Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Buchenwald

Auf dem “Irrweg”? 27.02.2012

Wie geht es eigentlich dem deutschen Wald? Ein Drittel der Landesfläche ist mit Wald bedeckt. Holz ist ein wichtiger Rohstoff der uns im Alltag in vielfältigster Weise dient. Im deutschen Forst wurde außerdem die Nachhaltigkeit erfunden. Kluge Menschen haben schon vor über 200 Jahren gemerkt, dass wenn wir unsere Wälder übernutzen, es irgendwann keine Bäume mehr geben wird. Also wird seitdem in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern nur soviel eingeschlagen, wie gleichzeitig nachwachsen kann. Doch wie unterschiedlich „Nachhaltigkeit“ ausgelegt wird, zeigt sich momentan an vielen Fronten, an denen Umweltschützer und Forst- bzw. Industrieleute um das richtige Konzept der Waldnutzung ringen. Über 99% des deutschen Waldes stehen momentan in wirtschaftlicher Nutzung. Auf weniger als einem Prozent unserer Waldfläche erlauben wir der Natur wirklich Natur zu sein. Das ist jämmerlich wenig. Wenn es um Artenvielfalt geht können nur im ungenutzten Wald die natürlichen Kreisläufe uneingeschränkt existieren. Unzählige Studien bestätigen dies. Deshalb hat die Bundesregierung auch schon im Jahre 2007 die „Nationale Strategie zur biologischen Vielfalt“ beschlossen. Darin ist festgelegt, dass 10% der öffentlichen Wälder der Natur überlassen werden sollen.

Umso mehr überrascht es zu hören, dass der bayerische Forstminister Herr Brunner von einem „Irrweg“ spricht, als er über die aktuelle Greenpeace Kampagne zum Schutz alter Buchenwälder Stellung nimmt. Seit Anfang des Monats läuft diese Kampagne bundesweit und findet im Moment im bayerischen Spessart als Vorort-Aktion statt. Bis zu fünfundzwanzig Aktivisten durchkämmen die Wälder des Spessarts auf der Suche nach über 140-jährigen Buchen. Diese werden gemessen, markiert und mit GPS Geräten deren Standort genau ermittelt.

Die Arbeit soll dazu dienen, die ökologisch besonders wertvollen Wälder herauszufinden. Diese alten Wälder sollen die Grundlage kommender Schutzgebiete werden. Eigentlich hilft Greenpeace der Politik nur ihre eigenen Vorgaben besser umsetzen zu können. Doch der Sturm der Entrüstung ist wie gewohnt massiv. Die Lobby der Holzindustrie hat auch in Bayern weite Teile der Politik fest im Griff. Es ist im Spessart nicht anders als in anderen Teilen Deutschlands. Überall dort, wo längst überfällige Naturschutzprojekte angegangen werden, ist der Widerstand unglaublich heftig!! Rein rechnerisch wächst immer noch mehr Wald nach als wie eingeschlagen wird. Doch die Differenz nimmt von Jahr zu Jahr ab. Die Waldstrategie der Bundesregierung richtet sich mehr und mehr nach den Gewinninteressen der Holzindustrie und immer weniger nach Arten- und Umweltschutzerfordernissen. Seitdem mit der Biomasse ein klimafreundlicher Energieträger ausgemacht ist, wittern viele das große Geschäft. Holz in Energie umzuwandeln ist eine riesige Einnahmequelle. Doch, wer wirklich am „Klimaschutz“ Interesse hat, dem sollte klar sein, dass nur großflächige intakte Wälder auch wirkliche Helfer im Klimaschutz sind – nämlich als sogenannte “CO2-Senken”.

Greenpeace fordert, dass insgesamt 5% des deutschen Waldes (davon 10% des öffentlichen Waldes) wieder sich selbst überlassen wird. Damit bleiben immer noch 95% für den Menschen zur Nutzung übrig. Die Kampagne wird so lange weiter gehen, bis dieses Ziel erreicht ist und die Politik ihre selbstauferlegten Beschlüsse auch umsetzt. Einen kleinen Beitrag zum besseren Verständnis unserer Anliegen konnte ich leisten: Vergangenen Samstag habe ich “Europas wilde Wälder” in einem vollen Saal der Aschaffenburger Stadthalle gezeigt. Fast 300 Menschen haben dabei hoffentlich gespürt, dass Wald weit mehr ist, als ein Rohstoff der ausgebeutet wird.

 

Lebensraum 02.05.2010

Wälder sind neben den Ozeanen die Ökoregionen mit der größten Artenvielfalt auf unserer Erde. Sie sind Schatzkammern des Lebens. Den mit dem Wald verbundenen Kreisläufen verdanken wir Heilung, Nahrung und klares Wasser – die Grundlagen unserer Existenz. Wälder sind für unser Überleben eine Voraussetzung. Wie dumm der Mensch ist, lässt sich an nackten Zahlen einfach darstellen, denn die Entwaldung unseres Planeten geht unvermindert weiter. Zwischen der Jahrtausendwende und dem Jahre 2005 schrumpfte die Waldfläche um mehr als drei Prozent, was einer Fläche von mehr als einer Million Quadratkilometer entspricht.

