Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Buchen

Südländische Fülle 03.06.2010

Das Thema Wald und Südeuropa ist keine Erfolgsgeschichte. Von Griechenland bis Portugal sind ursprüngliche Wälder schon frühzeitig im großen Maßstab verschwunden. Schaut man sich die Reste der ehemaligen Vegetation genauer an, ist dies sehr bedauerlich, denn der mediterrane Wald ist sehr artenreich und weist immer wieder auch vereinzelte Merkmale gemäßigten Regenwaldes auf. Die Reise führt uns nach Italien, auf die Halbinsel Gargano. Diese liegt in Apulien und wird wegen ihrer Form auch als Sporn des italienischen Stiefels bezeichnet. Hier soll es in den regenreichen Hängen des Vorgebirges noch ausgedehnte Beispiele vom „Wald des Südens“ geben.

Während sich die Familie auf ein paar Tage Badespaß in der nahe gelegenen Adria freut, zieht es mich sehr schnell in die schattenreichen Wanderwege des Nationalparks. Wenn ich die planlos verbauten Strandabschnitte sehe, bei denen sich ein Campingplatz und Club an den anderen reiht, regt sich bei mir eine große Abneigung und ich bin froh keinen derartigen Urlaub ertragen zu müssen. Die Fahrt hinauf zum Wald führt zuerst vorbei an auffällig vielen Koniferen. Das sind artfremde Kieferngewächse die zur Aufforstung angepflanzt wurden. Solch ein Blödsinn. Spätestens wenn die ersten Eichen den eigentlichen Wald ankündigen kann man solch eine Fremdpflanzung nicht mehr verstehen. Der Wald ist dicht und mit erstaunlich großen Bäumen bewachsen. In den höheren Lagen dominiert eindeutig die Buche, die den Lebensraum mit Ahorn, Eiben und Hainbuchen teilt. Der „Foresta Umbra“ ist Staatswald innerhalb dessen Grenzen auf fast 1000 Hektar seit längerer Zeit menschliche Eingriffe unterbleiben. In diesen Gebieten kommt die Vegetation einem Urwald tatsächlich sehr nahe.

Was diesen mediterranen Mischwald am augenscheinlichsten von anderen Wäldern weiter im Norden unterscheidet ist der immergrüne Strauchbewuchs wie er auch in der Macchie, der südländischen Hartlaubvegetation vorkommt. Eine durch jahrtausende andauernde Übernutzung entstandene degradierte Form der ehemaligen Eichenwälder. Außerdem sind die langstämmigen Buchen nicht selten von Lianen und Efeu bewachsen, welche dem Wald eine dschungelähnliche Atmosphäre verschaffen. Ein interessanter Zweig im breiten Spektrum europäischer Wälder, leider nur noch in kleinen Resten vorhanden. Ausgedehnte Wälder finden wir etwas weiter nördlich im Nationalpark Abruzzen.

In diesen dünn besiedelten Bergregionen Italiens ist tatsächlich eine halbwegs stabile Bärenpopulation zu Hause. Selbst Wölfe streifen durch die Täler. Eine Rotte Wildschweine sind die einzigen Großtiere, die wir leibhaftig zu sehen bekommen. Wir treffen Bruno D´Amicis, einen befreundeten Naturfotografen, der in dieser Region praktisch jeden Stein persönlich kennt. Bruno ist so nett und zeigt uns auf der Karte eine Route, die uns zu den schönsten naturnahen Wäldern der Region führt. Da wir nur begrenzt Zeit zur Verfügung haben sind solche Tipps natürlich unbezahlbar. Dankbar nehmen wir seine Anregungen an und starten einen die Ferien abschließenden langen Wandertag.

Nachdem es in den vergangenen Tagen wiederum stark geregnet hat, erwischen wir die perfekte Zeit zum Fotografieren. Sich auflösender Nebel wechselt in eine Bewölkung durch die im Tagesverlauf die Sonne durchbricht und ein strahlendes, warmes Abendlicht bereithält. Die Wanderung beginnt auf einer Passhöhe, an der wir das Auto abstellen. Durch eine kleine Schlucht laufen wir nach oben. Auf diesem Weg werden im Sommer die Kühe auf die Almwiesen getrieben. Auffällig sind die Flechten die an den Bäumen wachsen und ihnen einen märchenhaften Charakter verleihen.

