Wildview

Abenteuer Natur(schutz)fotografie

Tag: Fotoversteck

Die Hoffnung stirbt zuletzt 07.07.2011

Tag 10: Montag 27.06

 

Die Kältephase hält an. Ich sitze unter vier Decken in meiner Unterkunft im Dorf und begutachte die bisherigen Fotos. Die Temperaturen passen zu meiner Laune. So richtig warm ums Herz wird mir nicht wenn ich meine auf Festplatte gebannten Kondore erblicke. Doch noch ist ja nicht aller Tage Abend. Die Kadaver sind am richtigen Platz, ich habe nochmals eine volle Woche Zeit, und irgendwann muss sich die Sonne doch nochmals sehen lassen. Heute passiert dies aber nicht, so dass sich meine Rückkehr in die Berge um einen Tag verschiebt.

 

Tag 11: Dienstag 28.06

 

Die Wolkendecke ist aufgerissen und der Sonne gelingt es heute, die Kälte auf erträgliche Maße zu reduzieren. Der Aufstieg zum Lager wird auch deshalb für mich schweiß-treibend, weil ich auf dem Rücken meine komplette Fotoausrüstung und vor dem Bauch in einem zweiten Rucksack frische Wäsche und Lebensmittel schleppe. Saul bleibt zurück in Samaipata. Ihn erwarte ich erst zum Wochenende. Am Nachmittag sitze ich dann wieder in meinem kleinen Tarnzelt und freue mich am schönen Mix aus Wolken und blauem Himmel, was gute Fotobedingungen verspricht. Zuvor habe ich noch die Zweige vom Köder entfernt und gesehen dass sich nichts verändert hat. Das Fleisch liegt in voller Pracht am Abgrund und müsste eigentlich jeden Aasfresser von ganz Amerika anlocken, so wunderbar stinken tut es. Schon in der Ferne kann ich sie erkennen. Eine große Menge an Vögeln nähert sich meinem Versteck.


Dann kreisen sie einige Zeit um mich herum. Ich traue mich nicht das Objektiv zu schwenken um sie beim fliegen abzulichten. Diese Bilder mache ich lieber wenn ich für sie sichtbar, draußen an der Kante stehe. Es geht hier ausschließlich darum sie beim Landen und Fressen zu erwischen. Also halte ich still, auch wenn es mir schwer fällt. Als plötzlich alles um mich herum verschwindet, dringt so ganz langsam die bittere Erkenntnis in mein Hirn, das die Show für heute vorbei ist. Kein Tier ist gelandet, kein Foto ist entstanden. Dabei war das Licht so Klasse. Um 17 Uhr haben sich zudem die Wolken wieder komplett über den Himmel verteilt, so dass ich schon früh am Lagerfeuer sitze und viel Zeit zum Nachdenken habe. Haben die Tiere an anderer Stelle eine andere Nahrungsquelle? Ist vielleicht irgendwo eine Kuh beim Grasen über den Abhang gestürzt? Lassen sie sich doch durch meine Tarnzelt vom Landen abhalten? Der Wind rauscht in verlässlicher Beständigkeit über die Wipfel der Bäume und eine Gruppe Tauben fliegt von Ast zu Ast. Ansonsten bin ich mit meiner Ratlosigkeit allein, weit weg von jeglicher Erleuchtung.

 

Tag 12: Mittwoch 29.06

 

In der Nacht setzt wieder ein leichter Regen ein, der zum Glück am kommenden Morgen aufhört. Viele Wolken ziehen über den Himmel, so dass es mich nicht verwundert, dass ich den Morgen über völlig umsonst im Tarnzelt sitze. Warum kommen die Vögel nicht, wo hier doch wunderbares Fressen für sie ausliegt? Diese Frage stelle ich mir immer wieder. Über Mittag erreichen dann vier Touristen den Berg. Es sind die ersten Besucher seit langer Zeit. Viel zu sehen bekommen sie jedoch nicht, so dass sie kurz nach vierzehn Uhr wieder leicht enttäuscht von Dannen ziehen. Am späteren Nachmittag haben die Winde die Wolken fast vollständig vertrieben. An der Kante bläst es extrem stark, so dass ich mir heute die fehlenden Tiere mit dem zu starken Wind zu erklären versuche. Was aber wahrscheinlich Blödsinn ist. Wovon ich allerdings überzeugt bin ist, dass man ganz Bolivien locker mit Windenergie versorgen könnte. Allein was hier in der Region an Kraft über die Berge fegt, sollte ausreichen die zehn Millionen Bolivianer sauber und zukunftsfähig zu bedienen. Leider sind wir da noch gefühlte Lichtjahre von entfernt, das sich vernünftige Energie gerade in ärmeren Ländern etabliert. Als ich am Abend am Lagerfeuer sitze, macht sich so ganz langsam etwas Frust in mir breit. Nun liegt das Fleisch eine knappe Woche unangetastet am Berg. Damit habe ich gar nicht gerechnet. Der Gedanke des Scheiterns taucht ab und zu auf, wird aber von meinem Willen immer wieder erfolgreich verdrängt. Noch ist Zeit.

 

Tag 13: Donnerstag 30.06

 

Dieser Tag schenkt mir perfekte Bedingungen. Sonne und Wolken und ein strahlend blauer Himmel mit relativ leichtem Wind sind ideale Vorraussetzungen für Kondoraktivität. Dass ich den Morgen umsonst im Tarnzelt verbringe, habe ich schon fast erwartet. Meine Hoffnungen ruhen auf dem Nachmittag. Ich bin froh, dass keine weiteren Besucher erscheinen welche die Vögel unnötig von meinem Kadaver verscheuchen könnten. Am frühen Nachmittag beginnt die Show.

