aussichtpunkt.

Belohnt werde ich mit einen ganz nahen Überflug eines jungen Kondors, einem farbenfrohen Sonnenuntergang und einer Fernsicht jenseits des Horizonts. Die endlose Aneinanderreihung der Bergketten scheint hier kein Ende zu nehmen. Bis zum letzten Tag erfreuen mich diese Ausblicke und geben Kraft auch die kommenden langwierigen Wartezeiten zu überstehen.

 

Tag 2: Sonntag 19.06

Um zehn nach Sechs bin ich wach. Durch die Bäume sehe ich den Himmel in zarten Pastelltönen den neuen Tag ankündigen. Ich starte einen längeren Spaziergang auf die andere Seite des Bergzuges, von wo aus ich den Sonnenaufgang empfangen werde. Es bläst ein starker Wind. Wohl auch deshalb findet die Sonne ihren Weg durch die Wolken bis zu mir in die Bergspitzen und taucht die Landschaft für einige Minuten in goldenes Licht. Weit weg am Horizont sehe ich drei größere Vögel kreisen, bei denen es sich entweder um Kondore oder um die etwas kleineren Truthahngeier handelt. Beide Vogelarten sind Meister des Gleitfluges. Perfekt nutzen sie die Luftströmungen und lassen sich von der Thermik in Kreisen mal höher mal tiefer gleiten. Selten habe ich mal einen Kondor seine Flügel bewegen sehen. Da es Zeiten gibt, wo sie bis zu zwanzig Tagen nichts zu fressen finden ist es wohl auch zwingend, sich seine Kräfte einzuteilen. Um die Mittagszeit kommen dann zwei Touristengruppen aus Samaipata auf den Berg, um die Gleitflugshow zu bestaunen. Zwischen Mittag und fünfzehn Uhr sind die Aktivitäten der Vögel wohl am Beständigsten, deshalb ist an sonnigen Tagen des öfteren einiges los am Berg. Drei Kondore werden dann für ca. zehn Minuten über und neben den Köpfen der staunenden Besucher ihre Kreise ziehen.

 

Kurze Zeit später bin ich wieder allein. Die Besucher machen sich fröhlich an den Abstieg und die Tiere gleiten in weiter Ferne auf ihrer Suche nach Nahrung. Ich sitze die Stunden an der Kante und erfreue mich später an einem weiteren Farbenspektakel zum Tagesende. Leider ohne meine Hauptakteure, die sich nicht mehr blicken lassen.

 

3 Tag: Montag 20.06

 

Heute in der Früh bin ich losgelaufen, als es noch Dunkel war. So konnte ich die Landschaft schon in der Dämmerung bestaunen. Wie am Vortag ist das erste Sonnenlicht einfach magisch.

Markus im Märchenland. Leider bleibt es um diese Zeit bei schönen Landschaftsimpressionen. Kondore scheinen keine Frühaufsteher zu sein. Dafür wird die Mittagszeit zum Spektakel. Ich zähle zwölf Geier und Kondore die im grellsten und fotografisch schlimmsten Sonnenlicht im wolkenlosen Himmel kreißen. Es ist ein tolles Erlebnis diese Herren der Lüfte zu beobachten. Die Kamera ist im Dauereinsatz. Später werde ich dann den größten Teil der Fotos wieder wegschmeißen. Zu grell ist das Licht, zu selten ist der Vogel mehr als ein schwarzer Fleck vor dunkelblauem Himmel. Ich sammle heute keine guten Bilder, dafür jede Menge Erfahrung. Erstaunlicher Weise blieb ich den ganzen Tag allein. Touristen hätten heute ihre wahre Freude gehabt. Im wiederum weichen Abendlicht staune ich wieder über die Schönheit der Welt. Kondore sehe ich nur ganz weit in der Ferne außerhalb meiner Reichweite.

 

4 Tag: Dienstag 21.06

 

Die Wetterlage scheint sich langsam zu wandeln. Der Morgen ist Wolkenverhangen, was mich noch einige Stunden im Schlafsack verweilen lässt. Als ich am späten Vormittag meine Nase über die Felskante halte und mich der ständig wehende Wind anbläst, sehe ich gewaltige Wolkenberge über die Bergketten ziehen, die sich in der Ferne immer wieder in Gewittern entladen. Lichtdurchbrüche kreieren Licht- und Schattenkontraste, die der Landschaft eine Tiefe und Farbintensität verschafft, die man an wolkenlosen Tagen so nicht wahrnimmt. So kommt es, dass heute sogar um die Mittagszeit ein irres Fotolicht herrscht was mir gute Bilder verschaffen würde. Leider gibt es nur einen kurzen Überflug zweier Kondore die sofort wieder aus meinem Fotobereich verschwunden sind. Was für ein Pech. Auch heute bleibe ich am Berg allein. Erst neun Tage später wird sich wieder eine kleine Gruppe Touristen am Berg einfinden, was mir aber zu diesem Zeitpunkt natürlich nicht bewusst ist. An diesem Abend erlebe ich den besten Sonnenuntergang meines Aufenthaltes in der Region.

Ich bin froh am Nachmittag einige Erkundungsgänge gemacht zu haben. So stehe ich im besten Abendlicht an einer Stelle der Berge, wo der Blick auf den kilometerlangen Graben der Sandsteinformationen fällt. Diese geologische Formation trennt zwei tektonische Platten. Die der Anden und die des flachen Amazonaslandes. Diese Pressen sich gegeneinander und verändern bis heute diese Landschaft. Natürlich für uns nicht wahrnehmbar, in geologischen Zeiträumen aber in recht kurzer Zeit. Die Berge sehen aus wie abgerundete Kuchen die man an den Seiten mit einem riesigen Käsemesser abgeschnitten hat. Während der Sandstein kaum Vegetation aufweist, wachsen dazwischen dichte Nebelwälder, die der Landschaft einen wilden Charakter geben und in diesem grandiosen Licht einfach zauberhaft sind. Auch wenn ich an diesem Abend wiederum keinen Kondor vor die Kamera bekomme, danke ich insgeheim den guten Geistern, dass ich diese Schönheit hier erleben darf.

