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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Dünen

Mongolei: Steppe Teil 2: „Alles etwas intensiver…..“ 26.07.2013

Eigentlich mag ich ungeteerte Straßen ja sehr gerne. Doch auf unserem Kurs entlang der südlichen Landesgrenze der Mongolei durch die Wüstensteppe der Gobi wird diese Sympathie auf eine harte Probe gestellt. Der Weg ist geprägt von Waschbrettpisten die eine ständige Holperei verursachen und meinen durch die vielen Aktivitäten der letzten Monate eh schon strapazierten Rücken praktisch ständig durchschütteln. Unser Fahrer „Bar“ tut das, was Alle machen die hier durchkommen, er sucht nach besseren Fahrspuren. Dies führt zu einer immer weiteren Ausbreitung der Piste, welche an manchen Stellen Schneisen von bis zu einem halben Kilometer breite in die Landschaft schneidet. Kein schöner Anblick in solch einer kargen Vegetation wie hier in der Gobi. In der Tat hat der Grasanteil in der Steppe stark abgenommen. Es ist heißer und das zarte Grün der vereinzelten Büschel wirkt äußerst fragil.

Verkehr herrscht hier so gut wie keiner, die Besiedelung ist mancherorts nicht existent. Was wir dafür immer mal wieder sehen sind LKW´s die wohl Rohmasse aus den umliegenden Minen nach China schaffen. Ich habe gehört, dass es hier die größte Kupfermine der Welt geben soll. Es sind ausländische Firmen die hier investieren. Die Mongolei hat weder die finanziellen noch strukturellen Möglichkeiten dies selbst zu tun. Dieser Rohstoffboom erklärt auch die seltsame Mischung an Kontrasten die ich in meiner kurzen Zeit in der Hauptstadt „Ulan Bator“  beobachtet habe. Ich sah Hotelbauten die auch in Dubai stehen könnten, Pubs für Ausländer im Bergbaugeschäft und Geschäfte mit Luxusmarken. Andererseits ist eine mangelhafte Infrastruktur in der Stadt und eine weit verbreitete Armut deutlich auszumachen. Die riesigen Jurten-Viertel in den Vororten, wo knapp die Hälfte aller Mongolen leben, bilden einen brutalen Kontrast zu dieser neuen Glitzerwelt. Dazu kommt das der Zustrom in die Hauptstadt auch weiterhin nicht versiegen wird, was die Probleme noch verschärft.

 

Wir fahren hinein in den „Gobi-Gurvansaikhan Nationalpark“, einem Schutzgebiet größer als die Schweiz. In dieser Region soll die trotz der rauen Lebensbedingungen zahlreiche Flora und Fauna der Halbwüste geschützt werden. Dass dies gar nicht so einfach ist sehen wir bei „Bayanzag“, die auch „Flaming Cliffs“ genannt werden, der ersten als Touristenattraktion gehandelten Region überhaupt welche wir auf unserer Reise ansteuern. Die Klippen sind eine durch Erosion geprägte Abbruchkante deren, aus weichem lehmartigen Material bestehende Formationen, zum Sonnenauf und Untergang in leuchtendem Rot erstrahlen. Sie könnten auch im mittleren Westen der USA zu Hause sein nur findet man sie dort zumeist in größeren Dimensionen. Wenn man den Blick von der Abbruchkante über die Felsen gleiten lässt hat man eigentlich wunderschöne Ausblicke auf die sich darunter ausbreitende spärlich mit Gras bedeckte Steppe und einen inzwischen rar gewordenen Wald aus kleinen „Saxaulbäumen“.

Ist es nur meine Fotografenästhetik oder ärgert es den normalen Besucher einfach nicht weil es im egal ist? Mir auf jeden Fall geht hier mal wieder einiges gegen den Strich. Wenn ich mich vom Aussichtpunkt einmal um meine eigene Achse drehe so sehe ich insgesamt fünf Touristencamps aus Jurten auf alle Himmelsrichtungen verteilt. Zu jedem dieser Camps führt im besten Falle eine Fahrspur welche weite Bereiche potentieller Motive zerschneidet. Auf den höchsten Punkt der Klippen haben die Einheimischen ihren Souvenirstand gestellt. Es gibt kaum einen Blickwinkel in dem sich nicht irgendeine Plastiktüte in einem der Gräser verfangen hat. Besonders schlimm empfinde ich das Müllaufkommen bei meinem kleinen Ausflug in den „Saxaulwald“. Diese robusten, eher als Büsche wachsenden Gehölzer sind inzwischen in der Gobi rar geworden, da sie häufig als Brennholz genutzt wurden. Ein fataler Eingriff in einem ariden Ökosystem wie diesem hier, wo die Natur so lange braucht um sich zu regenerieren. Dass ein Nationalpark nicht viel Sinn macht, wenn man keine Regeln aufstellt, oder vielmehr wenn es keine Administration gibt welche diese Regeln auch durchsetzt, kann man leider in vielen Schutzgebieten unserer Erde sehen. Dabei wäre es gerade an solch überschaubaren Orten wie den „flammenden Klippen“ sehr einfach eine sinnvolle Besucherlenkung durchzuführen.

