Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Finnland

Instinkt 28.09.2010

Ich stelle mit folgende Szene vor: Es ist Samstag Morgen um fünf Uhr. Der Wecker klingelt. Ich bin sofort hellwach. Voller Tatendrang drehe ich mich zu meiner Lebensgefährtin und hauche ihr ins Ohr: „Tschüß Schatz, ich fahr jetzt in den Schwarzwald. Zum Bären fotografieren“ Wäre das nicht Klasse? Es wird wohl ein Traum bleiben. Abgesehen davon das wir unsere letzten Bären in Deutschland schon vor 170 Jahren ausgerottet haben, zeigte der kurze und sehr traurig endende Besuch von „Bruno“ dem „Problembären“ (Betitelung des damaligen Ministerpräsidenten Stoiber) was diese Spezies erwartet, wenn sie sich zu uns verirrt. Warum haben wir unsere Urängste gegen wilde Tiere die größer als Füchse sind und kein Geweih tragen bis heute nicht abgelegt?

Selbst Wölfe finden in weiten Kreisen der Bevölkerung kaum Akzeptanz, obwohl ihnen seit Unzeiten keine Untaten gegenüber Menschen nachgewiesen werden konnten. Der „Canis Lupus“ wird es aber hoffentlich schaffen sich mit einer stabilen Population in unseren Breitengraden zu etablieren. Wenn alle Menschen einmal in ihrem Leben eine Wolfsfamilie beobachten könnten, so wie mir das hier in Finnland vergönnt war, ich glaube viele Ängste wären ganz schnell verflogen. An zwei Stellen entlang der russischen Grenze habe ich die Möglichkeit genutzt die Verhaltensweisen dieser faszinierenden Tiere zu beobachten und dabei versucht gute Fotos zu machen. Eben weil es in weiten Teilen Europas nicht mehr möglich ist Raubtiere in freier Wildbahn zu sehen, kommen Menschen aus aller Welt zu den Verstecken von Lassi Rautiainen, Ari Sääski und Kollegen. Der September ist eigentlich ein guter Monat zur Observation.

Die Tiere sind sehr aktiv. Gerade die Bären müssen viel fressen um sich auf den nahenden Winter vorzubereiten. Im Tiefschlaf brauchen sie einige Reserven um über die kalten Monate zu kommen. Etwas ärgerlich für Fotografen sind die täglich kürzer werdenden Tage. Je näher sich der September dem Ende neigt, desto mehr der wirklich interessanten Szenen findet in trüber Dunkelheit statt. Selbst hohe ASA Werte moderner Digitalkameras helfen da nur bedingt. Jeden Abend wenn man im Versteck sitzt ist es ein Glückspiel ob die Tiere sich vor oder nach dem Sonnenuntergang zeigen. Oftmals sind es nur Minuten die einem die Möglichkeit zum guten Foto bieten. An jedem Abend im Versteck habe ich Tiere gesehen. Die Ausbeute an guten Fotos war weitaus geringer. Die Fotoverstecke von Lassi Rautiainen sind berühmt für ihre Möglichkeit Wölfe zu sehen. Von drei Tagen die mir hier zur Verfügung standen hatte ich an einem Abend Glück.

Ein Wolfsrudel aus Eltern und fünf einjährigen Wölfchen ist vor meinem Objektiv aufgetaucht. Es war noch lange vor Sonnenuntergang. Zum Glück treiben sich in der Gegend zwei alte Bären herum welche immer als Erstes erscheinen und so wohl auch den Wölfen signalisieren dass keine Gefahr droht. Es ist interessant zu beobachten wie die Tiere sich untereinander verhalten. Ein ausgewachsener Bär braucht sich eigentlich vor nichts zu fürchten. Trotzdem ist auch er gegen Wölfe im Kollektiv voller Zurückhaltung. Mehr als einmal habe ich ein Rudel Wölfe einen Bären durchs Unterholz scheuchen sehen.

Zu körperlichen Kontakten kommt es dabei aber nie. Solange die Wölfe fressen, ist für den einzelnen Bären Verdauungspause angesagt. Befinden sich allerdings mehrere Bären an der Beute, bleiben die Wölfe in respektvollem Abstand. Auch unter den Bären gibt es eindeutig Rangordnungen, was zahlreiche Kabbeleinen und furchteinflößende aber letztendlich harmlose Drohgeräusche beweisen.

Auch wenn den Tieren durch die Futterköder praktisch das Leben stark vereinfacht wird, haben sie dadurch Ihre Instinkte nicht verloren. Meine anfängliche Sorge, sie würden durch die „schnelle Küche“ in Abhängigkeiten geraten hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Zu oft während der Saison erscheinen die Tiere über einen längeren Zeitraum nicht, weil sie an anderen Orten auf der Jagd sind. Speziell im Bärenkot erkennt man jederzeit Unmengen von Beeren welche die Tiere nie aufhören in sich hineinzufuttern. Sowohl Wölfe als auch Bären haben Angst vor dem Menschen. Ich bin überzeugt, dass ein friedliches Miteinander möglich ist, sofern beide Seiten die andere Gattung mit Respekt behandeln. Fast alle Unfälle mit wilden Tieren passieren aufgrund eklatanten Fehlverhaltens des Menschen. Dazu kommt natürlich immer mehr der kleiner werdende Lebensraum von Tieren, der diese geradezu in die Arme, bzw. auf die Felder der Menschen treibt. In solchen Fällen sind Konflikte geradezu vorprogrammiert. Das gilt inzwischen leider fast für jeden Winkel dieser Erde.

Hier in der Region haben die Tiere das Glück, daß das Gebiet jenseits der russischen Grenze mit großen Waldschutzgebieten gesegnet ist, an deren Einrichtung Greenpeace maßgeblich beteiligt war. Auf der finnischen Seite müssen die Tiere schon eine ganze Menge mehr ertragen. So bin ich eines Morgens um vier Uhr im Fotoversteck aus dem Schlaf geschreckt, weil nahe unserer Unterkunft ein Holzlaster damit begonnen hat seine Ernte zu beladen. Das muss man sich mal vorstellen – mitten in der Nacht räumen Die die Wälder leer. Lassi erzählt mir dass die Fahrer nach Masse bezahlt werden. Je mehr sie arbeiten desto mehr verdienen sie. Klingt nach einem System das endlose Waldflächen voraussetzt. Die Tiere scheinen sich nur kurzzeitig gestört zu fühlen. Heikler ist da schon die Knallerei. Neulich fuhr ich zu den Fotoverstecken von Ari Sääski. Auf der ganzen Fahrt vom Inarisee im Norden Finnlands bis in die Region Kuhmo wunderte ich mich über Horden von rot gekleideten Männern welche schwerbewaffnet am Straßenrand standen. Es ist Jagdzeit, Baby. Bei abertausenden von Finnen erwachen die männlichen Urinstinkte und es geht in die Wälder. Die Elchjagd hat an diesem Tag begonnen. Dies führte dazu, dass drei Weidmänner bei ihrer Treibjagd mal eben locker vor den Ansitzverstecken der Fotografen vorbei geschlendert sind, was zu heftigem Fluchen und zu einem absoluten Ereignisfreien Abend geführt hat, zumindest solange es hell war. Die einsetzende Knallerei hat die Tiere wohl weit auf die russische Seite vertrieben. Es ist zwar genau geregelt wieviel Exemplare der jeweiligen Tierart pro Jahr geschossen werden dürfen – nur wer kann dies kontrollieren? Am kommenden Abend war dann zum Glück alles ruhig. Nachdem es einige Tage nur geregnet hatte, war der Himmel an diesem Tag wolkenlos. Das Fotoversteck von Ari liegt am Ufer eines kleinen Sees auf dessen anderen Seite ein Moor und ein kleines Wäldchen anschließen. Seit einigen Tagen kommt eine Bärenmutter mit ihren vier Jungen in die Gegend, was auch mich veranlasst hat, auf bessere Wolfsbilder zu verzichten und es mit der Bärenfamilie zu versuchen. Jeden Abend kamen sie angetrottet. Immer schön brav ihrer Mama hinterher.

Klischee hin oder her, die Kleinen sehen einfach knuffig aus. Die Mutter ist sehr wachsam. Ganz vorsichtig nähern sie sich dem Abendessen. Beim kleinsten Geräusch sind sie wieder im Wald verschwunden. Oftmals kommen sie erst weit nach Sonnenuntergang zurück. Doch an diesem ersten wolkenfreien Abend habe ich meinen einen (einzigen) magischen Moment. Ein fast voller Mond steigt über dem Wald in den Himmel auf. Darunter laufen genau im richtigen Moment alle fünf Bären über das Moor und ermöglichen mir die einzig wirklich hochwertige Aufnahmesituation an insgesamt sechs Abenden.

Alle anderen Situationen finden praktisch im Dunkeln statt was zum Teil wirklich frustrierend ist. So auch, als die Bärenmutter ihre Kleinen gegen einen ihr körperlich viel größeren männlichen Artgenossen verteidigt hat. Er ist wohl gar nicht absichtlich zu Nahe gekommen. Mit welch einer Entschlossenheit sie das Männchen vertrieben hat war schon beeindruckend.