Wir treffen ausschließlich auf Laubwälder, die Buche ist hier der unangefochtene Regent. Erstaunlicherweise befindet sich die Baumgrenze hier weit über 1500 m und das mit einer Art die sich bei uns um 800 Höhenmeter wohlfühlt. Über einen steinigen Grad, der mit Frühlingsblumen übersät ist, blicken wir in Täler, deren Bewuchs sich mit makellosen Buchenbeständen die Hänge hochziehen. Wir tauchen ein in die Wälder und sehen auch hier Urwaldstrukturen in den meisten Bereichen des von Bruno genannten Gebietes. Gegen Abend als das dominierende Sonnenlicht weitere Aufnahmen unter den Baumkronen unmöglich macht, verlassen wir den Wald und steigen über einen schmalen Schneerest die steile Bergwand zum nahen Gipfel auf fast 2000 Höhenmeter. Der 360 Grad Blick auf die Landschaft der Abruzzen ist atemberaubend.

Mein Blick fällt auf eine alpine Fläche die aus der Ferne blau zu uns rüberleuchtet. Pünktlich zum Sonnenuntergang erreichen wir die Wiese und stehen in einem Meer aus Stiefmütterchen, deren Schönheit mir zu einem würdigen Abschluss an einem tollen Fototag verhelfen.

Das Experiment Familienurlaub und Fotografieren für das Projekt zu kombinieren ist gelungen. Allen hat die abwechslungs- und lehrreiche Zeit gefallen. Auf mich wartet nun Europas wohl „wildester Wald“ in Russlands fernem Ural. Ich bin sehr gespannt.

Zeit des Erwachens 23.05.2010

Der Blick vom 1373 m hohen Gipfel des Lusens fällt auf eine riesige Fläche des Hochwaldes, die sich über beide Teile der Landesgrenze zieht. Während sich in tieferen Lagen die Baumbestände aus Buchen, Fichten und Tannen zusammensetzen, wachsen in den Hochlagen nur die kälteverträglichen Fichten.

Der Anblick der sich dem Wanderer bietet wirkt unreal und beängstigend. Unzählige graue Baumskelette ragen in den Himmel. Kaum ein Baum hat dieses apokalyptische Szenario überstanden. Schuld an diesem Massensterben ist ein paar Millimeter großer Knirps, der Borkenkäfer. Als Anfang der achtziger Jahre ein Sturm etwa 70.000 Festmeter Holz auf den Boden knickte, entschied der damalige Minister Hans Eisenmann, 30.000 Festmeter davon liegen zu lassen. Dies sollte eigentlich eine selbstverständliche Entscheidung sein. Die Idee, die hinter einem Nationalpark steckt, ist es ja die Natur „Natur sein zu lassen“ und in diese Gebiete nicht mehr einzugreifen. Doch Leben wir nun mal in einer vom Menschen so stark veränderten Umwelt, dass die Folgen natürlicher Einflüsse wie z.B.  Stürme dramatische Auswirkungen auf die Natur haben können.

Ein angeschlagener kranker Fichtenbestand ist ein idealer Lebensraum für den Borkenkäfer. Im Forstwald werden die Sturmschäden sofort beseitigt, so dass es nicht zum Ausbruch einer Massenvermehrung des kleinen gefräßigen Gesellen kommen kann. Was macht man aber in einem Gebiet, das sich selbst überlassen wird? Ein Gebiet, das sich auf dem Weg zurück zur Wildnis befindet? Die damalige Entscheidung des Ministers hatte schwerwiegende Folgen, die bis heute sichtbar sind und wohl noch für viele Jahre das Volk in zwei konkurrierende Lager teilen wird. Es kam wie es kommen musste. Der Borkenkäfer begann sich im Sturmholz wohlzufühlen. Zur Eiablage bohrt er Gänge in die Rinde oder direkt ins Holz. Dadurch entstehen die Brutsysteme. Besonders die Larven der Rindenbrüter (z.B. des Buchdruckers) sind eine Gefahr für den Baum.  Sie ernähren sich von den saftführenden Schichten in der Rinde. Diese sind die Lebensadern des Baumes, weshalb ein Befall meist zum Absterben desselben führt. Der Nationalpark Bayrischer Wald sollte für den Borkenkäfer in den kommenden Jahrzehnten zum Schlaraffenland werden.