Genossen habe ich den Besuch in dem Gebiet, in dem man viele wichtige Dinosaurierfunde gemacht hat, trotzdem. Denn wie zu erwarten bin ich der Einzige der die Klippen wirklich in Flammen stehend erlebt hat. Keiner der Touristen macht sich die Mühe früh aufzustehen um diese schöne Landschaft in ihren wunderbarsten Augenblicken zu erleben. Ich habe am Vorabend einen Standpunkt ausgesucht welcher mir einen guten Bildaufbau für mein Foto ermöglicht.

In der Einsamkeit des Morgens genieße ich dann jeden Moment in denen ein direkt über dem Horizont erscheinender knallroter Sonnenball dem Namen dieser Region wirklich alle Ehre macht und die Klippen für kurze Zeit in Brand zu setzen scheint.

Unser weiterer Weg durch die Gobi führt uns ab und an durch kleine Dörfer. Erstaunlich finde ich, dass sich die Mongolen, sobald sie die Weite der Steppe aufgeben und sich in einer Ansiedlung niederlassen, sich in der Regel hinter einem hohen Bretterverschlag verschanzen. Das ist wirklich der nahtlose Übergang von einem Extrem ins Andere. Jedes Dorf hat eine zentrale Wasserausgabestelle, an der die Leute gegen einen kleinen Betrag ihre Kanister mit dem Lebensspender auffüllen können. Auch wir tun dies alle paar Tage um Wasser zum kochen und haben.

Die größte Attraktion der Gobi sind zweifellos die „Khongoryn Els“, die höchsten  Dünen in der Mongolei. Insgesamt ist die Gobi nur auf drei Prozent ihrer Fläche von Sanddünen bedeckt. Interessant ist auch ihre Ausdehnung. Die Sandberge sind nur wenige Kilometer breit dafür ziehen sie sich auf bis zu hundertfünfzig Kilometer in die Länge. Ich sehe die Sandwellen zum ersten Mal aus der Ferne als wir aus einem kleinen Gebirge kommend auf sie zusteuern. Es sieht schon gewaltig aus, besonders da durch die schmale Ausbreitung sich hinter den Dünen wiederrum andere karge Berge erheben. Steht man direkt vor ihnen ist die Wirkung noch grandioser. Der blaue Himmel über den weiße Schäfchenwolken ziehen bildet einen starken Kontrast zum fast in weiß strahlenden Sand. Am Fuße der Sandberge befindet sich erstaunlicher Weise ein Streifen mit recht üppiger Vegetation. Es ist ein Feuchtgebiet welches durch einen kleinen Fluss gespeist wird. Ein weiterer Kontrapunkt in einer malerischen Landschaft. Diverse Familien siedeln in der Umgebung, deren Herden sich über der Steppe verteilen. Besonders die Kamele mit ihren zwei Höckern wirken hier genau richtig am Platz. Wir erreichen die Dünen gegen spätem Vormittag. Wegen der tollen Wolkenbilder die hier über uns hinwegziehen verzichte ich auf ein Mittagessen und mache mich sofort an den Aufstieg. Sonnenbrille, Hut und eine dicke Schicht Creme auf der Haut sind dafür die Grundvoraussetzung. Der Anstieg ist steil und im wegsackenden Sand auch sehr kräftezehrend. Ich brauche eine knappe Dreiviertelstunde um auf der höchsten Düne zu stehen. Der Wind formt die Dünen so spitz zulaufend, das man sich erst mal eine kleine Fläche ebnen muss um im starken Wind einen sicheren Standpunkt zu finden. Der Anblick ist atemberaubend. Der Dünenkamm verläuft von Westen nach Osten. Im Norden fällt der Blick auf die Ebenen der Halbwüste und im Süden aber weit unter dem Level der hohen Dünenwelle breiten sich weitere Sandgebilde vor mir aus. Dahinter steigt das Land weiter an um den Horizont mit skurril geformten Bergen zu formen. Zu diesem Zeitpunkt bin ich weit und breit der Einzige der hier oben steht. Ich genieße das sich ständig wechselnde Spiel aus Licht und Schatten. Für die Fotografie um diese Tageszeit ist es wichtig, dass man genau den richtigen Moment abpasst. Fotografiert man die Dünen ohne einen Wolkenschatten, so wirken sie im grellen Sonnenlicht wie eindimensionale Flächen.