Die wohl für uns Menschen gefährlichste Situation in freier Wildbahn mit Bären ist wenn wir aus Versehen zwischen eine Mutter und ihre Jungen geraten. Das nähme sicher kein gutes Ende. Mit der höchsten mir zur Verfügung stehenden Empfindlichkeit meiner Kamera habe ich diese Szene festhalten können. Oft war ich an diesen Abenden gefrustet über entgangene Chancen, meist wegen der Dunkelheit. Doch am Ende bin ich froh und dankbar über die tollen Erlebnisse und die Fotos mit denen ich bei meiner Anstehenden Vortragstournee über diese faszinierenden Tiere berichten kann. Vielleicht gelingt es mir ja bei dem einen oder anderen Zuschauer Ängste abzubauen, um so die Zukunft dieser Tiere in Europa ein winziges Bisschen möglicher zu machen. Wer weiß, vielleicht darf ein zukünftiger „Bruno“ doch einmal durch den Schwarzwald streifen?

Verweht 25.09.2010

Als ich nach vierzehn Tagen erneut am Inarisee in Lappland erscheine muss ich den Traum von der Farbenorgie endgültig begraben. Noch immer halten sich die Temperaturen knapp über der Frostgrenze. Rot leuchtende Waldböden wird es nun nicht mehr geben.

Das ist sehr schade. Vor vier Jahren habe ich für den „Planet der Wälder“ Vortrag schon einmal in derselben Gegend fotografiert. Damals sorgten schon Anfang September erste Raureifnächte für die Richtigen Zutaten zur prachtvollen „Ruska“, wie die Finnen ihren „Indian Summer“ zu nennen pflegen. Was bleibt ist eine wunderbare Natur die ich nun mit weniger bunten Akzenten ins rechte Bild rücken möchte. Abermals bekomme ich durch unseren finnischen Freund Jarmo ein Boot zur Verfügung gestellt. Ich steuere nun die vielen Stellen an, die ich zwei Wochen zuvor zusammen mit Elfriede ausgekundschaftet habe. An den Ufern des Sees sind die gelben Blätter der Birken zum großen Teil den einsetzenden Herbststürmen zum Opfer gefallen. Farbklecksen gleich liegen sie auf dem Boden.

Während ich durch den Wald stapfe finde ich hier und da die eine oder andere Birke an der noch ein Teil der Blätter an den Ästen hängt. Den ansonsten sehr getragenen Grün und Grautönen dieses Waldes kommt dies bei der Fotografie sehr zugute. Vereinzelte Heidelbeersträucher haben tatsächlich rötliche Blätter bekommen. Im Makrobereich des Bildausschnittes lässt sich auch bei diesem Motiv ein wenig Herbststimmung kreieren.

An einem der Tage ziehen dramatische Wolkenbilder über die Oberfläche des Sees. In meiner kleinen Nussschale fahre ich an unzähligen Inseln vorbei. Die Gischt spritzt mir immer wieder ins Gesicht. Ich bin ganz nah bei den Elementen. Ich steige auf eine der wenigen Anhöhen die sich knapp siebzig Meter aus dem Wasser erhebt. Ein vorbeiziehender Regenschauer lässt einen Regenbogen über dem Meer aus Wasser und Bäumen aufsteigen. Dies ist auch eine Möglichkeit Farben aufs Bild zu bekommen.

Ein großer Teil der in Finnland verbliebenen Urwälder befindet sich hier im Norden. Mit Jarmo habe ich mich lange über seine Heimat unterhalten. Mit großem Eifer erzählt er vom Kampf um den letzten Urwald, den er zusammen mit seiner Frau und dem Kampaignern von Greenpeace hier seit Jahren führt. In mühevoller Kleinarbeit haben sie ganz Finnland kartografiert und die Reste des alten Waldes zusammengetragen. Jarmo meint das knapp 700 – 800.000 Hektar Wald bisher noch nie eine Kettensäge gesehen haben. Das klingt nach viel, ist aber nur zwei bis drei Prozent der ehemaligen Fläche. Oftmals sind es nur kleine Flecken – ein paar hundert Meter breit. Um den Inarisee sind die Gebiete größer.

Hier tobte ein regelrechter Krieg zwischen dem staatlichen Forstgiganten Metsähallitus auf der einen und den Umweltschützern auf der anderen Seite. Besonders das Volk der Sami hat sich massiv dafür eingesetzt das der Einschlag in ihren traditionellen Rentierzuchtgebieten endlich aufhört. Kahlschläge entziehen diesen Menschen ihre Lebensgrundlage weil die Tiere, die sich das Jahr über in den Wälder frei bewegen dürfen, nichts mehr zu fressen finden. Greenpeace hat viele Aktionen zum Schutz dieses einmaligen Naturerbes unternommen. Ich erinnere mich an ein Urwaldcamp während des eisigen finnischen Winters. Wochenlang haben die Aktivisten dort in ihren Zelten auf den Zufahrstraßen ausgeharrt um die Kahlschlagmaschinen zu stoppen. Ehrenamtliche Greenpeacer haben ein Urwaldpostamt gegründet wo sie unzählige Unterschriften sammelten und kreuz und quer durch die Republik gelaufen sind. Da ein Großteil des Holzes für den deutschen Zeitschriftenmarkt verwendet wird, hat Greenpeace immer wieder Firmenleiter der Verlage und Papierhändler zu Begehungen in die bedrohten Wälder geladen. Sogar vor der UNO Menschenrechtskommision ist die Sache gelandet, weil die Sami erfolgreich die Bedrohung ihrer Kultur und Tradition darstellen konnten. Vor einigen Monaten kam dann endlich nach elf langen Jahren der Durchbruch. Metsähallitus erklärte ein zwanzig Jähriges Moratorium auf über hunderttausend Hektar der Wälder rund um den Inarisee.

Ein grandioser Sieg. Zwanzig Jahre keine Kettensägen mehr in diesen Urwäldern. Jeder ist sich Sicher, dass es in zwanzig Jahren politisch sowieseo nicht mehr durchsetzbar ist Urwälder einzuschlagen. Jarmo meint sogar das man ganz kurz davor steht ein allgemeines Rohdungsverbot für die verbliebenen finnischen Urwälder zu erreichen. Bei all den vielen Verbrechen, die der Mensch tagein tagaus an unserem Planeten verübt, ist diese Nachricht mal eine schöne Wendung gewesen und zeigt das Einsatz sich auch immer wieder lohnt. Mit einen guten Gefühl im Bauch habe ich die Herbsttage in einem der letzten Naturparadiese Europas genossen.

Vor dem Frost 20.09.2010

Eines der sinnlichsten Naturerlebnisse sind Streifzüge durch herbstlich gefärbte Wälder. Besonders eindrucksvoll ist das hier oben in Lappland. Die Birken hüllen sich in ein goldenes Gewand und die Waldböden erstrahlen in tiefen Rot. Im Kontrast dazu steht das immerwährende Grün der Kiefern und Fichten und bei etwas Glück leuchtet der tiefblaue Himmel. Weiße Knöllchenwolken ziehen friedlich über den Horizont und eine sanfte Herbstsonne hüllt die ganze Szenerie in ein weiches Licht. Dazu ist es absolut windstill. Soviel zur Theorie.

Ich habe in den letzten Tagen meine Pläne immer wieder verändert und verworfen, weil das Wetter nicht so wollte wie ich es gern hätte. Das richtige Licht ist neben dem Motiv die Hauptzutat im Rezept der Fotoküche. Nun habe ich gelernt dass sich die Blätter der Bäume und der Waldboden nicht zwangsläufig gleichzeitig verfärben. Die Birken beginnen inzwischen schon ihre goldgelben Blätter durch die stärker werdenden Winde zu verlieren. Die vielen Beerensträucher und Moose befinden sich bis heute nur an wenigen Standorten im Jahreszeitlich angemessenen Farbenkleid. Es ist für die Bodendecker einfach zu warm. Sie brauchen eine Frostnacht um ihre Umwandlung durchzuführen und die hat bisher gefehlt.

Vergangene Woche war ich auf Einladung des finnischen Fotografen Lassi Rautiainen Gastreferent auf einem Naturfotofestival in Kuusamo in Mittelfinnland. Es hat Spaß gemacht Kollegen aus ganz Europa zu treffen. Ein Wochenende habe ich das Vortragsfeeling gespürt welches für mich ab November wieder für lange Zeit Alltag werden wird, wenn die große „Wilde Wälder“ Tournee beginnt. Aus oben beschriebenen Gründen bin ich nicht sofort zu den Urwäldern am Inari See zurückgefahren sondern habe diverse Erkundungstouren in kleine Urwaldreste rund um Kuusamo unternommen. Besonders in der Grenzregion zu Russland sind kleine Fleckchen Wald von der Holzernte verschont geblieben und stehen unter Schutz.