Es ist erst ein Kondor, der in weiten Kreisen die Lage auskundschaftet. Kurze Zeit später sind sie Alle da. Soweit ist es durch mein kleines Guckloch wahrnehmen kann, gleiten über zehn Vögel, davon ein Großteil Kondore über mein Tarnzelt. Eine gute Stunde lang fliegen sie, oftmals nur wenige Meter, über den Köder und meinem Versteck hinweg. Bei jeder Drehung hoffe ich inständigst, dass nun endlich einer von ihnen zur Landung ansetzt, um die Beute näher zu begutachten. Der Gleitflug der Tiere erzeugt, verursacht durch die Luftverdrängung, ein leichtes Pfeifen welches sich mit einer fast kochenden Teekanne vergleichen lässt. Ich kann die Nähe der Tiere regelrecht hören.

Begeisterung über dieses Spektakel mischt sich von Minute zu Minute mehr mit Entsetzten, als sich so langsam die Erkenntnis durchsetzt, dass es wieder zu keiner Landung und somit auch zu keinen Fotos kommen wird. Als ich später im Halbschlaf merke, wie es wieder anfängt aufs Zeltdach zu tropfen ist meine Hoffnung auf einen erfolgreichen Abschluss dieser Arbeit erst mal ziemlich dahingeschmolzen.

 

Tag 14: Freitag 01.07

 

Es regnet die ganze Nacht und weite Teile des Morgens. In den kurzen Pausen legt sich eine schwere Nebeldecke über das Land. Um die Zeit nicht völlig unnütz vergehen zu lassen, schnappe ich mir die Kamera und wandere durch diverse Waldreste die hier oben meist in Mulden stehen blieben die einem Bachlauf folgen. Heute ist es in doppeltem Sinne ein Nebelwald. Die vielen Bromelien, Lianen und Farne lassen den Wald im Nebel geheimnisvoll und wild aussehen.

Übersieht man den vielen Kuhdung, der überall auf dem Boden liegt, könnte man sich geradezu in einem riesigen Urwald wähnen. Den Nachmittag lasse ich die Stunden träge im Schlafsack liegend an mir vorbei ziehen. Eigentlich wollte Saul heute mit neuen Lebensmitteln zu mir kommen. Er ist nicht gekommen. Mir war zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass er gar keine Chance hatte zu mir zu stoßen. Bei starkem Regen wird die Straße von Samaipata hierher für Autos ohne Vierradantrieb durch anschwellende Flüsse und Matschlöcher unüberwindbar.

 

Tag 15: Samstag 02.07

 

Das Elend setzt sich fort. Als es am Morgen noch aufs Zelt prasselt, stelle ich meine Schüssel in den Regen um etwas Wasser einzusammeln. Ich habe noch zwei Liter. Saul wird mich zwar niemals im Stich lassen, doch ist es trotzdem ungewiss wann sich das Wetter wieder wandelt und die Straßen befahrbar sind. Am späten Morgen setzen kurze Aufheiterungen ein, welche mich Veranlassen mich sofort ins Tarnzelt zu setzen. Da es eine halbe Stunde später wieder zu nieseln anfängt, gebe ich entnervt auf und lege mich wieder in den Schlafsack. Es ist zwar nicht mehr so kalt wie am Anfang der Woche, doch die feuchte Luft ist ungemütlich und deutlich frischer als in den Anfangstagen dieses Abenteuers. Ein knacken von Zweigen weckt mich auf. Der Strahl einer Taschenlampe kündigt endgültig von der Ankunft von Saul. Er hat es mit Müh und Not geschafft, die aufgeweichte Strecke zu überwinden. Er kommt eigentlich, um mich einzusammeln und zurück nach Samaipata zu schaffen. Die Wetteraussichten sind ungewiss, und kommenden Mittwoch steht mein Rückflug nach Deutschland an. Mit jedem Tag den ich bleibe, vergrößert sich das Risiko hier festzusitzen. Er erzählt mir von Schneefall in La Paz und dass das ganze Land von den Wetterkapriolen spricht. Als ich ihm erzähle, dass unser Köder noch unangetastet am Abgrund liegt entscheiden wir uns dazu, dass ich noch ne Weile ausharre zumal es Anfang der Woche eventuelle Aufhellungen geben soll. So verschwindet Saul nach kurzer Besprechung in der Nacht und ich beschließe Morgen nochmals eine andere Tarnvorrichtung auszuprobieren um die Tiere vielleicht doch noch zum Landen zu bewegen.

 

Tag 16: Sonntag 03.07

 

Es wird wieder frischer. Die Welt bleibt grau, kalt und feucht. Trotzdem baue ich am Morgen mein Tarnzelt ab und konstruiere mit einem Netz und einem aus Stöcken zusammengesteckten Dreieck ein neues Versteck. Grundlage ist ein zwei Meter hoher Busch, den ich als Eckpunkt nehme und dessen Blätter nach oben hin einen guten Sichtschutz geben. Die drei Wände des Netzes decke ich zusätzlich mit Zweigen ab, so dass sich die Form des Objektes praktisch auflöst. Die Öffnung lasse ich so groß, dass später das Objektiv nicht nach draußen steht sondern sich innerhalb der Form des Tarnbereiches bewegt. Zum ausprobieren komme ich aber nicht, denn die Sicht bleibt den ganzen Tag über gleich Null.

Wieder liege ich scheinbar endlose Stunden im Schlafsack. Ein Buch mit Geschichten berühmter Lateinamerikanischer Erzähler trägt auch nicht gerade zur Gemütsaufheiterung bei. Kaum eine Geschichte die nicht von Verlust, Schmerz oder Tod handelt. Leider sind diese Werke wohl ein Spiegelbild eines über Jahrzehnte von Diktatur und Armut geprägten Kontinents. Nach 300 Seiten bin ich dann soweit endgültig zum „Pferdeflüsterer“ zu wechseln. Meine mitgebrachten Bücher habe ich längst gelesen und so war ich froh, dass ich diese Bücher in meiner Unterkunft in Samaipata entdeckt habe.

 

Tag 17: Montag 04.07.