Bilden die Wolken im Himmelsteil des Motives eine schöne Formation und werden die Dünen gleichzeitig mit einem Muster aus Hell und Dunkel bedeckt dann können selbst um die Mittagszeit interessante Bilder entstehen.

Nach über einer Stunde mache ich mich wieder an den Abstieg, wohl wissend, dass ich zum Abend wieder hinaufklettern werde. Während ich am Nachmittag im Schatten unseren Kochzeltes sitze, überlege ich die ganze Zeit, wie ich es anstellen kann von dort oben den Sonnenuntergang und den Tagesanbruch zu erleben. Beide Zeiten versprechen außergewöhnliche Lichtsituationen für diese fotogene Landschaft. Ich brauch für das Dämmerlicht auf jeden Fall das Stativ und die fast komplette Objektivpalette. Es hilft nichts, ich komme nicht drumrum dort oben zu übernachten. Ich müsste nach Einbruch der Dunkelheit, weit nach zweiundzwanzig Uhr nach unten marschieren. Das wäre ja noch denkbar und ich wäre gegen elf Uhr im Schlafsack. Doch der Tag beginnt hier sehr früh. Ich traue mir momentan nicht zu, die Kraft aufzubringen schon gegen vier Uhr mit dem Rucksack auf dem Rücken die steile Wand abermals zu erklimmen. Also packe ich einen Liter Wasser in die Fototasche, ein paar Kekse und den Schlafsack obenauf. Gegen Abend sitze ich abermals auf der höchsten Düne. Inzwischen lösen sich, wie zu erwarten, mehr und mehr der Wolken auf. Die Sonne steht tiefer und lässt zwischen den Sandwellen lange Schatten entstehen. Am Horizont erscheint ein fast voller Mond zwischen den verbliebenen Wolkenformationen. Inzwischen sind auch einige Touristengruppen hier hochgestiegen. Diese treten aber kurz nachdem die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist den Rückweg nach unten an, und ich bin wieder alleine. Vorerst zumindest. Für mich wird es genau jetzt interessant. Die Zeit, zwischen dem verschwinden der Sonne und der Nachtschwärze schenkt uns ein weiches Licht, welches sich in meiner Bildsprache im Laufe der Jahre zum Hauptwerkzeug entwickelt hat.

Die Farben nehmen die von mir so geschätzten Pastelltöne an und die Schatten haben nicht mehr die Härte um ein Bild zu dominieren. Ich liebe dieses Licht und als ich später die Bilder der Sanddünen auf meinem Computer betrachte, sind es genau jene Bilder die ich in der sogenannten „blauen Stunde“ gemacht habe, welche zum Einsatz kommen werden. Das gleiche passiert dann in umgekehrter Reihenfolge am nächsten Morgen bei Tagesanbruch. Man hat als Fotograf also immer zwei Chancen ein richtig gutes Licht zu erwischen, vorausgesetzt das Motiv hat den richtigen Einstrahlwinkel zur Sonne. Es kommt nicht selten vor, dass Wolkenberge am Horizont ein Nachglühen der Landschaft verhindern und die Bilder farblos bleiben. Nicht so in dieser Nacht. Ich habe doppeltes Glück, am Abend wie am Morgen strahlen die Dünen im sanften Licht der Dämmerung. Weniger Glück habe ich in dieser Nacht mit dem Schlafen. Ich habe mir eine schöne Kuhle geformt um nicht von der Dünenkante in die Tiefe zu rollen.