Weitere Stürme führten zu weiteren Windbrüchen welche zu immer neuen „Käferlöchern“ führten. Diese breiteten sich aus und verschmolzen schließlich zu großen Gebieten. Die Population erhöhte sich in den Folgejahren so stark, dass sogar gesunde, stehende Fichten angefallen wurden und dem unweigerlichen Ende entgegen sahen. Besonders dramatisch war die Entwicklung während der 90er Jahre. Just in der Zeit als man die Fläche des Parks auf die heutigen 24.000 Hektar vergrößern wollte, konnte man dem rasanten Niedergang der „wogenden Waldlandschaften“ innerhalb kürzester Zeit verfolgen. Es gab heftigen Widerstand in der Bevölkerung, welche die Vernichtung „ihres Naturerbes“ nicht tatenlos mit ansehen wollten. Aus heutiger Sicht grenzt es fast an ein Wunder, dass sich die Nationalparks Befürworter haben durchsetzen können.

Der Park wurde vergrößert, der Entwicklung freien Lauf gelassen. Nur in den Randlagen wurde und wird der Käfer bekämpft, um ein Überspringen auf private Wälder zu verhindern. Aus fotografischer Sicht ist dieser morbide Anblick sehr reizvoll, es entstehen Bilder, die ihre ganz eigene Stimmung entfalten. Zusammen mit meinen Kollegen, die ebenfalls am Fotografentreffen teilgenommen haben, gelingt es uns die Situation mit vielen eindrücklichen Aufnahmen festzuhalten. Auch wenn es auf den ersten Blick so erscheint, so kann vom Ende der Welt keine Rede sein, im Gegenteil.

So schnell sich der Niedergang der Fichten Monokulturen vollzogen hat, so rasant erfolgt die Wiederauferstehung. Überall wachsen junge Ebereschen, Fichten und Buchen. Ein gemischter Jungwald ist am entstehen. Selbst in den Höhenlagen wo es die Natur, bedingt durch das raue Winterklima, am schwersten hat regt sich wieder Nachwuchs zwischen dem Todholz. Hier wurde aus meiner Sicht genau das Richtige getan. Durch mutige Entscheidungen kann hier im Laufe der kommenden Generationen ein echtes Naturjuwel entstehen, welches für andere Regionen zum Vorbild werden wird.

Über die Grenzen des Nationalparks hinaus fangen die Probleme nämlich gerade erst an. Als die Forstwälder Mitteleuropas fast zur Gänze in Fichtenreinbestände umgewandelt wurden, hat man sich ein riesiges Problem geschaffen, welches in relativ kurzen Zeiträumen gelöst werden muss. Bedingt durch die Klimaerwärmung und die damit einhergehende steigende Zahl an Wetterextremen, wird es die ortsfremde Fichte in unseren Breitengraden immer schwerer haben zu überleben. Zudem ihr fast flaches Wurzelwerk sie schon für mittelschwere Stürme sehr anfällig macht, und sie sehr schnell umknicken können. Die Buchen, die in vielen teilen Europas vor einigen Jahrzehnten den Fichten haben weichen müssen, sind besser auf das wärmere Klima angepasst.

Doch auch die Buche wird zunehmend Schwierigkeiten bekommen, zumindest regional. Schon heute zeigen die Bäume in manchen Teilen Ostdeutschlands in besonders heißen regenarmen Sommern erste Anzeichen von Hitzestress. Dieser wird zunehmen, je trockener die Landstriche werden. Trotz aller Horrorszenarien die einem im Kopf herumschwirren wenn man über die Folgen des Klimawandels nachdenkt verlasse ich den Bayrischen Wald mit einer positiven fast euphorischen Stimmung. Hier kann man allen Ignoranten und Ewiggestrigen vorführen, dass die Natur durchaus in der Lage ist, sich selbst wieder ins Gleichgewicht zu bringen, egal wie stark der Mensch zuvor an ihr herumgemurkst hat. Ein Besuch in Deutschlands ältestem Nationalpark möchte ich jedem Naturinteressierten empfehlen.

Fenster in die Vergangenheit 13.05.2010

Die zweite gemeinsame Wanderung mit Walter Frank in den Karpaten führt uns in den „Domogled Valea Cernei“ National Park südlich des markanten Retezat Gebirges. Der Park schützt ein 60 km langes Tal an dessen von Karstgestein dominierten Spitzen eine endemische Kiefernart wächst.