 

Tag 5: Mittwoch 22.06

 

In der Nacht beginnt es dann zum ersten mal zu Regnen. Am Morgen liegt der ganze Bergzug in dichtem Nebel. Die Sicht beträgt keine fünfzig Meter. Während es zum Mittag etwas auflockert, baue ich an einer Stelle, die mir sinnvoll erscheint mein Tarnzelt auf, von dem aus ich in den kommenden Tagen die Kondore fotografieren möchte. Um die Mittagszeit erwarte ich eigentlich Saul mit dem Lockmittel, doch er taucht nicht auf. Immer wieder ziehen Schauer über das Land und Kondore bleiben den ganzen Tag meinen Blicken verborgen. Ich war schon eingeschlafen als es um 19.30 im Unterholz kracht und ich im Unterbewusstsein meinen Namen vernehme. Saul steht vor dem Zelt und berichtet von seinem langen anstrengendem Tag. Hinter ihm steht ein Esel mit großen Säcken beladen ist. Kondorfutter wie ich richtig vermute. Es hat ihn viel Kraft und Zeit gekostet das Tier hier hoch zu bekommen. Wir bringen den Esel auf eine Wiese und nehmen wahr, dass es über weite Teile der Nacht regnet. Dass er so spät kam, ist nicht schlimm, da sich bei diesem Wetter eh kein Vogel hat blicken lassen.

 

Tag 6: Donnerstag 23.06

 

Lange bleiben wir im Schlafsack liegen. Die Welt liegt in dichtem Nebel. Nach einem Müslifrühstück führen wir den Esel hoch zur Aussichtskante. Damit ich beim fotografieren einen klaren Hintergrund bekomme platzieren wir die Fleischstücke direkt an der Kante um die in der Ferne liegenden Berge bzw. den Himmel für den Bildaufbau zu bekommen. So kann man gut mit Schärfe/Unschärfe arbeiten und hoffentlich hochwertige Bilder schießen, wenn sich die Tiere der Nahrung annehmen. Wenn sie es dann tun… Die Distanz zum Tarnzelt beträgt ca. 30 Meter. Ich bin kein besonders erfahrener Kondorfotograf und hoffe, dass die Entfernung ausreichend ist und die Tiere die Tarnfarben des Zeltes nach einiger Zeit als Teil der natürlichen Umgebung akzeptieren. Es fängt wieder an zu regnen als sich Saul auf den Weg macht, um den Esel zurück zum Farmer zu bringen. Ich verbringe den Rest des Tages im Schlafsack und verkürze mir die Zeit mit dem Buch „Gemeinwohl Ökonomie“ von Christian Felber. Jeder der daran glaubt, dass man die Welt durchaus zu einem besseren Ort wandeln kann, sollte sich dieses Buch mal zu Gemüte führen. Es sind viele kluge Gedanken darin, die Alternativen zu unserem auf Wachstum basierenden und damit so destruktivem, kapitalistischen Wirtschaftssystem bieten. Wir könnten so vieles besser machen, müssten es aber nur konsequent wollen. Scheitern wird ein soziales, gerechtes System wohl an einem elementaren Wesenszug den unsere Spezies leider hat, nämlich der Gier. Denen, die Viel haben, wird es nur schwer einfallen gleichmäßig zu verteilen. Es wäre eigentlich genug für alle da. Während der Regen unablässig auf mein Zeltdach prasselt, habe ich viel Zeit mir über diese Visionen meine Gedanken zu machen. In der Dunkelheit ist Saul zurück und sicherlich froh endlich im warmen Schlafsack zu liegen und den Elementen außerhalb des schützenden Zeltes entkommen zu sein.

 

Tag 7: Freitag 24.06

 

Erst gegen zwölf Uhr beginnt sich der Nebel langsam zu lichten. Ich sitze trotzdem ab acht Uhr im Fotoversteck. Später werde ich dies nicht mehr tun, denn es ist ziemlich sinnlos. Bei Nebel wird sich kein Vogel zeigen, was ich im Laufe der Zeit auch gelernt habe. Als ich nach Mittag das Versteck verlasse um im Lager Wasser zu holen, werde ich beim Rückweg von zwei Kondoren überrascht, die plötzlich über mir kreisen. Mit erhöhtem Herzschlag und großen Erwartungen renne ich zurück zum Tarnzelt und versuche darin zu verschwinden als die Vögel außer Sichtweite sind. Einige Zeit kreisen die Tiere über unserem Ort des Geschehens. Die Kadaver haben sie natürlich längst entdeckt. Aus dem stark eingeschränkten Sichtfeldes meines Minifensters sehe ich die Tiere beim Kreisen und hoffe jedes Mal auf eine Landung. Etwas später sind es zwei Geier, die sich dann trauen den Boden zu berühren. Vorsichtig blicken sie sich um sobald sie ihren Hoheitsraum der Lüfte verlassen haben und sich der gefährlichen Erde aussetzen. Der Truthahngeier hat ein fast durchgehend schwarzes Gefieder und ein glatten Federlosen knallroten Kopf. Dies verschafft ihm ein fast totenkopf-ähnliches Aussehen. Weder die Kondore noch die Geier werden wohl je einen Schönheitswettbewerb gewinnen, zumindest wenn man von menschlichen Idealen ausgeht. Viel fressen tun die zwei gelandeten Gesellen aber nicht.

 

Ein Geräusch in der Ferne veranlasst sie, schon bald wieder von dannen zu fliegen. Immerhin habe ich so ne Art Generalprobe bestanden, die Tiere scheinen mich nicht wahrzunehmen. Dachte ich zumindest zu diesem Zeitpunkt. Als ich gegen Abend bei bewölktem Himmel zum Lager komme, wartet dort Saul mit einem gemütlichen Feuer auf mich, an dem wir den Abend verbringen.

 

Tag 8: Samstag 25.6

 

Mit Grausen spüre ich in der Nacht im Halbschlaf, dass es wieder auf das Zeltdach prasselt. Es sind eigentlich meist kleine Regenmengen, welche den Wolken entweichen. Doch eine starke Windböe findet ihren Weg bis in die Zweige. Von uns überragenden Bäume prasselt es stakkatoartig in lautem Getöse aufs Polyester. An Schlafen ist da kaum zu denken. Der ganze Samstag ist eine traurige Ansammlung von grauer Farbe. Wir verlassen unseren Lagerplatz nicht. Saul sitzt unter einem Baum am Feuer und ich kuschle mich in die wohlige Wärme meines Schlafsacks. In den ersten Tagen hier in den Bergen habe ich noch über den zu dicken Schlafsack gejammert. Es war einfach zu warm. Inzwischen ist es so abgekühlt, dass ich dankbar bin, das dicke Teil hier mitgeschleppt zu haben. Der bolivianische Winter hat die Region erreicht und wir bekommen es nun mit aller Härte zu spüren. Der Tag vergeht ohne jegliche Ereignisse nur sehr langsam.