Leider lässt der Wind in der ersten Nachthälfte kaum nach, was bedeutet das mir praktisch ständig Sand ins Gesicht weht. Ich habe versucht mich komplett in den Schlafsack zurückzuziehen und nur eine kleine Öffnung zur Atmung erlaubt. Doch das ist eine Aktion die praktisch dem Betreten einer Sauna gleichkommt. Jeder weiß wie lange man es in einer Sauna aushalten kann. Zu meinem Unglück haben ein paar mongolische Jugendliche diese zweifellos zauberhafte Mondnacht zur Partyzeit erkoren. Von unten dringen deren feuchtfröhliche Geräusche zu mir auf die Düne. Dem nicht genug, müssen dann ein paar stramme Kerle ihren auserwählten Perlen auch noch die Welt von oben zeigen. Gegen elf Uhr, ich bin gerade so im dahindämmern mit viel Sand zwischen den Zähnen kommen die ersten Pärchen auf meinen Dünenkamm und erfreuten sich lautstark an den Schönheiten ihres Landes. Als ich dann weit nach Mitternacht endlich einen leichten Schlaf finde, sitzen plötzlich wieder Zwei direkt neben mir. Sie sind wirklich freundlich, aber es ist echt der falsche Zeitpunkt. Bis dann das erste Morgenrot das Licht des Mondes überstrahlt und die Konturen der mich umgebenden Landschaft wieder deutlicher sichtbar werden lässt, ist es nicht mehr weit hin, und der Schlaf ist viel zu kurz zu seinem Recht gekommen. Das macht aber überhaupt nichts. Ich habe schon viele schlafmangelnde Nächte erlebt um an meine gewünschten Bilder zu gelangen. Das gehört einfach zum Arbeitsfeld eines ernsthaften Naturfotografen dazu.

Durch das Randgebiet des Gobi Nationalparks fahren wir nun in Richtung Norden. Immer wieder sehen wir auch hier große Tierherden. Besonders die Ziegen sind dabei für die an die Trockenheit angepassten Sträucher und Gräser eine starke Bedrohung. Neben den Spuren der Fahrzeuge, die kreuz und quer über die Ebene verlaufen, ist die Vegetation besonders auf sie sehr anfällig. Während Schafe Gräser nur abfressen und sie somit nachwachsen können, reißen die Ziegen sie mit der Wurzel raus. Qualitativ hochwertige Kaschmirwolle ist ein Hauptexportgut der Mongolei und wird fast zu hundert Prozent von großen chinesischen Textilunternehmen abgenommen. Der wertvolle Rohstoff wird von Ziegen geliefert, was zu einer massiven Zunahme dieser Tiere innerhalb der Herden geführt hat. Bei gleichzeitiger Abnahme von Grasland und verstärkter Ausbreitung der Wüste. Ein wirtschaftlicher Boom verläuft in der Regel immer zu Lasten der Umwelt. Auch hier wurde die Produktionssteigerung nicht nachhaltig betrieben. Dazu kommt das die Viehherden seid den 1990er Jahren privatisiert wurden. Eine Kontrolle durch den Staat ist seitdem praktisch unmöglich. Gäbe es in der Mongolei eine FDP würden sich deren Politiker über die freie Entwicklung des Marktes sicherlich freuen. Doch ein unregulierter, nur auf Wachstum ausgelegter Markt wächst in der Regel immer so lange bis er alles aufgesogen hat was ihn nährt. Dann kommt der Zusammenbruch. Immer – im Großen wie im Kleinen.

Das letzte Drittel meiner Rundreise führt uns durch die „Khangai“ Berge in der Inneren Mongolei. Schon  bei der Anfahrt wird die Steppe wieder sichtbar grüner, die Vegetation vielseitiger. Die ersten sanften Wellen des Vorgebirges liefern uns wieder diese grandiosen Ausblicke für die man diese Landschaft einfach lieben muss. Mancherorts ist das Gelände mit unzähligen großen und kleinen Gesteinsbrocken überzogen. Sie zeugen von längst vergangenen vulkanischen Aktivitäten. Gegen Abend suchen wir uns irgendwo eine schöne Stelle aus und schlagen unser Lager auf. Es vergeht eigentlich kein Tag ohne Gewitterbildung, welche fantastische Lichtstimmungen über die weite der Landschaft zaubern. Ich streife zwischen den Hügeln umher und entdecke auf vielen der Felsen, die hier seid Jahrtausenden in der Wiese liegen, uralte Felsgravuren. Bis zu dreitausend Jahre sollen sie alt sein. Meist sind es Motive von Tieren, sei es domestiziert oder auch wild. Der Lebensstil der Nomaden scheint eine lange Tradition zu haben. Es ist schade, dass wir wohl eine der letzten Generationen sein werden, die diese Art des Lebenswandels noch kennenlernen können.

