Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Eisberge

Sermilik Fjord (Westgrönland) 20.08.2009

Auch wenn ich bisher immer nur kurze Abschnitte der Kampagnen  begleitet habe bei denen Greenpeace Schiffe im Einsatz sind (2004 in Patagonien & 2006 in Amazonien), so löst es doch immer wieder ein gewisses Gefühl von Stolz aus, wenn man an Bord geht und Teil dieser Gemeinschaft wird. Die Schiffe sind für mich Symbole, die viel über die Arbeit von Greenpeace aussagen. Sie erreichen jeden Ort auf dem Planeten. Da Ausbeutung und Zerstörung oft dort stattfinden, wo das Auge der Tagespresse nicht hinschaut, sind es die Schiffe, die da sind um aufzuklären und Schweinereinen zu verhindern (Sorry für die Wortwahl, aber genau das ist die richtige Ausdrucksweise für die Überfischung unserer Meere und die Zerstörung unserer Urwälder.)

Vom kleinen Ort Tasiilaq nimmt die „Arctic Sunrise“ Kurs auf den großen Sermilik Fjord, in dessen Verlauf ein halbes duzend Gletscher ihre Eismassen ins Wasser kalben. Entsprechend viele Eisberge passieren wir schon am Anfang des Fjords.

Der Hauptgrund dieser Expedition ist es, unabhängigen Wissenschaftlern ihre Forschung zu ermöglichen. Im Jahre 2005 gab es schon einmal eine Expedition. Alte und neue Daten sollen nun miteinander verglichen werden, um fundierte Rückschlüsse ziehen zu können, wie stark die Klimaveränderung auf die Gletscherschmelze Einfluss hat. Von Gordon Hamilton, einem Wissenschaftler der Universität von Maine, erfahren wir, dass sie schon im Jahre 2005 ungläubig gestaunt haben und es kaum glauben konnten was sie an Daten ermittelt haben. Der Helheim Gletscher, der in den Sermilik –Fjord mündet, hat seine Geschwindigkeit zwischen 2004 und Juli 2005 nahezu verdoppelt. Bisher ist die Gletscherschmelze vom Grönlandeis im Bericht des Weltklimarates (IPCC) gar nicht ausreichend berücksichtigt. Was den Anstieg des Meeresspiegels betrifft, hat dieses Eis aber durchaus ein großes Gewicht. Würde die gesamte Eismasse von Grönland auf einmal ins Wasser kippen, hätte dies einen Anstieg von mindestens 6 Metern zur Folge. Schon wesentlich weniger höheres Meerwasser hat für Millionen Menschen verheerende Auswirkungen, denn die meisten Großstädte der Welt sind direkt am Wasser gebaut. Momentan steigt der Meeresspiegel um wenige Millimeter im Jahr, was die Sache für viele Menschen wohl als sehr harmlos erscheinen lässt. Doch Prozesse, die einmal in Fahrt gekommen sind, lassen sich oft nur sehr schwer oder gar zu spät wieder korrigieren. Hat mal jemand versucht eine abgehende Lawine aufzuhalten? So ähnlich verhält es sich leider in vielen Abläufen, die wir durch unser Eingreifen gerade in der Natur anrichten. Seit dem ersten Bericht des Weltklimarates wurden die Prognosen eigentlich ständig zu unseren Ungunsten korrigiert, das heißt die negativen Auswirkungen sind schon heute massiver und die Abläufe schneller als bisher befürchtet.

Was Gordon und sein Team auf unserer Fahrt durch den Fjord messen werden, wird wohl leider  keine frohe Kunde für die Menschheit bringen. An verschiedenen Stellen und Tiefen im Wasser werden Messungen zum Salzgehalt und der Temperatur gemacht.

Geprüft werden soll unter anderem wie stark die durch den Klimawandel veränderten Meeresströmungen Einfluss auf das Gletschereis nehmen. Man vermutet, das deutlich mehr subtropisches Wasser in den Norden gelangt, was die Gletscherschmelze verstärkt.

Das Schiff ist voll mit Menschen. Die kommenden Tage sollen auch dazu genutzt werden, möglichst vielen Fernsehteams aus aller Welt die Gelegenheit zu geben, über diese Thematik zu berichten.