In tieferen Lagen dominiert dichter Buchenwald und am Talgrund fließt der Fluss dessen Wasser in geduldiger Beharrlichkeit im Laufe der Jahrmillionen diesen imposanten Einschnitt ins Gestein gegraben hat. Das Tal war bisher von Bausünden verschont geblieben. Doch auch hier sehen wir wie mehr und mehr illegal errichtete Prachtvillen neureicher Rumänen die schönen Wiesen versiegeln. Wer verzichtet schon gerne auf ein Zweithaus im Paradies wenn die Strafen lächerlich gering sind und der eigentlich strafbare Bau im Schutzgebiet ohne weitere Folgen bleibt. Bei Kilometer 20 der Talstraße beginnt unsere Tour. Über eine schwankende Hängebrücke überwinden wir den Flusslauf und steigen die ersten Höhenmeter durch dichten Wald nach oben. Wir passieren ein verlassenes Gehöft, von dem mir Walter erzählt, dass sich dessen Besitzer vor einigen Jahren erhängt hatte. Die Einsamkeit war wohl doch zu groß geworden und der Schnaps als einzig erreichbarer Freund nicht mehr tröstlich genug. Eine steil abfallende Felswand können wir nur passieren indem wir über ein handgefertigtes Leitersystem nach oben klettern. Ich bin mal wieder schwer beeindruckt mit welcher Eleganz mein nicht mehr ganz junger Begleiter dieses Hindernis meistert, und das trotz seines großen Rucksack auf dem Rücken. Wir erreichen die Hochebene und besuchen eine Region in der die Zeit stehen geblieben ist. Über einen Kamm laufen wir durch Wiesen auf deren frühlingshafter Blüte vereinzelt Pferde und Ziegen stehen. Der Ausblick auf das Tal und die umliegenden Berge ist wunderschön. Vereinzelte Häuser der Bauernfamilien geben Einblick in einen Lebensstil, der noch nicht vor allzu langer Zeit auch bei uns Alltag gewesen ist.

Keine Straße bringt die Verlockungen der modernen Gesellschaft zu diesen Menschen, kein Strom verschafft Lebensqualität wenn es um Wärme und technische Errungenschaften geht. Was die Bauern ihren Feldern nicht abtrotzen oder aus den umliegenden Wäldern gewinnen können, wird über einen Pferdepfad aus dem Talgrund hier herauf gebracht. Wir bekommen die Erlaubnis von einem der Landwirte unsere Zelte auf seiner Wiese mit Panoramablick aufzuschlagen. Eile ist angesagt, denn dunkle Regenwolken haben sich über die Berghänge gezogen und künden von nahender Sturzflut. So liegen wir die kommenden vier Stunden in unseren Schlafsäcken und lauschen den Tropfen die auf unsere Planen prasseln. Eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang passiert dann genau das was ich mir insgeheim gewünscht habe. Der Regen hört auf und die Wolken beginnen sich zur schönsten Zeit des Tages hin aufzulösen.

Dies führt zu wunderbaren Lichtstimmungen. Besonders als die Schwarzkiefern in den oberen Lagen des Gesteins sich aus den Wolken schälen entstehen eindrucksvolle Impressionen einer wilden ungebändigten Natur.

Am folgenden Tag setzen wir unsere Wanderung über den Höhenzug fort und passieren die Kapelle und die kleine Schule in der die Kinder der Bauerfamilien vom Analphabetentum befreit werden sollen. Doch es sind nur noch derer Zwei, die hier die Schulbank drücken. Was wohl der offensichtlichste Beweis ist, dass wir es hier mit einer sterbenden Kultur zu tun haben. Die Jungen sind längst in die Städte gezogen, nur die Alten harren aus. Sie trotzen den kalten Wintern und dem körperlich harten Alltag abseits des Einundzwanzigsten Jahrhunderts.

Wir besuchen ein Ehepaar welches die siebzig Lebensjahre schon längst überschritten hat. Es sind freundliche und herzliche Menschen. Auch hier bestätigt sich wieder was mir schon auf vielen anderen Reisen in alle möglichen Winkel der Welt aufgefallen ist. Besonders diejenigen, die in unseren Augen materiell arm sind, aber innerhalb ihrer Kultur gefestigt leben, kennen keinen Geiz.