So wunderschön diese Relikte aus der ehemaligen Wildnis sind, so frustrierend wirkt die lange Anfahrt auf den endlosen Forststraßen die in den vergangenen dreißig Jahren in die letzten Winkel dieses Landes getrieben wurden. Wohin man Blickt sieht man Kahlschläge. Kleine Ministreifen alten Waldes werden ausgespart. Wo einst ein gesunder Mischwald die sanften Hügel zwischen den Mooren und Seen bedeckte wächst nach dem Kettensägenmassaker in der Regel ein monotoner Kiefernforst. Dieser dient dann zur Sättigung unseres immer größer werdenden Papierhungers. Wenn man bedenkt dass wir Europäer heutzutage achtmal soviel Papier verbrauchen wie noch unsere Großeltern in den Fünfzigern, dann muss man sich schon mal fragen wie es kommen konnte das wir so verschwenderisch wurden.

Dazu passiert dies in Zeiten, in denen es durch die Digitalisierung eigentlich genau anders herum laufen müsste. Was mich dabei besonders ärgert ist die Tatsache, dass Produkte aus Wald- und Klimafreundlichem Recyclingmaterial in den vergangenen zwanzig Jahren praktisch aus den Regalen der Supermärkte und Drogerien verschwunden sind. Zu meiner Schulzeit war ein stattlicher Teil der Hefte mit dem „Blauen Engel“ ausgezeichnetes Umweltpapier. Heute muss man regelrecht nach diesen Produkten suchen. Taschentücher aus umweltfreundlichem Material sind praktisch ausgestorben. Noch heute argumentieren viele Menschen dass sie es gerne weich haben wenn sie sich ihre Ausscheidungen vom Körper wischen. Ich bin sicher das zukünftige Generationen sie für diesen degenerierten Lebenswandel hassen werden. Zumal sich die Produkte aus frischen Zellstoff nur noch Marginal von denen aus recyceltem Material unterscheiden. Keiner muss Angst haben sich den „Arsch aufzureißen“ wenn er sich mit Ressourcenschonendem Klopapier den Allerwertesten abwischt. Ja man hat viel Zeit zum Nachdenken wenn man wandert. Stundenlang stapfe ich durchs Unterholz.

Oft sind die Böden durch dicke Moosschichten so weich wie ein Wasserbett. Immer wieder sehe ich frische Spuren von Elchen und ab und zu schrecke ich Birkhühner auf. Die Tiere nehmen mich in der Regel wahr bevor ich sie sehe. Selbst wenn man völlig Lautlos durch den Wald läuft machen die Reibungsgeräusche der Kleidung und der Stiefel einen Höllenlärm in der Lautlosigkeit der Natur. Immer wieder regnet es. Für Bilder die ich innerhalb des Waldes mache ist dies, sofern man den störenden Kontrast des Himmels aus dem Motiv lässt, nicht weiter schlimm. Nur das Fotografieren selbst wird dabei erschwert. Zumal ich bisher immer dann, wenn es Nass wurde, den kleinen Regenschirm im Auto vergessen habe. Mit ihm könnte man die Kamera wunderbar trocken halten.

Ernsthaft verlaufen kann man sich hier in den Kuusamo Urwäldern nicht. Zur Orientierung habe ich immer eine Karte und einen Kompass dabei. Außerdem sind die Gebiete relativ klein. Sobald man ein Waldschutzgebiet verlässt merkt man das sofort. Zuerst steigt man über durch Windbruch umgefallene Baumriesen. Wie mit einem Lineal vermessen, wurden alle Bäume bis unmittelbar an die Gebietsgrenze gefällt. Damit sind die außen stehenden Reihen innerhalb des Reservates den Winden schutzlos ausgeliefert. Das Ergebnis sind hunderte umgefallener gesunder Fichten, Kiefern und Birken. Auf den aufgerissenen Böden des Erntegebietes wachsen die ersten kleinen Kiefern in Reih und Glied. Die Vielfalt der Flora und der Zauber der Schönheit werden hier wohl für immer verloren sein. Ich will mich gar nicht gegen die Nutzung von Holz aussprechen. Holz ist ein sagenhafter Rohstoff. Vor allen Dingen ist er nachhaltig, weil er zumindest in unseren Breitengraden, nachwächst. Nur das Verhältnis, wie wir allgemein Rohstoffe auf diesem Planeten nutzen, steht für mich in keinem Verhältnis mehr. Unsere Gier hat uns jedes Maß verlieren lassen und wir haben den Spruch „macht euch die Erde untertan“ viel zu wörtlich genommen.

Tanz der stummen Geister 09.09.2010

Wie im normalen Alltag so ist es auch in der Naturfotografie eine Freude, wenn Einem etwas zuteil wird, mit dem man eigentlich gar nicht gerechnet hat. So ist es mir und Elfriede in  unserer letzten Nacht am Inari See ergangen. Dazu später mehr. Begonnen hat das Abenteuer bei Jarmo Pyykkö einem Freund und Greenpeace Kollegen, der nahe des Städtchens Inari gerade dabei ist eine Blockhaus-Sauna auf seinem Grundstück zu bauen. Jarmo kenne ich noch aus der Zeit meiner Arbeit am „Planet der Wälder“ Projekt. Die Region um den Inari See im finnischen Teil von Lappland liegt etwa 300 km oberhalb des Polarkreises und ist die einzige thematische Überschneidung die mein altes Thema mit den „Wilden Wäldern Europas“ hat. Hier oben gibt es noch Urwälder.

Alter Wald weckt auch heute noch Begehrlichkeiten. Obwohl auch in Finnland schon 98 Prozent aller Bäume in Forst verwandelt wurde, lastete bis heute großer Druck auf diesen letzten Oasen der Artenvielfalt. Der staatliche Konzern Metsähallitus hat bis dato den einmaligen Wert dieser Überbleibsel echter Wildnis nicht erkannt und so wurden die Harvester immer wieder gnadenlos in die Wälder gefahren. Greenpeace hat vor über elf Jahren damit begonnen die hier lebende Urbevölkerung, das Volk der Sami, bei ihrem Kampf um den Wald zu unterstützen. Die Sami sind seit jeher Rentierzüchter und brauchen intakte Urwälder für Ihre Tiere als Lebensraum und Nahrungsressource. Jarmo ist einer der wenigen aus der lokalen finnischen Bevölkerung der den Mut hat gegen die mächtigen Gegner aufzustehen und sich ganz klar für den Waldschutz zu positionieren. Die bedrohten Bäume liegen weit verstreut um die Ufer des Inari Sees. Dieser ist aus meiner Sicht ein wirkliches Naturwunder.

Durch Gletscher geformt ist hier im Laufe von Jahrmillionen eine Seenlandschaft entstanden die Seinesgleichen sucht. Auf einer Fläche etwa Doppel so groß wie der Bodensee erheben sich hier bis zu dreitausend Inseln und Inselchen. Deshalb erscheint einem die Region auch manchmal eher als ein Labyrinth aus Wasserstraßen als eine offene Seefläche. Bewachsen sind die Inseln und Ufer mit altem Kiefernwald und die Böden sind von zahlreichen Beerensträuchern, Moosen und Flechten überzogen. Ich freue mich sehr dass uns Jarmo ein weiteres Mal eines seiner selbstgebauten Boote zur Verfügung stellt. So bekommen wir die Möglichkeit diese Wunderwelt zu erkunden. Das Boot ist mit Rudern und einem kleinen Segel ausgestattet, welches uns ein lautloses Vorwärtskommen ermöglicht. Muss es schnell gehen können wir jederzeit einen kleinen Motor anschmeißen und beim Fotografieren dem Licht hinterherfahren. Es weht meist eine ganz leichte Brise und so können wir über den See gleiten ohne allzu stark rudern zu müssen. Die vereinzelten Birken zeigen schon deutliche Anzeichen herbstlicher Färbung. Da es aber bisher keine Frostnacht gegeben hat sind die mit Beeren überzogenen Waldböden fast alle noch Grün.

Das ist Schade, denn der volle Zauber dieser Natur wird erst entfaltet wenn die Erde praktisch mit roter Farbe überzogen ist. Wir haben vier Tage Zeit. Da die fotografischen Bedingungen noch nicht perfekt sind konzentrieren wir uns auf das Erkunden schöner Aufnahmepositionen. Leider geht Elfriedes Zeit hier im hohen Norden zu Ende und ich werde sie nach dieser Bootsfahrt zum Flughafen bringen müssen. Zum Glück habe ich genug Zeit um auf die richtig bunten Tage zu warten. Das hoffe ich zumindest. Genau wissen was die Natur macht kann man natürlich nicht. Nur ganz selten begegnen uns andere Menschen. Ab und zu kreuzt unseren Weg ein kleines Fischerboot oder ein Ausflugsschiff. Die meiste Zeit sind wir völlig Allein. In den ersten drei Nächten waren Blockhütten unser Lager. Doch in der letzten Nacht kündigt sich ein völlig wolkenloser Himmel an. Während des Tages haben wir eine winzige baumfreie Insel entdeckt. Wir entschließen uns das Eiland anzusteuern und ohne Zelt nur in Schlafsäcke gehüllt unter dem Sternenmeer zu schlafen. Solange kein starker Wind aufkommt sind die Temperaturen sicherlich erträglich, obwohl wolkenfreie Nächte natürlich recht frisch sind. Wir erleben den Sonnenuntergang am Lagerfeuer. Zu allen Seiten sind wir von Inseln, Wald und Wasser umgeben. Nach und nach erscheinen vereinzelte Sterne am Firmament.

