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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Eisvogel

Dem Paradies so nahe…. 16.05.2012

Der Besuch bei den Löwenäffchen die in den Schattenbäumen der Kakaoplantage bis heute überlebt haben, gab uns einen ersten Eindruck vom Charakter des Atlantischen Küstenregenwaldes. Jetzt galt es diesen Tropenwald in seiner Urform zu dokumentieren.

Dafür befinden wir uns nun weiter südlich im Bundesstaat Paraná. Noch Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war dieser Teil Brasiliens fast vollständig mit Urwald bedeckt. In einem Zeitraum von sechzig Jahren hat der Mensch diesen Wald praktisch komplett vernichtet und in Agrarland oder Sekundärwald verwandelt. Heute leben etwa 2/3 der brasilianischen Bevölkerung im ehemaligen Gebiet der “Mata Atlântica”. Hier im Süden fällt die Hochfläche des Landesinneren von fast 1000 Meter in Form des Küstengebirges bis auf Meereshöhe ab.  Die Artenvielfalt ist auch heute noch eine der höchsten der Welt, obwohl nur noch unzusammenhängende Reste des einst so großen Urwaldes existieren. In den Bergen die sich über der Bucht von Paranaguá unweit der Hauptstadt Curitiba erheben, sind noch beachtliche Waldstücke in gutem Zustand vorhanden. Unsere erste Erkundung führt uns auf dem “Camino do Itupava” auf einer Länge von zwanzig Kilometern durch diesen Lebensraum. Der alte Jesuitenpfad war die erste Verbindung zwischen der Küstenregion und dem höher gelegenen Inneren dieses riesigen Landes. Heute sind die Ausläufer der Großstadt Curitiba bis fast an den Startpunkt des Pfades herangerückt. Es dauert einige Zeit bis wir in die Ruhe und Unberührtheit eintauchen können. Als uns der gepflasterte Pfad steil nach unten führt, wandern wir durch eine Vielfalt an Pflanzen die uns voll in ihren Bann zieht. Durch die hohen Niederschläge existiert hier eine extrem dichte Vegetation. Unter den großen Bäumen, die eine geschlossene grüne Decke bilden, existiert ein immerfeuchtes und schattiges Mikroklima. Auf mehreren Schichten wachsen hier die unterschiedlichsten Pflanzen. Alles ist mit Moosen überzogen. Lianen verbinden die verschiedenen Höhen und bieten neben den Bäumen Lebensraum für Epiphyten.

Am häufigsten sehen wir Bromelien, die wohl auffälligsten aller Aufsitzerpflanzen. An den unmöglichsten Orten haben sie sich mit ihren Wurzeln festgekrallt. Besonders wenn sie ihre rot-gelben Blüten ausbilden, setzen sie einen leuchtenden Kontrast zum dominanten Grün des Waldes. Aber auch Orchideen sind prominente Epiphyten.  Wenn sie nicht in Blüte stehen, werden sie von mir recht oft übersehen. Luis geschultes Biologenauge erkennt da schon viel mehr und weiß mich in so manches Geheimnis dieses Ortes einzuweihen. Je näher wir der Küste kommen desto mächtiger scheinen die Bäume zu werden.

Besonders alte Würgefeigen können mächtige Brettwurzeln ausbilden die alle anderen Baumarten recht schmächtig erscheinen lassen. An solchen Bäumen verweilen wir immer recht lange, denn sie bieten eine Vielzahl an Motiven. Während den Tagen in der “Mata Atlantica” bekomme ich auch dreimal Schlangen zu sehen, was mir im Amazonas nicht vergönnt war. Die Tiere wollen in erster Linie in Ruhe gelassen werden und verschwinden jedes Mal recht schnell zwischen dem Gestrüpp. Nur einmal gelingt mir ein Schnappschuss auf eines dieser von uns Menschen so gefürchteten Geschöpfe. Luis schätzt die Schlange als hochgiftige Lanzenotter ein, was mir einen gehörigen Schrecken einjagt. Bin ich kurz zuvor doch fast auf das Tier drauf getreten. Erst später als wir das Foto anderen Biologen zeigen erfahren wir das es eine ungiftige Art ist, die aber der Lanzenotter sehr ähnlich sieht. Immer wieder zischen Kolibris an uns vorbei. Die kleinen Vögel sind so schnell das man sie, wenn sie rumfliegen, kaum wahrnehmen kann. Durch ihre hohe Herzfrequenz müssen sie ständig Energie tanken. Wenn sie dann für wenige Sekunden ihre langen spitzen Schnäbel in Blüten tauchen und dabei bewegungslos in der Luft hängen, besteht die beste Chance sie zu beobachten.

Der Flügelschlag ist dabei so schnell das er nur mit dem Blitzlicht eingefangen uns sichtbar gemacht werden kann. Erst in der Dunkelheit und nach mehr als zwanzig Kilometer Fussmarsch kommen wir völlig erschöpft an unserem Nachtlager an. Die schwere Fotoausrüstung fordert ihren Tribut und so bin ich froh das am kommenden Tag eine Bootstour auf dem Programm steht, die auch mit müden Gliedern zu meistern ist.