 

Tag 9: Sonntag 26.6

 

Als ich am Morgen meine Nase in die graue Feuchte des neuen Tages strecke, hat es vielleicht noch 3-4 Grad. Vermischt mit den hier oben herrschenden Winden nehmen wir die Temperatur aber viel kälter war. Der Nebel bleibt den ganzen Tag hängen, so dass es uns nicht schwer fällt, einen ersten Rückzug in die Zivilisation zu wagen. Für Mittag hatte Saul ein Taxi bestellt, das uns nach Samaipata bringen soll. Eigentlich war geplant, die ersten Bilder von fressenden Kondoren auszuwerten. Bisher habe ich aber kein Einziges machen können. So kann man in der Naturfotografie daneben liegen. Es ist halt nicht alles planbar, besonders wenn man mit Tieren arbeitet. Dick eingehüllt in unsere Klamotten, kämpfen wir uns auf den Berg um die Kadaver mit großen Zweigen abzudecken. Nicht auszudenken, was ich fühlen würde, wenn die Vögel ausgerechnet zum fressen kommen, während wir weg sind. Wir nehmen unseren Müll und meine Fotoausrüstung auf den Rücken und treten den Rückweg ins Tal an.

 

Das Lager und die restlichen Lebensmittel lassen wir im Wind geschützten Wald zurück. Später in Samaipata sehen wir meist menschenleere Straßen. Wenn sich mal einer nach Draußen verirrt, ist er dick eingepackt. Da die Häuser weder isoliert sind und auch meist keine Heizungen haben sind die Leute auch drinnen mit Handschuhen, Schals und Mütze bestückt. Ob im Internet Cafe oder im Restaurant, überall ist es bitterkalt. Saul schimpft immer wieder über den „fucking climate change“ der auch hier in der Region das Klima zu verändern scheint. Im Internet lese ich von strahlenden dreißig Grad Sommertage in der Heimat und frage mich in diesem Moment, was ich hier eigentlich tue.

 

Extreme Schönheit 16.06.2011

Der „Salar de Uyuni“ ist der größte Salzsee der Welt und mit einer Fläche von ca. 12.000 qkm. Er ist fast 22 mal so groß wie der heimatliche Bodensee. Man könnte ihn als langweilig bezeichnen. Als lebensfeindlich, kalt und unwirklich allemal. Doch in dieser Reduzierung liegt eine Kraft, der mehr und mehr Menschen erliegen, die, so wie ich, diese riesige Salzkruste als Sehnsuchtsziel erklären. Ich befinde mich im bolivianischen Hochland, dem Altiplano. Diese Hochebene zwischen zwei Andenkordilleren ist eine raue, aride Landschaft mit einer Durchschnittshöhe von 3700 Metern.


In gleichmäßigem Tempo rollt mein Geländewagen seit nunmehr einer halben Stunde über die mal raue, mal spiegelglatte Oberfläche des ausgetrockneten Sees. Um ordentlich Arbeiten zu können habe ich mir das Privileg der unabhängigen Mobilität gegönnt und bin so nicht auf eine geführte Tour angewiesen. Ich folge diversen Reifenspuren nach Westen. Wegen der Erdkrümmung verliert sich der Horizont lange Zeit in der Unendlichkeit. Als zuverlässige Orientierungshilfe erweist sich der im Norden bis auf knapp 6000 Höhenmeter aufragende Vulkan Tunupa. Zuerst kommen die Kordilleren ins Blickfeld die Bolivien und Chile als Landesgrenze dienen. Kurz darauf manifestieren sie sich als dunklere Flecken vor der Bergkulisse: Inseln, die die Eintönigkeit auf vielfach angenehme Weise durchbrechen. Auf diesen Erhebungen im ansonsten brettflachen Salzmeer hat sich eine erstaunliche Vegetation entwickelt, die für mich der Hauptgrund war, mich diesem Thema fotografisch anzunehmen. Über zehn Meter hohe Säulenkakteen mit zum Teil biblischem Alter blicken hier von ihren Aussichtpunkten auf die sich unter ihnen ausbreitende Wüste.

Die Landschaft ist wie geschaffen für anspruchsvolle Fotografie. Weit auslaufende Horizonte für frühes und spätes Sonnenlicht und Erhebungen in Form der Inseln, auf denen sich all die Farbenpracht der wechselnden Stimmungen abbilden. In den ersten Tagen steuere ich diverse Inseln an um mich zu orientieren, Motive zu sammeln und einen Eindruck zu bekommen wie sich das Licht im Wechsel der Tageszeiten verhält. Ich befinde mich in der Übergangsphase von der Regenzeit zur Trockenzeit. Wenngleich auch kein Regen mehr zu erwarten ist, sind die Horizonte doch täglich mit leichten Wolkenformationen geschmückt. Diese helfen mir während meinen morgen- und abendlichen Fotoexkursionen bei der Motivgestaltung. Ein Himmel mit Struktur schafft Inhalt und meist auch Farben die ein Foto stark bereichern.

Der Tag beginnt für mich eine Stunde vor Sonnenaufgang. Den inneren Schweinhund zu überwinden und sich aus dem Schlafsack zu schälen ist nicht allzu schwer. In dieser absoluten Stille und Einsamkeit einen Tagesanbruch zu erleben ist so großartig das es dazu keine weitere Motivation benötigt. Im Schein meiner Stirnlampe steige ich über scharfe Korallenfelsen zu jenen Punkten die ich am Vortag als mögliche Motive ausgemacht habe. Über mir leuchtet das Universum in all seiner Pracht. Irgendwann beginnt am Horizont das erste Aufflackern des neuen Tages. Das sind magische Minuten. Die Kraft der Sterne über mir lassen nach, doch die Skulpturen um mich herum scheinen zum Leben zu erwachen. Ständig wechselt die Stimmung und die faszinierensten Farben produziert die Sonne auf indirekte Weise noch bevor sie am Horizont erschienen ist. Bald merke ich, dass die Inseln keineswegs unbewohnt sind. Zwischen den Felsen huschen immer wieder hasenartige Wesen umher, die mit ihren Schwänzen auch ein wenig wie große Mäuse aussehen.

Viscachas werden diese Gesellen genannt. Sie sind zwar recht scheu, aber in der Distanz gut zu beobachten. Erstaunlich viele Vögel leben von der kargen Vegetation der Inseln. Ich entdecke diverse Blumenarten, deren Blüte aber jahreszeitlich bedingt am beenden ist. Im Abendlicht und mit der hereinbrechenden Nacht dreht sich das Spiel mit dem Licht praktisch um. Nachdem die Sonne die Bildfläche verlassen hat, kleidet sich die Welt in Farben von deren Existenz man am Tage nur träumen kann. Ein wichtiger Aspekt dieses Projektes ist für mich, den Salar bei Nacht zu fotografieren. Leider begann ich die Tour bei Neumond. Das fehlende Mondlicht hat Aufnahmen dieser Art bisher verhindert. Doch mit jedem Kalendertag wird die Sichel ein wenig Größer. „Gut Ding will Weile haben.“, auch in der Fotografie.