 

Ich juble nicht nur innerlich, als sich gegen neun Uhr der Nebel aufzulösen beginnt. Zum Einen steigen die Chancen pünktlich zum Flughafen zu kommen, zum Anderen bekomme ich doch noch eine Chance mein neues Versteck auszuprobieren. Erwartungsvoll blicke ich durch die Zweige und siehe da, am späten Vormittag landet wieder einer der rotköpfigen Geier. Drei Mal innerhalb kurzer Zeit fliegt er wieder los und landet ohne dabei den Kadaver anzurühren.

Nimmt er mich wahr oder nicht? Ich weiß es einfach nicht. Hier besteht eindeutig Gesprächsbedarf mit meinem Freund und Kollegen Ingo Arndt. Für mich ist er der beste Tierfotograf den wir im Lande haben. Wenn ich ihm meine Bilder vom Versteck zeige wird dies sicher nicht unkommentiert bleiben. Am späten Nachmittag glaube ich nicht mehr an das große Fressen, so das ich das Versteck etwas traurig aber gefasst verlasse. Kondore haben sich bis dahin nicht blicken lassen. Ich setze mich an die Kante des natürlichen Amphitheaters und genieße die wunderbaren Ausblicke auf die Landschaft, die sich seit langer Zeit mal wieder in den Farben des Abendrotes präsentieren.

Als kleine Entschädigung kreisen plötzlich fünf der mächtigen Vögel über mir und gönnen mir noch einige Aufnahmen von ihnen im Gleitflug, inclusive warmen Abendlichtes.

 

Tag 18: Dienstag 05.07

 

Der Tag der Abreise ist gekommen. Kaum eine Wolke wandert über den Horizont, an den sich nahtlos ein tiefblauer Himmel anschließt. Dazu ist angenehm warm. Nach dem Frühstück baue ich das Zelt ab, packe alle Lebensmittel und Ausrüstung in die Rucksäcke und löse das Lager auf. Saul kommt um kurz nach zehn Uhr und wir beschließen diese letzte Chance zu nutzen, bevor wir den Abstieg beginnen.

Als wären sie gekommen um mich zu verabschieden, sind sie gegen Mittag plötzlich Alle nochmals da. Dreizehn Geier und Kondore kreisen über mir und ich wage gar nicht daran zu denken, dass es doch noch klappen könnte. Immer wieder gelingt mir aus dem Versteck heraus der eine oder andere Glücksschuss auf die vorbei fliegenden Riesenvögel.


Sie kommen näher und kreisen länger denn je. Jeder Besucher hätte eine wahre Freude an diesem Spektakel. Obwohl sie länger verweilten als jemals zuvor, war mir schon nach wenigen Minuten klar, dass sie auch diesmal auf eine Landung verzichten werden. In der Rückschau glaube ich, dass meine Fotoverstecke mich einfach nicht „unsichtbar“ genug gemacht haben. Ich werde wohl weiter dazulernen müssen. Es war trotzdem ein toller Abschluss einer langen und in jeder Form intensiven Zeit in diesem schönen bolivianischen Bergen. Mit leichtem Wehmut habe ich, nachdem die Hauptmotive verschwunden waren, das Tarnnetz eingepackt und mich auf den langen Heimweg gemacht.

Ich werde die Ruhe vermissen, das Singen der vielen Vögel, den Himmel ohne jegliche Kondensstreifen und vor Allem, die einmaligen weiten Ausblicke im wunderbaren Licht. Zurück ins normale Leben, indem es zumindest wieder warme Mahlzeiten geben wird. Erdnussbutterbrote und Müsli habe ich erst einmal genug gegessen.

 

 

 

 

Instinkt 28.09.2010

Ich stelle mit folgende Szene vor: Es ist Samstag Morgen um fünf Uhr. Der Wecker klingelt. Ich bin sofort hellwach. Voller Tatendrang drehe ich mich zu meiner Lebensgefährtin und hauche ihr ins Ohr: „Tschüß Schatz, ich fahr jetzt in den Schwarzwald. Zum Bären fotografieren“ Wäre das nicht Klasse? Es wird wohl ein Traum bleiben. Abgesehen davon das wir unsere letzten Bären in Deutschland schon vor 170 Jahren ausgerottet haben, zeigte der kurze und sehr traurig endende Besuch von „Bruno“ dem „Problembären“ (Betitelung des damaligen Ministerpräsidenten Stoiber) was diese Spezies erwartet, wenn sie sich zu uns verirrt. Warum haben wir unsere Urängste gegen wilde Tiere die größer als Füchse sind und kein Geweih tragen bis heute nicht abgelegt?

Selbst Wölfe finden in weiten Kreisen der Bevölkerung kaum Akzeptanz, obwohl ihnen seit Unzeiten keine Untaten gegenüber Menschen nachgewiesen werden konnten. Der „Canis Lupus“ wird es aber hoffentlich schaffen sich mit einer stabilen Population in unseren Breitengraden zu etablieren. Wenn alle Menschen einmal in ihrem Leben eine Wolfsfamilie beobachten könnten, so wie mir das hier in Finnland vergönnt war, ich glaube viele Ängste wären ganz schnell verflogen. An zwei Stellen entlang der russischen Grenze habe ich die Möglichkeit genutzt die Verhaltensweisen dieser faszinierenden Tiere zu beobachten und dabei versucht gute Fotos zu machen. Eben weil es in weiten Teilen Europas nicht mehr möglich ist Raubtiere in freier Wildbahn zu sehen, kommen Menschen aus aller Welt zu den Verstecken von Lassi Rautiainen, Ari Sääski und Kollegen. Der September ist eigentlich ein guter Monat zur Observation.

