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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Chuschir

“Baikal See” Teil 2: Seegeschichten 5.10.2012

Die größte Insel im Baikal See ist „Olchon“. Diese 72km lange und bis zu 14 km breite aus dem Wasser ragende Landmasse ist die erste Station meiner Entdeckungsreise. Kaum zu glauben, dass es einen See gibt der eine so große Fläche aufnehmen kann. Doch bei einer Gesamtlänge von 673 km und einer Uferlänge von weit über 2000 km wirkt „Olchon“ in den Weiten des Baikal fast schon schmächtig. Der See ist wirklich ein Ort voller Superlative. Durch seine extreme Tiefe und Ausdehnung ist er mit 1/5 allen Süßwassers des Planeten gefüllt. Er ist größer als die Ostsee und man könnte den Bodensee 480 Mal hineinschütten ohne eine Überschwemmung zu verursachen. Faszinierend finde ich auch, dass der Baikal zwar unzählige Flüsse und Bäche als Zuflüsse hat, sich aber nur an einer Stelle, dem Angara, entlädt. Trotz der enormen Größe des Angara Flusses müsste das Wasser über 400 Jahre lang fließen um den Baikal komplett zu entleeren. Das Alles sind Fakten, die einen Naturfreund richtig ins Schwärmen bringen können. Nach einer fünfstündigen Busreise, inclusive einer kurzen Fährfahrt, erreichen mein russischer Kollege Arkady und ich die kleine Ortschaft „Chuschir“ im Zentrum der Insel. Sie gilt als eine der touristischen Zentren am Baikal. Wie alle Häuser hier besteht auch das zentrale Hotel komplett aus Holz. Ich bin erstaunt wie viele Besucher sich nach wie vor hier aufhalten. Die Saison ist längst beendet und die herbstlichen Temperaturen nähern sich, besonders des Nachts, schon stark dem Gefrierpunkt. Einen Teil ihrer Faszination auf Besucher generiert „Olchon“ aus der Tatsache, dass die Insel für die hier lebende Volksgruppe der Burjaten große spirituelle Bedeutung hatte und bis heute hat. Direkt dem Städtlein vorgelagert befindet sich eine kleine Landzunge die als „Schamanenfelsen“ bekannt ist.

Ein heiliger Ort und Wohnstätte eines Gottes der Burjaten. In früherer Zeit hat man sich aus Respekt nur in kompletter Stille diesem Felsen genähert. Sogar die Hufe der Pferde wurden mit Stoff bedeckt um keine Geräusche zu verursachen. Heute klettern meist chinesische Touristen auf ihm umher, schreiben Graffitis auf die Steine und im Sommer dringt allabendlich laute russische Discomusic von den Partys der Gäste zu den heutzutage wohl ruhelosen Geistern. Was mich sehr interessiert, ist die Art und Weise, wie man hier mit der immer größeren Touristenflut umzugehen gedenkt. Der Baikal ist bekannt für sein glasklares Wasser. Man kann bedenkenlos direkt aus dem See davon trinken. Außerdem gelten weite Teile der Natur als Intakt. Bis vor wenigen Jahren gab es hier weder Telefon noch Strom und bis heute fehlt jede Art von Abwassersystem. Allein das Hotel in dem ich untergebracht bin, schüttet in der Hochsaison die anfallenden Fäkalien viermal am Tag in den Wald. Zwar ist die gesamte Region des Baikal von der UNSECO als Weltnaturerbe anerkannt und einige Millionen Hektar sind zusätzlich als Nationalpark geschützt, doch was auf dem Papier gut aussieht ist in der Realität leider weit davon entfernt. Es gibt auf „Olchon“ keine Abfallwirtschaft. Jeder Müll wird in den nahe gelegenen Wald gekippt, was mehrere Quadratkilometer der Insel regelrecht versaut. Der Wind bläst die Plastiktüten und Papierverpackungen weit über die eigentliche Müllfläche hinaus. Die Kollegen von Greenpeace Russland sind am Baikal sehr aktiv und haben durch Ihren Einsatz auch schon viel erreicht. Verglichen mit anderen Weltregionen sind die Umweltprobleme hier zwar überschaubar, doch ohne zukünftigen Einsatz wird auch dieses Naturparadies seine Qualität sicherlich nicht behalten.

Wir erkunden die Insel in einem alten VW Bus – ähnlichen Gefährt, dass sich noch hartnäckig aus Sowiet -Zeiten erhalten hat. Diese fahrenden Blechbüchsen sind wirklich nicht kaputtzukriegen. Sie besitzen keinerlei elektronische Spielereien und können deshalb immer wieder repariert werden. In den Norden gelangt man über eine Piste, die sich zum Teil in einem jämmerlichen Zustand befindet, was den Reiz einer Entdeckungstour aber erheblich erhöht. „Olchon“ ist mit einer Mischung aus Steppe und borealem Kiefern & Lärchenwald bewachsen. Die weite Landschaft, die sich vor mir ausbreitet ist eine Augenweide.

