Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: El Chaiten

Patagonien Teil 1 “Hosenlos” 25.01.2013

Es scheint tatsächlich zu klappen. Irgendwie mutet es unwirklich an den kleinen schwarzen Fleck in der endlos erscheinenden weißen Eisfläche langsam näher kommen zu sehen. Besonders mit dem Wissen das dieser höchstwahrscheinlich mein ganz persönlicher Zustellservice ist. Er wird mir mein Stativ bringen um an einem der schönsten Plätze der Welt in der Lage zu sein professionell zu arbeiten. Zehn Minuten später haben wir Gewissheit. Die patagonische Eisfeldpost arbeitet zuverlässig. Der topfitte Bergführer hat innerhalb eines Tages unsere Expeditionsgruppe eingeholt.

Eine Strecke, für die wir mit unserem schweren Gepäck fast zwei Tage gebraucht haben, hat er in neun Stunden bewältigt, um seine Fracht pünktlich abzugeben. Ich bin erleichtert. Das Experiment ist geglückt. Was war geschehen?

 

Es gibt Dinge die einem Fotografen auf Auslandseinsatz einfach nicht passieren sollten. Besonders wenn Termine anstehen die man auf keinen Fall verpassen möchte. Ich stehe am Gepäckband im kleinen Flughafen von El Calafate im argentinischen Patagonien und schon nach wenigen Minuten habe ich ein flaues Gefühl im Bauch. Die Reihen der Passagiere die noch auf Koffer warten lichten sich, und mir wird klar dass ich in Schwierigkeiten stecke. Für den morgigen Tag habe ich eine Expedition auf das patagonische Eisfeld gebucht um Fotos für mein neues Projekt „Naturwunder Erde“ zum Thema „Gletschereis“ zu machen. Doch mein Gepäck hat es leider nicht auf den gleichen Flieger geschafft. Meine zwei Freunde Lisa und Luis, welche mich auf der Wanderung begleiten werden, hatten mehr Glück. Ihre Ausrüstung ist komplett. Noch am selben Abend halten wir Krisensitzung im Büro unseres Reiseveranstalters. (www.walkpatagonia.com – sehr zu empfehlen) Wir sind im kleinen Ort „El Chalten“ welcher am Fuße der berühmten Berge „Cerro Torre“ und „Fitz Roy“ liegt. Hier ist der Ausgangspunkt für zahlreiche Wanderungen und Klettertouren in die patagonische Wildnis.

Laut Aussage der Fluggesellschaft wird das Gepäck am übernächsten Tag gegen Mittag geliefert. Das klingt nicht weiter Schlimm. Doch unsere Wanderung führt durch raues Land und die Wettervorhersage verspricht stabile Bedingungen in den kommenden Tagen. Mit jedem Tag den wir warten wird die Chance eines Wetterumschwungs größer. Was mich jedoch am meisten antreibt ist die Aussicht Vollmondlicht bei klarem Nachthimmel auf dem Eisfeld erleben zu können. Es hilft alles nichts – wir müssen wie geplant am nächsten Tag los. Zum Glück hatte ich meine Wanderschuhe und die Regenjacke im Flieger bei mir. Mein Handgepäck besteht aus der fast kompletten Fotoausrüstung, welche natürlich die Grundvoraussetzung für meine Arbeit ist. Das Einzige was mir ernsthaft Sorgen macht, ist das fehlende Stativ. Es ist für jeden Naturfotografen ein unerlässliches Werkszeug. Gerade auch hier in Patagonien wo ich von Gletschern und Bergen umgeben sein werde und das zu erwartende Mondlicht lockt. So entscheiden wir uns zu einem ungewöhnlichen Schritt. Zoe, die Organisatorin der Tour, engagiert einen weiteren Guide. Dieser wird, zwei Tage nach uns, in der Frühe mit leichtem Gepäck starten, um mir das Stativ und eine vernünftige Wanderhose direkt auf das Eisfeld zu bringen. Wenn alles klappt werden wir uns auf der Rückseite des „Cerro Torre treffen. Das er nicht mehr am selben Tag loslaufen kann an dem mein Gepäck voraussichtlich angeliefert wird, liegt an der Gletscherschmelze.  Auf dem Weg hoch zum Eisfeld gilt es einen Fluss zu überqueren der nur in den frühen Morgenstunden problemlos zu passieren ist. Je länger die Sonne auf die Eismassen scheint, desto stärker lässt das die Wasserwege anschwellen und wird für Menschen unpassierbar.

Den Tag über verbringe ich mit einer Tour durch die kleinen Läden El Chaitens um mir fehlende Ausrüstung zu leihen oder im Notfall auch zu kaufen. Zum Glück mangelt es hier an nichts. Jährlich kommen mehr Naturfreunde in dieses abgelegene Gebiet und so ist hier alles zu haben was das Wanderherz begehrt. Nicht ohne Stolz wirbt man hier mit dem Slogan „Wanderhauptstadt der Welt“.