Die Tiere sind sehr aktiv. Gerade die Bären müssen viel fressen um sich auf den nahenden Winter vorzubereiten. Im Tiefschlaf brauchen sie einige Reserven um über die kalten Monate zu kommen. Etwas ärgerlich für Fotografen sind die täglich kürzer werdenden Tage. Je näher sich der September dem Ende neigt, desto mehr der wirklich interessanten Szenen findet in trüber Dunkelheit statt. Selbst hohe ASA Werte moderner Digitalkameras helfen da nur bedingt. Jeden Abend wenn man im Versteck sitzt ist es ein Glückspiel ob die Tiere sich vor oder nach dem Sonnenuntergang zeigen. Oftmals sind es nur Minuten die einem die Möglichkeit zum guten Foto bieten. An jedem Abend im Versteck habe ich Tiere gesehen. Die Ausbeute an guten Fotos war weitaus geringer. Die Fotoverstecke von Lassi Rautiainen sind berühmt für ihre Möglichkeit Wölfe zu sehen. Von drei Tagen die mir hier zur Verfügung standen hatte ich an einem Abend Glück.

Ein Wolfsrudel aus Eltern und fünf einjährigen Wölfchen ist vor meinem Objektiv aufgetaucht. Es war noch lange vor Sonnenuntergang. Zum Glück treiben sich in der Gegend zwei alte Bären herum welche immer als Erstes erscheinen und so wohl auch den Wölfen signalisieren dass keine Gefahr droht. Es ist interessant zu beobachten wie die Tiere sich untereinander verhalten. Ein ausgewachsener Bär braucht sich eigentlich vor nichts zu fürchten. Trotzdem ist auch er gegen Wölfe im Kollektiv voller Zurückhaltung. Mehr als einmal habe ich ein Rudel Wölfe einen Bären durchs Unterholz scheuchen sehen.

Zu körperlichen Kontakten kommt es dabei aber nie. Solange die Wölfe fressen, ist für den einzelnen Bären Verdauungspause angesagt. Befinden sich allerdings mehrere Bären an der Beute, bleiben die Wölfe in respektvollem Abstand. Auch unter den Bären gibt es eindeutig Rangordnungen, was zahlreiche Kabbeleinen und furchteinflößende aber letztendlich harmlose Drohgeräusche beweisen.

Auch wenn den Tieren durch die Futterköder praktisch das Leben stark vereinfacht wird, haben sie dadurch Ihre Instinkte nicht verloren. Meine anfängliche Sorge, sie würden durch die „schnelle Küche“ in Abhängigkeiten geraten hat sich zum Glück nicht bewahrheitet. Zu oft während der Saison erscheinen die Tiere über einen längeren Zeitraum nicht, weil sie an anderen Orten auf der Jagd sind. Speziell im Bärenkot erkennt man jederzeit Unmengen von Beeren welche die Tiere nie aufhören in sich hineinzufuttern. Sowohl Wölfe als auch Bären haben Angst vor dem Menschen. Ich bin überzeugt, dass ein friedliches Miteinander möglich ist, sofern beide Seiten die andere Gattung mit Respekt behandeln. Fast alle Unfälle mit wilden Tieren passieren aufgrund eklatanten Fehlverhaltens des Menschen. Dazu kommt natürlich immer mehr der kleiner werdende Lebensraum von Tieren, der diese geradezu in die Arme, bzw. auf die Felder der Menschen treibt. In solchen Fällen sind Konflikte geradezu vorprogrammiert. Das gilt inzwischen leider fast für jeden Winkel dieser Erde.

Hier in der Region haben die Tiere das Glück, daß das Gebiet jenseits der russischen Grenze mit großen Waldschutzgebieten gesegnet ist, an deren Einrichtung Greenpeace maßgeblich beteiligt war. Auf der finnischen Seite müssen die Tiere schon eine ganze Menge mehr ertragen. So bin ich eines Morgens um vier Uhr im Fotoversteck aus dem Schlaf geschreckt, weil nahe unserer Unterkunft ein Holzlaster damit begonnen hat seine Ernte zu beladen. Das muss man sich mal vorstellen – mitten in der Nacht räumen Die die Wälder leer. Lassi erzählt mir dass die Fahrer nach Masse bezahlt werden. Je mehr sie arbeiten desto mehr verdienen sie. Klingt nach einem System das endlose Waldflächen voraussetzt. Die Tiere scheinen sich nur kurzzeitig gestört zu fühlen. Heikler ist da schon die Knallerei. Neulich fuhr ich zu den Fotoverstecken von Ari Sääski. Auf der ganzen Fahrt vom Inarisee im Norden Finnlands bis in die Region Kuhmo wunderte ich mich über Horden von rot gekleideten Männern welche schwerbewaffnet am Straßenrand standen. Es ist Jagdzeit, Baby. Bei abertausenden von Finnen erwachen die männlichen Urinstinkte und es geht in die Wälder. Die Elchjagd hat an diesem Tag begonnen. Dies führte dazu, dass drei Weidmänner bei ihrer Treibjagd mal eben locker vor den Ansitzverstecken der Fotografen vorbei geschlendert sind, was zu heftigem Fluchen und zu einem absoluten Ereignisfreien Abend geführt hat, zumindest solange es hell war. Die einsetzende Knallerei hat die Tiere wohl weit auf die russische Seite vertrieben. Es ist zwar genau geregelt wieviel Exemplare der jeweiligen Tierart pro Jahr geschossen werden dürfen – nur wer kann dies kontrollieren? Am kommenden Abend war dann zum Glück alles ruhig. Nachdem es einige Tage nur geregnet hatte, war der Himmel an diesem Tag wolkenlos. Das Fotoversteck von Ari liegt am Ufer eines kleinen Sees auf dessen anderen Seite ein Moor und ein kleines Wäldchen anschließen. Seit einigen Tagen kommt eine Bärenmutter mit ihren vier Jungen in die Gegend, was auch mich veranlasst hat, auf bessere Wolfsbilder zu verzichten und es mit der Bärenfamilie zu versuchen. Jeden Abend kamen sie angetrottet. Immer schön brav ihrer Mama hinterher.

