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Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: El Chaoten

Patagonien Teil 2 “Ein langer Tag” 26.01.13

Die Sonne versteckt sich noch hinter den uns umgebenden Gipfeln, als wir die Bergstiefel ausziehen und uns an die Durchquerung des Flusses machen. Das Wasser ist bitterkalt, was kein Wunder ist, entspringt es doch einem Gletscher der nur wenige hundert Meter über uns sein kostbares Nass entlädt. Wir kommen alle ohne Probleme auf die andere Seite und setzen unseren Marsch fort. Die letzten Bäume liegen inzwischen weit hinter uns. Wir laufen durch eine Moränenlandschaft aus Geröll und von früherem Eis geschliffenem Gestein. Als die Sonne schon hoch am fast wolkenlosen Himmel steht erreichen wir einen See. Dieser ist dem Gletscher über den wir auf das Eisfeld hinaufsteigen wollen vorgelagert. Wir sehen in etwa 800m Entfernung die Gletscherzunge. Von unserem Guide erfahren wir, das noch im Jahr 2000 unser momentaner Standpunkt die Stelle war, an die das Eis gereicht hat.

Eine schockierende Nachricht. Natürlich kenne ich viele der Fakten und Abläufe über unsere sich schnell ändernde Welt in Zeiten des wandelnden Klimas. Doch anhand solcher sichtbarer Beispiele das ganze Ausmaß des Dramas zu sehen, ist nochmals eine andere Sache. Für einige Zeit fällt es mir schwer, die mich umgebene Natur genießen zu können. Ich muss immer wieder darüber nachdenken was wohl mit all den Millionen Menschen überall auf der Welt geschieht, wenn alle Gletscher abgeschmolzen sind, auf deren Existenz ihr Überleben aufbaut. Der Schwund ist dramatisch und Besserung ist nicht in Sicht – im Gegenteil.

Als wir uns durch das Geröll und über die Schuttablagerungen bis zur Gletscherkante vorgearbeitet haben, wird es Zeit die Steigeisen überzuziehen. Wir gewöhnen uns sehr schnell an die ungelenk wirkenden Schuhergänzungen. Zusammen mit jeweils zwei Stöcken geben sie uns beim Aufstieg über das Eis Halt und sicheres Auftreten. Die Oberfläche des Gletschers ist durchzogen von unzähligen Spalten und Gletschermühlen, in denen das Schmelzwasser im Untergrund verschwindet.

Wir sind fasziniert von der uns umgebenden Landschaft. Große, kleine und kleinste Geröllbrocken werden mit der Bewegung des Eises langsam in Richtung Tal transportiert. Nach einigen Stunden des stetigen aber moderaten Anstieges kommen wir an eine steil aufsteigende Felswand über die sich mehrere Wasserfontänen stürzen. In früheren Zeiten war auch hier das Gestein von einer massiven Eiswand überzogen. Doch in den immer wärmeren Sommern hat das Eis an dieser Stelle keine Chance mehr gegen die Kraft der Sonne.

Unsere Führer holen lange Seile aus dem Rucksack. Für uns beginnt ein spannender Aufstieg über glatten und steilen Untergrund.  Da jeder von uns einen Klettergurt um den Unterleib gebunden hat, können wir uns ins Seil einhaken und auch dieses Hindernis ohne Zwischenfälle überwinden. Oben angekommen befinden wir uns am Rande des patagonischen Eisfeldes. Hier oben ist das Eis trotz Sommerwärme nach wie vor mit Schnee bedeckt. Eine riesige weiße Fläche liegt vor uns, die nach wie vor stetig ansteigt. Alle Unebenheiten im Eis sind von der Schneefläche bedeckt. Wir ziehen uns Schneeschuhe über um auf der sich gegen Nachmittag aufwärmenden Schneemasse nicht allzu weit einzusinken. Als zwei Dreiergruppen sind wir nun mit je einem Seil miteinander verbunden. Ungefähr zehn Meter Abstand liegen zwischen uns. Sollte jemand in eine vom Schnee verborgene Gletscherspalte fallen haben die anderen beiden so die Chance ein weiteres Abrutschen zu verhindern und ihn oder sie wieder raufzuziehen. Der weitere Weg ist eigentlich einfach zu bewältigen, doch wir alle merken inzwischen, dass die Kräfte schwinden. Es ist inzwischen später Nachmittag. Wir sind schon elf Stunden in Bewegung. Unser Ziel für die erste Nacht ist eine kleine Schutzhütte die sich auf der Landesfläche von Chile befindet. Für kurze Zeit verlassen wir also Argentinien und marschieren in ein anderes Land. Ich muss wohl nicht erwähnen wie dämlich ich es fand, das wir um diesen Schlenker ins Nirgendwo – fern jeglicher Zivilisation machen zu dürfen, vor der Wanderung extra bei der Polizei in El Chaiten einen Ausreisestempel abholen mussten.  Die Hütte liegt etwas erhöht auf einem Geröllfeld und ist schon aus weiter Ferne sichtbar. Es ist erstaunlich wie lange „sichtbar“ sein kann, wenn jeder Schritt Mühe kostet und das Gewicht des Rucksacks unbarmherzig auf die Schultern drückt. Die Tasse voller Spagetti, die wir am Abend im Schutze der Blechwände zu uns nehmen könnte wohl köstlicher nicht schmecken. Ich bin seid fünfzehn Stunden auf den Beinen und mein Körper schreit eigentlich nach Ruhe und Schlaf. Doch gerade jetzt ist das nicht möglich. Ich kam zum fotografieren hier raus und jetzt beginnt nun mal die Zeit mit dem interessanten Licht. Mein Freund Luis war schon zu Beginn des Tages körperlich etwas angeschlagen. Tapfer hat er sich bis hier aufs Eisfeld geschleppt. Für ihn ist der Tag nun zu Ende. Fast wie in Trance fällt er aufs Bett und ist sofort eingeschlafen. Das beste Mittel um wieder zu Kräften zu kommen. Glück für mich, denn so kann ich mir sein Stativ ausleihen und in Ruhe arbeiten. Wer den ersten Teil dieses Berichtes gelesen hat weiß, dass ich meines erst Morgen erwarte. Wenn es dann hoffentlich durch einen topfitten Kurierservice gebracht wird.

Ich schleppe meine müden Glieder zur höchsten Stelle in dieser Umgebung. Der Ausblick ist wunderbar. Lässt man den Blick unseren auf dem Schnee gut sichtbaren Spuren folgen, blickt man direkt auf den „Fitz Roy“ und die ihn umgebenden Berge. Links von mir habe ich freie Sicht auf das Eisfeld  an dessen Horizont wiederum vereinzelte Gipfel von Gletschereis und Schnee überzogen sind. Hinter mir ist gerade in einem violett eingefärbten Himmel der fast volle Mond aufgegangen. Als die Sonne im Westen hinter dem Horizont verschwindet färben sich die Wolken über der Kulisse des „Fitz Roy“ ein. Es erstrahlt ein intensives Pink und bildet für wenige Minuten meinen emotionalen Höhepunkt an diesem wunderbaren Tag.

Alle anderen befinden sich schon in tiefen, erholsamen Schlaf, als ich nach Mitternacht zurück in die Schutzhütte komme. Obwohl ich komplett ausgelaugt bin schlafe ich nicht sofort ein. Zu wunderbar sind die Eindrücke die in meinem Kopf herumschwirren. Ich bin an einer der schönsten Stellen unseres Planeten und wir scheinen auch für die kommenden Tage Glück mit dem Wetter zu haben. Ein Lebenstraum wird gerade wahr.

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