 

Nach einer knappen Woche fahre ich zurück in das kleine Städtchen Uyuni, das praktisch für jeden Salzseebesucher Basislager und Ausgangsort ist. Hier sortiere ich meine bisherigen Bilder, um zu schauen wo ich mich verbessern kann. Während der Sichtung von hunderten Fotos bläst ein gewaltiger Sturm über die Ortschaft hinweg. Staubwolken nehmen die Sicht und rauben den Atem und lassen die Region noch lebensfeindlicher erscheinen, als sie an normalen Tagen eh schon ist. Zur Belohnung schenkt der Sturm uns allen einen grandiosen Sonnenuntergang mit Wolkengebilden die wohl göttlichen Ursprungs sein müssen. Leider habe ich davon vom Hotelzimmer aus fotografisch nicht profitieren können. Der Sturm markierte einen Wendepunkt, den ich erst einige Zeit später bemerkte.

Über eine Holperpiste führt der Weg auf 20 Kilometern Richtung Salzsee. Unzählige Plastiktüten flattern abgefangen vom kargen Steppengebüsch im Wind. Ein Schauspiel das man im Umkreis von den meisten Ortschaften des Altiplano zu sehen bekommt und das deutlich macht, wie wenig auch hier der Kreislauf von Konsum und Entsorgung im Griff ist.

Colchani gilt als Zentrum der Salzgewinnung. Aus mehr als ein paar windschiefen Lehmhütten und einem abgebrochenem Schlagbaum auf dem Hauptweg zum Salzsee besteht der Ort aber nicht. Von hier aus wird in harter körperlicher Arbeit mit einfachsten Mitteln das Salz abgebaut. Es wird auf kleine Häufchen geschippt oder mit der Spitzhacke in Blöcke geschlagen. Die Menschen arbeiten von Morgens bis Abends im gleißenden Sonnenlicht. Neben der Viehzucht und dem Quinoa Anbau ist dies zumindest eine der Möglichkeiten für die hier lebende indigene Bevölkerung, sich das Überleben in einer lebensfeindlichen Umgebung zu sichern.

Doch seit vielen Jahren ist bekannt, dass die Bolivianer eigentlich auf einem Goldschatz sitzen. Unter der Salzkruste lagern viele begehrte Edelmetalle, nach denen die globalisierte Welt gierig ihre Finger ausstreckt. Man vermutet bis zu 5,4 Millionen Tonnen des Leichtmetalls Lithium im Bauch des Salar. Insbesondere für die Automobilindustrie sind diese Vorräte wichtig, da man Elektromobilität ohne ausreichend Lithium wohl nicht umsetzen kann. Seit langem versuchen multinationale Konzerne Schürfrechte am großen Salzsee zu bekommen. Immer sind sie am Widerstand der Bevölkerung gescheitert. Das ist auch gut so, denn sonst würde, wie so oft auf der Welt, der große Reibach von Fremden gemacht, und jene, denen der Ressourcenschatz gehört, gehen leer aus.

Doch es wird sich auf jeden Fall etwas ändern im Land der Weite. Uyuni wird demnächst per Flugzeug erreichbar sein, um den zu erwartenden steigenden Besucherzahlen die lange mühsame Anfahrt von La Paz zu ersparen. Außerdem möchte die aktuelle bolivianische Regierung unter Morales die Schätze des Salar aus eigener Kraft ausbeuten. Die zu erwartenden Gewinne sollen so dem Land und der lokalen Bevölkerung zu Gute kommen. Ziel ist der Aufbau einer nationalen Industrie aus eigenen Mittel. Eine erste Probeanlage ist inzwischen in Betrieb. Wie die Geschichte sich entwickelt, weiß zum jetzigen Zeitpunkt niemand. Mit der Beschaulichkeit ist es auf jeden Fall in einigen Teilen der Region vorbei.

Ich bin froh, als ich wieder bei meinen stummen Kameraden auf den Inseln bin, um meine Arbeit fortzusetzen. Inzwischen habe ich auch Bereiche des Sees entdeckt, die noch nicht ausgetrocknet sind. Eine wenige Zentimeter dicke Wasserschicht schafft Spiegelungen und kreiert neue Motive. Alles ist in perfekter Symmetrie. Auch der Vulkan Tunupa kommt so zu fotografischen Ehren.

Das Wasser hat aber auch seine Tücken, besonders für unerfahrene Selbstfahrer wie mich. In Übergangsphasen können Bruchstellen entstehen, die einem sehr schnell in unschöne Situationen bringen. Zwei Mal bin ich im Laufe der Expedition mit dem Wagen eingesackt. Immer weit weg vom Schuss, und nur mit großem zeitlichen und körperlichen Aufwand ist es mir gelungen, mich wieder zu befreien. Hinterher ist man natürlich stolz es geschafft zu haben, aber während man festsitzt, ist das alles andere als witzig. Das Salz selbst ist in ständiger Veränderung. Unterirdische Wasseradern kreieren an der Oberfläche fantasievolle Salzaugen unterschiedlichster Größe. Oft bildet sich die Oberfläche als Sechsecke ab. In der ersten Junihälfte, mit dem sich zurückziehenden Wasser, sind es meist nach unten eingerissene Kanten, die zum Teil noch mit Wasser gefüllt sind.

Zwei Dinge haben sich inzwischen geändert. Es gibt seit Tagen absolut keinen Hauch einer Wolke mehr. Der Sturm scheint alles nachhaltig weggeblasen zu haben. Fotografisch schränkt mich das noch weiter ein. Kaum schaut die Sonne am Morgen über den Horizont, hat sie nach wenigen Augenblicken schon eine solche Kraft, dass ich die Kamera praktisch wegpacken kann. Ich konzentriere mich von nun an auf das Dämmerlicht. Außerdem hat der Mond inzwischen eine gut zunehmende Masse, so dasd die Aufnahmen im Sternenlicht von Nacht zu Nacht besser werden.