Klischee hin oder her, die Kleinen sehen einfach knuffig aus. Die Mutter ist sehr wachsam. Ganz vorsichtig nähern sie sich dem Abendessen. Beim kleinsten Geräusch sind sie wieder im Wald verschwunden. Oftmals kommen sie erst weit nach Sonnenuntergang zurück. Doch an diesem ersten wolkenfreien Abend habe ich meinen einen (einzigen) magischen Moment. Ein fast voller Mond steigt über dem Wald in den Himmel auf. Darunter laufen genau im richtigen Moment alle fünf Bären über das Moor und ermöglichen mir die einzig wirklich hochwertige Aufnahmesituation an insgesamt sechs Abenden.

Alle anderen Situationen finden praktisch im Dunkeln statt was zum Teil wirklich frustrierend ist. So auch, als die Bärenmutter ihre Kleinen gegen einen ihr körperlich viel größeren männlichen Artgenossen verteidigt hat. Er ist wohl gar nicht absichtlich zu Nahe gekommen. Mit welch einer Entschlossenheit sie das Männchen vertrieben hat war schon beeindruckend.

Die wohl für uns Menschen gefährlichste Situation in freier Wildbahn mit Bären ist wenn wir aus Versehen zwischen eine Mutter und ihre Jungen geraten. Das nähme sicher kein gutes Ende. Mit der höchsten mir zur Verfügung stehenden Empfindlichkeit meiner Kamera habe ich diese Szene festhalten können. Oft war ich an diesen Abenden gefrustet über entgangene Chancen, meist wegen der Dunkelheit. Doch am Ende bin ich froh und dankbar über die tollen Erlebnisse und die Fotos mit denen ich bei meiner Anstehenden Vortragstournee über diese faszinierenden Tiere berichten kann. Vielleicht gelingt es mir ja bei dem einen oder anderen Zuschauer Ängste abzubauen, um so die Zukunft dieser Tiere in Europa ein winziges Bisschen möglicher zu machen. Wer weiß, vielleicht darf ein zukünftiger „Bruno“ doch einmal durch den Schwarzwald streifen?

Kleine Siege und ein dummer Fehler 20.11.2009

Ich bin auf dem Rückweg zur Vortragstour nach Deutschland und überlege ob es sich gelohnt hat, im November nach Finnland zu reisen. Definitiv habe ich nicht die Fotos, die ich mir im besten Fall gewünscht habe. Der beste Fall tritt aber praktisch nie ein. Ich habe dafür einige andere schöne Motive vor die Kamera bekommen und bin deshalb im Großen und Ganzen recht zufrieden. Außerdem habe ich mal wieder eine ganze Menge gelernt. Vor drei Tagen bin ich mit Olli von Kusamo ungefähr 100 km durch das südliche Lappland nach Westen gefahren. Es war noch dunkel als wir das Naturschutzgebiet Korouoma erreicht haben. Ungefähr eine halbe Stunde sind wir auf alten Rentierpfaden durch den Wald marschiert. Olli erzählt mir, dass die Tiere diese Wege schon seit Jahrhunderten nutzen. Einmal sehen wir auch in der Ferne eines durch Unterholz huschen. Viele der Tiere haben Glocken um, damit sie von ihren Züchtern besser gefunden werden können. In der Realität darf sich nur eine Minderheit der Tiere frei im Wald bewegen. Viele werden eingezäunt gehalten und mit künstlichem Futter ernährt. Laut Olli sind es im Raum Kusamo nur noch fünf Familien die wirklich von der Rentierzucht leben. Die restlichen Züchter betreiben es als Hobby. Es gibt insgesamt zu viele Rentiere in den Wäldern, was den natürlichen Kreislauf des Ökosystems durcheinander bringt. Ich erfahre von Olli, dass erst kürzlich drei Wölfe von aufgebrachten Züchtern erschossen wurden, weil sie hunderte von Rentieren gerissen haben. Das ist sehr traurig. Der Mensch bringt die natürlichen Abläufe aus dem Gleichgewicht und lässt dann diejenigen büßen, die sich diesen Gegebenheiten nicht anpassen können. Wir sind wirklich die Krönung der Schöpfung. Im ersten Dämmerlicht erreichen wir das Fotoversteck. Es liegt direkt an der Abbruchkante oberhalb eines tiefen Canyons. Unter uns breitet sich eine schöne Flusslandschaft aus. Die Hänge sind zum Teil bewaldet und an den Felsvorsprüngen mit dicken Eiswänden überzogen. Das Fotoversteck wurde von einem Freund Lassis gebaut, um Schwarzspechte zu fotografieren.

Korouoma Nov- 2009  4856

Aber auch ein Adler soll sich hier in unmittelbarer Nähe neben dem Unterstand blicken lassen. Grund dafür ist der Leichnam eines Waschbären, der keine sechs Meter neben dem Fotoversteck auf einem Stein liegt. Das Gelände ist nur zur Schlucht hin offen. Rechts und links stehen dichte Baumreihen. Olli und ich können schwer glauben, dass sich das Tier so nahe an den Unterstand trauen soll. Wenn man ein Fotoversteck betritt muss man zuerst entscheiden in welche Richtung man welches Objektiv richtet. Sind größere Tiere wie der Adler erst angekommen ist ein Tausch unmöglich. Ich entscheide mich mein 200-400 mm Zoom Objektiv nach vorne zur Schlucht hin zu richten, um die kleineren Vögel flexibel ablichten zu können. Das 500mm zeigt Format füllend auf den toten Waschbär, rechts von uns. Ein größerer Bildausschnitt ist sowieso nicht sinnvoll, da ein großer Baum das Bildfeld stark einschränkt. Es macht Spaß mit Olli auf die Vögel zu warten. Lange bleiben wir auch nicht allein.

Korouoma Nov- 2009  4854

Neu für mich sind die Haubenmeisen, die neben den Buntspechten und den Unglückshähern eigentlich den ganzen Tag um den Unterstand flattern und die ausgelegten Nüsse und Fettstreifen essen. Alle zwei Stunden kommt dann tatsächlich ein Schwarzspecht vorbei. Er ist viel größer als sein bunter Kollege. Wäre da nicht die feuerrote Kopfhaube könnte man ihn flüchtig mit einem Raben verwechseln. Gegen Mittag ist es wiederum ein Eichhörnchen, das uns die Zeit vertreibt.