Was mich sehr erstaunt ist das ich auf einem der Felsen eine Spirale entdecke. Wenn mich mein Gedächtnis nicht trügt, gilt dieses Symbol in vielen Kulturkreisen als Zeichen des Wandels und der Erneuerung, sprich auch als Symbol für das Nomadentum. Wie kann es aber sein das sich Symbole und auch Riten auf unserer Erde in diversen Weltregionen geglichen haben, ohne dass diese in irgendeinem Kontakt standen? Auf Relikte aus der Vergangenheit trifft man in den Steppen der Mongolei immer wieder. Es sind alte Grabsteine die kreisförmig angeordnet und mit diversen Gravuren bestückt aus dem Boden ragen. Dem Menschen oder Tieren nachempfundene Steinstatuen sollen wohl den einflussreicheren Menschen zur Ehre erstellt worden sein. Kaum eines dieser Gebilde ist noch komplett erhalten, doch sind sie immer noch so gut zu erkennen, dass man den damaligen Künstlern durchaus ein immenses handwerkliches Geschick attestieren darf. Was man wohl aus unserer Zeit auf der Erde vorfinden wird, wenn man in ein paar hundert oder tausend Jahren auf Entdeckungstour geht? Wird es uns dann überhaupt noch geben? Wenn wir so weitermachen wie bisher wage ich das stark zu bezweifeln. Vielleicht kriegt die Menschheit ja doch noch die Kurve und kommt zur Besinnung. Vielleicht werden dann unsere Konsumtempel und Atomkraftwerke als eine Zeit der großen Dummheiten und Missverständnisse belächelt. Große kulturelle Highlights haben wir ja nicht zu bieten, oder tue ich uns da unrecht? Am dritten Tag nachdem wir die Halbwüste der Gobi verlassen haben sehen wir plötzlich ganze Bergzüge die mit Kiefern bewachsen sind. Richtige Wälder deren Anblick mein Herz erfreut. Wir sind hier auf über zweitausend Metern Höhe und das Klima ist recht erfrischend.

Diverse Blumen blühen in dieser bergigen Version der Steppe. Doch die von mir erhofften Teppiche aus Blumen, wie ich sie schon auf Bildern aus der Mongolei gesehen habe, werden wir leider nicht zu sehen kriegen. Dafür scheint es in diesem Jahr einfach zu wenig geregnet zu haben, oder wir sind einfach in der falschen Gegend. Als wir den höchsten Pass überqueren, der gleichzeitig eine Wasserscheide ist und mit seinen Flüssen den nördlichen Teil der Mongolei mit Wasser versorgt, fallen mir zum ersten Mal die grauen Flecken in den Wäldern auf. Zuerst halte ich sie für eine Stelle an denen es gebrannt haben muss, aber als es immer mehr werden und die Bäume zwar tot sind aber alle noch stehen wird klar das es dies nicht sein kann. Meine mongolische Übersetzerin „Jagga“ erfährt von den Einheimischen das es sich um einen „worm“ handelt, wie sie es mir übersetzt. Ob es nun tatsächlich ein Wurm ist, oder ein Käfer kann ich nicht in Erfahrung bringen. Auch sonst bekomme ich leider keine Informationen über das Ausmaß und die Ursachen dieses Waldsterbens. Es erinnert doch sehr stark an das was der Borkenkäfer bei uns mit den Fichtenwäldern anstellt, wenn die Sommer zu heiß und die Bäume zu geschwächt sind. Die Menge an totem Holz die wir passieren lässt leider Schlimmes befürchten. Wenn das tatsächlich Auswirkungen eines sich verändernden Klimas wären, so verspräche das nichts Gutes für diese Wälder. Ich glaube, dass kaum eine Tier- und Pflanzenart die in dem extremen Klima der Mongolei zu Hause ist, große zusätzliche Flexibilität hat um sich auf neue Lebensbedingungen einzustellen. Dafür müssen sie schon zu starke Kontraste meistern die ihnen die verschiedenen Jahreszeiten bereiten. Eine weitere Gefahr für die Wälder in den „Khangai“ Bergen ist der Nutzungsdruck durch den Menschen.

Wir passieren die Ortschaft die für ihre Produktion von Jurten berühmt ist. „Jagga“ erzählt mir das aus allen Landesteilen Bestellungen eingehen. Die Behausungen werden in Handarbeit produziert und sind natürlich auch nachhaltig, da sie aus nachwachsenden Rohstoffen erstellt werden. Doch darf man nie aus den Augen verlieren wie lange ein Bäumchen in der Mongolei braucht um eine brauchbare Größe zur Verwertung zu bekommen. Augenmaß ist hier gefragt und eine ungebremste Nutzung wie mit Allem unbedingt zu vermeiden.