An einem Ende des Horizontes beginnt es noch während des letzten Abendrotes leicht zu schimmern. Ich bin sofort hellwach. Können das Nordlichter sein? Bisher dachte ich immer es müsste Saukalt sein um Diese zu sehen. Scheinbar reicht ein kristallklarer Nachthimmel, denn nach einiger Zeit gibt es keinen Zweifel mehr. Die Schleier tanzen am Horizont. Es ist die Aurora Borealis, das wunderbare Nordlicht. Wenn elektrisch geladene Teilchen des Sonnenwindes auf die Erdatmosphäre treffen, regen sie die dort vorhandenen Luftmoleküle zum Leuchten an und bescheren dem staunenden Betrachter ein unvergessliches Naturschauspiel. Elfriede erlebt das Spektakel warm eingehüllt in ihren Schlafsack aus der liegenden Perspektive. Ich erfreue mich an unverhofften Supermotiven, denn am Horizont macht ein minimales Restlicht die Landschaft des Inari Sees durch die Langzeitbelichtung wieder sichtbar.

Ich stelle die Nikon auf eine Empfindlichkeit von 800 – 1000 ASA und achte darauf das die Belichtungszeit nicht länger als 12 Sekunden beträgt. Denn dann werden die Sterne nicht mehr als Punkte sondern durch ihre Bewegung, als Linien abgebildet. Die Lichter tanzen vor dem Sternenmeer und verändern ständig ihre Form. Gespenstern gleich huschen sie in völliger Lautlosigkeit vor der Kulisse des unendlichen Universums. Es sind die schönsten und intensivsten Polarlichter die ich jemals gesehen habe. Noch vor Mitternacht ist alles vorbei und ich versinke in einen kurzen unruhigen Schlaf. In weniger als fünf Stunden beginnt die Dämmerung. Da muss der engagierte Naturfotograf wieder bereit stehen – was er auch gerne tun wird. Für Elfriede war dies ein wunderbarer Abschluss unserer fast vierwöchigen gemeinsamen Skandinavienreise. Ich werde die kommenden Tage genau verfolgen wie sich der Herbst in Finnland entwickeln wird. Es steckt noch viel fotografisches Potential in dieser wunderbaren Natur.

Adleraugen 13.03.2010

Wehmütig nehme ich Abschied vom finnischen Winter. Nach der erfolgreichen Begegnung mit dem Bartkauz habe ich mich die vergangenen Tage intensiv mit der Fotografie von Steinadlern beschäftigt. Adler sind imposante Tiere, ihre Flügelspannweite kann bis zu 2,30 Meter betragen. Wobei die ausgewachsenen Weibchen in der Regel etwas größer sind als ihre männlichen Artgenossen.

Steinadler  2816

Bei uns in Deutschland haben die Steinadler nur in den Bergregionen der Alpen überlebt. Sie galten über Jahrhunderte als Fressfeinde von Nutztieren und wurden gnadenlos gejagt. Sie sind keine reinen Waldbewohner. Die Vögel bauen ihren Horst nicht nur in die Wipfel alter Bäume sondern auch gerne unter Felsüberhänge, was ihnen bei uns das Überleben ermöglicht hat. Weltweit schätzt man die Anzahl der Steinadler auf 250.000 Tiere. Deshalb ist die Art auch als „nicht gefährdet“ eingestuft. Die Aufgabe war in vielerlei Hinsicht aufregend. Lassi Rautiainen hat vor zehn Jahren auf einer Anhöhe ein Fotoversteck eingerichtet, das sich in der Nähe eines Nistplatzes befindet. Blickt man von hier nach Süden, sieht man die Schlucht des Oulanka Nationalparks. Sieben mal bin ich früh morgens den Pfad durch den Wald marschiert. Schneeschuhe verhindern das knietiefe Einsinken im weichen Pulverschnee. Der Anstieg ist mit all der Fotoausrüstung auf dem Rücken trotzdem ein kerniger Frühsport. Ich passiere einen alten Baumbestand, der zumindest in den ersten Tagen, noch mit viel Schnee bedeckt ist.

Als ich die Schutzhütte erreiche setze ich zuerst die kleine Ölheizung in Gang, was die folgende stundenlange Warterei gemütlich und erträglich macht. Danach befreie ich die vermeintliche „Jagdbeute“ der Tiere vom Schnee welchen ich am Vorabend aufgeschüttet habe. Die Adler sollen schließlich dann fressen wenn die Kamera einsatzbereit ist, und nicht eine halbe Stunde vor meiner Ankunft. Natürlich ist die Bereitstellung einer Nahrungsquelle Voraussetzung für ein erfolgreiches Foto. Kein Adler würde sich sonst vor die Kamera bewegen. Die ersten vier Tage ist mein Lockmittel ein großer weißer Hase dem eine Straßenüberquerung zum Verhängnis wurde. Später lege ich Schweinestücke in den Schnee. Währen der Hase als natürliche Beute des Adlers offen ins Bild passt verstecke ich die tote Sau hinter einer Schneewehe. Mit der Axt hacke ich jeden Morgen kleine Kerben in den gefrorenen Körper. Dies erleichtert dem Adler die Nahrungsaufnahme. Dann richte ich die Kamera aus. Hier beginnen nun ungeahnte Schwierigkeiten. Denn es ist wirklich richtig anspruchsvoll hochwertige Fotos von Adlern zu machen. Auf jeden Fall sollte der Vogel auf irgendeine Art seine imposanten Flügel ausgebreitet haben. Sitzt er erst mal auf der Beute sieht er nicht sehr viel spannender aus als ein großes Huhn. Während des eigentlichen Fressvorganges passiert in der Regel wenig und die Bildmöglichkeiten sind schnell erschöpft. Es gilt ihn im Anflug zu erwischen wenn er über seine Beute herfällt. In diesen Momenten streckt er seine Krallen vor und die Flügel sind majestätisch erhoben.

Das sind allenfalls Sekunden die einem zur Verfügung stehen. Wer glaubt die Kamera von Hand mitziehen zu können, den Anflug des Alders zu verfolgen und immer den Schärfepunkt zu erwischen, wird in den allermeisten Fällen tief frustriert in den Feierabend ziehen. Ich könnte diesen Blog ganz locker mit Bildern von tollen Adlerpositionen füllen, in denen das Tier komplett unscharf ist. Beim Gedanken an den einen oder anderen Fehler habe ich immer noch Bauchweh. Meist habe ich die Schärfe manuell auf einen Fixpunkt gestellt, an der ich den Adler im Anflug vermutete. In solch einer Situation bin ich an die Grenzen meiner Nikon D3x gestoßen. Die macht zwar mit 24 Megapixeln tolle und vor allem große Fotos, ist aber aufgrund der hohen Datenmenge nicht die schnellste Kamera. Ich habe mir von Lassi eine Nikon D3 geliehen. Die hat zwar nur halb so viele Pixel, macht aber mehr als 5 Bilder pro Sekunde. In meiner Aufnahmesituation kann dies erfolgsentscheidend sein. Meist kam das Adlerpärchen am frühen Nachmittag. Mal fraßen sie Beide, mal nur Einer von Ihnen. Mal kamen sie am Morgen, mal kamen sie gar nicht. Meist saßen sie vorher stundenlang auf einem Baum rechts von mir, bevor sie hinab flogen. Manchmal flogen sie aber auch nach Links und stießen schon nach wenigen Sekunden auf die Beute herab. Immer wenn ich dachte jede Situation schon erlebt zu haben, passierte wieder was Neues und die Chance die Aufnahme zu versieben war groß. An zwei Tagen habe ich erlebt wie ein dritter Adler ins Revier des Pärchens eingedrungen ist. Adler dulden keine Artgenossen in ihrem Gebiet. Der mir sehr willkommene neue Motivgeber wurde schnell wieder vertrieben. Am dichtesten dran am „Superfoto“ war ich eines sonnigen Morgens. Eine Elster begann den fressenden Adler zu ärgern, indem sie immer wieder um ihn herum hüpfte. An der Beute konnte er kein Interesse haben, denn der kleinere Vogel war schon lange vor der Ankunft des Adlers vor Ort. Immer wieder sprang er in Richtung des größeren Verwandten. Ich habe die komplette Sequenz, wie der König der Lüfte den kleinen Ganoven vertrieben hat, mit der Kamera festgehalten.