Korouoma Nov- 2009  4855

Der Himmel bleibt den ganzen Tag bedeckt. Farben kommen nur im Gefieder der Vögel vor und im Grün und Braun unmittelbar um uns wachsender Bäume. Die Schlucht bleibt eine Masse aus hellen und dunklen Grautönen. Olli erzählt mir, dass vor vielen Jahren dieser Fluss, der sich so friedlich unter uns durch sein Bett schlängelt, aufgestaut wurde, um große Baumstämme aus dem Wald in die Sägewerke zu treiben. Das war noch vor der Zeit der Lastwagen. Bevor Finnland mit einem Netz aus hunderttausenden Kilometer Forststraßen überzogen wurde, um auch den letzten Winkel des Waldes zu kommerzialisieren. Zumindest hier in dieser Schlucht hat die Natur heutzutage ihre Ruhe. Stunde um Stunde vergeht. Da es ab halb Drei am Nachmittag schon wieder zu dunkel ist um gute Bilder zu machen, glaubt von uns um kurz vor Zwei keiner mehr an die Mär vom nahenden Adler. Bis er plötzlich aus dem Nichts einfach da ist. Direkt auf dem Waschbären steht er und schaut aufmerksam in die Runde.

Korouoma Nov- 2009  4853

Olli gibt mir ein Zeichen, nun absolut still und bewegungslos zu verharren. Jeder noch so kleine Mucks könnte ihn sofort wieder verjagen. Es ist ein Steinadler. Nach zwei Minuten scheint sein Misstrauen etwas nachzulassen und der Hunger gewinnt die Oberhand. Er beginnt mit kräftigen Bissen, Fleischstücke aus seiner Beute zu reißen. Ich beginne vorsichtig auf den Auslöser zu drücken. Viele Möglichkeiten zur Bildgestaltung habe ich nicht. Ich konzentriere mich darauf, dass das Auge des Tieres scharf abgelichtet ist. Wegen der schlechten Lichtverhältnisse muss ich mit offener Blende arbeiten, was bei einem 500mm Objektiv auf diese kurze Distanz eine extrem geringe Tiefenschärfe zur Folge hat. Ist das Auge des Modells unscharf, ist das Foto praktisch unbrauchbar. Dabei ist es egal ob man ein Tier oder einen Menschen fotografiert. Zufrieden setze ich Olli am Abend in Kusamo ab. Nun habe ich zu entscheiden wie ich den letzten Tag meines Finnlandaufenthaltes fülle. Ich kann nochmals an dieselbe Stelle zurückkehren wo ich heute mit Olli war, oder beim vorigen Standort, am Oulanka Nationalpark, mein Geraffel aufbauen. Dieser Ort ist eigentlich ideal. Dummerweise ist aber an den zwei Tagen, die ich hier gewartet habe, kein Adler aufgetaucht. Ich entscheide mich trotzdem für das Oulankaversteck. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Ich lege ein totes Eichhörnchen auf eine verschneite Wurzel ungefähr in fünfzehn Meter Entfernung vom Fotoversteck. Dahinter wächst ein Baum, den laut Olli die Adler zuerst anfliegen, um die Lage zu erkunden. Ideal, um von dort den Anflug auf das Hörnchen aufzunehmen. (Ich habe übrigens gefragt, woher Olli die Tiere hat. Ich war sehr erleichtert, dass es sich um sogenannte „Roadkills“ handelt, also Tiere, die im Straßenverkehr umgekommen sind. Das geistige Bild von geheimen Farmen, die unter schlimmen Bedingungen Lockfutter für Naturfotografen züchten, kann ich somit auflösen.) Etwas weiter rechts liegt das große Schwein, das die Tiere generell an den Platz locken soll. Ich habe also drei Möglichkeiten meine zwei langen Objektive auszurichten. Wieder eine Entscheidung. Ich richte meine Linsen auf den Baum und das Hörnchen. Dann warte ich. Ich lasse mich weder von den kleinen Vögeln noch von einem Eichhörnchen ablenken, um keinerlei verdächtige Bewegungen zu erzeugen. Ein aus meinem Blickfeld kreisender Adler könnte diese Sehen und auf einen Besuch verzichten. Den ganzen Tag passiert nichts. Kurz vor der Dämmerung ist er dann plötzlich da. Er kommt direkt aus dem Wald und landet auf dem Schwein. Beide Objektive zeigen munter in die falsche Richtung. Ich zwinge mich, ruhig zu bleiben und erst nach einer Minute, viel zu früh, versuche ich das Objektiv ganz ganz ganz langsam wenige Millimeter nach rechts zu bewegen. Da das Objektiv aber recht groß ist und mein Stativkopf nach dem Öffnen etwas ruckelt, scheint der Versuch unauffällig zu bleiben, gehörig zu misslingen. Als ich einen Augenblick später wieder durch die Glasöffnung blicke ist das Tier schon verschwunden. Jeder kann sich wohl denken was man in solch einem Moment fühlt. So ein großer Aufwand und in einem Augenblick ist alles vorbei. Jetzt weiß ich auch warum man immer von den „Adleraugen“ spricht. Ein gewisses Frustgefühl kann ich an diesem Abend, als ich mit dem Auto wieder Richtung Süden fahre, nicht unterdrücken. Ich übernachte nochmals in Lassis Fotoversteck im Niemandland. Doch die Hoffnung auf ein Rudel Wölfe am nächsten Morgen erfüllt sich nicht. Zeit zur Heimreise. Inzwischen hat es deutliche Plusgrade. Der Schnee ist von den Bäumen verschwunden und Flüsse und Seen sind wieder ziemlich eisfrei. Der eigentliche Winter kommt erst noch und ich freue mich, dass ich im kommenden Februar nochmals die Möglichkeit habe, die hier gemachten Erfahrungen in gute Fotos umzusetzen.