Iris Menn ist Meereskampaignerin bei Greenpeace Deutschland. Sie hat mit ihrer monatelangen Vorarbeit maßgeblich dazu beigetragen, dass diese Expedition durchgeführt wird. Von hier aus bis zum Ende der Expedition in sechs Wochen wird sie an Bord der Arctic Sunrise bleiben. Ihre Hauptaufgabe in den ersten Tagen ist es, die Fernsehteams zu betreuen. Sie muss dafür sorgen, dass die TV Leute (z.B. CNN, ARD, ZDF, RTL etc..) gutes Bildmaterial erstellen können, Interviews mit den Wissenschaftlern geführt werden und sie persönlich mit ihrem Fachwissen die Standpunkte von Greenpeace erläutern kann. (Wer mehr von Iris und der Expedition erfahren will, dem empfehle ich ihren Blog unter www.greenpeace.de/blog)

Für mich ist es sehr aufregend einige Tage diese Abläufe mitzubekommen. Highlight ist ganz klar der Transfer nach Tasiilaq mit dem bordeigenen Hubschrauber. Da nur eine begrenzte Zahl Menschen an Bord übernachten dürfen, gehöre ich zu den  Tagesbesuchern, die die Nacht im Ort verbringen. Es ist grandios, das Meer aus Eisbergen aus der Luft zu sehen. Schade, dass die Transfers zu einem Zeitpunkt stattfinden, an denen die Sonne noch gnadenlos auf das dunkle Wasser und die weißen Eisberge knallt. Dieser hohe Kontrast lässt zwar schöne Dokumentarfotos zu, stimmungsvolle Fotografien, wie ich sie so gerne mache, sind unter diesen Umständen leider unmöglich.

Eqi Gletscher 13.08.2009

Kann man den Klimawandel noch leugnen? Immerhin schmelzen Gletscher schon seit eh und je, nur um dann in einer anderen Zeitperiode wieder zu wachsen. Der Unterschied zu normalen Klimaschwankungen ist schlicht und einfach die Geschwindigkeit mit der die Gletscher heute weltweit verschwinden. Hier am Ilulissat Gletscher verliert der Gletscher 40 m am Tag (zu 28 m in den 80er Jahren). Mit dieser Menge Eis könnte man New York ein Jahr lang mit Frischwasser versorgen. Etwa 70 km nördlich von Ilulissat entlädt sich das Inlandeis durch den Eqi Gletscher. Mit dem Touristenschiff fahre ich ca. 4 Stunden durch die Disco Bucht (stammt vom Wort „Diskus“ ab und nicht vom Tanzlokal). Immer wieder passieren wir Eisberge verschiedenster Größe und treffen auf einen Wal, der uns freundlicherweise seine Schwanzflosse präsentiert. Erstaunlich sind die Größenverhältnisse in Grönland. Sieht man vor sich die Einfahrt in eine neue Fjordpassage, kann es noch bis zu einer Stunde dauern bis das Boot tatsächlich an dieser Stelle angekommen ist. Als die Eisberge wieder zahlreicher werden und wir am Horizont unseren Gletscher zu sehen bekommen, dauert es noch eine ganze Zeit bis wir tatsächlich bis auf wenige hundert Meter an die riesige Eisfläche herangefahren sind. Eine viereinhalb Kilometer breite Eiswand  ragt vor uns auf. Da der Gletscher fast komplett auf der Landfläche kalbt, brechen immer nur relativ kleine Eisbrocken ins Meer. Dies ermöglicht es dem Kapitän überhaupt, so nahe heran zu fahren. Ich traue meinen Augen kaum als ich an einer Stelle tausende von Seevögeln auffliegen sehe. Durch eine unterirdische Strömung und das mit Luft angereicherte Gletschereis ist der Fjord an dieser Stelle sehr nährstoffreich. Bis zu hunderttausend Möwen gehen hier auf Futtersuche. Wenn das Eis bricht gibt es einen lauten Knall, der die Tiere veranlasst, alle auf einmal aufzuschrecken. Wie eine Wand reiht sich in diesen Momenten ein Körper an den nächsten. Leider treibt das Boot weiter weg von diesem Schauspiel, was ich sehr bedauerlich finde. Was gäbe ich dafür, mit einem eigenen Boot hier unterwegs zu sein und diese Szenerie aus nächster Nähe in aller Ruhe zu fotografieren. Nicht weit vom Gletscher entfernt steht eine alte Station, von der in den 50er Jahren aus Expeditionen aufs Inlandeis gestartet wurden. Die Hütte ist in gutem Zustand, und hätten nicht ein paar dumme Touristen ihre Graffittis auf die Wände geschmiert, wäre der Ort ein wunderbares Zeitdokument. Ein Dutzend kleine Holzgebäude sind inzwischen dazugekommen. Hier wird Besuchern Grönland möglichst naturnah ermöglicht. Alle Hütten haben direkten Ausblick auf den Gletscher, was die Touristen mit reichlich Geld bezahlen. Star des Camps ist ein kleiner Polarfuchs.