Der letzte Tag, bevor wir wieder die geteerte Straße erreichen, wartet nochmals mit einem besonderen Ereignis auf. Wir sitzen gerade zu Besuch bei einer Familie in deren Jurte, als uns ein Gewitter in Form eines mächtigen Hagelsturms einholt und für einige Minuten mit aller Kraft überschüttet. Das Unwetter zieht sehr schnell weiter und hinterlässt für kurze Zeit eine weiße Eisschicht auf dem Boden. Die Sonne bricht unmittelbar danach wieder durch die Wolken und zaubert einen wunderbaren Regenbogen vor weiterziehende dunkle Gewitterwand.

Die Mongolei hat mich in der kurzen Zeit in der ich hier zu Gast sein durfte mit so vielen magischen Momenten beschenkt das dieses Land einen besonderen Platz in meinem Herzen behalten wird. Auch wenn ich merke,  dass ich generell doch eher die üppige Vegetation der Regenwälder der Kargheit der Steppe vorziehe, so werden mir die weiten Horizonte und die fantastischen Wolkenbilder fehlen. Die Mongolei ist eindeutig ein Land, das zumindest in der Jahreszeit in der ich sie kennenlernen durfte, viel spannendes „Licht“ für den Fotografen bereithält.

Zwischen Gestern und Morgen 01.01.2012

Auf meine innere Uhr ist Verlass. Zwei Minuten bevor der Wecker läutet, erwache ich aus einem unruhigen Schlaf. Ich liege in meinem Zelt am Fuße eines großen Dünenkamms, den die Winde hier am Rande des ägyptischen Sandmeeres aufgetürmt haben. Es ist der erste Morgen im neuen Jahr und recht schnell erfasse ich im Geiste die Situation des gestrigen Sylvesters.

 

Mit einem einheimischen Fahrer bin ich am Vortag von der ca. 50 km entfernten Oase Siwa gestartet, um die Schönheit der Wüste zu fotografieren. Kaum liegt der Schutz der Palmengärten hinter uns, ist klar, dass sich etwas verändert hat. Die Luft ist angereichert mit bräunlichem Dunst. Weder die Felsenberge im Norden noch die Erhebungen der Sanddünen im Süden, jenseits des großen Salzsees, sind deutlich zu erkennen. Ein starker Wind fegt über das Land. Elemente bei der Arbeit. Sand und Erde werden im endlosen Ablauf der Veränderung irgendwo abgetragen, um an anderer Stelle wieder neu geformt zu werden.

Ich habe einige Mühe, meinen einheimischen Fahrer und Führer Achmed davon zu überzeugen, nicht auf der Stelle wieder umzukehren. Touristenwetter ist das nicht. Umso mehr eine Gelegenheit für einen Naturfotografen, vielleicht an Fotos zu kommen die zumindest nicht gerade alltäglich sind. Als wir die Hauptstraße verlassen, entlässt Achmed Luft aus seinen Reifen, um besser im Sand fahren zu können. Ich schalte mein GPS Gerät ein, um gegebenenfalls auf dessen Hilfe zurückgreifen zu können. Weit müssen wir nicht fahren. Schon der erste Dünenkamm ist makellos in Form und Eleganz. Dazu liegt gleich nebenan ein Tafelberg, der in seiner Höhe die Dünen noch überragt und mir wunderbare Ausblicke auf die Endlosigkeit der Landschaft verspricht – zumindest bei guter Sicht. Ich bitte Achmed, das Auto frühzeitig zu parken um Fehler des Vortrages zu vermeiden. Eine Spur im Sand wird zwar innerhalb kurzer Zeit vom Wind wieder entfernt, kann aber, im unmittelbaren Zeitraum der Fototour, unschöne Folgen haben. Gestern hatte ich feststellen müssen, das wir mit dem Auto genau im Winkel zum besten Licht durch ein Spitzenmotiv gefahren sind. Das war ärgerlich. Ich ziehe mir meine Kapuze über den Kopf und setze zum Schutz vor dem umher fliegenden Sand eine Sonnenbrille auf. Es folgt ein erster Erkundungsgang ohne schwere Kameratasche.

Der Wind ist wirklich sehr stark. Tonnen von kleinen Sandkörnern werden über die Kanten der Dünen gejagt und bilden im Gegenlicht bizarre Anblicke. Überall fegen Schleier über die Erde. Es sieht aus, wie in einem surrealen Gemälde. Die Wüste ist in Aufruhr.