Entscheidungen 12.11.2009

Als Naturfotograf muss man ständig Entscheidungen treffen. (JA, in anderen Berufen auch!). Erst wenn es zu spät ist weiß man in der Regel ob es die Richtigen waren. Ich sitze mit meinem Kollegen Lassi Rautiainen in einem Fotoversteck im Niemandsland an der finnisch/russischen Grenze. Ob es die richtige Entscheidung war im November in den Norden Europas zu reisen, werde ich erst am Ende dieser Fotowoche sagen können. Das es nicht die optimale Jahreszeit ist, war klar. Die Tage sind saukurz und der Winter hat gerade erst begonnen. Mit Pech ist die Fotoausbeute gleich Null. Ich habe mich entschlossen das Risiko einzugehen. Für mein neues Projekt „Mythos Urwald- Europas wildes Erbe“ habe ich eineinhalb Jahre Zeit alle Themen und Bilder in den Kasten zu bekommen. Das hört sich erst mal gewaltig lang an, zerrinnt aber sehr schnell wenn man die geografische Größe und inhaltliche Tiefe dieser Aufgabe näher betrachtet. Als Fotoschwerpunkt habe ich dieses Mal die Adler ausgewählt. Mein Blick aus der schmalen Fensteröffnung der Fotohütte fällt auf eine erfreulich weiße Landschaft. Vor wenigen Tagen hat es geschneit und deutliche Minusgrade sorgen dafür dass es, zumindest im Moment so bleibt. Wir kamen gestern kurz vor Mitternacht hier an. Nach etwa einer Stunde hatte der kleine Ölofen das Versteck soweit erwärmt, dass das Atmen keine Nebelwölkchen mehr erzeugt. Kurz vor acht war es hell genug um die Kameras durch die Öffnungen zu schieben. Seitdem warten wir. Der gefrorene Sumpf vor uns ist bevölkert mit dutzenden von Raben die sich an den von Lassi ausgelegten Fischen und Schweinen festlich laben.

Niemandsland Nov- 2009  4294

Bären können wir keine erwarten. Die haben sich zum Winterschlaf in ihre Höhlen zurückgezogen. Auf was wir beide heimlich spekulieren ist das Rudel Wölfe, welches ich schon vor ein paar Monaten in dieser Region vor die Linse bekommen habe. Doch im Winter kommen die Tiere nur sehr unregelmäßig an dieselben Stellen zurück. Wohl auch deshalb, weil für sie angefrorene Kadaver keine wohlschmeckende Beute bedeutet und sie einen frischen Fang vorziehen. Deshalb halte ich meine Erwartungen möglichst gering um nicht allzu sehr enttäuscht zu sein. Worauf wir uns konzentrieren sind die fünf See- und Steinadler, die in ziemlicher Entfernung auf den Bäumen sitzen und von dort oben das Land überblicken. Obwohl mir ein 500 mm Objektiv zur Verfügung steht sind sie dort in den Wipfeln leider etwas zu weit weg um wirklich gute Bilder zu bekommen.

Niemandsland Nov- 2009  4293

Es ist erstaunlich wie sensibel die Raben und Adler auf Bewegungen reagieren. Schwenkt man das Objektiv etwas zu schnell, fliegen sie sofort zurück in den entfernten Wald. Während die Raben nach wenigen Augenblicken zu ihrem Essen zurückkehren, bleiben die Adler immer für längere Zeit verschwunden. Keiner der majestätisch anmutenden Vögel kommt an diesem Tag in Wunschreichweite. Das Wetter bleibt bis auf kurze Abschnitte weitestgehenst bedeckt. Um kurz nach drei Uhr am Nachmittag ist das Licht schon so diffus, dass ich meine Bemühungen einstelle und das Objektiv in die Wärme der Hütte ziehe. Am kommenden Morgen das gleiche Bild. Die Adler sitzen auf den Baumspitzen und die Raben haben ein Festmahl. Von den Wölfen keine Spur. Gegen Mittag lösen sich die Wolken auf und eine tief stehende Sonne taucht die Szenerie vor uns in weiches Licht.

Niemandsland Nov- 2009  4295

Ab und zu fliegt einer der Adler runter zum Fleisch. Leider nur an das am weitesten entfernteste Schwein, so das auch in diesen Momenten keine Sensationsschüsse gelingen. Höhepunkt des Tages ist der Moment an dem sich zwei Adler auf denselben Ast setzen. Hier gelingt mir das einzige relativ brauchbare Foto. Wenngleich ich einen starken Ausschnitt nehmen muss um eine Bildwirkung zu erzielen.

Niemandsland Nov- 2009  4296

Am Abend gilt es neue Entscheidungen zu treffen. Ich berate mit Lassi wie ich die kommenden Tage am sinnvollsten füllen kann. Die Chance auf wirklich gute Adleraufnahmen aus geringerer Distanz ist hier an dieser Stelle minimal. Deshalb erzählt mir Lassi von einem Adlerpärchen weiter im Norden. Diese werden von ihm und einem Kumpel schon seit fast zehn Jahren angefüttert. Die Distanz zur Kamera beträgt nur dort nur zwanzig Meter. Ein paar Telefonate und eine Besprechung später ist der Plan klar. Lassi fährt in der Nacht zurück zu seinem Haus in Kajaani und ich verbringe eine dritte Nacht im Versteck um die Chance auf einen weiteren guten Fotomorgen zu bekommen. Das Erwachen ist ernüchternd. Der Himmel ist so grau – grauer geht’s wirklich nicht. Es wird auch gar nicht richtig hell. Ohne dass ich einmal auf den Auslöser gedrückt habe steige ich um elf Uhr ins Auto. Für die dreihundert Kilometer nach Kusomo brauche ich fast vier Stunden. Mit erschrecken stelle ich fest das es weiter im Norden weniger geschneit hat. Der Boden ist zwar weiß, die Bäume sind aber Schneefrei. Das ist der Fotokiller schlechthin. Denn ohne weiß auf den Zweigen sind Winteraufnahmen praktisch unmöglich. So langsam werde ich nervös. Doch noch möchte ich die Entscheidung für die Novemberreise noch nicht in Frage stellen. Immerhin habe ich noch viereinhalb Tage. Da kann noch viel passieren.