Leider ist das Tier mit voll ausgebreiteten Schwingen um so vieles Größer, dass die Flügel auf den dramatischsten Bildern angeschnitten wurden. Das Ganze spielte sich in Sekundenbruchteilen ab, ein manuelles Verschieben des Bildausschnittes wäre unmöglich gewesen. Ein Fotograf der sich auf Tierfotos spezialisiert hat, hätte die Situation wahrscheinlich vorausgeahnt. So bleibt mir mal wieder der Trost mit jeder Situation dazuzulernen. Die sprichwörtlichen Adleraugen haben mir in der wohl besten Situation einen Strich durch die Rechnung gemacht. Ein einziges Mal in den sieben Tagen ist der Adler von gegenüber genau auf mich zugeflogen. Ich hatte alles perfekt geplant. Die Schärfe war einen halben Meter vor der Beute im „Landemoment“ fixiert. Das Tier wäre formatfüllend mit perfekter Haltung über der Beute gelandet. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon sechs Stunden des Wartens hinter mir, und war so angespannt und fixiert den entscheidenden Moment nicht zu verpassen, dass ich zu früh begonnen habe auf den Auslöser zu drücken. Das Tier war noch weit außerhalb meines Schärfebereiches und hat die Bewegung der Blende gesehen. Während des Fluges nehmen die Tiere noch alles wahr, erst bei der Landung konzentrieren sie sich auf die Beute. So ist der Adler nicht gelandet sondern links aus dem Bildausschnitt geflogen. In diesem Moment hätte ich vor Wut auf mich, laut aufschreien können. Ganz nah dran, und doch versagt. So bin ich nun mit schwerem Herzen nach Hause gefahren. Wenn man sich so intensiv mit einer Sache beschäftigt, hat man natürlich den Anspruch das bestmögliche Bild zu erstellen, das einem möglich erscheint. Dies ist mir definitiv nicht gelungen. Trotzdem sind schöne Fotos entstanden, die das neue Projekt bereichern. Ich habe bei Lassi viel gelernt und nehme gerne weitere Begegnungen mit der Tierwelt in meinen Arbeitsbereich auf.

Jäger und Gejagte 03.03.2010

Seit fünf Tagen fällt ununterbrochen Schnee auf die Erde. Die Bäume krümmen sich unter dem Gewicht der weißen Pracht. Die Tiere des Waldes durchleben schwere Zeiten. Ihre Nahrung ist oft unerreichbar unter einer meterdicken Schneeschicht verborgen. Am dritten Tag in Finnland wird ein fotografischer Traum für mich war. Der harte Winter treibt eine der faszinierendsten Wildtiere aus den tiefen der Wälder in die Nähe von menschlichen Ansiedlungen. Wie ein Lauffeuer hat es sich unter Finnlands Naturfotografen herumgesprochen, dass eine große Graueule, auch Bartkauz genannt, nahe einer Farm gesichtet worden ist. Ich bin zu Gast bei Lassi Rautiainen um Adler in seinen Fotoverstecken zu fotografieren. Natürlich hat auch Lassi von der Eule gehört und so komme ich in den Genuss eines ganz besonderen fotografischen Abenteuers.

Bartkauz  1198

Die Eule sitzt nahe eines aufgegebenen Farmhauses auf einem Baum, als wir als Erste das Gelände erreichen. Mit weit geöffneten Augen blickt sie über die geschlossene Schneedecke. Bartkauze fressen Mäuse. Doch diese dringen in diesen Tagen nur sehr selten an die Oberfläche. Die Tiere haben Hunger. Wohl auch deswegen lassen sie sich bei ihrer Suche nach Nahrung kaum durch uns Besucher stören. Ich bin wirklich begeistert von der Schönheit dieses Tieres. Es sieht beeindruckend aus, wenn sie in Sekundenbruchteilen ihren Kopf nach hinten drehen, ohne dass der Rest des Körpers sich bewegt.

Bartkauz  1200

Die Augen der Eule sind recht klein, doch durch ihre markanten Gefiederkreise um die Augen wirken sie riesengroß. Keine Bewegung scheint ihr zu entgehen. Ich stehe mit Lassi knapp 20 Meter vom Bartkauz entfernt als sich dieser plötzlich abstößt und direkt neben uns vorbeischießt. Die Maus, die neben uns die frische Luft genießen wollte, hat keine Chance. Präzise greifen die Klauen nach dem kleinen Nager. Sekunden später ist die Eule im Wald verschwunden. Hier zeigt sich nun die ganze Klasse eines Lassi Rautiainen, der seit über dreißig Jahren in diesen Wäldern Tiere fotografiert. Ich war so überrumpelt, dass ich kaum meine Kamera nachziehen geschweige denn auf die Eule Scharfstellen konnte. Lassi hat mit einem kompakten Objektiv ohne Stativ den ganzen Vorgang mit einer Salve Auslöser festgehalten. Knallscharfe Bilder zeigen die letzten Sekundenbruchteile im Leben einer Maus. Mit solchen Wahnsinnsbildern gewinnt man Wettbewerbe. Ich tröste mich damit, dass ich an diesem Tag eine ganze Menge lerne. Es ist entscheidend die Gestik der Tiere zu kennen und ihre Aktionen zu erahnen. Dabei muss man nicht selten seine Konzentration über lange Zeiträume aufrecht halten. Alles verdichtet sich auf wenige Augenblicke, wer die verpennt, der hat verloren. Inzwischen sind auch andere Fotografen eingetroffen und viele tausend Euro Fotomaterial ist auf das Tier gerichtet, das nach einem Mahl wieder zum Vorschein kommt.

Bartkauz  1199

Den ganzen Tag verfolgen wir das Tier dabei, wie es versucht, seinen Hunger zu stillen. Mir gelingen schöne Portraits der Eule, eingebettet in einen herrlich verschneiten Wald. Doch die Königsklasse sind Bilder von Tieren in Bewegung. Besonders bei den Eulen kommt die wahre Schönheit des Gefieders erst zur Geltung wenn sie ihre Flügel ausbreiten. Am nächsten Tag sollte ich eine weitere Chance bekommen. Dreizehn Fotografen freuen sich auf einen Besuch bei einem alten Ehepaar, auf dessen Veranda eine Eule sitzt und darauf wartet, dass sich die Mäuse aus dem Keller an die Oberfläche wagen. Soviel Aufmerksamkeit ist dann doch auch dieser von Hunger geplagten Kreatur zu viel. Sie fliegt zum nahegelegenen Waldrand und positioniert sich perfekt vor einer verschneiten Freifläche. Was nun passiert ist wirklich Adrenalin pur für jeden Naturfotografen.

Bartkauz  1201

Mit einem genialen Trick bringen meine Finnischen Kollegen den Bartkauz dazu, das eine oder andere Mal über die Freifläche zu fliegen. Das Tier stillt dabei seinen Hunger und wir Fotografen haben nun mit der richtigen Wahl des Standpunktes und der perfekten Beherrschung unserer Geräte die Möglichkeit zum Volltreffer.

Bartkauz  1202

Da auch Zauberer ihre Tricks nicht verraten, werde ich über den genauen Ablauf der Aktion den Mantel des Schweigens hüllen. Das war wieder eines jener tollen Erlebnisse, die einen vergessen machen, dass man acht Stunden am Stück im Schneetreiben steht, sich bis zur Erschöpfung durch den Tiefschnee kämpft und viele Male einfach kein Glück hat. Ich freue mich auf die Tage die vor mir liegen.

Kleine Siege und ein dummer Fehler 20.11.2009

Ich bin auf dem Rückweg zur Vortragstour nach Deutschland und überlege ob es sich gelohnt hat, im November nach Finnland zu reisen. Definitiv habe ich nicht die Fotos, die ich mir im besten Fall gewünscht habe. Der beste Fall tritt aber praktisch nie ein. Ich habe dafür einige andere schöne Motive vor die Kamera bekommen und bin deshalb im Großen und Ganzen recht zufrieden. Außerdem habe ich mal wieder eine ganze Menge gelernt. Vor drei Tagen bin ich mit Olli von Kusamo ungefähr 100 km durch das südliche Lappland nach Westen gefahren. Es war noch dunkel als wir das Naturschutzgebiet Korouoma erreicht haben. Ungefähr eine halbe Stunde sind wir auf alten Rentierpfaden durch den Wald marschiert. Olli erzählt mir, dass die Tiere diese Wege schon seit Jahrhunderten nutzen. Einmal sehen wir auch in der Ferne eines durch Unterholz huschen. Viele der Tiere haben Glocken um, damit sie von ihren Züchtern besser gefunden werden können. In der Realität darf sich nur eine Minderheit der Tiere frei im Wald bewegen. Viele werden eingezäunt gehalten und mit künstlichem Futter ernährt. Laut Olli sind es im Raum Kusamo nur noch fünf Familien die wirklich von der Rentierzucht leben. Die restlichen Züchter betreiben es als Hobby. Es gibt insgesamt zu viele Rentiere in den Wäldern, was den natürlichen Kreislauf des Ökosystems durcheinander bringt. Ich erfahre von Olli, dass erst kürzlich drei Wölfe von aufgebrachten Züchtern erschossen wurden, weil sie hunderte von Rentieren gerissen haben. Das ist sehr traurig. Der Mensch bringt die natürlichen Abläufe aus dem Gleichgewicht und lässt dann diejenigen büßen, die sich diesen Gegebenheiten nicht anpassen können. Wir sind wirklich die Krönung der Schöpfung. Im ersten Dämmerlicht erreichen wir das Fotoversteck. Es liegt direkt an der Abbruchkante oberhalb eines tiefen Canyons. Unter uns breitet sich eine schöne Flusslandschaft aus. Die Hänge sind zum Teil bewaldet und an den Felsvorsprüngen mit dicken Eiswänden überzogen. Das Fotoversteck wurde von einem Freund Lassis gebaut, um Schwarzspechte zu fotografieren.