Seit meinem letzten Besuch in El Chaiten vor acht Jahren hat sich viel getan. Neue Veranstalter haben sich angesiedelt, Restaurants eröffnet und die Zahl der Hotels nimmt ständig zu. Noch sind es in erster Linie junge Menschen mit Rucksäcken und langen Haaren die über die Hauptstraße schlendern. Doch spätestens seitdem vor drei Jahren die geteerte Straße von El Calafate nach El Chaiten fertig gestellt wurde, ändert sich das Bild zusehenst. Inzwischen kommen duzende Reisebusse mit Pauschaltouristen und die sorgen dafür, dass die Hotels immer größer werden und das Preisgefüge nach oben verschoben wird. Ich wage nicht zu sagen ob der Charme den dieser kleine Ort bis heute versprüht, auch in weiteren acht Jahren immer noch vorhanden sein wird. Am Spätnachmittag habe ich alles zusammen. Rucksack, Schlafsack, Isomatte und Regenhose sind geliehen. Unterwäsche, Sonnenbrille, Handschuhe und Hut gekauft. Wir haben zwei Bergführer und einen weiteren Träger im Team. Da auch Luis als begeisterter Hobbyfotograf viel Ausrüstung mit rumschleppt, haben wir uns dadurch eine kleine Erleichterung genehmigt, die sich aber nicht sonderlich bemerkbar macht. Die Wanderung wird acht Tage dauern und da kommt einiges zusammen. Besonders bei Lebensmitteln. Mit gut fünfundzwanzig Kilo auf dem Rücken habe ich ordentlich zu schleppen. Den ersten Preis in der Kategorie „dämlichstes Outfit“ geht eindeutig an mich. Eine dunkelblaue lange Unterhose und darüber eine viel zu große, kurze Sporthose sehen einfach umwerfend aus. Der „running Gag“ der Tour ist gefunden. Ich bin dem Spott meiner Freunde ausgeliefert, ertrage ihn aber in Würde. Immerhin haben wir durch meinen „Ausrüstungskompromiss“ die Chance auf eine Vollmondnacht am Fuße des „Cerro Torre“ wieder erhöht.

 

Es ist nach siebzehn Uhr als unsere sechs Personen große Gruppe den achtzig Kilometer langen Marsch beginnt. Die Tage hier im Süden sind lang so das wir durchaus noch eine gute Anzahl Kilometer bei Tageslicht schaffen können. Während ein großer Teil Patagoniens aus eher karger Steppenlandschaft besteht wachsen hier in den meist von Flüssen gespeisten Tälern Südbuchenwälder.

Diese Bäume haben durch ihr Alter wunderbar verwachsene Formen. Obwohl wir anfänglich durch Privatland laufen welches nicht in Form eines Nationalparks geschützt ist, haben die Bäume Urwaldcharakter. Hier hat man nie aus kommerziellen Gründen Holz gefällt. Als alter Waldfan bin ich sofort von der mich umgebenden Vegetation begeistert. Überall am Boden liegt totes Holz herum. Die Südbuchen gehören zur gleichen Familie wie die Myrtle-Bäume welche ich vor wenigen Wochen im gemäßigten Regenwald in Tasmanien fotografiert habe. Man sollte besonders hier in diesem Teil von Südamerika jeden Baum wie ein Heiligtum behandeln. Denn verglichen mit der Gesamtfläche Patagoniens sind es nur kleine Bereiche die bewaldet sind. Weiter im Süden wachsen die Bäume wegen des rauen Klimas kaum größer als Büsche. Im Norden werden die Regenwälder an den Andenhängen immer noch gnadenlos zu Holzschnipseln zerlegt – als Grundlage für Papier. Bei meiner ersten Patagonien-Reise vor acht Jahren, als das Schicksal dieser Wälder im Zentrum meiner Arbeit stand, habe ich das mehr als genug mitansehen müssen. Insofern bin ich fast erleichtert während der jetzigen Reise relativ entspannt durch diesen Märchenwald zu laufen um mich an der Schönheit dieser erhabenen Gestalten erfreuen zu können. Im dunkler werdenden Umgebungslicht gleichen die Silhouetten mehr und mehr den „Ents“, die wohl jedem „Herr der Ringe“ Fan nachhaltig in Erinnerung sind. Da die einzelnen Bäume recht weit auseinander stehen erleben wir an unserem ersten Abend in der Wildnis ein weiteres Schauspiel was solch eine Wanderung zu so Besonderem macht. Der fast volle Mond taucht über der Bergflanke auf und scheint zwischen den Zweigen hindurch bis auf den Waldboden. Das Licht ist so magisch das es mich in diesem Moment nicht wundern würde wenn plötzlich Elfen oder Zwerge vor uns stünden. Es ist so hell, das wir nur ganz selten unsere Taschenlampen einschalten müssen, um den Weg nicht aus den Augen zu verlieren. Das einzige Geräusch ist der mit Gletscherwasser gefüllte Fluss dessen Verlauf wir leicht ansteigend weiter ins Tal hinein folgen. Wir lagern erst als wir nah genug an dem Fluss sind, den wir am kommenden Morgen in der Frühe überqueren müssen. Es wird eine kurze Nacht. Trotzdem schlafe ich zufrieden ein.

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