Nur mit Mühe können wir die Zwei überzeugen, uns nicht mit Eiern, Schnaps und anderen Erzeugnissen aus ihrer täglichen Arbeit zu überhäufen. Als ich mit Walter von dannen ziehe muss ich erst mal meine Gedanken ordnen und mir klar werden was diese Eindrücke mit mir gemacht haben. Würde ich gerne tauschen wollen? Besonders der Gedanke an die langen Winter, wenn es draußen um fünf Uhr dunkel ist und man nichts anderes machen kann als sich Abend für Abend an den Herd bzw. Holzofen zu setzen, lässt mich erschaudern. Als Besucher droht einem leicht die Situation verklärt wahrzunehmen. Besonders wenn man die grandiose Landschaft in denen diese Menschen wohnen mit einbezieht.

Dieser Lebensstil erzeugt keine Erderwärmung, zerstört keine großflächigen Urwaldgebiete. Die Lösung unserer globalen Probleme ist diese Art zu Leben aber trotzdem nicht. Zumal wohl weder ich, noch sonst irgendjemand der je davon profitiert hat, auf die Errungenschaften unserer Zivilisation verzichten möchte. Die Aufgabe wird sein unseren Lebenswandel in die Nachhaltigkeit zu führen. Ich bin überzeugt, dass dies möglich wäre. Dazu müsste der Einzelne aber die Gier nach dem immer „mehr“ überwinden und sich in den Dienst des Allgemeinwohls stellen. Ein Besuch bei den Bauern vom Domogled Tal könnte dabei für Viele eine heilsame Erfahrung sein.

Blau im Wald 26.04.2010

Der „Hallerbos“ Wald in Belgien hat mit Urwald überhaupt nichts zu tun. Trotzdem darf er in einem fotografischen Projekt über Europas Naturwälder nicht fehlen.

Seine Attraktion sind die Hasenglöckchen, die im Frühling für ein paar Tage den Waldboden in ein Meer aus blauer Farbe verwandeln. Wichtig ist, dass man den richtigen Zeit trifft, denn die Blüte ist recht kurz. Über den Wald selbst gibt es nicht allzu viel zu erzählen. Die Hasenglöckchen stammen aus der Familie der Spargelgewächse und wachsen im „Hallerbos“ auf trockenen Böden in von Buchen dominierten Waldbereichen.

Die feuchteren Gebiete, nahe der kleinen Bäche, sind dem Bärlauch vorenthalten welcher zum Zeitpunkt meines Besuches noch nicht in Blüte stand. Leider hat es in diesem Frühjahr kaum geregnet, was sich in der Menge der Blumen durchaus niederschlägt. Trotzdem ist ein Spaziergang durch den blauen Wald auch in dieser Saison ein großartiges Erlebnis.

Doch auch hier, wie in so vielen anderen Naturschutzgebieten nahe Ballungsräumen, hat man das permanente Fahrgeräusch der Autobahn als ständigen Begleiter. „Hallerbos“ liegt nur wenige Kilometer außerhalb des Molochs Brüssel. Als ich bei der Anfahrt zum Wald nur noch zwölf Kilometer Strecke auf dem Navi hatte, konnte ich gar nicht glauben, dass hier bald solch ein Kleinod überleben konnte – befand ich mich doch immer noch inmitten von Gewerbegebieten und Baustellen. Ich habe, Umleitungen eingerechnet, fast eine Autostunde gebraucht um Brüssel zu umfahren, und man braucht keine zehn Minuten zu Fuß um das Gebiet der Hasenglöckchen zu durchlaufen.

Das ist ein generelles Dilemma. Bestand unser Kontinent früher aus Natur, in der sich der Mensch partiell seinen Lebensraum nutzbar machte, ist es heute umgekehrt. Wilde Natur ist auf Inselgröße geschrumpft, die auf immer kleineren Flächen der Artenvielfalt Heimat geben muss. Allein in Deutschland werden 163 (!) Fußballfelder Flächen verbaut – Tag für Tag. Ständig versiegeln wir massiv Böden und verwandeln fruchtbare Erde in Betonwüsten. Jedes neue Industriegebiet sorgt für zusätzlichen Treibhausgas-Ausstoß und beschleunigt den Klimawandel mit all seinen fatalen Folgen für den Planeten. Und das bei schrumpfenden Geburtenraten – zumindest in Europa. Irgendwas läuft hier massiv verkehrt.