Korouoma Nov- 2009  4856

Aber auch ein Adler soll sich hier in unmittelbarer Nähe neben dem Unterstand blicken lassen. Grund dafür ist der Leichnam eines Waschbären, der keine sechs Meter neben dem Fotoversteck auf einem Stein liegt. Das Gelände ist nur zur Schlucht hin offen. Rechts und links stehen dichte Baumreihen. Olli und ich können schwer glauben, dass sich das Tier so nahe an den Unterstand trauen soll. Wenn man ein Fotoversteck betritt muss man zuerst entscheiden in welche Richtung man welches Objektiv richtet. Sind größere Tiere wie der Adler erst angekommen ist ein Tausch unmöglich. Ich entscheide mich mein 200-400 mm Zoom Objektiv nach vorne zur Schlucht hin zu richten, um die kleineren Vögel flexibel ablichten zu können. Das 500mm zeigt Format füllend auf den toten Waschbär, rechts von uns. Ein größerer Bildausschnitt ist sowieso nicht sinnvoll, da ein großer Baum das Bildfeld stark einschränkt. Es macht Spaß mit Olli auf die Vögel zu warten. Lange bleiben wir auch nicht allein.

Korouoma Nov- 2009  4854

Neu für mich sind die Haubenmeisen, die neben den Buntspechten und den Unglückshähern eigentlich den ganzen Tag um den Unterstand flattern und die ausgelegten Nüsse und Fettstreifen essen. Alle zwei Stunden kommt dann tatsächlich ein Schwarzspecht vorbei. Er ist viel größer als sein bunter Kollege. Wäre da nicht die feuerrote Kopfhaube könnte man ihn flüchtig mit einem Raben verwechseln. Gegen Mittag ist es wiederum ein Eichhörnchen, das uns die Zeit vertreibt.

Korouoma Nov- 2009  4855

Der Himmel bleibt den ganzen Tag bedeckt. Farben kommen nur im Gefieder der Vögel vor und im Grün und Braun unmittelbar um uns wachsender Bäume. Die Schlucht bleibt eine Masse aus hellen und dunklen Grautönen. Olli erzählt mir, dass vor vielen Jahren dieser Fluss, der sich so friedlich unter uns durch sein Bett schlängelt, aufgestaut wurde, um große Baumstämme aus dem Wald in die Sägewerke zu treiben. Das war noch vor der Zeit der Lastwagen. Bevor Finnland mit einem Netz aus hunderttausenden Kilometer Forststraßen überzogen wurde, um auch den letzten Winkel des Waldes zu kommerzialisieren. Zumindest hier in dieser Schlucht hat die Natur heutzutage ihre Ruhe. Stunde um Stunde vergeht. Da es ab halb Drei am Nachmittag schon wieder zu dunkel ist um gute Bilder zu machen, glaubt von uns um kurz vor Zwei keiner mehr an die Mär vom nahenden Adler. Bis er plötzlich aus dem Nichts einfach da ist. Direkt auf dem Waschbären steht er und schaut aufmerksam in die Runde.

Korouoma Nov- 2009  4853

Olli gibt mir ein Zeichen, nun absolut still und bewegungslos zu verharren. Jeder noch so kleine Mucks könnte ihn sofort wieder verjagen. Es ist ein Steinadler. Nach zwei Minuten scheint sein Misstrauen etwas nachzulassen und der Hunger gewinnt die Oberhand. Er beginnt mit kräftigen Bissen, Fleischstücke aus seiner Beute zu reißen. Ich beginne vorsichtig auf den Auslöser zu drücken. Viele Möglichkeiten zur Bildgestaltung habe ich nicht. Ich konzentriere mich darauf, dass das Auge des Tieres scharf abgelichtet ist. Wegen der schlechten Lichtverhältnisse muss ich mit offener Blende arbeiten, was bei einem 500mm Objektiv auf diese kurze Distanz eine extrem geringe Tiefenschärfe zur Folge hat. Ist das Auge des Modells unscharf, ist das Foto praktisch unbrauchbar. Dabei ist es egal ob man ein Tier oder einen Menschen fotografiert. Zufrieden setze ich Olli am Abend in Kusamo ab. Nun habe ich zu entscheiden wie ich den letzten Tag meines Finnlandaufenthaltes fülle. Ich kann nochmals an dieselbe Stelle zurückkehren wo ich heute mit Olli war, oder beim vorigen Standort, am Oulanka Nationalpark, mein Geraffel aufbauen. Dieser Ort ist eigentlich ideal. Dummerweise ist aber an den zwei Tagen, die ich hier gewartet habe, kein Adler aufgetaucht. Ich entscheide mich trotzdem für das Oulankaversteck. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ich lege ein totes Eichhörnchen auf eine verschneite Wurzel ungefähr in fünfzehn Meter Entfernung vom Fotoversteck. Dahinter wächst ein Baum, den laut Olli die Adler zuerst anfliegen, um die Lage zu erkunden. Ideal, um von dort den Anflug auf das Hörnchen aufzunehmen. (Ich habe übrigens gefragt, woher Olli die Tiere hat. Ich war sehr erleichtert, dass es sich um sogenannte „Roadkills“ handelt, also Tiere, die im Straßenverkehr umgekommen sind. Das geistige Bild von geheimen Farmen, die unter schlimmen Bedingungen Lockfutter für Naturfotografen züchten, kann ich somit auflösen.) Etwas weiter rechts liegt das große Schwein, das die Tiere generell an den Platz locken soll. Ich habe also drei Möglichkeiten meine zwei langen Objektive auszurichten. Wieder eine Entscheidung. Ich richte meine Linsen auf den Baum und das Hörnchen. Dann warte ich. Ich lasse mich weder von den kleinen Vögeln noch von einem Eichhörnchen ablenken, um keinerlei verdächtige Bewegungen zu erzeugen. Ein aus meinem Blickfeld kreisender Adler könnte diese Sehen und auf einen Besuch verzichten. Den ganzen Tag passiert nichts. Kurz vor der Dämmerung ist er dann plötzlich da. Er kommt direkt aus dem Wald und landet auf dem Schwein. Beide Objektive zeigen munter in die falsche Richtung. Ich zwinge mich, ruhig zu bleiben und erst nach einer Minute, viel zu früh, versuche ich das Objektiv ganz ganz ganz langsam wenige Millimeter nach rechts zu bewegen. Da das Objektiv aber recht groß ist und mein Stativkopf nach dem Öffnen etwas ruckelt, scheint der Versuch unauffällig zu bleiben, gehörig zu misslingen. Als ich einen Augenblick später wieder durch die Glasöffnung blicke ist das Tier schon verschwunden. Jeder kann sich wohl denken was man in solch einem Moment fühlt. So ein großer Aufwand und in einem Augenblick ist alles vorbei. Jetzt weiß ich auch warum man immer von den „Adleraugen“ spricht. Ein gewisses Frustgefühl kann ich an diesem Abend, als ich mit dem Auto wieder Richtung Süden fahre, nicht unterdrücken. Ich übernachte nochmals in Lassis Fotoversteck im Niemandland. Doch die Hoffnung auf ein Rudel Wölfe am nächsten Morgen erfüllt sich nicht. Zeit zur Heimreise. Inzwischen hat es deutliche Plusgrade. Der Schnee ist von den Bäumen verschwunden und Flüsse und Seen sind wieder ziemlich eisfrei. Der eigentliche Winter kommt erst noch und ich freue mich, dass ich im kommenden Februar nochmals die Möglichkeit habe, die hier gemachten Erfahrungen in gute Fotos umzusetzen.