Mit den fehlenden Wolken scheint der Winter endgültig Einzug gehalten zu haben. Die Nächte sind nun empfindlich kalt. Bei Minus 9 Grad fällt einem das morgendliche aus dem Schlafsack schlüpfen nicht mehr so leicht. Dabei muss ich immer an die hier lebenden Menschen denken. Das ist echt hart, zumal man bedenkt dass das Thermometer hier in einigen Wochen auf bis Minus 20 Grad fallen wird. Die langen Wartezeiten während des Tages verbringe ich mit lesen oder schlafen. Eingehüllt in zahlreiche Schichten Kleidungen werden die Wanderungen in der Nacht zunehmend länger, so dass ich über den Ausgleich am Tage ganz dankbar bin. Man darf auch nicht vergessen, dass ich mich hier auf knapp viertausend Metern Höhe befinde. Da ist man auch nach der Aklimatisierungsphase in allem was man tut etwas langsamer. Im Schein des Mondes erscheinen die Kakteen nochmals in ganz anderer Art und Weise auf dem Kamerachip. Ob im Gegenlicht oder direkt angestrahlt, es entstehen spannende Stimmungen. Als der Mond seinen vollen Umfang fast erreicht hat, ist die Lichtmenge ausreichend, um die dunklen Inseln sichtbar zu machen, ohne die helle Fläche des Salars zu überstrahlen. Über allem thront majestätisch das Sternenzelt. Es sind unvergessliche Touren hier draußen im kalten Nichts, das doch soviel Schönheit bietet.

Als sich mein Aufenthalt dann dem Ende neigt, werde ich noch mit einem Naturerlebnis belohnt, das so in meiner bisherigen zwanzigjährigen Zeit als Fotograf nicht vorgekommen ist: Bei der Rückfahrt über das Salzmeer sehe ich plötzlich am Horizont eine Bewegung. Bei näherem Betrachten erkenne ich eine Gruppe Flamingos, die in den Weiten des Altiplanos zu Hause sind, und die den See gerade überqueren. Sie fliegen in wechselnder Formation knapp über der Salzfläche. Ich bringe meinen Wagen in paralleler Stellung zur Flugbahn, öffne irgendwie das Beifahrerfenster, greife hinter mich zur Kamera und versuche das Ganze festzuhalten.

Ich habe Glück das Salz ist hier recht glatt. Mit dem linken Fuß gebe ich Gas, der Rechte fixiert das Lenkrad. Bei ca. 80 Stundenkilometern brauche ich beide Arme um meine Kamera mit dem 200-400 mm Objektiv halten zu können. Viel Zeit zum nachdenken bleibt eh nicht. Erst ein beginnender Wasserbereich stoppt mich und ich realisiere was für eine unglaubliche Begegnung ich hier gerade hatte. Ein würdiger Abschluss eines wunderbaren Abenteuers.

 

 

 

 

 

 

Kontraste 21.04.2011

Es sind keine leichten Tage in Santa Cruz. Unsere Jugendlichen haben eine Menge Eindrücke und Emotionen zu verarbeiten. Um Ihnen dazu Zeit zu geben, reisen wir mit Axel für einige Tage in das kleine Bergdorf Samaipata. Auf einer Höhe von 1600 Metern herrscht hier ein mildes Klima und weite Ausblicke sind versprochen. Im Ort leben etwas mehr als 3000 Menschen, die sich aus verschiedenen Bevölkerungsgruppen zusammensetzen. Straßenkinder gibt es keine. Die Mehrzahl der Leute sind, nimmt man materielle Werte als Maßstab, eher arm. Doch haben sie, meist basierend auf kleingliedriger Landwirtschaft, ein Einkommen und somit ein Dach über dem Kopf. Je weiter man die große Stadt hinter sich lässt, desto mehr rückt das eigentliche bolivianische Alltagsleben in den Sichtbereich. Für die 120 km lange Strecke brauchen wir fast drei Stunden. Die Straße weist große Schlaglöcher auf, und schlängelt sich die ersten Ausläufer der riesigen Andenbergkette hinauf ins Hochtal von Samaipata. Wir sind im Kloster untergebracht. Axel ist seit vielen Jahren mit dem Padre befreundet, der uns gerne seine Gastfreundschaft schenkt. Auch hier ist der Verein tätig, der Ort ist ja auch in der Tat der Namensgeber für das ganze Projekt. Es gibt hier eine aus Spenden finanzierte Abendschule. Dorfkinder die den ganzen Tag arbeiten müssen um sich über Wasser zu halten, haben hier die Möglichkeit sich zum Ausklang des Tages weiterzubilden. Das bringt wiederum unsere deutschen Schüler zum Nachdenken. So manch Einem wird wohl abermals bewusst, in was für einem Paradies er lebt. Was sind da dagegen schon ein paar Hausaufgaben.  Wir verbringen einen Tag mit den bolivianischen Schülern an einem Picknickplatz. Ein Wasserfall mit natürlichem Pool und gemeinsame Volleyball- und Fußballturniere sorgen für kurzweilige interkulturelle Vergnügungen.

Auf einem der unzähligen Gipfel, die das Dorf zu allen Seiten weit überragen, liegt „El Fuerte de Samaipata“. Dabei handelt es sich um  eine alte Ruinenstätte der Inkakultur, die seid 1998 von der UNESCO als Weltkulturerbe geschützt wird. Zentrum der Anlage ist ein Sandsteinfelsen, in dem zahllose Linien, Kanäle, Stufen und Figuren eingemeißelt sind. Der Schweizer UFO Forscher Erich von Däniken vermutete hier einen Ort, in dem in früherer Zeit Außerirdische Kontakt zu den Erbbewohnern aufgenommen haben. Die Wissenschaft hat wiederum die genauen Funktionen des Ortes nicht einwandfrei geklärt. Einig ist man sich aber, dass es sich um eine Zeremonialstätte der Inkas handelte. Axel erzählt uns beim Besuch der Anlage auch von Kulturen, die schon lange vor den Inkas hier ihren Lebensraum hatten. Auf Pfaden werden wir um den Felsen herumgeführt. Das Betreten ist inzwischen verboten. Leider kommt diese Maßnahme um einige Jahrzehnte zu spät. Eine Kruste auf dem Sandstein hatte das Monument über viele Jahrhunderte erhalten. Zahlreiche Touristen haben jedoch innerhalb kürzester Zeit diese Schutzschicht mit der Reibung Ihrer Schuhe nachhaltig zerstört. Seither schleifen Regen und Wind dieses kulturelle Erbe der Menschheit mehr und mehr ab.

Von der Anlage hat man einen imposanten Ausblick auf die Berge und umliegenden Hochtäler. Alles ist weitläufig und ein wohltuender Kontrast zur Überfüllung und Enge in der Großstadt. Der Blick fällt auf Sandsteinfelsen, die nur mit einer dünnen Vegetationsschicht überzogen sind.