Ein Wald wie aus dem Märchenbuch – Corcova Uvala 19.10.2009

Ich würde schätzen, dass 99,9% aller Besucher die in den Nationalpark Plitvicer Seen fahren nur Augen für die, zugegebenen großartigen Seen und Wasserfälle haben. Dabei besteht der fast 300 qkm große und gleichzeitig größte Nationalpark Kroatiens nur aus 0,7% Wasserfläche. Fast drei Viertel der Karstberge sind mit dichten Mischwäldern überzogen, die durch frühzeitige Schutzmaßnahmen und einer fehlenden industriellen Holzwirtschaft einen sehr naturnahen Zustand besitzen. Das Kronjuwel des Parks ist für mich (als Urwaldfotograf) ganz klar das Spezialreservat „Corcova Uvala“. Ich habe in den vergangenen Jahren wahrlich viele Wälder auf unserer Erde kennen gelernt. Doch dieser Wald ist etwas wirklich Besonderes. Die Schönheit und die überall spürbare Präsenz des vielfältigen Lebens haben mich total gefangen genommen.

Corkova Uvala  2869

Wer erfahren möchte was das Ökosystem Wald wirklich ausmacht, der sollte einmal im Leben unter den Kronen dieser jahrhunderte alten Bäume gestanden haben. Wenn ich mir vorstelle wie arm und amputiert dagegen der gängige Forst vegetiert, könnte man fast wütend werden. Alle urwaldtypischen Merkmale sind hier auch für den Laien sehr schnell zu erkennen. Im Wald wird man Zeuge aller Lebensphasen der Bäume. Mächtige jahrhunderte alte Laub und Nadelbäume wachsen auf den kargen Böden des steinigen Karst. Dazwischen steht immer wieder ein längst abgestorbener Riese, dessen unzählige Löcher im Stamm darauf schließen lassen, dass sich Vögel hier ihre Nahrung suchen. Ob durch Verwitterung, Schneefall oder Stürme, irgendwann fallen sie auf den Boden. Im Naturwald bleiben die Bäume liegen, um in der Zersetzungsphase den Kreislauf ihres Pflanzenlebens zu schließen. Dabei bilden sie Lebensraum für Pilze, Flechten und Moose.

Corkova Uvala  2867

Neue Bäumchen wachsen auf den Körpern der Alten und nutzen deren Nährstoffe. Hier in der Urwaldgesellschaft kann man einen ganz wichtigen Unterschied zu unserer menschlichen Gesellschaft erkennen. Dieser wird wohl letztendlich ausschlaggebend sein warum die Natur überlebt, der Mensch aber, wenn er so weiter macht, leider nicht. In der Wildnis fällt kein Müll an. Alles bleibt innerhalb des Kreislaufes aus Werden und Vergehen. Jede noch so kleine Kleinigkeit wird genutzt und umgewandelt. Die Natur ist zu hundert Prozent nachhaltig. Das müssen wir wieder lernen wenn wir langfristig überlebensfähig bleiben wollen. Ein weiteres Merkmal eines Waldes, der seinen eigenen Gesetzen folgen darf, ist die relativ große Distanz in der die Bäume voneinander entfernt wachsen. Es ist überhaupt kein Problem durch das Unterholz zu schlendern, selbst die Jungtriebe überwuchern nur an wenigen Stellen den Boden. Der „Corcova Uvala“ ist ein Mischwald wie er eigentlich in weiten Teilen Europas vorkommen müsste. Fast fünfzig Prozent sind Buchen, gefolgt von Tannen, Wachholderbäumen und dem Ahorn. Als ich zum ersten Mal in diesen Wald gelaufen bin habe ich die Nadelbäume automatisch für Fichten gehalten. Erst als mein Blick auf die kleinen Jungtriebe fiel ist mir aufgefallen, dass die Nadeln abgerundet und weich waren. „Oh Tannenbaum, so grün sind deine Blätter“. Durch den Fichtenwahn, der vor einigen Jahrzehnten fast sämtliche Forstleute in Europa befiehl (schnelles Wachstum = größerer Gewinn) hat man sich schon so damit abgefunden auch außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebietes auf diesen Baum zu stoßen, dass  man fast überrascht ist wenn alles so ist, wie es sein sollte. Junge Tannentriebe müssen in unseren Wäldern eingezäunt werden, um sie vor dem Verbiss durch Rotwild zu schützen. Da ihre natürlichen Feinde wie Wölfe und Bären bei uns ausgerottet wurden, gibt es im Forst viel zu viele Rehe und Hirsche, die die Erneuerung so mancher Baumart verhindern. Zusätzlich werden die Tiere bei uns im Winter noch künstlich gefüttert. Ich behaupte mal, dass dies nicht aus reiner Tierliebe praktiziert wird, sondern dass so manch kühner Jäger genug Material vor die Flinte bekommt. Hier in den Wäldern des Nationalparks streifen noch Raubtiere durchs Unterholz. Gesehen habe ich sie natürlich nicht. Nur der von Wildschweinen mit der Schnauze aufgewühlte Laubboden lässt auf die Präsenz größerer Tiere schließen. Die Kreisläufe sind intakt, Tiere und Pflanzen leben in Balance.