Zum Abend bringe ich dann meine Kamera an die Stellen, die mir als am viel-versprechensten erscheinen. Die Arbeit ist nicht einfach, das Stativ nur bedingt tauglich. Der Wind hat an den drei ausgefahrenen Beinen genügend Reibungsfläche um die Entstehung eines guten Fotos zu sabotieren. Nur meine eigene Person als Windschutz und möglichst kurze Belichtungszeiten versprechen in solch einer Situation eine scharfe Abbildung. Viele Bilder die ich in meinem geistigen Auge habe machen wollen gelingen nicht. Dafür aber andere, die ich so nicht erwartet habe. Auf jeden Fall ist der starke Wind ein Erlebnis (Sturm darf ich nicht schreiben, denn ich habe mir sagen lassen, das ein richtiger Sandsturm nochmals eine ganz andere Nummer ist, bei dem das Bildermachen dann gänzlich unmöglich sei.) Der Blick vom Tafelberg fällt über die Dünen, deren Enden sich Richtung Horizont mit dem Lila der materialisierten Luftschichten vermischen. Selten haben sich Fotografie und Gemälde so angenähert, wie in den Pastellfarben dieses Szenarios.

Als ich dann nach einem von Achmed in seinem Jeep gekochten Abendessen in mein Zelt steige, endet schon nach kurzer Zeit ein herrlicher Silvesterabend für mich. Ohne dämliches Geballer und betrunkenem Unsinn unlustiger Leute die dort Draußen überall auf der Erde rumlärmen. In meiner von Böen umwehten Schutzzelle gleite ich relativ schnell in einen Dämmerzustand. In Gedanken hoffe ich auf ein Abflauen des Windes am nächsten Morgen, wenn zarte Nuancen fantasievoller Farben einen neuen Tag ankündigen.

 

Es ist tatsächlich fast windstill als ich den Reisverschluss des Zeltes öffne und über mir die Sterne blinken sehe. Der Mond ist längst untergegangen und das noch in der Zukunft liegende Tageslicht lässt die Unendlichkeit des Universums trotz Staub in der Luft über mir sichtbar werden. Es ist empfindlich kalt, nur wenige Grad über dem Gefrierpunkt. Eingepackt in alle Kleidungsstücke, die ich dabei habe, laufe ich mit Hilfe der Stirnlampe die Schattenseite des Dünenkamms nach oben. Ich möchte zum beginnenden Spektakel des Farbenwechsels am höchsten Punkt der Wellen stehen. Fast eine Stunde dauert es vom ersten Hauch einer Veränderung bis dann schließlich die Sonne über dem Horizont milchig zwischen dem Dunst erscheint. Eine Stunde voller Zauber und Schönheit. Die Dünen wechseln ständig Ihr Gewand.

Erst eingehüllt in tiefes, noch nachttrunkenes Violett, schmeichelt ihnen etwas später ein zartes Orange während des Morgengrauens. Die ersten Sonnenstrahlen adeln das Land für kurze Augenblicke mit kräftigem Gold. Die Magie erlischt schon kurze Zeit später. Die pure Kraft der Sonne lässt zarten Tönen keine Chance. Der Tag ist da, in aller Deutlichkeit.

Die Oase Siwa ist ein geschichtsträchtiger Ort und gilt bis heute als eine der schönsten Lebensquellen im ansonsten so kargen Umfeld der großen Wüste. Siwa liegt innerhalb einer Depression, durchschnittlich 18 Meter unter dem Meeresspiegel. Gesegnet ist sie mit ausreichend Grundwasser welches die 300.000 Dattelpalmen und 70.000 Olivenbäumen am Leben hält.

Kamen früher die Karawanen hier an, so sind es heute Touristen wie ich, die das Klischee vom idyllischem Paradies inmitten unwirklicher Ödnis erkunden wollen. Geschult durch die Karl May Bücher meiner Jugend habe ich natürlich klare Vorstellungen wie das Leben hier funktioniert und welche Fotos von einer in Eintracht und Harmonie mit der Natur lebenden Kultur mich hier erwarten. Es sind tatsächlich nur wenige Jahre die ich zu spät komme, um mir diese Klischees zu erfüllen. An allen Ecken der Oase lassen alte Ruinen aus Lehm die Vergangenheit zumindest erahnen. Besonders beeindruckend ist die Altstadt „Schali“, deren verschachtelte, mehrstöckige Lehmhütten, an einen kleinen Berg gebaut, eine beeindruckende Kulisse abgeben.

Dummerweise regnete es hier vor ca. 100 Jahren ein einziges Mal über einen Zeitraum von drei Tagen. Die Häuser konnten den Wassermassen nicht standhalten und wurden bis heute nicht mehr aufgebaut. Aus ästhetischer Sicht ist das wirklich Schade, denn die Lehmhäuser sind äußert fotogen, was man von den modernen unverputzten Backsteinbauten leider nicht behaupten kann.