Weite Teile der nutzbaren Fläche bestehen aus kleinen Feldern, durch die sich die Bauern ihr Überleben sichern. Der ursprüngliche Urwald hat hier nur an steilen Bergflanken die Eingriffe des Menschen überdauert. Dort, wo keine unmittelbare Nutzung betrieben wird, herrscht eine degradierte Waldform vor, die man eher als Gebüsche bezeichnen muss. Schon die Spanier haben hier vor Jahrhunderten Wälder gerodet und in diesem niederschlagsreichen und somit grünen Bereich der Anden Kühe zur Fleischproduktion auf die Hochebene gebracht. Die Problematik des Waldverlustes und der damit einhergehenden Erosion scheint hier und da erkannt worden zu sein. Doch mit Schrecken sehe ich, dass so gut wie alle Wiederaufforstungsmaßnahmen mit artfremden Bäumen erfolgt sind. Kiefern und Eukalyptusbäume wachsen nun an diesen Stellen. Besonders der Eukalyptus trägt nicht gerade zur Lösung der Probleme bei. Es ist zwar eine sehr schnell wachsende Baumart, die aber den Böden zu viel Wasser entzieht. Außerdem sehen diese Anpflanzungen ziemlich jämmerlich aus, wenn man sie mit dem Reichtum der heimischen Wälder vergleicht.

Bolivien ist dreimal so groß wie Deutschland. Es leben hier nur zehn Millionen Menschen. Deshalb kann Wildnis nicht ganz verschwunden sein. In der Tat ist dieses Land gerade für Naturfreunde ein ganz besonderer Schatz. Ich freue mich darauf, zusammen mit unserer Jugendgruppe einen Abstecher in den „Amboro“ Nationalpark zu machen. Auf über 4000 qkm schützt dieser Park genau jene Vegetation „Wald“, die außerhalb der Grenzen weitläufig dem Siedlungsdruck hat weichen müssen. Über eine Schotterpiste fahren wir die erste „Kordillere“ nach oben. Auf fast dreitausend Metern blicken wir in geschützte Täler, die mit dichtem Grün bewachsen sind. Das Schutzgebiet reicht bis an die Ausläufer der letzen Erhebungen dieses Faltengebirges. Auf der anderen Seite beginnt das flache Amazonas-Becken, das mit tropischer Schwüle ein völlig anderes Klima bereithält. Diese skurilen Gebirgszüge sind deshalb entstanden, weil sich hier zwei Erdplatten aufeinander schieben. Leider reichen die Rohdungsflächen der Farmer schon bis an die Parkgrenzen heran. Eine unscheinbare Absperrung über den Pfad ist das einzige Merkmal, dass wir eine Naturschutzzone betreten. Ein Management, Parkranger oder gar ein Besuchszentrum gibt es wohl nicht. Wir werden von Saul begleitet. Er ist ein bolivianischer Guide aus Samaipata, der in England Biologie studiert hat. Auf einem Pfad laufen wir hinein in den Wald. Saul berichtet den staunenden Jugendlichen viele interessante Details über die reichhaltige Pflanzenwelt.

Wir sehen kleine Orchideen, Moose, Flechten und Farne. Sogar eine tropische Nadelbaumart, die ich von der Art her eher in unseren Breitengraden erwartet habe. Störend wirken nur, die überall auf dem Weg verteilten Kuhfladen. Auch wenn es optisch nicht unmittelbar sichtbar ist, ist in den Randbereichen des „Amboro“ das Gleichgewicht des Lebens schon gestört. Die Kühe fressen viele der hier wachsenden Pflanzen und sorgen auf diese Weise für eine Reduktion der biologischen Vielfalt. Saul ist in Samaipata für ökologische Bildung zuständig. Sein Jahresbudget beträgt 400 €. Klar, dass damit nicht viel zu erreichen ist. Wir laufen durch einen Wald, der in dieser Form wirklich etwas ganz Besonderes darstellt. In den Senken stehen hier bis zu sechs Meter hohe Farnpalmen. Diese archaischen Gewächse wachsen in guten, wasserreichen Jahren nur um 0,4 mm und in trockenen Jahren gar nicht.

Viele der holzlosen Riesen müssen demnach schon zweitausend Jahre und älter sein. Das ist sehr beeindruckend und sollte nicht innerhalb ein paar Jahren von Kühen ruiniert werden. Nach einigen Kilometern erreichen wir eine Hochebene ohne Bewuchs. Mächtige Winde blasen dichte Wolkenberge über uns hinweg und es dauert einige Zeit bis wir erste Blicke hinein in den Talgrund und somit  in das innere des Nationalparks erhaschen.

Mehrere hundert Meter fällt die Klippe steil vor uns ab und eine ergreifend, schöne Landschaft tut sich vor uns auf. Am Horizont erheben sich wiederum Faltenberge in unterschiedlichsten Formen. Beim Rückweg ziehen die Nebelschwaden bis in den Wald und schaffen eine mystische, geheimnisvolle Stimmung.

Wir setzen uns zwischen die Bäume und führen eine intensive Gesprächsrunde zum Thema Ökologie. Dank des Wissens, das ich mir im Laufe der Jahre durch meine Greenpeace Arbeit angeeignet habe, kann ich den Jugendlichen einiges über die Zusammenhänge auf unserer Erde erklären. Alle erkennen, dass Armut/Reichtum und intakte/zerstörte Natur durchaus in Relation stehen. Es wird klar, dass es ein Privileg ist, solch eine Reise machen zu können, welches nur einem geringen Teil der Weltbevölkerung vergönnt wird.

Am kommenden Tag trennen sich unsere Wege. Während die Gruppe sich auf den Weg macht um die Osterfeiertage in Santa Cruz zusammen mit den Heimkindern zu erleben, habe ich die Möglichkeit zusammen mit Saul noch weitere drei Tage in dieser großartigen Bergwelt zu verweilen. Mit jeder Tour wächst meine Begeisterung für Boliviens endlos erscheinenden Weiten. Seitdem ich wieder zu Hause bin, lässt mich der Gedanke an eine Rückkehr in die Anden nicht mehr los. Ich hoffe, ich kann dem Ruf der Wildnis nicht allzu lange mehr widerstehen.