Von Familientreffen & Sauereien 18.09.2009

Finnland Nacht 9  1331

Meine Zeit im Fotoversteck hier im Niemandsland zwischen Finnland und Russland neigt sich langsam dem Ende entgegen. Während die zwei Nächte zuvor relativ unspektakulär waren und ich keine neuen Eindrücke auf die Festplatte bannen konnte, war dieser Abend wieder geprägt von wunderschönen Momenten. Es ist abermals das Wolfsrudel, das mich fasziniert und Szenen bereithält, die wie in einem Traum an mir vorbeirauschen. Die Sonne war gerade hinter dem Horizont verschwunden und zwei Bären schon seit einiger Zeit damit beschäftigt die bereitgelegte Sau fachgerecht zu zerlegen, als ich in der Ferne zwei hellgraue Punkte aus dem Wald kommen sah. Es scheint tatsächlich so, dass Wölfe eigentlich stolze Jäger, vom Instinkt her den schützenden Mantel der Dämmerung brauchen, um sich auf eine offene Fläche zu wagen. Zu tief sitzt wohl die Angst selbst zum Gejagten zu werden. Zwei Wölfe konnte ich beobachten, einer davon war wohl erst wenige Monate alt, wie sie auf die andere Seite des Sumpflandes rannten, wo sie von vier Anderen mit freudigem Schwanzwedeln herzlich begrüßt wurden. Es war eine rührige Szene wie sie sich liebevoll umtollten und abschleckten. Am besten kann man sich die Situation vorstellen wenn man weiß wie sich Hunde freuen können und da Wölfe eigentlich nichts anderes sind als die wilde Variante unserer domestizierten Haushunde gleichen sich die Abläufe doch sehr. Ähnlich wie eine Hauskatze praktisch dieselben Bewegungen macht wie ihre großen Verwandten, die Tiger.

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Zwei der Wölfe haben sich etwas später näher an mein Fotoversteck gewagt was mir dann auch noch schöne fotografische Impressionen ermöglichte. An dieser Stelle muss man mal ein Hoch auf die digitale Fotografie aussprechen. Bilder wie diese wären früher, zumindest in dieser Qualität nicht möglich gewesen. Während bei einem Diafilm früher ab 800 ASA das Bild schon von starkem Korn geprägt war, lässt sich die Empfindlichkeit bei hochwertigen Digitalkameras locker auf 1600, 3200 oder 6400 ASA erhöhen und man bekommt immer noch eine ansehnliches Aufnahme. Bei atmosphärischen Motiven wie Wölfe im Dämmerlicht stört mich auch ein wenig Bildrauschen überhaupt nicht solange das Foto seine Emotionalität nicht verliert. Schnelle Bewegungen dürfen die Tiere bei solch einem Licht natürlich nicht mehr machen, sonst hat man keine Chance auf eine scharfe Abbildung.

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An die Beute sind die zwei Wölfe aber nicht gelangt, der Bär hat den Kadaver resolut verteidigt. Was sich allerdings in der Nacht abspielt, das kann man nur erahnen. Zum Einschlafen höre ich die Geräuschkulisse von durch den Sumpf stampfenden Bären, knackender Knochen und tiefes Grollen, was auf reichlich Aktivitäten schließen lässt. Als ich morgens um fünf den ersten Blick aus dem Schlafsack wage, sehe ich im Schein des ersten zarten Dämmerlichts wie sich immer noch ein Bär am selben Platz herumtreibt. Später ist auch er verschwunden und mit ihm die Beute. Jetzt ist das Feld frei für dutzende Raben, die durch die überall verstreut liegenden Knochenreste immer noch reichlich Nahrung finden. Später frage ich Lassi woher er denn die vielen Schweine bekommt, mit denen er hier das Jahr über seine Bären und Wölfe anlockt. Das muss ja ein Schweinegeld kosten denke ich mir und bin umso überraschter als er mir erzählt, dass er sie vom Produzenten umsonst erhält. Das ist in erster Linie mal sehr erfreulich für Lassi, denn ich glaube wenn er dieses ganze Fleisch regulär kaufen müsste wäre die Sache mit der Tierfotografie wohl unbezahlbar. Als Skandalös empfinde ich aber den Grund, welcher ihm diese Großzügigkeit der Fleischer ermöglicht. In Finnland, und so wohl auch in der gesamten EU gibt es ein Gesetz, das es den Händlern verbietet, Ware zu verkaufen, deren Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Vernünftig könnte man meinen; der Kunde soll ja keine verdorbene Ware zu sich nehmen. Fakt ist aber auch, dass das Fleisch bei Ablauffrist in der Regel völlig in Ordnung ist, und so allein in Finnland jedes Jahr Millionen Kilogramm beste Nahrungsmittel auf der Müllkippe bzw. im Verbrennungsofen landet. Man darf sich gar nicht vorstellen wie viel Tiere EU weit umsonst sterben, nur weil sie nicht rechtzeitig einen Abnehmer finden. Auf unserer Welt leben 6,5 Milliarden Menschen. Jeder siebte Mensch, der Abends ins Bett geht, tut dies mit einem Hungergefühl, weil er nicht genügend zu essen bekommt. Unsere Überflussgesellschaft subventioniert unzählige Produktionsabläufe, die oftmals am eigentlichen Bedarf komplett vorbei gehen. Das ist eine Schande, zeigt aber auch auf wie unser Wirtschaftssystem funktioniert. Zumindest ein paar Wölfe und Bären profitieren von diesem Irrsinn, was aber aus meiner Sicht ein schwacher Trost ist.

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