Hörnchentage 16.11.2009

Pünktlich um acht Uhr holt mich Olli vor dem Hotel ab. Wir fahren gemeinsam eine knappe Stunde weiter nach Norden an den Rand des Oulanka Nationalparks. Dieser schützt einen wunderbaren Flusslauf welcher sich durch tiefe Schluchten windet. Es ist heute spürbar wärmer als noch vor zwei Tagen im Süden. Ein leichter Nieselregen macht mir kaum Hoffnung auf schöne Winterbilder. Wir sind hier knapp unterhalb des Polarkreises. Die Tage sind nochmals kürzer. Olli hat sich auf Vogelbeobachtungen spezialisiert. Er führt Fotografen und Naturfreunde zu den Tieren im Wald. Wir fahren entlang des Oulanka Flusses bis es vor einem bewaldeten Hügel nicht mehr weiter geht. Mit dem Schneemobil sausen wir durch einen schönen alten Wald und je höher wir kommen, desto mehr weiße Pracht liegt auf den Bäumen. Zumindest hier oben ist es richtiger Winter, während unter uns träge der halb zugefrorene Oulanka Fluß durch tristes graues Einerlei fliest. Noch bevor wir beim Fotoversteck ankommen fällt Olli auf, dass keine Raben in der Nähe sind. Kein gutes Omen, denn wo tote Tiere liegen sind Raben und somit auch die Adler eigentlich nicht weit. Vor zwei Wochen hat Olli zusammen mit Lassi eine große Sau als Köder vor die Fotohütte gelegt. Alles ist eigentlich ziemlich perfekt. Die umliegenden Bäume stehen alle höchstens in dreißig Meter Entfernung. Egal woher die Adler anfliegen, hier gibt es formatfüllende Fotos. Olli platziert ein totes Hörnchen, das er mit einem Draht an einen unter dem Schnee liegenden Ast bindet, genau in die Einflugschneise. In Gedanken sehe ich die perfekten Adler-Anflugfotos schon vor mir. Die Frage woher Olli das Hörnchen hat, blende ich dezent aus. Man muss sich ja nicht mit aller Last dieser Welt beladen. In unmittelbarer Nähe der Fotohütte verstecken wir kleine Fettstücke und Nüsse in Baum- und Astritzen um kleinere Waldbewohner vor die Kamera zu locken. Ich bin kaum in der Hütte verschwunden und Olli ist mit dem lärmenden Schneemobil davon gefahren, da stürzen sie sich auch schon zuhauf auf die Leckereien.

Oulanka Nov- 2009-2  4634

Je kleiner die Vögel sind, desto schneller scheinen sie sich zu bewegen. Unglaublich wie schnell die von Ast zu Ast hüpfen. Drei oder vier Meisenarten kann ich erkennen. Die Graumeise und die Lapplandmeise kann ich sicher identifizieren.

Oulanka Nov- 2009-2  4629

Ich habe die Kamera auf 1600 ASA und komme, je nachdem wie hell die Umgebung ist, nur auf eine 200stel bis 400stel Sekunde Belichtungszeit. Damit ist ein Vogel im Flug nicht scharf zu kriegen. Aber ich darf mich wirklich nicht beschweren. Früher, als wir noch mit analogen Kameras fotografiert haben wären an solch einem grauen Wintertag kaum Aufnahmen möglich gewesen. Erinnert sich jemand an einen Film der bei 1600 ASA halbwegs ansehnlich war? Ich nicht. Ein Lob auf die digitale Technik. Zwei Buntspechte kommen zum Futterplatz. Ebenso ein Pärchen Unglückshäher und ein prächtiger Eichelhäher. Der Eichelhäher ist der körperlich Größte von Allen.

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Er kann die Stimmen von anderen Vögeln imitieren. Außerdem ist er ein leidenschaftlicher Sammler. Er legt Eicheln, Nüsse und Bucheckern unter Baumrinden ab und hat so das ganze Jahr über einen Vorrat. Viele der vom Eichelhäher vergessenen Depots sorgen für eine natürliche Ausbreitung der jeweiligen Baumarten. In der Forstwirtschaft spricht man von der „Hähersaat“. Die Stunden vergehen wie im Flug. Ständig flattern hungrige Piepmätze um mein Fotoversteck. Nur von den Adlern fehlt leider jede Spur. Kurz vor drei Uhr am Nachmittag ist das Licht schon so dämmrig, dass ich meine Kameras zusammenpacke und den Unterstand verlasse. Ich lege eine große Schneeschaufel über das tote Hörnchen, um es nicht an einen später vorbeiziehenden Räuber zu verlieren. Das war wohl nichts. Zuerst fällt es mir gar nicht auf. Als ich am nächsten Morgen wieder Speck auf die Bäume verteile und meine Kameras auf die Stativköpfe schraube, sieht alles normal aus. Die Schaufel liegt genau an derselben Stelle wie gestern Abend. Nur das Hörnchen ist weg. Mir ist nicht genau klar wer der Dieb gewesen sein mag. Ich sehe keine Fußspuren im Schnee außer den meinen. Vielleicht war es doch ein Adler, der mir ein Schnippchen geschlagen hat. Schade, mein Traum vom Foto des anfliegenden „König der Lüfte“ auf seine natürliche Beute ist erst mal ausgeträumt. Wie zum Trost besuchen heute zwei lebendige Eichhörnchen den Futterplatz.

Oulanka Nov- 2009-2  4632

Was für putzige Tierchen. Die sind wirklich „süß“, wie sie mit ihren langen Ohren und großen Augen in die Welt gucken. Faszinierend wie sie kopfüber die Baumstämme rauf- und runterrasen und meterweit von Ast zu Ast fliegen.

Oulanka Nov- 2009-2  4633

Ein entspanntes Leben scheint es aber nicht zu sein. In ständiger Aufmerksamkeit nicht von ihren Fressfeinden entdeckt zu werden, wirken sie ziemlich gehetzt.

Oulanka Nov- 2009-2  4631

In Form der Adler sind die Fressfeinde aber auch heute wieder außer Reichweite. Zumindest solange ich bei ausreichend Tageslicht im Fotoversteck sitze. Einmal dachte ich in der Ferne den Schrei eines Adlers vernommen zu haben. Wahrscheinlich liegt irgendwo im Wald ein frisches Rentier, welches wohl reizvoller ist als das von Olli positionierte Schwein. Immerhin konnte ich in den vergangenen zwei Tagen einige Waldbewohner ablichten, die ich bisher gar nicht auf meiner Wunschliste hatte. Morgen fahre ich mit Olli zu einer anderen Location, irgendwo in Lapplands Wäldern. Zwei Tage bleiben mir noch mein selbstgestecktes Ziel vom tollen Adlerfoto zu erhalten. Geduld ist eine Tugend, die man in diesem Beruf ganz zwangsläufig lernt.

Entscheidungen 12.11.2009

Als Naturfotograf muss man ständig Entscheidungen treffen. (JA, in anderen Berufen auch!). Erst wenn es zu spät ist weiß man in der Regel ob es die Richtigen waren. Ich sitze mit meinem Kollegen Lassi Rautiainen in einem Fotoversteck im Niemandsland an der finnisch/russischen Grenze. Ob es die richtige Entscheidung war im November in den Norden Europas zu reisen, werde ich erst am Ende dieser Fotowoche sagen können. Das es nicht die optimale Jahreszeit ist, war klar. Die Tage sind saukurz und der Winter hat gerade erst begonnen. Mit Pech ist die Fotoausbeute gleich Null. Ich habe mich entschlossen das Risiko einzugehen. Für mein neues Projekt „Mythos Urwald- Europas wildes Erbe“ habe ich eineinhalb Jahre Zeit alle Themen und Bilder in den Kasten zu bekommen. Das hört sich erst mal gewaltig lang an, zerrinnt aber sehr schnell wenn man die geografische Größe und inhaltliche Tiefe dieser Aufgabe näher betrachtet. Als Fotoschwerpunkt habe ich dieses Mal die Adler ausgewählt. Mein Blick aus der schmalen Fensteröffnung der Fotohütte fällt auf eine erfreulich weiße Landschaft. Vor wenigen Tagen hat es geschneit und deutliche Minusgrade sorgen dafür dass es, zumindest im Moment so bleibt. Wir kamen gestern kurz vor Mitternacht hier an. Nach etwa einer Stunde hatte der kleine Ölofen das Versteck soweit erwärmt, dass das Atmen keine Nebelwölkchen mehr erzeugt. Kurz vor acht war es hell genug um die Kameras durch die Öffnungen zu schieben. Seitdem warten wir. Der gefrorene Sumpf vor uns ist bevölkert mit dutzenden von Raben die sich an den von Lassi ausgelegten Fischen und Schweinen festlich laben.

Niemandsland Nov- 2009  4294

Bären können wir keine erwarten. Die haben sich zum Winterschlaf in ihre Höhlen zurückgezogen. Auf was wir beide heimlich spekulieren ist das Rudel Wölfe, welches ich schon vor ein paar Monaten in dieser Region vor die Linse bekommen habe. Doch im Winter kommen die Tiere nur sehr unregelmäßig an dieselben Stellen zurück. Wohl auch deshalb, weil für sie angefrorene Kadaver keine wohlschmeckende Beute bedeutet und sie einen frischen Fang vorziehen. Deshalb halte ich meine Erwartungen möglichst gering um nicht allzu sehr enttäuscht zu sein. Worauf wir uns konzentrieren sind die fünf See- und Steinadler, die in ziemlicher Entfernung auf den Bäumen sitzen und von dort oben das Land überblicken. Obwohl mir ein 500 mm Objektiv zur Verfügung steht sind sie dort in den Wipfeln leider etwas zu weit weg um wirklich gute Bilder zu bekommen.