Licht im Dunkel 17.04.2011

Ich frage mich immer wieder, ob es in Zeiten ökologischer Engpässe noch vertretbar ist, für wenige Tage mit dem Flugzeug um die halbe Welt zu fliegen. Meine Eindrücke von unserer zehntägigen Jugendreise nach Bolivien bestätigen mir einmal mehr, wie wichtig und richtig das Reisen ist. Neue Erfahrungen und Sichtweisen bekommen wir beim Kontakt mit dem „Anderen“. Geistige Tiefflieger wie Sarrazin, Wilders, Haider, Le Pen und wie sie alle heißen, hätten in einer wirklich aufgeklärten, weltoffenen Gesellschaft kaum eine Chance, mit ihren eindimensionalen Weltsichten auf offene Ohren zu stoßen. Ich hatte das Privileg zusammen mit acht Jugendlichen aus Deutschland in eine Welt einzutauchen, die der Unseren, was den modernen Lebensstil betrifft, ganz ähnlich ist. Leider fehlt dem System in Bolivien der Sicherheitsschirm. Es produziert viele neureiche Gewinner, die sich in der modernen Konsumwelt wunderbar austoben können. Der Preis des Wohlstandes ist aber teuer erkauft. Ein beträchtlicher Teil der Menschen fällt durchs Netz und landet in Sichtweite des Reichtums, aber außerhalb seiner Reichweite, auf der Straße.

Diejenigen, die in diesem System eigentlich keine Chance haben, waren der Anlass, dass sich ein Gruppe dreizehn- bis achtzehnjähriger Teenager auf den Weg gemacht hat, um für einige Zeit in diese Lebensrealität einzutauchen. Zu dieser Reise haben meine Freunde Axel Brümmer und Peter Glöckner geladen. Bei ihrer Weltumradlung haben sie sich vor über zwanzig Jahren mit Ihren Velos über die unzähligen Andenpässe bis nach Santa Cruz gekämpft. Das Schicksal der vielen Straßenkinder hat sie tief berührt. Zurück in Deutschland haben sie in ihrer Thüringer Heimat den Verein Saalfeld-Samaipata e.V gegründet. Mit inzwischen über 100 Mitgliedern in Deutschland und kirchlichen Trägern vor Ort in Bolivien ist aus dieser Initiative ein großartiges Projekt entstanden, das aller Ehren wert ist.

Santa Cruz ist heute eine zwei Millionenstadt, in der sich wie in jeder anderen Metropole dieser Welt, eine endlose Blechlawine durch die Straßen schiebt. Kaum zu glauben, dass dieses ständig wachsende Ungetüm aus pulsierendem Leben vor fünfzig Jahren noch ein Städtlein ohne geteerte Straßen und Pferdekarren war. Wir erreichen das Kinderheim „Mano Amiga“, in dem sich unsere Jugendliche die Betten mit den hier lebenden Kindern im großen Schlafsaal teilen werden. Schon die Begrüßung war sehr emotional. Für die Gäste aus Deutschland wurde ein Ständchen gesungen und die Heimleitung hat uns alle herzlich Willkommen geheißen. Auf insgesamt acht Einrichtungen verteilt, bekommen heute 650 (!) Menschen in Santa Cruz die reale Chance auf ein besseres Leben. Die Abläufe im Heim sind erstaunlich diszipliniert. Alles verläuft in geregelten Bahnen. Im Speisesaal ist es während der Mahlzeiten auch nicht viel lauter als bei einem Abendessen im Restaurant. Eines der deutschen Kinder sitzt immer zusammen mit sechs bis acht Bolivianern am runden Tisch. Sprachdefizite werden mit Gesten, Körperkontakt und Zeichensprache einfach überbrückt. Schnell ist eine tiefe Verbindung der unterschiedlichen Kulturen aufgebaut. Ich bin immer wieder über die herzliche Art der Bolivianos sehr berührt.

In den kommenden Tagen besuchen wir die Vielzahl der Einrichtungen, die mit den Spendengeldern des Vereins am Leben gehalten werden. Mit jedem Projektbaustein den wir kennenlernen, wächst meine Hochachtung wie effizient und zielgerichtet geholfen wird. Ich Frage mich mehr und mehr, warum wir Menschen das Problem mit der Armut und Ungleichheit nicht in den Griff bekommen. Würde man das System des Vereins auf die bolivianische Gesellschaft übertragen, müsste es in einem Land mit zehn Millionen Einwohnern und dreifacher Fläche von Deutschland keine Armut geben. Es ist genug für Alle da, es ist nur ungleich verteilt. Dies gilt übrigens für den ganzen Planeten.

Warum finden allein in Santa Cruz Tausende keinen Anschluss an die Gesellschaft? Teil des Problems sind sicherlich die Umwälzungen, mit denen in der heutigen Zeit viele Länder konfrontiert sind. Aus einer reinen, kleinbäuerlichen Kultur von Selbstversorgern wird mehr und mehr eine vom westlichem Lebensstil geprägte Industrie- und Wissensgesellschaft.

Tausende von Landarbeitern geben ihr hartes, von körperlicher Arbeit geprägtes Leben auf, um in den Städten ihr Glück zu versuchen. Flachbildschirme und Handys sind die Götzen der Moderne. Auch in bolivianischen Städten strahlen sie von den riesigen Werbetafeln und verheißen ein Leben in Wohlstand und Lebensqualität. Doch für die Allermeisten bleibt diese Vision eine Utopie. Es mangelt schlicht und einfach an Bildung, um in dieser auf Geldfluss basierten Lebensweise, einen Platz zu ergattern. Die Ursachen für Landflucht sind neben der Hoffnung auf mehr Wohlstand sehr vielseitig. Es kann sich dabei um politische Umwälzungen, Klimaveränderungen oder wie im bolivianischen Hochland recht Häufig der Fall, um das Schließen von Minen handeln. Die Menschen erreichen die Städte meistens, ohne Lesen und Schreiben zu können und werden fast unweigerlich in den Teufelskreis aus Armut und sozialem Abstieg gezogen. Um Überleben zu können, überschreiten viele fast zwangsläufig die Schwelle in die Kriminalität. Ein Leben in dem Gewalt und Drogen eine Rolle spielen, ist vorprogrammiert. Um diese Mechanismen zu durchbrechen wurden die Heime gegründet. Hier kann man den Hilflosesten helfen, nämlich den Kindern.

Unsere Reisegruppe erlebt ereignisreiche Tage mit einer Vielzahl an Eindrücken die uns Alle nachhaltig beeindrucken. In einer Seitenstraße im Stadtzentrum besuchen wir das Nachtasyl. Nach Einbruch der Dunkelheit durchschreiten hier die Kinder, die Tagsüber auf der Straße leben, eine unscheinbare Metalltüre und landen für einige Stunden auf einer Insel der Ruhe und des Friedens. Waffen, Drogen und die Probleme des Alltags werden an der Pforte abgegeben und die Regeln des Hauses angenommen.