Corkova Uvala  2870

Was den Wald hier so zauberhaft erscheinen lässt ist seine geografische Lage. Zwischen drei bis zu tausend Meter hohen Berggipfeln fallen die Hänge zum Teil recht steil ab. Immer wieder formt der steinige Untergrund kraterähnliche Löcher und Trichter, deren tiefste Stellen meist von einem besonders mächtigen Baum dominiert wird. Nährstoffreicher Humus ist knapp, die Bäume suchen sich alle möglichen und unmöglichen Stellen zum wachsen. Luftwurzeln wachsen über Felsen, die mit Moosen überzogen sind. Uralte Baumstümpfe die kurz vor der Zersetzung stehen sind mit hunderten von Pilzen überzogen. Während Buchen und das Ahorn relativ schnell verrotten und zu Humus werden, kann die Zersetzungsphase bei Tannen bis zu achtzig Jahre dauern. Diskusförmige Baumpilze wachsen horizontal an alten Stämmen. Fällt der Stamm zu Boden, passen die Pilze ihr Wachstum automatisch an und wachsen um neunzig Grad versetzt weiter. Das sieht ziemlich skurril aus. Es gibt fünfundsiebzig endemische Pflanzenarten im Nationalpark. Endemisch bedeutet, dass sie nur hier in der Region wachsen und sonst nirgends auf der Welt. Urwälder haben naturgemäß die größtmögliche Artenvielfalt. Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir endlich anfangen wieder mehr Wälder aus der Nutzung zu  nehmen. Bis zu siebenhundert Jahre kann der komplette Lebenskreis einer Tanne in den Karstbergen hier im Süden Europas dauern. Die Buche ist da mit maximal dreihundert Jahren relativ kurzlebig. Groß ist das Urwaldreservat nicht, eigentlich nur lächerliche achtzig Hektar. Doch selbst am dritten Tag hab ich noch nicht ansatzweise alle Regionen erkundet. Manche Stellen im Wald sind so schön, dass eine Stunde vergangen ist bis ich alle Motive im Kasten habe ,die ich durch mein inneres Auge entdeckt habe.

Corkova Uvala  2866

Ich werde in Zukunft wohl genauer hinschauen, bis ich einem Wald tatsächlich das „Ur“ abnehme. In vielen naturnahen Wäldern sieht man einfach nicht so viele große alte Bäume auf dem Boden liegen. Es dauert viele Jahrhunderte bis man in einem Gebiet sämtliche Phasen des Lebenszyklus Wald auch wirklich erkennen kann. Hier im „Corcova Uvala“ ist dies der Fall, und es ist großartig. Manch ein Wald wird zur Zeit aus der Nutzung genommen. Je länger die Sägen schweigen, desto größer werden die urwaldähnlichen Merkmale, je größer die natürliche Gesundung der Flora und Fauna. Viele meiner Ziele die ich für dieses Waldprojekt besuchen werde, sind solche Wälder. Die Urwälder von „übermorgen“. Bis zum jetzigen Zeitpunkt ist dieser kleine Flecken hier in Kroatien mein Lieblingswald. Ich freue mich, dass ich seinen Zauber entdecken durfte. Gleichzeitig bin ich aber auch traurig, wie wenig solcher magischer Orte in unserer modernen Welt noch existieren.

Wildview läuft unter Wordpress 3.4.2
Anpassung und Design: Gabis Wordpress-Templates