Besonders das spätherbstliche, goldene Leuchten der vielen Lärchen bildet einen tollen Kontrast zum blauem Himmel, in dem sich weiße Quellwolken türmen. Schroffe Felswände fallen steil ab in den See und in der Ferne erheben sich die Gebirge der dem Baikal angrenzenden Regionen. Der Küstenlinie folgend, werden diese immer kleiner, da sie sich durch die Erdkrümmung langsam dem Sichtfeld entziehen. Was mich persönlich während der Erkundung richtig ärgert, sind die vielen Fahrspuren die auf dem empfindlichen Steppenboden tiefe Narben reißen. Diese können über Jahre hinaus kaum verheilen. Neben der Hauptpiste sind es dutzende kreuz und quer geschlagene Schneisen, die an vielen stellen das Fotografieren einer intakten Landschaft immens erschweren.

Neben dem fotografischen Ästhetikaspekt wird durch die unbedachte Touristenbeförderung auch massiv der Pflanzenwuchs geschädigt. Wirkt die Steppe auf den ersten Blick recht karg, so ist sie doch ein artenreicher Lebensraum für eine erstaunliche Zahl an Tieren und Pflanzen. Auf der gesamten Insel wird seid vielen Jahren traditionell Viehwirtschaft betrieben, was eine gänzlich wilde Steppe grundsätzlich unmöglich macht. Doch die Zahlen der Rindviecher halten sich glücklicherweise in überschaubaren Grenzen. Eine Überweidung bleibt aus. Es ist eben ein Unterschied ob sich Menschen in kleinbäuerlichen Strukturen selbst versorgen, oder ob eine Region mit industriellen Methoden großflächig platt gemacht wird.

Unser Ausflug dauert den ganzen Tag und wir kommen erst weit nach Dunkelheit zurück ins Hotel. Klar, dass ich mir eine schöne Stelle ausgesucht habe um dort das warme Licht des Tagesendes für meine fotografische Arbeit nutzen zu können. Was mich besonders fasziniert hat war der nördlichste Punkt der Insel. Ein steil aufragendes Kap, von dessen höchsten Punkt sich mit Hilfe des Morgenlichtes wunderbare Motive ergeben würden.

Besonders das Licht vor Sonnenaufgang reizt mich, und so galt es einen Fahrer zu finden, der bereit war, sehr, sehr früh eine Sonderfahrt zu unternehmen. Natürlich war es, verbunden mit einem zusätzlichen finanziellen Anreiz möglich, einen Solchen zu finden. Bevor ich mich zur viel zu kurzen Nachtruhe begeben habe, widmete ich mich noch einer ganz besonderen Art der Körperpflege – dem russische „Banja“. Im Prinzip ist das „Banja“ eine holzbetriebene Sauna, in der man während der Schwitzphase Wasser erhitzt welches man sich dann im Vorraum mit der Schöpfkelle über den Körper schüttet. Eine herrliche Art sich zu waschen und für mich immer ein absoluter Höhepunkt eines jeden Tages.

Es ist empfindlich kalt, als ich mich am nächsten Morgen um halb sechs am Treffpunkt einfinde. Ich habe versucht die Morgentour so zu kommunizieren, dass dem Fahrer bewusst ist, wie wichtig Pünktlichkeit bei solch einer Aktion ist. Nach zwanzig Minuten des Wartens unter dem sternenklaren Nachthimmel will ich gerade wieder frustriert in Richtung Bett marschieren, da erscheint er plötzlich doch noch. Zum Glück habe ich zwei nette Deutsche kennen gelernt, die russisch sprechen und mich an diesem Morgen begleiten wollen. Sie müssen beim Fahrer die richtigen Worte gefunden haben, denn wir Erleben eine Aufholjagd sonders gleichen. Kaum zu glauben, dass wir die etwas mehr als dreißig Kilometer Holperstrecke zum Kapp in weniger als einer Stunde geschafft haben. Während sich am Horizont die ersten zarten Andeutungen eines neuen Tages abzeichnen stehen wir auf dem Felsen.

Es ist wirklich beeindruckend, wie sich die vor uns liegende Wasserfläche im Dämmerlicht ständig verändert. Über dem Horizont wandert eine Wolkenwand von einem Seeufer langsam hinüber zur anderen Seite und bietet mir dadurch perfekte fotografische Gestaltungsmöglichkeiten. Richtige Gänsehautmomente erleben wir aber in den Sekunden, als die ersten Strahlen der Sonne das vor uns liegende Kap erreichen und in satten Orangetönen für wenige Momente magisch einzufärben scheinen.

Wer so etwas schon mal erlebt hat weiß, dass diese Farbgebung nur für wenige Augenblicke anhält. Dafür hinterlässt sie aber auch bei Nicht-Fotografen einen nachhaltigen Eindruck.

 

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