Es gibt eine warme Mahlzeit und ein Bett für die Nacht, bevor die Realität, jenseits der schützenden Mauern, die Kinder am kommenden Morgen wieder empfängt. Wer sich ein Jahr lang an die Auflagen des Nachtasyls hält und nicht straffällig wird, hat die Chance, in einem der Kinderheime aufgenommen zu werden. Verbunden mit der realen Aussicht auf eine intakte Gemeinschaft und Bildung für ein späteres Leben in Würde.

Besonders heikel für das Projekt war die Einrichtung eines Heimes in dem die Kinder von Gefängnisinsassen untergebracht werden. Zusammen mit Axel und einer Sozialarbeiterin hatten wir Erwachsenen die Möglichkeit einen Einblick in die Welt des bolivianischen Strafvollzuges zu werfen. Das Gefängnis am Stadtrand von Santa Cruz ist kein einzelnes Gebäude sondern eine Stadt innerhalb der Stadt. Klassisch wie im Film steht dort eine hohe Betonmauer mit Stacheldraht und Wachtürmchen und umschließt eine Realität die unserem Verständnis auf Hoffnung und Menschlichkeit nicht viel gemein hat.

Wird ein Familienmitglied auf die eine oder andere Art straffällig, so öffnen sich nicht nur für den Straftäter die Gefängnistore, sondern meist gleich für die ganze Familie. Von einem modernen Rechtssystem, bzw. Rechtsbeistand für die Betroffenen, kann keine Rede sein. Viele von den armen Seelen haben nicht einmal Papiere zum sich auszuweisen, geschweige denn die Möglichkeit sich mit Anwälten zu verteidigen. Mit dem Polizeichef flankiert laufen wir durch die Gefängnisstadt. Verdrängt man für kurze Zeit die Umstände, so könnte man die Szenerie für eine zwar dicht bevölkerte, aber ansonsten ganz normale Stadtszene halten. Wir sehen Handwerker, Köche, Kirchen, Fitness Center und Parkanlagen. Menschen jeden Alters sitzen auf Bänken vor den Baracken oder schlendern durch die Gassen. Alles wirkt unheimlich intensiv – fast unwirklich, und ist doch für viele tausend Insassen bittere Realität. Wer jetzt zu dem Schluss kommt, dies als eine Art Vergnügungspark auf Staatskosten zu sehen, der irrt gewaltig. Die Macht des Staates bleibt außerhalb der Gefängnismauern. Probleme werden hier mangels Lösungsmöglichkeiten weggesperrt aber nicht gelöst. Neunzig Prozent aller Kinder im Gefängnis sind Opfer körperlicher Gewalt, siebzig Prozent werden sexuell missbraucht. Es herrscht ein System der Perspektivlosigkeit. Selbst Familienmitglieder die unverschuldet wegen des Partners hinter den Mauern landeten, sind nicht automatisch frei wenn dessen Strafe abgelaufen ist. Mit umgerechnet 120 € müssen sich diese Personen freikaufen, ein Betrag der innerhalb des Strafvollzuges kaum mit legalen Mitteln zu erwirtschaften ist. Nun kann man sich vorstellen, wie schwierig es ist, wenn die Sozialarbeiter unseres Projektes in die Welt dieses Wahnsinns eindringen, um die Eltern davon zu überzeigen, dass ihren Kinder, weit weg von Ihnen, die Chance auf ein besseres Leben geboten wird. Das ist sehr harte Überzeugungsarbeit  und nicht immer von Erfolg geprägt. Umso erlösender ist für uns der anschließende Besuch im besagten Heim, in dem wir in lachende Kindergesichter blicken, die dem Irrsinn des Systems entkommen konnten.

Drogenabhängige Straßenkinder werden auf einer Farm mit Tieren beschäftigt. Die Spenden, die der Verein sammelt, finanzieren außerdem eine Bäckerei, die soviel Gewinn abliefert, dass damit sechzehn Kinderheime kostenlos mit Brot versorgt werden können. Hilfe zur Selbsthilfe die ankommt und funktioniert.

An zwei Abenden fahren wir nach dem Abendessen in kleinen Gruppen mit dem offenen Pick up Truck durch die Straßen von Santa Cruz, um jene zu finden, die nicht am Glanz des pulsierenden Nachtlebens teilhaben können. Jenen, die Tagsüber an den Kreuzungen für ein Paar Cent die Scheiben der Autos putzen oder sich mit anderen Aktivitäten das Überleben sichern. Wir sehen Frauen an Kreuzungen, die um Almosen betteln. Ihre Kleinkinder haben sie für den Mitleidseffekt direkt auf die Straße gesetzt.

Es ist kaum auszuhalten, die zahllosen Geländewagen der Reichen an den Kleinen vorbeirauschen zu sehen. Auf Verkehrsinseln in der Mitte von sechsspurigen Straßen sehen wir eine Gruppe von etwa fünfzehnjährigen Jungs, die sich Klebstoff schnüffelnd auf die Nacht vorbereiten. Als wir hinab in die völlig verdreckten Kanäle steigen, sind wir endgültig im Herzen der Dunkelheit angekommen. Unter den Straßenbrücken haben sich dort die Straßenkinder kleine Nischen eingerichtet, in denen sie zwischen Pappkarton und Abwasser ein Mindestmaß an Heimat schaffen. Aus unserer Sicht zu absolut menschenunwürdigen Bedingungen. Axel stellt dabei immer den Erstkontakt her. Sein Erfahrungsschatz als Weltreisender lässt ihn immer die richtigen Worte finden, um uns die symbolischen Türen in die Herzen dieser Menschen zu öffnen. Wir werden nicht als Eindringlinge gesehen, die sich am Elend der Jungen und Mädchen ergötzen wollen. Auch hier am absoluten Ende der sozialen Kette sehe und erlebe ich Menschen und keine Monster. Menschen die Dankbar sind, das man sich für Ihr Schicksal interessiert. Es sind sehr traurige Begegnungen die aber immer auf ihre Art auch Positiv sind.

Kaum eines dieser Kinder vom Straßenrand hat nicht schon von den Projekten mit den Kinderheimen gehört. Dort befindet sich der Schimmer in der Dunkelheit. Vielen ist es in der Vergangenheit gelungen mit Hilfe des Projektes ihren persönlichen Kreislauf der Hoffnungslosigkeit zu durchbrechen und ein Leben ohne Armut und Gewalt zu erreichen. Ich möchte Allen, die diesen Bericht hier lesen ans Herz legen die Internetseite des von Axel und Peter gegründeten Vereins zu lesen (www.saalfeld-samaipata.de), und wenn möglich auch zu spenden. Ich habe erlebt wie erfolgreich dieses Geld in Menschlichkeit umgesetzt wird. Hunderte von Kindern werden es Ihnen Danken.

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