Für kurze Zeit vergisst er seine Scheu vor uns Menschen und schnappt dankbar die ihm von der Köchin zugeworfenen Fleischbrocken. Ich habe mich für zwei Nächte im Camp eingebucht. Von hier aus kann ich wunderbare Fototouren zum Gletscher und zum Inlandeis unternehmen.

Ich starte abends um sieben nach dem Abendessen und folge einem Pfad entlang der Küstenlinie. Um zum Gletscher zu gelangen muss man einen großen Bogen um eine Lagune machen. Kleine Gruppen Wildgänse schrecken auf als sie mich bemerken. Bis auf das sanfte Rauschen des Windes herrscht eine angenehme Stille. Da der Sommer sich dem Ende neigt, sind die Mosquitos glücklicherweise schon verschwunden. Leider noch voll im Einsatz sind die „Black Flies“, kleine Fliegen, die immer dann wenn es windstill ist, zu hunderten über einen herfallen. Sie machen aus jedem Naturerlebnis eine Herausforderung. Der beste Schutz ist ein Netz, das man sich wie ein Helm über den Kopf stülpt. Ich passiere einen kleinen Bach, der sein Wasser aus den Bergen über die Lagune ins Meer transportiert.

Die Schönheit dieser auf den ersten Blick so kargen Landschaft fällt mir schwer in Worte zu fassen. Unzählige Moos- und Flechtenarten wachsen zwischen dem Geröll, das die Winde und das Eis im Laufe der Jahrmillionen den Bergen abgerungen haben. Besonders im Gegenlicht verzaubert das sanfte Wiegen des Wollgrases.

Die lila Blüten der Grönländischen Nationalblume lassen einen vergessen, dass man sich hier unmittelbar an der Kante zur zweitgrößten Eismasse unseres Planeten befindet. Nach zwei Stunden beginnt der Anstieg entlang der Gletschermuräne hinauf zur großen Eisfläche. Hier macht sich zum ersten Mal mein schwerer Fotorucksack bemerkbar. Ich wandere bis zum höchstmöglichen Punkt von dem ich eigentlich sowohl das Inlandeis als auch den Verlauf des Eqi Gletschers sehen müsste. Genau das sind dann auch die Momente, die so unbezahlbar sind -  die einen jeden Mückenstich und jede körperliche Qual sofort vergessen lassen.

In fast 700 m Höhe nach etlichen Auf- und Abstiegen über verschiedenste Geröllfelder stehe ich dann obenauf. Eis bis zum Horizont, wohin das Auge blicken kann. Dort wo sich der Abfluss zum Gletscher hin verengt wird das Eis immer brüchiger. Ich folge der Abbruchkante entlang des Gletschers. An manchen Stellen stehe ich einige hundert Meter über dem Eis.

Mein Blick schweift über die riesige Masse aus bizarr anmutenden Türmen, Zinnen und Splittern hinaus auf den Fjord bis zum Horizont. Die knallrote Sonne hat ihre lange Tagesreise fast vollendet, und taucht die Welt in wunderschöne Pastelltöne.

Die Kamera bleibt auf dem Stativ und ist im Dauereinsatz. Was für ein Abend; in solch berauschender Umgebung. Alle Probleme der Welt sind für kurze Zeit nicht existent. Es gibt nur mich, meine Kamera, meine Freundin die Abendsonne und die Schönheit von Mutter Erde. Um drei Uhr Nachts falle ich todmüde aber von Zufriedenheit erfüllt in mein mit einem Moschusochsenfell überzogenes Bett. Draußen beginnt die Sonne sich schon wieder auf ihren langen Marsch über das Himmelsgestirn vorzubereiten.

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