Wenn man einem ähnlichen Weltbild wie ich folgt, lässt sich die ganze Misere unserer globalisierten Welt auf die kleine Oase Siwa hinunter brechen. Bis Ende der siebziger Jahre lebten etwa 6000 Menschen, vorwiegend Berber, völlig autark und unabhängig in der Oase. Diese haben ihre eigene Sprache und Kultur und sind nicht zu verwechseln mit den Nilbauern, den eigentlichen „Ägyptern“. Ihre Gärten halten sie am Leben, ihr Glauben gibt ihnen Sinn, und zum Transport innerhalb der Oasenfläche reichen Eselskarren völlig aus. Die Moderne begann in den achtziger Jahren als die Straße die Oase erreichte. Inzwischen leben fast 30.000 Menschen hier und der zentrale Platz ist vom Lärmpegel kaum noch von anderen Städten zu unterscheiden. Überhall hupt und dröhnt es. Trucks, Geländewagen, Eselskarren und Motorräder blockieren sich nicht selten selbst, ein System ist nicht zu erkennen.

Manch einer der Einheimischen ist mit der Neuzeit wohlhabend geworden. Achmed, mein Fahrer, gehört klar zu den Gewinnern. Als Sohn eines Clanchefs hatte er die Möglichkeit, mit zwei Jeeps ein Geschäft mit Besuchern wie mir zu beginnen. Begeistert erzählt er von seinem liebsten Hobby, der Falkenjagd. Damit lasse sich ein Vermögen verdienen, wenn es gelingt die Tiere an die Scheichs von Katar oder Saudi Arabien zu verkaufen. Wie viele Falken es wohl innerhalb eines so limitierten Lebensraumes in Freiheit geben mag? Oft stoße ich  mit meinen Gedanken an vermeintliche Grenzen. Besonders beim Thema Müll liegen die Probleme offen für alle sichtbar auf der Straße. Plastikabfall allerorten. Die moderne Welt bringt Ladungen Chipstüten und Keksdosen in die Stadt. Wenn man einen Blick in die kleinen Läden wirft, welche Produkte von außen verkaufen, könnte man tatsächlich denken, diese wäre die Hauptnahrungsquelle der Siwaner. Besonders dramatisch ist der Konsum von Wasserflaschen, welche aber hauptsächlich von uns Touristen getrunken werden. Unglaubliche Mengen an Plastikflaschen und Tüten werden konsumiert. Diejenigen die nicht in den Flammen der Verbrennungsstätte vergehen, fliegen über staubige Plätze, durch enge Gassen und weite offene Felder. Jeder weiß wie lange eine Plastiktüte existiert. Endlos lange hängen sie über viele Kilometer verteilt an kargen Sträuchern bis sie vielleicht irgendwann von der trägen Masse einer Sanddüne verschluckt werden. Es ist eine traurige Entwicklung. Was hat der Fortschritt, das moderne Leben den Menschen gebracht? Wer hier unsere Vorstellung von Lebensqualität, welche ja leider meist auf materiellem Reichtum basiert, mit den Menschen in der Oase vergleicht, vergleicht Äpfel mit Birnen. Klar, viele der Häuser haben heute Sattelitenschüsseln auf dem Dach, und die zahlreichen Motorräder sind sicherlich der Stolz und Statussymbol manch einer der jungen Männer. Ein Großteil der Menschen ist aber auch heute noch arm. Die Frauen sind komplett verschleiert und im Straßenbild kaum zu sehen. Auch heute noch fahren die Menschen jeden Tag zu ihren Gärten, um überleben zu können. Der Unterschied zu früher ist, das es heute mit dem motorisierten Untersatz schneller geht als mit dem Esel, sie aber deswegen mehr produzieren müssen um das dabei verwendete Benzin finanzieren zu können. In einer Welt mit limitierten Ressourcen führt zu großer und schneller Wachstum zum Zusammenbruch. Noch gibt es keinen Mangel, aber die Probleme sind offensichtlich.

Wer sich übrigens wundert, wieso bei den momentan abgehaltenen Wahlen in Ägypten die religiösen Parteien die Mehrheit errungen haben, muss nur einen Blick in die Fläche des Landes werfen. Am Tag meiner Abreise aus Siwa waren dort Wahlen. Angetreten sind nur die Moslembrüder und die als „extremer“ geltenden Salaviten. Sie sind gut organisiert und prägen mit ihren Botschaften das Leben der Leute, besonders außerhalb der Metropolen.

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