Wer aufmerksam durch den Wald läuft kann auch bei uns in Deutschland feststellen wie viel Leben im Wald tatsächlich verborgen ist. Wobei man sich im Naturwald um vieles leichter tut. Dort ist die Anzahl an Waldbewohnern und Pflanzenarten ungleich höher als im monotonen Forst. Ich habe die Müritz Region nördlich von Berlin erreicht. Dieser Teil Ostdeutschlands ist recht dünn besiedelt und fast komplett frei von Industrieansiedlungen. Was für viele Menschen vor Ort durch den Mangel an Arbeitsplätzen eine Last bedeutet, ist für Naturfreunde eine Freude. Viele Naturschutzgebiete laden zum Erkunden ein. Ich laufe durch einen Buchen- Birkenwald und erreiche eine kleine Senke, in der sich ein mooriger Erlenbruchwald vor mir ausbreitet. Die aus dem Wasser ragenden Schwarzerlen sind mit Moos bewachsen und vermitteln eine wilde ursprüngliche Atmosphäre.

Am Rande des im Frühjahr überfluteten Waldes steht ein Quadratmeter großes  Holzhäuschen in das ich mich für einen ganzen Tag reinzwängen darf. Es ist ein Fotoversteck und deutet direkt auf ein auf einer Wurzel erbautes Kranichnest.  Trotz der Entfernung von knapp zwanzig Metern kann ich zwei etwa Hühnerei große Eier erkennen. Nachdem ich meine Kamera aufgebaut habe verhalte ich mich still und warte bis die Nestherren zurückkehren, nachdem sie durch meine Ankunft kurzzeitig aufgeschreckt wurden. Keine Viertelstunde später sehe ich zwei elegante storchenähnliche Vögel zwischen den Bäumen langsam durchs Wasser staksen. Es sind wirklich schöne Tiere. Kein Wunder, dass sie in vielen Kulturen als „Vögel des Glücks“ bezeichnet werden. Innerhalb der Brutzeit geht das Leben der Kraniche einen sehr gemächlichen Gang.

Ein Elternteil sitzt in der Regel auf dem Nest und verhilft den Eiern durch die Körperwärme zur Entwicklung. Der Partner ist währenddessen auf Futtersuche und durchstreift die umliegenden Wälder nach Nahrung. Dabei habe ich die Zwei den ganzen Tag nicht einmal fliegen sehen. Der Nestwächter ist immer aufmerksam. Während er mein Versteck als Teil der Umgebung akzeptiert hat, zuckt der lange Hals häufig in die Höhe, um auf etwaige Geräusche reagieren zu können. Gegen Mittag fällt es dem Kranich zusehends schwerer und hin und wieder neigt sich der Kopf nach vorn und die Äuglein fallen zu – zumindest für einige Augenblicke.

Auch wenn fast überhaupt nichts passiert, vergehen die zwölf Stunden wie im Flug und als ich das Versteck abends wieder verlasse, habe ich den Lebensraum Wald wieder etwas besser kennengelernt.

Der Frühling hat inzwischen mit all seiner Kraft Einzug gehalten. Der Wald erstrahlt in frischem Grün in allen Nuancen. Ich möchte jedem, der die Wirkung von Natur auch auf unsere Seele und unser Wohlbefinden bewusst erleben möchte, einen Spaziergang durch einen naturnahen Buchenwald empfehlen. Am Besten an einem leicht bewölkten Tag wenn das ausgeglichene Licht das Grün der Blätter besonders leuchten lässt. Ich besuche eine echte Rarität in unserer heutigen Waldrealität – einen Tiefland-Buchenwald. Keine andere Waldform wurde durch Rodung und Umwandlung in Nadelforste stärker dezimiert als diese.

Die „Heiligen Hallen“ sind ein kleines Buchenwaldreservat mit über 300 Jahre alten Bäumen in dem schon über hundert Jahre keine forstliche Nutzung mehr getätigt wird. Man befindet sich hier in einem Naturwald der sich in der dramatischen Phase des natürlichen Zerfalles befindet. Der zu Ende gehende Lebenszyklus wird gleichzeitig durch sichtbare Verjüngung von einem Kreislauf der Erneuerung überschnitten. 300 jährige und ältere Giganten mit Durchmessern von 1,30 Metern und Höhen bis zu 50 Metern erreichen ihre natürliche Altersgrenze. Sie sterben allmählich ab oder können den Stürmen nicht mehr trotzen und werden zu Boden geworfen.

So ist das Kronendach oft durchbrochen und lässt an den sonnigen Stellen Raum für den Buchennachwuchs. Auf diesem Prinzip beruht auch die ökologische Forstwirtschaft. Mit dem „Schirmschlag“ verfahren wird der natürliche Kreislauf des Lebens simuliert, indem man partiell große Buchen entfernt um Raum und Sonneneinstrahlung für den Nachwuchs zu schaffen. Auf die sogenannte „Clearcut“ Methode, wie ich sie in Kanada, in Skandinavien aber auch in kleineren Dimensionen in unseren Forsten allzu oft gesehen habe, wird verzichtet. Das komplette Abholzen eines gleichaltrigen Forstes ist reine industrielle Holzproduktion und hat mit Natur nichts zu tun. Nutzwälder, die weitestgehenst naturbelassen wachsen, bieten Lebensraum für Tiere und Pflanzen und versorgen uns Menschen mit dem wunderbaren Rohstoff Holz. In der ökologischen Forstwirtschaft werden auch einige Bäume bewusst ungenutzt ihrem natürlichen Ende überlassen was vielen Tierarten (z.B. Spechte, Eulen, Fledermäuse und Insekten) geeignete Nist- und Zufluchtsstätten bietet.

Die „Heiligen Hallen“ sind ein wunderbarer Ort um das Prinzip des „Werdens und Vergehens“ auf eindrucksvolle Weise zu erfahren. Wie schade, dass wir Menschen „echtem Wald“ bisher so wenig Raum gegeben haben.

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