 

Es herrscht immer noch tiefe Dunkelheit als wir mit dem kleinen Motorboot durch das Gewirr von Wasserstraßen fahren. Wir wollen zum Sonnenaufgang draußen in der Bucht sein um das bewaldete Küstengebirge vom Wasser aus fotografieren zu können. Mit dem ersten Morgengrau sehen wir die Silhouetten einzelner Berge rechts und links vor uns über den Morgennebel ragen. In der Nacht hat es stark geregnet und noch immer entlädt sich die eine oder andere Wolke in leichten Schauern. Trotzdem haben wir uns entschlossen die Tour anzutreten. Vereinzelte Wolkenlücken mit durchblitzenden Sternen lassen einen Wetterwechsel möglich erscheinen. Sollten sich die Wolken zum Sonnenaufgang hin auflösen, wären tolle Lichtstimmungen durchaus realistisch. Mit dem ersten Tageslicht offenbart sich die ganze Schönheit dieser Landschaft aus Wasser, Wald und Gebirge. Die dem Festland vorgelagerten Mangroven sind in diesem Teil der Bucht völlig intakt. Mangroven sind eine ganz speziell angepasste Baumspezies. Sie sind Salzpflanzen die im Gezeitenbereich tropischer Küstenregionen ihren Lebensraum haben. Sie bilden Stelzwurzeln aus die bei Ebbe gut sichtbar aus dem Wasser ragen. Wir lenken unser kleines Boot an eine Stelle an der wir direkt auf die “Serra do Itaqui” blicken, einem Teil des Küstengebirges das unter Naturschutz steht und dessen Hänge noch komplett mit Urwald bewachsen ist.

Es wird tatsächlich einer jener besonderen Morgenstimmungen, die meinen Beruf immer wieder so magisch machen. Mit dem durchbrechen des Sonnenlichts sehen wir das Land vor uns in eine Vielfalt an Farben tauchen und die noch verbliebenen dunklen Wolken werden mit einem Regenbogen geschmückt. Wir staunen über große Eisvögel die durch die Mangroven jagen. Über unseren Köpfen fliegen dutzende Papageien auf ihrem morgendlichen Weg zur Nahrungsbeschaffung. Auf den Ästen der höheren Bäume hocken Kormorane mit ausgebreiteten Flügeln um diese mit den wärmenden Strahlen der Morgensonne zu trocknen. In Gedanken stelle ich mir vor, das ungefähr so das Paradies aussehen muss. Alles scheint perfekt, selbst die vereinzelten Fischerboote passen ins Bild, da es sich hier nicht um industrielle Ausbeutung handelt. Wir lenken das Boot zwischen die Mangroven. Es herrscht Windstille, so dass das Gebirge mir dem Gezeitenwald im Vordergrund ein perfektes Spiegelbild abbildet.

Neben Korallenriffen und den tropischen Regenwäldern zählen Mangroven zu den produktivsten Ökosystemen der Erde. In den Kronen des Mangrovenwaldes leben Reptilien und Säugetiere. Viele Wasservögel nutzen das reiche Nahrungsangebot und nisten in den Baumkronen, was auf unserer Tour unschwer zu erkennen ist. Das dichte Wurzelwerk der Mangroven bietet einer großen Zahl von Organismen auf engem Raum eine hohe Zahl kleinster Habitate. Die Wurzeln ermöglichen vielen Fischen, Muscheln und Krabben einen sicheren Lebensraum und den Larven und Jungtieren vieler Arten beste Bedingungen. Auf den hölzernen Wurzeln der Bäume finden Schnecken, Algen, Austern, Seepocken und Schwämme ihr Zuhause. Es ist ein lebendiger Naturraum, der ebenso wie viele andere Ökosysteme durch die Unvernunft des Menschen zu verschwinden droht.  Mangrovenwälder sind in vielen Teilen der Welt vor allem durch die Anlage und Ausweitung von intensiv bewirtschafteten Garnelenzuchten gefährdet.  Außerdem sind Verschmutzung durch Öl, aber auch Trockenlegungen im Zuge des Siedlungsausbaus im Küstenbereich Gefährdungen dieses empfindlichen Habitats. Die Erträge der Küstenfischerei gehen dort drastisch zurück, wo die Mangrovenwälder großflächig abgeholzt wurden. Eine Wiederaufforstung wird in manchen Teilen der Welt probiert, ist in den allermeisten Fällen aber extrem schwierig. All das ist bekannt – trotzdem hält die Zerstörung von Mangrovengebieten unvermindert an. Der Verlust der letzten 20 Jahre beläuft sich auf 25 % der im Jahre 1980 vorhandenen Fläche. Dabei bieten diese Wälder auch Schutz gegen Küstenerosion. Gerade auch die große Tsunamikatastrophe in Asien vor einigen Jahren hat gezeigt wie intakte Mangroven die Gewalt des Wassers auf Siedlungen an der Küste reduzieren können.

 

In der Bucht von Paranaguá sind zumindest in dem Teil wo wir uns aufhalten die Kreisläufe intakt. Doch die der Region ihren Namen gebende Stadt Paranaguá hat 150.000 Einwohner. Hier befindet sich Brasiliens wichtigster Exporthafen für das im Land erzeugte Soja. Wie so oft liegen auch hier Himmel und Hölle sehr eng beieinander.

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