Niemandsland Nov- 2009  4293

Es ist erstaunlich wie sensibel die Raben und Adler auf Bewegungen reagieren. Schwenkt man das Objektiv etwas zu schnell, fliegen sie sofort zurück in den entfernten Wald. Während die Raben nach wenigen Augenblicken zu ihrem Essen zurückkehren, bleiben die Adler immer für längere Zeit verschwunden. Keiner der majestätisch anmutenden Vögel kommt an diesem Tag in Wunschreichweite. Das Wetter bleibt bis auf kurze Abschnitte weitestgehenst bedeckt. Um kurz nach drei Uhr am Nachmittag ist das Licht schon so diffus, dass ich meine Bemühungen einstelle und das Objektiv in die Wärme der Hütte ziehe. Am kommenden Morgen das gleiche Bild. Die Adler sitzen auf den Baumspitzen und die Raben haben ein Festmahl. Von den Wölfen keine Spur. Gegen Mittag lösen sich die Wolken auf und eine tief stehende Sonne taucht die Szenerie vor uns in weiches Licht.

Niemandsland Nov- 2009  4295

Ab und zu fliegt einer der Adler runter zum Fleisch. Leider nur an das am weitesten entfernteste Schwein, so das auch in diesen Momenten keine Sensationsschüsse gelingen. Höhepunkt des Tages ist der Moment an dem sich zwei Adler auf denselben Ast setzen. Hier gelingt mir das einzige relativ brauchbare Foto. Wenngleich ich einen starken Ausschnitt nehmen muss um eine Bildwirkung zu erzielen.

Niemandsland Nov- 2009  4296

Am Abend gilt es neue Entscheidungen zu treffen. Ich berate mit Lassi wie ich die kommenden Tage am sinnvollsten füllen kann. Die Chance auf wirklich gute Adleraufnahmen aus geringerer Distanz ist hier an dieser Stelle minimal. Deshalb erzählt mir Lassi von einem Adlerpärchen weiter im Norden. Diese werden von ihm und einem Kumpel schon seit fast zehn Jahren angefüttert. Die Distanz zur Kamera beträgt nur dort nur zwanzig Meter. Ein paar Telefonate und eine Besprechung später ist der Plan klar. Lassi fährt in der Nacht zurück zu seinem Haus in Kajaani und ich verbringe eine dritte Nacht im Versteck um die Chance auf einen weiteren guten Fotomorgen zu bekommen. Das Erwachen ist ernüchternd. Der Himmel ist so grau – grauer geht’s wirklich nicht. Es wird auch gar nicht richtig hell. Ohne dass ich einmal auf den Auslöser gedrückt habe steige ich um elf Uhr ins Auto. Für die dreihundert Kilometer nach Kusomo brauche ich fast vier Stunden. Mit erschrecken stelle ich fest das es weiter im Norden weniger geschneit hat. Der Boden ist zwar weiß, die Bäume sind aber Schneefrei. Das ist der Fotokiller schlechthin. Denn ohne weiß auf den Zweigen sind Winteraufnahmen praktisch unmöglich. So langsam werde ich nervös. Doch noch möchte ich die Entscheidung für die Novemberreise noch nicht in Frage stellen. Immerhin habe ich noch viereinhalb Tage. Da kann noch viel passieren.

Die Nadel im Heuhaufen 20.09.2009

Der Finne und die Finnin haben es gut. Sie leben in einem ziemlich großen Land und sind selbst in ihrer Anzahl recht überschaubar was zumindest rein rechnerisch jedem sehr viel Platz zum Leben bietet. Es gibt einige Gründe auf die Finnen ein bisschen neidisch zu sein. Das Land besteht nämlich fast ausschließlich aus Seen, Flüssen, Mooren und vor allem aus endlosen Wäldern. Das Blockhaus am See mit einer Sauna, die mit dem Holz aus dem eigenen Wäldchen beheizt wird ist hier eher Alltag als Ausnahme, zumindest für die Landbevölkerung. Die gute Nachricht für den Urwaldfotografen lautet, dass es in Finnland im Vergleich zu Mitteleuropa noch relativ viel Naturwald gibt, besonders oberhalb des Polarkreises in Lappland.

Laamasenvaara 19-09  1707

Schaut man sich eine Straßenkarte an, fallen einem neben den recht überschaubaren Hauptstraßen sofort die unzähligen kleinen, schwarz gezeichneten Abzweigungen auf, die sich wie ein Geäst verzweigen und meist irgendwo als Sackgasse enden. Diese Pisten tragen wohl erheblich zum finnischen Lebensstandard bei, denn es sind Forststraßen über die der staatliche Konzern Metsähallitus seine Trucks rollen lässt, die den Wald zu den Sägereien transportieren. Das ist die unschöne Seite wenn man mal gelernt hat, Forstwald von Naturwald zu unterscheiden. Dort wo alle Bäume gleichgroß sind, eng aneinander gedrängt stehen und meist eine gewisse Größe nicht überschritten haben, ist der Wald eine Plantage. Auf meiner Suche nach unberührter Wildnis fahre ich zumeist an solchen Wäldern vorbei. Was das Gesamtbild wieder rettet sind die Moore und Seen, die der Landschaft nach wie vor diesen wilden weiten Charakter verleihen und so faszinierend machen. Immer wieder blicke ich auf die Straßenkarte, um ja keine Abzweigung zu verpassen. Ich bin auf der Suche nach einem Gebiet das Laamasenvaara heißt (das ist noch ein recht einfach auszusprechender Name, Finnen lieben lange Wörter). Greenpeace hat vor einigen Jahren eine Liste angefertigt auf der alle schützenswerten Waldgebiete aufgelistet wurden. Seither wird hart mit Metsähallitus um jeden Baum gerungen. Nach wie vor sind auch Urwälder, obwohl es nur noch so wenige davon gibt, im Visier der Forstleute, bringen sie doch zumindest kurzfristig einen großen Gewinn. Von einer einstigen Urwaldwildnis von 20 Millionen Hektar sind heute nur noch 5 % unangetastet.  In Laamasenvaara hatten die Umweltschützer Erfolg. Hier müssen die Kettensägen schweigen, das Gebiet wurde aus der Nutzung genommen.

Laamasenvaara 19-09  1708

Doch selbst als ich praktisch davorstehe brauche ich einige Zeit um mir klar zu werden, dass ich tatsächlich da bin. Mein Kollege Oliver Salge, der bei Greenpeace Deutschland die Waldkampagne leitet und auch immer wieder in Finnland tätig ist hat mich schon darauf hingewiesen, dass die unberührten Gebiete  zwar ungeheuer artenreich und wunderschön, aber nicht unbedingt sehr groß sind. Auch hier ist es nur ein schmaler Streifen Wald, der eingezwängt zwischen Rodungsflächen ein kleines Moorgebiet einfasst, keine zwei Kilometer lang und noch weniger breit. Dieses Gefühl der unbedeutenden Größe ist genau in dem Moment verschwunden, indem man den Wald betritt. Sofort ist man in einer anderen Welt. Größe ist relativ, ich lasse mich treiben.

Nadel im Heuhaufen  1711

Der Boden unter meinen Füßen ist ein weich gepolstertes Bett aus Moosen und Flechten. In etwas trockeneren Gebieten wachsen rote, schwarze und blaue Beeren zwischen den Bäumen, eine der Hauptnahrungsmittel der Bären. Pilze aller Arten und Größen fühlen sich auf dem feuchten Grund sehr wohl, ebenso auf abgestorbenen Bäumen.

Nadel im Heuhaufen  1710

Immergrüne Kiefern und Fichten sind die Hauptbaumarten, immer wieder aufgelockert durch weißstämmige Birken, die ihre Blätter bereits im goldenen Kleid des Herbstes tragen. Es ist bereits Ende September, eigentlich müssten auch die Bodendeckerpflanzen bereits in voller Farbenpracht strahlen, doch der Indian Summer ist dieses Jahr sehr zurückhaltend. Wohl weil es ein recht trockener Sommer war und wirklich kalte Nächte, die den Farbenwechsel beschleunigen bisher ausgeblieben sind. Am Anfang ist es immer recht schwierig für mich, im Wald Motive zu erkennen. Das pure Durcheinander an Strukturen macht die Fotografie von Wäldern recht anspruchsvoll. Doch mit der Zeit tauchen sie auf, erst vor meinem inneren Auge, dann auf der Festplatte der Kamera.

Nadel im Heuhaufen  1712

Auch wenn es verglichen mit den vom Menschen gemachten Waldgebieten tatsächlich nur vereinzelte Nadeln im Heuhaufen sind, lohnt es sich um jeden Quadratmeter Urwald in Europa zu kämpfen. Sie sind das natürliche Erbe, das wir zukünftigen Generationen bereiten.

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